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Nr. 15

Ter Siebener Bnjetyer erschein« täglich, außer bann« und feiertags Monatlichevezugrvreiie: 'Ülk |1.50emid)l.lräger- lohn, durch die Pos« Mi,. 14.- einfd)l Bestell, qeld. auchbeiNichlerichei- nen einzelner Hummern infolge höherer (Bemalt. Her »sprech »Anschlüsse, rürdieöchrlflleitung 112; t?.r Druckerei, Verlag und (tzeschaftsstellk 51. Anschrift für Drahtnoch. i:d)ien Hnjeiger Sietzen.

Pohldiedfonto: fitanffurt a. kN. 11686.

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Mittwoch, 29. März 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Derbinülichkerl. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 90 Pf, auswärts 120Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 350Ps. Bei Platz. Vorschrift20^ «Aufjchlaz. haupischriftleiter: Aug. Goetz Berantwortlich für Politik. Aug. ®oeh, für den übrigen Teil. Karl Walther; für den

Drud und Verlag, vrühl'sche Unio.-Vuch- und Steinörudcrei R. Lange. Zchriftleilung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstraße 7. ?a'm!1'ch"!/©"/eßen'

Eine Reichskanzlerrede vor dem Reichstag.

Ablehnung unmöglicher Zumutungen des Neparationsausschusfes.

Die Reichskanzlerrede ist doch et­was entschiedener ausgefallen, als zu erwarten gewesen war. Die Ablehnung der bereits gestern bezeichneten Hauptpunkte in der Rote der Reparationskommission geschah mit grund­sätzlicher Festigkeit und einer Verwah­rung, die die unerhörten Anmaßungen der Gegenseite in ein Helles Licht der Kritik setzten. Daß Herr Dr. Wirth daneben erklärte, auch jetzt noch aus dem alten Weg der Lei­stungserfüllungen fortzufahren, wollen wir ihm, da er nun einmal an alten Fehlern hängt und gleichwohl doch einen be­stimmten letzten Entschluß ausspricht, nicht so übel vermerken. 3n der Hauptsache kann er nicht mehr zurück. Er ist unwillig und heftig ge­worden über die Störung seiner Politik von außen her eine solche Ausdrucksweise ent­spricht seiner Eigenart. Das deutsche Volk ist nicht empört über eineStörung", sondern über die Raubgier der fremden Mächte. Aber das ist ein Anterfchied, der im Augen­blick keine deutsche Kabinettsfrage aufrollt.

*

196. Sitzung deS Reichstages, nachm. 2 Ahr. Berlin, 28. Mürz 1922.

Saal und Tribünen sind stark besetzt, als Präsident Lobe die Sitzung um 21 \ Ahr er­öffnet Auf der Tagesordnung steht als einziger Punkt die

Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung.

Reichskanzler Dr. Wirth:

Das Zustandekommen des Steuerkompro- misseS kennzeichnet die Tatsache, daß cs betrachtet wird als eine Stühe unserer auswärtigen Politik, die darauf gerichtet ist, einen vernünftigen Aus- ?leich zwischen der wirtschaftlichen Leistungssähig- eit Deutschlands und den uns auserlegten Lasten zu finden. Dieses Steuerkornprornih ist ein inte­grierender Bestandteil unserer auswärtigen Poli­tik, und wer dieses Kompromiß von innen und außen stört, der stört auch unsere auswärtige Politik. Rachdem eine Störung von innen ver­mieden war, ist diese Störung erfolgt durch die Rote der Reparationskommission. Diese Rote könnte wohl eine endgültige .Regelung unserer Zahlungsverpflichtungen sein, wenn wir in der Lage wären, ihre Bedingungen zu erfüllen und die darin gesetzten Fristen einzuhalten. Sie würde aber einer nochmaligen P ü'ung unterliegen, wenn wir die Frist zum 31. Mai nicht einhalten kön­nen. Für diesen Fall sollten innerhalb 14 Tagen alle Forderungen fällig sein. Ich kann in diesem Verfahren em; praktische Lösung nicht erblicken. (Sehr richtig.) Der Brief der Reparationskom­mission an den Reichskanzler, der in überaus schroffem Ton gehalten ist (sehr richtig!), hat mit Recht in ganz Deutschland Erregung hervor- gerufcn Den ernsthaften Er'üllung;bestrebungen Deutschlands ist darin in keiner Weise Rechnung getragen. (Lebhafte Zustimmung.) Die gewaltigen Steuerlasten di? wir jetzt auf uns nehmen wollen, werden gar nicht qewü digt. Zur Forderung einer neuen 62-Milliarden-Steuer kann ich kurz, be­stimmt und eindeutig feststellen, daß dies eine

