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Ur. 250

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Samstag, 50. September 1922

Erstes Blatt

172. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrack tmb Verlag: Brühl'sche Univ.-Vuch- und Stetnöruderd «. lange. Schriftlektnng, Seschäftsftelle und Druckerei: Schulstratze 7.

Annahme von Anzeige.t für die Tagesnummer bi 5 zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtlich 3OO'*Pf., auswärts 400 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breitel200Pf. Bei Platz­vorschrift 20 °/0 Aufschlag Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwort! ich für Politik: Aug. Goetz ; für den übrigen Teil. Ernst Vlumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Wocheurückblick.

Die englischen Blätter sprechen vom tie­fen Ernst der Lage im Osten, und sie haben recht. Der in Paris unter Mithilfe Curzons ersonnene Plan einer Konferenz zur Regelung des griechisch-türkischen Streites fällt höchstwahrscheinlich ins Wasser. Kemal Pascha, der die Angora-Regierung darüber befragen wollte, hat noch keine Antwort über­mittelt, war aber inzwischen militärisch nicht müßig. Er zieht seine gut bewaffneten Truppen man spricht von 200 000 Mann dicht an die Stellungen der Engländer in der sogenannten neutralen Zone heran, eröffnet zwar keine Feindseligkeiten, läßt sich im Ge­genteil mit General Harrington in einen Aus­tausch friedfertiger Versicherungen ein, erklärt aber dabei doch deutlich, ßß wäre am besten, wenn die englischen Truppen aus dem Meer­engengebiet zurückgenvmmen würden. Es scheint, daß das Gros Der türkischen Armee von OSmid aus den Marsch auf Konstantino­pel anzutreten beabsichtigt.

Die beteiligten Großmächte, namentlich England und Frankreich, sehen sich den schwie­rigsten Entscheidungen gegenüber. Zwei große Ereignisse geben der Lage eine neue, grund­legende Wendung. Das ist einmal das kate­gorische Verlangen der russischen Sowjet-Re­gierung, bei einer etwaigen Friedensvermitt­lung, der Veranstaltung einer Konferenz, ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Türken und Russen stehen Rücken an Rücken, und sie ge­ben dadurch der Orientpolitik eine völlig neue Rote. Jetzt zeigt sich's, daß die Einmischung und bisherige Haltung der Pariser und Lon­doner Kabinette der Weisheit letzter Schluß noch nicht gewesen ist. Frankreich, der bis­herige Schützer und Gönner der Osmanen, steht sehr betroffen vor dem neuen Problem, sieht den Traum sich verflüchtigen, für den es auf flüchtige Entfernung hin die Mittel sich gespart, die Wege bloß sich offen hat gehal­ten^. Es kann doch die Anker feiner bisherigen Russenpvlittk, nicht lichten und einfach 'ms An- gewisse hineinsteuern. And hatte Poincare für die Pariser Friedensvorschläge an die Türkei sich mit seiner ganzen Autorität eingesetzt, so wird ihm die Antwort der Angora-Regie­rung aller Voraussicht nach eine Enttäuschung bereiten. Etwas Halbes wollen die Türken jetzt nicht mehr. England aber wird, wie die Ankündigungen der Londoner Presse schon erkennen lassen, die russische Rote zum Anlaß nehmen, die höchste Warte zu erklimmen, um von da aus dem Schicksal zunächst seinen Lauf zu lassen, im geeigneten Augenblick je­doch feinen Willen in die Wagschale zu wer­fen. Die gefährdete Position des Generals Harrington verliert an Bedeutung gegenüber dem Amstand, daß in T h r a z i e n infolge des Amstur^es in Griechenland nun doch die eiser­nen Würfel rollen müssen, daß die Lösung des Orientprvblems in feiner Gesamtheit letzten Endes von Faktoren abhängt, gegen die der französische Emporkömmling nichts ausrichten kann.

