Ausgabe 
31.7.1922
 
Einzelbild herunterladen

I

Montag, 3b Juli 1922

\I2. Jahrgang

Der neue Marksturz

zählen, toaä auf einen Krieg folgt und was I weit ausgiebiger sind als die 5U)n|umfal)tgfeit. zu leicht vergessen wird. Rußland fant in die 2lmertta leidet an Ueberprodultton und De u t s ch- Li^e uri> pjxtt bei trampfhaslen Ltnstrengangen j l a n d, der Regulator des Lanzen mit-

Lloyd Georges letzte Rede.

London. 29. 3ult. (Wolff.) 3n ferner ge­strigen Rede vor den nonkonformistischen Geist­lichen sagte Lloyd George, den Blättern zufolge, a. a. noch. 3d^ war in Paris der erste, der im Rat der Zehn Vorschlag, daß der Völker­bund einen wesentlichen Teil des Versailler Ver­trages bilden solle. Der Völkerbund ist em we­sentlicher Teil ber Maschinerie der Zivilisation. Der Buchstabe tötet, aber der Geist ist Leben. Wenn man nur dem Buchstaben traut, wird das Toten wieder beginnen. Wenn der Wahnsinn einmal ausgebrochen ist, ist es z,i spät. Das schlimmste was es gibt, ist Furcht. E s gibt manche Ration, d i e nichts glauben will von dem, was eine andere sagt. Sie fragt:Was hat die andere vor? Sie will uns täuschen!" Wenn erst einmal ein Zündholz in die überall Herumliegenden Explosivstoffe fällt, dann wird cs feinen Zweck Haden, die Voller- bundssahung zu schwingen. Dann muß ein neuer Geist pulsieren. Das Explosivmaterial muß, hinter Schloß und Riegel gebracht werden und ebenso die Leute, die Zündhölzer hinein- trerfen. Eine neue Gen-eration wächst heran, welche die Kriegsschrecken nicht durchmachte und der vom Ruhm des Krieges erzählt wird. Diese Generation wird die Entscheidung haben. Wan muß ihr gegenüber den Krieg seines Glanzes entkleiden und auf seine Abscheulichkeiten Hin­weisen. Man muß dieser neuen Gchieration er-

Annahme von Anzeigen für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 34 mm Breit« örtlich 150 Pf., auswärts 180 Pf.; für Reklame» Anzeigen von 70 mm Breite 500 Pf. Bei Platz­vorschrift 20 °/0 Aufs chlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

immer tiefer. Deutschland klammert sich ver­zweifelt an den verdorrten Ast seines entwerteten Geldes. Wenn dieser Ast bricht, dann bleib t nur übrig, Deutfchland der Gnade Gottes anzuempfehlen. Ich wurde gerade, wie Millionen andere, in die Zahnräder des Krieges hmeingczogen. Ich tat meine Pflicht, aber was ich vorn Kriege sah. erfüllt mich mit Schrecken. Ich gelobe mir, das. was mir an Energie verbleibt, dem Ziele zu widmen, daß der Menschheit eine Wiederkehr des Frevels und des Schmerzes, der Schrecken und der Qualen erspart bleibe.

London. 31. Juli. (WTD.)Sundah Ti­mes" zufolge gedenkt Lloyd George ungefähr am 10. August auf 34 Wochen in Urlaub zu gehen. Das Blatt schreibt, vorher werde er im Parlament noch eine arbeitsreiche Zeit haben. Am Montag werde die Frage der deutschen Stoffhandschuhe im Unterhaus erörtert. 3m weiteren Verlause der Woche werde die Reparationspolitik und die Frage der interalliierten Schulden erörtert. Der Premier­minister dürfte voraussichtlich dabei einiges sagen, was er unter anderen Umständen zunächst Poin- care gesagt haben würde. Angesichts des Ver­suches. in Frankreich den Geist von Bar-le-Duc wieder zu beleben, werde die Erklärung des britischen Premierministers von grober Bedeu­tung sein.

