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Nr. 219

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poftjchecsjonlo:

Frankfurt a. M. 11686.

(72. Zatzrgang

Montag. 27. November 1922

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitatz-Vuch- und Zteindruckerei R. Lanze in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7.

Annahme von Anzerae.t für die Tagesnummer b: .> 3um Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit Preis für 1 mm höhe für Anzeigenv 27 mm Breite utllid) 8 Ml:. auswärts 10 Mk.; für Reklame Anzeigen von 70 mm Breite 32 Bllt. Bei Platze oorschrist 20 ®/o 2luf,chlag. Hauprschriflleiter: Aug < oeh. Verantwortlich sür Politik: Slug. Goetz, für den übrigen Teil: Ernst Vlumschein; für den Anzeigentell: .'Hans 'Leck, sämtlich in Bietzen.

Die Ausnahme des Kabinetts Cuno im Auslands.

Die französische Presse ergeht sich in ironischen und drohenden Betrachtungen des deutschen Kab neltSwcchsels. Frankreich fühlt sich als Gewalthaber und meint, der Schwache müsse sich ducken. Das Leitmotiv des ganzen Pariser ZeitungSfeldzugeS ist, das Deu.schland des Herrn Cuno wolle nicht bezahlen, und daher müsse man jetzt selber nehmen. Poin- car6 selber spricht kaum etwas anderes aus, wenn er Kriegervereinsreden hält und zum Burgfrieden der Franzosen auffordert.

In England ist die Presse etwas zu­rückhaltender. DieTime 6U meint, es sei jetzt endlich eine verhandlungsfähige De- schästSregierung gebildet worden; die Rede Cunos sei zwar klug, jedoch vom Standpunkt der Alliierten auö, wenig ermutigend gewesen.

Diel bedeutungsvoller waren die letzten Verhandlungen im englischen Unterhaus, worüber folgende Berichte vorliegen, aus denen erstellt, daß die englische Regierungs­politik noch nicht ganz schlüssig ist vor der Entscheidung:

London, 25. Rov. (Wolff.) Das liberale Parlamentsmitglied Collins trat im Unter» Haus für die Streichung der Alliiertenschulden und für den Verzicht Großbritanniens auf seinen Anteil an den deutschen Entschädigungszahlungen ein. Er sagte, der Vertrag von Versailles, den der Premierminister selbst mit unterzeichnet habe, treibe Europa in den Bankerott. Das Parlamentsmitglied B e r k e l y führte aus, man tonne augenblicklich die Lage auf dem Kontinent nur mit der größten Besorgnis betrachten. Heber« all sehe man eine Ration im Ruin oder eine Ration, die in den Ruin gezogen würde. Alles deute auf die Rotwendigkeit eines ernsten inter­nationalen Zusammenwirkens hin als Bedingung für eine Besserung der Lage. Das Parlaments­mitglied Fisher fragte, ob der Premierminister im Hntechaus einen Tag zur Erörterung der Reparationsfrage bestimmen werde. Der Unter« staatssekretär für auswärtige Angelegen­heiten erwiderte, das ernste Ziel, das Curzon in Lausanne verfolge, sei die Zusammenarbeit der Entente. Mc. R e i l l fuhr fort, Curzon sei der Ansicht, daß sobald wie möglich eine Erörte­rung über die Reparationsfrage stattfinden müsse, und er hoffe, daß ein baldiger Zeitpunkt dafür festgesetzt werden könnte. Das Parlamentsmitglied Morel erklärte, man werde nicht länger dulden, daß die auswärtigen Angelegenheiten unter dem Schleier des Geheimnisses durchgeführt werden. Die Lage sei das unmittelbare Ergebnis der so­genannten Friedensverträge. Die Erklärung, daß Deutschland zahlen werde, sei der größte Bluff, der dem Lande jemals zugemutet wor­den sei.

Eine Scharsmacherrede Poinear^s.

