Nr. 281 Zweites Blatt
Nochmals die Vorgänge an der Oberrealschule in Giehen.
Von Prof. O. M. S ch ia n, Md. L.
Die Erwiderung des Herrn Prof. Weißgerber tn Ar. 276 dieser Zeitung bedarf einer Richtigstellung, weil sie den, der nur obenhin liest, zu falschen Urteilen verleiten könnte. Natürlich Haie id) nicht die Ansicht, mich mit Herrn Prof. Weih- derber über die pädagogische Bedeutung des Herrn Direktor Dr. Schnell zu streiten. Bin ich nicht in der Lage, Schnells Verdienste um den Mathematikunterricht sachlich zu würdigen, so wird doch nie» mand geneigt sein, das ilrteil eines anderen, der in der ganzen Sache so stark 'Partei war, als objektiv anzuerkennen.
Sehr nachdrücklich muh ich die Behauptung surücftnetfen, die Untersuchung gegen Sch eil habe nicht unter dem Zeichen „Maßnahme i zum Schuhe der Republik" gestanden. Die Aktenstücke des Landesamts für das Bildungswesen in dieser Angelegenheit tragen am Kopf den Vermerk: „Beireffend: Maßnahme zu in Schutze der Republik: hier. Die O errealschu e i i Giehen. Angesichts dieser Tatsache ist die Behau itung des Herrn Prof. Weihgerber ein starkes Stück, das schon für sich allein ausreicht, um seine Erwiderung zu charakterisieren. Außerdem beweist ja fast jeder Sah in dem Weihgerberschen Artikel selbst, daß oie Anschuldigungen gegen Dr. Schnell ebenso wie i)as Urteil der Behörde unter dem Gesichtspunkt .Schuh der Republik" standen.
Wer genauer zusieht, entdeckt ferner an bem von Herrn Prof. Weihgerber gezeichneten Artikel eine Eigenschaft, die ihm jede Ileberziugungskraft nimmt: Er leidet an schweren inneren Widersprüchen. „Der Direktor hat" — so heißt es — „den Stein bei der Rathenaufeier selbst ins Rollen gebracht." Was ist bei der Rathenaufeier geschehen? Zweierlei Dinge sind Dr. Sch-teil aus Aniah dieser Feier zum Vorwurf gemacht worden: Erstens die Richtbeflaggung, zweitens seine Rede. Rach Prof. Werhgerbers eigener Angabe ist das Richtflaggen (das eben technisch unausführbar war) bei der Untersuchung ganz ausgeschieden: aber auch auf Schnells Rede ist nicht zurück- gegriffen worden: auch nach Prof. Weißgerbers Darstellung hat sie feine Rolle gespielt. S i i war eben als Material gegen Schnell nicht zu brauchen. Dennoch soll Schnell bei Der Rathenaufeier den Stein „selbst i n s Rollen gebracht" haben! Hier hat sich .»rr Prof. Weihgerber in der allerdeutlichsten Weise selber widerlegt und, ohne es zu merken, aufgedeckt, wie die ganze Sache gemacht .orden ist. Irgendwelche Hand.ungen Schnells, < n die sich allenfalls (von ihm Uebelgesinnten) mißgünstige Kommentare knüpfen liehen, w'u den an die Oeffentlichkeit gebracht (in diesem Fall vor einer sozialdemokratischen Versammlung in Diehen): damit wurde Stimmung gemacht: schlich- ch gvurde die Untersuchung eingeleitet. Sie mu^ie diejenigen „Fälle", mit denen andere (nicht der Direktor) den Stein ins Rollen gebracht hatten, wie die eben erwähnten „Vorkommnisse"
Der Htyenau.eter, ausswelden, well niasts damit zu machen war. Aber- — der Stein war im Rotten.
