Ausgabe 
25.4.1922
 
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Pariser Presse stimmen.

Paris. 25. April. (WTD.) Die Rede, die Ministerpräsident Pvincar 6 gestern in Dar-le-Duc gehalten hat, kann gewissermaßen als Musterbeispiel für die vielen Reden gel­len, die aus Anlaß der Eröffnung der Gene- ralräte in den anderen Departements gehalten wurden. Die meisten Vorsitzenden, fast sämt­lich führende Politiker aus Kammer und Se­nat, haben sich über die Konferenz von Genua, über die Reparativnsfrage, und z. L. auch über das noch nicht angenommene Militärdienst- pflichtgeseh in gleichem Sinne wie Pvincars ausgesprochen, dessen Politik in Frankreich und in Genua in Tagesordnungen gebilligt wurde. Außerdem wurde meist lückenlose Anwendung des Versailler Ver­trag e s verlangt und der Pazifismus Frank­reichs bestätigt.

DerFigaro" schreibt: Frankreich ist, um das Einverständnis mit den Alliierten, und um den höchsten Appell, den Frieden, aufrecht zu erhalten, in Genua geblieben trotz der Beleidigungen. So ist es am Rande eines Abgrundes angekommen, und es gibt keine Erwägungen mehr, die eS dahin füh­ren könnten, sich hineinzustürzen. Derartige Verpflichtungen überschreiten die Tragweite schönsten Reden, und sie binden eine Re­gierung und ein Volk. Das Volk muß die Ein­heit ä^frechterhalten und ein Zustand gemein­samer Energie im Auslande den Eindruck der disziplinierten Macht geben. Die Regierung darf abe: von jetzt ab diese Energie nicht mehr in vergeblichen Gesten vergeuden, auch nicht in Anschlüssigkeit. Niemand mehr als Poin- care ist der Mann dieser Wiederaufrichtung.

Die nationalistischeLiberte" nennt die Rede Poincares einen Akt der Entschlossenheit und Logik. Er benachrichtige feierlich die Alliierten und Deutschland, daß Frankreich nicht die Waffen sei­ner Hand entfallen lasse, die es aus einem Ver­trage herleite, der von allen Siegern gegengezeich­net sei. Die Warnung sei nunmehr offiziell erfolgt. Der Vertrag gebe den Alliierten das Recht, Sanktionen zu nehmen. Frankreich werde sie sich allein nehmen, wenn die Alliierten ver­sagten. Die Gelegenheit biete sich am 3 1. Mai. Deutschland sei nun einer Entscheidung gegenübergestellt, d.e mit «Strenge angewandt werde. Die Politik der Entschlossenhät und Mäßi­gung sei keine Kriegs Politik, sondern die einzige Politik, durch die der Friede sichergestellt werde.

L?oyd George will abreisen?

Berlin, 24. April. Wie dieDoßische Zei­tung" aus Genua meldet, soll in der Rächt auf heute Lloyd George dem Präsidenten der italienischen Delegatwn mitgeteilt haben, daß er gezwungen sei. gegen Ende dieser Woche Genua zu verlassen, da er bei dem Besuche des englischen Königspaares in Belgien anwesend sein müsse. Facta soll versucht haben. Lloyd «George diese Absicht auszureden. Rach längeren Besprechungen.soll man schließlich übereingclom- nten sein, die Konferenz offiziell am 2. Mai mit einem festlichen Schlußakt zu beenden. Der Rest deS bis dahin noch vorliegenden Materials soll pvn den spe-icllen Kommissionen außerhalb «De- Huas erledigt werden. Wie das Blatt wissen will, jperbe auch Pvincar 6 zu dem Schlußakt nach Venua kommen, um das Wort zu ergreifen. Auf -er feierlichen Schlußsitzung soll nach den In­formationen des Bla tes verkündet werden, daß sich die Konferenzmächte darüber einig seien, daß der Angriff irgendeinerMacht gegen das Gebiet einer anderen in Zukunft als dem Geiste von Cannes und Genua widersprechend wäre und auf den Tadel und die Zurückweisung der ganzen Well stoßen würde.

