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Montag, 24. April (922

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Kr. 95 Zweites Blatt

Das Dermessungswesen in Hessen.

Don Dermeffungsrat 5t Blaß in Darmstadt.

Es sind letzt hundert Jahre her, seitdem das Dermcssungövx'seri von den ©eobäten Eckhard» unb Schleiermacher in Hessen eingerichtet wurde. Das gleiche geschah fait um dieselbe Zeit durch die Geodäten und Astronomen Soldner und Bvh- nenbecger in Bayern und Württemberg. Man ging in den drei Ländern sogleich systematisch vor und schuf zuerst für jedes Land eine einheit­liche Triangulation. In den drei Staaten wur­den die Ergebnisse der Triangulation in recht­winklig spharrschen Koordinaten ausgedrückt, die auch nach ihren» Erfinder .Soldnersche Koordi­naten" genannt werden.

In Hessen wurde als Anfangspunkt dieser Koordinaten der Turmtnopf der Swdtkirche in Darm iaht angenommen und als Abiciisenaxe ber Meridian durch diesen Punkt gewählt. In diese nach den gleichen wisse ischa tlichen Grundsätzen geschaffenen Koordinate fysterne wurden die Der- Messungen der Gemarkungen unb Grundstücke ein- bezogen.

D)"hrcnd nun bei der Erstellung der wissen- schaftlichrn Oninblagcn dieser Landesvermessun­gen das gleiche Verjähren beobachtet wurde, ist inbezug auf die Vermessungen der Gemarkungen und der Grundstücke sowie bei der Darstellung der Ergebnisse für den praktischen Gebrauch, in den südlicheren Staaten wesentlich anders ver­fahren worden als in Hessen. In Bayern kam für die fraglichen Aufnahmen nur das graphische Verfahren mit dem Meßtisch, in Hessen dagegen die vorteilhaftere Zahlenmcthode mit dem Theo­doliten zur Anwendung. Der Dorzug des letzteren Derfahrens besteht hauptsächlich darin, daß jeder Grenzpunkt durch in der Ratuc erhobene Maß- zahlen festgelegt ist,, so daß man ihn bei etwaigem Verlust leicht und sicher wiederherstellen kann. Das trifft bei dem graphischen Derfahren nicht mit solcher Sicherheit zu.

In Bayern unb Württemberg ging man aber alsbald dazu über, die Ergebnisse der Meßtisch- blätter mittels Gravur auf Steine zu übertragen und so durch Lithographie Abdrucke von den Meßtischblättern oder Katasterplänen zu erhal­ten. Die bayerischen und würtlembergischen Ka­tasterpläne haben die Form eines Quadrats und können mit ihren Rändern aneinandergesügt wer­den, so daß man auf diese Weise sehr leicht zu einem, ein größeres Gebiet umfassenden Plan gelangt. Die gedruckten Katasterpläne können in Bayern und Württemberg von jedermann gegen ein geringes Entgelt von dem betreffenben Ver­messungsamt bezogen werden. Es ist daher be­greiflich, daß diese Pläne in Bayern und Würt­temberg bei allen Behörden unb Dolkskreisen eine solch vielseitige Dertvendung gefunden haben, daß dieses Kartenwerk mit Recht von der ganzen Fachwelt als mustergültig bezeichnet wird. In Hessen war man bis vor kurzem, zu diesem Verfahren noch nicht übergegangen so daß von der Allgemeinheit und in dec Oeffentlichkeit nicht entfernt ein solch ausgiebiger unb nuhbringen- ber Gebrauch von bem Katasterwerk gemacht werben konnte, wie bies in Bayern und Würt­temberg schon feil einem Iahrhundert der Fall »st. Auch haben diese Staaten die Fortschritte der Wissenschaft stets berücksichtigt, Triangulation unb Mcssungsmethvden verbessert. Auch haben sie die in Hessen schon sehr srühzeitia eingeführte und sehr zweckmäßige Zahlenmethooe übernom­men unb damit ihr Vermessungswesen auf eine Höhe gebracht, die ihre Einrichtungen nunmehr als Vorbild erscheinen läßt.

