Rr. HZ Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen)Montag, 2b. Juni 1922
Die weitere Besprechung im Reichstag.
(236. Sitzung.)
Berlin, den 25. Juni 1922.
Bei starker Besetzung des Saales und der Tribünen wird die Sitzung zur Besprechung der gestrigen Erklärung der Reichsregierung um 12 ; Uhr eröffnet Dor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Präsident Lobe, die in der gestrigen Vor» miktagSsitzung des Reichstages Dorgelommencn Tätlichkeiten seien in einigen Leitungen falsch dargestellt worden. In München sei sogar an» geschlagen worden, dah General Schoch i>a!brot ge Laagen worden sei Tatsächlich habe Abgeordneter Schoch die Mordtat nicht oerteidigt, sondern verurteilt Er sei auch «ach sein.n eigenen Angaben nicht geschlagen, fon* ??tn bei seinem Versuch. dem Abgeo'dneten Brü- nnghaus beizuspringen, nur am Rock hin und her gezerrt worden. Die durch ein Mift.erstänbnis bev- vorgerufene Auseinandersetzung zwischen b;n A:> geordneten Bruninghaus und Stampfer fei inzwi- ichen durch Stt(är.:noen beigelegt werden
Dbg Wels (6): Wu> und Syav> dermi'te Herr Helsferich am 23 Juni in der Rede Rathc- nauS Wut und Hab, fanatischer Haft, haben jetzt istr Opfer gefordert. Zu Wut uird Hatz aufrufend, haben organisierte Mörderbanden ein Menschenleben gefällt das sich opferwillig und ganz in den Dienst s i es Volkes und Vaterlandes ge e l! hat Die deusicyvöltische Hetze feiert ihre Erfolge (Zu- ruf: Wulle!) und die Bevölkerung unseres Landes zieht das Unk aut hvch, das durch die wüsteste Hetze gesät ist. Dieser Jude war ein so guter Deutscher, wie nur je einer in Deutschland geboren wurde. Dieser Jude war ein wahrer Christ, weil er durch die gefallen ist, die sich so nennen und jetzt Mörderbanden bewaffnen und besolden. Demagogie sind die völkischen Kundgebungen, durch welche Urteilslose und Leidenschaftliche notgedrungen n Ausschreitungen verleitet werden. Die Deutschnitirnalen haben niemals die Deutsch- völkischen avgeschüttelt, aus deren Reihen die Mörder gekommen sind. Darumm machen wir die Deutschnatstmale VollSpartei verantwortlich für den Mord. Diese Verantwortung wird sie erst los werden, wenn sie einen Schnitt zwischen sich und den Deutschvöllischen macht und den Behörden beisteht. die dculschvölkischen Mordnester aus-uheben. Sind Sie bereit, dies zu tun? (Ruse bei den Sozialdemokraten! Sie schweigen, die Mörder!) Helsferich war der Führer der persönlichen Hetze r.cgen Erzberger, bis ’u dem Tage, wo Erzberger tot am Boden lag Das hätte ihn zur Vorsicht mahnen sollen bei seiner Heye gegen die Regie- mnq von Rath mau. Gin Mann wie Helsferich, tei unser Volk in so tiefes Unglück gefloßen hat, möge endlich aus dem politischen Leden verschwinden, das ist der einzige Dienst den er dem Vaterlande nvch erweisen kann. Wir verlangen rücksichtsloses Vorgehen gegen die militaristischen C-cbrimorganifationen, geaen die monarchistischen Äunbgebungen von Militärs und gegen diejenigen, welche dafür haftbar sind. Wir kennen die Schwierigkeiten, die in dem reaktionären Deamtenheer dem Schuhe der Republik bereitet werden. Aber wer der Republik nicht dienen will, soll auch daruf verzichten, von ihr Gehalt zu beziehen. Wir verlangen, an diese Stelle der Verordnung schleunigst gesetzgeberische Maftnahmcn treten zu lassen und fordern den Ausgleich der Sünden der Justiz, die politische Amnestie. Der Prozeh Killinger und das Auftreten der Staatsanwaltschaft in diesem Prozeh war bei- eilte Fall für den Staatsgerichtshvs. Aus keinen Fall darf die Verordnung gegen die linksgerichtete Arbeiterschaft angewandt werden. Heute ist die scliwar.'-weih-rote Fahne zur Mörderfahne geworden. Die Geldgeber der Mörderzentralen müssen unschädlich gemacht werden. Wir haben jetzt die Beweise, dah in mehreren Städten Mörder geworben wurden. Der Bruder des Erz- bergermördcrs, Tillessen. hat einen Agenten geworben. ihm das Bild seines Bruders gezeigt mit den Worten: „Das ist mein Brüderchen er bat das erste Schwein abgekehlt" (stürmische Entrüstungskundgebungen) und ihm 3000 Mark gegeben, damit er einen Herrn nach Kassel begleiten solle. Für uns besteht kein Zweifel, dah das derjenige war, der Scheidemann beseitigen sollte.
