Ausgabe 
27.12.1922
 
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Ur. 303

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172. Zahrgang

Mittwoch. 27. Dezember 1922

SietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck mid Verlag: vrühl'sche Universttäts-Vvch- nnö Steinbruderei K. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe 7.

Annahme von An;e aen für die Tagesnumn er bis zum Nachmittag vorher ohne jede NerdindlichKeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mmBreite örtlich 16 Md. aufwärts 20 Mk.; für Nekiame» Anzeigen von 70 mm Breite 60 Mk. Bei^latj« Vorschrift 20"/<,Aufichlag. Hauptschriftleiter: Äug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigentell: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Der Papst gegen ben verfälschten Frieden.

Dvn ben Weihnachtskundgebungen, die sich mit dem Getriebe der Politik beschäftigen, ist am bedeutungsvollsten und interessantesten ein Hirtenbrief des Papstes, in dem er mit ver­blüffender Offenheit zu der brennendsten Frage, nämlich dem Reparationsproblem, das auf der Pariser Konferenz am 2. Januar be­handelt werden soll, Stellung nimmt. Er nennt diese Konferenz nicht, spricht auch nicht von der Pfänderpolitik, aber er wendet sich nichtsdesto­weniger scharf gegen die Poincaresche Gedan­kenwelt, indem er von dem Versailler Frieden als einemverfälschten" Frieden spricht, der die R a ch s u ch t verschärft und die Gier nach materiellen Gü­tern geradezu legitimiert habe. Der französische Paragraphenausleger wird sich sagen müssen, daß diese päpstliche Stellung­nahme ein gewaltiger Schlag gegen seine Me­thoden und Absichten ist, und wir wollen nur hoffen, daß diese Worte des Papstes einen weiten Widerhall bei den Völkern finden möchten. Wenn in dem Hirtenbrief steht,e i n- zi g und allein die katholische Kirche" sei fähig, den Materialismus wirk­sam zu bekämpfen, so erscheint dies insofern berechtigt, als sie über die gewaltigste Or­ganisation verfügt, um ihrem Willen Nachdruck zu geben. Was der Papst gegenmaßlosen Nationalismus" sagt, geht wohl auch ein we­nig an die Adresse Mussolinis, während auf der anderen Seite einige staatsrechtliche Be­trachtungen über die Gefahren des modernen repräsentativen Systems dem Verächter des Parlaments ein gewisses Wohlwollen be­kunden.

Rom, 24. Dez. (Wolff) Der Papst hat eine EnzyklikaDe arcano coeli" erlassen, in der er zu­nächst die Gründe anführt, warum er bisher Stillschweigen beobachtet habe, obwohl er den Wunsch gehegt habe, sofort an die Katholiken der Welt ein Wort zu richten. Er zählt die schmerz» " chen Vorfälle und die glücklichen Ereignisse ßer ersten Monate feines Pontifikates auf, die das, was er ben christlichen Dollern baliegen wolle be­leuchten Bunten, nämlich die Vielfältigkeit und den G r n ft der gegenwärtigen Hebet, die Hauptursachen die ec Hebel und schließ­lich die wirksamster Heilmittel gegen sie. Der Heilige Vater betont die Notwendigkeit der Wiederaufrichtung und Befriedung des gesell­schaftliche.! Lebens. Der Papst, der das Programm Pius' X. mit dem Derebikts XV. in der von ihm selbst gewählten Devise »Pax Christi in regno Christi" vereint, wünscht religiösen Frieden und religiöse Einigkeit, aber auch bürget lieben Frieden. Er drückt seine besondere Freude darüber aus, dah beinahe alle Völ'er, fast eifer­süchtig aufeinander, den Willen be undeten, freund­schaftliche Beziehungen zum Heiligen Stuhle zu unterhalten, aber man sehe, dah in diesem Ver­ein der Volker Italien, sein, des Papstes teures Vaterland fehle, obwohl es doch von Gott zum Mittelpunkt der gesamten christlichen Welt aus- erwählt worden sei Der Papst erneuert bei diesem Anlässe bie Erklärungen seiner Vorgänger, und zwar nicht aus irgendwelchem men chl eben Strebe i nach Macht, worüber er erröten würde, sondern um in der Stunde seines 2kblebens vor dem Allmächtigen keine Gewissensbisse zu empfinden.