Auch Baden, für das früher das hessische Verfahren mustergültig war, hat sich schon seit einiger Zeit Bayern und Württemberg in dieser Hinsicht angeschlossen.

Dieses Vorgehen der süddeutschen Staaten konnte daher auf Hessen nicht ohne Einfluß blei­ben, unb nachdem sich auch bie hessische Regierung von der Rotwendigkeit der Reuordnung des Hess. Vermessungswesens restlos überzeugt hatte, hat man auf,er der Verstaut ichung des gesamten Ver­messungswesens erfreulicherweise auch eine Um= gestaltung im allgemeinen nach dem oben bär­gest eilten süddeutschen Muster ins Auge gefaxt.

Richt jeder deutsche Staat wird sich heute noch, so wie es früher der Fall war, für sein« Landesvermessung eine besondere wissenschaftliche Grundlage geftatten können. Ebenso wie Bayern sein Landesdreiecksnetz an das Hauptdreiecksneh der preußischen Landesaufnahme anschlieht, kann auch Hessen das tun, wodurch grobe Kosten ge­spart werden.

Wie diese Umgeftaltung vor sich gehen soll, wird des näheren in einer Ausstellung gezeigt werden, die anläßlich der im Jahre 1886 be­gonnenen und in diesem Jahre zu Ende gehenden Aufnahme der hessischen Höhenschichten­karte im Maßstab 1:25 000, in den Raumen des Landesvermcssungsamtes zu Darmstadt,

DieSakramentshex.

Roman von Marie K e r f ch e n st e i n e r.

2. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Was nach Sonnenuntergang drauß' im Heid- traut liegt, soll eins nit anrühren!" hüstelte em uraltes Weiblein und machte dreimal blitzschnell das Kreuzzeichen. Das war die Hungfer Ko° latb, die im Dorf das Gnadenbrot. öie be­saß ein bedeutendes Ansehen im Dorf weil he das siebente Buch Mosis besaß und mit Traumbellrn, Kartenschlagen unb allerlei .Sympathie" vor­trefflich Bescheid wußte.

Die Schlupfline ließ sie nicht toeit*r zu Wort kommen. Gänzlich unvermittelt fuhr ste herum unb hielt einer zaghaft bremschauenbLN Frau bie Faust unter die Rase.

Was rebst kein Sterdenswörtle nit, Kü­sterin?!" fuhr sie ste an.Dem Alter ist doch dabei gewest, wie ber Pfarr' das Madie hat auf* gelesen!"

Die Küsterin war eme von ben ganz Stillen, öie kümmerte sich wenig um das, was tm Dorf vor sich ging, tat friedlich ihre Arbeit, besorgte den Mann, dessen zweite Fraa sie war und der neben der Küsterei das Schalmei teramt versah. Lind weil der auch.lieber Pfeife rauchte, als er sprach, war diese Ehe die schweigsamste, dte sich aasbenfen ließ. Riemäls hätte btc Küsterin frei- willig an der Unterhaltung der Weiber teil- genommen und iwch viel weniger erzäh t, was ihr seit des Pfarrers Lod nicht aus dem Smn

Zeughausstrahe Rr. 1, vom 18. d. M. bis 6. M a i veranstaltet wird.

Dieses neue Kartenwerk nimmt in Hessen unter allen Karten entschieden die erste Stelle ein. Die geodätischen Grundlagen hierzu bilden das Landesdreiecksnetz und das auf Rormal Rull bezogene Hauptnivellement Hessen.