Daß es so gemacht worden ist, beweist Herr prof Weihgerber noch genauer selbst in dem Ablatz seines Artikels, in dem er einen seiner Kollegen gegen mich in Schuh nehmen zu sollen glaubt. Er schiebt mir da Aussagen unter, die ich gar nicht gemacht habe. In meinem Aufsatz steht lein Wort davon, dah jener Kollege selbst oenitn- ,icrt habe. Ich bin sogar davon überzeugt, dah er das nicht getan hat, und erkläre das hiermit öffentlich. Rein, ich habe nur gesagt: Die ^Regierung erhielt Anzeige. Durch wen, habe ich nicht gesagt. Es sind eben andere Wege gewählt worden, als Cer der direkten Anzeige von Kollegen gegen i^r n Direktor. Die „Vorkommn sse" bei der Rat enau- • der (die nur in der Phantasie Mißgünstiger belastend waren) wurden in einer öffentlichen sozial- demok.at scheu Te fam.il .ng in Siesten le p ochrn. Wer hatte dorthin Nachricht gegeben? Ein Darmstädter Blatt brachte eine Rotiz über das Sunplizissimusbild: Wer hatte ihm diese Rotiz gesandt? Wenn es ein Unbeteiligter war, wer hatte sie diesem vermittelt? Das Gießener Gewerkschaftskartell machte eine Eingabe — woher wuhteesvon „Vorkommnissen" in der Oberrealschule? Landtagsabgeordnete der Linken wurden mit Mitteilun-
Die Herweghs.
Eine rechtsrheinische Geschich'.c von L i e s b e t Dill.
48. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Sein Rachfolger begrüßte Herwegh gleich als alten Bekannten. Er hatte ihm einmal eine Beleidigungsklage gegen einen Kollegen geführt. Wer kannte Herwegh nicht!
Gegen diese Verbrüderung konnten selbst die schneidigsten Assessoren .nichts ausrichten. Der dritte Wärter hörte „zu gern Musik". Sein Sohn war „auch Geiger". Man hatte Herwegh die Geige entzogen. Es war nicht üblich, dah Unter» suc^rngsgesangene sich mit Musik vergnügten, berichtete ihm der gemessene kleine Assessor, der den Untersuchungsrichter vertrat, es störte die Ruhe des Ortes und dann war man ja nicht zu sein Vergnügen ,hier, sondern um sich zu sammeln. Und Herr von Herwegh bedurfte sehr der Sammlung. Die Klagen häuften sich auf den Tischen der Untersuchungsrichter. lyZichtige Zerrgen muhten erst gesucht werden, Fräulein Mütter-Güth war noch in Amerika und kam erst im Oktober zurück.
„Sie müssen sich in Geduld fassen."
Da Herwegh diese bleierne Stille der Zelle einfach nicht mehr ertrug, durchmaß er den Raum stundenlang mit langen Schritten und fang laut vor sich hin.
Operettenmelodien, Oratorien, was ihm gerne einsield, Lieder von Brahms und Balladen. „Dein Schwert, wie ist's von Blut so rot, Edward." „Wie uff em Theater," sagten die Wärter: einer nach dem anderen kam an seine Tür geschlichen, um zu lauschen Die Referendare mit ihren Mappen hielten erstaunt inne, „war das nicht Herweghs Stimme Wahrhaftig, nun, der veränderte sich auch nicht".
Während er fang, dachte er an ein großes dunkles Schlafzimmer, das er einmal als Junge allein bewohnt, und in dem er sich des Abends die Angst dadurch zu vertreiben suchte, dah er
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 29. November (922 «ui «i ■" m—rrTT-Trr--“T‘Tf-T-rrT—r——"—
gen versehen, auf Gruird deren sie den Fall in febr schiefer Weise im Landtag zur Sprache brachten: Wer hat ihnen das Material gegeben, das so halllos war, dah es größten-- tells nachher in der Untersuchung ausscheiden muhte?
Ich gehe nicht gern auf Persönliches ein; aber Klarstellung ist nun einmal notwendig. Gesagt habe ich, dah ein Lehrer bemerkt haben will, dah Schüler verbotene Abzeichen trugen und dah er dein Direktor keine Mitteilung gemacht, also keine Gelegenheit gegeben haste, ein u- schreiten. Herr Prof. Weihgerber bemerkt dazu, dah das ein anderer Herr gewesen sei als der, ben ick im Auge gehabt haben sott, und dah dieser dem Direttor Anzeige gemacht habe Gewih, dieser andere Herr hat dem Direktor Anzeige gemacht und — der Direktor hat daraufhin sofort energisch für Beseitigung gesorgt. Das letztere vergeht Herr Prof. Weihgerber hinzu-.ufügen. A.er wenn dem Direktor der Vorwurf gemacht wird, er habe das Tragen verbotener Anzeichen gebuloet, fo muh ja tvohl noch an andere Fälle gedacht fein, in denen der Direktor feine Mitteilung erhalten bat. Auf solche Fälle bezog sich ja auch jene Bemerkung des Direktors, die etwa so gelautet hat: „W e n n jemand angibt, daß ich nicht ge^en das Tragen verbotener Abzeichen eingeschritten sei, ohne daß er mich vorher darüber verständigt hatte, so ist das gemein und heimtückisch." Diese Bemerkung wird ihm nun von Prof. Weihgerber als Beleidigung eines Kollegen ausgelegt. In dieser Auslegung wird ihm kein gerecht Denkender folgen. Direktor Schnett hat niemanden beleidigt, wenn niemand jenes von ihm gekennzeichnete Verfahren, das allerdings nicht scharf genug charakterisiert werden könnte, angewandt hat.
