Schlüssen cm genaue Bestimmungen und Regeln -gebunden ist. Ebenfow-e.ng wie die einzelnen Mächte unmittelbar Wied^rherstellung-kansprüche gegen Deutschland erheben können, können sie -auch für sich allein Zwangsmaßnahmen zur Durchführung dieser Ansprüche ergreifen. 'Auch der in dem Briefwechsel selbst erwähnte Paragraph 17 spricht durchaus gegen die französisch Aus- Legung. Aach diesem Paragraphen hat die Wiederher stellungs komm iss io n ben einzelnen beteiligten Machten Borschläge für die im Falle der Aichterfüllung zu treffenden Maßnahmen zu nnachen. Die WiderhirstellungLkommission selbst verfügt naturgemäß über keine Mi-.el zur Er- zwingung deutscher Leistungen: solche Mittel haben nur von ihr verttetenen Mächte. Da aber die Borschläge für die Wahl'dieser Mittel von einem gemeinsamen Organ ausgehen, kann auch die Anwendung dieser Mittel nur von den beteiligten Brächten gemeinsam beschlossen werden. Wollte -eine Macht für sich, ohne Verständigung mit Len Alliierten vorgehen, so würde sie das ganze Wiederherstellungssystem durchbrechen.
Bsichsminister Schmidt über Genua.
Berlin, 24. Mai. (Wolff.) Im volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichs- «b der Reichs wirt schaf tsm inist er einen ein- n äleberblid über die Verhandlungen der Wirtschaftskommission ' auf der Genueser Konferenz. Er führte aus, daß unter der jetzigen Wirtschaftslage besonders die Industrieländer zu leiden hätten, während die südosteurvpäischen Agrarstaaten in ihrem Wirtschaftsleben als günstig bezeichnet werden konnten. Aus diesem Grunde sei auch nur die Aggressivität der französischen Politik zu erklären, da Frankreich verhältnismäßig wenig von der Wirtschaft anderer Länder abhänge. Ausführlich legte der Minister die Lage Rußlands dar, das nur mit Hilfe der West machte wieder hoch kommen könne, und um dies zu erreichen, auf industriellem wie auf 'agrarischem Gebiete Konzessionen machen muhte. In Genua hätte ein grundsätzliches Einverständnis darüber geherrscht, daß der W i r t - schaftskrieg schädlich sei. Ebenfalls sei die einseitige Meistbegünstigungsklausel des Versailler Friedens Vertrages als eines der Hauptübel der nationalen Wirtschaft von der überwältigenden Mehrheit der Konferenzteilnehmer, insbesondere Englands anerkannt worden. Allgemein seien Handelsverträge mit allgemeiner Meistbegünstigung gefordert worden. Zum Schluß sprach der Minister über das Dumping und die Probleme des internationalen Wirtschaftsrechts und betonte, daß die Beschlüsse der Genueser Konferenz eine überaus wertvolle Grundlage für Handelsverträge zwischen Deutschland und anderen europäischen Staaten seien, besonders auch für den Wiedereintritt Deutschlands als gleiche- berechtigtes Mitglied der internationalen Wirtschaft.
Demission des Kabinetts Schober
Wien, 24. Mai. (WTB.) In der heutigen Sitzung des Ausschusses für Auswärtiges teilte Bundeskanzler Schober am ^Schlüsse des Berichtes über Genua mit, daß -die Bundesregierung mit Rücksicht auf das ^Abstimmungsergebnis bezüglich der Kredit-- »ennächttgung beschlossen habe, dem Bundespräsidenten die Demission des Kabinetts zu unterbreiten, und daß der Bundeskanzler in Ausführung dieses Beschlusses dem Bundespräsidenten ein diesbezügliches Schreiben vvrgelegt habe.
