Einzelbild herunterladen

Nr. 254 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Die unsichtbare Regierung in Washington.

Heber den Umfang und die Arbeitsweise der .Lobbys" lloboy im einfachen Sinne Dor­halle, Foyer) und über die von ihnen vertretenen Interessen kreise unterrichtet ein Artikel des ,Ehristian Science Monitor", einer im allgeme.n christlichen Sinne und sehr unabhängig reb gierten amerikanischen Tageszeitung, dem der F. P. 6. nachfolgende Absätze entnimmt:

.Washington beherbergt nicht toeniger als 97 Organisationen neben denen der politischen Parteien, die dazu bestimmt und darum bemüht sind, auf die politischen Angelegenheiten des Landes Ginfluh ,yu gewinnen und die in ihrer Gesamtheit die sog, .unsichtbare ^Regierung aus­machen Dasür, d<rh diese Busineß-Organisationen ihre Hauptguaitiere gerade in Washington aaf- schlagen, kann kern anderer Grund bestehen als der, zu versuchen, direkten Einfluß auf die Regie­rung zu gewinnen. Gs gibt in und um Washing­ton so gut wie keine Industrie, selbst der Handel beschränkt sich darauf, die Bedürfnisse der städti­schen Bevölkerung zu decken: auch ist Washington kein Eisenbahnknotenpunkt und steht trotz vieler Dorkehrungen in klimatischer Hinsicht nicht sehr günstig da. Die führenden Geister der meisten jener Organisationen leben natürlich auch nicht dort: sie lenken die Dinge von fern und über lassen die Durchführung ihrer Pläne ihren in der Be­arbeitung der behördlichen Bureaus und der Parlamentarier erfahrenen Angestellten.

Die Riederlassung von industriellen, kommer­ziellen, landwirtschaftlichen, technischen, patrioti­schen usw. Organisationen in Washington hat vor etwa zwanzig Jahren eingesetzt, hat aber gröberen Umfang erst im letzten Jahrzehnt und vor allem seit dem Weltkrieg angenommen. Vorher unter­hielten nur die ganz groben 3nbuftrien dort ihre ständigen Vertretungen und die anderen .Lobbyisten" kamen angcreift, wenn gerade für sie speziell wichtige Gesetze und dergleichen zur DeMtung standen. Den eigentlichen Antrieb zu solchen Interessenvertretungen hat die immer engere Beziehung zwischen Regierung und In­dustrie gegeben, die trotz der traditionellen amerikanischen Abneigung gegen .paternalism" (staatliche Bevormundung) vor allem seit den Kriegsjahren und der Kriegswirtschaft sich nun nicht mehr auf heben labt. Hierauf beruht der Grund für die Vertretungen etwa des Holz- Händlerverbandes, des Verbandes der Zucker- fabrifanten, der Kommissionsmusleute und anderer mehr. Die Fleischpacker, die Oel-, die Stahl-, die Farben- und chemische 3nbuftiie, der Kohlen- berg bau und die Eisenbahnen, alle haben dort ihre Quartiere. Die Arbeiterschaft ist vertreten durch die American Federation os Labor", ferner durch den Maschinistenverband, die weib­lichen Arbeiter noch besonders durch die Liga der Gewettschaften mit weiblichen Mitgliedern. Die Farmer s nd nut drei allgemeinen Organisationen gut vertreten: daneben unterhalten die Ovstbauer und -Händler noch ihre besonderen Vertretungen. Die bei weitem pröble Interessenvertretung des Handels ist die Handelskammer der Vereinigten Staaten, die Spihenorganisation der über die ganze .Union verbreiteten einzelnen Handelskam­mern und -ämter Den Bureau 5 einer Reihe von slaat bürge'.lichen und erzieherischen Verbänden, von :«[ ame> k >n sch<m Dürgervereinigung (Ame­rican Civic Aisociation) bis zur 3ntematlonalen Fraurn-Liga für Frieden und Freiheit reihen sich sehr hochp ozentig amerikanische Dereinigun- ae" an. w.e die der .Tochter der amerikanischen Revolution" (troh der Bezeichnung höchst kon­servativ!), dieRationale Gesellschaft von Töch­tern der Gründer und Patrioten von Amerika" und die Gese lschaft für Amerikanertum". Tem- ^eränzler-Geiellfchaften voran dieAnii- Saloon League" haben ihr Gegenstück etwa in dem Verband gegen das Prohibitionsgeseh. Es gibt Organisationen zur Beförderung und zur Bekämpfung des Militarismus und solche, die wie die .American Legion" die Interessen der Kriegsteilnehmer tixifme men. Die Frauen, soweit sie politisiert find, werden vertreten durch die Frauenwähler-Liga und die Rationale Frauen­partei. Sechst au. land sche Fraktionen unterhalten dort Dertrelungen, wie etwa die Irischen Re­publikaner, die Koreaner und die Chinesen, d. h. die jeweils nichtregierende Partei, die Hawaiianer, die amenb.in f-ben Kolonien Porto Rico und die Philippinen-Inseln, um stets wieder ihre Forde­rung nach llncbbänclgfcit zu vertreten: die russische Sowjet-,Gesandtschaft ohne Agrement |