Genug von diesen Dingeri. Ich muh ja noch auf die Fälle zu sprechen kommen, die für die Versetzung Dr. Schnetts entscheidend ober nicht entscheidend gewesen sind. Ich habe allerdings nicht alle Anschuldrguugen aufgeführt, weil ich kurz sein wollte. 2Iber ich habe gesagt, dah noch die eine oder die andere ähnliche Angelegenheit m'tt- gesprochrn habe. Einige hat Herr Prof. Weiß- gerber aufgezähll. Meine Absicht war, zu zeigen, wze es gemacht worden ist. Dazu beleuchtete ich die Geringfügigkeit, ja Richtigkeit dieser Qlnflagen. Die Leser der Erwiderung Prof. Weißgerbers werden wohl wie ich den Eindruck gehabi haben, dah seine Ergänzungen eine glänzende Bestätigung meiner Ansicht darstellen, dah cs sich um toin» z ige, kün st lich auf g eba us ch te, unzu lä s- sig äu Dr. Schnells ünguiiften gedeutete (meist mißdeutete) Einzelheiten handelt. Den Schulen war offiziell eröffnet, dah sie antisemitischen Vereinigungen nicht angehören dürfen. Dah die Sonderverfügung betr. der deutschen Iugendgemeinschäft den Schülern ausdrücklich mit- zuteilen sei, war nicht angeocdnet; cs tonnte sehr wohl als nicht notwendig beurteilt werden. Die Rede eines Lehrers bei der Totengedenlfeier war leine Revancherede, das hat sogar der sozialdemo- kratische Abgeordnete Kaul im Landtag zugegeben; dah darin auf den Tag der Freiheit hingewiesen wurde, war wahrhaftig fein Anlaß, einzuschreiten. Die Angaben Prof. Weihgerbers über die Lehrerkonferenz sind schon in der Formulierung ganz ein- feittg. Dtt: sogenannte „Beleidigung" ist bereits oben besprochen. Wollte ich auf dreien Punkt näher eingehen, so mühte ich den Inhalt des erwähnten, von Lehrern der Anstatt unterzeichneten Schriftstücks, in dem diese ihre Stellung zu einem Kollegen dartaten, klarlegen. Wird es verlangt, so will ich's tun; ich meine aber, es wird schonender für die Gegenseite sein, wenn es unterbleibt. Aus dieser Sache dem Direktor einen Vorwurf zu machen, ist m. E. nur daim möglich, wenn man ganz und gar Partei gegen ihn ist. Alles Winzigkeiten, Mißdeutungen, mühselig zusammengesuchte, künstlich gewendete Anschuldigungen!