Das zweite große Ereignis, das der orien­talischen Auseinandersetzung eine neue Rich­tung gibt, ist die Revolution in Grie­chenland, die Abdankung des Königs Kon- stanttn und der erwachende Wille zur natio­nalen Verteidigung. Kann man diesen Tat­sachen gegenüber die Flut des Krieges noch zurückhaltend Auch Griechenland will die Aus­führung der Pariser Beschlüsse nicht. Bei der Absetzung des Königs Konstanttn handelt eS sich im Kern um nationale Ziele. Die heutige Meldung, wonach ein unpartei­isches Kabinett gebildet werden soll, be­stätigt dies. Die Revolution ist das Werk der Führer des geschlagenen Heeres, die eine nationale Verteidigung organisieren, Thrazien gegenüber dem Ansturm der Türken halten wollen und auf der andern Seite den Thron­wechsel wünschen, weil sie sich dann eine bes­sere Anterstützung Griechenlands durch die Ententemächte versprechen. Die London er und Pariser Pressesttmmen zur Abdankung des Königs Konstanttn haben ja auch hin­länglich bewiesen, daß Konstantin, der Schwa­ger Wilhelms II. immer noch alsFeind" von ehemals betrachtet wird. Der Kronprinz, der, wie heute gemeldet wird, als Georg II. den Thron besteigen wird, ist Schwager des Königs von Jugoslawien; beide haben Töch­ter des Königs von Rumänien zu Frauen. Dem geprüften Griechenvolke liegt an antt-- monarchischeuVerbesserungen" nichts. Darin liegt der Unterschied des griechischen Am- sturzes mit dem deutschen vom November 1918. Man entwaffnet nicht die Offiziere des geschlagenen Heeres, sondern man vertraut auch im Anglück auf nationalen Widerstand. Interessant ist die heute veröffentlichte Anter- redung eines Havasberichterstatters mit dem ehemaligen griechischen Außenminister Stteit.

Dieser erklärt, König Konstantin habe im Hin­blick auf die Interessen seines Volkes selbst Abdankungsabsichten gehegt; zweifellos sei bie Front ständig von denczelisttscher Propaganda bearbeitet worden, andererseits habe sich jedoch unter den Fronttrup­pen eine gewisse moralische Einig­keit gebildet. Die Truppen hätten dem Hinterlande dorgeworfen, daß es polittsche (Streitigfeiten verewige. Vielleicht gelingt es den neuen Führern des Volkes in der Tat, die Aussichten auf einen ehrenvollen Frie­den zu heben. Die Waffen sollen noch einmal entscheiden. Die diplomatischen Be­mühungen kreuzen sich zu sehr und entbehren einer rechten Ausgleichsmöglichkeit. Die Tür­ken haben das allergrößte Interesse, so schnell wie möglich Thrazien zu besetzen und den Griechen zuvorzukommen. So wird denn auch von englisch er Seite der Plan erwogen, mit Mustafa Kemal Abmachungen bezüglich des Aeberfetzens der Türken nach Thrazien zu treffe n im Austausch gegen einen türkischen Rückzug aus der neutralen Zone. Lloyd Ge­orges Orientpolittk wird von seinen Lands­leute n im Augenblick sehr umstritten. Die englische n Arbeiter rufen nach seinem Rück­tritt, weil sie gegen einen neuen Krieg sind. In der Tat scheint es, wenn man den Blick auf die neuen Ereignisse wirft, der Polittk des Inselreiches an Kraft, Zielbewußtsein und Charakterfestigkeit zu mangeln. Es gibt seine bisherigen Schützlinge, die Griechen, einfach preis. And verzweifelt ruft dieDaily News" aus: Wenn es das wohlerwogene Urteil des britischen Oberbefehlshabers darstelle, daß der einzige Weg, den Krieg zu vermeiden oder die Meerengen zu retten, der sei, dem tür­kischen Heer zu gestatten, über die Meer­engen nach Europa zu gehen, was solle dann von der Polittk gesagt werden, die seit Tagen Truppen, Schiffe und Munition in großen Mengen und mit einem Aufwand von mehr als 20 Millionen Pfund zufammenhäufe mit dem eingestandenen Zweck, Kemals Heer in Kleinasien festzuhalten? Harrington, der britische General, erinnert ein wenig an den sagenhaften Diettich im Nibelungenliede. Dieser übte innerhalb des Kampfgetümmels der Hunnen und Nibelungen ebenfalls Zu­rückhaltung und blieb eine Respektsperson. Allerdings, der Engländer muh sich diploma­tisch drehen und wenden, muß dem entstehen­den Kräfteverhältnis sich anpassen. Man weiß noch nicht, ob sich ein neuer großer Dalkan- krieg entwickeln wird; es wäre ein seltsamer, ungewohnteer Anblick, John Dull schon im Handgemenge zu sehen, bevor die Völker des nahen Ostens si chanschicken, ihre Ansprüche anzumelden . . .