Völlige Anmöglickkeit und eine unmögliche Zumutung

ist. (Lcbh. Deif.) Wir haben die höchsten direkten Steuern und bringen letzt auch die indirekten Steuern auf eine ähnliche Höhe. Die Stcuer- leistung Deutschlands kann nur gewürdigt werden bei Bcrücksich'.ieung ferner wirt chaftlichen Kraft. Deutschlands Va.uta wir> aber gerade durch solche Roten immer weiter g s hwächt. Es ist sachlich unmöglich, Quellen zu finden, aus denen in einer sclch ka-zen Zeit 63 Milliarden neue Steuern geschöpft werden können. Die Entente hätte da ch ein Moratorium Deutschlands Va'u a stabili­sieren können, durch ihre Rote hat sie aber das Gegenteil erreicht und die deutsche Mark so ent­wertet. io'-, unser Etat über den Haufen ge­worfen i(Leb a'te < u" tmmung ) Cs z igt sch hier wieder, da', Gewaltpolitik nicht die Re- Parationsfrage fördern kann, sondern eine wei­tere Einsch änkung der deutschen Leistungsfähigkeit und damit letzten Endes auch eine Schädigung der Gegenseite bewirkt. Wie soll bei solchen Bedin­gungen bet Weltaufbau mög'ich sein? (Sehr wahr!) Säon cus rein parlamen'arischen, po­litischen un> tech'.ischen Gründen ist die Erfül­lung ter Dedingu grn der Repara ionskonnnis- sion bis 31. Mal eine Anmöglichkeit. Die par­lamentarisch regierten Länder der Entente soll­ten da für Verständnis haben. Es hat sich ge­zeigt, tast auf die Reparationskömmission wirt­schaftliche Dar!e u-g?n der dmtschen Rerierung keinerlei Eind.uck machen. (Leb afe Zus immung rechts.) Der mit den Kontrvllmatznahme.n uns zugemutcte Eingriff in die deutschen Hoheitsrechte ist ein Eingriff in das Selbstbestimmungs­recht unseres Volkes, gegen den wir schärfste Verwahrung einlegen. (Lebhafter Teifall) Wir haben ge ug trübe Erfahrungen mit den Kon­trollkommissionen gemacht. Wir können nicht da­mit einverstanden fein, daß