Warum ich Dinge erwähnt habe, die nachher bei der älntersuchung ausschriden ? Also die Fahnengeschichte und die Aufsatzgeschichte? Weil diese Dinge gleichfalls als Anklagen gegen Dr. Schnell verwendet worden sind, weil sie also ch a r a 11 e= ri st ischdafürsin d, wieesgem achtworden ist. In der schon genannten sozialdemokratischen Versammlung in Giehrn und im Hessischen Landtag sind solche Anklagen kräftig vorgetragen worden. Wieviel Raum die Aufsatzgeschichte im Landtag eingenommen hat, zeigt der stenographische Sitzungsbericht. Die betreffende Stelle des Schüleraufsahes ist dort vom Abg. Kaul verlesen worden. Ich habe dort in dem Sinn erwidert,
laut Kirchenlieder sang. Zuweilen stand er am Fenster unbeweglich wte eine Statue, die Hände auf der Fensterbant, und sah zu den Taunushöhen herüber. Dort lag ein grüner Schimmer über der Welt. Dort ging vielleicht jetzt Grete spazieren in einem Hellen Sommerkleid und bem groben weihen Federhut. Heute war Dienstag, „ihr Tag" im Königlichen mit Mama, Mittwochs hatte sie „Äurgarten", Donnerstags „Rhei .schi f" und Freitags war Whistkränzchen und er sah die Damen an Fräulein Schmidts weihgedecktem Tisch mit ihren Häkelarbeiten, und die Generalin erzählte von dem Srlerschen „Jour". Er sah die vergnügte Tafelrunde bei seiner Mckma, horte das behagliche Lachen des Generals, draußen braute der Rebel, und auf dem Bahnhof pfiff die Lokomotive, die jeden Abend nach dem blauen Taunus fuhr. *
Es wurde Herbst. Im Hof entblätterten sich die mageren Akazien und es regnete. Eintönig grau» Sage folgten, an denen er nichts horte wie den Regen rauschen und zuweile,! das Rasseln des Schlüsselbundes eines Wärters, der das Essen brachte. Es war ihm, als ob alle diese Tropfen nicht vor dem Fenster auf das Blech, sondern auf seinen Kopf fielen. Tropf, tropf. Er summte das zweite Chopinsch» Prslude vor sich hin. Tropfen auf einen Sarg. So was muhte man doch auch schreiben können, es war wahrhaftig kein Kunststück. Eine Geschichte aus dem Mittelalter tauchte ihm auf. von einem politischen Verbrecher, den man in einem leeren Brunnen gefangen hiell, von dessen steinernem Rand unablässig ein Tropfen auf den Kopf des älnglücklichen fiel. Immer auf dieselbe Stelle, bis er wahn- finnig war.
Man Beschuldigte ihn plötzlich, er habe als Primaner aus dem Schreibtisch seiner Mutier Geld entwendet. Die Diebstahlsgeschich e beschäftigte die Richter. Er sollte einen Schmuck, der zur Aufbewahrung in seinem Safe gelagert Halle, für andere Zwecke verwandt und den Bureau- Vorsteher, der darum wußte, enturssen haben. Herwegh sagte kein Wort zu seiner Verteidigung,
dah Schnett wegen dieses Aufsatzes kein Vorwurf treffen könne. In diesem Punkt hat mir die Unter» suchung also glänzend Recht gegen Herrn Abg. Kaul gegeben. Aber — die Sache diente zur öffentlichen Stimmungsmache.
Herr Prof. Weihgerber fragt, wie es geschehen konnte, dah ich dieselben Dinge vortrage, die als bösartiger Klatsch in der Stadt verbreitet werden. Ich weih nichts von Klatsch in dieser Sache: ich weiß nur, daß, wenn jemand das erzählt, was ich vorgetragen habe, er vollkommen Richtiges erzählt. Ich weih auch, dah meine Mitteilungen unter großer Schonung mancher Gegner des Herrn Direktor Schnell geschrieben sind. Mir lag und liegt nichts daran, irgend jemanden anzugreifen. Ich wlll nur der Oeffentlichkeit Klarheit geben. Rnd zugleich wollte ich allerdings zeigen, toil so etwas gemacht wird. Daß ich's noch einmal sage: Irgendwelche Vorkommnisse, an die sich allenfalls vom Standpunkt des Schutzes der Republik ein mißgünstiger Kommentar anknüpfen läßt, werden in die Oeffentlichkeit lanciert — in eine sozial-- ihunokratische Versammlung oder Zeitung ober auch in den Landtag oder in alle zugleich - ; fo wird Stimmung gemacht und die Umleitung einer chlntersuchung herbeigeführt. Erweisen sich bann die meisten der anfangs vorgebrachten Anschuldigungen, wie in diesem Falle, als völlig haltlos, so f in bet sich nun doch Gelegenheit, nocy andere Singe, und seien es auch Jahre lang zurückliegende, vorzuörinaen: vielleicht wird auch ein von bem Angeschuldigter gesprochenes Wort durch ttlm- kehrung als Beleidigung aufgelegt; schließlich läßt sich mühsam ein Beschluß durchsetzen, der den An- gefeinbelea aus seinem Wirkungskreis reißt und ihn, weil er dieses Herausreihen selbstverständlich als Strafe empfinden muß, veranlaßt, lieber die Versetzung in den Ruhestand nachgusuchen. Das Ziel ist erreicht.