Dieses Attentat gab der deutschnaiior.alen Presse Gelegenheit zu Spott und Hohn. Die »Deitsche Tageszeitung" schrieb: .Das At en a mit der Klhstierlprihe". Wir fordern Verfolgung unb Aushebung aller Ge^eimorganilationen und aller Mitschuldigen, Verbot o'ier Regimen:, feer n und der lchw.'.rz-wcth-ro!e.i Fahne, Reiiigung Da: Reichswehr und der Schupo, Reform der Justiz und ter StaaL antra' scha t S aakf k . tär Mir- gel, der Vertreter des Pr-eutzischen vtuftiynin:fk- ririms, ist Vorsitzender des deutsch a i analen WahlvereinS Landwiy An die Ar bei'.erschuft aber appelliere ich, die Hoffnungen der Rechten auf Putsche und Gewalttaten zuschan.en zu gta- chen. (Bcisall links.)
Abg Mar r (Ztr.): Wir sind in einer Acra der politischen Morde, wie sie d.e deutsche Geschichte der letzten Jahrzehnte nicht mehr gekannt tat. Hierzu kommt, da' tt? Tät r v,n heute lö Heren kulturellen und g se ls^a t ichen Sch ch- ten angehören. Die Vorwurfe gegen die m.tiz, welche der Abg. Weis erhob, waren aber dach recht lückenhaft, namentlich auch die gegen die Staatsanwaltschaft. Mit Rathenau ist einer der Besten mit aus unserer Mitte genommen worden. Er war ein untadelhafter Charakter, ein
Mann von hohem Gedankengtng und
ausgezeichnet in seinem idealistisch gerichteten Streben. Er war von vornehmer und ruhiger Gesinnung und ein Vorbild der Pflichttreue. Dein Verlust ist überaus schwer für uns zu e s hen Ci ie reinliche Sch idung zwischen Repu bll anem und Arders denken en ist dringend noti wendig. Ohne einer Partei die Schuld an der Tat zuzuscyreiben, ist doch zu sagen, dah seit Monaten die deutschnationale Pre se die politische Leidenschaft in einer Weise anzuspornen sucht, wie es unverantwortlich ist. Rationale Phrasen sind nicht nationale Gesinnung. Sie vergiften nur unsere Jugend. Auch gegen die, welche die Reichssarben beschimpfen, find schwere Strafen auszusprcchen. Regimentsfeiern mögen in ruhigerer Zcii ftatti finden. Das Zentrum steht treu zur Verfassung und sieht jeden als Verbrecher am Staatsrecht an, der Hand an legt zur gewalt amen Ae iberung der Verfassung. Darum verlangen wir heute von den Parteien ein klares Bekenntnis für ober wider die Republik. Wir im Zentrum sind stolz darauf, feit dem Bestehen der Republik nie aus der Regierung ausgetreten zu fein. Darum nennen wir jeden einen Verleumder, der uns die nationale Gesinnung absprechen will. Die letzte Rede des Dolksparteilers Becker war für mich ein Lichtblick. Aber, warum hat er sich gestern bei der Abstimmung über den Antrag Müller von den Kvalitionsparteien getrennt? Wir sind stets zu einer Verbreiterung der Koalition bereit gewesen. Von Helsferich war es geradezu unverantwortlich, eine solche Rede in diesem Saal zu halten. An die Entente aber müssen wir den Ruf richten: Run seht, wohin wir kommen durch die enge Fesselung an den Versailler Vertrag. Wir stellen uns einmütig hinter die Politik deS Reichskanzlers.