W i e n, 24. Mai. (WTB.) In der Sitzung des Ausschusses für Aeuheres erstattete Bundeskanzler Schober Bericht über die Schluharbeiten der Genueser Konferenz, wobei er erklärte, er glaube, daß jeder aus Genua die Aeberzeuguna nach Hause gebracht habe, die eine Hälfte des europäischen Problems, die russische Frage, werde auf friedlichem Wege geregelt werden. Die Lösung, die man in Genua noch nicht gefunden habe, werde man im Haag weiter suchen. Nach Erörterung der Arbetten der verschiedenen Kommissionen bemerkte Bundeskanzler Schober, was die Kredite anbelange, so habe er erreicht, daß ihm die Verabschiedung des französischen Kredits noch im Laufe dieses Monats zugesichert worden sei. Er habe ferner erreicht, daß der italienische Kredit noch im Laufe dieser Woche im Finanzausschuß der italienischen Kanrmer beraten.iinö dann wenigstens zum Teil sofort vorschußweise ausgezahlt werde. Der tschechoslowakische Ministerpräsident habe seinerseits die
rascheste Bewilligung eines weiteren Vorschusses auf den tschechoslowakischen Kredit zugesagt.
Keine Unruhen in Bulgarien.
Paris, 26. Mai. (WTD.) Die „Chicago Tribüne" dementiert sämlliche von ihr gebrachten Nachrichten über Anruhen in Bulgarien.
Vor der Räumung Oberschlesiens.
Breslau, 25.Mai. Der Abbau der interalliierten Behörden in Oberfchlesien hat begonnen. So wurden, wie die „Oberschlesische Volksstimme" zuverlässig erfährt, sämlliche Angestellten der Kreiskoytrvllkommissionen der interalliierten Kommissionen (Dolmetschern, Aebersetzern, Bureaupersonal usw.) zum 25. Iuni gekündigt. Man wird nicht fehlgehen, wenn man dieses Stadium als Endtermin der Auflösung der interalliierten Verwaltung in Oberschlesien ansieht. Von der Eisenbahnverwaltung ist die Gestellung von Waggons für den Abtransport der französischen Truppen am 10. Iuni gefordert. Der Abtransport soll mit möglichster Beschleunigung erfolgen und spätestens bis 25. Iuni beendet sein. Inzwischen sind die Aebergangsverhandlungen in Oppeln so weit fortgeschritten, daß der Zeitpunkt der Heber- gabe etwa für die zweite Hälfte des Iuni festgesetzt werden kann.
Die Aeberleitungsverhandlungen sind nach der „Kattowitzer Zeitung" so weit fortgeschritten, daß der Zeitpunkt der -Uebergabe, die sich strichweise vollziehen wird, ungefähr festgesetzt werden kann, wenn keinerlei unvorhergesehene Störungen eintreten. Die .Uebergabe wird demnach Mitte Iuni beginnen und Ende Iuni beendet fein. Voraussichtlich am ersten Tage der Uebergabe wird das Eisenbahnwesen Polnisch-Oberschlesiens in polnische Verwaltung übergeleitet werden.
Am gleichen Tage beginnt der Einmarsch des polnischen Militärs in den polnischen, deutscher Reichswehr in den deutschen Teil des Landes. Polizeikräfte folgen unmittelbar. Posener Truppen, unter dem Befehl des Generals von Unruh, die an der Grenze bereitstehen, sollen die neue Landesgrenze möglichst noch am ersten Tage erreichen. Es ist vorgesehen, daß die französischen, englischen und italienischen Truppen nicht mit den deutschen und polnischen zusammentreffen.
Oberfchlesiertag in Nürnberg.
Breslau, 25. Mai. Der diesjährige Delegiertentag der Vereinigten Verbän.de heimattreuer Oberschlesier findet vom 27. bis 29. Mai im Rathause in Nürnberg statt. ES stehen die wichtigsten Fragen nicht nur für die innere Ausgestaltung der Verbände, sondern auch für die oberschlesische Sache zur Verhandlung.
Up ewig ungedeelt.
