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Nr. 228

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General-Anzeiger für Gberhesien

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Erstes Blatt 172. Jahrgang , Donnerstag. 28. September 1922

GietzenerAnMger

MilttarrevolutLon in Griechenland.

Abdankung des Königs.

Athen, 27. Sept. (Wolff.) tReuter meldet: König Konstantin von Griechenland hat ab- gedankt.

Athen, 27. Sept. (WTB.) Heute nacht ist General Papulas, der sich nach Kap Sunium begeben hatte, um sich mit den Aufständi­schen zu treffen, mit ihren Bedingungen zurück­gekehrt. Diese tourben angenommen. Sie schließen die Abdankung des Königs und die Bil­dung einer neuen Regierung ein. Man wird den Posten des Ministerpräsidenten wahrscheinlich dem General a. D. Aid er, einem Anhänger von Beniselos, anbieten. Die Royalisten leisten der Beweg,mg anscheinend ebensowenig wie der Hof irgendwelchen Widerstand.

Athen, 27. Sept. (WTD.) Aach einer Meldung aus Saloniki hat sich die dor­tige Garnison der Aufstandsbewe­gung angeschlossen. Prim Paul soll sich als Gefangener an Bord des SchulschiffesElli" befinden.

London, 27. Sept. (Wolff.) Reuter meldet: Aach Meldungen aus Athen sind in Griechen­land ernste revolutionäre Tlnruhen ausgebrochen, besonders in Larissa, Myti- lene und Saloniki. Das Heer uiu> die Marine sind beteiligt. Der Minister des Innern teilte gestern mit, die Regierung wisse nicht, wieviele Kriegsschiffe sich der Bewegung angeschlossen hätten. Die Sicherheit des Königs fei anscheinend ungefährdet. Die Revolutionäre verlangten die Abdankung des Königs.

Paris, 27. Sept. (WTD.) Aach einer Havasmeldung aus Athen wird die militäri­sche Aufstandsbewegung von roya­listischen und veniselistischen Offi­zieren geleitet.

Paris, 28. Sept. (WTB.) Einer Havas­meldung aus Athen zufolge bestätigtsichdie Abdankung des Königs.

Kemal Pascha gegen die englische Meerengen-Politik.

Paris, 27. Sept. (Wolff.) Mustapha Kemal Pascha hat in Smyrna dem Kor­respondenten derChicago Tribüne" ein inter­view gewährt, in dem er u. a. sagte: Wir wün­schen, daß die Meerengen offen sind und oah sie sich in Sicherheit befinden, deshalb dürfte es uns nicht einfallen, an den Meerengen Be­festigungen zu errichten, infolgedessen sind wir bereit, die bestehenden Befestigungen zu beseitigen. 2lber unsere Hauptstadt liegt am Bosporus und unsere Sicherheit muh verbürgt werden. Für ihre Sicherheit ist aber diejenige des Marmara- meeres erforderlich. Hier handelt es sich um eine grundsätzliche Frage, die heute noch nicht klargestellt ist. Wenn wir die Freiheit der Meer­engen wünschen, so glauben wir, dah wir in die­sem Wunsche mit der ganzen Welt einig find, ausgenommen einer einzigen Macht: England, das daran interessiert ist, sie zu schließen, vor­ausgesetzt, dah diese Schließung durch England selbst erfolgt. England hat seine Ansicht seinen Alliierten gegenüber nicht offen zum Ausdruck gebracht, aber es stützte die Griechen an den Dardanellen und benutzte sie als Werkzeug zur Schliehung dieses Wasserweges. Wenn England die Freiheit der Dardanellen wünscht, so ist die ganze Frage gelöst. Wenn es dafür ist, sie zu schliehen, sei' es durch Agenten oder durch seine eigenen Mittel, so muh die Welt klar und deutlich Stellung nehmen. Angesichts der augenblicklichen Stellung der Armeen der grohen Aationalver- fammlung sind die Meerengen bereits in unserer Hand, zum mindesten aber unter unserem Einfluh. Ich bin sicher, dah Frankreich, Italien und die Vereinigten Staaten sich der wahren Idee der Engländer bewußt sind. Es handelt sich für sie noch darum, sich hierüber öffentlich zu erklären. Was die Garantien für die Sicherheit Konstanti­nopels und des Marmarameeres anlangt, so werden wir es vorziehen, selbst keinerlei Lösung vorzuschlagen, sondern die beteiligten Mächte ent­scheiden zu lassen und uns ihrer Entscheidung an» zuschließen.