Als Abg. Hergt (Dnll.) das Wort erhalt, verlassen die Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokratie ihre Plätze Abg. Hergt verliest sodann, fortwährend durch lärmende Kundgebungen der äuhersten Linken unterbrochen, eine Erklärung seiner Fraktion, wonach die Deutschnationalen den Mord auf6 schärfste verurteilen und rücksichtsloses Vorgehen gegen die Mörder verlangen. Sie billigen auch grundsätzlich Ausnahmeverordnungen zum Schuhe des Staates und seiner Vertreter, die vorliegende Verordnung aber lehnen sie ab, well sie sich einseitig gegen die politisch rechtsgerichteten Kreise wende. (Schmährufe links.)
Reichsjustizminister Dr. R a d b r u ch: Die Rotlage, die uns zum Crlah der Ausnahmeverordnung zwang ist entstanden durch Ausschrei- tunaen rechtsr^ikaler Kreise. Sie richtet sich deshalb bewuht gegen rechtsradikale Gewalttaten und die Defünchtung ist ganz unbegründet, dah sie gegen linksgerichtete Kreise angewendet werden konnte. Die lange Liste der ungesühnten Verbrechen gegen linksgerichtete Politiker lassen eine Amnestie unerlählich erscheinen. Das Gesetz zum
Schutze der Republik, das dem Reichstag bald zugehcn wird, wird deshalb die politische Amnestie enthalten. Ich gebe der festen Erwartung Ausdruck, dah sie durch weitgehende Amnestie der Länder ergänzt werden wird.
Abg. Crispien (11): Als Abgeordneter Hergt sprach. war deutlich das Kainszeichen der Mordschuld auf feiner Stirn zu sehen. Rathenau war unser politischer Gegner, aber er hat durchaus unsere Achtung genossen. Die Versuche der deutschnationalen Presse, die Blutschuld von sich abzuwalzcii, sind eitel Spiegelfechterei. Die gan^e Deutschnationale Volkspartei mit ihrem An Hang ist eine ausgesprochene Mör» d e r orga n i sa t i on 01L- Vizepräsident Riesser den Redner ersucht, sich zu mäßigen, erwidert er: Ich spreche noch viel zu milde zu diesem Mord- gesindel, das aus Feigheit und Schulddewuhtscin den Saal verlassen hat. Es muh sosort etwas geschehen. Deshalb sind wir für die Ausnahmeverordnung. bis eine gesetzliche Massnahme ftatt- sinden kann. Beim Siaalsgcrichtshof haben wir die Befürchtung, dah er die Arbeiterschaft wieder enttäuschen wird. Die Reichswehr muh von allen monarchistischen Elementen gesäubert werden. Die Hohenzollern sollten zum Canbe hinausgetrieben werden.
Reichskanzler Dr. Wirth:
Der Mord an Rathenau hat die grobe Entwicklung unterbrochen, die seine Arbeit zur Zerstörung der Lüge von der Alleinschuld Deutschlands genommen hat Di' Verantwortung tragen die Mörder und ihre Helfer. Ich hatte erwartet, dah diese Aussprache auch die Parteien der Rechten veranlassen würde, einen dicken Strich zu ziehen zwischen sich und der unverantwortlichen Hetze, die so furchtbare Folgen gehabt hat. Richts habe ich davon gehört. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, Herr Wulle! Wir wissen, was Sie in Ihrem Blatt geschrieben haben. Sie haben die in der Presse auftretenben Hetzer nicht zur Ordnung gerufen. Ein Rlann, der es gewagt hat, in feinem Deutschen Tageblatt zu sch leiben, die deutsche Regierung sei die Angestellte der Entente und sie verliere ihr Brot ohne das Wohlwollen der Entente, dieser, Herr Kollege Reinhold Wulle, ist Mitglied Ihrer Fraktion. Die elende Hetze hat in Deutschland geradezu zu einer politischen Verkehrtheit geführt. Das beweisen die schmählichen Zuschriften an die Witwe Erzbergers und an mich. Ich war heute Zeuge der gewaltigen Massenkundgebungen. Sie