Rach der Absendung der zweiten Rote der Alliierten und der Kleinen Entente an die deutsche Delegation, sand, wie die Blätter aus Genua melden, eine Sitzung der politischen Anterkommis- fttm, über die russische Frage stall. Facta erklärte, daß das russische Memorandum nicht den «Charakter einer offiziellen Rote trage, sondern nur eine Propagandaschäft sei. Maßgebend sei ;Tuit die letzte Rote Tschitscherins. Die Kommission beschloß darauf, das Memorandum als nicht be­stehend zu betrachten. Rachmittags traten die

Das tausendjährige Quedlinburg.

Eine der schönsten und eigenartigsten deut­schen Städte, das ehrwürdige Quedlinburg, beging am vergangenen Sonntag ihren 1020. Geburtstag. Es war am 2 2. April 9 2 2, daß König Hein- rich L, derVogler", eine noch jetzt erhaltene Urkunde unterzeichnete(Zn der Stadt, die da heißt Qullllinaaburg." Damals war die Sied­lung, deren Anfänge sich in vorgeschichtlicher Zeit verlieren, bereits eine Residenz des Königs, der hier große Besitzungen besaß. Rachdem Hein­richs Sohn Otto I. bald nach seinem Regierung»- antritt auf dem befestigten Sandsteinfelsen, der jetzt von der ^hochragenden Schloßkirche gekrönt ist, eine freie reichsunmillelbare Abtei für die Tochter fürstlicher Famllien gegründet Halle, blühte die Siedlung Qullilingaburg immer reicher auf, die Kaiser aus sächsischem und fränkischem Stamm residierten in all ihrem Glanz im Stift und in der Stadt. Reichstage wurden hier ab­gehalten: eine ruhmreiche Entwicklung Halle be­gonnen, die durch mancherlei Wechselfälle und Riedergänge doch bis zum heutigen Tage an» gehallen hat. Einen prächtigen lleberblick über Geschichte und Kultur Quedlinburgs gewährt die soeben erschienene Quedlinburg-Rummec derZell- schriftRiedersachsen". In knappen Umrissen zeichnet hier der Oberbürgermeister der Stadt Bansi die historische Entwicklung. Schon um Mitte des 12. Jahrhunderts entstand allmählich die Reustadt, in die die Bewohner einer ganzen Anzahl von umliegenden Ortschaften hinein­bezogen wurden. Immer mehr Leute aus der Umgegend flüchteten sich hinter die Mauern der wehrhaften Stadt, um dort Schutz g>gen das Faustrecht zu finden. Mit dieser Entwicklung dec Größe des Stadtgebietes geht das Wachsen des inneren Wohlstandes und der Machtfülle Hand in Hand, nachdem die zunächst durch einen eigenen Magistrat verwaltete Reustadt um 1330 mit der Altstadt unter einer Regierung vereinigt war. Die Stadt ging nun Bündnisse mit den benachbarten 'Machthabern ein und erfocht in zahlreichen Fehden Zuwachs an Reichtum und Krafr Auf dem Gipfel ihrer Macht stand sie, als sie dem großen Städtebund von 14 mitteldeutschen Städten an­

Sachverständigen zu Einzelvefprvchungen über die Londoner Vorschläge zusammen. Die Russen, die ihre Rote den Verhandlungen zu Grunde legen wollten, wurden überstimmt. Die Sachverstän­digen erledigten darauf die Artikel 1 bis 7 des Londoner Memorandums.

Billigung der Richtlinien Lloyd Georges durch das Londoner

Kabinett.

Berlin, 25. April. Wie die Blätter aus Genua berichten, hielt der gestern aus Loudon in Genua eingetroffene Lord Birkenhead an die Pressevertreter eine Rede, in der er mitteilte, daß das amtliche England durchaus die Richtlinien Lloyd Georges aus der Genueser Konferenz billige un- unter st ü h e. Das ganze englische Kabinell stehe unbedingt hinter Lloyd George. Hinsichtlich Ruß­lands entarte Birkenhead, England stehe auf dem Standpuntt, daß jedes zivilisierte Land berechtigt sei, sich selbst feine Verfassungsform zu geben. Die- russische Regierung sei vom russischen Volke ge­wählt und vertrete daher das russische Volk. Da jetzt die Sowjets zu Kompromissen bereit seien, liege kein Grund vor, sich von ihnen abzu­schließen. Birkenhead schloß mit einem Appell an Lllnerika. Die Konferenz von Genua sei ein großes weltgeschichtliches Ereignis und eine Etappe zum Frieden der Welt.