Um so ernster ist der ganze Vorgang zu beurteilen, als Herr Prof. Weißgerber einen ganz gefährlichen Satz ausspricht: „Das Edikt von 1920, das einen hessischen Beamten jederzeit zu entlassen oder in bea Ruhestand zu versetzen gestattet, ist formell noch nicht aufgehoben." Ein Ediktdie- s e s Inhalts existiert nicht, kann gar nicht existiere n. Denn ein „Edikt" kann nicht gesetzliche Rechte der 'Beamten umstohea. Ein Edikt int Volksstaat Hessen! Vkan Senfe! Aber schon daß ein hessischer Beamter behaupten kann, ein solches Edikt bestehe, ist ganz bedenklich, zumal im Zusammenhang mit diesem Fall.
Ich will meinen zweiten Aufsatz zur Sache mit denselben Sätzen schließen wie den ersten. Gewiß, Wiederholung macht Falsches nicht richtig. Aber sic prägt Richtiges — undjeneSütze wie meine ganze Darstellung waren richtig — noch fester ein. Und so mögen sie nochmals hier stehen:
Mit Sorge sehen wir, die wir das 'Beste des hessischen Staates wollest, was hier gefdrehen ist. Daß unsere Oberrsalschule ihren trefflichen Direktor verliert, ist schlimm. Schlimmer ist die Art. wie man ihn ihr genommen hat.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 29. Rovember 1922.
Die Stadtverordneten Sitzung am nächsten Freitag nachmittag 4 ttlhr wird sich mit folgender Tagesordnung beschäftigen:
Einführung und Verpflichtung des Stadtverordneten August Schwan. — ümiDinblung der Daukostenvorschüsse in eine hypothekarisch zu sichernde Anleihe für die Wohnbau Zkolonie der Baugenossenschaft an der Licher ©trabe. — Beitrag zu den Kosten der Forstverwallung 1921. — Voranschlag der Höheren und Erweiterten Mädchenschule für 1923. — Bauliche Herstellungen im Schulhaus Reustadt. — 'Benutzung zweier Konfirmandensäle im Hause Kirchstrahe 9 durch die Mädchenschule. — Vertrag mit der Mütter- schen Badeanstalt über die Benutzung durch die oberen Klassen der Mädchenschule — Beschaffung von Küchengerätschaften für die Einrichtung einer zweiten Küche für die Madchmsortbildu grschu'e. — Beschaffung von Stoffen für Ülnterrichtszwecke der Mäbche fortbildungZschale. — De chasfung von Einr ich ungsgegen ständen für die gewerbliche Fortbildu rgsschule. — Vergütung für .bi? Bc- rutzung sowie für Reinigung der Räumlichkeiten im Äaufmänn scheu Vere nZhauZ für Volks- u ;b Fortbildu rgsschulHwecke, — Erhöhung der Vergütung für Reinigung und Heizung des Schul
er lächelte nur, wenn sie neues Beweismaterial anbrachten. Der Prozeß war schon zu einem solchen Aktenbündel angeschwollen, daß es in keine.Ledermappe mehr hineinging.
Herwegh hatte sich Schreibzeug bringen lassen, um seine Erleb risse niederzuschreioen. Jetzt hatte er ja Zeit. Aber es fanb sich, bah er gar keine Erlebnisse hatte, denn daß er in Oftrowo als Sohn eines Infanteriemajors geboren war, in München Iura studiert, sich mit Grete Kollin verheiratet und eine Reise nach Italien gemacht hatte, war nichts Außergewöhnliches, und er konnte auch die älntersuchungshaft nicht übergehen. Aber diese Zdit wollte er aus seinem Leben streichen
Er bat um 'Rotenpapier. Eine Fuge spulte ihm im Kops über das Thema „Wachet auf, ruft uns bje Stimme," in tts-Dur. „Jetzt schriest er sogar Rote," sagte der Wärter zu bem geschniegelten Referendar.
Er sah über bem „Tanz der Erinnhen", aber bei bei Dallettszene kam er nicht weiter, da er wieder den Druck auf bem Köpfe fühlte. Ls war, als würben bort Rägel eingeklopft. Er setzte sich auf seinen Bellranb, zählte den Puls, unb bei jedem Blutstoß dachte er, jetzt kommt wieder ein Ragel in meinen Schädel.