Paris, 26. Rov. (WTB.) Bei der Ein- wcihungsf cier eines Kriegerdenkmals in Poulygny hielt Ministerpräsident P o i n eure eine Rede, in der er nach den üblichen Vorwürfen gegen Deutsch'and und Oesterreich zum Burgfrieden in F a ckreich aufforderte. Vor Ende des Jahres wurden sich Frankreich und ferne Alliierten vor bie ernfteften aus- wärtigenProbleme gestellt sehen und wich­tige Entscheidungen zu treffen haben, von denen größtenteils bi" Zukunft Frankreichs abhänge. Er p.rfönih fei von der Gröh: der zu löfenben Schwierigkeiten zu überzeugt, um nicht die Strei­tigkeiten zu begraben, die die Handlungsfreiheit Frankreichs b.^einträchtigen könnten. Er fordere deshalb alle guten Bürger auf, sich um die Re­gierung der Republik eng zusammenzuschiehen. damit diese in den Stand gesetzt werde, Frank­reich endlich die Früchte des Sieges unb die Wohlfahrt des Friedens zu gewährleisten.

Eine neue Note Nollcts.

Paris, 25. Rov. (Wolff.) Man meldet demPetit Parisieu", daß infolge des Zwi­schenfalles in Ingolstadt General R o l - let der deutschen Regierung eine Rote über­reicht hat, die eine Untersuchung und Sank­tionen gegen die Personen verlangt, die den Aufstand in die Wege geleitet haben.

Das amerikanische Misttranen gegenüber Frankreich.

London, 25. Rov. (Wolff.) Der Was­hingtoner Berichterstatter derTimes" hebt das in den Vereinigten Staaten ge­genüber Frankreich herrschende Mißtrauen hervor und schreibt, die Senatsdebatte vom 23. Rovember könne kaum angenehm für Frankreich und die Freunde Frankreichs sein. Die Ansichten der Senatoren Hitchcock und Borah würden von der ungeheuren Mehrheit der denkenden Amer kaner geteilt. Beide seien sich eins in dem tiefen Mißtrauen gegen­über der französischen Politik. Die Bedeutung dieser Tatsache brauche nicht erst betont zu werden.

Eine Rede des Reichskanzlers im Reichsral.

Berlin, 25. Rod. (WTB) Die heutige Ci'mn.g des Reichs rats wurde vom Reichs­kanzler Dr. Cuno mit eiter Ansprache eri5f.net, in der er auf feine frühere Tätigkeit im Reichs« dien sie hi.rwies und betonte, es fei einer feiner ersten Akte nach Antritt feines neuen Amtes ge- toefen, sich in Schreiben an sämtliche Saats- p äsidenten und Ministe.-Präsidenten der Länder zu wenden. Denn ich bin überzeugt, fuhr der Reichskanzler fort, daß die uns für die nächste Zeit beoorsthenden Aufgaben nicht gelöst und nicht b.wältigt werden können von einem Kabinett, mag es noch so sachlich und noch so sehr den Beoülsnissen der einzelnen Restorts entsprechend zusammengesetzt sein, allein in Zusammenarbeit mit d.m Reichstag, sondern daß wir babei^ in den Fragen, die uns im Innern in den nächsten Wochen und Monaten schwer und verantwortlich zu bstchästigen haben werden und in Geschlossen­heit des ganzen Reiche nach aufren auch für die Fragen, welch: die Außenpolitik betreffen, des absoluten Zusammenschlusses und der verständnisvolle:. Zusammen­arbeit der Länder bebürfen. Seinen Wunsch tue Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten der Länder zu besuchm, werde er nicht verwirk­lich m können und daher di: Heroen hierher bitten. Diese Aussprache werde für die Arbeit des Ka­binetts grundsätzlich grundlegend sein. Er halte es auch für feine Pflicht, die Mitglieder des Reichsrats von Zeit zu Zeit über die allgemeine Lage zu unterrichten, so daß sie in entsprechender W.ise ihren Einfluß von hier aus auf die Länder geltend machet und gleichzeitig auch beratend der Reichsregierung zur Seite stehen körnen. 3m Rahmen der Ve sassung werde er bie Eigen- art und Selbständigkeit dec Länder zu erhalten wissen. Von vertrauensvoller Zu­sammenarbeit mit den Mitgliedern des Reichsrats echoste er einen festen Zusammenschluß der Län­der im Reichsverbamde und eine feste veichsdeutsche Gesinnung aller. Der Reichskanzler bat, ihn mit Rücksicht auf die Tagung des Reichstages zu entschuldigen und übergab den Vorsitz dem Reichs­minister des Innern Dr. O e f e r. Bei der Beratung der Tagesordnung stimmte der Reichs­rat den Reichskagsbofchlüfsen über Abänderung der Gowerbegerichtsverordnung und des Gesetzes über die Kaufmcrnnsgerich'.e zu.