dieses schikanöse, gänzlich unproduktive Konttollsystem

noch weiter ausgedehnt wird. (Lebh. Beis.) Dies ist eine Zumutung, der sich keine deutsche Regierung im Interesse unseres verarmten und notleidenden Volkes unterwerfen kann. (Stürmischer Deifall- Eine Steuerkonttolle, die über das bisherige Auf- sichtsrecht der Reparationskommission hinausgeht, und die Bedingung, Steuern in bestimmter Höhe zu erlassen, können wir niemals anerkennen. (Lebh. Beif.) Es ist unmöglich für einen demokratischen Staat, die Gesetze und Verordnungen zu erlassen, wie eine fremde Kommission sie jeweilig von ihm verlangt. Die Staatsgrundlage würde dadurch erschüttert und untergraben werden. Gleich nach dem Friedensschluh und auch im Londoner Ulti­ma tum ist ausdrücklich betont worden, daß solche Befugnisse, wie sie jetzt verlangt werden, niemals der Reparationskommission eingeräumt werden sollen. Daran erinnern wir jetzt die fremden Mächte. Der Reichskanzler weist dann zahlen­mäßig den Vorwurf zurück, die Reichsverwaltung wirtschafte verschwenderisch. Don den 200 Papier- milliarden des Etats fallen nur 9,5 Papier­milliarden auf die Reichsverwaltung. Der Reichs- Präsident und alle Minister zusammen kosten uns noch nicht soviel wie zwei Ententegenerale in Deutschland. Wir wollen an der Verwaltung sparen, aber Milliarden können dabei unmöglich herauskommen. Aus dem Treiben einzelner Kriegsgewinnler und valutastarker Ausländer in Deutschland darf nicht auf den Wohlstand des deiitschen Volkes geschlossen werden. Die Forde­rungen der ReparationSkommifsion zur Verhin­derung der Kapitalflucht werden wir gern er­füllen. Die beste ßpfung wäre aber eine Besse­rung der deutschen'Daluta. Die Zwangsanleihe geht mit ihrem Ertrag von einer Milliarde Gold­mark schon weit über die von der Kommission ge­forderten 60 Milliarden Papiermark hi iaus. Die Erfüllung der Reparationspflichten kann aber damit allein nicht ermög'icht werden. Dazu brau­chen wir eine äußere AnleS'^. Sie wird aber am meisten gefährdet durch die Haltung der Entente und der Reparationskommission. die das Weltkapi al zur Zuinickhaltung veranlaßt. Das Weltkapital wird eine solche Anleihe erst be­willigen, wenn uns für einen längeren Zeitraum wirtschasts- und finanzpolitisch Atemfreiheit ge­währt wird. Wir werden die Rote weiter ge­nau prüfen, ehe wir eine schriftliche Antwort erteilen. Wir verkennen nicht, daß uns in der Rote gewisse Zahlungserleichterungen ge­währt werden, und daß wir einem Teil ihrer Bedingungen entsprechen können. Ansere wirt­schaftlichen und politischen Verhältnisse dulden aber nicht die Vornahme einer so mechanischen Maßnahme, wie sie die Forderung von 63 Mil­liarden neuer Steuern darstellt. Wir wollen unsere Steuern verbessern! Ei re gesunde Lösung rann aber nur gesunden werden in einer Ver­besserung unserer Valuta. Ansere Hoffnung be­ruht darauf, daß der Gedanke einer internatio­nalen Reparationsanleihe immer mehr Anklang im Auslande finde. Wir wollten durch die Er- füllungspolitik den pvaktischen Rachweis führen, wie weit die Erfüllung möglich ift Wir werden trotz der empfindlichen Störung, die die Rote der Reparationskommission bedeutet, alle unsere Krast daransehen, auf dem eingeschlagnen Wege fortzuschreiten. (Anruhe und Gelächter rechts.) Angesichts der Verschlechterung unserer Valuta infolge der neuesten Rote der Reparationskom­mission wird uns ohne die Hilfe ausländischen Kapitals die Erfüllung der Repräsentations- Pflichten nicht möglich sein. Auch in diesen trüben Stunden bin ich jedoch nicht ohne Hoffnung. (Lachen und Zurufe rechts) Wer ohne Hoffnung ist, soll die Hände von der Politik lassen. (Leb­hafter Beifall bei der Mehrheit.) Der Aufbau Europas und Rußlands ist jetzt die Aufgabe der Welt, der auch die Konferenz von Genua dienen soll. Ohne die wirtschaftliche Gesundung Deuttch- lands ist der Wiederaufbau der Welt nicht zu ermöglichen. Cs ist zu wählen zwischen dem Geist von Genua und dem Geist der jüngsten Reparationsnote. Ich Tann mir nicht denken, daß man leichtfertig den Wiederaufbau derWelt gefährden will, sondern hoffe, daß die Erkenntnis der wirtschaftlichen Rotwendigkeiten auch die Gegner veranlassen wird, Deutschland den Weg der Verderbnis zu ersparen. Die Regieiung er­innert Sie daran, daß die Ohren der Welt auf Ihre Aussprache gerichtet sind. (Lebhafter Bei­fall bei der Mehrheit.)

Die Aussprache.

