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Erster Blatt

(75. Jahrgang

Samstag, 5. Mai (925

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vntck Hilft Verlag: vrühl'sche Univerfitätr-Ynch- vnft Steinftrnderei K. Lange in Gießen. Schristlettung unft Seschäftrstelle: Zchnlstraße 7.

Annahme von Anzeigen für di« Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Derbindlichk.it. Preis für 1 rnm höhe für Anzeigen o. 27 mm 'Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100MN.; für Schl ame; Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Plag- Vorschrift 20 ^Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für PoNtih: Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Ernst Blumichein; für den Anzeigenteil: Hans Leck, sämtlich in Gießen.

Nr. (05

Erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monatliche öeznarpreife: 3400 Mark und SOOMarh Trügerlohn,durch diePost 3KOOMarh,auchbeiNicht- erscheinen einzelner Num. mern infolge Höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten. Anzeiger Siehe».

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Wochenrückbttckr.

Das deutsche Angebot, dessen Schicksal wir heute fast schon übersehen kön­nen, war, wie der Schlußsatz der letzten Reichs­kanzlerrede betonte, eine Frage, eine Mah­nung an die W e l 1. Von Frankreich wuß­ten wir mit ziemlicher Sicherheit, daß es Deutschlands Vorschlag ablehnen würde; der Reichskanzler selbst hat im Hinblick darauf von nur geringen Hoffnungen" gesprochen. Er wird vermutlich auch von dem Widerhall in England, der aus den bisherigen Londoner Meldungen hervvrgeht, nicht besonders über­rascht sein. Wir dürfen aber die Augenblicks­stimmungen der Londoner Blätter nicht dem geschichtlichen Mrteil derWelt" gleichstellen. Dieses ist nicht heute und auch nicht morgen fertig, sobald Frankreich und Belgien sich über ihre Rote der Ablehnung geeinigt haben werden. Gerade dieses wohl wieder vor­wiegend von Herrn Poincare abzu­fassende Dokument wird der Welt neuen Swff zur Besinnung geben. Das vorsichtige Kabinett Bonar Law wird sich daraus müh­sam seine weitere Taktik herausbuchstabie­ren, und der deutschen Regierung werden vor­läufig einige nichtssagende Worte hinge'wvrfen werden. Bonar Law selbst segelt zu seiner Er­holung vier Wochen auf dem Ozean und er­mißtder Zufälle launig Reich", wo ohne Saar doch die Ernte erblühen kann. Auch auf diese Weise wird von den maßgebenden Kreisen Englands bekundet, daß Lord Eurzons Rede nur ein luftiges Frühlingsgewölk war, aus den: kein die Erde erquickender Regen hervor­gehen sollte.

Die Welt wird chre Meinung je eher ent­wickeln, desto klarer und fester der deutsche Plan und Wille vor ihr steht. Die deutsche Äote vom 2. Mai ist noch nicht voll verstan­den worden. Ein englisches Blatt hat sie gar als ernstes Zeichen von Unterwerfung auSge- kgt. Öm deutschen Volke war eine große Mehrheit durchaus für die Cunosche Kund­machung. Rur einige unentwegte 'Bannerträ­ger der Methoden Wirths hatten krittsche An­merkungen dazu vvrgebracht, deren Stichhal­tigkeit heute wohl etwas skeptischer beurteilt wird als vor der Absendung der Rote. Die Germania" hatte geglaubt, die Entschlos­senheit zu weiterer Abwehr hätte nicht an den Anfang, sondern an den Schluß gehört. Der Ton sei nicht durchweg glücklich, und das An­gebot der Sicherungen sei nicht scharf und positiv genug formuliert gewesen. Wie das führende Zenttumsblatt, so hatte auch der Vorwärts" von noch etwas freundlicherem Entgegenkommen sich Besseres versprochen. Beide Blätter werden jetzt hoffentlich nicht sagen, daß sie recht gehabt hätten. Man braucht die französische Antwort noch nicht im einzelnen zu kennen, um doch zu wissen, daß die angebotenen Ziffern und Leistungen, sowie die deutschen Voraussetzungen, also der ge­samte Inhalt Der Rote, diesen Westmächten nicht genügten. Hätte das amtliche Deutsch­land den Racken tiefer gebeugt, so wären jetzt dieStimmungen" draußen noch verderb- * licher. Sachlich war anReparationen" alles Angeboten worden, was die maßgebenden Sachkundigen zu tragen für irgend möglich hielten: DaS bekannte Dergmannsche Pro­gramm mit 30 Milliarden Goldmark und der Bereitschaft, falls diese "Beträge nicht annehm­bar erschienen, eine internationale Instanz un­parteiischer Wirtschastskenner entscheiden zu lassen. Zur Garantie der nötigen Anlechen Mite die private Wirtschaft in allen ihren Zweigenrücksichtslos", wie Der Reichs- kenzler sich ausdrückte, herangezogen werden, Md ferner ist Deutschland bereit, jedes poli­tische Sicherungsabkommen mitFrank- wd) abzuschliehen, wenn es auf Gegenseitig- feit beruht.