Le Troquers Angaben über die deutschen Wasserstrahendauten.

Berlin, 25. Rov. (Wolfs.) Der französische Minister Le Tropuer hatte in der Sitzung **>r Deputierteniamir.ee vom 21. Rovember 1922 bie Deiech.lgung der Heranziehung b e u t- scher Arbeiter zum Ausbau der Rhone unb Saone damit begründet, baß Deutschland für seine Wasserstraßen umfangreich? Verbesse­rungen in Angriff genommen habe unb es nicht als .Unbilligf/it empfinden könne, wenn es das gleich? in bet Abtragung feiner Reparations­pflichten auch für französisch? Wasserstraßen auf» zuwenden gehalten we.de. Le Troguw bere-Hnete. daß Deutschland gegenwärtig 2750 Km. Dinnen- m-afserstrost en ausbau?, bei denen 512 000 P. S. Wasserkräfte gewonnen würden und hierfür den Betrag von vier Milliarden Goldmark bereit- aestellt habe.

Demgegenüber wirb von zuständiger Stelle festgestellt, baß der größte Teil der Wasser­st raffen, die b~r französisch? W'ederaufbaammsttsr seinen Aufstellungen zugrunde legt, gar nicht in Angriff genommen ist. moglicherwrise auch niemals gebaut zrirb Hierher gehören die Qkrbinbung von Reckar zur Donau über die Rauh? Alp. die Derbindu'ng der oberen Donau mit dem Dodensee, die Verbindung von der Weser zum Main, der Hansakanal und der Rordsüdkanal, die Äartatifierun.] der Ruhr and bie Verbindung der Lippe mit der Ruhr lo.v.e bie Kanalisierung der Lahn. Der Dau des masurischen Kanals, der von Preußen 1906 be­gonnen war, wurde eingestellt, da die Lage der Reichsfinanzen den weiteren Bau der Wasser­straße nicht zulieh. Von 18 großen Wasser­straßenprojekten, die bei französisch? Wiederauf­bauminister in der französischen Kammer bor­get ragen hat, bleiben letzten Endes nur drei übrig, nämllch der Mittellandkanal, bie Kanalisierung des Reckars u nd bie Herstellung der Verbuchung zwischen Rhein und Donau. Was den Mittellandkanal an- gcHt, so hat das Reich vorläufig davon ab­gesehen, die beim Ausgang des Kriegs bereits in Bau genommene Strecke zu verlängern, fie beschränkte sich darauf, das einmal angefangene Teilstück zu beenden. Für die Reckar- und Rhein- Main-Do.au-Wasserstraße sind Aktienge­sellschaften gegründet, an denen zwar das Reich Bayern, Württemberg, Baden und Hefsen maßgebend beteiligt sind, die aber als in sich selbst so wirtschaftlich fundiert erscheinen, daß es möglich gewesen ist und auch künftig möglich fein wird, den größten Seit d^s Daukapitals ohne Inanspruchnahme des öffentlichen Kredits aus dem freien Geldmarkt zu beschaffen.

