Einzelbild herunterladen

Nr. 150

Erscheint täglich, nutz« Sonn» und Feiertags, mit derLamstagsbeilage: GiebenerFamilienblätter Monatliche vezugspreife: Mk. 20. und Mk. 2. Trägerlohn,durch diePost Mk. 22., auch bei Nicht­erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt. Fernsprech- Anschlüssr: für di« Schrift- leitung 112; für Verlag und' Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Eiehen.

Postscheckkonto: gfonffnri a. m. 11686.

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Donnerstag, 29. Juni 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vnick und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuchr und SteindruSerel R. Lange. Schristleitung, Selchästtftclle und Druierel: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bl« zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen o 34 mm Breit« örtlich 150'Pf.auswärts 180 Pf.; für Reklame» Anzeigen von 70 mm Breite 500 Pf. Bei Platz- Vorschrift 20"Außchlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen leü: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gietzen.

Der Ernst der Stunde.

Don Prof. O. MartinSchian, M. d. L.

Wir leben in einer bitterernsten Zeil. Die gegenwärtige Stunde aber trägt ganz beson­ders schweren Ernst in sich. Der furchtbare Mord an Rathenau, die tief beklagenswerter Dienstag-Ereignisse in der hessischen Landes­hauptstadt wirken wie Blitze in dunkler Ge­witternacht. Gewalt hier, Gewalt dort. Wohin soll das führen? Soll das deutsche Doll, von Feinden, umdrängt im Weltgewoge mir noch mit größter Mühe sich behauptend, durch Selbstzerfleischung vollends zu gründe gehen? Wird nicht endlich die Selbstbesinnung zum Siege kommen?

Gewalt ward an Rathenau geübt. Ge­meinste. roheste, verabscheunngswürdigste Ge­walt. Wir fragen uns entsetzt: Wie war das möglich? Die Täter sind nicht bekannt. Man sollte wohl etwas vorsichtiger urteilen, als die meisten getan haben: ist eS wirklich aus­geschlossen, daß «in Ausländer die ruchlose Tat begangen hat? Die Beschreibung, die der ein­zige Zeuge, der wesentliches zu sagen wußte, von dem einen der Täter gegeben hat, scheint fast auf einen solchen zu deuten. And man fragt unwillkürlich: Wie kann ein Deutscher eine solche sinnlose Antal verüben? Dennoch wer wollte die Möglichkeit leugnen, daß auch deutsche Gehirne diese Tat des Wahn­sinns aushecken konnten? ES gibt wohl fana­tisch überhitzte Menschen, das Herz voll wo­gender Leidenschaft, den Kopf voll unklarer 3Dcen. neigend zur Maßlosigkeit im Reden und Handeln, die da glauben mochten, wenn sie einen Minister der Republik mordeten, das System" zu treffen. Wir schaudern zurück nicht bloß vor der Gesinnungsroheit, die den Mord nicht scheut, sondern Mich vor dem fürch­terlichen Maß politischer Torheit, nein: po­litischen Wahnsinns, der das Denken solcher Menschen bestimmt. Es ist jo kein Zweifel, daß niemand in diesen Zähren dem deutschen Dalerland schwereren Schaden getanhat, als die Mörder Erzbergers und RathenauS. Die- mand hat mehr den GesundungSproezh gestört als sie; niemand mehr zur Aufwühlung der Leidenschaften beigetragen, als sie. Fluchwür­dige, sinnlose, hirnverbrannte, wahnsinnige Derbrechen begingen sie.

Nichts könnte das deutsche Dolk schlimmer treffen, als wenn solche Wahnsinnstaten sich wiederholten. Darum muß jeder Besonnene seine Stimme erheben und warnen, warnen, warnen. DeS Einzelnen Stimme reicht nicht weit. Auch meint wohl jeder, daß die Aeber- zeugung von dem fürchterlichen Wahnsinn sol­cher Tat schon ohnedies allgemein sei. Run, und sei eS nur, weil der Ernst der Stunde mich drängt, es irgendwo auszusprechen: wer einen politischen Mord begeht, der verfällt von der Schandbarkeit der Tat ganz abgesehen unserer Derachtung als ein Tvllkopf, der politisch nicht zwei Zentimeter weit sieht, als ein Verräter am Wohle des deutschen DolkeS.