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von Sie» bet Dill.

25. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Er rauchte jetzt viel. Hebet seinem Bureau lagerte stets eine bläulich dicke Wolke, man sah ihn kaum noch ohne Zigarette.Du sollst nicht soviel rauchen," mahnte seine Mutter, .das geht aufs Herz."

.Mein Herz ist intatt," sagte der Sohn und zündete sich eine neue Reptun an, man konnte sie zwar nur yn Freien rauchen, sie rochen wie Heu, dafür waren sie aber auch erstaunlich billig.

.Bei uns riecht alleS nach Rauch," klagte Grete dem Whistkränzchen, .meine schönen neuen Vorhänge sind schon wieder sckmxtrz. Alle Viertel­jahre mub ich sie abnehmen."

3a, das können die Männer nicht begreifen, sagte Frau Oft ermann. ,Hnd wenn man etwas dagegen sagt, tun sie eS erst recht."

Rein," sagte Tante Betty entschieden,es gibt eine bestimmte Hausordnung, und danach mub sich auch der Mann richten. Mein Mann rauchte früher auch vorn Kaffee bis zum Abend Zigaretten, schlieblich rauchte er sogar im Bett."

Gott, o Gott," sagte Fräulein Schmidt, .da bleibt man ja besser lebig.

Alles hat feine zwei Seiten, bemerkte die Rettig, die einen Fuhsack aus rosa Wollte strickte, und sie freute sich, bah dieses strahlende Ehepaar, mit dessen Glück die Schmidt immer geprahlt hatte, endlich mit den Fähen den Erdboden er­reicht zu haben schien.

Die Verhältnisse des schonen Lutz hatten sich, feit er in die Armee eingetreten war, nicht ge­bessert. Im Gegenteil. Es war nur zu ver­wundern, das; er immer noch Kredit befab. Er Hatte niemals Schwierigkeiten, Geld bekam er immer. Goldenberg tat der junge Mann leid, der

ist nach der Deportation ihres Führers Lustwig Martens nach Reuyork ver.egt worden.

Die Tätigkeit aller dieser Organisationen be­steht hn wesentlichen in dreierlei: dem Lobbying, der Bearbeitung der Regierungsstellen und der Parlamentarier, zweitens der Bearbritung der Oeffentlichkeit und endlich der Beibringung und Verteilung von Material von ihren Mitgliedern und für dieselben. Das Lobbhwesen, allgemein gesprochen dazu bestimmt, den vertretenen Sonder­interessen Sonderrechte zu beschaffen, hält kein Mensch mehr für etwas Hngesehüches und das ist es wohl auch nur zu einem geringen Teil. In den letzten Monaten, aus Anlaß der Beratun­gen über den neuen Zolltarif und über sonstige Vorlagen war die Lobby besonders tätig ge­wesen, und zwar, wie eine Betrachtung des Tarifs leicht ergibt, nicht ohne Erfolg. Die Be­arbeitung der öftentlichen Meinung geschieht in der Hauptsache vermittels einer Menge von Dar­stellungen und Rachweisungen, mit denen die Bureaus der Rachrichtendienste und der Spezial­korrespondenten überschwemmt werden oft sehr wertvolles und brauchbares Material, im groben und ganzen wertvoller als die Mitteilungen etwa der amtlichen Stellen.

