Nr. <90
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Erster Blatt _ 172. Jahrgang
IietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
Samstag, 29. AprU 1922 Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 120 Pf., auswärts
Wochenrückblick.
Auf den innerpolitischen Fluren der deutschen Republik gedeiht nicht viel. Das Anzulängliche und Anhallbare drängt sich in vielen Gestaltungen als Ereignis hervor. Wir haben uns daran gewöhnt, bessere Erwartungen und erfreulichere Ziele zu vertagen bis ein außenpolitischer Lenz uns wieder erwacht. DaS muh auch die Sozialdemokratie zu- gestehen, wenn sie jetzt ihren e r st e n Mai feiern will, das) im Garten des ZukunftSstaa- teS noch nicht einmal die Anemone blüht und daß es ihr wie Mei in den Gliedern liegt, wenn sie den gewohnten Ruf erschallen lassen will: es lebe die internationale Sozialdemokratie! Innerpolitisch hat sie uns stark an der Weste gepackt. Aber wir sehen nichts Produktives, sondern nur die alten demonstrativen Versuche, nirgends Freudigkeit, wohl aber öfter Auswüchse, die mit wahrer Demokratie, Freiheit, Abstreifung bureaukratischer oder kleinbürgerlicher Fesseln wenig zu tun haben. Der republikanische Staat ist noch lange kein frischer und kraftvoller Organismus. Der Hessische Staatspräsident wollte das erdrückende Gleichmaß der Tage durch seine Initiative etwas beleben, aber sein Schul- erlaß für den ersten Mai zerbricht wie die Achse am Wagen. Als er der Mehrheit des Parlaments und Volkes damit zuwiderhandelte, hat er nicht nur den demokratischen Grundsatz, sondern auch das freie, unpolitische Empfinden Andersdenkender verletzt. Ein den Menschen gegen ihren Mehrheitswillen plötzlich aufgezwungener Feiertag führt nur zu Beunruhigung und Widerspruch. Er ist ebenso untauglich zur Kräftigung des sozialdemokratischen Parteigedankens wie die willkürliche Besetzung eines hohen Staatspostens mit einem Parteigenossen, dem die Voraussetzungen dafür fehlen. Der frühere Pressechef Bornemann wurde zum Ministerialrat ernannt durch Machtmißbrauch und Gewalt- spruch, und die Kammer wird sich mit Recht dagegen auflehnen.
Roch schwächer, gänzlich machtlos, zeigt sich die nach außen gerichtete, internationale Doktrin: Die Wellkonferenz von Genua entbehrt aller Mitarbeit und Anregung des Sozialismus. Die russischen Sowjetvertreter, die mit im Spiele sitzen, wurden nur als nationale Vertreter ihres Landes zugelassen. Herr Tschitscherin, ein Jünger der alten zaristischen Schule, bedient sich denn auch ausschließlich der alten, machtpolitischen Methoden. Aber wir setzen unsere Hoffnung gerade darauf, daß der Sieg r e a l p o l i t i - scher Vernunftsgründe unserem deutschen Volke wieder den Weg zu Freiheit und Wiederaufrichtung öffnen werde. Der deutsch- russische Wirtschaftsvertrag bedeutet durchaus keine Anerkennung bolschewistischer Leitsätze. Deutschland findet sich dabei nur mit der Tatsache ab, daß das russische Volk auf seine eigne Weise regiert wird, und erkennt die Notwendigkeit an, ein weites Reich zu seinem und allgemeinem Nutzen wieder dem Weltverkehr einzugliedern. Man soll im Verkehr mit Menschen schon nicht kleinlich sein, wieviel weniger mit Völkern! Wenn der Erzbischof von Genua dem Dvlschewistenpolitiker huldvoll zutrank, wieviel mehr dürfen es unsere Reichsvertreter! Für Deutschland, und zwar alle seine politischen Färbungen, hat eS ja augenblicklich einen eigentümlichen Reiz, eines Einvernehmens sicher zu sein mit dem Riesennachbarreich im Osten, das von der g l e i ch e n außenpolitischen Rot gezwickt wird. Cs hat sich schnell gezeigt, daß der Vertrag von Rapallo, wie ein harmloses Frühlingsgewitter, keineswegs die Sonne dauernd verfinstert. Lloyd George hat vor den englischen und amerikanischen Pressevertretern gesagt, daß der Vertrag für manche Leute als eine Offenbarung gewirkt habe. Das war also die himmlische Erscheinung auf dem Wege nach Damaskus, von der wir neulich gesprochen haben. Herr P o i n - cd re wollte sie noch nicht mit gläubigen Augen sehen; er hat in Bar-le-Duc die Gewissensbetäubung und die Blindheit hervorgekehrt. auf die Lloyd George hinwies, indem er hinzufügte, sie bilde sich ein, „daß durch irgend eine Kombination zwei große Völker, die zwei Drittel von Europa repräsentieren, niedergehalten werden könnten". Aber Lloyd George hat sich nach anfänglichem Aufbrausen seines Mißvergnügens vor Der Offenbarung gebeugt. Er benutzte sie geschickt und entschlossen in seinem Aeberzeugungs- kampf gegen den Pariser Widersacher und Cigenbrödler. Der erste Ansatz zu aktiver deutscher Politik hat also den Wagen von Genua in ein schnelleres Rollen gebracht und Lloyd George ermöglicht, den auf den Weg des Friedens drängenden Satz auszusprechen: „Es ist unvermeidlich die Möglichkeit eines hungerleidenden Rußlands gegeben, das von einem zornigen Deutschland ausgerüstet wird".