Flensburg, 25. Mai. Beim Empfang der Plattdeutschen aus Amerika in Hamburg gedachte Oberschulrat E d e r t - Schleswig in seiner Rede, mit der er die Landsleute von drüben im Namen der Schleswig-Holsteiner begrüßte, mit herzlichen Worten der abgetretenen Deutschen in Nvrd- schleSwig: „In unserem Schleswig-Holstein," sagte er, „ist heute eine schmerzliche Veränderung zu bemerken. Es fehlt ein Stück. Man hat es losgerissen von der Heimat und in die Fremdherrschaft gegeben. Die Schleswig-Holsteiner aber, die von dem Mutterlande losgetrennt sind, halten.treu zusammen, bis der Tag kommt, an idem es heißt: „A p e w i g un- ged e e l t."
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 26. Mai 1922.
* * Amtliche Personalnachrichten. Ernannt tourben am 15. Mai die Polizeiwachtmeister auf Probe Fri^rich Bauer aus Alsbach Peter Stegma, nn aus Zotzenbach i. O. mit Wirkung vom 15. Mai 1922 zu Polizerwacht- meistern bei dem Polizeiamt Viernheim: am 10. Mai die Polizeiwachtmeister auf Probe Io- hann Bertsch aus Groß-Gumpen, Kreis Erbach i. O., Ernst Gerst aus Darmstadt, Andreas Maunz aus Reuersdvrf (Pfalz), Philipp Volk aus Darmstadt mit Wirkung vorn 20. Mai 1922 zu Polizei Wachtmeistern bei dem Polizeiamt Darmstadt. — Ernannt wurde am 17. Mai der Studienassessor Friedrich Kersting aus Bad-Nau- heim zur .Zeit an dem Deutschen Realgymnasium und der Deutschen Oberrealschule in Scheveningen, zum Studienrat. — Ernannt wurde am 18. Mai der Lehrer August Holler zu Lauterbach zum
Rektor an der Volksschule zu Lauterbach. — Ernannt wurde am 19. Mai der Lehrer Wilhelm R a u s ch zu Hörgenau zum Lehrer an der Volksschule zu Landenhausen, Kreis Lauterbach. — Entlassen wurde am 20. Mai der ordentliche Professor der Archäologie an der Landesuniversität Gießen Dr. Gerhart Rodenwaldt auf fein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. April 1922 an aus dem Staatsdienst.
** Eine öffentliche Sitzung der Stadtverordneten - Versammlung findet am Samstag, 27. Mai, mittags 121/? Ahr, im Stadthaus, Bergsttaße, Sitzungssaal, statt. Ein einziger Punkt steht auf der Tagesordnung: Nachprüfung der Besoldungsordnung für die städtischen Beamten.
•* Don der Straßenbahndirek- tion wird uns geschrieben: Die Anterhaltung mit dem Wagenführer ist streng untersagt. Viele redselige Fahrgäste haben die'Gewohnheit, mit dem Führer ein belangloses Gespräch anzufangen. Sie bedenken dabei nicht, daß sie dadurch die Aufmerksamkeit des Wagenführers von seinem verantwortungsvollen Dienst ablenken und dadurch ungewollt mit dazu beitragen, daß Anglücksfälle oder Zusammenstöße entstehen. Bei dem Personen- und Fuhrwerksverkehr auf 'den z. T. belebten Sttaßen ruht auf den Schultern eines Straßenbahnwagensführers eine große Verantwortung. Er ist verantwortlich für die sichere Beförderung der Fahrgäste, verantwortlich für Zusammenstöße und Gefährdung von Menschenleben. Diese 'schwere Aufgabe kann ein Wagenführer nur dann erfüllen, wenn er seine ungeteilte Aufmerksamkeit voll und ganz den Dienstobliegenheiten zuwendet und keinen Augenblick das vor ihm liegende Gleis unbeobachtet läßt. So liegt es im Interesse der Allgemeinheit, wenn die Fahrgäste jede Anterhaltung mit dem Wagenführer während der Fahrt unterlassen und ihn nicht in folgenschwere Lkngelegenheiten Bringen. Wünscht ein Fahrgast eine Auskunft, so muß er sich bis zur nächsten Haltestelle gedulden. — Kürzlich haben über eine evtl. Einschränkung des Straßenbahnbetriebes eingehende Beratungen stattgefunden. Am die Dahn nicht zum vollständigen Sttllstand zu bringen, wird der Einwohnerschaft empfohlen, die Dahn recht oft zu benutzen.