In der Enzyklika heiht es:

In Europa lebten Völler, die noch in diche Nebel des Hasses eingehüllt und wechse'seitig voll voif Mihtrauen und Kränkungen seien. An schwer­sten litten die Besiegten, aber auch die Sieger, und selbst die Neutralen blieben nicht verschont. Die aus der Vergangenheit berrührenden Schäden würden immer schlimmer infolge des Mangels an schnellwirkenden Heilmitteln. Wiederhol e Ver­suche von Politikern, die Hebel zw-Lezlen, hätten nicht genutzt, vielmehr durch ihre Nllh»rfvlge nur geschadet. Die Gefahr sei um so größer, well die Angst der Völker zunehme, ba immer stärkere Drohungen mit neuen Kriegen kämen, die noch schrecklicher und oerbeerenber als bie vergangenen sein würden. Man lebe daher in beständiger Angst und in der Befürchtung einer Verlängerung der trostlosen Lage eines bewaff­neten Friedens, der fast einen Krieg ohne Hnterlah bedeute, der die Finanzen der Völler ruiniere, die Blüte ihrer Jugend verderbe und die reinen Quellen des physischen, geistigen, rellgiösen und moralischen Lebens vergifte.

Das zweite Hebel seien die inneren Kämpfe der einzelnen Völker. Der Klassen- kämpf fei die fest eingewurzelte, tödlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft, gleichsam der Bohrwurm, der den Lebensnerv des Ganzen zernage. Von ba können Revolution und Auf­ruhr auf der einen, Reaktion und Hnterdrückung auf der anderen Seite. Der Parteihader sei um so schädlicher, je mehr ein Doll am öffentlichen Leben teilnehme, wie es im modernen repräsen­tativen Staatssystem der Fall sei, das an sich nicht in Widerspruch zur katholischen Doktrin stehe, die sich ja stets mit jeder vernünftigen und aerechten Regierungsform vereinigen lasse: bei der heutigen Hmlehrung der Ideen von Disziplin jedoch könne dieses System zu ben schwersten Mihständen führen. Der Papst beklagt, dah die Zersetzungskeime auch in der Keimzelle des Staa­tes, die Familie, eindrängen.

Formell sei Friede geschlossen, aber bie Herzen nährten noch Kampf­geist.

6 in verfälschter, ran auf dem Papier geschlossener Friede

habe den Geist der Rachsucht noch ver­schärft und die Gier nach materiellen Gütern die Quelle von Kämpfen und sczialen wie internationalen Ungerechtigfeiten geradezu legitimiert, trenn sie mit Staats- raifon und Vaterlandsliebe bemäntelt und so bei­nahe wie Gerechtigkeit erscheine. Dieses Gefühl der Vaterlandsliebe, das an sich, icern es vom Gesetz Christi geregelt sei, einen Anreiz zu vielen Tugenden und bewunberungswerten Heldentaten biete, werbe zum Antrieb für schwere Hngerechtig- keiten, wenn bie be.echtigte Vaterlandsliebe in maßlosen Nationalismus aiuiarte und vergesse, dah auch bie Völker Drüber innerhalb der menschlichen Familie feien, dah auch andere Nationen ein Anrecht auf Lei et und Gedeihm hätten und dah es niemals erlaubt oder auch nur klug sei, das Nützliche vom Ehrbaren zu trennen:Justitia elevat gentes, miscros autem facit populos peccatum. Tücher sei ein auf diese Weise für Familie oder Nation errungenes Gut trotz äußeren glänzenden Erfvstes zerbrechlich und flöße Furcht vor plötzlichem Ruin ein.