Der Reichskanzler hat in seiner Rede selbst of das Tlngewöhnliche in diesem Her- ; vortreten Deutschlands hingewiesen, das sich einem Gegner gegenübersieht, bei dem die bessere Einsicht noch fehlt, und er hat hinzu- q-efügt, daß außenpolitische Anregungen, also Lurzons Rede, für seinen Schritt maßgebend gewesen wären. Weniger die Hoffnung auf Englands vermittelndes Eingreifen als viel- inehr die Besorgnis vor dem späteren Vor- tDiirf Der Zurückhaltung ihrer Absichten und i Bedingungen hat die deutsche Regierung zum Sprechen bewogen. Die Verketzerung des Reiches ist auch heute noch Gewohnheitssache der Länder des Feindbundes, und wenn die Verbündeten Frankreichs in einiger Verlegen­heit wegen dessen Eigenmächtigkeiten sind, üxnn sie sich genieren, Herrn Poincare ener­gisch Halt zu gebieten, so lassen sie ihren Un­mut gelegentlich wieder dem wehrlosen Be­siegten gegenüber aus. So lange in unserem Volle Die Kräfte noch auseinanderstreben, so lange wir in unserem nationalen Handeln nicht Stetigkeit, Sauerbarfeit Entschlossenheit zei- jei, wird es damit nicht anders werden. Da­

Der Prozeh gegen die Kruppschen Direktoren.

rum wäre es vielleicht besser gewesen, wir hätten für das deutsche Angebot bessere Zei­chen abgewartet. Es würde zu einem unheil­baren Fehler werden, wenn wir jetzt nicht un­ser Gewissen völlig damit beruhigten, der Welt deutlich gemacht zu haben, worauf unser Stie­ben hinausläuft, wenn wir auf dem Grunde des nunmehr offen liegenden Programms nicht Die mutige Geschlossenheit aufbrächten, ohne Wanken Das Ziel, trotz Der Katzenmusik, Die man uns draußen bringt, festzuhalten. Dr. Cuno hat in seiner Rede zu Den Mini­stern der deutschen Länder einen Hatz ausge­sprochen, Den wir jetzt mit Genugtuung her­vorziehen: ,,Unfer Schritt, wie immer er aus­laufen mag, toirD eine Zusammenfassung aller Kräfte in Den Ländern des Reiches nötig machen." Wenn derVorwärts" dieser Tage schrieb, die Ablehnung des deutschen Vorschlags als Verhandlungsgrundlage werde in ganz Deutschland und weit Darüber hinaus als eine Kriegserklärung an die Ver­nunft und an den Friedenswillen Der Vol­ker" empfunden werden, so wird er wohl auch jetzt für einige Zeit die Glacehandschuhe zweck­loser DerbrüderungSvisiten abstreifen. Der ge­meinsame Aufruf aller Parteien, Gewerk­schaften und Verbände in Köln, Den wir gestern veröffentlicht haben, liegt erfreulicher­weise ganz in Der Linie jener nationalen Rot- wenDigkeit, einiger unD willensfester Denn je zusammenzuhalten. Aus Der Abwehrfrvnt mehren sich Diese Zurufe an das unbesetzte Ge­biet. Auch Die Arbeitsgemeinschaft aller Eisen­bahnerverbände wünscht in einem Aufrufe die ungeschwächte Fortsetzung des passiven Wider­standes. Cs ist sehr wirksam und bedeutsam, daß DieKölnische Zeitung" in Dieser Zwischenpause vor den Antworten Der Regie­rungen hinausruft:

Fran kreichs politisches Spiel am Rhein ist aus, fouxtl es sich um Den Kampf um Die Seele Der Rheinländer handelt; Frank­reich hat Das Gegenteil erreicht: Liebe hat es am Rhein nicht gewonnen, Zuneigungen hat es, svwett sie vorhanden waren, zerstört, selb st die Ach­tung hat es verloren. Jede Reutrali- sierung, jede Internationalisierung, jede fremde Verwaltung unseres Verkehrswesens, kurz, jede Fremdherrschaft nach Ablauf der in Versailles festgesetzten Fristen ist für uns Rheinländer un­erträglich."

Der Reichskanzler hat sein Angebot an Den FeinDbunD nicht ohne tief erwogene Gründe mit Dem Satze begleitet, Daß Deutsch- lanD bereit sei, verstärkte Eingriffe mit ver­stärkter Abwehr zu erwiDern. Jedes Zeichen von Zermürbung oder innerer Spaltung in diesen Tagen wird uns Unermeßliches kosten, Frankreichs VernichttingSpolttik triumphieren lassen. Die Ratschläge englischer oder gar französischer Zeitungen dürfen uns nicht beein­flussen oder uns vom Wege abirren lassen. Die deutsche Regierung hat ihre Rote abgege­ben; nun schaut man auf Charakter und Zu­stand unseres Volles. Dann erst hat die Welt das Wort.

Lin scharfer Zusammenstoß aus der Lausanner Konferenz.

Lausanne, 4. QUai. (WTB.) Die heutige Sitzung des politischen Komitees führte zu einem sehr scharfen Zusammenstoß zwischen den Alliierten und den Türken. Zur De­batte standen die Garantien, die die Türken für die Gerichtsbarkeit der alliierten Staatsangehöri­gen übernehmen sollen, was in Den letzten Tagen der ersten Konferenz eine der kritischsten Fragen bildet«. In ihren Gegenvorschlägen erllärten sich heute die Türken bereit, eine dem damaligen Standpunkte der Alliierten entsprechende Erklä­rung abzugeben. Die Alliierten dagegen wollten nichts mehr von ihren eigenen Vorschlägen wissen und schlugen eine erheblich verschärfte Formel vor. Ismet Pascha gab auf das Lebhafteste seiner Entrüstung darüber Aus­druck, daß die Alliierten Vorschläge, dievon ihnen selbst stammen, ablehnen und plötzlich von der Türkei völlig unannehmbare neue Eingriffe in die Souveränität des türkischen Rei­ches fordern. Der türkische Devollmächtigte lehnte die Entgegennahme der neuen alliierten Vor­schläge glatt ab. Als der englische Dele­gier t e die Beratung auf einen gelegeueren Zeit­punkt vertagte, erklärte Ismet Pascha noch­mals, daß weder jetzt noch später die Türken auf die alliierten Vorschläge eingehen können und daß sie in dieser Frage unerschütterlich bleiben würden. Di« Alliierten erHärten .daß die da­maligen Zugeständnisse nicht die Zustimmung der Gesamtheit der Alliierten gefunden haben. Die Lage gilt als kritisch. Es ist aber darauf hinzuweisen, daß in anderen, zur Behandlung stehenden Fragen so in der Frag« der Amnestie, im wesentlichen ein« Einigung erzielt wurde.

Werden, 4. Mai. (Wolff.) Mit militän- scher Pünktlichkeit erscheinen um 9 llhr vormittags im großen Saal des Maatzschen Gasthauses die Mitglieder des französischen Kriegsgerichts. Der Saal ist nur mäßig vom Publitom beseht, denn Werden ist nach allen Richtungen hin s ch a r f abgesperrt. Rur Werdener Einwohner und Inhaber besonderer für den Prozeß ausgestellter Karten werden Durchgelassen.