Paris, 31. Juli. (WTB.) Rach einer Mel­dung desPetit Parisien" aus Rom hat LI ) hb George der K>nsutta eine Rote überreichen lassen, in der er der italienischen Regierung mit­teilt, daß die in London geplante Kon­ferenz nicht vor Beendigung der ita­lienischen Ministerfrise abgehattrn werde.

Grey für einegroßmütige Regelung".

London, 30. Juli. (WTB.) Viscount Grey hielt gestern bei einer Kundgebung gegen den Krieg in Rewcastle eine Rede, in der er u. a. sagte, nur der Völkerbund könne in Europa gesicherte Zustände Herstellen. Die Vorbedingung für das Wiederaufleben des britischen Handels sei die Wiederherstellung Europas. Leider sei die Reparationsfrage eink Quelle, die Uneinigkeit zwischen die britische und französische Regierung bringe. Aber die eigentliche Schuld an diesen Meinungsver­schiedenheiten trage die Wankelmütig­keit der britischen oder der Starr­sinn der französischen Politik. Die öffentliche Meinung sei für eine groß­mütige Regelung.

Eine Rede

des Arbeiterführers Thomas.

London, 30. Juli. Der Arbeiterführer Thomas erklärte gestern in einer Rede in Leyton, die Arbeitslosigkeit in England fei eine Folge der wahnsinnigen Politik, die feine Rücksicht auf die englischen Schwierigkeiten nehme. Die Lage in Deutschland sei mehr als gefährlich. Wenn die Kommu­nisten oder die Monarchisten ans Ruder kämen, so würde die Zivilisation und die Demokratie die Folgen tragest. Die Alllierten seien der ver­blendeten Politik Frankreichs gefolgt, und das habe zu dem gegenwärtigen Unheil geführt. Diese Politik müsse aufhören, nicht nur, weil sie zu einem Kriege führen würde, sondern weil es kein anderes Mittel gebe, die große Arbeits­losigkeit in England zu beseitigen.

Aenßerungen des früheren Ministerpräsidenten Nitti.

Berlin, 30. Juli. (Wolff.) Der ehemalige italienische Ministerpräsident R i 11 i äußert sich imBerliner Tageblatt" über die Finanzen der europäischen Staaten. Er sagt:Außer Groß­britannien nähert sich kein Land Europas dem Budgetgleichgewicht. Alle geben zuviel aus und haben höchst ungeordnete Finanzen. Das durch den Friedensvertrag den zwecklosesten Schikanen unterworfene, gelähmte und täglich grundlos in ferner Würde beleidigte Deut schlaud leidet an einer geradezu paradoxen Finanzlage. Der Ruin der deutschen Finanzen rührt fast aus­schließlich von den Maßnahmen des Ver­sailler Vertrages her. Keine ernsthafte Person glaubt, Deutschland könne bedeutende Ent­schädigungen zahlen, nachdem man ihm sein Eisen zu vier Fünftel und seine Handelsflotte völlig weggenommen, sowie seine großartige Handels­organisation im Auslande zertrümmert hat. Die Absicht der Schöpfer des Vertrages war, Deutsch­land niederzuwerfen, zu ersticken und zu zer­stückeln. Aber auch die Finanzen der Sie­gerländer verschlechtern sich tagtäglich. Man jagt neuen Abenteuern und Illusionen nach Frankreich hat 800 000 Mann unter den Waffen, d. h. doppelt so viel als vor dem Kriege. Sein Heeresbudget übersteigt das jedes-anderen Landes im letzten Jahrhundert. Bisher hat das zum Teil Deutschland bezahlt durch die Kosten der Rheinbesetzung, aber es ist klar, daß auf diese Weise Deutschland nicht auch noch Ent­schädigungen zahlen kann. Der Haupttell der militärischen Lasten muß also von Frankreich selbst getragen werden. Tatsächlich nimmt seine Staatsschuld täglich zu. Italien hat getan, was in feinen Kräften stand, um feine Annah­men zu steigern, hat aber seine Ausgaben nicht herabgesetzt. Rur Großbritannien hat die Aus­gaben eingeschräntt. Europa und Amerika be­sitzen eine Menge von Produkttonsmitteln, die weit ausgiebiger sind als die Konsumfähigfeft.