Zum Mord an Rathenau kamen die Darmstädter Vorgänge. Darmstadt, das Hessenland, ist ich spreche aus genauer Kenntnis der Dinge ' nur gerade noch im letz­ten Augenblick durcb eine Kraftanstrengung der Polizei, die bis dahin ohnmächtig gewe­sen war, vor einem politischen Morde be­wahrt geblieben. Gott sei Dank, daß wenig­stens dies gelang! Die Antaten aber, die ge­schehen sind, sind genau so sinnlos wie der un­selige Mord an Rathenau. Zwei Männer sind betroffen worden, die am Mord an Rathenau so viel Schuld haben wie der deutsche Staats­bürger am Ausbruch eines mittelamerikani­schen Vulkans. Führer einer Partei sind eS, die niemals, auch nur mit einem halben Wort, polittsche Gewalttat gebilligt haben; einer Partei, die sich auf den Boden der Wei­marer Verfassung gestellt hat und die ihre Be­reitschaft zur loyalen Mitarbeit im Rah­men des heuttgen Deutschen Reichs oft deutlichst ausgesprochen hat. Ja, sie hat diese Bereitschaft in anderen Bundesstaaten sogar betätigt. Sie ist seit Jahr und Tag an der preußischen Regierung beteiligt; ge­fährdet sie dort etwa die Republik? Auch in Hessen gingen bis in die letzte Zeit die Ver­handlungen über chre Beteiligung an der Re­gierung; nicht am ehrlichen Willen der Deut­schen Dollspartei zur Mitarbeit sind sie ge­scheitert. Diesen Männern tut man Gewalt an! Am Rathenau zu rächen? Schuldlose greift man an, well die Schuldigen nicht zu fassen Wahnwitz! Sollte es irgendeinen Denkenden sind? Sinnloser Fanattsmus! Hirnverbrannter geben, der anders urteilt? Wir dürfen doch wohl annehmen, daß r.Yc Besonnenen, alle anständig Denkenden -uese Schandtaten nicht minder verurteilen, den Mord an Rathe­nau? Dann sollen alle das so deutlich sagen, wie es verlangt werden kann. Dann soll nie­mand beschönigen und vertuschen. Alle, das

ganze Doll, soll zu den Tätern dasselbe sagen, was ich oben zum Rathenau-Mvrd gesagt habe: Richt nur Verbrechen, sondern Wahn­sinn! Schändung der deutschen Republik, um so mehr, als die Taten nach einer Kund­gebung für die Republik erfolgten! -

Och nehme hier nicht das Wort, um Schuldfragen aufzuwerfen oder irgend jemand anderen anzuklagen als die Täter allein. Es wird ja von allen diesen Schreckenstaten noch viel die Rede sein müssen. Mir liegt in dieser Stunde an etwas ganz anderem. Das möchte ich sagen: Sv kann es nicht weitergehen! Sonst m u ß ja Deutschland zugrunde gehen. On zahl­reichen öffentlichen Reden im Hesienland habe ich in diesen Jahren ausgesprochen, daß Deutschland vor allem Ruhe braucht, der Stteit um die Versassungsfvrm darf es nicht in feindliche Lager spalten. Wer Deutschland lieb hat, der muß jetzt in dem Rahmen Mitarbeiten, den die Weimarer Verfassung gezogen hat. Wie ich das oft gesagt habe, so wiederhole ich es hier als meine tiefernste Aeberzeugung: diesem Deutschen Reich muß unsere Arbeit, unsere Treue gehören. Auch wir, die wir das alte Deutsche Reich geliebt haben mit allen Fasern unseres Herzens, müssen jetzt der Gegenwart und der Zukunft dienen. Zukunft aber kann Deutschland nur haben, wenn es gesund wird. Gesund werden kann es nur durch Jahre ruhi­ger politischer Entwicklung. Wehe jedem, der diese Entwicklung durch Gewalt ftört! Wehe jedem, der die deutsche Ehre durch schändliche Taten beschmutzt! Ein ruhiges, geordnetes Staatswesen brauchen wir, in dem ein jeder in Frieden seiner Arbeit leben kann, in dem jeder, unbeschadet seiner sonstigen politischen Aeberzeugung, mit dem anderen eins ist in der Hingabe an das Vater­land, jeder aber auch in diesem Rahmen srei seine Meinung äußern kann. Verpönt sei für alle Zetten jede Gewalt gegen polittsche Gegner!

