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sreitag, 26. Mai 1922
Erster Blatt
172. Jahrgang
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GieheimAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhesten
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Ausbruch einer Kabinettskrise inBerlin?
Bereits während der Genueser Verhand lungen waren Meldungen gekommen, die von Zwistigkeiten im Kabinett Wirth berichteten. Nunmehr verdichten sich in einem Teil der Berliner Presse diese Nachrichten dahin, dah von einer akuten Kabinettskrise und namentlich von einem starken Gegensatz zwischen dem Reichskanzler und Minister Hermes gesprochen wird. Bon anderer Seite wieder wird behauptet, eS sei weniger Dr. Wirth als Dr. Rathenau, der eine Machtprobe gegen Hermes versuche. Wir geben nachstehend die genannten Meldungen mit Vorbehalt wieder:
Berlin, 24. Mai. Aus gut unterrichteter parlamentarischer Quelle erfährt die Dena: Seit • zwei Tagen wäre in aller Stille eine Kabinettskrise entstanden. Diese hat nun gestern abend eine vorläufige Lösung dadurch erfahren, dah der Reichskanzler Wirth seinen Rück - 1 r i t t bis zur persönlichen Berichterstattung durch den Minister Hermes, also bis morgen abend, verschöbe i hat. Zwischen dem Reichskanzler und dem Reichsfinanzminister wäre eine schwere und tiefgehende Differenz entstanden.
Die „Deutsche Zeitung" schreibt zu dieser Meldung, es könne schon jetzt gesagt werden, dah es sich eher um einen Kampf Rathenau gegen Hermes handelt, bei dem Dr. Wirth schützend vor den Auhenminister getreten ist, und daß dieser Kampf Rathenau-Hermes weniger auf "sachliche als auf persönliche Gegensätze zurückzuführen sein soll.
Die „Tägliche Rundschau" teilt mit. „Sie Reparationskrise i st in vollem Gang, und ganz gewiß haben sie diesmal keine parlamentarischen Krlsenmacher hervorgerufen Der Reichskanzler selber griff in einer Form, die wir sonst bei Dr. Wirth nicht gewohnt sind, in die Regierungsmaschinerie ein. Er hat die schleichenden Gegensätze, die zwischen ihm und dem Reichsfinanzminister, der ganz gewiß nicht von Wirthschen Gnaden das Amt erhalten hat, akut gemacht. Roch ist es selbstverständlich sehr schwer, aus 'dem Wust der Gerüchte das Tatsächliche herauszuschälen. Ein Tieberblick, der Anspruch auf historische Zuverlässigkeit erheben kann, kann erst möglich sein, wenn der Finanzminister wieder in Berlin eingetrosfen ist und die Grundzüge seiner Reparationspolitik genau entwickelt hat. Aber auch Las Wenige, das man heute als getreuen Spiegel der Lage mitteilen kann, genügt, um die auster- ordentliche Zuspitzung der Situation in innen- und austcnpolitischer Hinsicht zu beleuchten."