Die Engländer hatten eine gewisse Jone für neu tra l erklärt, sie sei aber nicht neutral, sondern diene dem Zwecke, die Reste der griechi­schen Armee zu beschützen. Reben diesem ersten Ziel verfolge die englische Regierung noch zwei Ziele, die Dardanellen und Konstanti­nopel zu besitzen. Obwohl Konstantinopel nicht in ihrer Hand sei, hoffe sie sich auf Galli- p o l i zu halten, was eine indirekte Bedrohung der türkischen Hauptstadt mit sich bringe. Die gegen­wärtige englische Regierung greife zu jeder In­trige, um die anderen Mächte zu täuschen. Im Augenblick sei ihr Wunsch der, den anderen Mächten Enttäuschungen dadurch zu bereiten, daß sie sie in ein Abenteuer hineintreibe. G^. Mustapha Kemal Pascha, glaube aber nicht, daß diese anderen Mächte ihre Vernunft soweit ver­lieren werden, um mit Großbritannien zusammen­zugehen. Die Politik der jetzigen englischen Regie­rung sei so gefährlich, dah sie nicht nur für die übrigen Mächte unannehmbar sei, sondern auch für einen grohen Teil der britischen Oeffent- lichkeit. Wenn die britische Ration ihre öffent­lichen Angelegenheiten noch länger in den Händen von Staatsmännern wie Lloyd George lasse, so werde sie in den Fundamenten des britischen Reiches einen unheilbaren Bruch herbei- sühren. '

Kemal Pascha erklärte dann noch zur Pe­troleums rage, alle in Betracht kommenden Gebiete liegen in der Provinz Mossul, die zu dem f'im Rationalpakt angeführten Gesamtgebiet gehört.

Der größte Teil dieses lindes ist türkisch. Für die 'Ausbeutung der Oelfelder ist der Besitz dieser Gebiete erforderlich. Z. B. vollzieht sich die ame­rikanische Ausbeutung der Petroleumfelder in der Türkei ohne Schwierigkeiten, da Amerika in der Türkei keine politischen Ambitionen besitzt. Wenn England sich einer derartigen Regelung fügen wolle, so werde es dieselben Möglichkeiten be­sitzen wie andere Völker.

Eine russische Note an England.

London, 26. Sept. (WTD.) (Verspätet ein» getroffen.) In einer heute im Foreign Office über­reichten. vom stellvertretenden Kommissar für aus­wärtige Angelegenheiten, Ka rachan. unterzeich­neten Rote der Sowjetregierung zur türkischen Frage wird erf(ärt, keine der Westmächte tue Schritte, die wirklich den Krieg verhinderten. Der Schlüssel zur Frage des mähen Ostens liege in der wirksamen Wiederherstellung der türkischen Souveränität über die türkischen Länder, insbesondere über die Meerengen und Konstantinopel. Die Westmächte, unter denen Großbritannien die 'hartnäckigste sei, weigerten sich, den Türken ihr Gebiet und die Meerengen zurückzuerstatten, angeblich im Inter­esse der Aufrechterhaltung der Freiheit der Meer- iengen, aber in Wirklichkeit, weil sie wünschten, die Meerengen unter ihrer eigenen Kontrolle zu behalten. Die Freiheit der Meerengen sei wesent­liche für die Schwai-zmcerlärwrr Rußland, Georgien und die Tlkraine. Die Türkei 'fyabz die Freiheit der Meerengen im nationalen Pakt von 1920 an­erkannt. Rußland 'habe im russisch-türkischen Ver­trag von 1921 die Freiheit der Meerengen für Kauffahrteischiffe bestätigt und erklärt, dah ihre internationale Stellung von den Schwarzmeer­staaten festgesetzt werden müsse. Die Westmächte hätten die Interessen Rußlands unberücksichtigt gelassen. Rußland protestiere gegen diesen Eingriff in seine Rechte und die Rechte seiner Rachbarn. Die russische Regierung erkenne natür­lich zaristische Verträge nicht an, aber die vor so kurzer Zeit erfolgte Anerkennung der Rechte und Interessen Rußlands an den Meerengen und in Konstantinopel, wie sie im britis'chsn Vertrag mit Rußland vom Jahre 1916 enthalten war, ermutigten Rußland in der Hoffnung, baß die Mächte 'heute die russischen Interessen an der Zukunft der Meerengen nicht unberücksichtigt lassen können. 'Rußland erneuere seine Erklärung, daß es keinerlei Entscheidung über die Meerengen anerkennen werde, an der es ^icht teilgenommen habe und die seine Interessen außer acht lasse. Rußland sei der Ansicht, daß die isolierten Anstrengungen gewisser Länder die Krisis im nahen Osten ohne ihre Verweisung an alle daran interessierten Völker nur der Gefahr eines neuen Krieges entgegenführen würden. Rußland schlage kraft seiner besonderen Stellung im nahen Osten wie im Interesse der Völker, die eine friedliche Rege­lung der Frage wünschen, eine Konferenz aller in Betracht kommenden Länder, insbesondere der Schwarzmeerstaaten, vor. Der Ton der Sow­jet n o t e ist st e l l e n w e i s e z i e m l i ch s ch a r f gehalten.