2Ibg. Hergt (D.-R ): Das Vorgehen der Reparationskommission ist nur eine Teilaktion in der Generalofsesive Frankreichs gegen uns. Die Schuvonote, die Verdrängung von der Weich­sel, alles gehört dazu. Der dumme deutsche Michel hat bisher leider immer wieder nach­gegeben. Rachdem jetzt die neueste Rote die tiefste Erregung in unserem Volk hervorgerufen hat, sollten wir auf Frankreichs Generalofsen- sive endlich mit einer Abwehroffensive antwor­ten. Wir danken es dem Reichskanzler, daß er heute zum ersten Mal wenigstens die unver­schämte Zumutung der Finanzkontrolle energisch zurückgewiesen hat. Wir fragen aber: Warum erst heute? Warum hat er nicht schon früher kräftig protestiert gegen die Aeberwachung, der wir.schon seit langem ausgesetzt sind? Wir müs­sen dem Gegner zurufen: Finger weg; Ihr

könntet sie Euch sonst verbrennen! (Beifall rechts.) Das letzte Ziel der Gegner scheint auch bei der neuesten Maßnahme zu fein, sich einen lieber- blick über unsere Produktion zu verschaffen, um die Konkurrenz der deutschen Industrie zu be­siegen. Aus dem Deutschland von Potsdam wollte man ein Deutschland von Weimar machen. Jetzt scheint man uns neben der wirtschaftlichen die geistige Rot auferlegen zu wollen. Frankreich War immer der schärfste Feind der deutschen Reichseinheit. Rachdem die vorher versuchten Mittel versagt haben, will es durch ein Ein­greifen in unsere Verwaltung denselben Zweck erreichen. Ein Heer von Blutsaugern soll unsere Verwaltung kontrollieren. Wir wollen aber Herr im eigenen Hause sein und bedanken uns für einen Sparsamkeitskvmmissar von Entente Gnaden. Darin stehen Wir durchaus hinter dem Reichs­kanzler und ' freuen und der großen Einheits­front, die in dieser Frage feit langer Zeit sich zum ersten Mal im Reichstag zeigt. Richt ein­verstanden sind wir "mit anderen Teilen der Erklärung des Reichskanzlers, besonders mit seiner Zustimmung zu den Zahlungsbedingun­gen, die nach unserer Meinung doch wesentlich über das hinausgehen, was als Erfolg von Cannes gebucht wurde. Die internationale Anleihe, von der in der Reparationsnote ge­sprochen wirb, soll leider nicht dazu dienen, uns Luft zu schaffen. Angesichts des Sturzes der Mark können wir unmöglich die uns auferlegten Gold- und Sachleistungen erfüllen. Für die wirt­schaftlichen Schädigungen, die die Erfüllungs­politik in Deutschland angerichtet hat, haben wir nur ein Moratorium eingetauscht, das keine Sa­nierung bringt Eine unmögliche Zahl ist durch eine andere unmögliche Zahl erseht worben. (Sehr wahr!" rechts.) Der Reichskanzler hätte deshalb diese Art des Moratoriums ablehnen sollen. Ansere Steueranspannung geht schon Weit über die irgendeines anderen Landes hinaus. Eine wirklich eindeutige Ablehnung habe ich beim Reichskanzler vermißt. Er hat die Möglichkeit einer Heraufsetzung der Steuern zugegeben. Rein, auch nicht ein Teil der 60 Milliarden kann dem Gegner zugestanden Werben. Solange der Reichs­kanzler nicht diese Erklärung abgibt, stehen wir ihm mißtrauisch gegenüber. Die Zumutung der Heranziehung des deutschen Privatvermögens wirb erst gestellt, feit im Deutschen Reichstag selbst das Wort von der Erfassung der Sach­werte geprägt wirb. Jetzt will man nun zur Zwangsvollstreckung übergehen. Die Dossische Zei­tung hat eine Versündigung an den Interessen des deutschen Volkes begangen, wenn ihr Georg Bernhard immer wieder diesen Gedanken vor­trägt. Das grenzt an Landesverrat. (Befall und Zuruie rechts: Es ist Landesverrat!) Ich hoffe, daß die Demokratische Partei diesen Mann von sich abschütteln wirb. Wir brauchen gegen die Angriffe Frankreichs nur einmal energisch auf- tutrefen. Denken wir doch an den Erfolg der H. (Ruse bei den Sozialdemokraten: Kata- f<ro*-.benbolitif!) Wir stehen ia mitten in der Kgtaslrovbr infolge der Beflissenheit zur Er- tünunod'",nlitit (An'-ube links) Vor der Ein­leitung befev Politik stand der Dollar auf 60. ;<>ht auf rund 320. Das ist die Frucht des Er- rür(unaätaum<'l8 W'r Worre^ e'N" Einh-'stsfront t'cr v-.bklichm Abwehr. Da^ür bietet unS aber di» jeNige R»gi»rung mit ihrer enragi»rten Er- füriunnghoTifif fein» Gewähr. Dies» Regierung genießt auch kein Vertrauen im Ausland. In ein»m so bebmitWm-n Augenblick Höst» die Re- abninn einer wu»n Platz machen muffen. (An­ruhe bri den Sv'.) Wir können unsere Ovvo- fistonssteliung g»»en diele Regierung nW auf- gebm. Wir trugen g»g»n die ®'r>ralnfMine Frankreichs eine Abwh'-vileniine. (Rufe b»i den <?o-.f Rntü-stch nickst mit 6-m Watten In Der ;eHg'n (°>:t-,nfou WPe d'e R-g'erung m-tReuWgh- len an bas qjolT a^epieren Gleichzeitig müßte *i» bes Vnchsn^nsjdent»n statttinden.