verliefen in vollster Disziplin und Ruhe, aber täuschen Die (nach rechts) sich nicht über die grobe Energie, die in dieser Ruhe steckt. (Stürmischer Beifall auch auf den Tribünen.) — Der Reichs- kanzler geht dann unter Würdigung der hervorragenden Tätigkeit Rathenaus auf die außen - politifche Lage ein und erklärt: Unter der Schi- Innenpolitik, die wir jetzt im Rheinland und an der Saar erdulden, kann ein demokratisches Deutschland nicht gedeihen. Aber der Artikel, den General Luden- d v r f f in einem deutschfeindlichen Blatte veröffentlicht .und in dem er die Diktatur für Deutschland fordert, war eines deutschen Generals unwürdig Warn Sie einen solchen Mann als ihren Gott betrachten, dann zeigen diese Träger des alten Systems, dab sie für die politische Atmosphäre weder Verständnis noch Fingerspitzengefühl haben. Das Reparationsprvblern, an dem Rathenau mit so grobem Verständnis gearbeitet hat. kann nicht durch nationalistische Kundgebungen gelöst werden. Dazu brauchen wir eine Zusammenarbeit der weitesten Kreise auf der Grundlage der A ileit^denkfch-i t. Wi mü sei !ie K äste des Mordes, des Zornes und der Verhetzung zerstören. Da wo dieses Gift in das Volk gebracht wird da stecht der Feind. Wir wissen, wo er sich befindet. Dieser 5 e j n b steht rechts! (Stürmischer Beifall und Händeklatschen im Saal und auf den Tribünen.)
Abg Dr. Heinze (D. Vp.) betont die Rotwendigkeit, aus der Atmosphäre der politischen Morde heraus-ukornrnen. Deshalb müsse aber erst die Ursache dieser Stimmung beseitigt werden, nämlich der Versailler Vertrag. Die Anwendung der Ausnahmemaftregel sei in» erlästlich. Die Verordnung müse aber in gleicher Weife gegen rechts und links angetoenbet werden
Mit btm ausnahmslosen Verbot aller Regiment-- feiern schüre man nur den Brand der Opposition Die Vol.Spariei fei xu einem 3u!ammenarbeticn mit der Regierung bereit, sie habe gestern nir gegen die Antrag Müller gestimmt, weit er ibr vorher nicht mitgeteilt Ux>r und de Volkspariei grobe Teile der Rede auf sich beziehen tonnte. Die Verordnung dürfe at>.r unter leinen Umständen zu einem umgekehrten Sozialistengeseh werden. Dr. Heinze würdig' w itci die Persönlichkeit de- Errnoid.-ten in Dorten höchster 2n- eriemutng.
Abg Dr Peterfen (Dem । Rathenau ist ermordet worden, weil er Minister der demo» kritischen Republik war Dab wir als Demokraten an der Republik hängen, ist selbstverständlich. Aber auch die Kreise der Rechten haben es seinerzeit begrübt, bah die demokratische Republik sie aus der Gewall der Arbeiter Hnd Soldatenräte befreite. Sic ist das einzige Mittel zum Wiederaufbau Deutschlands und zur Wiederherstellung des Friedens in der Welt Die Hoffnung auf das nationale Verantwortlichkeitsgefühl der Rechten hat bitter getrogen Richt die Rede Helfserichs hat die Ermordung Rathenaus verschuldet, aber Helsferichs Reden in ihrem ganzen Zusammenhang. Wie muh das wirken auf Die Gehirne der jungen Menschen, die in geheimen und nicht geheimen völkischen, antisemitischen, nationalistischen und militaristischen Organisationen verbunden sind? Da mub Schlub gemacht werden. DaS ist cinsach Rotwehr. Wir stehen vollkommen hinter der Politik der Regierung. Auch Minister Gebier steht ohne Vorbehalt auf dem Boden der Verfassung. Wenn aus diesem furchtbaren Geschehen Deutschland und die Welt mehr zur Einsicht kommen, wird auch dieses furchtbare Ereignis sein Gutes für die Zukunft haben iDeifall links.)