Die Grundursache allen Hebels aber sei bie Abkehr der Menschen von Gott, die heute schon in der Schule gelehrt werde. Bei der Feststellung eines so großen Hebels habe der Papst nicht bas zuve sicht.ich; De-trauen, hier­für ein Heilmittel zu finden Notwendig fei vor allem bie Befriedigung der Herzen und Gemüter. Hierzu wiederum erford.rlich sei ein Friede, der in Lie £cr*en d inge und sie einander räbeebringe; ein Frieden, der gerecht, im Sinne der Caritas sei, ein wahrer Friede Christi. Mit einem solchen weide dann aucy bie Achtung vor Ordnung und Autorität wiedeckehren Einzig und allein bie katholis che K irche sei fähig, den Ma­terialismus wirksam zu bekämpfen und ben Massen ben Geist wahrer Brüderlichkeit einzuflöhen. Die Kirche werde auch künftig den Frieden sichern, denn sie lehre, daß alle Handlungen nicht nur die Einzelmenschen, sondern auch die der Gemein­schaft moralisch sein mühten. Keine mensch­liche Einrichtung könne den Nationen eine inter­nationale Rechtssetzung geben tote

der wahre Völkerbund deS Christentums.

Der Papst erklärt, er wolle bie Programme seiner beiden Dorgänger vereinigen: die WiÄ)er- ausrichtung des Reiches Christo unb die Befrie­dung in Christo, und fordert Klerus wie Laien zu enger Zusammenarbeit mit Episkopat auf. Dann erklärt er, dah das Zustandekommen des Cucha- ristischm Kongresses trotz der schwierigen Zeit- de'hältnisse ihn an die Möglichkeit einer Zusam­menkunft der Bischöfe in Rom vielleicht im näch­sten Iubiläumsjahre denken lasse, einer Zusam­menkunft. die unendliche Dorteile für di" Wieder­herstellung der sozialen Ordnung mit sich bringen könne e wolle damit aber noch nicht ausdrückl'ch die Wiederaufnahme und Fortsetzung des txtti- kanischen Konzils in sein Programm einschliehen.

Ein Trost in dieser trüben Zeit sei ihm bie Wieder°-Deziehu"gsa>isnahme biplvmat'sche^ Be­ziehungen fast sämtlich^- Staaten mit hem Aposto­lischen Stuhl, nicht sowohl wegen des darin Legen» ben Prestige-Zuwachses der Kirche, als vielmehr wegen der barin zum Ausdruck gelangenden An­erkennung ihres wohltätigen Wirkens ,ür las Heil der menschlichen Grs ll ch ft. Der Papst bedauert schmerzlich, dah Italien, sein (Baterlaub, da­bei fehle. Die Kirche wolle weder noch dürfe sie ohne gerechten Grund sich in bie Leitung rein welt­licher Dinge mischen: aitbererfeitd könne sie eine Verletzung des göttlichen Rechts in der menschlichen Gesellschaft nicht t ul'en. Er wiederhole daher b.e Worte seines Vorgängers: »Wir werden nichts dulden, was gegen die Würde und Freiheit der Kirche träte! Die Souveränität des S ellvertie- ters Christi bleibe verletzt durch bie Schaffung und Aufrechterhaltung eines anormalen Zustandes, zur beständigen Trauer Italiens wie bet ganzen Welt, dagegen müsse er aus Gewissenspflicht pro­testieren. Hebrigens habe I:al en nichts vom Vatikan zu fürchten. Der Pavst ruft zum Schluffe Gott an, ihm zur Wiederherstellung des Reiches Christi wie zur Befriedung Italiens und der Welt seinen Beistand zu gewähren.

Reichskanzler Dr. (Cuno zum WeihnachLsfest.

Berlin, 23. Dez. (WTD.) Wenn ich denen, die mich mit einigen Zeilen zu Weihnachten er­sucht haben, mit den anderen, die mich zu hören bereit sind, ein Wort zum Fest sagen soll, so kann es kein anderes fein, als ein Wort vom Frieden und ein Wort zum Frieden der Menschen und Völker. Die Welt ist von diesem Frieden noch weit entfernt; auch diese Weih­nachten 1922 ist mehr ein Tag der Mahnung an ihn, als seiner Erfüllung. Es gibt kaum ein Volk der Erde, das tiefere Sehnsucht nach Frieden hat als das deutsche Doll. Inmitten der quäl Dollen Unsicherheit der Wirtschaft, die Millionen dem Schicksal der Hngewihheit preisgibtt will es sich mit den äußersten Notwendigkeiten des Lebens abfinden: nur Frieden will es und Gerechtigkeit. Das gilt nach innen wie nach außen. Es ist kein Zweifel darüber, dah diese Gerechtigkeit im inne» Zren Wirtschaftsleben eines Volkes schwerer nach erzwingbaren Regeln zu sichern ist als irgendwo sonst. Hm so notwendiger ist es, dah ein An­deres einsetzt, was ftärfer ist: die tätige Liebe von Mensch zu Mensch, von jedem Einzellien zom