Wie gegen polittsche Gegner, so soll auch gegen Symbole und Zeichen des Reichs jede Mißachtung, erst recht jede Gewalt ausge­schlossen fein. Auch in Gießen sehen wir jetzt mehr als bisher die schwarz-rot-goldeneFahne. Was viele bei ihrem Anblick empfinden, wissen wir. Auch meine Ansicht ist, daß der Wechsel der Farben ein schwerer Fehler war. 2lber der Wechsel ist geschehen, die Verfassung hat ihn feftgelegt. Sv darf kein Deutscher dieser Fahne seiner Achtung weigern, auch der nicht, dessen Herz an den alten Farben hängt. Diese Farben sind nun einmal die gesetzlichen, ver­fassungsmäßigen Farben des Deutschen Rei­ches, zu dem wir gehören und dem wir dienen. Es darf innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs selbstverständlich nicht geschehen, daß diesen Farben Anglimpf widerfahrt. Das ge­hört zu dem loyalen Sicheinfügen in den Rah­men des Reichs, in dem wir leben.

Wie so die zur Rechten das Gebot der Stunde achten müssen, so müssen es auch die zur Linken tun. Selbst in der Erregung der Zeit ist das heilige Pflicht. Alle müssen am gleichen Ziel arbeiten. Keiner darf ausgenom­men sein. Achtung vor der Aeberzeugung des Gegners muß in jedem Herzen leben.

Tief traurige Dinge sind geschehen. Ent­setzlich, dieser Mord an Rathenau! Sinnlos in jedem Bettacht! Furchtbar, diese Vor­gänge in Darmstadt! Sinnlos in jedem De- ttacht? So darf, so kann es nicht weiter gehen! Sonst geht Deutschland am Wahnsinn zugrunde. Richt Selbstzerfleischung darf die Parole sein, sondern gemeinsame Ar­beit im Rahmen des Gesetzes, im Rahmen der Verfassung!

Der Ernst der Stunde nötigt mir dieses ernste Wort auf. Möge es ernste Leser finden! gu den Vorgängen in Darmstadt.

Darmstadt. 28. Zuni. Die Wolfsmeldung, daß der Zustand des Abg. Dingeldey lebens­gefährlich ist, bestätigt sich in erfreulicher Weise nicht. Man hofft, daß er in einigen Tagen wieder arbeitsfähig sein ttnri). Die Deutsche Dolks- partei hat gestern abend noch fol­gende Telegramme abgesandt:

Reichskanzler Dr. Wirth-Ver- l i n. Infolge Aufrufs sozialdemokratischer Presse heute in Darmstadt große Versammlung von So- zialdcmotraten, Zentrum und Demokraten. An­schließend Demonstrationszug und Sturm aus rechtsstehende Zeitungen. Plünderung der Wohnung des volksparteilichen Abgeord­neten Dfann: Mißhandlung des Volkspartei- fübrers Dingeldey. Derselbe im Zuge mit­geschleppt sollte ermordet werden und wurde nur in letzter Minute befreit. Schutzpoli­zei von hessischer Regierung zu schwach eingesetzt, um nicht zu provozieren", war stellenweise un­entschlossen im Vorgehen, soll auch teilweise in Zivil an Kundgebungen beteiligt gewesen sein. Ern Demonstrant getötet. Was gedentt Regierung zu tun, um das Bürgertum nicht vogelfrei zu machen? Oder ist der AufrufFeind steht rechts" Arsache solcher unerhörten Vorgänge?"