Die Sozialistische Korrespondenz bemerkt hierzu u. a. folgendes: Dr. Wirth verkörpert in seiner eigenen Partei, dem Zentrum, den demokratischen Flügel, der bisher in der Zentrumsfrattion auch die Oberhand behalten hat. Dr. Hermes ist mehr dem Namen nach und als Konjunkturpolitiker Zentrumsmann, er steht auf dem rechten Flügel seiner Partei und schart die Industriellen und grohagra- rilchen Kreise der Partei um sich. In Genua hat Herr Hermes anlästlich des Abschlusses des ^apalla-Bertrages zwischen den deutschen und russischen Vertretern keinen Hehl daraus gemacht, dast er diesen Vertragsabschluß mistbillige, dah er die polttische Meinung des Reichskanzlers nicht teile. Diese Stellungnahme lieh er an der Riviera so hörbar verlauten, dah sie wunschgemäh auch der Gegenseite, der Entente, vernehmbar werden muhte; anscheinend hoffte er, auf diese Weise sich Liebkind zu machen an der Seine und dxi Boden vvrzübereiten für die Verhandlungen. zu denen er sich kurz darauf aus- machte. Tieber die Verhandlungen, die Dr. Hermes in Paris bisher inoffiziell mit den einzelnen Mitgliedern der Entschädigungskommission aepflogen hat. hat die deutsche Oeffrnt- lichkeit bisher noch recht wenig erfahren und auch die französischen Quellen flössen zwar reichlich, aber trübe. Soviel aber scheint doch festzustehen, dah. während der Reichskanzler, der Rcichsauhen- Minister und der Reichswirtschaflsminister mit ihren Sachverständigen in Genua weiter im Rahmen der allgemeinen Weltkonferenz arbeiteten. Dr. Hermes in äuherst loser Fühlungnahme mit Berlin und den deutschen Regierungsrnitgliedern in Genua recht weitgegangenen ist in Zugeständnissen. zum Nachteile des deutschen Steuerzahlers. Auf alle Fälle war die deutsche Regierung, mit dem Kanzler an der Spitze, recht überrascht, als sie nach Berlin zurückkehrten und nun über ^n Stand der Pariser Verhandlungen unterrichtet wurden. Mangelhaft war diese -Unter- richtung bis in die letzten Tage. Es bedurfte ständiger Aufforderungen und Rückfragen, um den verhandelnden Reichsfinanzminister zu veranlassen. seine Karten besser aufzudecken. Schlieh- lich entschloh sich das Kabinett zu einer dringenden Aufforderung an Dr. Hermes, umgehend persönlich in Berlin Bericht zu erstatten, was ttunmehr in den Abendstunden des Himmelfahrttages geschehen soll.
Inzwischen ist. wie aus den folgenden Meldungen hervvrgeht, Dr. Hermes in Berlin eingetroffen. Das Wolffsche Bureau Meldet bisher über eine Krise nichts, sondern -teilt nur mit:
D e r I i n, 25. Mai. (Wolff.) Das Kabinett trat heute nachmittag unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Wirth zu einer Sitzung zusammen. Der Minister des Aeuhern Dr. Raihe - n au gab in einem zweistündigen Vortrag einen Rückblick über die Konferenz von Genua.
Insbesondere behandelte er die Verhandlungen in den Kommissionen und den Rapallo-Vertrag. Er schilderte die Entstehungsgeschichte unter Würdigung und Betonung seiner Vorteile und unter Widerlegung der Einwendungen, die von den verschiedensten Seilen gemacht wurden. Das G c- samtergebnisder Konferenz beurteilt Rathc- nau positiv. Die Sitzung wurde um 8 Tlhr für kurze Zeit unterbrochen, um alsbald wieder ausgenommen zu werden. In der anschliestenden Besprechung, die voraussichtlich bis in die späten Nachtstunden dauern wird, wird zunächst Reichs- finanzminifter Hermes Bericht über die P a r i - ser Verhandlungen erstatten.
Hermes über seine Mission.
