Ausgabe 
25.4.1922
 
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fit. 96

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Erster Blatt

Dienstag, 25. April 1922

172. Jahrgang

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrnhl'sche Univ.vnch- und Steinbrutferd R. Lange. Lchristleitung, Geschäftsstelle und Vruckerei: 5chulstratze 7.

Unklarheit der Lage.

Während der französische Ministerpräsi- bent im Lande herumreist und aufpeitschend-.' unb gegen Deutschland hetzende Reden hält, und für Ende Mai eine Sonderaktion Frank­reichs androht falls die übrigen Mächte sich nicht mit ihm einigen wollten, wird aus Genua gemeldet. Lloyd George und Dar- Ihou hätten eins private Aussprache gehabt, in der ein versöhnlicher Geist zum Durch­bruch gcfomrtien sei. Allerdings stammt die Meldung von der Havas-Ageptur, und da darf man schon mehr als ein Fragezeichen dahinter machen. Lloyd George wolle in eini­gen Tagen aus Genua abreisen, um beim Königsbesuch in Belgien nicht zu fehlen, so lautet eine weitere Nachricht. Präsident Facta wolle aber seine weitere Anwesenheit, und so werde die Genueser Konferenz offiziell am 2. Mai beendet werden. WaS über einen ge­planten feierlichen Schluhakt noch hinzuge­fügt wird, deutet wiederum darauf hin, dah eine wirkliche Verständigung zwischen den Hauptbcteiligten noch keineswegs erreicht ist und wir noch vor unerwartete Ereignisse ge­stellt werden können.

Genua, 24 April. (WTB.) Amtlicher Kon­ferenzbericht. Die erste Untcrfommiffion der Wirtschaft slkommission hat heute vormittag halb elf Tlhr unter dem Vorsitz des französischen Delegierte r Volrat eine Sitzung ab, in der zunächst auf Grund des Gutachtens der in der vorigen Sitzung ernannten Sachverständigen der Wortlaut angenommen wurde, der an die Stelle der Artikel 46 und 49 des Londoner Sach­verständigenberichts treten soll. Die Llnterkvm- Mission überwies ferner Artikel 41 des Lon­doner Sachverständigenberichts, der sich auf das Protokoll der Konferenz von Porto Rose bezieht, dem Redaktionsausschuh und vertagte alsdann die Besprechung der Zolltariffrage auf Dienstag vor­mittag halb 11 U&r. Die endgültige Fassung, die an die Stelle der Artikel 46 und 49 des Londoner Sachverständigenberichts treten soll, hat folgenden Wortlaut: 1. Wie bedeutungsvoll auch die von gewissen Staaten in Anbetracht ihrer auhergewöhnlichen Verhältnisse die für die Auf- rechterhaltting oder die Einführung von Ein- und Ausfuhrverboten oder -beschränkungen ins Feld geführten wirtschaftlichen und finanziellen Gründe sein mögen, so wird anerkannt, dah diese Qfiafmafrmen eines der schwersten Hindernisse darftellen, das dem intern itionalen Handel zur Zeil entgegensteht. Man solle daher nichts scheuen, um dieses Hindernis mit mög­lichster Beschleunigung auf das absolute Minimum zu beschränken; 2. Ausnahmen von diesem Grund­satz müssen besonders hinsichtlich monopolisierter Güter oder für den Fall vorgesehen werden, daß es sich um die Befriedigung von Lebensbedürf­nissen des Volkes, den Schuh der öffentlichen Gesundheit, der Sittlichkeit oder die Sicherheit oder den Schuh von Tieren und Pflanzen gegen Seuchen handelt. Welches aber auch ihre Gründe sein mögen, so hemmen derartige Ein- und Aus­fuhrbeschränkungen den internationalen Handel in einem solchen Maye, dah man die ttnzuträg- 1 Weiten dieses Svstems mit möglichster Be­schleunigung durch Erlaß von Bestimmungen ke- Ichränken sollte, ai Hand deren die Geschäftswelt im Vorhinein mühelos die Bedingungen feststellen kann, unter denen Ausnahmen für sie erhältlich sind. 3. Es besteht somit Einigkeit darüber, dah die Bewilligung von Ausnahmen anerkannt wird. Die Bedingungen, unter denen sie erhältlich sind sind zu veröffentlichen und klar zu formulieren. Das System der Aufnahmen soll möglichst einfach und beständig sein Es muh dafür gesorgt werden, dah die an Behörden oder an sie als zuständig gerichteten Gesuche um Bewilligung de^ Aus­nahmen mit Beschleunigung geprüft werden.