Nächsten und Fernsten, die an Kindern, Greifen, an Notleidenden unb Verzweifelnden so viel tun kann, unb zu der Weihnachten uns mahnt. Nia mehr als jetzt ist eine solche unpolitische, rein menschliche Pflichtbctoachtung zugleich der stärkste politische Dienst an der2lalion und ihrer Ein­heit. National sein, heiht vor allem, Liebe zum Volke haben unb an seiner Dersöhrrung arbeiten; heiht, unnützen Streit begraben oder zu vertagen: heiht, das gute Alte verehren, an die Zukunft glauben und die Gegenwart tragen und nützen Kann, ja muh nicht in solcher Auffassung ben nationalen Pflichten sich gerade jetzt das deutsche Volk zusammenfinden, wo schwere und schwerste Entscheidungen bevorstehen, die der Welt wirk­lichen Frieden bringen ober versagen werden? Damit wird zugleich die Entscheidung darüber fallen, ob die Wirtschaftskraft Deutschlands vor dem Zusammenbruch gerettet, für uns und für die Welt nutzbar gemacht, ober ob sie neuerlich zum Schaden des deutschen Schuldners wie seiner Gläubiger durch einen politischen Tendenzen dienenden Zwang geknebelt werden soll, der gegen den Vertrag von Versailles verstöht und den hinzu nehmen feine vom Dolkswillen getragene Regierung bereit sein kann.

Was immer in unseren Kräften steht, um der Welt schwerstes Hnheil zu ersparen und den Weltfrieden zu verwirklichen, soll geschehen. Wir sind entschlossen, schwere Opfer an ®ut und Geld auf uns zu nehmen, um der Freiheit deutschen Blutes und um der Gleich­berechtigt» rg und der sriedlichen Ar e t m t anderen Dollern willen. Im besonderen ge^en en wir dabei des Landes am Rhein. Nichts, wasDutsch- lanb dort noch mehr als bisher unter fremde Macht brächte, kann Deutschland zugestehen: alles, um sie aus diesem Zwang zu lösen, muh es ver­suchen, bis zu ben äuhersten Grenzen, die Wirt­schaft und Wahrhaftigkeit ihm ziehen. So ist der Dienst am Frieden des deutschen Dvlkes unb der Welt die Gabe, bie wir unter ben Christbaum niederlegen. Weihnachten recht feiern, heiht, den Willen z usolchem Frieden in allen Häusern unb Hütten unb In allen Gotteshäusern stärken unb gestärkt ins neue Hahc zu tragen, im männ­lichen Glauben an das Recht unseres DolleSpnd an ben endlichen Sieg der Gerechtig- keitt

Der deutsche Rechtsftandyunkt gegenüber PorncarS.

Berlin, 23. Dez (Wolff.) Zu der Rede des französischen Ministerpräsidenten Poincare im französischen Senat vom 21. Dezember bemerkt das Wolftbureau:

Poincar-? sagt, baß jedes Zurückbleiben Deutschlands 'hinter dem Zahlungsplan des Lon- bener Hltimatums ein Moratorium bedeute, unb daß der Dersailler Dort ag im Falle eines sol° ch'.n Zurückbleibens Frankreich das Recht gebe, sich Sicherheiten und Pfänder zu rer- schafsen. Poincare geht damit auf die ver­tragsmäßige Grundlage der Reparations­politik zurück: uns kann nichts erwünschter fein, als ihm auf diesem Wege zu folgen; denn es ist leicht zu zeigen, dah die von shm aus dem Der­sailler Vertrag gesogenen Folgerungen nicht haltbar sind. In erster Linie muh immer wieder darauf hingewie'e r werden, daß der Ver­sailler Vertrag nicht nur die DerpflichtungDeutsch- lands zur Zahlung der Reparationen beqrünbet, sondern zugleich in unzweideutiger Weise das Prinzip festlegt,

daß die Zahlungspflicht ihre Grenze jeweils an der LeiftunnFfayigkeit ratb an ben Lebens- nottvendigkeiten Deutschlands finden soll.