Die Karte enthält mit großer Deutlichkeit alle Verkehrswege bis zum tleinilen Pfad. Abe Quel­len, wichtige Gräben und Bäche, sämtliche Kultur­arten und alle historisch unb lanbschaftlich wich­tigen Plätze, Denkmäler, Aussichtsturme usw eine genaue Darstellung ber Dörfer unb Städte. Die Karte enthält weiter eine sehr umfassenbe unb genaue Darstellung ber Höhenlagen bes ganzen Gelänbes durch bie in ber Ratur aufgenommenen unb eingezeichneten Höhenschichtlm.en, so daß sich auf ber Karte ber Höhenunterschied unb der Qlb- stand zweier beliebiger Orte mit großer Genauig- feit leicht ermitteln läßt. Den Behörden, ben Geo­logen, bem Forstmann, Techniker, bem Historiker, Geographen unb Wanderer ist die Höhenschichten» (arte daher ein vorzügliches Hilfsmittel geworden. Die erwähnte Ausstellung wird die vielseitige Verwendung dieser Karte noch deutlicher zur Anschauung bringen.

llrbeitsoerbot der Hessischen Schulbehörde auf

Kosten der Steuerzahler.

Man schreibt uns:

UcbeitiH im Deutschen Reiche schallt uns der Rus aus Parlamenten und Volksversammlungen entgegen: Arbeitet, nur Arbeit kann uns retten! Um so verwunderlicher ist es, daß die hessische höchste Schulbehörde, die zu dem Ministerium des 65jährigen Staatspräsidenten Ul ich gehört, denjenigen Lehrern, die das gleiche Alter erreicht haben, aufgeben ließ, alsbald ihre Dienste ein- zustellen und ihre Beurlaubung zu beantragen, da ihre Pensionierung am 1. Juli erfolge. In unserer heutigen Zeit, in ber es mehr denn je aus die Arbeit aller ankommt, sollte die Regie­rung herzlich froh sein, wenn ihr die Arbeits­kräfte schasfensfähiger und vor allem schaffens­williger Leute zur Verfügung stachen, unb sie sollte eifrig bemüht fein, sich ben wertvollen Dienst dieser erfahrenen Leute möglichst lange zu erhalten. Dieses liegt im Interesse ber All­gemeinheit, schon ber finanziellen Folgen biefer unbegreiflichen Maßnahme wegen.

In unserer Zeit, in ber wir in der Schulden­last zu ersticken drohen, in ber wir nicht wissen, wie wir die Mittel aufbringen sollen, um ben ©ntenteforberungen auch nur einigermaßen zu genügen, glaubt die Regierung ungezählte Hun- derttausende nutzlos vergeuden zu können, nutzlos deshalb, weil sie arbeitswillige und arbeitsfähige Leute an Arbeiten hindert und sie auf Staats­kosten zwingt spazieren zu gehen. Dies alles nur deshalb, weil sie dem großen Andrang zum Leh­rerberuf nicht mit weitschauendem Blick bei Zeiten abhals.

Ein solches Verfahren muh den lebhaftesten Widerspruch der Steuerzahler Hervorrufen. Wir wollen mit unserem Gelbe doch sparsamer gewirt­schaftet haben. Fehler ber Regierung dürfen mit solchen Mitteln nicht zu beseitigen versucht Ser­ben. Um so erstaunlicher ist die Maßnahme, als wir in Hessen ein Zwangspensionierungsgeseh, wie es fid> der leistungsfähige preußische Staat geleistet hat, noch nicht haben unb sich in Preußen schon die größten Widersprüche gegen das Gesetz, das sich immer mehr als großer Mißgriff zeigt, geltend machen. Die Schäden, die dem Staate entstehen, sind eben höher als die angeblichen Vorteile. In Baden hat jetzt die Vertreterver­sammlung der badischen Lehrerschaft im Hinblick auf die schädlichen Wirkungen des Gesetzes ein­stimmig die Revision des Zwangspensionsgesetzes und die Wiedergutmachung des an den Zwangs­pensionären begangenen Unrechts gefordert.