Als die Angeklagten, an der Spitze Krupp v. Dohlen und Halbach, in den Saal geführt werden, erheben sich spontan alle anwesenden Deutschen und bringen so ihren Volks­genossen, die, wie so viele andere den schweren Gang antreten müssen, eine stummeaber wir­kungsvolle Huldigung dar. Rach Fest­stellung der Personalien der Angeklagten verliest der Gerichtsschreiber die Anklageschrift, in der den Beschuldigten Komplott und Machina­tionen gegen die Sicherheit der s ran- zösischen Truppen, Verstoß gegen die Ver­ordnung Rr. 22 vom 7. März, betr. Störung der öffentlichen Ordnung und Verstoß gegen die Ver­ordnung vom 11. Januar vorgeworfen wird. Rach dem Zeugenaufruf ergreift namens der Vertei­digung, die in den Händeii der deutschen Rechts­anwälte Grimm (Essen), Wolff (Berlin) und Iustizrat Wandel (Essen) sowie des schweizeri­schen Rechtsanwaltes M o r i a u d liegt, Rechts­anwalt Grimm das Wort. Er legt mit rein juristi­schen Gründen noch einmal gegen die Rechtmäßig­keit französischer Gerichtsbattert gegen deutsche Bürger Protest ein. Obgleich dein franzö­sischen Staatsanwalt vorher von diesem Vorgehen Mitteilung gemacht worden war, be­nutzte dieser die Gelegenheit zu einer scharfen, aus­fallenden politischen Rede. Die Verteidigung ver­zichtet darauf, ihm in dieser Richtung zu folgen. Rechtsanwalt Moriaud-Gens spricht sein Be­dauern über das Vorgehen des Staatsanwaltes aus. Darauf zog sich der Gerichtshof zur Bera­tung zurück und erklärte sich nach längerer Bera­tung für zuständig.

Rachdem das Gericht sich für zuständig er­klärt hatte, wird zunächst Krupp v. Bohlen- Halbach einem eingehenden Verhör unterzogen, das sich über eine Stund« hinzieht. Lieber die Vorgänge am verhängnisvollen 31. März äußerte sich Krupp dahin, daß er an diesem wie an allen Tagen sich von der Villa Hügel aus in die Fabrik begab und zwar hab« er nur das Auto benutzt. Vor feiner Abfahrt sei er telephonisch von der militärischen Besetzung der Autogarage benach­richtigt worden. Diese Rachricht habe er weder von einem Mitglied des Direktoriums noch in dessen Auftrag erhalten. Kurz vor neun llhr sei Direktor Hartwich zu ihm gekommen und habe ihm mitgeteilt, daß um neun Tlyr gemäß Vereinbarung mit dem Betriebsrat die Sirenen in Tätigkeit S" ht werden würden. Die Arbeiter verlangten unbedingt, Da es sich bei den Autos Der be-- besehten Garage um Wagen handele, die tür die Fabrik, hauptsächlich für die Arbeiterschaft be­nötigt würden. Er habe in diesem Augenblick das erstemal davon gehört, daß eine solche Ver­einbarung über das Ziehen der Sirenen mit Dem Betriebsrat bestand. Später habe er sich von seinem Bureau in die Konferenz des Mrek° tvriums begeben, Worin Direktor Bruhn, der wegen wichtiger ftnanzieller Fragen, die sich aus Der gegenwärtigen Lage ergeben hatten, eine zeitlang verreist war, über das Ergebnis seiner Reise Bericht erstattete. Während derBesprechung verließ der eine und andere Direttor das Zimmer, um sich zu erkundigen, was draußen vor sich ginge. Auf die Zwischenfrage des Vorsitzenden und äs Staatsanwaltes, ob ihm nicht Der Gedanke ge­kommen sei, einzugreifen, um ein Tlnglück zu ver­hüten, das nach Ansicht des Staatsanwalts bei Dem Zusammenströmen der Arbeiterschaft möglich war, erklärte Krupp, daß ihm ein solcher Gedanke auch nicht im entferntesten gekommen sei. Auch wurde ihm berichtet, daß zwei Detriebsratsmit- glieber mit einem Essener Stadtverordneten zum kommandierenden General nach Dredenry unter­wegs seien, um den General zur Zurückziehung Der Truppen zu veranlassen. Auf die Zwischen­frage De3 Staatsanwalts bestätigte Krupp, daß er vor Der Teilnahme an Der Konferenz zwei- bis dreimal aus Dem Fenster sah. aber von aggres­siver Haltung und dec in Der Anklageschrift be­haupteten Bewaffnung der Arbeiterschaft mit Stöcken nicht das geringste bemerkte. Es war kurz nach 11 älhr, als jemand ins Zimmer stürzte mit der Rachricht, es sei geschossen worden. In höchster Bestürzung sprang alles auf. Ein Teil der Direktoren eilte auf den Korridor hinaus. Die anderen und er selbst waren ans Fenster ge­eilt. wo sie Die flüchtenden Arbeiter noch sehen tonnten. Damit war Die Vernehmung Krupps beendet. Kurz nach lli/3 Ahr wurde die Weiter- Verhandlung auf nachmittags 2 Tlhr vertagt.

