Ausgabe 
26.8.1922
 
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Die teilweise Aufhebung der Rctorsiousmatzuahmen.

Straßburg, 25. 2lug. (Wolff.) Havas meldet: Die Entschließung des Generalkom- missars der Republik, vom 5. August 1922, durch welche die Finanz in stitute der elsaß- lothringischen Departements Oberrhcin, Nie­derrhein und Mosel aufgefordert wurden, alle deutschen Guthaben einzubehal­ten, sind mit Wirkung vom Freitag, den 24. August, aufgehoben worden.

Italiens Politik gegenüber Oesterreich.

Verona, 25. Aug. (WTV.) Laut Ste- fani veröffentlicht die ZeitungArena" eine AEerredung mtt dem Minister des Aeußeren Schanzer, in der dieser erklärte, die Presse üdertreeibe vielleicht den praktischen W^rt des vom österreichischen Bundeskanz­ler bei der italienischen Regierung unter­nommenen Schrittes. Man habe sogar von Annexion oder einer Verschmelzung beider Staaten gesprochen. Der Ernst der Lage Oesterreichs habe sicherlich die Prüfung der-

Aus sradl unD Land.

Gießen, den 26. Aug. 1922.

Der Milchpreis.

Eine Zuschrift aus unseren Leserkreise be­schäftigt sich mit der Neufestsetzung des Milchpreises auf 20 Mk. pro Liter infolge der Erhöhung des Stallpreises auf 1 4 M a r k. Die Neuregelung des Stallpreises be­deute für den Erzeuger eine Mehreinnahme gegen- über den seitherigen Preisen von 75 Prozent. Ob ein solcher Aufschlag durch erhöhte Unkosten bedingt gewesen fei. möge dahingestellt bleiben, jedenfalls sei er in den Verhandlungen der inter­essierten Kreise als ausreichend anerkannt worden. Statt mit diesem Ergebnis zufriÄten zu sein, wurde von nfanchen Landwirten in den umliegen­den Ortschaften ein Stallpreis von 15 und 16 Mart gefordert, also bis zu 100 Prozent mehr als seither. Der Driefschreiber appelliert im Hinblick auf diese Mehrsorderungen an die ein­sichtsvollen Landwirte und bittet sie, ihren Ein­fluß auf die von dem Verhandlungspreis abweichenden Standesgenvssen dahin geltend zu machen, daß auch diese sich an den Stallpreis von 1 4 M a r k halten, um der schwer ringenden städti­schen Bevölkerung den Bezug von Milch nicht allzu opferreich zu machen.

Wie uns von der städtischen Preisprü­fung s st e l l e aus Anfrage mitgeteilt wird, ist für die Beurteilung des Milchpreises von 20 Mark pro Liter folgend^ zu beachten: Mit Wirkung vom 15. August ab wurde ein Milchstallpreis von 1 4 Mark und eine Molkereispanne vom 3 Mark für das Liter durch Vereinbarung des Hess. Städtebundes mit der Arbeits- gemeinscha f t der landwirtschaft­lichen Organisationen und der Mol­kereivereinigung unter Vermittlung des Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft, Abtei­lung für Ernährung und Landwirtschaft, Darm­stadt, festgesetzt. Von den restlichen 3 Mark wer­den die Austrägergebühr (1,70 Mark für das Liter), Transportkosten, die Mehrkosten für von auswärtigen Molkereien bezogene Milch und son­stige kleinere Linkosten bestritten.

wie bisher durch ständige Erhöhung, sonvern vor allem durch Hebung und Wirtschaftlichkeit der Be­triebe suhergestellt werde.