In Hessen würde daS geplante Vorgehen nicht nur ein Mißgriff, sondern eine große Härte, Un­gerechtigkeit und Undankbarkeit gegen die Be­troffenen bedeuten. Diese haben in unserer ern­stesten Zeit auf Veranlassung der Regierung sich nicht pensionieren lassen unb trotz ber schwierigsten Verhältnisse ihren Dienst weiter versehen. In­folgedessen haben sie sich nicht um eine Woh­nungsgelegenheit umgesehen unb beziehen zum großen Teil noch Dienstwohnung. Anstatt ihnen in ihrem hohen Lebensalter mit ber schuldigen Rücksicht zu begegnen und ihnen in ber heutigen traurigen Zeit ihren Lebensabenb, in gebührender Einschätzung der geleisteten wertvollen besonderen Dienste, zu erleichtern, geht man unbegreiflicher­weise in solch schroffer Art vor, unb verschärft außerdem die Wohnungsnot unnötigerweise. Dem Vernehmen nach wollen bie Betroffenen petitio­nieren unb sich nicht beurlauben lassen. Da ber Staat von dem längeren Verweilen ber so Be­handelten nur Vortelle hat, muß von ben Volks- wollte. Hetzt aber, da der Schlupfline Glotz­augen gar so drohend vor ihr standen, unterlag sie ihrem Zwang.

Widerstrebend Hub sie an: .Roch nie bin ich euch so verschrvcken als am vorgestrigen Rach- mlttog. wo der Schlohwinkiec Sepp es uns ver- fändet hat: Den Pfarr' hat der Schlag getrof­fen! Denn das hat dem Küster schier den Der- stand verrückt. Hinknien, die Händ' auf heben, so hoch, und jämmerlich für den Pfarr' seine arme Seel' beten, war eins! Denn, hat er ge­meint, so viel wär' klar, daß der nit richtigen Tod's gestorben sei! Unb well er so mit Vor- würs gegen sich selbst gewettert hat, frag' ich ihn. warum er bat tät. Unb da hat er mir vertraut: Er fyätt es damals besser verhindern sollen hat er gemeint, daß der Pfarr' das Mädlr aus dem Heidgras nimmt! Denn es sei ihm gleich wie nix Rechtes vorgekvmmen. Der Pfarr' sei ober auf der Stell' als wie behext gewest. In ben Arm hab er es genommen unb ans Herz gedrückt, und das Augenwasser fei ihm geflossen, wie er zu bem Madie gerebt hab, so ichön, wie er es auf ber Kanzel zeitlebens nit fertig gebracht! Unb wie ber Küster ihn hat ver­mahnen wollen, ba is euch ber Pfarr' frei fuchtig geworden und hat ihm gesagt: er soll kein Esel nit sein!

"Wer aber der Esel is gewest, bas hat sich erwiesen!" höhnte die Schlupfline, während btc Weberin in neuem Schrecken die Weihmünze <w\ ib'em Rosenk.0-3 erfaßte bem es wurde i t himmelangst. Die Totengeister fürchtete fie mehr als alles sonst.

Vertretern erwartet werden, daß sie sich der Pslicht benutzt sind, dafür eiazustehen, daß btc angc- drohten Rlafmahmen nicht verwirllicht werden. Die Schulbehörde wendet übrigens Vorschriften an, die in so allgemeiner Anwendung nicht ge­meint sind und auch so gehandhabt wurden.

Aus dem Reiche.

Eine Rede des ReichStagsprasidenten Lobe.

München. 22. April. (Wolfs.) Reichstags- Präsident Lobe sprach gestern über das Thema:Genua und Die Lage derAr - beiterschast". Seine Ausführungen gin­gen nach einem Bericht derMünchener Reue­sten Rachr.chten" dahin, der deutsch-russische Vertrag habe die Grundsätze zur Anwendung gebracht, die allein im Stande seien, dem Elend ein Ende zu bereiten. Deutschland habe als wichtigstes Ziel den Wiederaufbau Rußlands und die Riederreihung der Stacheldrähte der Verkehrs- und Währungsh nderniise ins Auge zu fassen. Von A mer ka müsse der Anstoß kommen durch die Annullierung der englischen Schuld an Amerika unter der Bedingung, daß England die Schulden Frankreichs und Bel­giens annulliere, die mit entsprechenden Sum­men wiederum von der Reparation gegenüber Deutschland absehen müßten. Es sei das Ver­dienst RathenauS. durch das Sachlieferungs­abkommen die durch das Londoner Ultimatum aufgestellten Barzahlungen auf die Hälfte herabgesetzt zu haben.

Aus dem besetzten Gebiet.

