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Hr. 506 Zwetter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 30. Dezember (922 --- ......------L

Daten aus dem Jahr 1922.

Wir geben nachstehend einen ileberblüf über die bedeutsamsten politischen Ereignisse des ad- gelaufenen Iahres. toobei <rir betonen, bafj cne Daten aus Vollständigkeit natürltch fernen 2Ln- sprach erheben tonnen:

4. Ian. 3m amerikanischen ReprasetttantenhauS wird eine Etttschtießung eingebracht Danach Frankreich mit der Abtragung feiner Schulden beginnen soll. _

fl Ian 6iDffnung der Konferenz von Tannes.

9 Ian. Die italienische Regierung l^t Lenin zur Teilnahme an der kommenden Konferenz von Genua ein.

Annahme des englisch-irischen Abkommens durch das irische Parlament mit 64 gegen 57 Stimmen

11. Ian Der französische Senatsausschub für auswärtige Angelegenheiten unter dem Vor­sitz PoincarLs richtet die Aufforderirng nach LanneS. Vriand möge an den unantastbaren Rechten Frankreichs nicht rütteln lassen.

12. Ian Rücktritt des Ministeriums Vriand.

13. Ian. Vertagung der Konferenz von Tannes. Abreise der deutschen Delegation.

15. Ian Das Ministerium Poinccute endgültig aebildet.

17. Ian Annahme der Resolution Torrn ick im amerikanischen Senat.

19. Ian. De.t.auensvvtum der französischen Kam­mer für das Kabinett Poincare

22. Ian. Tod des Papstes Venedikt XV.

24. Ian Die Sektion der Vereinigten Staaten der interamerikanischen Oberkommission unter dem Vorsitz Hoovers veröffentlicht einen Ve- richt. in dem als unerläßliche Vedingung für die wirtschaftliche Wiederherstellung Europas und der Welt gefordert wird, daß die deut­schen Repa.a ionszahlungen der Leistungs­fähigkeit Deutschlands angepaßt und die Rü­stungen beschränkt werden

26. Ian. Reichskanzler Dr. Wirth gibt im Reichs­tag das Zustandekommen des Kompromisses über die Steuerfragen und die Zwangsanleihe bekannt.

31. Ian. Dr. Rat Henau wird zum Reichsminister des Aeußern ernannt.

1. Febr Maßnahmen der Reichsreg'terung gegen den Eisenbahnerstreik. Streikverbot deS Reichs­präsidenten.

6. Febr. Kardinal Ratti zum Papst gewählt.

9. Febr. Die Streikverordnung des Reichspräsi­denten vom 1. Februar wird wieder außer Äraft gesetzt.

11. Febr Die englische Regierung hat beschlossen, Oesterreich einen Kreditvorschub von 2 Mil­lionen Pfund zu geben.

14. Febr. Das Kriegsamt tn Washington gibt be­kannt, daß die amerikanischen Truppen in Deutschland aus 169 Offiziere und 2217 Wann verringert werden.

26. Febr. Bildung eines Kabinetts Facta in Ita­lien.

10. März. Dr. HermeS wird Reichsminifler der Fi­nanzen.

12. März Die Roten Truppen bn fernen Osten besehen Wladiwostok und stürzen die Re­gierung Merkulows.

Der Minister des Aeußeren der Regierung Angoras, Iussus Kemal Vey, ist von Poin- car? enu fangen worden.

16. März Die Bildung des Kabinetts Gunans In Griechenland

Die italienische Regierung beteiligt stch an der Kredtthilfe für Oesterreich mit 70 Millionen Lire.

17. März. Der amerikanische Senat beschließt, Oeüerrelch eine neue Anleihe von 50 Mill. Dollar zu gewähren.

21. Marz. Dr Wiedsetd wird zum deutschen Bot­schafter in Washington ernannt. Der Wieder­gut machung Sa usschuß seht die deutschen Zah- fungen für das Iahr 1922 endgültig auf 720 Millionen Go'drnark in bar und 1450 Mill. Go dmark in Sach ei tu igen fest.