Ein Druck der Reparations- Kommission aus Bulgarien.

Paris, 24. April. (WB.) Rach demZoar- nal des Debats" hat die Reparationskommisston vor einiger Zeit eine Rote an die balgarische Regierung gerietet, um den Zahlungsplan der bulgarischen Reparationen fest- zusehen. Diese Rote hat in Sofia ein gewisses Er­staunen hervorgerufen, wo man der Meinung ge­wesen sei, daß die Zahlungen für drei Jahre aufgeschoben würden. Die Kommission habe für die Antwort der bulgarischen Regierung eine Frist bis zum 30. AP il festgesetzt. Die Re­gierung habe versucht, einen Aufschab za erlan­gen. mit der Begründung, daß die Angelegenheit der Sobranje unterbreitet werden müßte und ver­langt, daß die Reparationskommission ihr bis zum 20. Mai Zeit zur Beantwortung lasse. Die Re- pavationskommission soll, dem Blatte zufolge, auf diesen Wunsch nicht eingehen wollen.

Aus dem Reiche.

Dom demokratischen Deamteutag.

Berlin, 24. April. (Priv.-Tel.) Auf dem demokratischen Deamtentag sind heute die Richtlinien angenommen worden, in denen es über die Steluingnahme der demokratischen Beamten zur Streik - frage heißt: Wenn der Beamtenschaft der Machtkampf um ihr Einkommen nicht gestattet sein soll, so muß ihr ein Rechtsmittel gege­ben werden. Es ist deshalb mit Beschleuni­gung eine Schieds- oder Schlich- tunZsstelle zu errichten, bei der die De- amtendertretungen Berufung einlegen können, wenn eine erträgliche Einigung zwischen ihnen und der Regierung nicht zustande kommt. Zum Eisenbahner streik wurde eine Ent­schließung angenommen, die an die demokra­tische Reichstagsfraktivn das Ersuchen richtet, dafür Sorge zu tragen, daß bei Durchführung der Maßregelungen unnötige Härten vermie­den werden. Eine weitere Entschließung for­dert ein einheitliches Reichsbeam­tengesetz. Ferner wird die möglichst be­schleunigte Verabschiedung des Beamten­gesetzes verlangt. «Schließlich wurde unter lebhaftem Beifall eine Resolution angenom­men, in welcher der 'Deamtentag der Kwllegen im «Saargebiet in Treue gedenkt und sie bittet, allen Gefährnissen zum Trotz auszuhal­ten bis zur endgültigen Wiedervereinigung mit dem Deutschen Reiche.

Die parlamentarische Lage in Sachse».

Der Landesausschuß der Demokratischen Partei in Sachsen hat in der Angelegenheit veS von den Deutschnationalen und der Deut­

schen Volkspartei etngeleiteten Volksbegeh­rens auf Auflösung des sächsischen Landtages beschlossen, zunächst ein Schreiben an die mehrheitssvzialistische Landtagsfraktion mit der Frage zu rich­ten, ob sie bereit sei, die Bil­dung der verfassungsmäßigen Regierung so­fort in die Wege zu leiten. Lehne die sozial­demokratische Fraktion das ab, dann sei die demokratische Fraktion verpflichtet, das Volks­begehren auf Auflösung des Landtages zu un- techützen.

Wahlen m Schaumburg-Lippe.