Die Entrechtung deS Saargsbietes.

Saarbrücken. 22. April. (Wolff.) Im Hinblick auf die Tatsache, daß verschiedene Berufsorganisationen und die politischen Par­teien Protestkundgebungen gegen die Einrichtung eines LandeSratcs und eines Stu­dienausschusses beabsichtigen, läht die Re­gierungskommission der Presse eine Erklärung zugehen, in der aufs neue be­tont wird, dah die RegierungSkommisfion ein gedeihliches Zusammenarbeiten mit Der Be­völkerung erstrebt, dah aber die Grundsätze einer solchen Zusammenarbeit durch den Ver­trag von Versailles bestimmt seien. Die Ver­ordnung über die Einrichtung eines Landes­rates und eines Studienausschusses könnte nicht geändert werden, ohne die Bestimmungen des Friedensvertrages zu verletzen, und sie würde nicht geändert werden, was auch versucht wer­den sollte, um einen Druck auszuüben. Der Völkerbundsrat habe die Verordnung einstim­mig genehmigt und die Regierungskommission zu ihrem liberalen Begehen beglückwünscht. Die Regierungskommission erinnert an die Ausführungen des Berichterstatters über die Saargebietsangelegenheiten und die be­treffende Sitzung des Völkerbundsrates, in der festgelegt worden sei, dah es für die Regie- rungskvmmission unzulässig sei, 'entgegen dem Friedensvertrag ein saarländisches Parlament zu errichten, in dem die Regierungskommission verantwortlich ist. Besondere Verurteilung fin­det bei der Bevölkerung und in der Presse die Bestimmung der Verordnung, dah nur solche Personen in das Parlament wählbar sind, die im Saargebiet wohnen, oder aus dem Saar­gebiet stammen. Die Regierungskommission er­klärt hierzu, dah diese Bestimmung getroffen worden ist, um die Interessen zu wahren, die mit der Geburt und der Familienüberlieferung | verknüpft sind. Die Regierungskommissionwen- det sich zum Schluß an alle diejenigen, denen' unter Beachtung der Verhältnisse, die durch den Friedensvertrag geschaffen sind, die Ruhe; und das Wohlergehen des ganzen Landes am' Herzen liegt und fordert sie zur Mitarbeit auf.

Die Zensur.

Koblenz, 22. April. (Wolff.) Die Rheinland komm iss ton hat die in Mannheim erscheinendeNeue Badische Landeszeitung" vom 1. Mai ab für drei Monate, und' dasFreie Wort" vom 1. Mai für einen Monat aus dem besetzten Ge­biet ausgeschlossen. Die Rheinlandkommission hat ferner den Vertrieb des BuchesDas Opfer", von Max Martell (Cottasche Buch­handlung) tm besetzten Gebiet verboten.

Aus Stobt unb Land.

Gieß en, den 24. Avcll 1922

" Der Ankauf von Gvlb für baß Reick durch tu Reichsba.ik unb die Post er­folgt in ber Woche vom 24.30. b. Mts. an« verändert wie in dec Vorwoche za.11 Preise von 1200 Ml. für ein Zwan.igma f rück, 630 Ml. für ein Zehnmarkstück. F r Lie au. ländischen Goldmünzen werben eitspiechenbe Prri.e gezablt. Der Anll.uf von Rriu)-si.b.rmü.izen durch die Reichsbänt und Post findet unverändert zum 21sachen 'S.trage les Rennwertes statt.

Der Darlehnskassen schein 4 «1 2 Mark vom 1. März 1923 hat aas Zweck- mäßigieilsgr mben a ;bcie Farben erlxilten. Aaf ber Vorkurs i.e er d) i :t ter Textura k in leb« das rem Rot anb ber Schutzdruck bläulich-rosa; der Kontrollstempel im tin.cn Frio u.u> bu: Rüm­mer sind in brauner Farbe gedruckt Der biß zum BZch i t r inende Unterbruck cuS Linien- week ist u D2iän>- n g aub.au 1 g b l ben. Aas ber Rückseite i t ber au3 kleinen ar-crizifferi! zusammeng.s.tzte und bis zun Beschnitt rrichends Schutzdruck setzt bläustch-.osa aisgesührt. Der Unterdrück bleibt wie bistzer graubraun inb der Aufdruck rotbraun.