Aus der Völkerbunds- verfamm?ung. .

Genf, 27. Sept. (Wolff.) Die Völker­bundsversammlung nahm heute mittag die Anträge des Abrüstungausschusses einschließlich der Resolutionen über die Garantie- Verträge und Reparationsfrage ein­stimmig nach einer wenig sensationellen Debatte an, an der das Publikum und die Delegationen einen weit geringeren Anteil nahmen als in der gestri­gen Sitzung.

B r a n t i n g - Schweden wies auf die Enttäuschung hin, die angesichts bfcr heutigen Wirtschaftslage entstehen müsse, wenn der Völkerbund auf deiir eingeschlogenen Wege nicht weiter schreite. Af- kenasi-Polen betonte das besondere Interesse, das Polen an der Annahme der Anträge habe ange­sichts seiner Lage zwischen Deutschland und Ruß­land. Cook-Australien hob hervor daßDeutsch- land abgerüstet habe und sich damit wirtschaftlich besser stelle als die mit großen Heeresausgaben belasteten Staaken. Lange-Rorwegen erklärte, das Fortbestehen des nationalistischen Geistes sei die schlimmste Erbschaft aus dem Kriege und be­zeichnete die Universalität des Völkerbundes im Interesse der Abrüstung für unbedingt notwendig. Zahle-Dänemark wünschte, daß die Abrüstung auch ohne Garantiepakt durchgeführt werden möge. Ein südamerikanischer Redner erklärte, öafj die Panamerikanische Konferenz von Santiago sich mit den Abrüstungsproblemen ernsthaft befassen, werde.

Lord Cccil gegen Jonvenel.

Den einzigen Höhepunkt der heutigen Debatte bildete die Erklärung, womit Lord Robert Cecil die Aussprache abschloh und in der er unter Bezug­nahme auf die gestrigen Worte Iouvenels über Belhmann-Hollweg, Bismarck und Riehsche alsVer- treter der militärischen Mentalität sagte, solche Männer gebe es auch in anderen Ländern, auch in Frankreich. Aber wie auch in Frank­reich die Mehrheit des Volkes für den Frieden sei, so sei auch die Mehrheit der anderen Rationen, ob sie nun dem Völkerbund angehören oder nicht, friedlich gesinnt, so auch in Deutschland und Rußland.

Der Präsident der Versammlung feierte in längerer Schlußrede die nunmehr abgeschlossene Abrüstungsdebatte, die in den Annalen des Völker­bundes eine große Rolle spielen werde.

Aus den Erinnerungen Kaiser. Wilhelms IL Ereignisse und Gestalten" aus den Jahren 1878 -1918.

(Fortsetzung.)