Eine Sitzung der alliierten und russischen Sachverständigen.

Genua, 24. April. (WTB.) (Spezialbericht des Vertreters des WTB.) Sn der heutigen Sitzung der alliierten und russischen Sachverständigen, in der die Frage der Entschädigung für das beschlagnahmte Eigentum zur Sprache kam, wurde russischerseits erklärt, eine Rückerstattung oder ein Ersatz des privaten Eigentums könne nicht erfolgen, da alles nationalisiert fei. Dagegen verlangte Ruh­land die ^Auslieferung des Geldes der vormaligen russischen Regierungen, das sich noch in französi­schen und englischen Banken befinde. 2lus den englischen Einwurf, wie man denn eine Rück­erstattung fordern könne, wenn man selbst keinen Ersah leisten wolle, erwiderten die Russen, das sei darin begründet, dah es in Ruhland kein privates Eigentum mehr gebe, wohl aber in England und Frankreich. Die Russen schlugen vor, dah die Alliierten sich an staatlichen Aktiengesellschaften mit ihrem Kapital beteiligen sollten, die binnen kurzem gebildet wer­den würden. Private Aktiengesellschaften seien dagegen in Ruhland nicht zulässig. Der französische Vorsitzende e-Härte darauf, die Diskussion fei sehr nützlich gewesen; er verstehe jetzt den russischen Standpunkt. Für den Augen­blick aber halte er .eine Fortsetzung der Erörte­rungen sür unzulässig. Die Sitzung wurde daraus .vertagt mit der Begründung, dah die Frage ohne ioie Russen erörtert werden müsse. Morgen wird eine Versammlung der Sachverständigen ohne die Russen abgehalten werden. Sn französischen Krei­

sen wird behauptet, die Russen verlang­ten eine Anleihe von 5 Milliarden Goldrubel, ferner ein 30jähriges Mo­ratorium und lehnten den Ersatz der Kriegs­schulden ab. Sn englischen Delegationskreisen ist man dagegen der Ansicht, dah es sich bei den russischen Forderungen um Höchstsorderungen banbclc. Von einem russischen Ultimatum sei leine Rede Es sei gewih ein ernster Umstand, dah die Russen so viel verlangten. Aber man müsse Geduld haben; sie würden schon von ihren Forderungen zurückgehen. Uebrigens lägen keine neuen russischen Forderungen vor. Cs handele sich nur um eine Wiederholung einzelner Punkte, die in dem nichtamtlichen russischen Memorandum enthalten seien.

Eine private Unterredung zwischen Lloyd George und Barthou.

Genua, 24. April. (Havas.) Die Ent­spannung, die sich geltem in Konferenzkreisen bemerkbar machte, trat heute noch deutlicher zu­tage. Sie toir^ besonders in den Kreisen der Entente und ter kleinen Entente gewürdigt, wo ix: allgemeine Eindruck h^ntte abend zum Opti­mismus neigt. Wenn heute auch keine offizielle Sitzung der Konferenz stattsand^ so fand doch wäh­rend dem Frühstück, das zu Ehren des britischen Bevollmächtigten von der französischen Delega­tion vevanstattet worden war, eine wichtige private Unterredung zwischen Lloyd George und Barthou statt. Der Vertreter der Havasagentur glaubt zu wissen, dah die Zu­sammenkunft sehr herzlich war. Lloyd George habe zuerst seiner Ueberzeugung Ausdruck ge­geben, dah kein Abkommen und keine Regelung, die in Genua getroffen würden, zum Ziele führen und dauerhaft fein könnten ohne die Entente zwischen Frankreich und England, die gewisser­maßen der Schluhstein des europäischen Gebäu­des sei. Unter diesen Gesichtspunkten hätten die Führer der britischen und der französischen Dele­gation die Prüfung der groben Probleme, die der Konferenz vorliege, unternommen. Sie hätten ein­mütig die Rvtwendigkeit anerkannt, eine ge­meinsame Haltung anzunehmen. Der Ha- vasberichterstatter sagt dazu, das sei eine inter­essante Entschliehung, die für die eingeleiteten Verhandlungen einen entscheidenden Einfluh ha­ben könnte.