** Alle Militärrenten für Juni werden am kommenden Montag von 71/2 Ahr vormittags bis 1 Ahr nachmittags und von 2—7 Ahr nachmittags an den besonders für die Rentenzahlung eingerichteten Zahlstellen im Postamt (Bahnhofstraße) — Eingang zur Paketannahme — gezahlt. Es wird nochmals darauf hingewiesen, daß auf Antrag der Zahlungsempfänger die Deträge durch die Desteller kostenfrei inö Haus gebracht werden. Vordrucke zu den Anttägen können bei der Rentenzahlstelle während den Schalterdienststunden in Empfang genommen werden.
* * Beruf und Erkrankung. (3. Vortrag.) An Lichtbildern von Gehirnzellen, Nerven- leitungsbahnert und Reuronenkontatten wurden zunächst die früher experimentell vorgeführten Ermüdungsvorgänge mit Beispielen belegt. Als solche dienten die Ermüdungsziffern Studierender nach den Vorlesungen, sowie eines Amtsrichters. Staatsanwaltsvertreters und Referendars nach einer vierstündigen Schöffengerichtssitzung im Vergleich zu den Werten eines während der Sitzung diensttuenden Schutzmannes. Auch wurde die Ermüdung eines Pfarrers nach seiner Predigt fest- gestellt. — Mit Bezugnahme auf die zwischen Blutdruck und Gefäßinnervation seitens des Sympathikus bestehenden Beziehungen wurden verschiedene exo- und endogene Einflüsse, wieAlkohol, Tabak, Ernährungsstörungen, Affekte, Aerger, Zwist als Arsachen der Hypertonie und Aderverkalkung bzw. deren Verschlimmerung bei Geistesarbeitern hervorgehoben. Auch der Fingerkrampf vielbeschäftigter Schreiber und Parlamentsstenographen, sowie ähnliche Krampfz^- stände der Kunstmaler, Klavier- und Stteichinstru- mentenspieler wurden am Lichtbilde erläutert Cs folgte eine Mortalitätstabelle der gelehrten Berufe — Da der Beruf von Rednern. Schauspielern und Sängern erhebliche Anforderungen an die Stimme stellt, wurde unter Vorführung von Modell und Lichtbildern die Einrichtung des Kehlkopfes und Ansahrohres und die Spiegelbesichtigung dieser Organe gezeigt — Stimmstörungen des Bühnenpersonals und andere Erkrankungen im Künstlerberufe, sowie die gesundheitsschädigenden Arsachen im Berufsleben der Post-, Telegraphen-, Telephon- und Eisenbahn- beamten bilden das Thema des nächsten Vortrages am 30. Mai.
’* D le Ortsgruppe Gießen des Deutschen Vereins gegen den Alkohol i s m u s, die schon seit 1904 besteht hat ihre Tätigkeit wieder auf genommen; die Beratungsstelle, die sich unter Leitung von Dr.S chü p- p e v t befindet, ist an jedem Freitag von 5 bis 7 Ahr in der alten Bürgermeisterei auf dem Wohlfahrtsamt geöffnet.
* * Sein 25jähriges Arbeitsjubiläum bei der Firma Ioh. Fischer, Kohlenhandlung, feiert morgen der Fuhrmann Ernst Mahr, Löwengasse 22.
"* Müllers che Badeanstalt. Wasserwärme der Lahn am 26. Mai: 19 Grad R.