SietzenerAnMer

General-Anzeiger für Oberhesien

Drnck imö Verlag: SrLhl'sche llniv.-Vuch- und Stcinbntderei R. Lange. Schriftleltinlg, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstratze 7.

teleuropäifchen Handels, ist rui­niert. Die ftnanzielle Unordnung der Konti­nentalstaaten Europas nimmt nicht ab, weil der Kriegsgeist anbauert Es gibt nur eine Hoff­nung : Daß die angelsächsischen Länder die große Polttik des Friedens einletten und den Fri^en mit derselben Gewalttätigkeit diktieren, mit der sie einst den Sieg diktierten.

Zur Vorgeschichte des Krieges.

München, 30. Juli. (WTD.) Die Süddeutschen Monatshefte" werden in kür­zester Zeit den Wortlaut dreier wichttger bis­her unbekannter Urkunden zur Vorge­schichte des Krieges veröffentlichen, nämlich die Protokolle der Beratungen des General st abschess der russi­schen und französischen Arme« aus den Jahren 1911, 1912 und 1913.

KundgebungenNie wieder Krieg".

Berlin, 30. Juli. (WTB.) Anläßlich der achten Wiederkehr des Tages des Kriegsaus­bruchs veranstaltete der AktionsausschußNie wieder Krieg" gemeinsam mit 30 anderen Verbänden in über 250 deutschen Städten, so auch in Berlin, eine Friedensdemonstra­tion. Hier hatten sich Zehntausende eingefunden. 15 Schauspieler sprachen einen Prolog, worauf von 30 Rednern Ansprachen gehalten wurden. 3n diesen wurde hervvrgehoben, daß die Ge- fehren in der ganzen Wett die gleichen feiert, da der Friede noch wicht eingekehrt fei. Die Parole der Kriegsgegner müsse für die nächsten 50 Jahre lauten: Wachsamkeit und Alarmbereit­schaft. Rur der einheitliche Wille der Völler könne aus dem Sumpf der Nachkriegszeit iiz eine bessere Zukunft führen, nur ein repubttkcuri sches Deutschland, in dem der Schwerpunkt links liege, könne feinen Ausgaben gerecht werden. Bei der zur Jahreswende zu erwartenden Reicks- Präsidentenwahl werde die militaristisch- monarchistische Reaktton alles daran setzen, um zum Ziele zu gelangen. Möge jeder" Republikaner und Kriegsgegner daran denken! Unter den An­wesenden befand sich die Tochter oes juf ka Krapotkin und Mr. Wttfrid, Wellock, ein Mitt glieb der englischen Friedensfreunde. Wellock hielt eine Rede in deutscher Sprache. Aus Oester­reich, England, Frankreich. Holland und Ameritt sowie zahlreichen großen deutschen Städten sind Sympathietelegramme eingetroffen. Die Der- anftaltung nahm einen ruhigen und würdigen Verlauf.

London, 29. Juli. (Reuter.) Bei der heu­tigen unter dem Wahlspruche ,Rie wieder Krieg!" im Hybe-Prrk verunstalteten Kund­gebung sprachen fünfzig Redner, darunter eine Anzahl Kommunisten. Die Versammlung Li. waren ziemlich schwach besucht und das Interesse der Teilnehmer gering. Es wurde eine Ent­schließung angenommen, in der das Zusammen- wirten mit gleichartigen Bewegungen in Europa und Amerika befürwortet wird, um die Ursachen des Krieges zu beseitigen und die internationale Solidarität zu entwickeln.