Die Pol't'k der Zusti-ft darf den Reichsvräsiden- ten brr Ra'ionalveck'nrmlung nid)1 mehr an fei­nem Platz finden. Die gegenwärtige Teuerungs­welle beweist die Rottvenbigkckt des Bruchs mit dem ganzen bisherigen Sdstem. Die ruffifche Hungersnot füllte uns denken neben. Videant CDnfdleä. (Lebhafter B.i'all rechts)

Abg. Stampfer (Soz.): Die Rote der Repa-attonskommisfion bat gerade in sozialdemo­kratischen Kreisen besonderen Anwillen und be­sondere Ewe-nrng hervorgerufen. Der Ton biefer Rote ist nicht angemessen und rich'et sich gegen die demokratische Reg e ung rf-rr^ demok a'i'chen Staates, deren Willen zur Erfüllung anerkannt ist. Solche machtpolitischen Erze'fe wenden sich immer gegen den Arheber selbst. Man kann uns niedrig behandeln, aber nicht erniedrigen. (Beifall.) Schärfste Verwah-ung legen Wir aber auch ein ce'en das Treiben gewissenloser Kreise im In- lande, denen der gegenwärtige Augenblick Weiter nichts zu sein scheint als eine Gelegenheit, ihre parteipolitischen Geschäfte zu machen. (Anruhe rechts.) Dr. Hergt empfiehlt das Beispiel der Türkei. Wo Wäre die deutsche Mack. Wenn Wir die Politik der Türkei getrieben Häfen? Solche verantwortungslosen Redensarten bew. ifen, daß Dr. Hergt nu- Minister sein konnte in einer Zeit, in der es wirkliche Ministerverantwortlichkrit nicht gab. (Sehr wahr linEd.) Der Himmel schütze unser armes Volk vor einem Reichspräsidenten nach den Wünschen und dem Geiste eines Dr. Hergt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Wie