Vier Milliarden Go'.bmark, b"e der f.an ö'i ch? Wiederaufbauminister für die deutschen Was e straßenpiäne errechnet hat, schrumvfen also tatsächlich auf 600 000 00>J Goldmark zusammen, b. h auf 0,45 Prozent de gesamten Reparationssumme von 132 Milliarden Gold- mark. D.u.schland hat die Was erstrahenpläne aber nicht in Angriff genommen, um sich seinen Verpflichtungen zu entziehen, ober ben Handel von Frankreich oder irgendeinem anderen Lande abzuzrehen, sondern glaujt, die hohen Aufgaben,

die ihm gemacht wurden, nur bann erfüllen zu formen, wen i es alle produktiven Kräfte, über die es verfügt, anfpannt, insbeso idere bi? wert­vollen Wisserkräst? des Neckar, Maines und der Donau au .>baut. Das Wasserst aßenprog amm Deu schlands ist also ein Produktionspro­gramm ausgesprochenen Stiles.

Die Lausanner Tagung.

Die russische Delegation.

Paris, 25. Rov. Rach einer Havas- ineldung aus Moskau hat Tschitscherin den alliierten Regierungen mitgeteilt, da die Konferenz von Lausanne eröffnet se , werde die ru s sche Delegation, bestehend aus ihm selbst, Rakowsk, Woroweki und Mdivani sofort ab­reisen.

Rakowski überdasMeeren^enproblem

Paris, 27. Rov (WTB.) Rakowski, der gefter.i in Lausanne angekommen ist. erklärte dem Soaderbemchterstatter desMatin" ü e das Regime der Meerengen: Wir wollen, daß die Handelsschiffe fr et zwischen be n Sch r ar en un.b dem Mittelmeer verkehren können. Würden wir das nicht wollen, bann wären wir eing?» schlosse tz unb unser wirtschaftlicher Wiederaufbau e unmöglich. Aber für oi? Kriegsschiffe ist unsere These ein? ganz andere Si? entspricht unserer geographischen Lage. Wir bedangen, bi6 die Dardanellen u tb b?r Bosporus wirkliche Häfen sind, und daß diese Häfen geöffnet find für jeden, bet kommen will. Wir verlangen, daß bie Kriegsschiffe nicht in das Schwarze Meer einbringen können De Freiheit Der Meerengen, wenn si? sowohl für Kriegsschiffe als auch für Ha delrschif.e g-Itenb ist, ist nicht mehr eine Freiheit, fonbem im Gegenteil würbe sie die Herrschaft ber stärk­sten Seemacht über die Meerengen bebeu en. Des­halb würden wir es Vorgehen, die Meerengen nicht von der britischen Flotte, sondern von den Ufer ft aalen kontrolliert zu sehen.

Die Jnsclfragcn.

2 a u f a n n e 27. Rov. (WTB.) Heber die Frage ber Inseln des Aegäisch en Meeres, zu ber Ismet Pascha in o?r Sitzung vom Samstag nachmittag di? Wünsch? ber Tür­kei formulierte, erfährt bie Schweizerische De- penfchenagenlur: Die Türkei stellt 2 Forderungen auf: 1. wünscht fie bie Revision des Vertrages von Sevres, ber die am Eingang der Dardanellen gelegenen Inseln (Imbrvs. Lemnos unb Tenedos) Den Griechen zuteilte. Die Türkei beansprucht bie Souveränität über diese Inseln; 2. wünscht bie Türkei bie®ntmititarifierungber Inseln,

bie in ber Rähe ber türkischen Häfen gelegen sind, sowie bie Entmilitarisierung von Samos unb ChioS, als bereu Besitzer sie Griechenland an erkennt. Der Londoner Vertrag von 1913. der nach dem griechisch-türkischen Krieg abgeschlossen wurde, überließ den Großmächten bie Entscheidung über diese Inseln, die dann Griechenland zugeleill wur ben. Wie die Schweizersiche Depeschenagentur weiter berichtet, fand in ber ersten Sitzung an; Samstag nachmittag ber erste Wunsch der Tür fei wenig günstige Aufnahme. In bezug auf die Entmilitarisierung der griechischen Inseln vor ber türkischen Küste scheint man ben türkischen For­derungen nicht abgeneigt zu fein. Daraufhin deute! man wenigstens die Einsetzung einer Unter kommifsion.

Der Streit um Dedeaqatsch.