Bückeburg, 24. April. (WTD.) Bei den gestrigen Wahlen zum Schaumburg- Lippeschen Landtage wurden im ganzen 24 301 Stimmen abgegeben. Davon erhallen die Sozialdemokraten 12 349 und die Bürgerlichen 11 952 Stimmen. Die Cinzelergebnisse stellen sich wie folgt dar: Mehrheitssoziallsten 10 783, Unab- hängige 1566, Deutsche Vollspartei 3615, Deutsch­nationale 2506, Wirtschaftsvereinigung 396, Par­teilose 545, Landbund 1857, Handwerkerbund 1771, Demokraten 1992, Rationalsozialistische Vereini­gung 140. Das Stärtcverhällnis im Landtag bleibt, wie es gewesen ist. Die Sozialdemo­kraten behalten die Mehrheit.

DerKölnerMännergesangverein in Berlin.

Berlin, 25. April. (Priv.-Tel.) Der Kölner Männergesangverein ist gestern abend in Berlin eingetroffen. Die Kölner wurden auf dem Lehrter Bahnhof von einer nach Tausenden zählenden Menschen­menge empfangen und von allen dem Ber­liner Sängerbund angehörenden Gesangvertz einen mit dem Gesang desSängergruh" be­grüßt. Oberbürgermeister Boes hieß in einer Ansprache die Gäste willkommen und erklärte, daß er die Sänger als Vertreter des Rhein­landes, des besetzten Gebiets, dessen Rot uns allen schwer auf dem Herzen laste, begrüße. Oberbürgermeister DoeS 'schloß mit einem be­geistert aufgenommenen Hoch auf das alte yeilige Köln und den Kölner Männergesang­verein. Der Präsident der Kölner «Bänger, Hilfert, erwiderte mit einem Hoch auf die «Stadt Berlin. Mit Wechselgesängen der Ber­liner und der Kölner schloß die Begrüßungs­feier auf dem Bahnhof.

Aus Stabt und Land.

Gietz en, den 25. Aprll 1922.

** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurden: Oberkriegsgerichtssekcetär Aug. S p i e h bei der Geschäftsstelle des Finanzgerichts beim Landesfinanzamt Darmstadt zum Obersteuer- sekretär: die Zollsekretäre Adolf Sommer beim Hauptzollamt Offenbach, Philipp B e r t a l o t h, Jakob Schuchmann und Philipp Welker beim Hauptzollamt Mainz, Hermann Kaak zu Ridda und Wllhelm Fischer zu Lauterbach zu Oberzollsekretären. Ernannt wurden am 18. April die Lehrer Karl Hey l zu Merkenfrih, Josef Leilich zu Mühlheim, Levnhard Volk zu Airlenbach, Heinrich Wagner zu Reu-Isen­burg, Heinrich Weber zu Reuters zu Lehrern an der Volksschule zu Offenbach: der Lehrer Karl Wagner zu Dietesheim mit Wirkung vom 1. April 1922 ab zum Rektor an der Volksschule zu Dietesheim, Kreis Offenbach: der Schulamts­anwärter Hans B ü r n e r aus Darmstadt zam Lehrer an der katholischen Volksschule zu Groß- Zimmern, Kreis Sieburg.

** Für d i e sozialdemokratische artei sprach gestern in öffentlicher Dersamm- ng Minister a. D. Dr. Strecker. Auf der

Tagesordnung stand:Genua und die So­zialdemokratie". Wer aber erwartet halle, daß der Redner die Stellung seiner Partei zu den großen und für Deutschland lebenswichtigen Fragen, die augenblicklich in Genua behandelt werben, entwickeln würde, sah sich getäuscht. Dr. Strecke r ging auf die Konferenz irberhaupt erst im letzten, kleinsten Dell seiner Ausführungen ein, den Hauptteil seiner Rede bildete ein Rechtferti­gungsversuch der Politik seiner Gesinnungs­genossen vor, während und nach dem Kriege, der gespickt war mit den gewohnten Ausfällen gegen