Er fühlte nichts mehr wie diesen Schmerz. Er schloß die Augen, farm über fein begonnenes Ballett nach unb wartete auf die Sonne, die jeden Abend zu ihm kam. Es war das einzige Licht an diesen trüben herbstlichen Tagen. Unb dann kam auch sie nicht mehr, es war Rovember. Dafür kamen um so mehr Briefe an ihn, meist geschäftliche Nachzügler, die sich hierher verirrten und die er uneröffnet toieber zurückgehen ließ. Die mit her verstellten Schrift öffnete er mit Vorsicht. Man schrieb ihm, er würde zu Zuchthaus verurteilt und möge seine Verteidigungsrede danach einrichten, er müßte das Mißtrauen besiegen. In „den Augen der Welt" stände er rein da. Das waren diejenigen, die kein Geld bei ihm verloren hatten. Andere überhäuften ihn mit Vorwürfen. Don solchen Briefen las er nur die elfte Zeile und zerriß sie.
raum8 im Israelitischen Gemeindehaus. — Kredit- bewilligung für Go.,nerbö ,ung der städtischen Arbeiter. — Kreditoewittigu.rg für die Fcu^rVersicherung des Schulinoe.rtars. — Bewilligung eines Kredits für Verlängerung des Kabels in der Crednerstraße unb im Mittelweg — Erhöhung des Jahresbeitrags an den Bezirksarbeitgeber- Derband. — Bewilligung eines Zuschusses für den Wasserverbrauch des Volksbades. - Gewährung eines zinslosen Darlehens an das Gießener Dolksbad. — Gesuch £er Demokratischen Partei und anderer um Bewilligung einer Vergütung zu den Kosten für den Druck der Stinim- zettel bei den S:adtoerorbnetenwa len. — Ausführung des Reichsmiete ngesetzes. a) Beschlußfassung über die Einrichtung von Hauskonten. b) Ortssatzung über die Einrichtung von Hauskonten. — Baugesuche: a) Errichtung einer Lagerhall: Schanzenstrahe 16—18; hirr: Befreiung von Bauvorschriften, b) Errich ung einer Stützmauer Rodheimer Straße 23. c) äleberbach- führuag der Brandmauer an bem Stallgebäud« Liebigstraße 77; hier: Befreiung von Bauvor- ichrrften. d) Bauvorhaben dec Eigenheim-Ba.r- genossenschaft für die 3 oering "trab 2 un) die Straße am Obstbaugrandstück süböst.ich der Kaserne; hier: Befreiung von Bauiorschristen. — Ge.uche um Genehmigung zur Trennung der Hofr?iten Roon- firaf’c.e unb Frankfurter Str. 123. — Errich ung einer Abhiheverwertungsanlage im Gas- unb Wasserwerk.—Erhöhu ig der Ge ü ren für Grä er auf bem Friedhof. — Erweiterung des Kredits für die Winterbeihilfen. — Darlehen an den Verein für Innere Mission zur Beschafsuig von Winterkartoffeln für die Herberge zur Heimat. — Bewilligung eines Jahresbeitrags an den Landesverband Hessen zur 'Bekämpfung der Geschlechtslrankheiten. - Erhö ung bcs Bei- trage für bei? Hess. Fürsorgeverein für Krüppel, Darmstadt. — Die Kosten für die Ausstellung bev Deutschen Hygiene-Museums, Dresden füt Bekämpfung der Geschlecht krankheiten. — Einführung der Hausier-Erlaubnisscheinpflicht. — Gesuche um Erlaubnis zum Schankwirtschasts- betrieb: a) des Karl Burhenne für Walllvr- straße b, b) der Anna Kurek für Steinstrahe 74, c) des Fritz Straßer um Erwuvnis zum Gastwirt- schastsbetiieb im Hause Klinikstraße 24. — Erhöhung der AuZgleich'sgebühr im Schlachthof. — Freihändige Vergebung von Arbeiten unb Lieferungen an die Firma Riedinger in Augsburg. — Mitteilungen.