Abg. Gerstenberger (Bayer. Dpt.) gibt namens seiner Partei eine Erklärung ab, in der der Abscheu über die furchtbare Tat an dem verdienstvollen opferwilligen Staa:Smann ausgesprochen wird. Der Redner steht darin ein tief* trauriges Zeichen des Schwindens der öffentlichen Moral und der menschlichen und politischen Vernunft Die Bayerische Volkspartei sich! auf dem Vvden der Aeichsveriassung und lehnt jede gewaltsame Acnderu g der Staats'v'.m ab. Deshalb billigt sie die Mabnahmen der ReichSregierung. zumal die (Sintoirfung der Einzelstaaten gesichert ist. -
Abg. Alvers (Deutsch-Hann.) spricht namens seiner Freunde und deS DaherischenBauern- bundeS den Abschni über die feige Mordtat aus und billigt alle Maftnahrnen. die zur Lllisdeckung der Täter und ihrer Genossen dienen und den Boden für ähnliche Taten beseitigen.
Abg Könen (Komm) schildert die tiefe Erregung in der kommunistischen Arbeiterschaft, toenn sie auch dem Ermordeten nicht nahegestanden habe. Er befürchtet aber, dab unsere „Klassenrichter" die Ausnahmeverordnung nur gegen die Arbeiterschaft anwenden werden. Württemberg und Or- gefch-Dahern würden sich den Teufel um die Verordnung kümmern. Der Staatsgerichtshof werde naturnotwendig ein reaktionärer Gerichtshof fein. Die einzige Möglichkeit zur Beseitigung der Rea- aZtton bietet der rücksichtslose Klassenkampf.
Reichsjustizminister Dr. Rabbruch Ich bin ermächtigt, zu erklären, dah der Reichspräsident mit der Aenderung der Verordnung dahin einverstanden ist, dab alle Mitglieder deS Staatsgerichtshofes vom Reichspräsidenten ernannt werden ohne die Voraussetzung richterlicher Befugnis.
Damit schliesst die Aussprache. In einer persönlichen Bemerkung stellt Abg Dr. Decker- Hessen (D. Vp.) fest, dab die Deutsche VolkS- partei auf dem Boden der Derfastung stehe.
Damit ist die Tagesordnung erledigt Rächste Sitzung Montag mittag 12 Uhr. — Interpellationen und kleine Vorlagen
Schlub 5l/< Uhr.
Hessischer Landtag.
AitS dem Finanzausschuß.
nn. D a r m st a d t, 23. Juni. Der Finanz- a u s s ch u b des Landtags genehmigte heute zuerst Kapitel 13 des HauptvoranschlagS, Aus-
Mein Vetter Jolua.
Roman von Richard Skowronnek.
0. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
..Anderseits aber/ fuhr Maggie philvst»- phierend fori, .tarnt ich auch die Frau begreifen, datz sie den Liebesbeteuerungen des andern Glauben schenkte. Sie hielt sich für vernachlässigt von ihrem Manne — das kommt ja so häufig vor wenn man erst längere Zeit verheiratet ist. Unb wenn dann jemand kommt und spricht Ihr von Liebe, bann empfindet sie zuerst eine Genugtuung darüber, dab sie noch ein solches Gefühl einftoben kann, allmählich fängt sie an, Vergleiche anzu stellen zwischen dem, was di-:ser ihr verspricht und dem eintönigen Leben an der Seite ihre« Mannes — der Liebhaber ist ja immer ein Held, der die Sterne vom Himmel reiften möchte um damit seine Angebetete zu schmücken — na schließlich bildet sie sich ein, sie ist unglücklich und folgt dem, der ihr ein neues Glück verlockend verspiegelt. Nachher aber trenn es zu spät ist, sieht sie natürlich mit Reue, dab fte ihr wirkliches Glück einem Phantom geopfert hat.
.Ich konnte mich nicht enthalten zu bemerken, sie spräche gerade so. als toenn" fte schon einmal ökwas ähnliches erlebt hätte.
o^ie lachte hell auf. T>aft ihr« weihen Zahne blitzten. . .
„Mr. Daumlehner, Sie fragen tote em Kind. Aber ich will es Ihnen sagen: beinahe wäre es mir einmal so gegangen vor ein paar Jahren, als ich auch hier drüben war. Ich sah aber rechtzeitig meine Torheit ein und kehrte wieder zu meinem guten Manne zurück. Rein, mein lieber Rath braucht um mich keine Angst zu haben. Er hat auch keine!' schloft sie wiederum lachend.