In der Rachmittagssitzung wurde zunächst Di­rektor Bruhn vernommen. Er erklätte, er sei kaufmännischer Direktor. Das Gesamtdirektorium lei demokratisch organisiert, und zeige eine ähn­liche Zusammensetzung wie ein Kabinett. Jeder Direktor habe ein eigenes Dezernat, in das Die übrigen Direktoren nichts hfneinzureden hätten. Bezüglich der Direktoren Cuntz und Schräpler erklärte Bruhn, beide seien alle erfahrene und erprobte Leute, die weit entfernt von jeder natio­nalistischen Tendenz seien. Ebenso bestehe der Be­triebsrat aus ruhigen, politisch geschulten Leuten. Direktor Hartwich teilte mit, iah. als er am Morgen des 31. März auf das Werk gekommen sei. ihm Cuntz und Schräpler miigeteili hätten,

daß der Betriebsrat mit ihrem Einvernehmen das Ziehen der Sirenen beschlossen habe. Diese Mit­teilung habe er an Krupp von Dohlen weiter- gegeben. Direktor Oe st er le in erklärte, daß er technischer Direttor sei. Von 46 000 Arbeitern Der Finna hab« er allein 10 000 unter sich. Die Fran­zosen wären schon Dreimal im Werk gewesen, ohne daß die Sirenen enönten iknd sich irgend etwas ereignet hätte. Cs sei ihm mitgeteilt worden, Daß die Sirenen auf ausdrückliches Verlangen und Drängen des Betriebsrats gezogen worden seien und daß der Betriebsrat bie Garantie übernommen habe, daß bei dieser friedlichen De­monstration nichts passieren würde. Um 10.35 Uhr hätten die Sirenen aufgehört, und er hätte Die Angelegenheit für erledigt gehalten. Um so er­regter sei er gewesen, als um 11 Uhr die Schüsse fielen. Hierauf trat eine kurze Pause ein.

Besonderes Interesse ries die Vernehmung des Detriebsratsmitgliedes Müller hervor. Der feine klaren, überlegten Antworten mit lauter Stimme abgab. Man habe ihm am 31.3. tele­phonisch mitgeteilt, daß Franzosen di« Auto­garage I besetzt hätten. Daraufhin habe er sich sofort mit einem zweiten Mitglied« des Betriebs­rates an Ort und Stelle begeben, und in ihrer Eigenschaft als Betriebsrat hätten sie sich durch einen Posten zu Dem besehls haben den Offizie? führen lassen und ihm erttärt, daß sie nach dem Detriebsrätegeseh für die ungestörte Fortsetzung des Produktionsprozesses verantwortlich seien, und da die noch im Betrieb stehenden wenigen Autos zum Fortgang der Produktion unbedingt erforderlich seien, gegen jede Beschlagnahme Pro­test einlegen müßten. Da der Offizier mit einer Handbewegung zu verstehen gegeben habe, daß die Angelegenheit für ihn erledigt sei, hätten sie sich zu dem Detriebsratsausschuh begeben und mit ihm die Angelegenheit besprochen. Man habe sich dahin geeinigt, bie Angelegenheit der Direk­tion zu unterbreiten. Rach kurzer Beratung sei man zu Dem Beschluß gekommen,