Dic juristischen Sachverständigen.

Paris, 24. April. (WB - 'DerTemps" lünbigt wiederum an, dah höchstwahrscheinlich morgen dir juristischen Sachverständi­gen der Repavationskvmmissivn ihren Bericht über den deutsch-russischen Vertrag von Rapallo in seinen Beziehungen zum Fr'.edensverttng von Versailles der Kommission vorlegen werden. Die Untersuchung erstreckt sich, dem Blatte zufolge, auf den Ginfluh, den der Vertrag von Rapallo etwa auf die Ausführung der Artikel 236, 248 und 260 des Versailler Ver­trages haben könnte.

Poincares Rüstung.

Paris, 24. April. (WTB.) Bei der Er­öffnung des Generalrates des Maas-Departe­ments hiell heute vormittag Ministerpräsident P o i n c a r e als Vorsitzender in Dar-le-Duc eine Rede, in der er darauf hinwies, dah es die Mit­glieder des Generalrats gewesen sind, die ihn kmergelt aufgefordert haben, wieder einen Sih im Senat anzunehnren. Sie hätten ihm die zer­störten Häuser, die verwüsteten Felder und die verminderten Vorräte gezeigt und verlangt, dah er seine ganze Ueber^eugungsfraft in den Dienst des verwundeten Frankreich stelle. Der Gedanke dieses Departements habe ihn stets gerührt. Er habe sich immer mit seinen Bewohnern identi­fiziert. Er sei Lothringer, mit einem Wort, ein Franzose der Grenze. Und trotzdem wir, so fuhr Pom are fort, Franzosen der Grenze sind, waren wir bis zum Augenblick des deutschen Angriffs dem Frieden tief ergeben und selbst, wenn es den Verleumdern jenseits des Rheines gefallen sollte, wir haben alles getan, um den Krieg zu vermeiden. Weil wjr Franzosen der Grenze sind, haben wir sckwn immer dir Gefahren eines bcfca'fr.ctcn Angriffes erkannt. Wir hatten insofern mehr Grund als jeder andere, die Schrecken eines Einfalles zu befürchten.

Uebergehend zum Friedensschl'.h sagte Poin» cate, der Friedensvertrag von Versailles habe bestimmt, dah die Kriegskosten zu Lasten der sieg­reichen Völker bleiben; aber wenigstens habe er festgelegt, dah die von den Feinden auf den franröf scheu Gebieten verursachten Schäden und die Pensionen der Witwen und Verwundeten zu Lasten Deutschlands gehen. Es wurde auch be­stimmt, dah Deutschland entwaffnet und zur mili­tärischen Ohnmacht verurteilt werde. Wenn diese Klauseln regelmäßig angenommen worden wären, würde sich Frankreich befriedigt erklären, denn es würde dadurch zum größten Teil seiner ernsten finanziellen Schwierigkeiten ledig unb es hätte die Freude, namentlich seine Sicherheit garantiert zu wissen. Mehr würde es nicht verlangen. Es sei ein ständiges Thema in den vergebenen Ländern. Frankreich als Smperialist en anzuklagen und ihm eroberungslustige Hin­tergedanken zuzuschieben. Es gebe keinen einzigen französischen Politiker, der jemals von Annexion geträumt habe. Keiner von uns würde sich jemals entschlossen haben, den Krieg zu beendigen, ohne Elsah und Lothringen wieder zu erlangen. Aber keiner hätte den tollen Gedanken gehabt, gegen ihren Willen fremde Bevölkerungen Frankreich einzuverleiben. Alles, was Franöejch jetzt ver­