.Eine Ahnung dämmerte mir auf, dab diese ganze Auscinandersetzung einen bestimmten Zweck verfolgte, nur vermochte ich mir nicht zu fagin, welchen? Wollte sie mich vor törichten Hoffnungen warnen, ober sollte das hri -en: warum greisst du nicht zu, bi Tropf? Vielleicht — toenn bu ber wirkliche ,§elb‘ bist? . .
.Das letzte war wohl "das richtigere, benn ich hatte Maggie noch nicht mit einem Wort ober
Blick verraten, dab all mein Sinnen und Fühlen und Denken sich nur mit ihr beschäftigte. Eine gewisse Scheu hielt mich davon ab, ich belog mich selbst, bab ich so in Wirklichkeit meinen Treu- schwur ja noch nicht gebrochen hätte. Ader auch bie|et letzte Strohhalm sollte nicht lange Vorhalten . . .
.Wir hatten uns einen Wagen genommen. AlS wir Unter ben Linden waren, lieb Maggie halten. .Ich habe noch keine Lust, nach Hause zu gehen — führen Sie mich ein Stück spazieren.'
.Wir gingen die Linden entlang burch das Brandenburger Tor in ben Tiergarten hinein, der vom Monblicht übergossen hell wie bet Tag balag
.Plötzlich blieb sie stehen unb sah mich aus brenn en ben Augen an: .Sie lieben jenes Mädchen noch immer?'
..Maggie!' erwiderte ich halb trunken.
„®tn triumphierendes Lächeln flog über ihr Gesicht, sie schlob die Augen und lehnte sich an mich. Da war es ganz aus mit meiner Besinnung and Selbstbeherrschung, ich umschlang sie mit bebenden Armen und bedeckte ihr Gesicht mit glühenden Küssen. Sie schvb mich sonst von sich und sagte leise: .Ich touftte es schon heute mittag, als ich Sie wiedersah.'
„Sie schauerte leicht zusammen. Es fängt an, kühl zu werden. Lassen Sie ms umkehren und führen Sie mich nach Hause.'
„(Sag an mich geschmiegt ging sie neben mir her und lauschte meinen wahnwitzigen Schwüren und Beteuerungen, ohne rin Wort zu erwidern.
„An ber Tür des Hotels bot sie mir die Hand: .Dis morgen. Wir wollen nachmittags einen Ausflug machen — wenn Sie nichts Besseres vorhaben/ fügte sie lächelnd hinzu.
„3d) sprach mit förmlichen Worten meine Bereitwilligkeit aus und verabschiedete mich mit abgemessener Hö flickest, beim ber Portier stand in ber Rähe und beobachtete uns mit misstrauischen Augen.
.Wie im Taumel ging ich nach Hause, ich dachte nichts und versuchte auch nichts zu beiden, nur ein unnennbares Wohlgefühl, eine Art von geschwelltem Sclbftbctouf tfein füllte mir die Brust. Wir war es. als sollte ich ben ersten besten auf der Strafte anhalten und ihm sagen: Sehen Sic
mich mal an. was ich. Josua Daumlehner, für ein Kerl bin! Alle Weiber laufen mir nach — ich brauche nur die Finger auszustrecken . . .
„Am andern Tage als ich erwachte, kam ber unausbleibliche Rückschlag auf diesen Rausch, ein aschgrauer Äaherjammcr, ein Ekel vor mir selbst, der mich schier erstickte. Was war aus mir geworben unb wo waren meine, wie ich geglaubt hatte, für alle Zeiten gefestigten Grund- fähe geblieben? Wie Staub herblasen und wie Rohryalme geknickt gleich beim ersten Wehen, in dem sie ihre Standhaftigkeit erproben s)lllen. Unb wo war 7er stolze Kerl bon gestern abend, ber sich wie ein Sieger auf sein Lager gestreckt hatte? . . . Der hätte sich heute. Wenn s gegangen wäre, am liebsten selbst ins Gesicht ge* spreen! Unb wieberum ein paar Stunben später stand dieser selbe Kerl vor dem Spiegel und schlang seine Krawatte in einen zierlichen Knoten, weil es Zeit war, zu Mittag zu gehen
„Rkaggie erschien bereits zum Ausgehen an- gefleibet bei Tische. Sie sah entzückend aus in dem leichten lustigen Sontmerkleide unb dem kleinen zarten Hütchen, das tote ein Diadem auf ihren schwarzen Haaren thronte.