Bornotizen.
— Lageskalender für Freitag. Großer Hörsaal des Vorlesungsgebäudes, 8Vz Ahr: Vortrag der Gießener Hochschulgesellschaft. — Im Zelt der deutschen Zekttnission, Oswaldsgarten, nachm.' 4 Ahr: Dibelerklä- rung; abends V29 Ahr: Evangelisationsvortrag. — Astoria-Lichtspiele: „Dr. Mabuse, der Spieler." — Lichtspiele, Bahnhofstraße: „Die Hafenlore."
— Aus dem Stadttheater- Dur e a u. In der Aufführung des Lustspiels „DerTenor derHerzogin", von Heinrich Ilgenstein, sind die beiden Hauptrollen mit Krgften besetzt, die dem Gießener Publikum neu sind. Die Titelrolle des Opernsängers Niemeyer wird von einem Gast, Herrn Alfons Pape, Oberregisseur und I. Bon- vivant am Casseler Stadttheater, gegeben werden. Herr Pape hat die Rolle des Niemeyer eigens für Dad-Nauheim und Gießen einstudiert. Die weibliche Haupttolle liegt in den Händen von Frl. Odette O r c z h vom Nürnberger „Intimen Theater", die für den Sommer ans Kurtheater Dad-Nauheim verpflichtet ist.
— Jordans Meisterbilder-An- dacht wird in Alsfeld nicht, wie angezeigt, am nächsten.Sonntag, sondern erst am Mittwoch, 31. Mai, und die Schülerfeier am Dienstag vorher stattfinden. Dagegen wird Herr Jordan am nächsten Sonntag in der Kirche zu Kinzenbach eine Bil- der-Andacht.halten mit vorausgehender Schüler feier am Samstag. In Heuchelheim kann aus technischen Gründen keine Dilder-Andacht stattfinden. (S. Inserat.)
Landtreis Gießen.
△ Atph-e, 23. Mai. Anser Gefallenen» Denkmal wurde unter sehr großer Beteiligung eingeweiht. Der Schülerchor und der Gesangverein wirtten mit. Namens der Kreisbaubehörde sprach Kreisbaumeister Schneider» Gießen, während der Ortsgeistliche die Festrede hielt. Schulkinder trugen ein Festgedicht und andere Erinnerungslieder vor. Der Kriegerverein, der Gesangverein, die Gemeinde und die Hinterbliebenen legten Krärize nieber. Die adjtecfige, vier Meter hohe Säule trägt die Namen von 24 Gefallenen. Rundum befinden stch gärtnerische Anlagen.
Starkenburg und Rheinhessen.
tob. Offenbach a. M., 25. Mai. Hier fand der 11. Verbandst.ag des Hessischen Maler - und Tünch-ermeister-Verban- d e s E. V. statt. Die Hessische Handwerkskammer, der Gewerbeverein, das Handwerker-Kartell und andere Offenbacher Vemine hatten Vertreter entsandt. Die Tagung unter der Leitung des Ver- bandsvorsihenden Klingelschmitt (Mainz, befaßte sich in der Hauptsache mit internen Angelegenheiten des Verbandes. Der Iuhresbericht des Vorsitzenden rief eine überaus lebhafte Aussprache, besonders über die Lohnregulierung, hervor. Der Kassenbericht zeigte einen günstigen Abschluß.
Hessen-Nassau.
Einigung in der Metallindustrie.
Frankfurt, 24.Mai. (Wolff.) Die Verhandlungen in der Metallindustrie werden herte mittag za Ende geführt. Heber alle Streitpunkte wurde eine Einigung erzielt Vorbehaltlich der Zustimmung beider Parteien za den getroffenen Vereinbarungen, wird am Freitag, den 26. Mai d. Mts., zu den üblichen Stunden die Arbeit in allen Betrieben wieder aufgenommen
*
* Hanau, 25. Mai. Ein tödlicher A n g l ü ck Sfa l l ereignete sich in der hiesigen Papierfabrik Carl P. Fues. Auf bisher unaufgeklärte Weise wurde der Arbeiter Peter Dritsch von einem Transmissionsriemen ersaht und auf Der Stelle getötet. Der Anfall ist umso ttagischer, als der Verunglückte jung verheiratet war und seine Frau ihrer Niederkunft entgegensieht.