lange, sei dic Ausführung des Friedensvertrages. ! Richt durch überstürzte Gesten oder unüberlegte Bedrohungen könne man diese Ausführung er» 1 zielen, sondern nur durch eine beharrliche und methodische Aktion. Aber schlichlich müsse 'Frankreich das doch erreichen. Es handele sich um den Frieden Europas, um Frankreichs nationale Prosperität, um Frankreichs Zukunft. Um die Industrie, den Handel und die Landwirt­schaft zu heben, habe Frankreich den Wunsch und die Absicht, so viel wie möglich die militärischen Lasten zu verringern. Aber wer werde nicht selbst jvad) dem Abschluh des Abkommens von Rapallo die Unllugheit empfinden, die darin bestehe, zu rasch abzurüsten. Er be­zweifle nicht, dah die Mehrheit der Kammer eine glückliche Eingebung gehabt habe, dah sie jüngst in der Frage der nationalen Verteidigung der Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen habe. Schon seit längerer Zeit hätten sich zwischen den Deutschen und den Bolschewisten dunkle Sympathien angeknüpft, bte seit dem Abkommen von Rapallo ins Helle Sonnen­licht gerückt worden seien. Wie viele Leute, die aus ihrer Ruhe ausgescheucht worden seien, würden nun erkennen, dah das Kabinett Recht gehabt habe, für den Augenblick an der achtzehn- monatigen Dienstzeit festzuhalten. Wenn wir auf­merksam das verfolgen, was sich bei unseren öst­lichen Rachbarn ereignet, sehen wir immer noch auf dem Gebiete des Deutschen Reiches Polizei- ftreitfräfte, zusammengesetzt aus ehemaligen Unteroffizieren, die vollkommen bereit find, sich vom Abend zum Morgen in militärische Kadres umzubilden. Sn Oberschlesien hält die inter­alliierte Kommission noch auf eurige Wochen die Gewalt in Händen, da man dort Waffen­depots, die aus den deutschen Provinzen dort zusammengetragen worden-seien, unter tragischen Umständen entdeckt habe. Die Rachforschungen, fuhr Poincars fort, hätten Attentate hervor- gerufen, die augenblicklich Gegenstand einer ge­richtlichen Untersuchung seien und die strenge Sanktionen erforderten. Alles vollzieht sich mit einem Wort, als wenn die Alldeutschen die Gelegenheit erforschten, um früher oder später in einer der Ostprovinzen Unruhen hervorzurufen und durch Gewalt die Deutschland durch den Friedensvertrag von Versailles Polen zuge­sprochenen Gebiete zurückzuerobern. Welchen Eifer auch die von General Rollet geleitete lieber« wachungskommission entwickelt habe, ihre Ar­beiten seien noch nicht vollendet, und es sei gewih unerlählich, dah die Alliierten in Deutsch­land noch umfangreichere Kontrollmittel über die Luftschiffahrt, die militärischen Organisationen und die Bewaffnung unterhielten. Er, Poincaro, könne nicht genug wiederholen, dah Frankreich mit ganzem Herzen auf den Augenblick warte, an dem es entwaffnen könne. Aber Deutschland müsse zuerst und vollkommen entwaffnet sein.

Was die Reparationen anbetreffe, von denen nicht nur das Schicksal der verwüsteten Departements, sondern die Wiedererhebung ganz Frankreichs abhänge, so nähere man sich einem Verfalltag. Vor dem 31. Mai habe Deutsch­land die Verpflichtung sich dem Programm unter» zuordnen, das Sie Reparationskommission aus­gestellt habe, d. h. sich verpflichten, einen Kom­plex von neuen Stellen zu votieren unb eine i.nteralliicrteÄontroIIeüber seine Finanzen anzunehm n Wenn Deutsch­land widerstehe und wenn zur festgesetzten StunSe die Reparationskvmmission ein freiwilliges Ver­fehlen Deutschlands feststclle. hätten die Alli­ierten das Recht, und infolgedessen auch die Pflicht, zum Schuhe ihrer Snteresseu Mahnahmen zu ergreifen, von denen es unzweifelhaft wün­schenswert wäre, wenn sie nach gemeinsamem Abkommen unter ihnen angenommen und ange­wendet würden, die aber nach dem Wortlaut des Ve träges nötigenfalls auch von jeder der interessierten Mächte allein un­ternommen werden könnten, und dazu habe sich Deutschland durch den Vertrag von Versailles verpflichtet es nicht als einen Akt der Feindseligkeit anzusÄhen brauche.