Im allgemeinen, darf man sagen, sind die Lobby besser als ihr Ruf, und wenn einmal die bereits verschiedentlich im Kongreh erwogenen Vorschläge, sie einer gewissen Heberwachung zu unterziehen, von Zeit zu Zeit ihre Bücher zu prüfen usw., zur erfolgreichen Durchführung ge­langen, so wird das sehr zum Vorteil derjenigen fein, die legitime Interessen legitim vertreten, und wird dem WorteLobby" etwas von dem üblen Rus nehmen, den ihm die Tätigkeit mancher schlimmen Lobbyisten eingetragen hat.

Der Kampf um den Mietzuschlag in Giehen.

Im Vordergründe des kommunalpolitischen Interesses in unserer Stadt steht gegenwärtig das Ringen um die Hohe des Miet­zuschlages auf Grund des Reichs­mietengesetz es. Hnsere Leser sind durch unsere Berichte über die Versammlungen des Mietervereins und der Hausbesiherorganisation hinsichtlich der Einzelheiten dieser Angelegen­heit so gründlich unterrichtet worden, dah wir uns hier auf eine ganz kurze Skizzierung des Kerns der Sache beschränken können. Dieser stellt sich s o dar: Die Vertreter des Mietervereins haben den 899-Prozent-Vorschlag der Hausbesitzer und den aus der Zwangslage entstandenen 614-Prvz.° Vorschlag der Stadtverwaltung abgelehnt, weil beide zu hoch seien: sie haben öffentlich erklärt, dah ihr eigener Vorschlag von 180 Proz. durch die Geldentwertung überholt worden ist, jedoch einen neuen Vorschlag unseres Wissens bis jetzt nicht gemacht. Die Vertreter der Hausbesitzer haben den eben genannten Vorschlag der Mietervereins­vertreter und den Vorschlag der Stadtverwaltung gleichfalls abgelehnt mit der Erklärung, beide seien viel zu niedrig und in den heutigen Wirt­schaftsverhältnissen nicht mehr begründet: sie haben unter eingehender ziffernmäßiger Belegung einen neuen Vorschlag auf Festsetzung der Zu­schläge in Hohe von 2045 Proz. zur Friedens­miete unterbreitet. Die Stadtverwaltung hat bis­her u. W. noch keinen neuen Vorschlag gemacht, es finden, soviel wir erfahren konnten, darüber noch Erörterungen im Schohe städtischer Körper­schaften statt.

Dah die Angelegenheit von dem toten Gleis, auf dem sie eben steht, heruntergebracht werden muh, und zwar möglichst bald, liegt klar auf der Hand. Beide Interessentengruppen haben daran ein gewichtiges Interesse: den Mie­tern kann es nicht gleichgültig sein, ob zu leistende Rachzahlungen durch übermäßig langes Hin- zögern der Entscheidung allzu hoch auslaufen und dann schwerer zu ertragen sind, als möglichst frühzeitig festgesetzte Zahlungen in Monats- oder Vierteljahresraten: und auch für den Hausbesitzer ist es nicht unwichtig, dah er früher zu den höheren Zahlungen aus dem Mietverhältnis kommt, benn jeoer Tag der früheren Dispositions- Möglichkeit über das Geld bedeutet für ihn in der Zeit der dauernden Geldentwertung einen nicht zu unterfchäyenden Vorteil. Hnd schließlich hat auch die Stadtverwaltung ein Interesse daran, die Frage nach Möglichkeit beschleunigt zur Ent­scheidung zu bringen, da andere dringende Aus­gaben, die der Winter bringen wird, die Arbeits- sich so früh eine Kugel durch den schmalen Kopf jagen wollte. Lutz wurde sehr dramatisch bei ihm: es war das einzige Mittel, den hartge­sottenen Sackfabrikanten zu bewegen, den Geld­schrank zu öffnen.Mein Bruder hat doch diese ausgezeichnete Praxis." Hnd so bezog Lutz Immer neue Wechsel auf feinen Bruder, der nebenher noch Fabriken leitete, dem alles glückte und der eine Kollin zur Frau hatte.

