Nr. 302 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Sitzung der Stadtverordneten.
Gieften, ben 21. Dezenter 1922.
(Schiufr.)
Eine fünfte Schulgeldrate tn Höhe einer Quartalszahl'ung wird für bi? höhere und Erweiterte Mädchenschule für bart Schuljahr 1922 glatt gutgcfteifren. Beigeordneter Sh Leib weist hierbei darauf hin, daft bie Gesamtausgaben der Stadt für Dildungszwecke Im 3a*bre 1922 sich auf 30 Millionen Mark belaufen.
Mehrere Bei tra g «leistu n g en werden glatt bewilligt. Es ftnb: a) an ben Deutschen ©töbtetag 6800 Ml. Rachtragsumlage; b) an den Heilstättenverein in Hessen Erhöhung deS Jahresbeitrags für 1922 von 20 Ml. auf 200 TRI; c) an ben Verein für Kommunalwirtschaft und Kommunalpolitik 400 Mk. Ergänzungsbeitrag für 1922; d) an ben Verband Hess Ver- fthrsvereine, Sitz Auerbach statt 50 Mk. 100 Mk.; <?) an die Vereinigung Deutscher Wohnungsämter statt 40 Mk. 80 Mk.; t) an die Vereinigung Hess. Wohnungsämter statt 50 Mk 75 Mk.; g) an den Deutschen Verein für werktätige Erziehung statt 20 Mk. 50 Mk., mit Ablauf dieses Rechnungsjahres aber au8 dem Verein auszutreten; h) an ben ReichSverband Deutscher Mleteitri- gungSämter für bie Zeit vom 1. Oktober 1922 bis 1. Oktober 1923 300 Mk.
Für die Herstellung einer
Telephv nanlage im Amtszimmer deS Stadt s chu l ra t S
trirb ein Kredit von 45 000 Mk. debattetos bewilligt.
Zur Beschaffung von
Werkzeug für den Werkunterricht in den Volksschulen wird ein Betrag von 180 000 Mark zur Verfügung gestellt. Stadtv. Maier regt hier die Schaffung einer Stelle an, die sämtliche Materialien beschasfungen der Stadt einheitlich und in großem Maftstabe besorgen soll, damit eine Deroilligung erzielt werde.
Daugesuche.
Die Befreiung von Bauvorschriften hnrb in folgenden Fällen gewährt: Errichtung eines Beamten wohn Hauses an der Wilhelm strafte durch den hessischen Staat; Reubau eines Physiologischen Instituts; Baugesuch des Otto Göbel für Sonnen- st raste 3. Versagt wirb die Genehmigung zur «Zinftiedigung des Dorgelänbes an der Rodh^imer Straste vor Dem Hause Schützenstrahe 2, weil die ßinfriebigung ben Bürgersteig etnenge unb aus Derkehrsgründen nicht ratsam fei.
Für die
Vergröberung deS städtischenPslanz- ga rten 8
auf dem Grundstück Flur 19 Ar. 8 an der Marburger Strabe wird ein Kredit von 70 000 Mk. bewilligt.
Erhöhung der WiegegebLHren.
Diese wird dem Vorschläge des Finanzausschusses entsprechend mit Wirkung vom 1. Januar ab auf 1 Mark für den Zentner, mindestens aber auf 8 Mark für jede Wiegung gut gebet freu.
Zur Verbesserung der Schallwirkung im Sitzungssaaleber S ladt verordn et en-
Dersam mlung
ist früher ein Kredit von 13 000 Mark bereitgestellt worden. Weitere Deichesserungen haben noch 14 400 Mack notwendig gemacht. Glatt bewilligt.
Sine
Reuregeluna der Strahenkvsten- Beiträge,
Me nur für die vtraben gelten soll, die nach dem Kriege neu gebaut wurden, findet Annahme. Der Differenzbetrag zwischen den früheren Grundsätzen, die man infolge.der Geldentwertung nicht mehr anwenden kann, und den neuen Sätzen soll fünftig als Sicherungshypothek eingetragen unb je nachdem rückzahlbar sein.
Kreditbewilligungen.