..ReichstagsabgeordncterStrese- manu. Heute in Darmstadt im Anschluß an

Protestkundgebung von Sozialdemokraten, Zen- | t rum und Demokraten unerhörte Vorgänge. Go- zialistenblatt hatte Mobilmachung proklamiert und I Entfernung alter Hoheitszeichen verlangt. An­schließend Demonstrationszug und Verwüstung der Wohnung von Osann. Sturm auf bürgerliche xLeitungen, Beschädigung der Maschinen. Dingel- dey gewaltsam fortgeschleppt, mißhandelt und am Kopf verwundet. Sollte am Galgen auf- gehängt werden und ist nur in letzter Minute befreit worden. Einige Arbeiter unter Einsatz des Lebens bemüht. Aeußerstcs zu verhüten. Schutzpolizei auch von hessischer Re­gierung nur schwach eingesetzt, um ..nicht z.i provozieren", hat mir in äußerster Rot geschossen, ein Toter Schutzpolizei wenig zuverlässig, soll teilweise in Zwil an Kundgebung teilgenommen baten. Große Aufregung dauett fort. Bitten dringenden Protest gegen Vergewaltigung des BürgertumsI Reichskanzler ist benachrichtigt vom Erfolg feines Rufes, daßFeind rechts steht" Bttten Eie, Dr. Becker fofort in Kenntnis setzen."

Die Scene im Finanzausschuß.

4- Darmstadt, 28. Zuni. 3n der heu­tigen Sitzung des Frnanzaisschas- scs des Landtages sind die gestrigen Tu­multe besprochen worden Von der Deitschen Vollspartei erschienen die Abgg. Dr- Osann und Dingeldey (dieser sich sichtlich mühsam aufrecht erhaltend» in Begleitrng der Abgg. Scholz und S ch i a n. Die Anwesenden hatten sich erhoben, um den Herren ihre Teilnahme zu tekrnden. Abg. Dingeldey ergriff das Wort und lehnte jede Entgegennahme einer Teil nähme ab, so lange ihnen und der Deutschen Dolkspartei nicht volle Genugtuung geworden ist. Er schildert eingehend die ihm angrtane ungr^ heu erliche Schmach. Daraus ergab sich, daß er nur im letzten Augenblick aus dringend st er Lebensgefahr durch die blaue Polizei gerettet werden konnte Hierbei stellte er richtig, daß die schamlose Haltung der Frankfurter Zeitung, wonach er aus einem Schrank hervvraezogen worden sei, erlogen ist, daß er vielmehr der wütenden Menge, die sich nicht zurückhalten ließ, cntgegei^etreten fei Gr ließ der blauen Polizei volle Anertennung 'widerfahren, richtete ater gegen die Regieruno den Vorwurfs üaT> sie ine nötigen Schutzmatznahiuen unterlassen habe: dies, obwohl sie wußte, daß der Aufruf ßu gemeinsamen Deuronstrationen der Linken, der Demokraten und des Zentrums, der im Soz. Volks freund erschienen war, eine direkte Aufforderung zur Gewalt und zum Terror darstellte und ob­wohl ihr bekannt war, daß im Gewerk^ schaftshaus zur Plünderung der Häuser der Abgg. Osann und Dingel- dey und anderer Privathäuser und zur Zerstörung der Druckereien der rechtsstehenden Presse aufgesordert worden war.

Er stellte fest, daß der Dr. Strecker, früher Präsident des Landesamts für das Dil-- ungswesen, auf dem Marktplatz die Ramen der Abg. Dingeldey und Osann in Verbindung mit den Schuldigen an dem QHorte Rathenau^ absichtlich genannt und somit die Menge zu direkten Gewalttaten ausgehetzt habe.

Er stellte ferner fest, daß ein großer Teil der Schutzpolizei zur Teilnahme an dem Amzug beurlaubt war, daß die Regierung den Einsatz einer stärkeren Truppe, die von der Polizei- direklion verlangt war, abgelehnt bat.

Er stelllte weiter fest, bab die Verantwortung an den entsetzlichen Vorgängen demnach die Re­gierung und die Parteien, die sich beteiligten, rücksichtslos und unmittelbar treffe. Ein solches Verhalten müsse mit vollem DÄmcht als Pflicht­vergessenheit gebrandnrarkt werden.