Was nützen Ihnen benn die vielen alten Säcke, Herr Goldenberg?" 2utj wies mit der Reitpeitsche auf die staubigen Sackberge, welche Goldenbergs kleines Kontor bis zur Decke an­füllten.Sie waren doch auch mal jung."

.Aber so jung wie Sie war ich nie," fnurrte der Alte.

»Das Leben ist so kompliziert und die Liebe ist so teuer geworden, Herr Goldenberg," klagte Lutz.

Sie müssen sich einrichten, beharrte der zähe Alte.An Ihrem Bruder sollten Sie sich ein Beispiel nehmen, fo ein solider Mensch"

3a, der war immer fo, sagte Lutz zer­knirscht.In München hat er, statt auf die Re- bouten zu gehen, mit seinem Wirt Flöte gespielt. Wenn ich mal verehelicht bin, trügen Sie ja alles wieder und Ihre Wucherzinsen dazu." Wenn Lutz nach einer Stunde das Haus verlieh, hatte er, was er brauchte. Er brauchte jetzt viel.

Es war eigentlich niemand möglich ihm etwas abzuschlagen. Man kannte ihm dienstlich nichts nachsagen, er war ein guter Soldat, ein aus­gezeichneter Reiter, gewandt und gefällig. Mit seinen Hnteroffizieren teilte er seine Zigaretten und suchte jedem zu helfen, der sich mit einer Ditte an ihn wandte, ohne lange zu untersuchen, ob diese Bitte gerechtfertigt oder zu erfüllen war. Er war ohne Hochmut, bequem für seine Kameraden und hatte keinen Feind. Seine Unter­gebenen, die er kordial behandelte, aber im Dienstftramm" nahm, schwärmten für ihn. In dienstlichen Angelegenheiten war er korrekt, und

kraft der am Steuer unteres Etadtschisfes stehen­den Herren sicherlich vollauf beanspruchen werden.