das alte Deutschland, gegen Ludendorff, gegen denMilitarismus", gegen die Vaterlandspartei, gegen die Orgesch, gegen Sünnes usw. ad In­finitum eine Agitationsrede also in rein partei­politischem Sinne da, wo man eine sachliche Stellungnahme zu weltpolltischen Fragen von außerordentlichster Bedeutung erwartet halle und erwarten mußte. Außer für eingeschworene Par­teifreunde Herrn Streckers war der Abend kein Gewinn. Heber Genua selbst sagte der Referent und hier konnte man ihm in manchen Punkten beipflichten, daß die Konferenz das erste Fundament für ein neues Europa bilde, daß der deutsch-russische Vertrag, den nach des Redners Ansicht nur die Regierung Wirth schlie­ßen .konnte, was man auch im einzelnen gegen ihn einwenden könne, im ganzen gesehen einn «Schrill vorwärts dar stelle und daß man auf dem eingeschlagenen Wege zielbewußt weiterschrellen müsse, um durch eine Politik der Vernunft die französische Politik des Hasses zu übexwinden. Es gilt, so schloß Dr. Strecker seine Dar­legungen, jetzt Deutschland und mit ihm Europa vor dem Tode zu retten durch eine ehrliche, auf Frieden zielende Politik der Konsolidation.

Tageskalender für Dienstag Astoria-Lichtspiele:Dappho" und «Eine Minute vor 12".

Aus dem Stadttheaterbureau. Eine eigenartige Darbietung wird unsere Bühne am kommenden Sonntag und Montag bringen, indem an diesen Abenden das russische Bala- leika-Orchester gastieren wird. Der Gesellschaft, bestehend aus 24 Personen, geht ein ausgezeich­neter Ruf voraus. Sie ist nicht zu verwechseln mit kleineren Truppen, die unter demselben Ramen da und dort auftreten.

^Wettervoraussage

für Mittwoch:

Fortdauer der unbeständigen Witterung.

Las Tiefdruckgebiet über der Rordsse füllt sich auf. Südlich der Alpen ist ein neues Tief­druckgebiet erschienen, das sich nordwärts aus­dehnt. Das unbeständige Wetter hält an.

Kreis Schotten.

hg. Hoherodsropf, 23. April. Gestern tagte hier der Gesamtvorstand des Vogelsberger Höhenklubs, der unter der Leitung seines ersten Vorsitzenden, Dr.Druch- Häuser- Ulrichstein, eine überaus reiche Tages­ordnung in nahezu sechsstündiger Beratung er­ledigte. Zu Beginn der Tagung würdigte der Vor­sitzende die Verdienste der jüngst verstorbenen V. Sy C.-Mitg ieder Bürgermeister Stöpler- Lauterbach und Ritter- Laubach um die Sache des Vereins. Die Versammlung erhob sich zu Ehren der Heimgegangenen von ihren ©Uten. Reu gegründet hat sich em Zweigverein Lumdatal mit dem Sitz in Mainzlar. Dem 2. Vorsitzenden, Lehrer Karl L i n ck - Rüdings'- Hain wird vom Gesamtvorstand eine Ehrung anläßlich seines 60. Geburtstages dargebracht. Für die Wiederherstellung der Klubhäuser sind bis jetzt durch Zeichnung von Anteilscheinen rund 60 000 Mk. eingegangen. Da mindestens der doppelte Betrag nötig ist, wird den Zweigvereinen nahegelegt, mit aller Kraft für weitere Zeich­nungen zu wirken. Die Verlosung zugunsten der Klubhäuser ist von dem Hess. Ministerium genehmigt worden. Zur Unterstützung der Forde^ rung der Zugendherbergesache i i O ber- hessen hat das Hess. Landesamt für DildungS- wesen eine einmalige Beihilfe von 5000 Mk. oe- toiüigt Verschiedenen Herbergen werden Zu­schüsse zur Einrichtung und inneren Ausgestaltung bewilligt. Reu eröffnet wurde eine Zugend­herberge in Fulda. Von dem Plan, das alte Schweizerhäuschen auf dem Hoherodskopf als Zugendhe berge herzurichten, mutzte aus zwingen­den Gründen Ab'tand genommen werden. Die folgenden Beratungen befaßten sich mit den zahl­reichen aus vielen Zweigvereinen vorliegenden Anträgen zur Hauptversammlung in Fulda, die am 27. und 28. Mai d. Z. stall - finden wird. Abends um V*9 Uhr fand dann in den Räumen des neuen Klubhauses eine Dis* mar (ff eiet statt. Rach einer Begrüßungs­ansprache durch den 2. Vorsitzenden Linck hielt Herr W e st f a h l - Wieseck die eindrucksvolle Dis^ marckrede, nach der die Teilnehmer begeistert das LiedDeutschland über alles!" anstimmten. Die Dismarckfeier 1922 auf 'den höchsten Höhen des Hessenlandes hat gewiß bei allen Teilnehmern eindrucksvolle (Erinnerungen hinterlassen.

