Ausgabe 
26.10.1922
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 252

Erscheint täglich, mcher Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GiehenerFamilienblätter Monatliche Vezvaspreife: Mk. 102.- undMK. Z.- Trägerlohn,durch dieDost Mk. 125.-.auch beiNtcht- erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gemalt.- Fernsprech- Anschlüsse: fürdieSchrift- kthtng 112; für Verlag exb Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Bietzen.

poslsche^konto:

Krmtifurt a. DL 11686.

172. Jahrgang

Donnerstag, 26. Oktober 1922

GietzenerAiizeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnick und Verlag: Vrühl'fche Umv.-Vuch- und SteiMbruderei R. Lange. Schriftlettung, Seschaftrftelle und vruckerel: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Dreis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breit« örtlich 600 Pf., auswärts 800 Pf.; für Reklame» Anzeigen von 70 mm Dreite2800Ps. Bei Platz- Vorschrift 20 , Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Dietzen.

Um die Krise herum.

Der Reichspräsident hat die Mahnung aus­gesprochen,bi» groben und wertvollen Kräfte unseres Volkstums zusammenzufassen und zu- sammenzuschlieben tn dem uns allen Gemein­samen". Die Politiker werden das tn dem Sinne verstehen, dah hierbei vor allem auch an die Erweiterung der Koalition, an die dringend not­wendige Stützungsaktion für die auf allzu schwa­cher Basis ruhende Regierung gedacht ist. Diese Möglichkeit oder richtiger gesagt Rotwendigkeit aber hängt ab von der Beseitigung der anderen, noch schwebenden Krisen. Um die eine von ihnen scheint man schon herumgekommen zu sein, näm­lich um die Getreideumlagekrisis. Als der volkswirtschaftliche Ausschub des Reichstags statt der von der Regierung vorgeschlagenen drei­fachen Erhöhung des Preises für das Umlage- gctreide einen vierfachen Aufschlag beschlob, droh­ten die Sozialdemokraten unter dem Einfluh des unabhängigen Flügels mit einer Abwanderung aus der Koalition. Fetzt hat das Plenum mit 236 gegen 160 Stimmen die Vorlage in dritter Lesung angenommen, und es ist zunächst nichts geschehen, obwohl der unabhängig gebliebene Ledebour den ^Reichskanzler diktatorisch auffor­derte, den Reichstag aufzulösen und an die Wähler zu appellieren. Die Volksvertretung aber hat Ledebours Ultimatum abgelehnt und s i ch b is zum 7. Rovember vertagt, damit innerhalb dieser 14tägigcn Frist die innerpolitifche Krise beigelegt werde.

Das ist allein die M a r k k r i s i s, die im Grunde schlechthin die Krisis ist, der gegenüber die anderen Krisenerscheinungen an Bedeutung verlieren. Die Erkenntnis hat sich jetzt allenthalben durchgeseht, dah man die Dinge nicht weiter gehen lassen kann, wenn Markentwertung und Teuerungskatastrophe nicht zu dem grohcnKlabde- radatsch führen sollen, den die Pessimisten schon für diesen Winter prophezeien. Die Devisen- notverordnung hat, wie das nicht anders zu erwarten war, sich als ein Schlag ins Wasser erwiesen. Der innerhalb des Reichskabinetts ge­führte Streit,Aushebung oder Verschärfung der Devisennotverordnung", der vor allem zwischen Reichsfinanzministerium und Reichswirtschasts- ministerium geführt wurde, ist nunmehr im Grund­satz dahin entschieden worden, bah die Rvtver- vrdnung durch ein Gesetz erseht werden soll, welches dem leg-timen Handel gewisse kontrollierte Er­leichterungen bringt, bei der Spekulation aber schärfer zupackt. Man ist sich jedoch darüber klar, dah em noch so erfolgreiches Vorgehen gegen die Devisenfpefu'ation zwecklos ist und den seit der Devisennotverordnung eingelretenen Abstieg der Marl nicht aufzuhalten ver­mag. wenn nicht gleichzeitig eine positive Währungspolitik g;tri*ie.i wird (nich. blüh eine auf die Ausgabe von Goldschahscheinen be- scheäntte), über die nunmehr zunächst mit Bank- und anderen Cxuteerftänbigen verhandelt wird. Man will sich nicht auf die einheimischen Sach­verständigen beschränkest, sondern die Reichsregie­rung hat auch eine Reihe hervorragender Finanz­kenner des Auslandes nach Berlin eingeladen, um mit ihnen darüb er zu beraten, welche Mahnahmen für eine Stabilisierung der Währung ergriffen werden könnten. Es darf gesagt werden, dah die Einberufung dieser Konferenz nicht ohne vorherige Fühlungsnahme mit den in erster Linie interessier­ten mafcgcb.nben ausländische Stellen erfolgt ist. Unabhängig davon bat die Reparativ ns- k o m m i s s i o n beschlossen, sich nach Berlin zu begeben, um mit der deutschen Regierung über Mahnahmen zu verhandeln, die zum Ausgleich deS Budgets und zur Stabilisierung der Mark führen sollen. jedenfalls wird das Reichskabinett der ReparationSIommission klar machen müssen, bah. wenn es nicht durch eine großzügige Hilfs­aktion, an der sich wohl oder Übel auch die alliierten Gläubiger Deutschlands werden betei­ligen müssen, gelingt, der deutschen Mxlutakata- strophe abjiibelfcn, daß bann der Stundung der Reparcttions- und Ausgleichszahlungen auch die der Sachleistungen wird folgen müssen. Und am Ende nicht nur die Stundung!