DieSakramenlshex.
Roman von Marie Kerschen st einer.
28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten)
Lene sprang in einer Aufwallung des Gemüts empor und riß das Kind an sich. Ihre Mutterseligkeit verlangte, daß 'sie den kleinen Körper an ihrem eigenen fühle. Sie preßte es an sich, warf es in die Höhe und fing es wieder auf, tanzte mit ihm, herzte es, juchzte, jubelte und fang, bis ihr von der tollen Spiellust der Atem verging. Staunend sah Heiner, was aus dem herben Heidekind geworden war: And je unbegreiflicher seinem Ma.mesempsinden die Tollheit ihres Treibens erschien, uni so nüchterner stellten sich bei ihm die notwendigen ileber- legungen ein. Die Mutten 'Das war fein erster Gedanke! Er wußte, daß die Tatsache ihr Gm- pftnden tief verletzen würde. Das tat ihm leib, doch es ließ sich nicht ändern. Deshalb hing er dieser Aebeclegung nicht länger nach. Zetzt galt es so $a handeln, daß er vor sich, vor der Mutter, und vor der Welt ehrenhaft da stand. Rur einen kurzen Augenblick verweitte er bei der stillen Verwunderung, daß seine Dache, im Handumdrehen fast, ein so gänzlich verändertes Gesicht gewonnen hatte! Als einer, der Glück holen and beglücken wollte, war er gekommen, als einer der heilige Pflichten zu erfüllen hat, würde er S.-hen! Qllorgen, so kalkulierte er, war einer der onntoge, an denen der auswärtige Pfarrer zum Gottesdienst kam. Wenn er sich dem vertraute, erlangte er eine stille Rottrauung gewiß. Tapfer kämpfte Heiner all Die unliebsamen Rebengednn- ten an das Gerede der Dörfler, an das Er
staunen des Pfarrers, an die Betrübnis der Mutter nieder. Ohne Zögern mußte er handeln, mußte Lene sogleich mit sich nehmen, denn er durfte nicht dulden, daß sie den gefahrvollen Weg über das Moor noch einmal nahm. Durfte andrerseits der Mutter empfindlich^ Gemüt nicht verletzen, indem er ihr Lene zuführte, bevor sie sein Weib war. And winkte ihm jenseits all der Widrigkeiten nicht das liebe, sonnige Glück?
„Komm, Lene!" rief er der jungen Mutter eifersüchtig zu, „ich will über dem Buben nicht vergessen fein! Setz dich ein Weilchen za mir!“ Sie legte das Kind auf die Erde und tat nach feinem Begehr. And er zog sie an sich und sagte, ihre Redeweise scherzend nachahmend: „©o was Feines hab' ich dir zu erzählen, rat's!"
„Ich weiß!" jubelte sie ohne Besinnen. „Daß da mich so lieb hast!"
„3a. Aber noch etwas!"
„Daß du das Büble so lieb hast!"
„Sicher. Aber noch etwas außerdem.“
Sie küßte ihn und dacht enach. Sie hatte keinen anderen Gedanken als an ihn und an das Kind. „Daß wir uns im Sommer als einmal treffen!“
„Geraten!“ rief et. „Richt nur als einmal, Lene. Immer! Immer! wollen wir von nun an beisammen sein!"
„Sell geht nit,“ antwortete sie betrübt „Das Stäle läßt mich nlt alle Tag fort Es ist bös auf dich. And wenn das Moor als nlt fest ist ... Heut hätt's mich fast erwischt!"