Berlin, 25. Aug. (WTB.) Amtlich Dte steigende Wirtschaf sich? Rot, die sich totester Devofterungsschichten bemächtigt, und sich in den fefrterc -btiggn durch die ungeheuere Entwertung der Mark noch mehr zu verschärfen droht, ist Geget, stand ernstrster Sorge der Re-chsregierang ^n einer gemeinsamen Besprechung ter beteiligten Ressorts des Reiches und Preußens die heute nachmittag unter dem Vorsitze des RetchZkanz'ers statt gefunden hat, wurde eineReihe von Vorschkagen geprüft, die auf die Linderung der Notlage abzielen. Es wurden verschie­dene Maßnahmen ins Auge gefaßt und die zuständigen Ressorts beauftragt, ihre Vorschläge hierzu dem Ministerrate vorzulegen der morgen vormittag unter dem Vorsitze des Reichspräsidenten zusammentreten wird. Für Montag werden die Ministerpräsidenten und die Minister bed1 Innern der Länder zu einer gemeinsamen Beratung m t der Reichsregieoung nach Berlin gebeten.

Eine Rede des Ministerpräsidenten Millerand.

Paris, 25. 2[ug. <WTD.) tzovos. Aus Rambouillet wird gemeldet: Heute nachmittag empfing Präsident M i l l e r a n d eine Abord­nung amerikanischer Damen der so­genannten Goodwill-Delegation, einer Vereini­gung, de Unterstützung 5 gelder für die z e r st ö r t e n Gebiete Frankreichs sammelt. Der Geschäftsträger der Vereinigten Staaten ver­las im Namen der Delegation eine Begrüssungs­botschaft. auf die Präsident Millerand u. a. erwiderte, er hoffe, die Damen würden Amerika berichten, was sie gesehen hätten und die Be­völkerung über die wahren Absichten Frankreichs auf klären^ Er sagte: Sie werden Ihren Lands­leuten mltteUen, l>ab Frankreich ein arbeit» fameö und friedfertiges Land ist. Wenn es nicht schändlich wäre, so würde es komisch sein, ein Land des Militarismus zu be- zichttgen, das in solchem QHabe, wie es geschehen ist, seine militärischen Ausgaben seit dem Kriege eingeschränkt hat. Frankreich würde sich freuen, toenn es sich noch mehr einschränken konnte. Aber wie könne es vergessen, daß vor acht Jahren em Sturm über die Welt losgebrochen ist, der so. schwer war, daß, wenn unsere Armee und ihre Führer nicht imstande gewesen wären, den ersten Ansturm auszuhalten und den anderen Nationen Zeit zu geben, um sich vorzubereiten, die Pläne der Hohenzollern von Erfolg gekrönt gewesen wären. Wir sind friedfertig, aber wir werden uns nicht hinters Licht führen lassen. Wir haben mit eigenen Augen die Verwüstungen gesehen, die einem .großen Teile absichtlich und planmäßig in zehn unserer Departements angerichtet wurden. Wir haben mit eigenen Augen die Reparationen gesehen, die auf unsere Kosten ausgeführt worden sind. Wir verlangen nur Ge­rechtigkeit. Wir sind sicher, sie zu erhalten, weil wir es wollen. Sie werden uns dabei Helsen. , Die in Ihrem Namen verlesene Botschaft bürgt mir dafür. Sie werden unsere Richter und unsere : Zeugen sein. Sagen Sie der Wett, daß wir Fran- ; zosen von gutem Willen beseelt sind und den Frieden der Gerechtigkeit und die Sicherheit ver- : dienen, füi dessen Vollendung die Amerikaner und Franzosen gemeinsam ihr Blut vergossen ! , haben. i

dienliche Mitteilung nimmt die KriminalpolsM zei entgegen.

** Schuhdiebstahl. Vorgestern wurde aus einem Auto, das vor einem hiesigen Caft stand, ein Paket mit 1 Paar Herrenstiefeln mit La (Kappen, Gröhe 43, 2 Paar Dainenspangen- schuhen, Größe 37 u. 38, und 3 Paar lange, weihen Damenstrümpfen, im Gesamtwerte von 5200 Mk. gestohlen.