Die Berliner Besprechungen.

Berlin. 26. Oft Rach demVorwärts" bienten bei den gestrigen Verhandlungen der Sozialdemokratie mit der Reichsregierung die Beschlüsse der sozialdemokratischen Reichstags- fraktion vom letzten Dienstag als Grundlage. Als wichtigste Voraussetzung für die Gesundung der Wirtfchastsverhältnisse sei eine planmäßige Aktion zum Schutz e-ber Mark erforder­lich Zu diesem Zwecke soll ein Devisenfond bercitgestellt werden, um den tatsächlichen Bedarf der deutschen Wirtschast innerhalb der nächsten drei Monate zu beliebigen. Dafür soll ein Teil des Goldbestandes der Reichsbank in Anspruch genommen werden. Die Sozialdemokraten sind für die Aufrichter Haltung der Devisenverordnung. Dem weiteren Fallen der Mark forme aber nur Einhalt getan »werden, wrnn auch die Devisenkontrolle verschärft wird. Um den Kapitalbesitzern Gelegen­heit zu geben, ohne in fremde Devisen flüchten zu müssen, ihre Kapitalien gegen Entwertung zu sichern, wird die Ausgabe einer toertbeftän» big en Anleihe* durch die Reichsbank ver­langt. Reben den eigentlichen währungspolitischen seien auch sinanz- und wirtschaftspolitische Mab- nahmen notwendig. 3n bieiem Zusammenhang verlangt die Fraktion erneut beschleunigte Steuer­einziehung und Unterbindung der Luxuseinfuhr. Es dürfe nicht zugelassen werden, dah Kartoffeln und Getreide für die Erzeugung von Trinkbrannt- wein verbraucht werden. Auch die Forderung auf vollständige Erfassung der wichtigsten Lebens­mittel wird die Fraktion erneut der Regierung gegenüber vertreten. Eine endgültige Ordnung

unb Gesundung unserer Wirtschaft forme nur her- beigesührt werden, wenn die Verhandlun­gen mit der Reparationskommission zu einem günstigen Abschluh führen.

3m Anschlub an die Besprechung mit den sozialdemokratischen Führern fand die Konferenz der Berliner Bankfachleute unter dem Vorsitze des Reichskanzlers statt. Die Besprechun­gen. die gestern noch keine Beschlüsse zeitigten, werden heute fortgesetzt werden. Heute abend wird die Besprechung zwischen dem Reichskanzler und den Führern der Koalitionsparteirn sowie der Deutschen Dolkspartei statt- finden. Hierbei werden die Vorschläge des Reichs- Wirtschaftsministers zur Abänderung der Devifen- verordnung erörtert.

Die bevorstehenden Beratungen der Reichs­regierung mit den ausländischen Finanz- sachverständigen werden sich, demBert. Tageblatt" zufolge, in der Form abspielen, dah die Reichsregierung zuerst die Ansicht der ein­zelnen Vertreter anhören wird und bann eine allgemeine Finanzkonferenz der deutschen und aus­ländischen Sachverständigen sowie der Regierungs- Vertreter veranlassen wird.