Das politische Interesse des Fürsten konzen­trierte sich eben ün wesentlichen auf den Kontinent Europa. England lag etwas abseits seiner täg­lichen Sorgen, 'am so mehr als Salisbury mit dem Fürsten gut stand und namens Englands seinerzeit den Zwei- hzw. Dreibund bei feiner Schöpfung begrüßt hatte. Der Fürst arbeitete vorwiegend mit Rußland, Oesterreick-, Italien und Rumänien, deren Beziehungen zu Deutschland und untereinander er andaueimd kontrollierte, äleber die Tlmsicht und Kunst, mit der er operierte, machte Kaiser Wilhelm der Große einmal seinem Kabinettschef v. Albedhll gegenüber eine treffende Bemerkung. Der General fand Seine Majestät nach einem Vortrags Bismarcks se'hr erregt, so daß er für die Gesundheit des alten Kaisers fürchtete. Er bemerkte da'her, der Kaiser möge sich doch den weiteren Aerger ersparen: wenn der Fürst nicht wie Seine Majestät wolle, möge man ihn gehen lassen. Darauf erwiderte der Kaiser: Trotz feiner Bewunderung und Dankbarkeit für den großen Staatsmann 'habe auch er schon daran gedacht, da das selbstbewußte Wesen des Fürsten manchmal allzu drückend werbe. Aber er und das Vaterland brauchten ihn zu nötig, da der Fürst der einzige Mann fei, der mit fünf Kugeln jonglieren könne, von denen mindestens zwei immer in der Lust feien; das könne er, der Kaiser, nicht.

Daß der Fürst durch den Erwerb von Kolo­nien seinen Blick über Europa hinaus zu richten hätte und mit England in besonderem Maße große Politik zu führen automatisch gezwungen war, das sah er nicht. England war wohl eine der fünf Kugeln in seinem diplomatifchi-staatsmännifchen Spiel, aber nur eine unter den fünf, und ihr wurde die besondere Bedeutung, die ihr zukam, nicht zugebilligt.

Deshalb war auch das Auswärtige Amt ganz auf die Kontinentalkonstellation eingespielt und 'hatte für Kolonien, Flotte oder England nicht das erforderliche Interesse und keine Erfahrung in Weltpolitik. Die englisch? Psyche und Mentcüität in der restlosen, wenn auch durch allerhand Män­telchen verhüllten Verfolgung des Planes der Welthegemonie war dem Auswärtigen Amt ein Dach mit sieben Siegeln. Der Fürst sagte mir einmal, sein Hauptaugenmerk sei, Rußland und England nicht zu einem Einverständnis kommen zu lassen. Darauf erlaubte ich mir zu antworten: Der Moment, dies in weite Ferne zu rücken, wäre ja beinahe gegeben gewesen, wenn man 1877/78 die Russen nach Stambul gelassen 'hätte; dann wäre die englische Flotte ohne weiteres zur Ver­teidigung Stambuls eingefahren und der Konflikt nxire dagewesen. Statt dessen 'habe man den Russen den Vertrag von San Stefano ausgenötigt, sie vov den Toren der Stadt, die sie nach furcht­baren Kämpfen und Mühen erreicht hatten und vor sich sahen, zur Tlmkehr gezwungen. Das habe in der russischen Armee einen unauslöschlichen Haß gegen uns entfesselt (Mitteilung preußischer Offiziere im russischen Hrer, welche den Feldzug mitgemacht hatten, insbesondere des Grafen Pfeil). Obendrein Habe man dann den Vertrag um» gestoßen und durch den Berliner Kongreß erseht, der uns in den Augen der Russen noch mehr als Feinde ihrerberechtigten Interessen im Orient belastet habe. Auf diese Weise sei der vom Fürsten e.-rhofste Konflikt zwischen Rußland und England in weite Fernen gerückt.

Der Fürst teilte diese Beurteilungseines" Kongresses, auf dessen Ergebnis er alsehrlicher Makler" so stolz war, nicht, und bemerkte ernst, er 'habe einer allgemeinen Konflagration Vor­beugen und seine guten Dienste zur Vermittlung anbieten müssen. Als ich später einem Herrn des Auswärtigen Amts diese Unterredung mitteilte, erwiderte dieser, er sei damals dabeigewesen, als der Fürst nach Tlnterzeichnung des Berliner Ver­trages In das Auswärtige Amt gekommen und von den bort versammelten Beamten die Glück­wünsche entgegengenommen 'habe. Darauf habe der Fürst sich emporgereckt und geantwortet:Jetzt fahre ich Europa vierelang vom Dock!" Der Herr bemerkte dazu: da 'habe der Fürs- sich geirrt, denn damals drohte schon an Stelle der russo-preußi- schen Freundschaft die rufso-französifche zu ent­stehen, also zwei Pferde waren aus dem Viererzug schon heraus. Disraeli's Staatskunst hatte aus Bismarcks ehrlichem Maklertum in den Augen Rußlands die Vermittlung eines anglo-öster- reichlifchen Sieges über Rußland gemacht.