Die Sirenen ertönen z u lassen

Direttor Schräpler habe bei dieser Belegen- beit ausdrücklich gefragt, ob der Betriebsrat in der Lag« zu fein glaub«. Die Arbeiter im Falle vcn Demonstrationen bei der Stange zu halten. Der Betriebsrat habe versichert, dies ganz be­stimm^ au glauben. Unter De [Jen feien die Sirenen In Tätigkeit gesetzt worden und die Arbeiter seien herbeigeströmt. In diesem Augenblick habe sich ein französisches Automobil ge­nähert, dem etn Dffizier entsteigen wollte. Als er jedoch die herbeistiömende Menge gesehen ljabe, ba&e er seine Fahrt unverzüglich fortgesetzt.' Muller und die übrigen Detriebsratsmitglieder Darunter besonders Sander, hätten jetzt die von allen Seiten herbeieilenden Arbeiter geordnet Daraus hätten Müller und Sander sich zu dem Offizier des französischen Kommandos begeben und ihm mitgeteilt, daß das Auto, das er erwarte, zweifellos Dagewesen, aber wieder abgefahren rei Er solle also mit seinen Truppen auch abziehen, sie würden für einen sicheren unge­hinderten Abzug sorgen. Der Offizier habe abgelehnt. Wenn Die Kommission Durch Die Masse Der Arbeiter daran gehindert sei, zu kommen. Dann werde sie mit Panzerauto und Maschinengewehren wiederkommen und Die Stvcrße fteimachen. Er warte ab und bleib-: hier. Sander und er hätten sich jetzt daran ge­macht, Die Arbeitermassen, aus denen allerhand Zurufe teils humoristischen, teils groben Inhalts lautgewcrden seien, zu beruhigen. Er habe auch drei Hobe niemand irgendwelche Waffen ober der Dritte mit zwei kleinen Hämmern anscheinend seinem Arbeitszeug, versehen war. Außer diesen drei habe nieman ^irgendwelche Waffen oDer Gerätschaften getragen Er und Sander hätten sich nrchmals zu dem Offizier begeben und ihn ge­beten, abzuziehen. Wiederum erfolglos. Er müsse hier bleiben, erklärte Der Offizier, und wenn Die Masse Den Eingang Des Tunnels zur Garage überschreiten würde, werde er Feuer geben lassen. Die durch Die immer neu zu strömenden Arbeiter­massen gebildete Ansammlung sei schließlich so groß gewesen, daß sich etn Halbkreis um die Garage gebildet habe. Aus diesem Halbkreis sei so erklärte Müller, jetzt ein Mann hervorgetreten' der einen alten verrosteten Revolver in der Hand gehalten habe. Er habe sich auf den Mann gestürzt und ihn in die Menge zurück gestoßen, während Sander dem Mann gleichzeitig ins Gesicht geschlagen habe. Sander habe sich jetzt zur Direktion begeben, um das Heulen der Sire nen einstellen zu lassen. Er, Müller, sei zum vierten Male zu dem Offizier gegangen der abe nicht habe abziehen wollen. Da aber auch keinerlei Beschlagnahme durch Die Truppen erfolgt sei, fei er auf Den Rücken eines anderen Mannes geftic- gen und hab« die Menge aufgefordert, wieder ruhig an Die Arbeit zu gehen. Das Sirenen- g e i) c u [ habe unterdessen aufgehört und kurz vor 11 ilTrr habe er der Menge weiter erflärt, es sei kein Eingriff in den Produktions­prozeß geplant; die Mission der Arbeiterschaft sei augenblicklich beendet. Rach seinen Worten sei tn der Menge eine Tlnru he entstanden. Jeden falls durch Druck von hinten habe die Menge einen Ruck nach dorn gemacht und vielleicht je zehn Mann seien von rechts und links über den Tunneleingang hinausgekommen. In die­sem Augenblick hätten die Schüsse ge­kracht. Er habe zuerst an Schreckschüsse ge­glaubt, plötzlich aber habe er, nach rechts sehend. Sander auf Dem Boden liegen sehen; vor ihn: habe ein anderer Mann mit einem schöveren Schenkelschuß gelegen und hinter ihm habe ftch ein