* Deutsche Schrift für Straß 2tt - bahnschilber. Der i s vor längerer Zeit hatte das Verkehrsamt ber Stadt Berlin den Versuch gemacht, deutsche Schriftzeichen für d e Anschriften an den S.raße bahnwagen ei zu üh en. Die er Versuch hat ein gutes Ergebnis ge­habt, so daß bie Straßenbnh wgen bei der Erneuerung der Schilder in Zukunft nur Schilder mit deutschen Schris z Ujen e ha tri werden Ebn- so wie die Schilder, so sollen auch die Fahr­scheine nur noch mit deutschen Au,drucken ver­sehen werben Hierzu schreibt uns der Bund für dcu sche Schrift zu B r i.i-St g itz: Da; Ver­kehrsamt ber Stabt B.rii.i hat sich bei feiner wichtigen Entschließe g offenbar leiten las rn von der wissenschaftlich fest e ?enben Tat ache der blei bessern Lesbarkeit ber deutschen Schrift und der überlegenen Erkennbarkeit ihrer Wo.tbilder na­mentlich auf weite e Entseniungen. Dieser Vor­zug kommt für den vorliegenden Fall, wo es auf sichere Erfassung bes Wortbildes am schnell fahrenden Wagen antommt, ganz b soick> rs zur Auswirkung. Unb auch die bi.dhache Wirkung kommt wahrlich nicht zu kurz; bie praktischen und schönheillichen Werte unserer deutschen Schrift vereinigen sich also in den neuen Schildern. Mögen andere St aßenbahnverwaltungen recht bald tob gen, mögen aber auch die städtischen Verwaltun­gen für Straßenschilder usw. den Ruhen ziehen.

*"* Stabile Z a h re s f a h r p l ä n e. Die neuen Fahrpläne der Reichsbahnverwal­tung werden auch in diesem Jahre nicht, wie es vor dem Kriege üblich war, zum 1. Mai, son­dern erst zum 1. Juni in Kraft treten und sotten, um die Reudrucke des Fahrplaumate- rials zum 1. Oktober nach Möglichkeit zu ver­mindern, alsstabile" ZahreSfahrpläne bis zum 1. Juni 1923 Gültigkeit haben, wie dies auf der letzten Internationalen Verkehrskon­ferenz in Bern beschlossen worden ist.

Landkreis Gießen.

/V Aus Oberbeffen, 21. April. DaS früher fv ausgedehnte Lohnfuhrwerk wird allmählich unrentabel. Der Grund ist neben ben Valutaverhältnissen besonders bas gewaltige Emporschnellen der Haferpreise Um die vielen Steuern aufzubringen, suchen viele pferdebesitzen- ben Landwirte in freier Zeit mit Lohnfuhrwerk Gelb zu verdienen. Diese Konkurrenz hält die Fuhrlohne niedrig, und so kommt es dahin, dah der Derufsfuhrmann den Zellverhältnissen mehr und mehr zum Opfer fällt

Kreis Alsfeld.

A Alsfeld, 22. April. Bezüglich des 7 00- i jährigen Stadtjubiläums haben Dür*- germeifierei, Gemeinderat, Geschichts- und Alter­tumsverein nunmehr endgültig die F e st 0 r d - n u n g zu einer einfach-schlichten Erinnerungs­feier Ende Iuni festgelegt. ES wird damit eine Gewerbe-Ausstellung und das 25. Stiftungstest 1 des Altertumsvereins verbunden. Es sind ferner vorgesehen Festzug durch die Stadt, Festakt vor bem altehrwürdigen Rathause und Beleuchtung des Marktplatzes. Der Festzug wird mit histori­schen Gruppen ausgestattet werden, die Vereine und Innungen wollen dabei mitwirken. Eine reich- ausgeslattete Festschrift und ein neuerFührer durch Alsfeld" werden erscheinen.