Die Repavationskommisfton ist nach Art. 234 des Versailler Vertrages verpflichtett periodisch unter Anhörung deutscher Vertreter bie Mittel zur brutschen Leistungsfähigkeit fest­zustellen unb erst banach bie Zahlungsfristen zu bestimmen. Auch sollen nach Art 251 bie Aus­gaben für die Versorgung Deutschlands mit Lebensmitteln und Rohstoffen, sowie die allgemein für die Erhaltung der Reparations- fähigkeit Deutschlands notwendigen Ausgaben ben Vorrang vor allen finanziellen Vervflichungen aus dem Dersailler Vertrag hale^r. Das Ulti­matum der Alliierten vorn 16. Juni 1919 stellt ausdrücklich fest, baß bie Bestimmung über die Berücksichtigung der Zahlungsfähigkeit ledig­lich im Interesse Deutschlands vor­gesehen ist, und allein bezweckt, jede Heberschrei- tung seiner Leistungsfähigkeit zu verbinbern. Dar­über, bah die Erfüllung des Londoner Zählungs- Planes die gegele ten Möglichkeiten übersteigt, ist sich alleWelteinig. Wenn bie deutsche Regierung also eine Aenberung dieses Planes beantragt, und Dorschläge für eine anderweitige, den deutschen $äf>igtei ei tatsächlich entsprechende Regelung macht, so erbittet sie damit nicht eine besondere Vergünstigung, de.en Gewährung von den Alliierten an beliebige Bedingungen geknüpft werden könnte, sondern sie macht

Von dem im Vertrage ausdrücklich vorgesehe­nen Recht

Gebrauch. Poincare sprach aber nicht einmal davon, dah eine Aenderung des bisherigen Zah­lungsplanes von den Bedingungen abhängig ge­macht werden könne. Er geht viel weiter und behauptet, dah Frankreich nach dem Vertrage durch die blohe Tatsache der Nichtzahlung ohne weiteres in die Lage versetzt werde, sich deutsche Pfänder zu nehmen. Er meint, dah der Artikel 248 des Versailler Vertrages den Gläubigern Deutschlands die Befugnis gebe, im Falle der Nichtzahlung unmittelbar ihren Zu griff aus das deutsche Staatsver­mögen zu nehmen. Der Artikel sagt, unb zwar

nach ber französischen Fassung, bie nach der Mei­nung Poincares seiner These günftiger ist als die englische, dah für die deutschen Reparations­verpflichtungen ein Privileg unb ein Vorrecht ersten Ranges auf das deutsche Staatsvermögen bestehen soll. Das bedeutet, dah die Alliierten ein Recht auf die vorzugsweise Befriedigung aus dem Vermögen deS Reiches und der Cänbci haben sollen, dah sie also verlangen können, dah bei Nichterfüllung der deutschen Reparations­verpflichtungen das diesem Vorrecht unterliegende Vermögen mit Vorzug vor anderen Gläubigern zur Befriedigung ihrer Forderungen zu verwen­den ist. In welcher Weise jedoch eintveten- denfalls diese Verwendung zu erfolgen hätte und das ist hier der ausschlaggebenba Punkt darüber sagt der Dertrag nichts. Rechtlich haben die Alliierten keinen Sin-- f l u h auf die Entscheidung über den Weg ben Derwenbung: noch weniger haben sie die Mög- lichkeir, diese Verwendung ihrerseits einseitig da­durch herbeizuführen, bah sie unter Ver­letzung ber deutschen Souveränität in ber einen oder anderen Form ihren Zugriff auf das Staatsvermögen nehmen. Art. 248 bat also keinen anderen Inhalt, als dah er bie Rangordnung der verschiedenen deut­schen Gläubiger festseht, er enthält aber nichts von dem Rechte auf eine Zwangsvoll­streckung.