Paris, 24. Mai. Reichsminister Dr. Hermes hat heute abend in Begleitung des Vorsitzenden der Kriegslastenkommissivn Staatssekretär Dr. Fischer die Rückreise nach Berlin angetreten und hat heute nachmittag die offiziösen Besprechungen zu Ende geführt, die er seit dem 13. Mai mit den Mitgliedern der Reparationskommission geführt hat, um die Regelung der Frage vorzubereiten, die die bekannte Note der Reparationskommission vom 21. März aufgeworfen hat. Kurz vor seiner Abreise hat Dr. Hermes>im Beisein des deutschen Botschafters Dr. Mayer die Vertreter der deutschen Presse in Paris empfangen und ihnen mitgeteilt, dast er während seiner Anwesenheit mit den Vertretern der alliierten Mächte alle die Fragen eingehend durchgesprochen habe, deren Erledigung bis zum 31. Mai erfolgen JoIL Den Hauptgegenstand der Besprechungen habe das deutsche Budget gebildet. Er habe die Tleberzeugung gewonnen, dah durch die den Mitgliedern der Dep<k^tions'ommis° sion gegebene Darstellung und durch rechnerische Vergleiche es möglich geworden sei, manche Mih- verständnisse und falsche Auffassungen zu beseitigen. Auch in der Frage der Finanzkontrolle hätten sich die gegenteiligen Standpunkte etwas ausgeglichen. Seine Aufgabe sei gewesen, den Weg zu Formeln zu ebnen, durch die cd möglich sei, auf Grund gegenseitigen Entgegen- kommens eine Plattform zu finden, auf der man für die kommende Zeit aufbauen könne. Ob diese Formeln gefunden seien, darüber werde in den nächsten Tagen in Berlin die Entscheidung fallen müssen.
Die ersten Sitzungen des Anleiheansschnsses.
Paris, 24. Mai. Der Anleiheaasschah der Reparationskommission hat heute Vormittag seine Arbeiten aufgenommen. Er hat zwei Sitzungen abgehalten und vor allen Dingen feine Geschäftsordnung bestimmt. Während der Beratungen, die durchaus fachmännischer Art sind, follen [eine Mitteilungen ergehen; die Mitglieder des Ausschusses haben sich gegenseitig z im Stillschweigen verpflichtet. Erst wenn gewisse Beschlüsse erzielt wurden, sollen Mitteilungen an die Presse gemacht werden.
Nach dem „Temps" seien die Ausschußmtt- glieder einstimmig dahin übereingekommen, dast fi^, das Problem der Emission einer internationalen Anleihe zu Gunsten Deutschlands in voller Freiheit besprechen müßten. Sie mühten ohne Voreingenommenheit an die Regelung der Frage herantreten mrd in der Lage fein, ihre Meinung frei auszusprechen.
Die Untersuchung gegen Dr. Hermes vertagt.
Berlin, 24. Mai. (Wolff.) Der TIn- tersuchungsausfchuh des Reichstages in Sachen der Anschuldigung gegen Hermes ist zur Beschlußfassung über den Bericht zu- sammengetreten. Soweit der Fall Augustin in Betracht kommt, war die sachliche Beratung indessen unmöglich, weil die Vertreter der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Partei nicht erschienen waren. Die n ä ch st e Sitzung findet nunmehr am 13. Juni statt.
Französische Stimmungsmache.
Paris, 26. Mai. (WTD. - P e r t i n a f, der sich augenblicklich in London befindet, meldet dem „Echo de Paris", die britischen Diplomaten' entfalteten die gröstten Anstrengungen in Berlin, den Reichskanzler Dr. Wirth und seine Kollegen zur'Tlnterwerfung bei den Verhandlungen mit der Reporationskommission zu -veranlassen. Lord d'Abernon, der seit 2 Tagen in London sei, bemühe sich, seinen Versuch vom letzten Jahre za erneuern, d. h. eine mittlere Lösung durchzudrücken. In di:ftr Angelegenheit werde das Kabinett mit der größten Beschränkung vorgehen. Gewist widersteh» es noch der französischen Interpretation der Paragraphen 17 and 18. Es verweigere Frankreich das Recht, daraus militärische Santtionen herzuleiten, die nicht im Einverständnis mit den Alliierten erfolgten. Aber Pertinax wäre sehr erstaunt, wenn das Ministerium einer genügend begründeten Initiative Frankreichs widerstehen würde. Alle Welt fei davon überzeugt, das auster- halb Frankreichs keine Beacht, die dieses Nomens würdig sei, in Europa bestehe. Ferner begreife man auch in London, dast die Entente-cordiale brechen, einfach heiste, die wirtschaftliche Konfusion vergröstem, die auf dem Kontinent herrsche. Das Ministerium von London sei also zur Opportunität zurückgelehrt. was jedoch noch nicht besagen wolle, dast Lloyd George auf seine Absichten von Genua verzichte.