eine Partei, die über das Fiasko der deutschen Regierungspolitik triumphiert, fid> noch national nennen kann ist mir unverständlich. Wie kann in diesem Augenblick ein Parteiführer Herrn Poincare von hier aus zurufen, der deutsche Reichskanzler habe keinen Rückhalt im Volke? Dem Schlag der Reparationskomm.ssion von vorn wird hier ein Stoß von hinten hinzugefügt Dr. Helfferich habe bei der Einleitung des un­beschränkten A-Boot-Kieges gesagt: .Denn diese Karte nicht sticht, dann sind nur auf Jahrhunderte verloren!" Jetzt sind bald drei Jahre vergangen und schon vollen Leute aus demselben Lager als Ankläger der Regierung Wegen der angeblichen Mißerfolge der Ersnl lungspolitic auftreten. Don einem Fiasko öicf.'v Politik kann nicht gesprochen werden. Wir Ion nen jetzt nur dem 31. Mai entgegensehen mit dem Rezept: Das Mögliche tun, das Anmögliche lassen und das Weitere abwarten! Die Repara­tionskommission hat uns Ratschläge gegeben, die man befolgen kann, wenn dies möglich ist. Sie kann uns aber nicht bestimmte Maßnahmen vor­schreiben. Die Forderungen dec Kommission, die wir als Befehl ablehnen, gchei uns als Rat­schläge noch nicht weit genug. Wir Sozialdemo­kraten würden uns freuen, wenn die Kommission ans eine Finanzpolitik zeigen könnte, die folgende Bedingungen erfüllt: Den Arbeitern die Mög­lichkeit eines menfchenwürdige.i Da eins gibt a d ferner unseren Produkttonsappurat aufrech erhält. Würde doch dafür gesorgt, daß eine andere Be Dingung Des Versailler Vertrages endlich er füllt wird. Die BeDlngung nämlich, daß Den Ai Leitern aller Länder ein menschenwürdiges Da­sein gesichert ist. Die Konferenz Der deutschen englischen und französischen Soziali ei i.i Fran! furt a. M. hat den Weg für wirkliche Repara ttonen gewiesen. Ist es nicht ein Cammer, daß die. zerstörten Gebiete noch immer nicht aufgebaut sind, weil Die Diplomaten weiter diplomatisieren Wir sagen: Die Diplomatie hinter Der Front und Die Arbeiter an Der Front! So wünschen wir eine Reparationspolitik, von der Die Re­gierung nicht abweichen Darf. Die deutschen Ar beiter haben Die im Kapp-Putsch angebahnte Diktatur abgelehnt, aber sie haben Da« nicht ge­tan, um sich einer neuen Diktatur ausländischer Kapitalisten zu beugen. Die Deutschen Arbeiter stehen nicht mehr allein. Die Arbeiter fast aller Länder Werden ihren Regie ungen ihren Willen aufAWingen und das Ergebnis wird sein ein freies Deutschland in einer freien Welt! Die Rote Der Reparationskommission ist nicht Der größte Stein auf Dem Wege zu Deutschlands Wiederaufbau. Aber Wir werden auch dieses Hindernis überwinden. (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Am 8/46 Ahr Wird Die CBJeiterberotung auf Mittwoch mittag 1 Ahr vertagt,

Eine große Mehrheit für Dr. Wirth.

Berlin, 28.-z. (Priv.-Te^egr.) DU Reichstagsfraktionen sind h-'u'e vor­mittag zusammengetreten, um Den Be icht ihrer Vertreter- über Die gestrigen B.-sprechun en mit dem Reichskatzler über Die Rote Der R para- tionskommisston ertg gerzu ehmen. Die Dtfch Volkspartei, Die Demokrat ische Par - t e i, das Zentrum, Die Sozialdemo­kratie und die Bayerische Voltspar­tei erklärten sich mit Den Ausführu gen des Reichskanzlers einverstanden. Cs ist also, wie die Blätter melden, eine große Re- gieeungsmeh hckt für die Regierung zu erttxrten. Die oben genannten Parteien Werden voraus­sichtlich von sich aus kern be ond res Vertrauens- vo um stellen. Sollten indessen Die Parteien Der äu' .erst en Rechten und Der äußersten Linken Miß­trauensanträge stellen, dann Würde wahr'cheu:- lich auch Den Regierungsparteien nichts anderes übrig bleiben, als ihrerseits ein Vertrauensvotum einzubringen.

Das Echo

der Kanzlerrede in der Presse.

Die gestrige Rede des Reichskanzlers über die Rote der Reparationskommission findet in ihrem negativen Teil Die Zustimmung sämtlicher Blätter von DerKreuzzeitung" bis zur ^Frei­heit". Der positive Teil Dagegen, der sich für die Fortsetzung Der Erfüllungspolitik erklärt, wird von der Deutschnationalen Presse abgelehnt mit der Feststellung, daß diese Politik einen völligen Zusammenbruch erlitten habe.

Die volksparteiliche .Zett" nennt Die Rede des Reichskanzlers Den Beginn eines neuen Ab­schnitts unserer Rachkrieg kpolitik, Der Die Wirth- Rathenausche Erfüllung. Politik ettveder in eine Katastrophenpvlitik Umschlagen läßt oDer aber, Wenn Die Entente endlich zur Vernunft kommt, zu erträglicheren Verhältnissen überleitet. Rach Der eindeutigen und Würdigen Ablehnung Der Diktaturforderung Der Reparationskommission muß es sich zeigen, ob 'Frankreich es nunmehr Wagt, zu offener brutaler Gewalt überzugehen über ob es Den übrigen Mächten gelingt, Wirt­schaft statt Politik, Vernunft statt Rache, Ver­ständigung statt Verewigung des Krieges zu sehen.