Auch diese Auffassung findet ihre Bestätigung, wenn es angesichts des klaren Wortlautes dc Vertrages einer solchen noch bedurfte, in dem Ultimatum der Alliierten vom Juni 1919: Dort wird bei der Erörterung des Artikels ausschlieh- lich von der vorzugsweisen Befriedi­gung derReparationsschuld gesprvci < a. Es wird aus dem Artikel für die Lllliierten ledig­lich das Recht gefolgert, ihre Bezahlung mit Dorrecht (par p iorit£) vor ber Regelung aller anderen Schulden des Reiches ober der deuts-.'.u Länber zu erhalten. Selbst wenn also toa^ angesichts ber herrischen Finanzlage nicht der Fall ist eine Verletzung der deutschen Zahlungs­pflichten Vorlage, würde sich daraus zugunsten der PfänderpolMk PoinearäS doch keine Rechts­grundlage

ergeben; die Dertoi rklichung der Pfän- berpvlitik wäre vielmehr

Vertragsbruch und Gewalt.

Es s'ft in diesem Zusammenhang noch auf einen anderen Punkt hinzuweifen Poincars stellt offen tn Aussicht, dah Frankreich Pfänder ge­gebenenfalls auch ohne die Mitwirkung unb Einwilligung ber anberen Alliierten m Besitz nehmen werbe. Wenn er bas durch den Zusatz zu mildern sucht, bah Frankreich in einem solchen Falle für gemeinsame Rechnung aller Alliierten handeln werbe, ändert bas doch nichts an ber Tatsache bah Frankreich gegebenen- falls aus eigener Initiative, allein gegen Deutsch­land Vorgehen will. Demgegenüber ist zu be­tonen, bah ein einseitiges Dorgehen Frankreichs in ber Reparationsfrage schon als solches einen Vertragsbruch bedeuten würde Welches auch die Rechte sind, die der Desailler Derttag zur Durchführung der Repa- raIonen gegenüber Deutschland gibt, besteht doch kein Zweifel darüber, dah diese Rechne n jemals von einzelnen an den Reparationen beteilig­ten Mächten gellend gemacht werden können. Die Durchführung ber Reparationen ist aut- schließlich in die Hände der Reparations­kommission gelegt.

Keine alliierte Macht kamt Reparations- ansprüchr für sich allein gegen Deutschland erheben;

sie haben sich vielmehr zu diesem Zweck an die Reparallonskommission zu wenden Ebenso­wenig wie aber eine einzelne Macht unmittelbar Reparationsansprüchr erheben Rum. kann sie für sich allem auch Zwangsmaßnahmen zur Duichführung dieser Ansprüche ergreifen, sonst würde sich die widersinnige Folge ergeben, daß ein Staat Ansprüche betreiben ober durch ein Pfand sichern formte, bie ihm gar nicht zustehen. Das gilt auch für bie Handhabung des Art. 248, der als allem zustänÄge Instanz ausdrücklich die Reparationskommission bezeichnet.

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Die neuen dentschen Reparations« Vorschläge.

Berlin, 27. Dez. Reichskanzler Dr. Cuno ist gestern abend aus Hamburg wieder in Berlin eingetroffen. Auch Staates?krelär Hamm ist gestern aus Bayern zurückgekehrtt so dah das Kabinett heute wieder vollzählig beisammen ist. Die Besprechungen übet die neuen deutscher R e - parationsvorschläge werden heute mit größtem Nachdruck weiter gejörbert D e Be sprechungen mit den Sachverständigen über die Formulierung der deutschen Gegenvvr'chlä^e sind auch während der Festtage von den Ministern Dr Hermes und Dr. Decker fortgesetzt worden.

Die Konferenz von Lausanne.

Lausanne, 26. Dez. Die Konferenz begann heute nachmittag die durch die Feiertage unter= buchenen Arbeiten toi Her aufzunehmen, obgleich noch nicht alle Delegattonen zurückgekehrt sind Es fand nut eine offizielle S i Yung in der Hnterkommis fion für Bevölkerungs - austausch statt, in der bie Griechen von neuem gegen bie Entfernung des Patriarchtts aus Kon­stantinopel protestierten. Die ftanzösisch? Dc-le- gatton brachte einen Dermittlungsdorschlag ein, wonach der Patriarch seine religiöse Befugnisse