Wir möchten nicht gerade von einem rhe- l torischen Meisterstück des britischen Staatsmannes sprechen; aber es war die glänzendste Rede der Einkehr, die er je gehalten hat. Ja, es lag sogar etwas von Reue und Büßfertigkeit darin, denn die Versailler Sieger- Politik, gegen die er jetzt den Finger erhebt, war doch auch ein Teil seiner eigenen Politischen Kunst! Wenn er jetzt erschrocken ist über das Sturmwetter, das sich am Horizont zusammenzieht, wenn er die „selbstsüch- tigenTrivialitäten" zurückweist, die Gottes Anwillen Hervorrufen mühten, so wollen wir gerne rückhaltlos in den Beifall einstimmen, den Rathenau ihm bereits gespendet hat. Ist aber am Ende zu besorgen, daß prinzipienfeste deutsche Erfüllungspolitiker erblassend zusammenschauern ob der getürmt den Himmel schwärzenden Wolken und des dumpf tosenden Donners, und daß sie sich beflissen zeigen werden, dem mutigen Lloyd George die Blitze zu entwinden und ihm dafür schnell wieder das milde Nebelhorn ängstlicher Vorsicht in die Hand zu drücken? Während die Winde noch braifaen, gingen die deutschen Delegierten starken Schrittes zu den Sowjetgastgebern. Das war eine eindrucksvolle Doublizität der Geschehnisse, und da Herr Tschitscherin von dem „befreundeten Reiche" sprach (Sollte ein ängstlicher deutscher AmtSredakteur in den heure veröffentlichten Trinksprüchen das Wort „befreundeten" weggewischt haben?), wird sich in der Amwelt mancher Mund geweitet haben. Der deutsche Reichskanzler aber fiel nicht aus der Rolle. Damit der deutsch-russische Krastmensch nicht drohend die Muskeln zeige, warf er ihm ein frommes Hemdchen über und zeigte ihn als bescheidenen Diener Europas und der Menschheit. Man kann damit einverstanden sein. Noch hat Dr. Wirth dadurch nichts verdorben. Er darf und soll die Friedensliebe Deutschlands bekunden, aber mit ernster Gebärde und nicht mit pazifistischer Redseligkeit. Was Lloyd George seinem französischen Verbündeten abzutrvtzen gedenkt, wird sich für die deutschen Interessen wahrscheinlich als durchaus unzulänglich erweisen. Mögen die Engländer in Genua Optimismus an den Sag legen; den Deutschen ziemt düstere Zurückhaltung.