'Ein sehr erfreuliches E rZ e b - n i s. Die Wohttätigkeitsveranstaltung, die von Mitgliedern unseres Stnbitheaterensem- bleS und von den Angehörigen der Ortsgruppe Gießen des Deutschen Mustterverbandes zum Besten des Gießener Hilfswerks für Klein-« rentner und verschämte Arme am 13. Rovember Im Stckdttheater gegeben wurde, hat den stattlichen Reinertrag von 4 8 3 1 3 M a r k erbracht. Alle Mitwirkenben stellten sich im Interesse des guten Zweckes bekanntlich unentgeltlich zur Verfügung. tTchnen und namentlich dem Organisator der Veranstaltung, Herrn Rich. Hellbvrn, gebührt der Dank der Oeffentlichkeit.
** Oberhcssi scher Geschichtsver- ein. Die Reihe der Winterveranstaltungen eröffnete Badearzt Dr. Martin- Dab-Rauheim mit seinem Vortrag über die Geschichte des Babewesens in Mitteleuropa von be r Urzeit bis zur Geg enwa rt. Als Grunblage seiner Ausführungen zeigte der Redner im Lichtbild eine überraschende Fülle meist zeitgenössischer Darstellungen, die er in rastlosem Bemühen an oft sehr entlegenen Stellen, überwiegend aus alten Handschriften unb Drucken, gesammelt hat. Abgesehen von dem Sonder- intcreffe, bas den Bildern als Zeitdokumenten, mitunter auch als Kunstwerken, zukam, axiren sie vorzüglich ausgewählt gerade für ihre Hauptaufgabe. die wechselnde Bedeutung des Bade- wesens zu veranschaulichen, das in seinen verschiedenen Erscheinungssarmen zugleich als ein Gradmesser der Gefamtkultur gelten darf. Die Reinigungs-, Heil- unb Mobebäder, das Damps- unb bas Heißluflscha>itzbab, fast immer verbunden mit Fußbad, Massage und Sch.b, das Leben und Treiben in den Heilbädern, zumal in den Modebädern, das allmähliche Auskommen des Seebades unb bet Solbäder — das alles wurde aussühr lich bärgest eilt -und begründet. Die Fülle
TLlTWHi | i — I u r । Ist TTrnoi ac
Gin verabschiedeter Buchhalter, der mit Gott und der Welt und den in ihr vorhandenen Gesetzen verfallen war, setzte ihm audeinanber, wie er in.seiner Verteidigungsrede die blöde Menge von seiner Schuldlofigkelt überzeugen sollte und versprach ihm, sich bei ihm einzusinden, sobald er den Schagen des Klassenstaates entronnen sei.
Das Publikum, das mit üngebulb auf die Verhandlung wartete, begann die lange Haft Herwegs)» ungerecht zu finden. Dec Tag der Verhandlung war auf den zwanzigsten Dezember festgesetzt, aber er mußte der Influenza wegen verschoben werben, welche in der Stadt herrschte, die meisten Richter waren erkrankt. In diesen Tagen wurde seine Scheidung ausgesprochen
Herwegh nahm die Rachricht gefaßt entgegen, ohne ein Zeichen der Teilnahme. Er hatte es kaum anders erwartet. Ein rein äußerliches Band hatte ihn mit Grete noch zusammei-lgefalten. Es zerfiel mit soviel anderem. Weihnachten! Die Sträflinge erschienen in langen Kitteln mit rasierten Kopsen und nahmen auf den Bänken in bem großen weißen, kühlen Saale Platz, ter mit Tan- nengtün geschmückt war. Auf te;t hohen Bäumen brannten ein paar dünne Kerzen, der Geistliche sprach eindringlich zu den hartgesottenen Sündern, und Herwegh spielte Harmonium. Feierlich unb erhaben schwebte das alte Weihnachtslieb durch ben Saal. „Es ist ein’ Ros' entsprungen." Die Sträflinge fangen es mit ihren rauhen, ungleichen Stimmen, geführt von Herweghs weichem, klarem Tenor. Für ein paar ©tunbera hatte er alles andere vergessen.
Er erhielt mehrere Blumensträuße und einen gemalten Wandspruch, auf welchem Lilien und Seerosen goldgdruckte Worte umrahmten: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Eine kleine ältere Dame hatte ihn in der Dämmerung einem Torwärter übergeben. Erne Unbekannte bot ihm Geldmittel an, „zur Flucht", man schickte ihm einen Rapskuchen, in dem eine kleine Drahtsäge eingebaden war. Dieser Kuchen fiel bem Untersuchungsrichter in bie Hände.
(Fortsetzung folgt.)