Cs fragt sich jetzt, was werden soll und was mich Lage der Sache nicht zu umgeh m fein wird. Äeine der Interessentengruppen kann u. E. er­warten und verlangen, dah i h r Standpunkt sich »oll unb ganz durchsetzen wird. Beide wer­den sich darüber klar tverden müssen, dah hier nur ein K o in p r o m i h in Frage kommen kann. Die Hausbesi Herseite kann und wird wohl ernstlich nicht damit rechnen, dah ihre Forderung von 2045 Prozent Zuschlag sich in vtoller Hohe verwirklichen lassen wird. Ein Blick auf die heu­tigen Lev«nshc»Itungsmoglichkeiten bei breitesten Volksschichten zeigt ganz klar, dah diese Fzrde- rung eine Hmnöglichkeit darsdcllt, denn man muh doch bedenken, dah die Gestaltung der Gehälter und Lohne durchweg hinter dem Entwicklungs- tempo der Teuerung zurücksteht und dadurch die Bestreitung der allerdringendsten Tagesbedürf- nisse ohnehin schon auherordentlich schwer ist. Ein Beispiel dürste die Hnmöglichkeit des 2045pro- Kentigen Zuschlags erhärten. Hat jemand vor dem Kriege 50 Mark Monats miete gezahlt, so er­gibt sich nach Abzug der betaimtcn 20 Prozent eine Giunbmiete von 40 Mk. Hierzu 2045 Pro­zent Zuschlag 818 Mark würde einen monat­lichen Mietsbetrag von 858 Mark (40 Mark + 818 Mark) ausmachen, oder jährlich statt 600 Mark im Jahre 1914 jetzt 10 296 Mark. Dieser Betrag würde für die meisten Mieter eine un­erschwingliche Auflage sein, selbst wenn man dabei bedenken muh, dah man jetzt nach Papiermark rechnet. Die Hausbesttzer werden hiernach Wohl in erhebliche Zugeständnisse willigen müssen. Auf der anderen Seite sollte man sich in weiten Mreterkreisen aber nun za dem Ge­danken bekehren, dah man jetzt und in Zukunft auch mehr für seine Wohnung aufwen­den muh als bisher. Wir denken nicht daran, hiermit dafür eintreten zu wollen, dah jeder Mieter wieder, wie vor bem Kriege, ein Viertel oder ein Fmtttel seines Einkommens für seine Wohnung aufbringen soll: das jetzt befürworten zu wollen, wäre absurd. Man wird sich zunächst mit einem anderen, wesentlich veränderten Bruch­teil des Verdienstes zufrieden geben müssen. Aber was unbedingt als recht und billig ange­sehen werden muh, ist eine wesentlich schär­fere Anziehung der Mietpreis­schraube, wenn nicht die Mietzinszahlung eine Farce und in ihren Auswirkungen eine volks­wirtschaftliche Gefahr werden soll. Die 180 Pro­zent hat die Mietervereinsführung ja schon preisgegeben. Man wird sich dort unter dem stetig zunehmenden Drücke der Wirts chaftsnot rnt- schl festen müssen, jetzt noch viel stärkere Konzes­sionen als im Juli ds. Is. machen. Betrachten wir unS doch nur mal wieder ein Brispiel, rnd legen wrr hier auch einen Mietpreis von 50 Mk. im Juli 1914, für den man damals eine gute Vier- zimmerwohnung bekam, zu Grunde. 50 Mk. Miete im Juli 1914 lind 40 Mk. Grandmiete, hierzu nur beispielsweise! 300 Prozent Zuschlag = 120 Mk., würde heute pro Monat 160 Mk. Miete für diese Vierzimmer Wohnung ausmachen, oder 1920 Mk. im Jahre. Das Gerechtigkeits- enrpstnden gebietet zu Jagen dah dieser Betrag angesichts des heutigen miserablen Geldwertes kerne ©ogenleiftung ist für eine Vierzimmer- wohnang. Man dürfte vielleicht in manchen Mie­terkreisen versuchen^ diese oder eine ähnliche Rech­nung mit fachmännischen Gutachten als ausreichend zu belegen. Wrr wollen diesen Beweisen durchaus nicht von vornherein jede Stichhaltigkeit ab- sprechen, aber eS darf doch wohl auch darauf hin­ge wiesen werden, dah die kürzlich von dem Archi­tekten R i k o l a u s in der Hausbesiherdersamm- lung gegebenen Teuerungsmaßstäbe ebenfalls mcht ohne Belang smd und von dieser Seite aus Wohl auch als zutreftend bewiesen werden formen.

Es kann und soll nicht die Aufgabe dieser Abhandlung fein, eine Grundlage vorzu­schlagen, die als Ausgangspunkt oder als Platt­form zu einer Zuschlagsfeslsetzung in Betracht zu ziehen wäre. Es ist auch .nicht unsere Absicht, hier den einen oder den anderen Interessenten- standpunft einseitig vertreten zu wollen: wir lassen uns von keiner 3nteressentenyruppe vor den Wa­gen spannen. Aber objektiv urteilend möchten wir hiermit beiden Seiten zur Einsicht und zur Bekundung eines guten und schnellen Derständigungswillens raten. Jede Gruppe möge, nicht zuletzt im eigenen Interesse, beizeiten Entgegenkommen gegen das wirt­schaftlich Rotwendige der anderen Seite beweisen, und wird dieser Wille auf allen

an den Wagen fahren lieh er sich auch nicht. Ein Draufgänger, im Manöver erfinderisch, ein gutes Quartier, die beste Scheune und Stallung für sich und feine Leute zu entdecken, lieh er sich feine Mühe verbrühen, etwas, das unmöglich erschien, doch möglich zu machen, er kam mit dem gröbsten Bauern aus, ganz abgesehen von den Weiblichkeiten, die er für sich hatte, wenn sie ihn erblickten.