Reichsfinanzminister Dr. Hermes wird dieser Tage aus Kissingen zurücllehren, um an den weiteren Finanzbesprechungen und den wahr- scheinlich am Dienstag beginnenden Verhandlun­gen der Reparationskommission teilnehmen zu können. Das Reichsfinanzministerium dürste be­stimmte Vorschläge für die Stabilisierung der Mark unterbreiten. Die Ar betten für diese Vor­schläge sind gegenwärtig noch in vollem Gange. 3n "den letzten Tagen hat auch die vom Reichswirt­schaftsrat eingesetzte Kommission täglich Sitzungen abgehalten. 3n der gestrigen Sitzung machte ein Vertreter des Reichsfananzministeriums längere Ausführungen über die Frage der inneren Volks­anleihe.

Die Rcparationskommission in Berlin

Paris, 25. Oft. (WTD.) Havas zufolge sind für den Aufenthalt der Reparations­kommission in Berlin 1014 Tage vor­gesehen. Auster den ersten Delegierten Barthou, Dradbury, Salvago. Raggi und Delacroix reifen die zweiten Delegierten sowie der Generalsekretär der Kommission und einige Beamte, im ganzen etwa 15 Personen, am Sonntag abend nach Berlin ab.

Had) demD. T." sind- zur Teilnahme an der Berliner internationalen Finanz- sachverständigen-Konferenz be i eit 3 Professor 3. M. Keynes aus London, Prvseftor Gustav Cassel aus Stockholm und der Präsi­dent der Riederländischen Dank Vissering in Berlin eingetroffen, ßav.tVoss. Ztg." hatte der Reichskanzler 1?eute vormittag tir.e längere Unter­redung mit Dissering

Den Blättern zufolge ist vor einiger Zett bei der Reichsregierung eine Rote eingetroffen, in der die Aeparationslommifsion eine Steige­rung der deutschen Kohlenlieferun­gen verlangt. Die Regierung hat mit Sachver­ständigen bie Rote einge end beraten unb will, wie bieGermania" schreibt, versuchen, mit ben Alliierten zu Ve Handlungen zu kommen, um da­bei ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen. Trotzdem bie deutsche Regie ung nur mit dusterster Anst rengung und durch empfindliche Schädigung der eigenen deutschen 3nteressen die bisher ge­machten Kohlenlieferungen ausführen konnte, fordert jetzt bie Repaationskommission eine Mehrlieferung von über 200 020 Tonnen Kohlen monatlich Sämt'ich? Blätter erklären die Forderung für unerfüllbar. Die weiter fort­geschrittene Entwertung des beutschen Gelbes habe jetzt bie Einfuhr englischer Kohle unmöglich gemacht. 3n den letzten Monaten habe Deutsch­land für 89 Milliarden Mark monatlich aus­ländische Kohle einführen müssen. Samstag wird bie Regierung erneut mit ben 3nbuftvielten über die Kvhlenfrage beraten.

Das Abkommen

über die AnssilcichSzahlnnsieu.

03erHn, 25. Oft. (Wolff.) Das von den Ver­tretern des Reichsausgleichsamtes mit ben Vertretern der alliierten Ausgleichs­ämter am 21. Oktober unter Vorbehalt der Rati­fikation vereinbarte Abkommen über bie künftige Regelung der Zahlungen im Ausgleichsverfahren hat im wesentlichen folgenden 3nhalt: Deutsch­land ist bis zum 10. Juli 1923 von sämtlichen Barzahlungen im Ausgleichsverfahren befreit. Zur Begleichung der noch ungedeckten beutschen D b.t albeberc i Umfang t>r "läufig im Wege bes Kompromisses aus 24^ Mill. Psirnb Sterling ge­schätzt wird, verpflichtet sich die deutsche Regie­rung, Schatzanweisungen in Höhe dieses Gesamt­betrags auszustellen, die vom 10. Juli 1923 an bis »um 10. Oktober 1928 in monatlichen, von 300 000 Pfund allmählich bis 500 000 Pfund ansteigenden Teilbeträgen fällig sind Die Schahanweisungen werden bei der Reichs bank hinterlegt, die als Treuhänder der alliierten Ausgleichsämter die Beträge bei Fälligkeiten einzieht. Stellt sich im weiteren Verlauf des Ausgleichsverfahrens her­aus, bah bas deutsche Gesamtdebetsalbo 24.2 Mill. Pfund Sterling übersteigt, so werden über den Restbetrag weitere Schatzanweisungen ausgegeben, die vom 10. Rov. 1928 ab tn Mo­natsraten von 500 000 Pfund fällig sind. Erweist sich dagegen der Gesamtbetrag des deutschen De­bets als geringer, so werden die zu feiner Deckung nicht erforderlichen Schatzanweisungen Deutsch­land zurückgegeben und etwa zu viel geleistete Barzahlungen in bar zurückerstattet. Eine Bürgschaft für die Schatzanweisungen oder eine anderweitige Garantie ist nicht vorgesehen.