Lloyd George über die russische Frage.
London, 25. Mai. (WTD.) Lloyd George hielt heute im Unterhaus vor dicht besetzten Bänken die angekündigte Rede. Als er sich erhob, begrüßte ihn lebhafter Beifall seitens der Regierungspartei. Lloyd George erklärte, er gedenke nichts über die englisch-französischen Beziehungen oder über die deutschen Reparationen zu sagen, da darüber nächste Woche im Tlnterhaus eine Aussprache stattfinden würde. Er werde sich daraus beschränken, auf die Verhandlungen in Genua einen Rückblick zu werfen, und sich dabei hauptsächlich mit der russischen Frage beschäftigen. Die Konferenz, sagte Lloyd George, trat in vollkommen ruhiger Eintracht zusammen und erörterte bis zum letzten Augenblick die streitigen Fragen in durchaus freundschaftlichem Sinne. Was die Frage betreffe, ob die Konferenz erfolgreich gewesen sei, wolle er lediglich Tatsachen anführen, und es den Mitgliedern überlassen, sich selbst über diese Tatsachen ein Urteil zu bilden. Bezüglich des deutsch-russischen Abkommens sagte Lloyd George, er wolle seinen Inhalt nicht erörtern, betrachte aber das Abkommen als einen großen Irrtum im Urteil und als einen Fehler a u f feiten Deutschlands. Das Haus möge erwägen, was das Abkommen bedeute. Hier haben Sie, sagte Lloyd George, zwei der größten Nationen ter Welt. Beide stehen nicht in Gunst. Jede von ihnen hat etwas getan, was sie bei den anderen Nationen in Mißkredit gebracht hat. Zwischen ihnen besteht eine Gemeins chaf t im Unglück und in der Erniedrigung sowie eine Gemeinschaft in dem, was sie als schlechte Behandlung betrachten, und was zu einer wirklichen Freundschaft ausreifen könnte. Deutschland ist entwaffnet und könnte noch weiter entwaffnet werden. Man könnte aber nicht verhindern, daß Rußland wieder bewaffnet wird, wenn die Nationen zur Verzweiflung getrieben werden. Deutschland könnte Rußland nicht wirtschaftlich neu ausstatten; aber dies ist nicht der Fall mit der Bewaffnung, da sich alles technische Können in dem einen Lande findet und alle natürlichen Hilfsmittel in dem anderen. L l o h d'G e d r g e sagte weiter, ^s sei nötig, dah man jede Möglichkeit der Lage ms Auge fasse. Er hoffe aber, daß sich feine Gelegenheit ergeben würde, an diese Warnung zu erinnern. Die britischen Vertreter in Genua seien zu dem Schluß gekommen, daß es, was man auch von der Sowjetregierung denke, für den Weltfrieden notwendig sei, dah man zu einem Abkommen mit Rußland komme, um Rußland selbst zu retten und es in den Stand zu sehen, zur Befriedigung der Bedürfnisse der Welt beizutragen. Es sei vor allem notwendig, die Giebel abzuwenden, welche in Zukunft drohten, wenn nichts geschehe, um die Wirrnis von Mißverständnissen zu entwirren. — Nach Lloyd Georgs ergriff Asquith das Wort.
Zusammenkunft
Lloyd Georges mit Poincar^?
London, 25. Mar. (WTB.) Der Pariser Berichterstatter der „E v e n i n g News" will erfahren haben, dah eine Zusammenkunft zwischen Lloyd George und Poincare in Boulogne oder Calais geplant sei. Diese Zusammenkunft werde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des Monats Juni stattfinden. Die beiden Premierminister würden bei dieser Gelegenheit die Fragen der allgemeinen europäischen Pvlittk, so weit sie von Genua noch übrig geblieben seien, erörtern.