Das Spiel der britischen Künste ist jedoch unstreitig 'von höchster Spannung. Während Lloyd George selber sagt, daß der Himmel andauernd grau und wolkengeschwärzt sei, will er ihn doch in wenigen Tagen für die sonnige Schlußszene eines Friedenspaktes Herrichten. Keine Grenze gebe es in Osteuropa, die nicht den Keim eines Zwistes oder Krieges in sich trüge, so gestand er. Wir dürfen unseren Sieg nicht Überspannen wollen, nicht zu viel von den Besiegten fordern, erklärte er ferner — und war und ist doch einverstanden, daß das entscheidende Reparationsproblem in Genua überhaupt nicht erörtert werde. In der Auseinandersetzung mit Rußland klaffen weite Gegensätze. Poincarö droht den selbständigen Einmarsch Frankreichs ins Ruhrgebiet an. Also hundert Voraussetzungen wären zu ordnen, bis ein wirkliches Friedensabkommen denkbar wäre. Statt nun energisch eines der Probleme nach dem andern zu entwirren, liebt Lloyd George dieses Spiel des Dompteurs mit den Raubtieren, denen er auf hohen Fässern Ruhesitze anweist. Gelingt es ihm, vor seiner Abreise nach London dieses lebende Bild einen Augenblick wirklich festzuhalten, so tritt er vor das beifallklatschende Parlament hin. Aber der Bär Darthou will heute schon aus dem Kreise ausbrechen, um nach Paris sich zu begeben, von wo er vielleicht nicht wieder zurückkehren wird. Lloyd George begehrt eine Sitzung des Obersten Rates, oder vielmehr der Signatarmächte des Versailler Verttages, in Genua, um Poincarss Androhung einer neuen Zwangshandlung entgegenzuwirken. Aber auch hier wird ihm von Paris aus wieder eine Liste von Vorbedin-. gungen überreicht. Lloyd George gibt sich keinen falschen Hoffnungen hin. Er weih, daß eine Regelung der vielen Streitfragen Monate, ja vielleicht ein Jahr, in Anspruch nehmen wird. Er denkt wirklich an eine Art Zähmung der Bestie in langsamer Dressur. Darum aber hat seine Friedensaufführung als Schlußakt der Genueser Konferenz zuviel äußerlich TheattalischeS, als daß wir im Tiefsten davon mit fortgerissen werden könnten. Lieber wäre uns ein bestimmter Weg in die Lösung der Frage, die uns am meisten angeht: die Wiederherstellungs- oder vielmehr EntschädigungSkvstenregelung. Da es nicht von Deutschland abhängt, dieser besseren Methode zum Durchbruch zu verhelfen, müssen wir uns gedulden und dem Friedensakt Lloyd Georges, den wir noch nicht kennen, lebhaft zustimmen, wenn es uns in unserer traurigen Lage auch nicht gerade vergnüglich zumute dabei ist. daß unser Vertteter all die kleinen Kunststücke mitmacht, die der Londoner Bändiger "bon den Konferenzteilnehmern verlangt.
Das Memorandum an Ruhland.
Cine englische
und cine französische Fassung.
Genua, 28. April. (Wolff.) Die ursprünglich für heute vormittag einberufene Sitzung der Ententedelegierten zur endgültigen Redaktion des Memorandums für Rußland begann heute nachmittag 4 Ahr. Anwesend waren die Vertreter der einladenden Mächte und je zwei Delegierte der Kleinen Entents und der Neutralen. Es liegen zwei Redaktionen für das Memorandum vor, eine englische und eine französische. Beide Dokumente müssen nacheinander verlesen und übersetzt werden, was naturgemäß eine sehr zeitraubende Arbeit darstellt, so daß man nicht damit rechnet, daß die Verhandlung heute schon zu Ende geführt werden kann. Vor Beginn der Verlesung gab B a r t h o u eine Erklärung ab, in der er sagte, entgegen irreführenden Zeitungsmeldungen wolle er betonen, daß, wenn er zur Abreise gezwungen sein sollte, er sich bemühen werde, sobald wie möglich zurückzukehren. Es sei Vorsorge getroffen, daß während seiner Abwesenheit die Arbeiten der Konferenz keine Verzögerung erleiden würden. Die Delegation werde in der Zwischenzeit mit den Arbeiten fortfahren und er selbst werde in sehr kurzer Zeit zurückkehren.
Lloyd George dankte Barthou für diese Mitteilungen und sprach die Hoffnung aus, Darthou bald wieder zurückzusehen. Er erklärte, sowohl seine schätzenswerte Mitarbeit, als auch der Amstand, daß er der Führer einer der wichtigsten Delegationen sei, würden eine längere Abwesenheit als höchst bedauerlich erscheinen lassen. Darthou wiederholte darauf nochmals seine Zusicherung, daß er sobald wie möglich zurückkehren werde. Dann gab LloydGeorge noch eine prinzipielle Erklärung ab, in der er ausführte, daß keinesfalls von der Grundlage der in Cannes festgesetzten Bedingungen abgewichen werden dürfe. Ferner hvb er mit Nachdruck hervor, daß diese Bedingungen ein unmittelbares Ganzes darstellten. Man könne nicht einzelne Teile daraus herausziehen, sondern müsse alles als ein großes Ganzes behandeln.