„Rie mehr darfst du mir über das Moor!" lief Heiner entsetzt. „Du bl übst jetzt bei mir and niemand hat uns etwas drein zu reden, — Wir wollen jetzt Mann und Frau werden, Lene!"
Verständnislos sah sie ihn an. „Das sind wir doch schon ang!“
„Vor Gott, ja. Ader wir wollen es auch vor den Menschen werden!“
„Vor den Men—scheu?“ wiederholtr sie gedehnt.
Heiner nickte. „Sieh, Len», in diesem langen Winter hab' ich es empfunden, daß ich ohne dich nicht mehr leben Torrn. Drum hab' ich mich heute auf den Weg gemacht, um dich für alle Zeit zu mir zuholen. Dich zu bitten, daß du mein liebes, treues Weib fein sollst! Willst du das, Lene? Sprich!“
Sie sann nach. Wie gerne hätte sie ihm gesagt, wie so ganz sein liebes treues Weib sie gewesen war, in dieser Zeit der Trennung. Aber das Wort stand ihr schlecht zu Dienst. And tote tonnte man überhaupt aussprechen, was so tief innen in der Seele vor sich ging Y Wie sollte sie es anstellen, in Worte zu Neiden, wie daS gewesen war, als das Wunder in ihr sich zu erfüllen begann? Wie es wachs, heimlich und still, wie der Schneewall vor der Hütte draußen! Wie sie tagelang grübelnd über dem Anergründlichen saß und nicht zu atmen, noch sich zu rühren wagte, aus Angst, der holde Traum möchte vergehen! And wie dann der Sturm kam, der bitterböse Sturm! Der sie hinwarf, daß ihr Hören und Sehen verging! And als sie wieder erwachte, da war das Wunder da und seine Haare hat es gehabt! Wer konnte solches aussprechen? Rir- mand! Das konnte das Herz wohl empfinden, die Zunge konnte es niemals toiebergebzn, sie war zu schwer dazu!
Sie schmiegte sich enger an Heiners Brust und horchte, wie da drinnen der Herzschlag ging
„And daS Fräle," vollendete sie laut ifrr stilles Selbstgespräch, „hat mich ausgelacht! Es sagt, das wär' kein Wunder nlt. Als ob das Fräle das wissen könnt'! And gelt, Heiner, es ts doch ein Wunder und niemand kann's wissen, wie es uns zaubrig hält, als ich und du!“
Sie hob ihr glühendes Gesicht zu ihm empor und er küßte das vertrauende Kinderaugenpaar mit großer Innigkeit: „Lene, es ist ein Wunder und wir wollen noch mehr solche Wunder erleben, du und ich! And was das Fräle meint, ist ganz gleich. Roch mehr weiße Häslein wollen wir haben, aber auch braune dazu! — Braune mit gelbbraunen Aeuglein, so wie du! Dübletn und Mädlein! Was sagst du dazu?“
„3a!“ jubelte sie händeklatschend, „braune und weiße Häslein!"
„Aber," fügte sie nachdenklich hinzu, „gar so viele haben im Hüttle nit Platz."
„Du sollst auch nimmer ins Hüttle, Rie mehr. Bei mir sollst du wohnen, in der Pfarr- bürg droben und gut sollst du's haben, wie eine Königin!"
(Die horchte hoch auf. „Ins Dorf ’nein soll ich?" fragte sie ungläubig.
„Ia."
..Dorthin kommt das Wunder nit,“ sagte sie tiefüberzeugt.
„Es kommt überall hin, wo wir ui Liebe bet* eint sind.“
„Dorthin nit! — Ich geh' nit ins Dorf.“
Heiner war auf Widerstand gefaßt, doch war er sicher, ihn zu überwinden. Hetzt, daS fühlte er, war der Augenblick gekommen, wo »r sich Klarheit verschaffen konnte über Lenes Verhältnis zum Dorf. (Fortsetzung folgt)