Trotz mancher Derschieden'heit unserer Auf­fassungen blieb der Fürst mir freundlich und ge­wogen, und trotz dem großen Altersunterschiede bildete fidji ein angenehmes Verhältnis zwischen uns, da ich, wie die ganze Generation, ein glühen­der Bewunderer des Fürsten war und durch meinen Eifer und meine Offenheit sein Vertrauen gewonnen 'hatte und es niemals getäuscht habe.

Während des Kommandos zum Auswärtigen Amt hielt mir u. a. Geheimrat Raschdau Vor­träge über Handelspolitik, Kolonien ufa>. Dabei wurde ich schon damals auf unsere Abhängigkeit von England aufmerksam, die darauf beruhte, daß uns eine Flotte sckhlte und Helgoland in eng­lischen Händen war. Man beabsichtigte zwar unter dem Druck der Rotwendigkeit eine Erweiterung der kolonialen Erwerbungen, aber alles formte nur mit Erlaubnis Englands geschehen. Das war schwierig und für uns eigentlich unwürdig.

Das Kommando zum Auswärtigen Amt hatte für mich eine große Unannehmlichkeit gezeitigt. Meine Eltern standen dem Fürsten Bismarck nicht se'hr freundlich gegenüber und verdachten es dem Söhne in seine Kreise eingetreten zu sein. Man befürchtete Beeinflussung gegen die Eltern, Hyper­

konservativismus und wie dieGefahren alle hießen, die von'Ohrenbläsern aller Art aus England ,ric ausliberalen Kreisen", welche im Vater ihren Hort erblickten, gegen mich angeführt wurden. Ich Habe mich niemals auf solche Dinge ein­gelassen. Aber die Stellung im Glternhause ist mir dadurch recht erschwert und manchmal peinlich gestaltet worden. Ich habe wegen meines Ar­beitens unter dem Fürsten und meiner oft auf die schwersten Proben gestellten Diskretton für den Kanzler in der Stille recht Schweres zu tragen gehabt; der Fürst sand das anscheinend ganz selbstverständlich

Zum Grafen Herbert habe ich gute Beziehun­gen gehabt. Er konnte ein lustiger Gesellschafter sein und verstand es, interessante Männer um seinen Tisch zu sammeln, die zum Teil aus dem Auswärtigen Amt, zum Teil aus anderen Kreiscn stammten. Aber zu einem wirklichen Freundschaft^ Verhältnis ist es zwischen uns nicht gekommen. Das zeigte sich besonders, als bekm Ausscheiden feines Vaters auch der Graf feinen Abschied for­derte. Meine Ditte, er möge doch bei mir bleiben und mir helfen, die Tradition in der Politik sort- zuführen, erfuhr die scharfe Erwiderung: Er sei nun einmal gewöhnt, nur seinem Vater vorzu­tragen und Dienste zu leisten; man könne un­möglich von ihm verlangen, daß er mit der Map'iie unter dem Arme bei jemand anders zum Vorttag antrete als bei seinem Vater.

Als der nun ermordete Zar Rckolaüs II. groß- jährig wurde, erhielt ich auf Antrag des Fürsten Bismarck den Auftrag, dem Grohsürsten-Thron- folger in Petersburg den Schwarzen Adlerorden zu überreichen. Sowohl der Kaiser wie der Fürst belehrten mich über die Beziehungen der Länder und Häuser zueinander, wie über Sitten, Personen usw. Der Kaiser bemertte zum Schluß, er gebe seinem Enkel denselben Rat mit, den ihm als jungem Mann seinerzeit bei seinem ersten Besuche in Rußland Graf Qlblerberg gegeben habe:Jin übrigen liebt man auch hier wie anderswo das Lob mehr als den Tadel." Der Fürst endigte seine Informationen mit der Bemerkung:Im Orient sind alle Leute, die das Hemd außerhalb der Hose tragen, anständige Menschen, sobald sie cs 'hineinstecken und noch einen Halsorden dazu haben, sind es Schweinehunde."