„Ui s e Unterhaltung war ziemlich einsilb g Sie hatte mir gleich zu Beginn mit den Augen ein Vorsicht gebietendes Zeichen gegeben und bei ber ersten sich bietenden Gelegenheit raunte sie mir unauffällig zu: .Rehmen Sie sich tn acht, man beargwöhnt uns schon. Gehen Sie nachher zuerst fort und erwarten Sie mich in einem ge- schlos enen Wagen am Brandenburgrr Tor.'
„Sie mochte dabei ein so gleichgültiges Gesicht. als wenn sie gesagt hätte. .Bitte, wollen Sir mir noch einmal die Kompottschüssel reichen, und unwilllürlich fam mir der Gedanke, als toenn sie in beriet Liebeshändeln eine ungewöhnliche Uebung b.sähe . . .
„Als ich nach dem Kaffee ihrer Weisung gemäb auf "taub, um a'l ii fortzngehen, sah sie mich mit gespieltem Erstaunen an unb sagte. ,A. Mr. Daumlehner, Sir gehen schon? Gerade heute hätte ich gern noch ein Viertelstünd- chen länger geplaubert . . /
,Das klang so wahrhaftig, bab ich Mühe hatte, mich in bie mir vorgeschriebene Rolle zu finden unb mein Fortgehen mit einer dringenden
Arbeit zu entschuldigen. Deinahe hätte ich mich wieder gesetzt . . .
.Am Drandenburger Tor nahm ich mir einen Wagen. Der Kutscher schüttelte mit dem Kopfe als ich bei dem schönen Wetter bas Derbea Hochziehen liest, aber seine Verwunderung wandelte sich in ein widerwärtig vertrauliches Grinsen. als Zaum zehn Minuten später eilfertige» Schrittes Maggie erschien unb rasch zu mir tn den Wagen schlüpfte. Sie saft schon neben mir. als mir einfiel, baft ich dem Kutscher noch nicht das Ziel unserer Fahrt genannt hatte. Aufs Geratewohl rief ich ihm zu: .Rach dem Potsdamer Dahnhofe!^
„Maggie klatschte vor Vergnügen tn bft Hände.
„.Ach bas ist reizend, fahren wir nach Potsdam, da 6tn ich schon einmal gewesen!'
„Mir war es gleichgültig, wohin unsre Fahrt ging, mich beherrschte nur der eine Gedanke allein mit ihr, mit Maggie, ben ganzen Rach- mittag! —
.AIS wir im Coup4 saften, verlangte Maggie von mir. baft ich ihr meine Geschichte erzähle Ich weigerte mich, beim ein letztes Re st chen von Schamgefühl verbot es mir, zu ihr von Helene zu fprechen. Sie toj-.be böse und erklärte, sie würbe in Potsdam sofort umkehren und wieder nach Hause fahren. Als ich standhaft blieb, sagte sie: .Ich fordere es als einen Deweis für Ihre Liebe Sonst must ich glauben, bab Ihr Herz noch immer jenem Mädchen gehört und Sie mich nur wie ein Spielzeug betrachten/
„Unb ba gab ich nach unb erzählte ihr kurz, was sich seit einem Jahre in meinem Leben ereignet hatte, nur bemühte ich mich, meine Liebe zu Helcne als eine oberflächliche Tändelei htn- zustellen. Was nach meiner Entlassung aus ber Festungshaft passiert war. verschwieg ich ihr ganz, unb so war es eigentlich gerechtfertigt, baft sie. als ich zu Enbe war, mit einer gewissen Geringschätzung sagte: .Das ist alles? Und deshalb machen Sie immer so ein trauriges Gesicht? Rein. Mr. Daumlehner, das ist wahrhaftig kein Grund, griesgrämig zu toerben und der Welt zu entsagen. dazu noch in Ihren Jahren! ülebrigens, fuhr sie fort, ,wo ist jetzt dieses Fräulein Helene Dähne?« (Fortsetzung folgt)