Abg. Dr. Osann ergänzte die Schilderungen, indem er yn Bild von den schauerlichen Ver­wüstungen seines Hauses entwarf. Gr verlangte, daß die Mitgli^>er der Regierung sich persönlich hiervon überzeugen. Er geißelte in leidenschaftlichen Worten die Schamlosig­keit der Meldung der Frankfurter Z e i t u n g die mit Wohlgefallen von derR ä u- mung der Wohnung" des Abg. Dr. Osann und von demSpießrutenlaufen des Abg. Dingeldey" berichtet hat. ®r beschuldigte inste- sondere die Sozialdemokraten, daß sie durch ihre maßlose Hetze die Verantwortung an den Vor­gängen tragen Ater auch Demokraten and Zen­trum tragen an der Verantwortung mit, daß sie ebenfalls zur Demonstration aufgeförtert haben.

Es ist interessant, daß M i n i st e r v. Bren­tano mit Enttüstung dagegen protestierte und er­klärte. daß der Rame des Zentrums ohne dessen Wissen unter die Einladung gesetzt wurde.

Die Abgeordneten der Deutschen Dolkspartei verließen nach ihren Worten sofort den Finanz­ausschuß unD werden an den Arbeiten tesselbsr sich erst wieder beteiligen, wenn ihnen volle Ge­nugtuung geleistet ist.

Die Schreckenstaten des Pöbels.

Meter die Ausschreitungen in Darmstadt erhalten wir von dort folgende zuverlä Darstellung:

Ein Trupp Demonstranten zog nach der offiziellen Kundgebung der Parteien vor das Haus des Abgeordneten Dingeldey und wünschte ihn zu sprechen. Dessen Gattin er­klärte begreiflicherweise zuerst, daß er nicht zu Hause sei, als jedoch die Eindringlinge wei­terhin vvrgingen, trat ihnen Dingeldey mit ter Frage entgegen, was sie wünschten. Er wurde Darauf gezwungen, von einem Fenster aus zur Sttatze herab zu sprechen. Seine Verurtei­lung des Mordes an Rathenau und sein Be­

kenntnis für friedliche Weiterentwicklung In- nerhalb des republikanischen Staates genügten der Menge nicht; sie schleppte ihn auf d i e Straße, zwang ihm eine rote Fahne in Die Hand ij/rd führte ihn unter ständiger 2c- benSbedroh^ng und tätlichen Mißhandlungen im Zug durch die Sttaßen. Mehreremale wurde versucht, ihn Der Menge zu entreißen, er konnte minutenlang entschlüpfen, aber je- DeSmal ergriff die Menge Den aus vielen Wunden Blutenden, schlug weiter auf ihn ein und schleppte ihn schließlich auf den Markt­platz. Dort machteman tatsächlichAn- st alten, ihn aufzuhängen; in der letz­ten, bittersten Rot gelang es Der blauen Poli­zei, Dingeldey Der Mordbande zu entreißen. Zn den Häusern Der Abgeordneten Din- geldey und Osann diesen traf die Straßen- menge nicht zu Hause an - ist kein Etnrich- ttingsgegenftand mehr heil; alle Fenster fbiti zersplittert. Ebenso bieten die Räume ter ..Hessischen Landeszeitung" und desTäg­lichen Anzeigers" ein Bild außerordentlicher Verwüstung. BeimTäglichen Anzeiger" sind auch die Maschinen stark beschädigt worden. Rach Mitteilung ter Polizeibehörde kam bei den gestrigen Anruhen nur eine Person umS Leben.

Die Mörder Rathenaus gefunden!

Berlin, 28. Juni (WTD.) Dine amt­liche Mitteilung des Polizei-Prä siDiumS besagt, daß Der Mord an Rathenau aufgeklärt ist, nennt Die Ramen Der Mörder und gibt ihr genaues 6lg* nalemeut. Die Täter sinb Der Berliner Ernst Werner Techow, Der Sachse Fischer, auch Bogel genannt und Der Mecklenburger Knauer, auch Körner^ und Kern genannt. Alle Drei gehören Der Organisation C an und waren früher Angehörige Der VrigaDe Erhardt. Mehrere Der Mittäterschaft überführte Per­sonen würben bereits festgenommen.