10. Ap.il. Eröif u id ter Konferenz von Genua.

16. April. Abschluß des deutfch-rufsischen Wirt­schaftsvertrages.

18. April. Die alliierten Regierungen richten an Deutschland eine Rote, in der sie ihre Befrem­dung über das deutsch-russische Wirtschafts­abkommen ausdrücken und mitteilen, daß Deulfchland von den weiteren Beratungen mit Rußland ausgeschlossen ist.

20. April. Türk.sche T.uppen greifen die Griechen bei Kara-Hissar und Gskischehir an.

22. April. Empfang des neuen amerikanischen Bot­schafters in Berlin A B. Hougthon durch den Reichspräsidenten.

6. Mai. Frankreich erklärt auf der Konferenz von Genua, daß es feine Unterschrift unter das Russen-Memorandum von der Belgiens ab­hängig mache.

15. Mai Die einladenden Mächte in Genua be­schließen, die interalliierten Sachverständigen zur Beratung des russischen Problems zum 15. Iuni nach dem Haag einzuberufen. Unterzeichnung des deutsch-polnischen Abtom- mens über die Regelung der Hebet gangdbet- hältnisfe in Oberschlesien.

19. Mai Die Konferenz oonGcnua wird geschlossen.

10. Iuni. Beschluß des internationalen Dankier- ausschuffes in Paris.

24. Iuni. Reichsminifler Dr Rathenau ermordet.

3. Iuli. Attentat auf Maximilian Harden.

10. Iuli. Die Sozialdemokratische Partei lehnt den Einschluß der Deutschen Dolkspartei in die Koalition ab.

12. Iuli. Der Präsident der Haager Konferenz teilt mit, daß die Haltung der Russen die Fortsetzung der Verhandlungen nutzlos mache.

18. Iuli. Annahme des Gesei.es zum Schuhe der Republik durch den Deutschen Reichstag.

Die Mörder Rathenaus erschießen sich auf der Burg Saaleck.

20. Iuli. Die Haager Konferenz wird geschlossen.

28. Iuli. Die Rote der deutschen Regierung um Herabsetzung der rnonatlich.n Zahlungen an die Au.^gleichZämler von 2 Millionen Pfund aus 500 000 Pfund Sterling wird von Frank­reich schroff abgelehnt

29. Iuli. Landung von 25 000 Griechen in Ro­dost o.

11. August. Abschluß der Verhandlungen zwischen der bayerischen und der Reichsregierung.

14. August. Die Londoner Konferenz ist an der Entschadigungsfrage gescheitert.

4. Sept. Die Rc-g ecung von Angora meldet die vollständige 2iieberlage ter gr.eichen Armee in der fünftägigen Schlacht im Abschnitt von Asium-Karahifsar.

24. Sept. Zusammenschluß der SPD. und der ülSPD in Rürnberg.

28 Sept, Umsturz in Griechenland.

19. Oktober. Rücktritt Lloyd Georges.

20. Oft. Der Reichstag stimmt der Verlängerung der Amtsdauer des Reichspräsidenten zu.

24. Oft. Bildung des Kabinetts Donar Law.

Der Wiede, gutnra-chungsausschuß beschließt, zu Verhandlungen nach Berlin zu reifen.

27. Oft. Rücktritt des italienischen Kabinetts Facta.

30. Ott. Bildung des Kabinetts Mussolini.

2. Rov. Qlnfunft deS neuen deutschen Botschaf­ters Grasen Drockdorff-Ranhau in Moskau. Rücktritt des bayrischen Ministerpräsidenten Lerchenfeld.

5. Rov. Vermählung des vormaligen deutschen Kaisers.

9. Rov. Die Republikaner erhalten mit 218 Sitzen die Mehrheit im amerikanischen Repräsen­tantenhaus.

13. Rov. Großes Erdbeben in Chile

14. Rov. Rücktritt des Kabinetts Wirth.

16. Rov. Dr. Cuno nimmt den Auftrag zur Reu­bildung des Kabinetts an.

19. Rov. Ankunft ClemenceauS tn Reuhvrk.

Gefährdete Sicherheit des Eisenbahnbetriebes.