Das Abkommen soll zunächst der Repara- tirnskommisfion mitgeteilt werden. Für -ben Fall

ihres Einverständnisses ist eine Frist vom sechs Wochen für die Ratifikation der beider­seitigen Regierungen vorgesehen. Ob deutscherseits ratifiziert werden kann, wird davon abhängen, ob die Regelung der Reparationsfragen die Mög­lichkeit der Erfüllung des Abkommens offen läfjt.

Eine neue Rede Lloyd Georges-

London, 25. Ott (WTD.) Lloyd George legte in seiner Rede auf der heutigen Zusammenkunft der Rationalliberalen Partei die Politik seiner Abhänger bar. Groß­britannien komme an erster Stelle, jede Partei, selbst seine eigene, dagegen an zweiter oder sogar an letzter Stelle. Ein Grohbritannien, das auf Weltkonferen.zen mit einer Furcht vor seinen Ver­antwortlichkeiten gehe, würde von diesem Augen­blicke an aufhören zu zählen. Die englische Politik müsse friedliebend, jeboch nicht furchtsam sein. Er habe an zahlreichen internationalen Konferenzen teilgenommen. Er habe niemals persönliche Differenzen mit irgend einem Minister irgend eines ßanb-eS gehabt unb hierbei nehme er keineswegs gewisse Ramen aus, die sich einem sofort aufbrängten. Aber dabei habe er Grobbritannien niemals fallen gelassen. Er gebe seinen Anhängern den Rat, feine Vendetta gegen früheres Unrecht zu üben. Welche Regierung auch an der Macht sei, man dürfe ihr keinerlei parteisüchsige Opposition entgegenstellen. Man müsse eine Politik des Friedens unterstützen. Dies sei der" einzige Weg zum Wiederaufbau der Welt. Man müsse für die traditionelle Politik Englands einstehen, Mähigung in der Behand­lung internationaler Fragen üben und nach besten Kräften mit allen unseren Alliierten zusammen­wirken. England dürfe sich nicht an den Wagen irgendeines anderen Landes binden lassen. Wenn in der Frage der Meerengen England seine Aktion unb seine Politik vollkommen von seinen Alliierten abhängig gemacht hätte, so würbe bie Freiheit der Meerengen verloren fein. Bezüglich der Reparationsfrage sagte Lloyd George, man solle nicht versuchen, Deutschland irgendeine Zahlung aufzuerlegen, die feine Leistungsfähig­keit übersteige. Was jedoch innerhalb seiner Leistungsfähigkeit liege, müsse Deutschland [«zah­len. Wenn man, um die Zahlungen innerhalb der Leistungsfähigkeit Deutschlands zu halten, bie Forderungen ermäßigen müsse, so wolle er dazu clEiären, er sei vollkommen dafür. Aber es dürfe nicht ausschlieblich auf Kosten Grobbritanniens gehen. Er sei für Fair play, auch für England. Die Engländer feien schwer besteuert und hätten riesige Opfer im Kriege gebracht. Solange nicht alle Rationen Europas und die Vereinigten Staa­ten im Völkerbunbe seien, könne dieser nicht feinem vollen Zwecke dienen und werde nicht die nötige Autorität und Macht haben. Das Zu­sammenwirken mit den Vereinigten Staaten von Amerika müsse eines der Hauptziele jeder eng­lischen Regierung fein.