A Alsfeld, 22. April. Der diesjährige Verbandstag der Kriege rkamerad- schäftHassia" wird am 2. 3uli xum ersten Male feit bem Kriege wieder in Oberbeffen, und zwar in unserer Kreisstadt, abgehalten toerben. Es werden wichtige Verbandsangelegenhelten zur Be­ratung kommen. So stellt das Präsidium den Antrag, die Verbandstage nur alle zwei Iahre

Hetzt wißt Ihr's, Waldsackerin!" keuchte die Zungfer Kolath unb alle stimmten ihr bet

Aber bie Waldsackerin lachte ihr ms Ge­sicht.Ich laß mir nix von Euch weiß machen!" rief fie aus.Beweist mir, baß bas Pfarrmädel ein Schwarzell» is, dann dürft Ihr mich Hans- bampf heißen!"'

Unb weil man gerade an der Stelle an­gelangt war, wo der Weg zum Waldsacker ab­bog, machte fie nach kurzem Gruß kehrt unb ging davon.

Ein wenig verdutzt sahen bie Weiber der Zun­gen Frau nach, die ben Kopf höher trug, als ihnen lieb war, mit ber man es aber boch nicht verberben durfte, denn t>*r Waldsackerer war ber bestbegütertste Bauer im Dorf und ber ein­zige Wirt auf bem ganzen Umkreis. Rur bu Schlupfline konnte sich's nicht verkneifen, ihr ein höhnisches »Für dich Gott, Frau Hansdompfm!" nachzurufen.

Die alte Christine war den Dörflern von jeher abgeneigt gewesen. Zu Lebzellen ihres Herrn hatte es in den äußeren Umftänben ge­legen, baß sie sich nicht ganz von ihnen hatte zurückzieh-en können. Rach be3 Pfarrers Tob aber tai sie ihren Gefühlen keinen Zwang mehr an, sondern lebte mit Lene vollkommen ab­geschieden auf ber Pfarrdurg. bie ihr Erbe war. Tai : bie allnmmwwd.g ten B f rgungen konnten fie veranlassen, ins Dorf bi;.unter zu steigen. Unb auch bann war sie kurz angebunden and ließ sich auf Unterhaltungen mit ben Bauern nicht ein. Das Kind nahm sie auf diesen Gangen

niemals mit, das litt ihre eifersüchtige Liebe nicht. Sv kam es, daß die Dörfler dasPfarr- mäbel" selten zu sehen bekamen, denn auch vom Dorf aus kam man jetzt nur alle heilige Zeit ein­mal auf die Pfarrburg. Man hatte nichts mehr bori oben zu suchen. Unb gerade, well man keine Gelegenheit hotte, seine Vorstellung durch ben Augenschein zu korrigieren, verdich.ete sich der Ruf, ben die Schlupfline über Lene ver­breitete, immer mehr, ohne daß Christme auch nur eine Ahnung davon bekam.

Für Lene war das Dorf eine andre Well, jenseits dessen, was zu ihr gehörte. Von der Psarrburg aus wirkte es wie ein Puppentheater, von putzigen Männlein und Weiblein belebt und von Kuhlein, bie nicht grötjer waren wie die in bei Holzschochtek, bie bas Christkind einmal gebracht Gern hätte sie eine dieser lebendigen Puppen besessen, und fie begriff nicht, daß Christine nie eine mitbrochte. Doch baß sie selbst sich unter diese Puppen begeben könnte, dieser Gedanke kam ihr niemals in Den Sinn. Unb sie hatte auch kein Verlangen danach, btc Welt ber Pfarr- burg befriedigte sie ganz.

So abweisend Christine auch gegen bie Dörfler war, für Lene besaß sie bas weihste He^. Sie I setzte es sich in Den Kopf, durch bohlte Dille 1 an dem Äinb gut zu machen, was treulose Eltern 1 an ihm verschuldet hatten. Unb Lene wuchs 1 unter ihrer Obhut auf wie eine wllbe Blume, an ber bie Sonne ihr Bestes tut.

(Fortsetzung folgt)