Unter dieser Ueberschrist veröffentlich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotiv­führer in ihrem .Gewerkschafti. ParlamentS- dienst" einen Artikel, der sich mit einem Erlaß des Reichsverkehrsministeriums beschäftigt, nach dem ungelernten Lokomotivheizern die Zulassung zur Lokomotivführerlausbahn ermöglicht werden soll. Aus Wunsch der interessierten Beamtenschaft geben wir unfern Lesern die Hauptpunkte des Ar­tikels nachstehend zur Kenntnis. Es heißt da:

Anstatt die gelegentlich bet Verschmelzung aller Länderbahnen zurReichsbahn" eingetre­tene große Zurücksetzung der Lokomotivbeamten wieder auszugleichen. geht man verwaltungsseilig dazu über, die persönlichen Opfer, die jeder Loko­motivführer zur Erlangung vollwertiger technischer Meisterschaft in seinem Berufe gebracht hat, mit einem Schlage als überflüssig hinzu'teilen. Die gurücfgelegten Lehr- und Gehilfenjahre im Schlosserhandwerk sollen wertlos sein, der Schul­besuch soll überflüssig gewesen fein, die harte Aus­bildungszeit auf den Lokomotiven, das Selbst­studium, die unablässig fortgesetzte Selbstausbil­dung zur sofortigen Beherrschung aller technischen Reuerungen an den Lokomotiven, sollen nutzlos, ungültig und für die Führung einer Lokomotive entbehrlich sein. Dabei erzielt man durch diesen Rückschritt nicht einmal eine finanzielle Ersparnis, denn man verzichtet auf die bisherige gediegene handwerksmäßige Vorbildung und zahlt dabei den neuen, nichthandwerksmäßig geschulten Führern dieselben Gehälter wie den alten. Ob diese Maß­nahme einen Vorteil oder eine Schädigung der Allgemeinheit bedeutet, mäße jeder selbst ent­