Der Reichswirtschaftsrat und die Hilfe für die Presse.

Berlin, 29. Sept. (WTD.) Der Wirt­schaftspolitische Ausschuß des Reichs-» Wirtschaftsrates hat sich heute mit dem ömttrurf der Verordnung zur Ausführung des Gesetzes über Maßnahmen gegen die wirtschaft- lichr Notlage der Presse beschäftigt. Ein­stimmig wurde folgende Fassung .des § 14 vor­geschlagen: Die Rückvergütungen auf den Druck­papierpreis sind an die Verleger der deutschen Zeitungen und Zeitschriften, die pol'tischten oder wissenschaftlichen Charakter tragen, wie die deut­schen religiösen Sonntagsblätter zu Zahlen. Anter- stühungsoerechtigt sind ferner die offiziellen Or­gane der allgemeinen und fachlichen Derufsver- tretungen, soweit sie nicht aus Anzeigen oder anderen Quellen ihre Selbstkosten decken. In Zweifelsfällen entscheidet der Verwaltungsrat über die Anterstühungsberech-tigung endgültig. Ferner wurde einstimmig beschlossen, daß außer den in der Verordnung genannten der Börsen- verein des deutschen Buchhandels einen Vertreter ferner der ReichZwirtschastsrat im Eiiwernehmen mit den betreffenden Organisationen je einen Ver­treter der Fachpresse und wissenschaftlichen Zeit­schriften in den Verwaltungsrat zu entsenden hat. Mit allen gegen 5 Stimmen wurde folgende E n t- schlietzung Bernhard Zu § 14 angenom­men: Auf Rückvergütung haben nur solche Ver­leger Anspruch, die ihre Verpflichtungen aus den Lohntarifen der Arbeiter, Angestellten und Redak­teure er-füllen. Mit diesen Abänderung«' wurde die Verordnung einstimmig gebilligt. Vertreter der Arbeitgeber und von der Reichsregierung er­nannte Mitglieder brachten dabei zum Ausdruck, das) sie das Gesetz nach wie vor wirtschafts­politisch für eine verfehlte Maßnahme halten, weil wirtschaftlich arbeitende Gewerbe durch Bei­hilfen nicht gehalten roerben können.

Berlin, 30. Sept. Das im 98. Jahrgang erscheinendeD e l i tz s che r T a g e b l a t t" ist ge­zwungen, am 1. Oktober sein Erscheinen einzu­stellen.

Aus dem KapitelHohenlohe" der Erinnerungen Kaiser Wilhelms IL Ereignisse und Gestalten" aus den Jahren 1878 -1918.

Im Anschluß an den kürzlich er­folgten Abdruck aus dem KapitelBis­marck" geben wir heute einen Ausschnitt aus dem KapttelHohenlohe" des Ende Oktober im Buchhandel erscheinenden Werkes wieder. Er bringt wichtige Auf­schlüsse über die politische Vorgeschichte des Krieges. Weitere Abschnitte hoffen wir Mitte Oktober veröffentlichen zu können.