In Gesellschaft war Lutz einfach unbezahlbar. Er konnte den alten Goldenberg nachahmen, den finsteren Kommandeur, seine aus Potsdam stam­mende Gemahlin, herablassende Kommandeurs­töchter und bei der Tafel eingeschlafene Leutnants. Er gab unter BeifallsstürmenTante Betty an Abonnementsabenden im Opernhaus" und fang benSeeräuber mit demTränenbariton" des Generals. Hnd er karikierte auch sich selbst.

Das fand Grete so reizend an ihm.

Ach Grete, das ist ja alles Blödsinn, sagte Lutz,Geld muh man haben wie Goldenberg, oder Charakter wie unser Emst, oder Talent wie Liane. Ich habe alles nicht und hab' so axnig gelernt, und das Wenige vergesse ich nun so langsam beim Militär. Hnd nachher, was ist man bann? Wenn's hoch kommt, ein verab­schiedeter General.

Sonntagabends in der Dämmerung hatte Lutz immer melancholische Anwandlungen. Das war seine bunHe Stunde, und dann vertraute er sich seiner jungen Schwägerin an. Grete bewunderte ihn. Ob sich Lutz mit seinen seinen Händen eine Zigarette anzündete, ob er tarnte, ein Buch zur Hand nahm, spielte oder ein Pferd bestieg, immer sah es hübsch und elegant aus. Er hatte ei.ie natürlich» Grazie der Haltung und Bewegungen, die man nicht in der Tanzstunde lernt War es ein Wunder, dah alle seine Zimmerwirtinnen sich in ihn verliebten?

Er behandelte alle Menschen mit derselben Höflichkeit Die Rheinauer und Mainzer Drcsch-

Samstag, 28. Oktober 1922

Seiten gleich vorherrschend fein, dann kann ein gütlicher Ausgleich aach hier nicht zim Hn» erreichbaren gehören. An einem guten Hause und an einer guten Wohnung sind Mieter und Haus­besitzer doch gleichermaßen interessiert: hierin be­steht durchaus kein Interessengegensatz, den man manchmal nur vortäuschen mochte Ukr Einseitig­keit zeigt und Verständnislosigkeit für das be­rechtigte Interesse der andern Gruppe an den Tag legt, wird der Bürgerschaft unserer Stadt sicherlich keinen guten Dienst leisten. Die Sym­pathie der Oeflentlichkeit wird der Partei ge­hören, die bereit Ist, den Streit in möglichst gerechter und schnellster Weise aus der Welt zu schaffen.

---------- ------------

Aus Stabt und Land.

Dieben, den 28. Oktober 1922.

Neue Höchstpreise für Mehl und Brot im Landkreise Wietzen.

Durch Beschluß des Kreisausschusses des Kreises Gießen vom 25. Oktober find die Verkaufspreise sür Mehl und Brot an die Verbraucher der Landgemeinden des Kreises ab 30. Oktober wie folgt fest­gesetzt:

1. für Mehl:

a) Weizenbrotmehl Mk. 25. das Pfd., b) Roggenmehl Mk. 23. das Pfund;

2. für Brot:

a) für den 4-Pfund-Laib Mk. 87., b) für den 2-Pfund-Laib Mk. 43.50.

Das Verkaufsgewicht des Brotes muß noch 24 Stunden nach seiner Fertigstellung vorhanden sein.

Das vom Kommunalverband gelieferte Mehl darf nur gegen Brotmarken ab­gegeben werden.