scheiden. Die praktische Erfahrung, die man mit dieser seltsamen Reuerung machen wird, dürfte bald den entscheidenden Richtspruch fällen. Es fei bei dieser Ge.egenheit gezwungenermaßen darauf hingewiesen, daß in diesem Sommer infolge der relativ noch billig gewesenen Tarife alle Personen- unb Schnellzüge ungeheuer überlastet gefahren worden sind. Rur durch die gute und wirtschaftliche Ausnutzung der Lokomotiven in den Händen des alten, gediegen ausgebildeten Führerpersonals konnte trotz der Heberlafhing der Sommerfahrplan 1922 präzis durchge'ührt werden. Ein gutes Stück Verdienst in der in diesem Iahre gelungenen Be­seitigung des Reichsbahndefizits haben sich dem­nach die Lokomotivführer erworben, freilich für sich selbst haben sie dabei von Monat zu Monat im Verhältnis zu anderen Berufsgruppen immer we­niger verdient, denn ihre Kaufkraft ist auf ein Drittel des Vorkriegsstandes herabgedrückt wor­den. Statt noch so bescheidener Anerkennung ernten die deutschen Lokomotivführer Zurückst Hungen Dom betriebswirtschaftlichen Standpunkte des Fach­mannes muß entschieden betont werden, daß die Eisenbahn nicht Lokomotiv f a h r e r, sondern voll- auSgebilbete Lokomotiv sührer ha en muß Der Gang der Maschine mit ihren Schlägen und Klängen ist für. den echten Lokomotivführer Mu ik. Sein fein reagierendes Ohr hört sofort die leiseste Disharmonie im Lauf der Lokomotive, während sein Auge zu gleicher Zeit unermüdlich alle Kessel- unb Maschineneinrichtungen, alle Manometer, Wasserstandszeiger, Geschwindigkeitsmesser u to. überwacht und auf der Strecke vorn mit ihren den Reisenden verwirrenden Signalen geü ten Blickes jede Gefahr schon von ferne erspäht. Viele Men­schenleben sind nur durch die rechtzeitige Erken­nung eingetretener Defekte seitens des maschinen­technisch vollwertig ausgebildeten Lokomotiv­führers vor Gefahr geschützt worden. Rur die lang­jährige Erfahrung der bisher die Lokomotiven führenden Fachmänner hat in zahllosen Fällen durch schnelle und geschickte Beilegung vonDesekten auf der Fahrstrecke größere Betriebsstörungen vermieden. Bei den heutigen Dampfkolossen und bei der dienstplanmäßigen äußersten Ausnutzung der Lokomotivbeamten kann der Führer natürlich zur Ausführung schwerer Reparaturen nach der Fahrt nicht in Betracht kommen, aber er muß die Reparaturen fachmännisch überwachen können. Fehlt das Auge des gewiegten lolomotivtechnlschen Fachmannes auf der Maschine, werden kleine Fehler nicht mehr sofort erkannt und vielfach sofort erfolgreich beseitigt, sondern erst dann be­merkt, wenn sie sich zu großen Defekten ausge­wachsen haben, dann ist so eine Lokomotive in der überlasteten Hauotwerkstätte auf Wochen und Mo­nate für den Verkehr verloren. Die älnerkäßlichkeit der bishe igen gründlichen handwerksmäßigen Vor­bildung des Lokomotivführers liegt also auf der Hand. So kostspielige Experimente, wie der Loko- motivfahrer-Erlaß eines darstellt, sollte sich die Reichsbahn in der heutigen Zeit am allerwenigsten gestatten. Die dadurch entstehenden Beeinträchti­gungen der Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Betriebes werden nicht nur direkte Schädigungen des Reiches bedeuten, sondern auch dem Loko­motivführerstande in seiner Gesamtheit ungerecht- fertigtertoeife zur Last gelegt werden. Aus diesen Gründen wenden sich die deutschen Lokomotiv­führer gegen den Erlaß, welcher einen schwer be­greiflichen Rückschritt zu längst überwunden ge­wesenen ungefunben Detriebszuständen bedeutet Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer hält es für ihre Pflicht die Oeffentlichkeit auf die durch den Richthandwerkererlaß geschaffene Ur­sache etwa eintretender schwerer Geiährdungen der Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Eisenbahn­betriebes aufmerksam zu machen. Sie möchte nicht derartige Betriebsstörungen vom reisenden Publikum dem alten, erfahrenen Lokomotivführer­stamm später in die Schuhe schieben lassen.

Die Abziehbarkeit der Kirchen­steuer vom steuerpflichtigen

Einkommen.

Don Rechtsanwalt Gg. Lind in Grünberg.

Wenn es auch nach Artikel 137 der Reichs­verfassung eine Staats kirche nicht mehr gibt, so hat doch die Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts die Befugnis, Steuern zu er­heben, die sogen. Kirche i(teuer, die zusammen mit der Einkommensteuer zur Erhebung gelangt Die Frage, ob die Kirchensteuer bei der Ein­kommen steueret klärung vom Einkommen abziehbar ist, mußte seither verneint werden. Während nach § 13 EStG, als Ertragssteuern die Grund-, Ge­werbe- und Kapitalertragssteuer vom Einkommen in Abzug gebracht werden konnte (ebenso wie die Umsatzsteuer), durfte man die Kirchensteuer vom Einkommen nicht abziehen.