gehörte. Aus diesem Gefühl der Kraft heraus suchte nun Quedlinburg auch der Abtei gegen­über, unter deren Schutzherrschaft die Stadt stand, ihre Selbständigkeit zu behaupten. Aber die da­malige Aebtlssin Hedwig rief ihre Brüder, die Wettiner Herzöge Ernst und Albrecht von «Sachsen zu Hilfe, und diese eroberten die Stadt nach tapferer Gegenwehr, plünderten sie furchtbar aus, stürzten den Roland, das Sinnbild der Stadt­freiheit, auf dem Markt um und zwangen der Stadt eine Verfassung auf, durch die sie unter die Herrschaft der Stiftsäbtissin geriet Damit war die Glanzzeit des freien Quedlinburg dahin, und sie bat sich erst nach Zahrhunderten von dieser Riederlage erholt, um nun als Handels- und Industriestadt neue Bedeutung zu erlangen. Einen Ruf besah von altersher dasQuedlinburger Korn": die bedeutende «Schweinezucht trug ihr bet mißgünstigen Rachbarn den Spottnamen Schwineburg" ein. Durch ihre seit dem Anfang des 19. Zahrhunderts immer mehr ausgedehnte «Samenzucht wurde Quedlinburg die größte Blumen st adt Deutschlands und liegt heute in den buntblühenden Feldern wie ein Zuwel im edelsteinfunkelnden Rahmen.

Als herrlichstes Vermächtnis seiner uralten «Geschichte hat Quedlinburg seine Baudenkmalsr bewahrt, unter denen die Fachwerkbauten einzig­artig sind. Sv stolz auch die Stiftskirche, ent» standen über dem noch von Heinrich I. gegrün­deten Bau, prangt, so stolz die andern Kirchen und das schöne Renaissance-Rathaus emporragrn, seine künstlerische Bedeutung verdantt die Stadt doch seinen Holzbauten deren Stll sich von den Anfängen bis zur reichsten Entwicklung verfolgen läßt. Zn Quedlinburg befindet sich das älteste Fachwerkhaus Deutschlands, dessen Ständer bis zum Dache durchgehen, weil man noch nicht die Kunst kannte, Sllckwerke aufeinanderzusehen. Ein solch ehrwürdiger Hohbau ist auch das Klopstock-Haus, das heute in einem ein­drucksvollen Museum die Reliquien der Quedlin- burgfdien Geistesgeschichte umfängt. Rirgends sonst ist der urdeutsche Volksbaustil noch so pracht­voll erhalten wie in dieser Stadt, und überall umweht den Besucher der Hauch eines dem deut­schen Wesen eigentümlichen Wohnungsbaues, dem

kein anderes Volk etwas Aehnliches an die Seite zu setzen hat. Prächtige Zeugen der alten Ge­schichte sind auch die imRitter", der Schatz­kammer der «Schloßkirche, bewahrten Reliquien, besonders die aus dem 12. Zahrhundert stammen­den Knichfteppiche mit ihren großartigen Dildern, die Reliquienkästen, Evanqelienbücher usw. Die jetzt mit der Gymnasialbibliothek verbundene Stiftsbibliothek birgt eine ganze Anzahl früh­mittelalterlicher Handschriften, so eine Pergament- Handschrift aus dem 9. Zahrhundert, eine der wich­tigsten Handschriften desSachsenspiegels", chine­sische und arabische Manuskripte, handschriftliche Gebetbücher mit wunderbarer Gold- und Silber­malerei. 3m Stift sind auch dieQuedlinburger Jahrbücher" entstanden, eine der wichtigsten deut­schen Geschichtsquellen des Mittelalters. Hervor­ragende Frauen haben an der Spitze des Stiftes gestanden, von der ersten Aebtissin Mathilde, der Tochter Ottos I., bis zu der durch ihre tra­gische Liebschaft mit dem Freiherrn von Trenck bekannten Anna QImalie von Preußen, der Schwe­ster Friedrichs des Großen. Unter den großen Söhnen Quedlinburgs verdienen neben Klopstock in erster Linie der Bsgründer der deutschen Turn­kunst Guts Muths und der Schöpfer der ver­gleichenden Erdkunde Karl Ritter genannt zu werden.