Neue Hetze in der französischen Kammer.
Paris, 24. Mai. (WTD.) Zu Beginn der heutigen Karnrnersihung und vor Eintritt in die Tagesordnung hat nach einer Meldung der Havas-Agmtur Ministerpräsident P o i n c a r e die anwesenden Abgeordneten im Sitzungssaal um sich versammelt, um Erklärungen abzugeben, die nicht im amtlichen Bericht erscheinen sollen, und die nach Ansicht des Berichterstatters die An- wesenden lebhaft interessiert haben. Diese Konferenz habe 10 Minuten gedauert, bis die Sitzung offiziell eröffnet worden sei.
Die Kammer hat alsdann debattelos einen Gesetzentwurf angenommen, durch den gewisse Verurteilungenvon Elsah-Lothrin- g er durch die deutschen Gerichte aufgehoben werden. Das Haus setzte nun die gestern unterbrochene Interpellationsdebatte fort. Da der royalistische Abgeordnete Daudet, der über die Zwischenfälle in Gleiwih interpellieren will, nicht anwesend ist, begründet der Abgeordnete Bouteuil seine Interpellation über den gleichen Gegenstand. Er bespricht die Explosion in einem Munitionsdepot. Der Abg. Bouteuil geht alsdann auf die verschiedenen Attentate ein, die in Oberschlesien und in Deutschland gegen französische Soldaten begangen worden seien. Von 12 Todesfällen französischer Soldaten in Oberschlesien, die seit De- giim der Okkupation erfolgt seien, seien 7 durch deutsche Attentate verursacht^worden. 1919 habe Deutschland für einen getöteten französischen Soldaten eine Million bezahlt; 1922 jedoch nur pro Kopf 40 000 Mk. Der Abgeordnete behauptet, die deutsche Mentalität habe sich seit Jahrhunderten nicht geändert. Das Blut der ftanzosischen Soldaten schreie nach Rache. Auch der Abg. Dal lat interpelliert über die Zwischenfälle w
Oberschlesien und bedauert, dah die Deutschen, die Morde an ftanzosischen Soldaten begangen haben, nicht strenger abgeurteilt würden.
Frankreich und der 31. Mai.
London, 25. Mai. (WTB.) Unter der fettgedruckten Tleberschrift: „Frankreich geht nicht in das Ruhrgebiet" veröffentlicht der „Daily Mail" authentische und endgültige Mitteilungen, wonach die französische Regierung nicht die Absicht habe, das Ruhrgebiet am 31. Mai zu besehen. Wie der Pariser Berichterstatter des Blattes mitteilt, will die französische Regierung die Alliierten nicht vor die Forderung nach Besetzung des Ruhrgebtetes stellen. Der Berichterstatter schreibt: Wenn der Vorschlag Deutschlands unbefttedigend sei, so bedeute dies keineswegs die Notwendigkeit einer so- fottigen Aktton. Nach dem 31. Mai mühte die prüfen und Jom* die Frage, wie weit sich ReparativnSkommission die Gründe für die Nichterfüllung der deutschen Verpflichtungen Deutschland vorsätzlich der Erfüllung seiner Verpflichtungen entzogen habe. Natürlich werde die ReparattonSkommission der Tatsache Rechnung tragen, dah ein internationaler Bankierausschuh in Paris tage, der Vorschläge für die internationale Anleihe für Deutschland erwäge.
Minister Nathenau zur Sanktionssrage.