Fa'hrraddieb stahl. Gestern mittag gegen 12 älhr wurde aus dem Hose Moltkestrahe 7 ein für kurze Zeit dort aufgestelltes Fahrrad, MarkeZito", Fabrik-nimmer 128 234, im Werte von etwa 7000 Mk. entwendet, trotzdem es ab- geschlossen war. Vor Ankauf wird gewarnt,

" Gehaltsverhandlungeu in In­dustrie und Handel. Man schreibt uns: Verhandlungen zwecks Abschluß des Gehattstarifs für August fanden für die Industrie am 25. August statt. Die Verhandlungen blieben er­gebnislos, da die Arbeitgeber 3040 Prozent boten, die Angestellten aber 100 Prozent for­derten. Sämtliche kaufmännischen lyb technischen Angestelltenverbände haben bei der Schiedsstelle Entscheidung beantragt. Für den Kleinhan­del finden « irmalig Verhandlungen über die Gehaltssätze für August am 28. August, für bei Großhandel am 30. August statt.

** Zu dem Diebstahl auf der Bleiche an der Lahn, über den wir gestern berichteten, teilt uns die Waschanstalt Gg. Hüttenberger mit, daß der Diebstahl nicht auf ihrer Bleiche vorgekommen ist. In unserem gesttigen Bericht war eine dahin­gehende Behauptung auch nicht aufgestellt.

L-ornotizen.

Tageskalender für SamStag. Lichtspiekhaus, Bahnhofstraße heute und morgen: »Der Mord an der kleinen T" und .Der Sturz von der Teufelsbrücke". Palast-Lichtspiele, heute und morgen:Der Liebling der Götter" undDi? Derlobungsreise".

Tageskalender für Sonntag. Hotel Felsenkeller, 10 llhr vorm.: Schlossermeister­tag. Müllersche Badeanstalt, 2 llhr: Schwimm- Wettkämpfe. Nachm. 3 llhr: Hauptrennen der 2. Herbst-Regatta des Lahn-Regatta-Verbandes.

Aus dem Stadttheaterbureau. Am Donnerstag, dem 31. d. M., findet zur Feier von Goethes Geburtstag ein Gastspiel des ftaatL Kurtheaters Bad-Nauheim mitIphi­genie auf Tauris" statt. Als Gast für die Titelrolle wurde Trude T a n d a r vom Staats­theater in Kassel gewonnen.

Die Astoria-Lichtspiele bringen in der nächsten Woche einen H Y P n o s e f i l m, der an Hand von Aufnahmen aus Kliniken und Irrenhäusern den Zuschauer auf das Gebiet des llebersinnlichen, soweit es der wissenschaftlichen Forschung zugänglich war, vor Augen führen Will. Dr. Kalb« s wird in seinem begleitenden Vortray alle Fragen der Suggestion und des Hypnotismus vom rein wissenschaftlichen Stand­punkte aus behandeln.

Landkreis Gießen.

* Grünberg, 25. Aug. Die Burg Gruneberg" wurde im Jahre 1186 von Land­graf Ludwig III. von Hessen erbaut, zum Schutze der Handels- und Heerstraße, die von Süddeutschland über Frankfurt nach Nord­deutschland führte, jedoch 1195 zerstört wurde, als die Bischöfe von Mainz und Köln mit Hermann I. von Hessen in Fehde lagen. Un­ter Vermittlung der Siebte von Fulda und Hersfeld kam aber bald ein Vergleich zwischen den beiden Kirchenfürsten und dem Landgra- en zustande. Die Burg wurde alsbald wie- >er aufgebaut. Der umliegende Flecken hatte ich rasch vergrößert, und im Jahre 1222 er- cheint Grünberg in den Urkunden zum ersten- male als Stadt. Um dieses 700jährige Jubiläum der Stadt in würdiger Weise zu feiern, ist die Stadtvertretung und Bürger­schaft schon seit einigen Wochen tätig. An dem alten Rathaus hat ein Kunstmaler aus Darm­stadt die wunderbaren alten Malereien um die Fenster des unteren Stockes in künst­lerischer Weise erneuert bzw. aufgesrischt. Diese Malereien sind als eine Sehenswürdig­keit äu bezeichnen. Der am Sonntag nachmit­tag stattfindende historische Festzug mit seinen zahlreichen Gruppen aus der Vergangenheit Grünbergs wird den Besuchern des Festes außerordentlich Interessantes bieten. Zahl­reiche Festgäste sind eingeladen. Das Hessische Ministerium wird bei den Feierlichkeiten ver­treten sein.