Lausanne, 27. Rov. (WTB.) Der bul­garische Delegiert? Dodorofs veröffentlich' eine Erklärung als Antwort au; das gr ehishe Expo «? in ber F uge des Hafens von Dedeagatsch unb betreffs der Zugänge zum Schwarzen M-.er, in dem es heißt: Die bu'gnr.sHe Delegation kann dem Gedanle i von Vm selos, der ein interna io« rales Regime fordert, nicht zu limmen. Es fan.e't sich hier um einen Hafen, ben Bulgarien be­sitzen muß. Es sei selbstverständlich, daß Bul­garien den Hafen, über ben es seinen Verkehr lenken wolle, besitzen müsse.

Aus vem Reiche.

lOvprozent ge Erhöhung der Postgebühren.

Berlin, 26. Rov. Den Blättern zufolge berief der Reichspostminister den Verkehrs- beirat beim Reichspostministerium zum 28. d. M. ein. Zur Beratung soll u. a. eine Vor­lage des Ministeriums über die neue Gebüh­renordnung kommen. Infolge der Geldent­wertung ist eine lOOprozentige Er- höhungallerGebührenmit Au^n.ihme der Fernsprechgebühren vorgesehen. Bei den Fernsprechgebühren will man die Grund­gebühr auf der bisherigen Höhe belassen, die Gesprächs- und Rebengebühren verdoppeln und die Ferngebühr um das Zweieinhalbfache erhöhen.

Die Krankeuversichermtg.

Berlin, 25. Rov. (WTB.) Der Reichs- tagSausschuß sür soziale Angelegenheiten erledigte die Vorlage, welche die Grundlöhne für die Krankenversicherung auf 600 Mark und 1800 Mark erhöht und die Ver­sicherungsgrenze auf 720 000 Mark festsetzt.

Die Fortsetzuust der Aussprache im Reichstag.

Berlin, 25. Rovember 1922.

Der Reichstag überweist zunächst bebattelos die Rovelle zum Einkommensteuer­gesetz dem Steuerausschuß, ebenso werden durch Ausschuhüberweijung erledigt die Rovelle zum P o st g e s e tz. zum Landsteuergesetz und zum Gesetz gegen bie Kapitalflucht.

Dann toub

die Aussprache über die Regierungserklärung

fortgesetzt.

Abg. Ledebour (US.) bedauert, daß ber Reichskanzler nicht anwesend ist. Er richtet an fernen Vertreter bie Frage, ob Herr Müllcr°Donn noch Minister ist. ober ob er zurück­getreten jet. Da bie Frage nicht beenbet fei, müsse ferne Partei auf bie Angelegenheit näher ein­geben. (Zuruf aus dem Zentrum:Die Sache ist Doch erlebigtl) Ledebour erwidert: Rein, die An­gelegenheit rst nicht für uns erledigt. Selbst wenn ber Minister jetzt zurückgetreten ist, müssen wir boch bie Frage aufwerfen, wie ein Mann mit einer wenigstens im Rheinland sehr bekannten an­rüchigen Vergangenheit überhaupt auch nur einen Tag Minister fein konnte. In ber Tatsache, daß dieser Separatist unb Gegner ber ®et reibeumlag? als Ernährungsminister sein Amt versehen fällte, liegt der Beweis dafür, daß dieses Kabinett ein rein agrarisches Kabinett ist. Wir haben großes Interesse daran zu erfahren, wer für bie Aus­wahl bieses Anti-Ernährungsministers verant­wortlich ist. (Der Reichskanzler ist inzwischen er­schienen.)

Rücktritt des ErnLhrungsmlnisters.