Die Erwerbung Kiautschous.

Bei der Erwerbung von Tsingtau hat Fürst Hohenlohe besonderen Anteil genommen. Auch er war der Ansicht, daß Deutschland für seine Schiffe notwendig eigene Kohlenstationen brauche, und daß das Drängen der Handelskreise, die Gelegenheit der Au,sch!iehung Chinas für den internationalen Handel nicht vorübergehen zu lassen, berechtigt sei. Es sollte unter Wahrung der chinesischen Reichshoheit und Bezahlrmg des Likins ein Handelsplatz mit maritimer Kohlen­station als Schuh gegründet werden, wobei China die größtmögliche Mitwirkung zugedacht war Die Station sollte vor allem dem Handel zugute kommen, der militärische Teil nur den Schuh für die Entwicklung der Handelsstadt gewähren, nicht aber Selbstzweck oder Basis für weitergehende militärische Unternehmungen werden.

Es waren schon verschiedene Plätze ins Auge gefaßt worden, die sich aber bei näherer Betrach­tung als nicht geeignet erwiesen, zumeist, weil sie schlechte oder gar keine Verbindung mit dem HiMerland besaßen, handelspolitisch nicht aus­sichtsreich oder nicht frei von fremden Vorrechten waren. Auf ©runb der Berichte des Admirals Tirpitz, der damals Chef der ostasiatischen Kreuzerdivision war, und des Urteils des Geo­graphen Freiherrn v. Richthofen, der auf eine Anfrage hin ein vielversprechendes Bild der Ent­wicklungsmöglichkeit in Shantung gegeben hatte, einigte man sich schließlich auf die Gründung einer Niederlassung in der Bucht von Kicm- Tschou.

Es wurden nun seitens des Kanzlers Orien- tterungen eingezogen über die politischen Fragen, die dabei austauchten und zu berücksichtigen waren. Insbesondere galt es, Rußland nicht in die Quere zu kommen oder zu stören. Auch bei unserer ostasiatischen Division wurden weitere Erkundi­gungen angeordnet. Don ihr liefen gute Mel­dungen ein über Ankergrund und Eisfreiheit der Bucht von Kiau-Tschou und über die Aussichten eines etwa dort zu gründenden Hafen Platzes. Bei dem Verkehr mit der russischen Chinadivision war aus Gesprächen .der Führer miteinander bekannt geworden, daß der russische Admiral auf Befehl feiner Regierung einen Winter in der Bucht geankert, diese aber so öde und entsetzlich einsam gefunden habe es gab keine Teehänser mit japanischen Geishas, die von den Russen als für den Winleraufenthalt unbedingt nötig ange­sehen wurden, daß das russische Geschwader niemals wieder dorthin gehen werde. Auch habe der russische Admiral seiner Regierung auf das dringendste abgeraten, die Idee, sich in dieser Bucht festzusetzen, weiter zu verfolgen, weil dort absolut nichts zu holen fei. Also die Russen hätten dort keine Absichten.

Diese letzte Auskunft traf ziemlich gleich­zeitig mit der Antwort des russischen Außen­ministers Grafen Muraview an den deutschen Botschafter auf die vom Kanzler veranlaßten Sondierungen ein. Muraview ließ wissen, Ruß­land habe zwar feine direkten vertraglichen An­sprüche auf die Ducht durch Abkommen mit China, es erhebe jedoch Besitzanspruch auf Grund desdroit du premier mouilhge (Recht der ersten Ankerung), weil die russischen Schiffe dort zu allererst vor anderen Flotten geentert hätten. Diese Antwort stand also im Gegensatz zu dem Bericht unserer ostasiatischen Divi ion über die Aeußerungen des russischen Admirals.