Auch alsabziehbare Beiträge zu kfrch- lichm Zwecken" nach § 13 Ziffer 7 ist die Kirchen­

steuer nicht anzuscchen. Ihre Abziehbarkeit konnte auf Grund dieser Dorschrift nicht begründet wer­den. Kirchen steuern gelten nicht als Bet- träg e in obigem Sinne', wenn auch die Kirche als Staatskitch: nach der Weimarer Tedalfung nicht mefn: besteht so können doch die Krrchm- abgaben nicht den vorerwähnten .Veretnsbet- trägen zu kirchlichen Zwecken" gleichgestellt wer­den. Dies verbietet sowohl der allgemeine Sprach­gebrauch, als auch der Wortlaut des Abs. 6 des Artikels 137 der Reichsversassung wo bei der Kirch? alS Körperschaft des öffentlrchen RechS ausdrücklich von Steuern gesprochen wird. Dre Kirchensteuern waren also serther bei Ermittlung prs steuerbaren Einkommens vom Gesamtbetrag der Einkünfte in der Regel nicht abziehbar, we­nigstens war es in Hessen nicht der Fall.

Hierin ist nun eine grundlegende Aenderung eingetreten. Der vielfach geäußerte Wunsch, daß auch die Kirchensteuer abziehbar wer­den möchte, ist in Erfüllung gegangen. Das Ge­setz zur Aenderung deS Stnkomme »steuergeseyes vom 20. Iuli 1922 hat ausdrücklich bestmimt, daß die Kirchensteuer nicht mehr als steuerbares Einkommen zu gelten habe, wenn es in Art. I 2 d sagt:

.Als steuerbares Einkommen gelten nicht. Steuern an die im Artikel 137 der Reichs­verfassung genannten Körperschaften, soweit diese Steuern in den nach § 29 Abs. 1 für die Veranlagung maßgebenden Kalenderjahre fällig geworden sind."

Unter den Steuern der tn Art. 137 genannten Körperschaften sind aber nur die Steuern der Kirche und der anderen Religionsgesellschiften zu verstehen. Durch die Rovelle ist die Kirchensteuer in vollem Umfang als abzu gsfähig erklärt worden.

Die Reuerung ist nur zu begrüßen. Sie enchält auch zugleich eine Anerkennung des hohen sittlichen und hiltureifen Wertes der von der Kirch? geleisteten Arbeit. Sie beraubt die kirchen- feindliche Agitation .eines Kampfmittels, die häufig diehoben Kirchensteuern" ins Feld führte. Wenn diese Bestimmung noch wenig bekannt ist, so erfiärt sich das daraus, daß die Abzugssähig- leit der Kirchensteuer bisher noch nicht praktisch werden konnte. Rach Art. III der Rovelle tritt nämlich die Bestimmung erst bei der Ver­anlagung für das Kalenderjahr 1922 in Kraft. Die Veranlagung für 1922 wird aber erst zu Beginn des Jahres 1 923 vor- genommen. Bei der demnächst erfolgenden Veran­lagung für 1922 kann der Steuerpflichtige die Kirchmsteuer von seinem Einkommen also t> o l-i in Abzug bringen. Lind zwar kann er, da ihm für das jeweils laufende Iahr die Höhe der Kirchenstetler noch nicht bekannt ist, den im Vor­jahr gezahlten Kirchensteuerbetrag abziehen.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 30. Dezember 1922

Zur Preisbildung im Handwerk.

Die Hessische Handwerkskammer schreibt unS:

In letzter Zeit wird auch von behördlicher Stellen, in der Presse mehrfach die Auffassung vertreten, den handwerklichen Organisationen, ins besondere den Innungen, sei es unterlagt, ihre Mitglieder zum Einhalten bestimmter Preise für ihre Erzeugnisse au verpflichten. In dieser all­gemeinen Form ist diese Ansicht nicht richtig. Den freien Innungen farm nicht untersagt tver- den, bindende Preise für ihre Erzeugnisse festzu- fegen und Verstöße der Mitglieder gegen diese Festlegungen zu bestrafen. Selbstredend müssen die Preisansähe auf ordnungsmäßigen und in jeder Hinsicht vertretbaren Berechnungen beruhen und auch den Rachprüfungen seitens der Preis- prüsungsstelle standhalten.

Es würde gegen jeden Grundsatz der Gleich­berechtigung der Grwerbsstände verstoßen und nur den unlauteren Elementen im Handwerk Vorschub geleistet werden, wollte man dieses wichtige Mittel zur Herbeifüh­rung einer gesunden Preisdisziplin unter­binden.