Aus dem besetzten Gebiet.

rm. Worms, 25. Aug. Don einem fran­zösischen Dolmetscher geschlagen und dann in Hast genommen wurde der Werkmeister Adam Kissinger von hier, der mit einem Be­kannten und dessen Tochter über die Straße ging und den Franzosen, der mit seinem Fahr­rad so dicht an ihnen vorbeifuhr, daß er die Leute streifte, in höflicher Weise darauf auf­merksam machte, daß das Fahren auf dem Bürgersteig verboten sei. Ein dazu kommender französischer Offizier beteiligte sich an der Miß­handlung. K. wurde nach Wiesbaden gebracht.

L. U. Landes-Universität Gießen. Zu außerplanmäßigen außerordentlichen Pro­fessoren an unserer Landes-Universität wurden ernannt die Privatdozenten der philosophischen Fakultät Dr. Karl Roller (Pädagogik) und Dr. Oswald Weidenbach (Philosophie).

< Sein 25jähriges Eisenbahn- dien st Jubiläum feierte gestern Oberbahn- hvfsvorsteher Karl Luh beim Bahnbof Gießen.

** Auf weitere Reichsn otopfer- zahlungen durch die Erwerbsgesell- schäften macht eine Bekanntmachung tm heu­tigen Anzeigenteile aufmerksam.

** Straßensperrung. Wegen Vor­nahme von Walzarbeiten ist die Frankfurter Straße zwischen Kliniksttahe und StraßeQIm Steg" bis auf weiteres für jeglichen Fuhrwerks­und Radfahrverkehr gesperrt worden.

** Wegsperre. Anläßlich der Ruder­regatta ist der Feldweg am Bahndamm vom Bootshaus des Vereins Rudersport bis zum Boots Hause der Gießener Rudergesellsä^ft mor­gen für die Zeit von 812 Uhr vormittags und 26 Uhr nachmittags für den Durchgangsverkehr polizeilich gesperrt.

** Aufgehobene Straßensperre. Die Sperre der Rodheimer Straße, Krosdorfer Straße und Wiesecker Weg hat das Polizeiamt aufgehoben.

** Ein Schweine- und Ferkelmarkt wird am nächsten Mittwoch in Gießen statt­finden. Der Auftrieb beginnt um 7 Uhr vormit­tags. Nach 10 Uhr werden feine Tiere mehr zugelassen.

** Errichtung einer Schneider- zwangsinnuna für den Kreis Gi e- ß e n. Die Liste der Handwerker, die an der Abstimmung über die Grrichtung einer Schieider­zwangsinnung für den Kreis Gießen teilgenom­men haben, liegt während zweier Wochen auf der Registratur des Kreisamts Gießen in den üblichen Dienststunden zur Einsicht und Erhebung etwaiger Einsprüche der Beteiligten offen. Nach Ablauf der Frist eingebrachte Einsprüche bleiben unberücksichtigt.

** Diebstahl. Von einem Acker im Neustädter-Feld an der Lahn sind in letzter Zeit etwa 50 Garben Sommergerste entwen­det und.mittelst Wagen abgefahren worden. Der Geschädigte setzt eine sehr hohe Beloh­nung zur Ermittlung des Täters aus. Sach­

' fernen dringend notwendig gemacht. Die Unterredung S.chanzers mit Dr. Seipel werde dazu dienen, alle zur Prüfung notwendigen Unterlagen zu liefern. Die italie­nische Regierung habe den festen Willen, im Einklang mit den verbündeten Regierungen dvrzugehen. Die Haltung der ttalienischen Polittk Oesterreich gegenüber ergebe sich aus der durch den Frieden von St. Germain ge­schaffenen Lage. Italien könne die Lage Mit­teleuropas nicht außer Acht lassen. Es müsse sich etwaigen Umgruppierungen oder Neu- orientterungen ebenso wie dem wirtschaftlichen Zusammenbruche Oesterreichs widersetzen.