3n der inneren Politik müsse das Hauptziel notwendigerweise bie Förderung des Handels und Erwerbs fein, lieber die gestrige Rede Mac Kennas sagte Lloyd George, Mac Kenna sei ein Schauspieler und zwar nicht einer erster Klasse. Llotch George fuhr bann fort: Wenn die Arbeiterpartei bie Mehrheit erhalte, so wisse er boch, dah Clynes, Henderson unb Thomas ferne Revolutionäre seien. Die C-esahr sei bie, bah sie von einer aus Fanatismus getrieb nen Rücksichts­losigkeit getrieben würben. Er wolle auch Donar 2a© nicht einen Reaktionär nennen. Es seien aber zwei ober drei andere Persönlichkeiten in prominenten Stellungen vorhanden, die er als Reaktionäre brandmarken würde. Lord Curzon habe sehr grobe Fähigkeiten, er habe ihn jedoch niemals als ein Bollwerk gegen die Reaktion angesehen. Man müsse daher eine ge­nügend starke Gruppe im Unterhause haben, um es jeder Regierung unmöglich zu machen, Eng­land in das Extrem zu treiben, sei es nach rechts oder nach links.

Lord (Hrcy über die errglifchc Politik'

London. 25. Oft (WTD.) Lord Grey er­klärte gestern abend in einer Rebe bei einer groben liberalen Kundgebung in Drabford, bie Art, in der die bisherige Regierung die politischen Ange­legenheiten geführt habe, emiebrige das ßanb im 3nnern unb gefährde es im Auslande. Er würbe eine gerade konservative Regierung einer Rückkehr zur früheren Koalition vorziehen. Das Land wolle Ruhe und Stetigkeit in den poli- tifchen Angelegenheiten. 3folterung sei eine Lage, die nicht sicher sei, selbst für ein so starkes Reich wie Grohbritannien. Der englische Einfluh, den bas Land früher gehabt habe unb der auf bie Tatsache zurückzuführen sei, dah man sich auf bie britische Politik habe verlassen können, sei ge­schwunden. Es sei kein Grunb vorhanden, warum es nicht möglich fein forme, bah Englanb zu einer auswärtigen Politik zurückkehre, die auster- halb der Parteipolitik stehe. Der kommende Krieg müsse jetzt abgewehrt werden durch Verminderung des Anwachsens der Rüstungen. Grey sagte, er -habe seine Ansicht nie geändert, dah der letzte Krieg vorsätzlich vom preussischen Militarismus her beigeführt worden sei, und dah er mit Leichtig­keit im Jahre 1914 hätte vermieden werben tonnen, wenn in Deutschland der Wille zum Frieden vorhanden gewesen wäre, der in anderen Län­dern vorhanden war. Diese seine Ansicht sei heute noch stärker als im Jahre 1914, aber er sei rückblickend auf bie Ereignisse der Meinung, bah, wenn bie Rüstungen ebenso anwachsen würben wie 1914, von neuem irgendwo ein preußischer Militarismus da sein werbe, und zwar wenn nicht in Preußen, sv doch irgendwo anders. Die Rüstungen könnten nur in einer Weise nieder­gehalten werden, indem die Macht des Völler-

bundes so entwickelt werde, dah die Rationen ein Gefühl der Sicherheit erhielten.

. *

Glasgvw, 26. Ott. (WTD.) Sir R v b er 1 Home erklärt tn einem Driese an feine Wäh­ler, es gebe keine MeinungSverschiebeicheilen zwi­schen ihm und Donar Law bezüglich der großen politischen Fragen. Die Fortsetzung eines Dündnisses mit ben Ä oa l i t i o n 81 i b c- ralen schliche keineswegs ben Verzicht auf bie unionistischen Grunbsähe in sich. Hörne appelliert an bie Unionisten unb Liberalen des Wahlkreises, damit sie Hand in Hand arbeiten, mit der Be­gründung, dah es feine Regierung geben könne. Die ihre Obliegenheiten in konstitutioneller Weise erfüllen könne ohne das Zusammenwirken der Unionisten und Liberalen.

London, 26. Oft. (WTD.) 3n einer Ver­sammlung der nationalbemokratischen Partei wurde eine Resolution angenommen, in Der die Partei sich verpflichtet, eine Regierung zu unterstützen, deren Politik den von Lloyd George befanntgegebenen Grundsätzen ent­spricht. Die Resolution tritt für die Lösung der Arbeitslosenkrise durch das System der Versiche­rung ein und gibt die Ansicht kund, bah einq Kapitalabgabe den Lewünjchten Ergebnissen nicht entsprechen werde.