Für die Instandhaltung der Gebäude auf der Liebigshöhe sind bisher 350 000 Mark bewilligt worden. Jetzt sind nochmals 400 000 Mark nötig, so Last sich die Gesamtaufwendung auf 750 000 Mark beläuft. Aus Anfrage des Stadtv. Mann, ob in der Stadt umgehende Redereien über unnötige Ausgaben bei den Bauten begründet seien, weist Bürgermeister Krenzien im einzelnen nach, bafr fein Grund zu diesem Geschwätz gegeben ist. Auf Anfrage deS Stadtv. Roll nach der Höhe der Gesamtkosten unb ob entsprechende Verzinsung gegeben sei. bemerkt Bürgermeister Krenzien, der Erwerbspreis beziffere sich auf 400 000 Mark, hineingesteckt habe man riecht. dieser neuen Kreditfvvberung 750 000 Mk
lieber die Möglichkeiten zur Erzielung der Der- Hinsung wolle er sich in öffentlicher Sitzung nicht äufrem. Die Vorlage wird genehmigt. — Für die Beschaffung von Dienstlletdern bzw Stoffen der Siebener Feuerwehr wirb ein Kredit von 1000 auf 3000 Mark erhöht unb für Arbeitsblusen werden 75 000 Mark bercitqeftellt. — Für bie Beschaffung von Leder zur Qtnfertigung von Kanal stiefeln sind 120 000 Mark ausgegeben worden, die nachträglich genehmigt werben. — Für die Beschaffung von Ersatzteilen unb Gummi für bie Kraftwagen werben 100 000 Mark bewilligt.
Benennung von Straften.
Die Verbindungsstrafr-r zwischen der Wilhelm- unb der ßiebigftrafte, die letzte Querstraste nach Heyligenstaedt zu, soll „2lu f der Weifrerbe" beißen. Die Strafte entlang ber Siedlung der Baugenossenschaft 1894 unterhalb der Kaserne soll ,Am Kugelberg" benannt werben. Die von ber Kaiserallee zwischen dem Gebäude ber Maschinengewehriompagnie unb dem Schiefr- haus führende Verbindung soll „Schiefthaus- st r a st e" und die am Lupus heim entlang führende Verbindung ,G as s kh - S t ra fr e“ heiften.
Gewährung von zinslosen Pflichtdarlehen.
Für das Doamtenmiethaus des hessischen Staates in der Scndenbergfhxifrc werden 252 000 Mark, für die EinsamilienHäuser derBcmgenossen- schast 1894 werden 2 610 000 Mk. und für die Häuser in ber Gnauchstvaste 3 788 400 Mk. bewilligt.
Für die Kleinrentnerfürsorge wird die Bewilligung eines städtischen Zuschusses zu den vom Reich und Land zur Verfügung gestellten Mitteln in Höhe von 430 220 Mk. für Oie Zeit vom 1. Oktober 1922 bis 31. März 1923 beantragt. Der städtische Zuschuß beläuft sich, wie Beigeordneter Dr. Frey berichtet, auf ein Fünftel der Vorgenannten Reichs- unb Land- Summe — 86 044 OHarf. Wird genehmigt.
Schankwirtschafts-Erlaubnis- ge suche.
Die Erlaubnis zum Betrieoc einer Schankwirtschaft wird erteilt: dem Viktor Fritz für Lindengasse 2 (Frankfurter Hof), dem Friedrich Greil ich für Klinikstrafre 21, dem Karl Rö - finger für Tertors Terrasse, u.rd dem Theodor Lehrmund für den Verlauf von alkoholfreien Getränken im Wasserhäuschen am Rsuenwegertor. Zurückgestellt wirb das Gesrtch ber Foau Minna S o I b a n für Rcn stobt 78, well die Vorarbeiten noch nicht erledigt sind.
Aach ©rlcblgung der Tagesordnung ber öffentlichen Sitzung folgt die
Schluftrede des Oberbürgermeisters'.
Meine Damen und Herren i Die heutige Sitzung ist die letzte, zu der die gegenwärtige Stadtverordneten-Versammlung sich Derfanuneli bat. Die Wahl zur derzeitigen 5tai)foerori>neten= Versammlung erfolgte am 1. Juni 1919. In der Sitzung der Stadtverordneten am 14. Juni 1919 wurden die Mitglieder in ihr Amt eingeführt und von dem Vorsitzenden verpflichtet.
Von den Stadtverordneten starb vor Amtsantritt ‘Äxnfbireftor Heichelheim am 17. Juni 1919. An seine Stelle trat Vautechnikrr Grobe. Infolge Verlegung seines Wohnsitzes schied am 4. Ottober 1919 Stadtverordneter Weift aus der Stadtverordneten-Versammlung auS; seinen Platz nahm Installateur Gvfr ein. Dor Ablauf ber Wahlzeit schieben durch Amtsniederlegung bie Stadtverordneten Otter am 23. Februar 1922 und Dr. Sommer am 1. Oktober 1922 aus An Stelle des erflgcnarmten trat Verkäufer Günther und an Stelle des lefrtgenormten Rentner Schwan in die Stadtverordneten-Versammlung ein.
Während der abgelaufenen Wahlperiode erledigte bie Staotverordneten-Der-- fammlung in 70 Sitzungen 1634 Gegenstände. 15 Deputationen erledigten in 714 Sitzungen 4882 Gegenstände 19 Ausschüsse unb Kommissionen ertebigten in 667 Sitzungen 7235 Gegenstände.