Sch wünsche sehnsüchtig, fuhr Poincar6 fort, bei dieser Gelegenheit die Zusammenarbeit aller Alliierten aufrecht zu erhalten. Aber wir werden in voller Unabhängigkeit die französische Sache verteidigen, und wir werden auch nicht eine einzige der Waffen fallen lassen, die uns der Vertrag an die Hand gegeben hat. Wir werden es nicht dulden, dah unser unglückliches Land unter dem Gewicht der Reparationen zusammenbricht. an der Seite eines Deutschland, das nicht die notwendigen Anstren­gungen machen will, um sich seiner Schuld zu entledigen.

Was sich in Genua ereignet hat, bestätigt in seltsamer Weise alles, was wir über den Geistes­zustand eines großen Teiles des Deutschen Reiches gehört haben, und worüber ich mich in den letzten Sagen noch vor der Kammer ausgesprochen habe. Seit welcher Zeit hatte Deutschland einen Vertrag mit den Sowjets vorbereitet? Gestattet die Ver­öffentlichung, die gemacht wurde, den ganzen Vertrag zu erkennen? Sst der Vertrag ja oder nein von geheimen Klauseln begleitet? Gilt er als Schutzwand für politische oder mili­tärische Abmachungen? Auf alle Fälle aber voll­zieht er eine Annäherung, die morgen eine direkte Bedrohung gegen Polen und eine indirekte Bedrohung gegen Frankreich werden kann. Die öffentliche Meinung Frankreichs, sagte Poincare weiter, habe begriffen, dah die Hinnahme dieses Vertrages, besonders unter den Bedingungen, unter denen er erfolgt sei, eine Svannung der Konferenz von Genua sofort nach sich ziehe. Die 2llliierten hätten indessen ihre Liebe zur Ruhe