*T Volkshochschule. Anläßlich deS neuen Semesters, das am 30. Oktober beginnt, sei noch einmal darauf hingewiesen, daß der Besuch keinerlei besondere Vorbildung ober Fachbildung voraussetzt. Die Kurse werden so geholten, dah jedermann sich mit Erfolg be­teiligen kann, ganz gleich, welche Schule er besucht hat, oder in welchem Beruf er steht. Anmeldungen sind von Montag ab vor den einzelnen Kursen noch möglich. Eine Heber sicht über die einzelnen Veranstal­tungen enthält eine Anzeige in dieser Rümmer.

* Bei der Diebertalbahn wird vom 1. November ab eine weitere Er­höhung der Tarifsätze in Kraft treten. Näheres ist bei den Dienststellen zu -erfahren.

Mechaniker - 3toang5 Innung Gießen-Stadt und -Ganb. Nachdem bei der Abstimmung die Mehrheit der beteiligten Ge- toerbetreibenben für die Einführung des Beitritts- zwangs gestimmt hat, ist vom Kreisamt angeorb- net worden, daß zum 1. Januar 1923 eine Zwangs- inr.umg für bad Mechanikerhanbwerk im Kieis Giehen (<5tabt und Land) mit bem Sih in Giehen und bem Romen:Zwangs-Innung für Me­chaniker für Fahrräder, Motvrfaboenge, Räh-, Schreib- unb Sprechmaschinen (für Gleiten, Stabt Und Land) errichtet wird. Vom 1. Januar ab gehören alle in Betracht kommenden ©etverbe- t reibenden der Zwangs Innung an.

Landkreis Gictzcn.

iS. Steinbach, 27. Oki. Zur Aufstel» lung einer gemeinschaftlichen Liste zur Ge- meinderatSwahl wurden hier zwei Dür- gerversammlungen abgehalten. Erne Einigung konnte aber nicht erreicht werden. Cs wurde nun vom Bund der Landwirte, sowie vom Arbeiterverein je ein besonderer Wahlvorschlag eingereicht. In beiden Listen sind mehrere neue Kandidaten aufgenommen.

Kreis Schotten.

X Schotten. 27. Oft. Für die bevorstehende Gemeinderatswahl sind drei Wahl- Vorschläge eingereicht worden, und zwar einer von dem neugegrünbeten bürgerlichen Wahlverein für Gemeinbewahlen, dessen Bewerber ohne partei­politische Rücksichten ben verschiedenen Deruss- kenkutscher grüßten ihn schon von weitemSer­vus, Herr Leutnant."

Aber von solchem Wohlwollen kann man keine Rechnungen bezahlen.

Geh in die Pension Metropole, rief der Lümmel.Dort brückst du dem Ober drei Mark in die Pfote, bann stellt er dir vor den Platz, wo die reichste Amerikanerin sitzt, ein Dlumenstöckchen. und bann machst du dich dort ran. Beim Braten fährst du schweres Geschütz auf, und beim Dessert kommt die Mama mit dem Traualtar."

Aber so leichten Herzens gab ein Lutz seine Freiheit doch nicht auf.

Er hatte wenig Neigung, sich auf Lebenszeit zu binden, und diese Amerikanerinnen mit de, klaren, vernünftigen Augen und ihrer verflucht kausmärmischen Weltanschauung fühlten ihn sehr ab.

Olee, nee, Junge, nur keine Krämerseelen, da warten wir lieber noch ein bißchen."

Ober mach Grete die Eour, die ist flott« wie uns« Emst.

Pfui Deibel," fuhr der Brud« auf,küm­mere dich um deine Angelegenheiten, und sieh, dah du erlich das Einjährige kriegst."

Hnd während sich der Lümmel notgedrungen hinter seine trockene Wissenschaft machte, begann ßutj, von .feinem Sessel aus ben Rauchwolken fein« Aegyptischen nachschauend die Neptun lieh er andere rauben -, darüber nachzudenken, wie « sich die ©laubigermeute vom Halse halten fonrtte. Seine Gedanken kehrten zu der Pension Metropole zurück an b«e lange Tafel mit den Kamelienstockchen, und « beschloß ' a n nächsten Sonntag einmal mit einem ®c dmt au versuchen.

(Fortsetzung folgt.