Unbefriedigender Stand des deutschen Wohnungsbaues.

ImSozialpolitischen Ausschuß" des Deutschen Reichstages machte Rekchsminister Brauns Mitteilung über den Stand des deut­schen Wohnungsbaues, der als geradezu be­sorgniserregend bezeichnet werden müsse. Er teilte mit, daß von 2 00 000 Wohnungen, die laut Beschluß des Deutschen Reichstages für 1922 neu geschaffen werden sollten, bis jetzt, nachdem also die beste Bauzeit beinahe schon wieder vorüber ist, nur 27 000 Wohnungen fertiggestellt oder in der Vollendung seien.

Das bedeutet bei einem Bedarf von etwa 1 000 000 Wohnungen in Deutschland nicht we­niger als einen völligen Zusammenbruch aller geplanten und mit Riesensummen subventio­nierten Maßnahmen.zur Behebung der Woh­nungsnot. In der Deutschen Wohnungspoli­tik wird trotz der ungeheuren steuerlichen und sonstigen Belastungen des Hausbesitzes und der Mieterschaft keine Aenderung eintreten, solange nicht das Bau- und Wohnungswesen von allen Zwangsmaßregeln befreit ist, die es heute an einer freien Entfaltung hindern, und ehe nicht eine Stabilisierung der Mark ein­getreten ist, die das Bauen weniger gefahr­voll als heute macht.

Aus dem Reiche. Bayern und das Reich.

M ü n ch e n, 25. Aug. (WTB.) Die Poli­zei hat die von den bereinigten vaterländischen Verbänden Münchens für heute abend auf dem Königsplatze geplante öffentliche Kund­gebung zu dem sogenannten Berliner Abkom­men untersagt.

Die Besoldung der Bankbeamten.

Berlin, 25. Aug. (WTB.) Wie der »Allgemeine Verband deutscher Bankange- tellten" mitteilt, hat der Reichsverband der Bankleitungen in einer Besprech­ung heute erklärt, daß er beabsichtige, am 3 0. August die Augustbezüge noch einmal zur Auszahlung zu bringen und außerdem den verheirateten Beamten 2500, für jedes Kind 1000 Mk. ein­malig auszuzahlen. Der Reichsverband der Bankleitungen hat dagegen den Vorbehalt er­hoben, daß diese Auszahlung zu verrech­nen sei gegenüber der im Tarifverträge vor­gesehenen Revision der Augustbe- züge, die nach dem Wortlaute des Tarifs Anfang September stattfinden soll. Der All­gemeine Verband deutscher Bankangestellter erklärte, daß eine derartige Regelung einer erneuten Bevorschussung des Einkommens in der Praxis gleichkvmmt, die mit der von ihm geforderten außertariflichen Bei­hilfe nicht das geringste zu tun habe. Er müsse sich also zur Erlangung dieser Beihilfe organisatorische Maßnahmen Vorbehalten.

Neue Bekenntnisse Napoleons I.