Genua, 28. April. (Reuter.) In gewöhnlich gutunterrichteten italienischen Kreisen wird der Inhalt des Memorandums, mit dem die Mächte die Gegenvorschläge Rußlands beantworten, und das der russischen Delegation wahrscheinlich heute übermittelt wird, solgender- mahen skizziert: Es wird in dem Memorandum der Grundsatz der Herabsetzung der Kriegsschulden zugelassen und innerhalb gewisser Grenzen die Verpflichtung der Westmächte, die die Expeditionen Koltschaks, Denikins und Wrangels subventioniert haben, an» ertannt, für die durch diese Expeditionen h^tzbei- geführten Schäden Ersah zu leisten. Ferner wird das Memorandum eine Formel Vorschlägen-, die, ohne die wirtschaftlichen Grundsätze der russischen Scwjetregierung zu berühren, doch das in Rußland angelegte ausländische Kapital völlig sicher st eklen wird. Cs soll in dem Memorandum nichts enthalten fein, Antcrhandlungen sollen auf der Grundlage was Rußland zu demütigen geeignet sei. Die des gegenseitigen guten Willens abgeschlossen werden. Während in italienischen Kreisen bezüglich der Verhandlungen mit Rußland optimistisches Empfinden vorherrscht, fehlt dieses Empfinden bezüglich eines Abkommens über den Durgfrieben, dessen Abschluß, wie man fürchtet, schwieriger sein wird, als der des Abkommens mit Rußland, obwohl sein schließliches Gelingen nicht bezweifelt wird.
Genua. 28. April. (Spezialbericht des Vertreters des WTD.) Die heute nachmittag im Kreise der Anterkommission des ersten Ausschusses gepflogenen Desprechungen über die der russischen Delegation vorzulegenden Vorschläge sind zu Ende gegangen, ohne daß über das Ergebnis etwas bestimmtes verlautet. Es wird angenommen, daß die Desprechungen morgen fortgesetzt werden, lieber den Termin der nächsten Plenarsitzung der Konferenz steht noch nichts fest. Eine Plenarsitzung wird wahrscheinlich erst Mittwoch nächster Woche in Frage kommen.
Eine französische Denkschrift.
Genua, 28. April. Einer Havasmel- dung zufolge erläutert die französische Denkschrift, die dem Anteraurschuß für dre Prüfung der russischen Frage vorgelegt wurde, daß die in Genua vertretenen Mächte an dem Wiederaufbau Rußlands zum Zwecke der Wiederherstellung des Friedens in Europa mitzuarbeiten wünschen. Sie legt dar. in welcher Weise die finanzielle und lommerzrelle Tätigkeit aller Länder für den Wiederaufbau Rußlands ange- üxmbt werden könne. Der landwirtschaftliche Wiederaufbau könne mir durch Erteilung von Konzessionen an ausländische Gesellschaften vor sich gehen. Die Ausländer müßten in die Lage versetzt werden, an der industriellen Wiederherstellung Rußlands unter den nötigen Sicherheiten und Garantien teilzunehmen. Hinsichtlich der Wiederherstellung der Transportmittel Rußlands regt die Denkschrift die Schaffung einer Gesellschaft für den Dau, die Unterhaltung und Vie Reparatur des rollenden Materials an. Der Vorschlag über ein Abkommen mit der Sowjet- regieiung fordert insbesondere die Verpflichtung, sich jeder Propaganda in fremden Ländern zu enthalten. Die Sowjets iwüß- ten die finanziellen Verpllichtungen ihrer Vorgänger anerkennen; aber die Gläubigermächte seien bereit, ihnen Zahlungserleichterungen zu gewähren. Sie müßten ferner ihre Schulden oder die ihrer Vorgänger gegenüber den ausländischen Staatsangehörigen anerkennen, sowie die
finanziellen Verpflichtungen aller russischen Behörden und.öffentlichen Unternehmungen.
Barthous Reife nach Parist
Genua, 28. April. (Spezialbericht des Vertreters des WTB.) Darthou fährt morgen vormittag um 10 Uhr in 'Begleitung seines Sekretärs nach Paris ab, um über den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen in der russischen Frage Dericht zu erstatten. Er wird am Mittwoch vormittag zurückerwartet. Während seiner Abwesenheit wird Darthou von dem französischen Botschafter in Rom, Darröre, vertreten werden. Aus französischer Quelle verlautet, die geplante Vollsitzung sei auf englischen Antrag bis Mittwoch vertagt wordern Darthou werde bei seiner morgigen Abreise den vollen Text der heute abend fest zu legenden Denkschrift der russischen Kommission mitnehmen, zu dem mehrere französische Abänderungsanträge vorliegen, über die heute noch nicht entfttiieden werden soll. Man erklärt sranzöstscherseiM, das) die durch die Abreise Barthous verursachte V e r- zögerung in den Verhandlungen unvermeidlich sei, da es von größter Bedeutung fei, daß Poincarö sich persönlich mit dem Führer der französischen Delegation in Verbindung setze.