Von Kritiken ber Demonstrationen im Reich für den Frieden anläßlich der 8. Wiederkehr des Tages des Ausbruchs des Weltkrieges feien folgende vermerkt: In derDeutschen All gern. Z tg." 325 schreibt W innig: Sollten internationale Demonstrationen die Krisis losen helfen, so mühten sie anstatt der ParoleNir wieder Krieg" die Losung ausgeben:Proletarier aller Länder bereinigt euch gegen das Versailler Diktat". In derMagdeburger Ztg." toiri gesagt: Man werde wieder gegen das alte Regime und die fortlebende Reattion wettern, aber, höch­stens in einem Relativsatze den Massen von den Rüstungen der Ententestaaten und von dem Ver­sailler Unrecht erzählen: in der Lage des deuffchen "^Volkes, einem waffenlosen, drei» viertel zu Tode geschundenen, sollte mar schweigen ober der Wett die Wunder weisen, die der Feind schlug, und diesen vor Gott und den Menschen des tausendfachen Unrechts an- klagen, das er ihm Tag für Tag zufüge. Im .Deutschen" schreibt Brocker: totr erkennen das Gegensatzverhältnis ber Wirtschaftsgruppen und der Rationen als eine entwicklungsmähig und raturnotwendig gegebene Tatsache an, aber wir wollen diesen Kamps menschlich führen: deshalb wollen wir ein starkes Gewerkschaftswesen der Arbeitnehmerschaft, die Trägerin des Vertrags- Verhältnisses zwischen den Klassen, eine stark Wehrmacht des Volkes, die Trägerin des Der- tragsverhättnisses zwischen den Rationen sein soll ImVorwärts" wird gesagt: nur die Be­herrschung der französischen Politik durch den De- danken eines auf Freiheit und Gleichberechtigung beruhenden Friedens könne die Friedensbewegung in Deutschland zur unüberwindlichen Macht machen.

Vor einem Rücktritt Dubois?

Berlin, 29. Juli. Ein Berliner Blatt läß. sich von seinem Pariser Korrespondenten über eine Kriese in ber Reparationskommission folgen­des melden: In den Kreisen der Reparattons- kommission und auch in den Kreisen der fron« zosischen Regierung rechnet man mit einem bal­digen Rücktritt des Vorsitzenden der Reparationskommission Dubois. Du­bois hat sich auf Anweisung des Ministerpräsi­denten Poincare in der Frage des Deutschland zu gewährenden Moratoriums so festgelegt, daß es ihm nicht mehr möglich ist. seine Stellung zu ändern, entsprechend dem Meinungsunischwung, der jetzt beim Ministerpräsidenten Poincarö sich vollzogen hat. Cs besteht ein offen er Konflikt zwischen Dubois und dem franzv- fischen Ministerpräsidenten» so bah man die

vr. \II

Erscheint täglich, außt* Sonn» und Feiertags, mit berSamstagsbeilage: EiehenerFamilienblätter No«a!licheSezllgLpreife: Mk. 22.50 und Mk. 2.50 Träg erlohn,durch diePoft MK.25., auch bei Nicht­erscheinen einzelner Num»' mern infolge höherer Gewalt. Fcrnsprech- «nschlLsse: für die Schrift» leitung 112; für Verlag »nd Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Stehen.

Postscheckkonto:

Frankfurt a. N. 11684».

Als der Dollar auf über 300 Mk. stieg, glau- len die Opttnttsten, daß die äußerste Grenze deS DalutasturzeS erreicht fei; als er dann auf 400 anwuchs, wähnten sie dasselbe, aber «S kommt immer anders. Er ging aus 500, und ist jetzt auf über 600 in Die Höhe ge­schnellt, mit vielleicht weiteren, unbegrenzten Möglichkeiten! Nach den gründen braucht man nicht lange zu suchen. Die chronische, inner- politische Krisis, die nur den Namen wechselt, ist dabei nicht einmal ausschlaggebend, son­dern die H a u p t u r s a ch e liegt auf außen­politischem, und zwar auf finanzpolitischem .Gebiet.