In dem ersten Bande der Erinnerungen des Grafen Mols, der soeben m Paris von der Marquise de Noailles unter dem TitelDer Graf Mole" veröffentlicht wird, finden sich viele wich­tige Einzelzüge zum Charakterbild Napoleons I. und auch interessante Bekenntnisse, die er bem Grafen gemacht hat. Molo wurde von dem Kaiser mit 25 Jahren zum Minister ernannt und war ein treuer Anhänger, dem gegenüber er sich häusig offenbarte, lieber feinen ersten Eindruck von Na­poleon schreibt der Graf:OBenn man seine Ge­stalt so nahe sieht, wie ich sie sah, dann wirkt sie viel imponierender, als ich jemals dachte. Sein Kopf ist prachtvoll und so, wie ich keinen vor­her gesehen. Ich erkannte m seinen Zügen alle die Eigenschaften, die Menschen über ihre Art er­heben und ihnen Herrschergewalt verleihen, aber keine von den Tugenden, die sie im täglichen Um­gang liebenswert machen." Der Kaiser erzählte Mols ausführlich von dem furchtbaren Rückzug in Rußland 1812.Bei diesem schrecklichen Rück- 8¥9. sagte er,geriet der König von Neapel (Olturai) in die vollkommenste Verzweiflung. Er nicht mehr an seine Kinder schreiben, ohne mkt feinen Tränen zu befeuchten. Die Er!-buisse waren stärker als fein Charakter, unb an|iatt sie zu beherrschen, wurde er von chnen überwältigt. Ich brauchie alle meine durch tange -Hebung erworbene Selbstbeherrschung, um ferne Erregung zu zeigen. Vor Beginn dieses Rückzugs war ich der Eroberer der Welt der die größte und prächtigste Qlrmee befehligte, die es in modernen Zeiten gegeben. Bei dem Rückzüg ver- ,I°r td> al!o?. Aber ich glaube, ich zeigte meine unveranderllche Ruhe und Heiterkeit. Glauben! Sie jedoch nicht, daß ich nicht ein so weites Herz habe wie irgend jemand. Ich bin ein gut­herziger Mensch, aber von Jugend an habe ich mich selbst erzogen, so daß diese Saite meines'

Gemütes keinen Ton mehr gibt. Für das er­staunliche Gedächtnis Napoleons spricht eine S.^ene, die Mols beschreibt. Der Kaiser fiiitt sich mtt einigen französischen Gelehrten über die Wahrheit der in dem ersten Buch Moses ent­haltenen Angaben.Der Kaiser," schreibt der Graf,erinnerte sich mit erstaunlicher Genauig­keit der kleinsten Felsen und Abhänge in dem Tal, wo der Felsen von Hebron lag, aus dem Moses mit seinem Stab Wasser hervorsprudeln lieh.Ich zog durch dieses Tal mit der Genesis in meiner Hand," sagte er,und ich war erftaunt. zu beobachten, mit welcher Genauigkeit alle Ein­zelheiten in der Bibel festgehalten sind." Wie früh sich bei Napoleon Altersersch?inungen bemerkbar machten, davon spricht eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1813, in dem Napoleon 44 Jahre war. Während er ab und zu ging und mit mir sprach," schreibt Molö,zeigte er Zeichen von Ermüdung. Er hielt inne, lehnte sich gegen den Billardtisch, rollte die Billardkugeln mit der Hand hin und her und schien einzuschlafen. Als er sah daß ich das merkte, meinte er:Es ist doch merkwürdig, wie sehr der Mensch an Kräften abnimmt, toenn er älter wird. QTber glauben Sie mir, nach dem 30. Jahr ist man nicht mehr so recht geeignet, um persönlich Krieg zu führen." Mol6s Urteil tautet dahin, daß er dem Kaiser keine von bdi Brutalitäten zutraut, deren man ihn angeklagt, aber er hält ihn für sehr selbstsüchtig upd eitel: ..Je öfter ich ihn sah, je sorgfältiger ich ihn studierte, umso fester wurde ich davon über­zeugt, daß er sich stets von dem Eindruck des Augenblicks beeinflussen lieh, und nur wünschte., selbst als groß und herrlich zu erscheinen. Gr dachte weniger daran, eine Dynastw zu hinter­lassen, als vielmehr einen Namen, dessen Glanz und Ruhm niemals von einem andern Sterblichem übertroffen werden könnte."

Aus der Geschichte des Dollars.