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Frankfurter Uraufführung.

Arnvlt Bronnen:Datermord".

Frankfurt a. M, 23. April.

Das Frankfurter Schauspielhaus brachte in seinem Zyklus moderner DramenVater- m o r d" von Arnvlt Bronnen zur Urauffüh­rung, ein im Thema kühnes Werk, mit dem sich die Theaterleitung an einausgesprochen reifes Publikum" wenden wollte. Bereits wäh­rend der Vorstellung wurden deulliche Zeichen der Mißbilligung laut, die sich am Schluß noch verstärkten und gegen Beifallklatschen und Bravo­rufe ankämpften, ohne daß es einer der beiden Parteien gelungen wäre, die andere niederzu- ringen. Der leidenschaftlichen Befehdung wie 6er rückhaltlosen Hingabe verleihen die unzweifel­haften großen Vorzüge des Schauspiels und seine

ebenso sicheren Mängel ein gewisses Recht. Grund­thema ist der Gegensatz zwischen Vater und Sohn, wie er im Drama feit den Griechen wieder und wieder verwendet wurde, bis ihn dann ganz be­sonders die jüngste Generation zum Hauptinhalt ihrer dramatischen Produktion erhob. Auch bei Bronnen drosselt ein Vater das Eigenleben des Sohnes, und langsam keimt in dem Achtzehn­jährigen der Entschlub, den Vater und Feind zu töten. Für die Mutter fühll der pubertäts­gequälte Jüngling Begehren und Grausen. Dom Strudel seiner Sinnlichkeit mitgerissen reizt sie ihn zur Tat, dann kehrt er sich von ihr auch sie zahlt au den Allen. D«n Dichter, der uns gegen Schluß hin langweilt die magere Hand­lung ist im zweiten Teck unendlich langgezogen, ist es zweifellos im ersten Teil gelungen, uns zu fesseln und. vielleicht nicht zu erschüttern, aber furchtbar au quälen. 3n dem Charakter des Vaters zeigt sich eine starke Gestaltungskraft: auch der «Sohn ist wahrhaft erlebt, aber von liebendem Auge idealisiert. Die Technik verrät noch dramaturgische Unbeholfenheiten in über­flüssigen Rebenfiguren und Unmotivierthellen. Der kräftige 2Iaturalismus der Sprache wird leider an einigen Stellen durch schwülstige Pa- thetik abgelöst. Der Autor, dessen Werk sicher von reinem Wollen befeelt ist, hat Beobachtungs­vermögen und die Gabe, eine Handlung in Fluß zu bringen, aber noch nickt die, sie weiterzu­leiten. «Seinem starken Talent steht einstweilen noch Schwulst und Langatmigkeit außer dem tech­nischen Ungeschick im Wege.

Eine Glanzleistung der Uraufführung war Robert Taubes Vater, Hans Baumann gab dem Sohn Gepretzthell unb unsichere Unreife, Gerda Müllers kraftvoller Ratur entsprach die Rolle der Mutter nur an Höhepunkten der Explosion, wo sie über die Aufgabe hinaus- wachsend, ihre Leidenschafllichkeit voll entfalten formte. Dr. Harnisch, der als Gast Regie.ühctc, zeigte feines Verständnis und liebevolle Ein­führung. Anhängern und Befehdern seines Wer­kes konnte sich der Dichter am Schluß wiederholt mit den Künstlern zeigen. 3. V.: p. sch.