Berlin, 28. 3unt (WB.) Amtlich. Aach- Dem die Abteilung I a tes Berliner Polizeipräsi­diums bereits am Dienstag den gxr Ermordung des Ministers Rathenau benähten Kraft­wagen ermittelt und im 'Berliner Polizei­präsidium fichergestellt hatte, ist es ihr jrtzt ge­lungen, die Mor! tat in vollem Umfange aif- zu klären tnd die Täter f e st z u st e 11 r n. Di« Täter sind:

1. Techow, Ernst Werner, 21 Zahre alt, tn Berlin gehören und zuletzt (n Berlm wohn­haft, 1.78 Meter groß, dunkelblond, gescheiteltes Haar, voller Mund, bartlos, r inten Kinn, ge- lunte, frische, gebräunte Gesichtsfarbe, schlanke Gestalt, Kleidung Trauer-Zackettanzrg, lange Beinkleider, weißer Filz Hut

2. Fischer auch Vogel genannt, mit Spitze namenPecheur" genannt, früherer Aufenthalts­ort Flöha in Sachsen, aus Ehemnitz, nicht älter als 25 Zahre, 1.75 Meter bis 1 78 Meter groß, hellblonde hohe Stirn, braune A^gen. Haken- nofe, spitzer Mund, bartlos, blasses, schmales, ater gesundes Gesicht, schlanke Gestalt, sächsische Mundart. Kleidung blauer, zweireihiger Sakko-' crnzug. gelbe Halbschche, gelter Regenmantel, weißer Halskragen, lange Krawatte.

3. Knauer, auch Körner und Kern ge*| nannt, gleichfalls nicht älter als 25 Jahre, 1.7L. bis 1,75 Meter groß, hellblond, hohe Stirn,' blaue Obigen, Sattelnase, bartlos, spitzes Kinn breites Gesicht, gebräunte gesunde Gesichtsfarbe, kräftige, breitschultrige Gritalt, Mecklenburger Dialekt, Kleidung: blauer zweireihiger Saüv- anzug, schwarze Stiefel, weißer Stehkragen, kleine- schwarze Krawatte, FilzHut.

Die Drei Genannten gehören der Organisation C an und waren früher Angehörige ter Briga-G Erhardt. Der unter 3 genannte Knauer lKör­ner, Kern) war während tes Kapp-Putsches der sogenannten Stabswache ter damaligen Kapp- schen Reichskanzlei tätig. Fe st genommen s7nd die drei Täter bisher noch nicht. Sie haben sich aus Berlin entfernt. Da sie nach den polizeilichen Feststellungen zur Zeit ter Tat nicht über große Geldmittel ver­fügten und auch keine Pässe besahen, ist damit zu rechnen, daß die Täter sich im 3nlante aus- balten. Fischer ist am Sonntag abend mit dem O-Zug 8,35 Uhr nach Halle abgefahren. Die beiden anderen haben vermutlich am Dienstag Berlin verlassen und sich nach Aorten zu be­geben.

Eine Anzahl weiterer Personen, die ter Mittäterschaft überführt ist. ist von ter Berliner politischen Polizei bereits verhaftet Wörtern.

Wie dieVossische Zeitung" von dem Leiter ter politischen Polizei, Oberregierungsrat Weiß, über die Ermittelung der Mörder Rathenaus er­fährt, verfolgt die Polizei seit Dienstag Rächt die Spur. In ter Rächt vorn Montag zum Dienstag wurde bereits im Westen 'Berlins ein Teilnehmerander Generalverschwö- rung verhaftet. Durch die Aussagen dieses Mannes und durch das Material, das man bei ihm sand, wurde die Polizei auf die Spur ge­wiesen. die sich dann auch als richttg heraus­gestellt habe.

In einer Unterredung mit einem Mitarbei­ter tes ,Derl. Tagebl." bezeichnet es Dr Weist,