und Mähigung soweit vorgctricben, bat) fic das Unmögliche gvtan hätten, einen Bruch zu her meiden Die franzöfische Delegation selbst habe noch einmal ihre Loyalität zur Mitarbeit gezeigt und sich der nachgiebigen Aktion angeschloften die man gegen Deutschland unternommen l)W Als sich das gegenwärtige Ministerium gebilbet habe, fei die Konferenz von Genua cinberufen gewesen. Frankreich habe sich unter den ein­ladenden Mächten befunden. Die Regierung habe im Einverständnis mit der Kammer geglaubt, ihr Wort nicht zurückziehen zu können. ($ie habe aber Dorsichtsmahregeln für eine klare De grenzung des Programms der Kon­ferenz getroffen, die sie nicht aufgeben werde, namentlich keine der Vorsichtsmahregeln in bezug auf die Wieder herstellungs- unb Entwaffnungr frage. Unter gewissen Reserven habe Frankreich feinen Verbündeten aufrichtige Teilnahme an den Verhandlungen versprochen, um der Welt einen Beweis seines guten Willens zu geben. Die En­tente der Russen und Deutschen, so ernst sie auch sei. fei den französischen Delegierten nicht als ein Akt erschienen, dessen Verantwortlichkeit man auf die gesamte Konferenz hätte zurückfallen lassen können, und sie hätten nicht geglaubt, dah die von zwei der eingeladenen Mächte ergriffene Sni- tiative eine vollständige und sofortige Ausgabe des begonnenen Werkes rechtfertige. Frankreich habe sich unter diesen Umständen nicht von Eng­land, Stallen, Japan, 'Belgien, Polen, der Tschecho-Slowakei, Rumänien, Südslavien und Portugal getrennt. Wenn die französische Delegation in Genua ihren friedlichen Geilt und ihre entgegenkommende Absicht nicht durchführen tonne, bann werde fie es be­dauern, eine Mitarbeit an ein rrKon- ferenz nicht fortfehen zu können, für die sie wenigstens versucht habe, den Erfolg vori- zubereiten und sicherzustellen. Aber wie immer auch die Haltung Deutschlands und Rahlands sein möge, es sei nunmehr eine politische Sb tuotion geschaffen, die geeignet erscheine, das e u - ropä ifche Gleichgewicht zu kompro­mittieren und vielleicht um zu stür­zen, der man nicht mit Hilfe von wirtschafte lieben oder finanziellen einfachen Formeln, selbst nicht durch große internationale Verhandlungen begegnen könne. Weder Bantkonsortien noch auch noch so gelehrte Empsehlangen über die Wechsel­kurse und Transportfrage könnten auf einer dauer­haften Grundlage den Weltfrieden aufrechterhal­ten. Der Handel arbeite ohne Zweifel für die Annäherung der Menschen und bringe fie tat­sächlich einander näher. Aber es gebe, doch mo- ralifche Kräfte, gute oder schlechte, nützliche oder schädliche, die man klugerweise nicht vollkommen übersehen könne. Ministerpräsident Poincare glaubt, eine der treibenden Kräfte bet ei :i großen T<il der deutschen Bevölkerung sei die Unterhaltung und bte Fortentwicklung der Revanchehoffnung. Btt den Bolsche­wisten sei der leitende Gedanke, den Völkern ein neues Evangelium zu bringen. Ge­genüber einem derartige Zustand, dec durch das Abkommen von Rapallo grell beleuchtet ward?, könne man nur bei der Anwendung der mo­ralischen Kräfte ' bleiben. Frankreich werde in Genua unter der Bedingung blei­ben, dah keinerlei Konzessionen weder an Deutschland noch an Sowjetruhland gemacht werden. Frankreich werde sich an den Sn halt seines Memorandums' sehr genau halten. Was immer auch auf der Konferenz sich ereignet, wir werden ohne Verzug unter den Alliierten, die durch die deutsch-rufsll sch2 Konvention geschaffenen neuen Tatsachen zu Prüfen und daraus alle Konseuenzenq zu ziehen haben, sowohl was den Respekt des Friedens- Vertrages an betrifft, als auch, was die Zukunft Europas und big Erhaltung des Friedens an- belangt. Die Alitierten befinden sich gegenwärtig einem der größten Probleme gegenüber, das seit dem Wallenstillstand gestellt wurde. Hoffen wir, so schloh Pvincare, dah sie es im Einverständnis und mit Unterstützung der groben Gedanken, für die sie gekämpft haben, also für Recht. Freiheit und Zivilisation, lösen können. Frankreich, das die Gefahren von morgen klar ertönt, wird ber^ suchen, seine Alliierten davon zu überzeugen, dah die beste Art. die Gefahr zu bestehen, die ist. Vertrauen in Frankreich zu haben und niemals durch Schwäche und einen (Sin - schüchterungsversuch zu antworten. Was uns betrifft, sind wir auf alle Fälle entschlossen, das festzuhalten, was uns ein Vertrag gegeben bat, den unsere Helden mit ihrem Blute bezahlt haben Zum Schluh appellierte Poincarä an die Einigkeit der Franzosen.

(5ine Rede Iontiards.

Paris. 24. April. (WTB.) Der französische Botschafter beim Vatikan, Senator Zonnard, der gleichzeitig Vorsitzender des Generalrates des Departements Pas de Calais ist, hat heute in Arras die Tagung des Generalrats mit einer Rede eröffnet, in der er u. a. sagte, die Wahrheit sei, dah Frankreich abrüsten möchte, aber nicht könne. Wer Deutschland möge endlich guten Willen und bona fides bei den Abrüstungsmah- nahmen und bei der Zahlung der Reparationen zeigen, die es Frankreich schuldig fei. und in ganz Frankreich werde nun einen ungeheuren Seufzer der Erleichterung und Freu­den rufe vernehmen bei dem Gedanken, dah endlich nach so vielen Erschütterungen das Land entschlossen den Weg der Abrüstung beschreiten könne. Leider habe Deutschland, sowohl was die Reparationen, als was die Abrüstung anbelange, bis jetzt sich seinen feierlichsten Verpflichtungen entzogen.