Der Dollar spielt heute in unserem Leben eine ebenso ungeheure wie verhängnisvolle Rolle, und man kann wohl sagen, daß niemals eine Münze so einschneidend in das Schicksal eines großen Volkes eingegriffen hat, wie dieses Geld, daS heute jeder im Munde führt. Dabei dürften nur wenige von denen, die dem Dollar bei ihren Geschäften eine so große Rolle zuschreiben, jemals einen Dollar in der Hand gehabt haben, und noch viel weniger werden wis­sen, daß dieses Wort, das einen so magischenKlang ge­wonnen bat,'mir eine Verballhornung des guten alten ehrlichen deutschen Taters ist. Der alte Taler, der bereits vor den Zeiten Kaiser Karls V. geprägt wurde, ist der eigentliche Ahne des Dollars, der in seiner Geschichte auch so manche trüben Schicksale verzeichnet bevor er zum unumschränkten Herrscher der Welt wurde. Die ersten Einsiedler in Amerika brachten nur wenig Gel) mit sich; sie führten aber dann lhrem Lande einige Münzwette zu durch den Han­del mit den Westindischen Inseln. Dott war haupt­sächlich eine spanische Münze in Umlauf, bieurfprüng- kch von dem deutschen Taler herstammte und Dollarn genannt wurde, damit hatte man nämlich Das Wort Taler ins Spanische übertragen. Der Saler hatte bei seiner Wanderung durch die Welt die verschiedensten Werte angenommen und aalt un Spanischen 8 Realen. Um nun diesen spanischen Taler vom deutschen und holländischen Taler zu unterschelden, wurde das r-Zeichen müdem dieserDol- lar nach dem lateinischen Wort senis bezeichnet wurde, nut zwei Linien durchstttchen. Daher stammt das noch heute übliche Dollarzeichen $. Dieser von den Westindischen Inseln hervorrvmmende Dollar erlang­te nicht gleich die herrschende Stellung in dem Geldwe­sen des jungen Landes. Die einzelnen Kolonien gaben ^nächst Papiergeld aus, und erst nach der Begrün­dung des amettkanischen Staatswesen ging man $um Prägen von Gold-, Silber- und Kupfermünzen über. Auch andere Länder übernahmen diesen spa­

nischen Dollar; der alte spanische Goldpiaster ebenso wie der Eaulenpiaster erhielten diesen Namen, und die mexikanischen Piaster wurden in Amerikalevan- tinische Dollars" genannt. Dem Säulenpiaster war der Silberdollar sehr ähnlich, der zuerst in den Vereinigten Staaten im Jahre 1785 zur gesetzlichen Münzeinheit erhoben wurde. Dieser Silberdollar blieb die Mkrnzeinheit bis 1873, in welchem Jahre der Kongreß den Golddollar für die Grundlage des amerikanischen Geldes erklärte, und so ist es bis heute geblieben. Vorher hatte der Dollar aber im Anschluß an den finanziellen Niedergang der Sezessionskriege eine sehr schlimme Zeit durchzu­machen, die manche Aehnlichteit mit dem jetzigen Schicksal unserer Mark aufweist und aus der wir den Trost schöpfen dürfen, daß es auch bei uns einmal wieder besser werden wird. In den Jahren nach dem Kriege herrschte der Papierdollar unumschränkt, wie bei uns die Papiermark, und seit 1862 war das Papiergeld der Union die alleinige Währung; nur Kalifornien behielt den Golddollar bei, den es bereits früher als Münzeinheit ange- nommen hatte. Dieser Pupierdollar wurde nun immer mehr entwertet, und 1864 bekam man für 100 Golddollar 286 Papierdollar. Erst als zu An­fang 1876 die Regierung der Vereinigten Staaten die aufgehobene Bareinlösung des Papiergeldes wieder einführte hob sich der Wert des Papiergeldes wieder. Erne besondere Form des Dollars, der Carolus-Dollar, hat noch lange seine spanische Herkunft bewahrt. So wurde nämlich der spanische Piaster tm Jemen Osten genannt, wo er vielfach von Privaten nachgeprägt wurde, gerade so wie die altenMatte-Teresientaler, dieOesterreich zu Handels- Zwecken für einzelne afrikanische Völker prägte. Da der Carolus-Dollar vielfach gefälscht wurde, schlugen die chinesischen Bankiers den vollgewichttgen Stücken einen besonderen Gegenstempel auf. Heute ist der Carolus-Dollar fast überall durch den amerikanischen Dollar verdrängt.