Die ReparativnSaussaugung ist der Urgrund des Uebels. Wenn die Meldun­gen aus London und Paris die Inangriff­nahme der Verhandlungen über Moratorium und Anleihe in nähere Aussicht zu stellen schienen, konnte man eine, wenn auch mäßige, Festigung der Mark verzeichnen. Aber die Barriere hielt nicht lange; denn immer zer­schlugen sich die Verhandlungsmöglichkeiten, wurden die Konferenzen, wie jetzt die Lon­doner, hinausgeschoben und streckte Poincare den neuerdings von London ausgehenden Verständigungsversuchendie kalte TeufelS- fauft entgegen. Die Folge davon war jeweils, wie jetzt wieder in ganz besonders starkem Maße, daß das Ausland seine Markbestände auf den «Markt warf, während die deutsche Industrie in Sorge vor weiterem Hinaus- schnellen der Devisen sich um jeden Preis ein­zudecken suchte, wozu noch die Notwendigkeit für die Reichsbank trat und tritt, für die er­zwungenen Reparationszahlungen die nächste am 15. August! Vorkehrungen zu treffen.

Wenn jetzt die ftemden Devisen mit einem Extraruck in die Höhe schnellten, so daß der Dollar über 600 Mk. stieg, so liegt der 'Hauptgrund hierfür in der schroffen, ftanzösi­schen Ablehnung des deutschen Ge­suches um Herabsetzung der Dar- ^ahlungenausdemAusgleichSver- fahren und den Urteilen der ge­mischten Schiedsgerichte. Es handelt sich hier um Beträge, die neben den Repara­tionen eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Die Mei Millionen Pfund monatlicher Pauschal­zahlungen stellen nach dem derzeittgen Mark­kus einen Betrag von über 5 Milliarden Pa­piergeld dar, die sich zu den 50 Millionen Gvldmark monatlicher Reparattonszahlungen (mehr als 7,5 Milliarden Papiermark) ge­sellen, was zusammen rund 13 Milliarden Pa­piermark ausmacht, eine Summe, die mit je­dem Sinken der Papiermark automatisch steigt.

Die deutsche Forderung, daß über die Lrmähigung der Ausgleichszahlungen zusam­men mtt dem Reparattvnsstundungsgesuch ver­handelt werde, entspricht dem Art. 248 des Versailler Vertrags, demzufolge der gesamte Besitz und alle Emnahmeguellen des deut­schen Reiches und der deutschen Staaten an erster Stelle für die Zahlungen der Wieder­gutmachung und erst an zweiter für die an­deren, sich aus dem Versailler Vertrag er­gebenden Lasten haften, umsomehr da die Londoner Vereinbarung vom 10. Juni 1921, aus der sich die Verpflichtungen im Aus­gleichverfahren ergeben, nur eine Ergänzung zum Art. 296 des Versailler Vertrags dar- stellt. Wenn die ftanzösische Regierung die Aufhebung des Reichsausgleichsgesetzes und die Benachteiligung der deutschen Staatsan­gehörigen zugunsten der privaten Entente- gläubiger fordert, so stellt das nicht nur einen unzulässigen Eingriff in die deutsche Gesetz­gebung, nicht nur einen Verstoß wider die guten Sitten, sondern auch einen Verstoß gegen den Versailler Vertrag dar, der dem deutschen Reiche die Pflicht zur Entschädi­gung seiner Staatsangehörigen wegen der Li­quidation deutschen Eigentums in den En­tenteländern auferlegt.

Die belgische Regierung hat sich bann auch im Gegensatz zu der französischen auf den Standpunkt geftellt, daß über die Ausgleichs- und ReparattonSftage gemein­sam verhandelt werden müsse, und den glei­chen Standpunkt bertrttt man in London. Es ist dies ein neuer Beitrag zu den Un­stimmigkeiten zwischen London und Paris, die auch zu der Verschiebung der Konferenz zwi­schen Pvincare und Lloyd George gefichrt Haden. Wenn Frankreich jetzt wieder einmal mit einer Sonderaktton, mit neuen Sanktionen droht, so sollte der katastrophale Marksturz, schon weil er den Kurs des Frank ganz erheblich beeinflußt, die Pariser Machthaber darüber belehren, daß sie ein gefährliches Spüü mit dem Feuer treiben, beim der Brand, der in Deutschland ausbricht, muß auf Frank­reich übergreifen. Jedenfalls ist die Pariser Drohnote ein sehr bedenklicher Auftakt zu Leu Londoner Verhandlungen und zu der für

den September in Aussicht gestellten zweiten Auflage der Bankierkvnferenz. Wenn man an der Seine nicht noch im letzten Augen­blick zur Einsicht kommt, dann muh die deutsche Mark den Leidensweg der öster­reichischen Krone oder gar des Sowjetrubels gehen, und zum Markschwund wird sich der Reparativnsschwund gesellen. *

Berliner Pressestimmen.