Aber auch die Zwangsinnungen haben bei den derzeitigen Verhältnissen nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, sich mit der Preisbil­dung zu befassen, und sind befugt, Richtpreise für ihre Erzeugnisse aufzustellen. Dagegen können Zwangsinnungen Mitglieder, die derartige Ver­einbarungen unbeachtet lassen, nach den zur Zeit noch bestehenden Bestimmungen der Gewerbeord­nung nicht in Strafe nehmen.

In längeren Verhandlungen zwischen den Preisprüfu.giftelten und der Handwerkskammer einigte man sich auf die Bildung von Kom­missionen, bestehend aus Vertretern der Hand- werksfammer, der Fachoerbände und Preis­

Unter dem greifyeitsbaum.

Roman von Clara Diebig.

4. Fortsetzung. (Rachdruck verÄt^n.)

Hean-Claude war ein guter Dunge, gefällig sprang er ab und ließ die beiden Huden die Pferde mustern Sie taten'S genau. Der eine bchor^e Herz unb Lunge und sah den Tieren tns QHauL der andere maß die Länge der Schweife und begutachtete dann besonders die Deine. Sie schienen Iean-Tlaude etwas von Pferden zu ver­stehen. Er hatte es ja immer gesagt, die ßiberte war ein bißchrn schwach auf der Vorderhand, und der Adonis hatte mit der Zeit einen Sentrücken gekriegt.

Ob die Pferdchen wohl zu vervwfen wären, fragten die Inden.

Non, non.

Sie verstanden sich ganz gut, lange Kriegs­künste und seit zwei Jahren französisch geworden, hatten auch den gemeinen Mann genug von der Sprache gelehrt. Unb des 3ean-®Iaube Mutter war von Geburt eine Deutsche, in großer Freude und in großem Schmerz vergaß sie 's Französisch dann sprach sie Deutsch.

Wenn der Mosjö das Geschäft vermitteln wollte, würde es sein Schaden nicht sein Sie Landleute brauchten Pferde, es waren ihnen alle abgenommen worden im Krieg was sollte die Stute kosten?

Parbleu, sie hörten doch daß die Pferde nicht zu verkaufen waren. Gleich würde der Kapitän kommen, dem sie gehörten; das heißt, sie gehörten der Republik, alles Eigentum war jetzt gemeinsam.

Bei mein Gesund," sagte Herz Rosenblatt und schug der ßiberte auf den Schenkel, .er spricht tote der weise Salomo!" Aber auffit)en durfte man doch wohl einmal?

Dagegen hatte der Bursche nichts. Der Alte war dürr, ausgemergelt von Hunger, der würde die Liberte nicht drücken durch fein Schwergewicht Verdutzt riß er die Augen auf: konnte der aber reiten! Wie angepicht saß der Händler, seine Rockschöhe, zerschlissen und zerschlumpt. klatschten der Stute die Lenden, und sie, dadurch angeregt, schlug einen scharfen Galopp an. Ein paar Augen­blicke sah es aus. als wollte die ßiberte davon- jagen auf Rimmertoiedersehen.

In Herz Rosenblatts Seele rangen Gewalten. Wenn er nun wegjagte? Einholen würde ihn niemand Er hatte seine Gefreundte, da stellte er s Gäulchm unter. Unb wenn alles still war davon, holte er's sich nach Reil was würde viel Wesens jetzt sein um ein Pferd? Aber dann empörte er sich gegen sich selber: bfuL Herzchm Rosenblatt, du wirst doch nicht stehlen? Aber heißt das denn stehlen, wenn man einem was wegnimmt, was dem gar nicht Schort? Richt gehört und doch gehört! Rosenblatt stieß dem Pferd die Hacken in die Seiten, es machte Sähe, hoch und höher, klatschender flatterten die Rock-- schöße. zerschlissen und zerschlumpt. der graue Ziegenbart wehte, eine wilde Leidenschaft kam Rosenblatt an. Wenn er den Gaul hätte, ver­kaufte. was für ein Geschäft! Er war ein ge­machter Mann, sein Weib brauchte dann nicht mehr in Lumpen zu gehen, feine Kleinen nicht barfuß zu laufen Herzchen Rosenblatt, Herz­chen Rosenblatt, beim Gott deiner Väter, weh

geschrien über deine Redlichkeit ach, ach, und Moyses Mohnsam war ja auch dabei!