Als ich mit Hvllmann beim Kanzler zusammen kam, um diese Antwort zu diskutieren, begleitete der Fürst deren Verlesung mit seinem seinen ironischen Lächeln und fügte sodann hinzu, er habe im Auswärtigen Amt keinen Juristen finden können, der ihm über diese wunderliche Behaup­tung hätte Auskunft erteilen können; ob die Marine vielleicht dazu in der Lage fei ? Admiral Hollmann erklärte auf Grund seiner Erfahrung im Auslandsdienst, daß er niemals etwas davon gehört habe; das sei ülnsinn und eine Erfindung Muvaviews, der nur nicht wolle, daß 'ein anderes Volk sich dort etabliere. Ich empfahl, um die Frage zu klären, den damals noch lebenden be­rühmtesten Kenner des rntemationalc-i Seerechts, Geheimen Admiralität Zint PerelS, ein? anerkannte Autorität auf diesem Gebiet, zu einem Gutachten aufzufordern. Das geschah. Das Gutachten lautete vernichtend für Muvaviews Ansicht, bestätigte die Hollmanns und räumte mit der Legende vorn droit du premier mouillage gründlich auf.

So gingen die Morrate hin, und mein Besuch in Peterhof im August 1897 stand bevor. In älebereinstimmung mit dem fürst sichen Obeim be­schloß ich, mit dem Zaren verglich und offen die gan e Frage ,-u b. sprechen und w.nn möglich den Muraviewschen Roten und Ausflüchten ein Ende zu bereiten. Die Aussprache fand in Peter- Hof statt. Der Zar erklärte, er habe an den Landesteilen südlich der Linie Tientsin-Peking fein Interesse, also fei kein Grund für ihn vor­handen, uns in Shantung Hindernisse zu bereiten. Sein Interesse konzentriere sich auf die Landes­teile am Baku, Port Archur usw., nachdem die

Engländer ihm in Mokpo Schwierigkeiten ge­macht hätten. Er werde sich sogar freuen, wenn Deutschland in Zukunft auf der andern Seite des Golfes von Tschlli als Rußlands gern ge­sehener Nachbar erscheine. Nachher hatte ich ein Gespräch mit Muraview. Er wandte alle seine Tricks an, drehte und wendete sich und brachte endlich sein berühmtesdroit du premier mouillage vor. Ich hatte bloß auf diesen Augen­blick gewartet unb ging nun meinerseits zur Offensive über, indem ich ihm gründlich mit dem Perelsschen Gutachten zu Leibe rückte. Als ich ihm schließlich, wie der Zar es gewünscht hatte, das Ergebiris des Gesprächs der beiden Sou­veräne mitteilte, wurde der Diplomat noch mehr betreten, verlor feine gekünstelte Ruhe und kapi­tulierte.

So war der Boden polittsch vorbereitet. _3m Herbst kam die Nachricht des Bischofs Anzer über die Ermordung der beiden deutschen katholischen Missionare in Shantung. Die ganze deutsche katholische Welt, besonders dieKolonialen" in der Zenttumspartei, verlangte energische Maß­nahmen. Der Kanzler schRg mir sofortiges Ein­schreiten vor. Aus der Winterjagd in Letzlingen beriet ich in einem der kleinen Türme des Schlosses mit ihm die zu ergreifenden Schritte. Der Fürst machte den Vorschlag, den anwesen­den Prinzen Heinrich von Preußen mit dem Kommando des zur Verstärkung der ostasiatischen Division hinauszusendenden Geschwaders zu be­trauen. Ich machte meinem Bruder hiervon in Gegenwart des Kanzlers Mittei.'ung. Der Prinz und die anwesenden Herren waren hocherfreut. Der Kanzler sandte die Mitteilung an daZ Aus­wärtige Amt und an den auf Reisen befindlichen neuen Staatssekretär des Aeußern, Herrn von Bülow.