Berlin, 30. Juli. Zu der französischen Rote.,die die von Deuffchland erbetene Herab­setzung "der monatttchen Ausgleichszahlungen ab­lehnt. bemerft berLokalanzeiger"" u. a: Wir Haden nicht mehr bie Wahl. Das Enbe mit Schrecken ist bereits Un Greifnähe gerückt. Die Erfüllungspolitik ist, wie ber Demokraten­führer Gothern schon vor fast einem halben Jahre schrieb, längst 'Katastrophenpolitik ge­worben.

DieD o s s i s ch e Zeitung" sagt, die deut­sche Regierung tonne die französische Forderung unter keinen Umständen annehmen, wett die Poli- ttt der Erfüllung, woran sic festhalte, sich sonst in eine Politik der Selbstzerstörung verwan­deln würde, wozu kein dettsches Kabinett, welcher Richtung es auch immer angehvren möge, seine Hand bieten konnte. In dem Handelstette des­selben Blattes wird ausgeführt, ber Pessimismus des Auslandes, ber in ber fortschreitenden Ent­wertung der deutschen Valuta zum Ausdruck komme, müsse auf die Unvernunft und Unnach­giebigkeit der Ententepolitik zurückgeführt werden.

DieDeutsche 2111g. Zeitung" bezeich­net den Schrttt Frankreichs als eine sinnlose Willkür und einen Hohn auf alles, was sich in der letzten Zeit in der Presse der Entente- länbcr an wachsender Einsicht in die Wirtschafts- und Finanzlage Deutschlands sowie das Repara- tionsproblem bar getan habe.

In der .Berliner Börsenzeitung" heißt es unter Hinweis banauf, daß die Ver­einigten Staaten im russischen Hungergebiet 13 Millionen Menschen ernährt und schon 5 Mil­lionen Kinder dem Hunger tobe entriffen haben, es läge in der Hand Amerikas., den Zeitpunkt zu verhüten, an dem auch Deutschland so weit komme, daß amerikanische Httfe in dieser Form eingveifen mühte. Es dürfe habet nicht mehr lange zögern.

DieGermania" äußert sich: »Man darf nicht vergessen, daß jede Verschlechterung der deutschen OIlarE eine Herabdrückung der deutschen Lebenshaltung bedeutet. Es gibt aber auch hier eine Grenze, wo die Hungersnot die Menschen zum Wahnsinn treibt. Es kann niemand von uns verlangen, daß wir Selbstmord verüben. Es kann sich leicht eine Situation entwickeln, in der die Regierung erklären muh, daß sie trotz aller Bemühungen nicht mehr imstande sei, irgendwelchen Reparationsverpflichtungen für die nächste Zeit nachzukommen.

DerVorwärts" verlangt, daß man. auch durch Zentralisation der Devisen den Mark­kurs nicht dauernd stützen könne, bemüht sein mühte, Markbeträge, die Anlage in Goldwerten suchen, zu fesseln, indem man eine Goldanleihe aufnimmt.

Ueber den Inhalt der geplanten deutschen Antwort auf die französische Rote läßt sich im gegenwärtigen Zeitpunkt Genaues noch nicht sagen. DerLokalanzeiger" glaubt indes fest­stellen zu können, daß in ber gestrigen Ches- befbredjung in ber Reichskanzlei die Lage als außerordentlich ernst bezeichnet wurde. In den Kreisen des Ressortchefs sehe man noch keine Möglichkeit, der ultimativen Forderung der Rote irgendwie zu entsprechen. Das Reichskabinett werde vermutlich antworten müssen, bah die Reichsregierung gänzlich außerstande sei, die er­forderlichen Mittel zur Begleichung der bisherigen Monatsraten aufzubringen.