Don Petersburg aus habe ich wiederholt meinem Großvater wie dem Fürsten Bericht er­stattet. Selbstverständlich schilderte ich nach bestem Wissen die Eindrücke, die ich empfing. Es war mir vor allem klar geworden, daß die alten russo- preußischen Beziehungen und Gefühle doch stark erkaltet und nicht mehr in dem Maße Vorhand en waren, wie der Kaiser und der Fürst in ihren Ge­sprächen es vorausgesetzt Hätten. Rach meiner Rückkehr bin ich von meinem Großvater und auch vom Fürsten für meine schlichte, klare Bericht­erstattung belobt worden, was um so erfreulich: r für mich war, als mich das Gefühl bedrückte, daß ich in manchem die hohen Herren hatte entäuschen müssen.

Im Jähre 1886, Ende August, Anfang Sep­tember, nach der letzten Gasteiner ZusammenkimN Kaiser Wilhelms des Großen und Bismarcks mit Kaiser Franz Joseph, bei der ich auf Brchchl meines Großvaters zugegen war, wurde mir der Auftrag zuteil, dem Kaiser Alexander III. persön­lich Mitteilung von den Absprachen in Gaß'in zu machen und mit dem Zaren die das Mittelmeer und die Türkei betreffenden Fragen zu be' and'l i. Der Fürst gab mir seine Instruktionen, die vom Kaiser Wilhelm fanTtioniert waren. Sie betrafen besonders den Wunsch Rußlands, nach Stambul zu gehen, dem der Fürst keine Schwierigkeiten bereiten werde: ich erhielt im Gegenteil den d n "k- ten Auftrag. Konstantinopel und die Dardan 0"N anzubieten (San Stefano, Berliner Kongreß also fallen gelassen!). Es war beabsichtigt, die T'nckZ freundschaftlich davon zu überzeugen, daß eine Verständigung mit Rußland auch für, sie wün­schenswert sei.

Ich sand freundliche Aufnahme beim Zaren in Brest-Litowsk und na'hm an den noiligcn Truppenschauen, Armierunas- und Vm-leidi u. übungen usw. teil, die schon unzweifelhaft ein antideutsches Gesicht trugen

2lls Ergebnis der Gespräche mit dem Zaren ist die Bemerkung des letzteren von Bedeutung: ..Wenn er Stambul haben wolle, toer>e er es sich nehmen, wann es ihm vasse: der Erlaubnis oder Zustimmung des Fürsten Bismarck bedürfe er dazu nicht." Rach dieser schroffen 2lbl"'b>nuna des Bismarckschen Angebotes von Stambul schh ich meine Mission als gescheitei-t an. Ich faßte meinen Bericht an den Fürsten entsprechend ab.

Der Fürst muß, als er sich zu dem Angebot an den Zaren entschloß, seine politisch" Auf­fassung, die zu San Stefano und zum D? lirmr Kongreß geführt hatte, geändert haben, ober er 'hielt, durch die Entwicklung der allgemeinen poli­tischen Lage in Europa veranlaßt, den Zeitpunkt für gekommen, die politischen Karten anders zu mischen, ober, wie mein Großvater gesagt hätte, anders zujonglieren". Das konnte lick nur "in Mann von der Weltgeltung und von . staats­männischen und diplomatischen Maß:n Für­sten Bismarck erlauben. Ob der Fürst gar fein großes politisches Spiel mit Rußland von vorn­herein so angelecht hatte, daß er mit dem Tc 'Her Kongreß zunächst einmal einen allgemeinen 'i'vtcq verhindern und England streicheln wollte und zu diesem Zwecke die russischen Orientafbtrati-'nen erst einmal behinderte mit dem genialen Doch-iv, fie später um so augenfälliger berbeifübren au helfen, vermag ich nicht zu entscheiden; denn feine, großen politischen Konstruktionen gab der Fürst