Reichskanzler Cuno verliest ein Schrei­ben bes Ernährungsministers Dr. Müller- Bonn an ben Reichspräsibenten. Darin erklärt Dr. Müller, bie in vergangener Rächt er-fvlgte Buch­prüfung ber gegen ihn erhobenen Vorwürfe bare zwar ergeben, daß an feiner vaterländischen Ge­sinnung nicht yx zweifeln fei; die durch diese Angriffe geschaffene Atmosphäre parteixo'.itifcher Gegensätze hab? ihn aber dazu bestimmt, im vaterländischen Interef'e von feinem Posten zurückzutreten. Der Reichskanzler erklärt iXFU, bei der noch gestern abend durch ben Rcichsju'tizminister Hemze vorgenommen?n Rach- prü^ung der Vorwürfe habe Aiig Sollmann selber erklärt, er wolle nicht behaupten, daß Dr. Müller bie Loslösung vom Rheinland erstrebt oder gewollt habe. Damit feien bie Vorwürfe gegen den Reichsernährungsminister hinfällig. Gleichwohl bestehe Dr. Müller auf feinem Rück­tritt in ber Erwägung, bah er infolge der An­griffe persönliche Schwierigkeiten zu gewärtigen

habe, welche die volle Konzentration feiner Kräfte auf fein hochbedeutendes Amt unmöglich machen würde. Er, ber Reichskanzler, fei sich ber durch diesen Zwischenfall vermehrten Sch vier .g eiten be­wußt, für das Amt des Reichrer-lährungs- ministers eine Persönlichkeit zu gewinnen, ber zu gleicher Zeit das Vertrauen der Landwirt­schaft und bie fachlich? Eignung zur Seite stehe. Er appelliere erneut an bie Mitarb?it des Ka­binetts. (Beifall, höhnische Zwischenrufe bei ben Kommunisten)

Abg. 0 tref emann (D. Vpl.): Rach der Erklärung des Reichskanzlers können die gestern gegen Dr. Müller erhobenen Vorwürfe nicht mehr aufrechterhalten werden. (Widerspruch bei ben Sozialisten.) Es war auch durchaus gerecht­fertigt, ben Syndikus der rheinischen Landwirt­schaft? kammer als Ernährungsminister zu wählen. Da aber gerade im Rheinland die Zusammen­fassung aller Parteien eine vaterländische Rot- wenbigkeit ist, wäre es verhängnisvoll, wenn eine politisch so umstrittene Persönlichkeit an der Spitze eines wichtigen Minister uns steht. Darum be­grüßen wir bie jetzt gefundene Lösung. Den Ge­danken ber großen Koalition habe ich schon ver­treten, als wir in der Fehrenbach-Reglerung sahen. Da,'u wcIlten wir die Sozialdemokratie nut Her­an? sehen. Wir brauchen jetzt einen Führer der Wirtschaft in der Regierung. Für die en Führer ist natürlich der ilebergang in die Drecklrn.e der Parteien nicht verlockend. Dem Reichskanzler Cuno müssen air für das Beispiel von Verant­wortungsgefühl, das er mit der Amtsübernahme gegeben hat, dankbar fein. Es muh dagegen Ulfs schärfste verurteilt werden, wenn ein höherer Beamter, wenn des Reichskanzlers Ruf an ihn ergeht, es sogar abgelehnt hat, nach Be.lln zu kommen, um feine Gründe zur Ablehrung emes Minrsterpvstens darzulegen. Die bei der Regie­rungskrise gegen bte Fraktion erhobenen Vor­würfe find unberechttgt. Man darf das Parla­ment nicht zum Sündenbock für alles machen. D-r. Strcfemann wendet sich bann gegen Dr Dreitscherbs Ausführungen. Auf bem sozraldemo- kratifchen Parteitage fei schon mit Recht ge­sagt toor'ben, man solle Herrn Stinnes nrcht zum Kinberschreck machen. Ganz falsch sei, biß für solch? wirtschaftlich führenden Persönlich­keiten das Profitinteresse maßgebend fei. Leitend fei tatsächlich das Interesse am Werk. Dr. Deckers Richllinien zur Steuerpolitik find seiner­zeit auch von den Sozialdemokraten _ gebilligt werden. Ohne die Zwangswirtschaft hätten wir nicht die heutige Monopolwirtschafl. Wegen ber Stützung unserer Währung brauchen wir unter allen Umständen bie P r o d u k t i o n s f ö r de- rung. Einen Minister, ber nicht alles tut, um