Im November 1897 wurde Kiau-Tschou be­seht. Im Dezember des Jahres ging Prinz Heinrich mit seiner Division an Bord dec DeutslAand" nach Ostasien hinaus, wo er später das Kommando über das gesamte ostasiatischr Geschwader übernahm. Am 6. März 1893 wurde der Pachtvertrag über Kiau-Tschou mit China unterzeichnet. Zur selben Zeit regte Mr. Cham­berlain in London beim japanischen Gesandten Baron Kato den Gedanken des Abschlusses eines englisch-japanischen Bündnisses an, um dem Vvr^ bringen Rußlands un Osten einen Riegel vor­zuschieben

Man wird naturgemäß fragen, warum bei unserem kübnen Vorgehen nicht auch von England die Rede ist, das doch wesentlich daran interessiert war. Aber ein Vorspiel mit England war bereits vorausgegangen. Ich hatte, um dem Mangel an deutschen Kohlenstationen abzuhcken, die Absicht gehabt, solche möglichst im Ein Verständnis mit England gründen, zu pachten oder käuflich zu erwerben Da mein Oheim der Kanzler, als Hohenlohe ein Verwandte'' der Königin Viktoria, Ihrer Mljestät von früher her persönlich bc^ kannt und von ihr sehr geschätzt war, so erhoffte ich hiervon einige Erleichterung in den Verhandlung (rn die zu dem erwähnten Zweck mit der eng­lischen Regierung geführt wurden. Diese Ho'fnun-r erwies sich als trügerisch. Die Verhandln.-gen zogen sich in die Länge, ohne Aussicht auf erfolg­reichen Abschluß zu bieten.

(Fortsetzung folgt)

Die Lage in Athen.

London, 29. Sept. (Wolff.) Einer verspä­teten Reutermeldung aus Athen zufolge war am 27. September abends zu Ehren des neuen Königs Georg, der am selben Nachmittag den Eid leistete, die Stadt illuminiert. Es herrschte vollkommene Ruhe. Die Revoluttonäre , scheinen Herren der Lage zu fein. Die Truppen ziehen ohne Zwischenfälle in die Stadt ein. Die Revo­lutionäre übernahmen die Verwaltung. Man er­wartet, daß das Kabinett binnen 48 Stunden gebildet ist. Es wird mitgeteilt, daß General Rider zum Oberbefehlshaber der Armee er­nannt wird. Die gefangen gesetzten demokratisch Liberalen sind wieder freigelassen worden, ebenso Kvryles und andere Persönlichketten, die des Hochverrats beschuldigt waren.

Athen, 29. Sept. (Wolff.) Agence Athenes. Beim Einzug der Truppen fanden begeistert« Kundgebungen der Bevölkerung statt. Be- fnders eindrucksvoll gestalteten sich die Kund­gebungen vor dem Gebäude der Gesandtschaften Der Ententemächten und der Vereinigten Staaten. Die Obersten Gonatas und Plastiras er­klärten Vertretenr der Presse, daß die von ihnen geleitete Bewegung einen rein nationalen Cha­rakter ohne jeden Parteieinschlag trage und ledig­lich darauf abziele, die jüngste Katastrophe wieder gutzumachen, sowie im Hinblick auf die Rettung Thraziens eine starke Armee zu schaffen.

Athen, 29. Sept. (WTB.) Havas. Das aus den Obersten Gonatas, Platsiras und Kapi­tän Phvcas bestehende provisorische Re­volutionskomitee erläßt folgende E r - Elärung an das griechische Volk: Nach­dem eine Verständigung mit der zurückgetretenen Regierung Triantaphdevs erzielt worden ist, wird das provisorische Revolutionskomitee sobald als möglich die Regierungsgewalt übernehmen. Bis jetzt bat das Komitee auf die Vaterlandsliebe der Griechen und auf das eifrige Bestreben des Volkes gezählt, sich versöhnlich zu zeigen, die Ordnung aufrecht zu erhalten und alle Bürger