Mit einem gewaltigen Ruck hielt plötzlich der Hude das Pferd an. daß es sich beinahe auf die .Hinterhand fetzte. Er glitt herab, schweiß- überströmt, totenblaß, hochatmend stand er vor dem verblüfften Burschen.

Der war heilfroh, fein Tier wieder zu haben dem Volk war ja nicht zu trauen.

Allons!", sagte er grob und schnitzte dem Alten mit den Lederriemen der Zügel ins Ge- sichv. .Pack Er sich jetzt auf der Stelle I"

Moyses Mohnsam hatte sich schon zeitiger zurückg^ogen, nun wankte der andere ihm nach: Blut schoß ihm aus der Rase und mischte sich mit dem Wasser, das ihm aus den Augen floß. Mit dem Geschäft war es nichts gewesen.

Den Rücken gekrümmt, demütigen Schrittes, verloren sich die beiden jetzt unter der Menge vielleicht, daß es doch noch etwas zu handeln gab!

Tiefer sank der Abend, es war schon ganz Rächt. Im huschenden Feuerschein tauchten Ge­sichter auf. die sich vordem nicht hatten sehen lassen. Wo das Gewühl am dichtesten war. dräng­ten sich fremde Gestalten. Wer war der junge Mensch tm dreieckigen hochgeschlagenen Hut, das Haar lang hängend auf den Bürgerrock aus blauem Tuch das Kinn vergraben in die hohe Halsbinde? Ein luftiger Geselle, er sprang tote ein Fohlen. Bald batte er eine Frauensperson an der Hand.

War das nicht die Dänkellpielerin, die eine Woche zuvor sich hatte sehen lassen auf dem Trierer Markt im handbreiten Röcktein? Sie

hatte getanzt auf dem Seit, das haushoch ge­spannt toai über dem Pflaster, und hatte ein bi elftes Stück auf geführt mit einer Mannsperson, die verkleidet war als Hanswurst. Sie hatte auch gelungen zu Harfenspiei, war barm mit dem Teller sammeln gewesen von Haustür zu Haustür. Der Büttel hatte sie endlich verscheucht. Aber heut trug sie eine Haube wie andere Frauen aus dem Volk auch hatte das Haar sittsam ge­scheitelt und das Kleid lang bis auf die Schuh Aber doch war es dieselbe, denn ein plötzliches Aufkreischen der Räckststehenden sie schleuderte gewandt einem großen Mann mit der Spitze chies Fußes den Hut vom Kopf Hasttg bückte sich der Erschrockene danach: es bückten sich viele, bald wälzte sich ein Knäuel von Menschen am Boden herum.

.Mein Hut, mein Hut!" Der Hut, der Hut ja. wo war bet? Unb wo war die Chatelaine von Wadame Mohr, wo das großblumige Taschen­tuch von Bürger Haas? Fischer Mathes ver­mißte seine Schnupftabakdose, er klagte um sie wie um ein verlorenes Kind Allgemeine Ver­wirrung. gewaltiges Entsetzen: was war nicht alles abhanden gekommen! Dieser hatte feine Uhr nicht mehr, jener suchte verzweifelt feine Börse Diebe, Diebe Zetermordio! An den Galgen mit den Halunken! Ach der Galgen, der stand nicht mehr, em Häuslein Asche nur war von ihm übrig geblieben .Holt den Büttel! Haltet den Dieb!" Der mußte noch hier fein: da lief ja einer. .Hallet ihn, hallet ihn!"

(Fortsetzung folgt)