Genua, 28. April. Der Sonderberichterstatter der Havasagentur meldet: Barthou, der morgen Genua verlassen wollte, um sich nach Paris zu begeben, wußte seineAbreisever- schieben, bis die Bedingungen des Ultimatums an Rußland vom Unterausschuß für die r islischen Angelegenheiten, der morgen Vormittag 11 Uhr tagen wird, festgestellt sind.
Die Trinksprüche Tschitscherins und Dr. Wirths.
Genua, 28. April. (Spezialbericht des CBcr» treters des WTB.) Bei den gestern zwischen den Führern der deutschen und russischen Delegation gewechselten Trinksprüchen führte Tschitscherin etwa folgendes aus:
Er begrüße die Vertreter Deutschlands, des ersten großen Landes, das mit der Sowjetrepublik in normale Beziehungen getreten sei, und zwar auf der Basis friedlicher Zusammenarbeit. Der Vertrag, der abgeschlossen wurde, sollte der Welt zeigen, daß auch die Länder verschiedener sozialer Struktur in friedlicher Arbeit sich zusammenfinden können. Der Rapallovertrag ermögliche dies zum Wohle der gesamten Menschheit. Zwei Völker reichten sich die Hände. Das Vergangene solle vergessen fein. Dies sei der Sinn des Vertrages und seine große Perspektive auf eine künftige wirtschäftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland. Mtt tiefempfundener Achtung begrüße er in dem Reichskanzler den Führer des deutschen Volkes.
Der Reichskanzler erwiderte, er fei mit starker Bewegung den Worten Tsitscherins gefolgt, die ihm aus dem Herzen gesprochen seien. Was zwischen Deutschland und Rußland vereinbart worden fei, diene nicht den engeren Interessen einer Nation. Es sei vielmehr ein Dienst am ganzen Europa und an dem hohen Ideal der Menschheit. Dieses große Ideal verlange die Arbeit vieler Geschlechter, aber das kleine engere Ideal fei erreicht. Zwei Völker, die vor kurzem in blutigem Ringen sich gegenüberftanben, haben den ersten wahren Friedensvertrag geschlossen als ein leuchtendes Zeichen für ganz Europa. Der Vertrag verursachte in der Welt Aufregung, aber weniger bei den europäisch und universell Denkenden, als bei denjenigen, die nur die engen Interessen ihrer eigenen Nationen im Auge hatten. Dor allem wurde der Verttag von der Arbeiterschaft aller Länder aufs wärmste begrüßt. Er fei ein erster Schritt zu einem weiteren Ausbau sreundlicher Zusammen arbeit und verspreche cine große fruchtbringende politische Entwicklung. Deutschland wolle alles tun, um die menschlichen und freundschaftlichen Beziehungen, die mit Rußland eingeleitet worden seien, immer mehr zu vertiefen und zu berbeffern. Die deutsche Republik hoffe und sei gern bereit, Rußland Dienste zu leisten. Sie sei bereit zu jeder ehrlichen Aussprache. Wenn Rußland nach Berlin käme, würde es immer offene Türen finden. Deutschland würde alles tun, was es versprochen habe.
Deutscher Wiederaufbau Petersburgs.
Moskau, 28. April. (Wolff.) InPeters» b u r g wurde mit einer großen deutschen Baugesellschaft ein Vertrag zum Wiederaufbau von Petersburg abgeschlossen. Die deutsche Firma übernahm die Verpflichtung, alle unvollendet gebliebenen Bauten auszusühren, wie Straßenbau, Wasserleitungen, Kanalisierungen, Reparaturen usw. Das Baumaterial, die Ingenieure und Techniker werden nach Beginn der Schiffahrt aus Deutschland eintreffen. Die Gesell- fchaft soll das Recht zur Ausbeutung von Kohlenlagern und Wäldern erhalten.
Paul Deschanel -f*.
Paris, 28. April. (WTD.) Der ehemalig« Präsident der französischen Republik, Deschanel, ist heute nachmittag gestorden.
Paul Eugen Louis Deschanel wurde am 13. Februar 1856 in Brüssel geboren, als Sohn des Literaturhistorikers und Politikers Professor Emil D.. der als republikanischer Gegner Napoleons III. in Brüssel in der Verbannung lebte. Nach dem Besuch der Lyzeen Sainte Darbe und Condorcet studierte Paul D. 1872 die Rechte, Geschichte und Ltteratur, wurde 1875 Referendar (Lizentiat), 1876 Sekretär des Ministers des Innern de Marcere und im gleichen Iahre noch Sekretär des Ministerpräsidenten Zules Simon. Ende 1877 wurde er zum Anterpräfekten von Dreux ernannt, am 4. Mai 1879 zum General-