Köln, 25. Mai. (Wolsf.) Der Berliner Der» tretet der „Kölnischen Zeitung" nahm nach Veröffentlichung des Briefwechsels. Klotz- Poincare über die Sanktionsftage Gelegenheit den deutschen Außenminister Dr. Rathenau über seine Auffassung ih der Sanftionsange- legenheit nach der Veröffentlichung dieses Briefwechsels zu befragen. Dr. Rathenau äußerte sich folgendermaßen:
Die Argumente, auf die Poincare und Klotz das angebliche Recht Frankreichs zu Sanktionen gegen Deutschland stützen, wurden wiederholt von französischer Seite vorgebracht und von deutscher Seite widerlegt. Aus der Schluhwendung des. Paragraphen 18 der zweiten Anlage im Wieder- herstellungskapitel des Versailler Vertrages will Frankreich das Recht herleiten, gegebenenfalls über ba8 Rheinland hinaus weiteres deutsches Gebiet zu besehen. Gebietsbesetzung ist die denkbar schärfste Maßnahme, die einem Staate gegenüber ergriffen werden kann. Cs wäre geradezu ungeheuerlich, wenn der Versailler Vertrag den Alliierten das Recht zu dieser äußersten Maßnahme in einer kurzen Nebenbemerkung, ohne ausdrückliche Erwähnung, hätte einräumen wollen, nachdem er an erster Stelle die weit minder eingreifenden wirtschaftlichen und finanziellen Maßregeln besonders aufführte. Es wäre umso ungeheuerlicher, als dabei keinerlei Einschränkung hinsichtlich der Größe deS zu besetzenden Gebietes gemacht wird, so daß die französische Interpretation letzten Endes auf die Behauptung hinausläuft. Deutschland habe den Alliierten durch Tlnterzeichnung be£ Paragraphen 18 eine Blankovollmacht für eine Besetzung seineS ganzen Gebietes geboten. Daß das nicht die Absicht des Versailler Vertrages war, wird glücklicherweise durch den Vertrag selbst außer Zweifel gestellt: Er widmet der Frage der Sicherung der deutschen Vollserfüllung durch Besetzung deutschen Gebietes einen besonderen Abschnitt, nämlich Artikel 428 bis 432, die gerade auch den Einfluß einer Verletzung der Wiedercherstellungsverpsiichtungen auf die Gebietsbesehung ausdrücklich regeln. Keiner der Artikel 428 bis 432 gibt den Verbündeten ein Recht, deutsches Gebiet rechts des Rheins neu zu besetzen. Ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, dah es einfach wahnsinnig wäre, cmzunehmen, daß die in dem Paragraphen 18 aufgenommene allgemeine Schlußwrndung eine über diese konkreten Bestimmungen hinausgehende Gebietsbesetzung rechtfertigen solle. Jeder vorurteilslose Leser des Vertrages wird ohne weiteres erkennen, dah in jener Schluhwendung nur Maßnahmen gemeint sein formen, die den vorgenannten wirtschaftlichen und finanziellen Mahnahmen ihrem Wesen und ihrer Bedeutung nach gleichzustellen sind.
Da also der Versailler Verttag ein Recht zur Besetzung rechtsrheinischen Gebiets überhaupt nicht gibt, braucht die zweite Frage: ob za einer solchen Besetzung ein Einverftänbnrs der Alliierten nötig sei, an sich nicht mehr erörtert zu werden. Ich bin ber Ansicht, bah ber Versailler Vertrag auch in dieser Hinsicht mit dem in dem erwähnten Briefwechsel festgelegten Standpunkt ber französischen Regierung unvereinbar ist, selbst wenn man bie französische Auffassung vom Besehungsrecht für bas links- rheinische Gebiet zu Grunbe legt. Offenbar stützt sich der Anspruch Frankreichs auf ein selbständiges Vorgehen auf die in der Schluhwendung gebrachte Wendung „bie respektiven Regierungen" („les gouvemements respectiss"). Ich brauche mich zur Widerlegung nicht auf philosophische Diskussionen einzulassen, beim bie Frage wird durch den ganzen Aufbau des Reparationssystems eindeutig beantwortet. Keine ber alliierten Mächte kann Reparationsansprüche für si ch allein gegen Deutschland geltend machen; jeder hat sich vielmehr an den Wiederher st el- lungsausfchuß zu wenden, der tn allen Be»