London. 26 Oft. (WTD ) Die Arbeiter­partei veröffentlicht ein Manifest, in dem sie ihr offizielles Programm auseinanderseht und unter anderem für die Errichtung eines besonderen Fonds zur Amortis.ierung der Kriegs­schulden eintritt. Diese Amortisierung soll durch Abgaben.von ben über 5000 Pfund (Sterling be­tragenden Vermögen erhoben werden, um 3n- buftiie und Handel von den auf ihnen liegenden Lasten zu befreien.

Die Lage im Orient.

Konstantinopel, 26. Oft. (WTD ) Die französischen Truppen sind in Abrianopel eingetroffen unb bie Engländer haben Mu - raDli und Gallipoli besetzt.

Frankreich unb Rußland.

Paris, 25. Oft (WTD.) Poincarä hat heute abend den Abgeordneten H e r r t o t emp­fangen, der ihm Mitteilung über das Ergebnis seiner Studienreise durch Ruhland machte. Eine Havasnote besagt, die Politik der französischen Regierung gegenüber Rustlanb bleibe anveränbert. Den Kaufleuten und 3nbustriellen, die in Rust- land Handel treiben wollten, würden Erleichte­rungen gewährt werden. 3nbeffen erfolgten alle Geschäfte auf die Gefahr der Deteiligten.

Die internationale Arbeitskonferenz.

Genf, 25. Oft (WTD.) Der schweizerische Delegierte Schürch brachte auf der internatio­nalen Arbeitskonferenz einen Antrag ein, der die Einführung der deutschen Sprache als dritte Amtssprache für wünschens­wert bezeichnet und zur Verwirklichung dieses Zieles die notwendigen Mahnahmen fordert.

Genf, 25. Oft. (WTD.) Der Ausschuß für Arbeitslosenfragen beschlob heute nachmittag, auf Grund der in dem Sonderbericht des Arbeitsamtes aufgestellten Richtlinien in die Beratung des Arbeitslosenproblems einzutreten und zunächst bie Schlußfolgerungen bes Berichts zu prüfen. Die ersten drei Punfte dieser Schluh- folgernngen, die eingehenbe statistische Unter­suchungen der Arbeitslosenfrage unb bie Ver­öffentlichung ber Ergebnisse fordern, wurde mit geringfügigen Aenderungen angenommen.

Der schweizerische Arbeitnehmervertreter Schür gh beantragte, da bie Konferenz von Genua die Hoffnungen der Arbeiter nicht erfüllt habe, die Einberufung einer neuen internationalen Konferenz, deren Mitglieder aus Arbeitnehmer­kreisen, aus Arbeitgebern, den Regierungen, der Finanzwelt unb auch dem Genossenschaftswesen angehören sollen, unb bie auch bas gesamte Pro­blem ber Arbeitslosigkeit zu prüfen hätten. Die Einberufung der internationalen Konferenz solle der Völkerbund übernehmen, aber auch bie nicht dem Völkerbünde angehörenden (Staaten als gleichberechtigt einlaben.

Der deutsche Arbeitnehmervertreter Wissel trat lebhaft für biefen Vorschlag ein, der an ber Spitze aller Beschlüsse der Kommission stehen müsse, da alle bisher ins Auge gefahten Matz- nahmen nur Palliativmahnahmen wären unb eine wirksame Regelung des ernsten Problems nur erzielt werden könne, wenn der freie Handel tn der Welt wiederhergestellt fei

Aus dem Reiche.

Sie Beamtend esoldung.

Berlin, 25. Oft. (WTD.) Die von einem Berliner Abendblatt gebrachte Rachricht über eine unmittelbar bevorstehende allgemeine Er­höhung der Dezügeder Beamten, An­gestellten unb Arbeiter des Reiches trifft nicht zu. Die Erhöhung der Deamtengehälter ist bereits durch bas am Montag vom Reichstag angenommene Gesetz, dessen Vollzug schon ver­fügt worden ist, erfolgt. Gleichzeitig ist die Zah­lung der entsprechend erhöhten Angestellten- bezüge angewiesen worden. Zur Zeit schwebst im Reichsfinanzministerium Verhandlungen mit ben Organisationen der Reichsarbeiter über bie neue Lohnregelung, die von vornherein für diesen Zeitpunft in Aussicht genommen war. Anschlie­ßend wird unverzüglich eine ergänzende Rege­lung für die Orte getroffen werden, bei denen