Schon äufrerlich ergibt sich aus diesen Zahlen, mit wie grobem Fleth die Stadtverordneten-Der- sammlung an der Arbeit gewesen ist. Bedeut! man ferner, wie verwickelt und schwierig bei der Lage Deutschlands seit Kriegsende bas öffentliche Leben sich gestattet hat, erwägt man, welche Einschnürungen bie städtische Selbsttrerivaltung durch Reich und Staat teils begreiflicher- teils unbegreiflicherweise in den vergangenen Jahren erfahren hat, so wird vollends deutlich die gewaltige Arbeit, die von ber Stadtverordneten- Versammlung in der abgelaufenen Wahlperiode geleistet worden ist. Ich spreche den Stadtverordneten für diese fleiftige, opfervvlle unb verantwortungsvolle Tätigkeit namens der Stadt
Unter dem zreiheittbaum.
Roman von Clara Di« big. *) (Rachdruck verboten.)
1.
In« Gäbchen »Sieh um dich" läuten die grofren Glocken der Stadt Bon der Pelllnger Höh' unb dem Franzens knüppchen, von dem einst Franz von Sicfmgen die Stadt beschossen, vom Grünberg durch die traubenbeftängten Reihen der Rebstöcke herab, dröhnt Äanonteren. Die Trikolore weht. Wehe dem Bürger, aus dessen Fenster nicht Fahnemuch flaggt: blauweiftrot! Die Männer tragen die dreifarbene Kokarde am Hut, bie Frauen haben sie an die Haube gesteckt.
2luf dem Hauptpunkt, auf dem Domfreihof, vor dem Iustizgebäude tn der Dietrichsgasse ragt ein Freiheits bäum - junge, schlanke Eichen von Eifelhöhen. Die unteren Aeste sind ihnen abge- ftutzt, die oberen mit breifarbenen Bändern umwunden, ihren Wipfel krönt eine Jakobinermütze.
Durchs Gäbchen .Sieh um dich" windet sich ein langer Zug; durch die Glockenstrafre. über ben Warft, durch die Fleische zur Qlagelgaffc. Munizipalität unb Geistlick^eit, Professoren unb Studenten, Vorsteher aller Remter, Lehrer,Zünfte, Schulknaben und »mädchen, hervorragende Bürger und Stadtmusikanten, alle Beamte von Stabt unb UmfreiS ziehen hinter berittenen Chasseurs zum Dekadensaal. Trompeter blasen schnetternd, Tambours wirbeln dröhnend, Waisenkinder singen Sllenb. Soldaten zu Fuft, Soldaten zu Pferd;
mgfrauen, bekränzt unb in weiften Kleidern,
•) Die Buchausgabe ist kürzlich bei der Deutschen Verlagsanstatt in Stuttgart erschienen. D. Schctftttg.
schwenken Rosengirlanden zwischen sich, hohe Herren in schwarzseidenen Mänteln lassen drei lange Federn vom Hute wehen. Viel neugieriges Volk rund herum: Dauern im blauleinenen Kittel der Eifel, Mädchen, im festgeflochtenen, wasser- Sten Haarnest ben blanken Anschrldspfeil.
Gasser, von denen man nicht weift, woher und wohin. Dazwischen Männer mit Zieaen- bäiten, denen man'S ansieht, wie sie beißen: Hrrzchen Rosenblatt, Wohses Mohnsam, Mendel Löw, Afrvm May, Itzig Rick>el, Leib Süfrllnd. And über allem ein Himmel tiefblau und schwer.
Trier feierte am 1. Vendemiaire des Jahres V. (22. September 1796) des Fest ber Grün- bung ber französischen Republik: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!
Im Dekadensaal, dem einstigen Prvmotio.ns- faal der ilni&erfität, war eine Pyramide errichtet. Darauf stand eine weibliche Statue, das Symbol ö«r Republik, sie hielt in der hängenden Rechten das Bündel Stäbe mit dem herausragenden Bell, ihre, Linke hob euren Speer empor, an dem die Freiheitsmühe steckte. Huldigend verneigten sich ivie In Prozession an ihr Dorüberziehenden. Aber manch Srterer Auge blickte mit Schaudern. ®a stand zur Seite ber Republik noch so ein Weibsbild, mit Helm und Lanze, aber sonst nackt, unb das streckte gegen einen Priester, ber im t>mat zwischen kirchlichen Insignien und helligen Gefäßen am Sockel der Pyramide zu sehen war, die Zunge heraus, und bacchantische Kinder, splrnterfafemackig, trampelten auf dem Kurhat und auf 4 lern erzbischöflichen Kreuz mit bem Pallium herum O Clemens Wenzeslaus, Kurfürst von Trier, wenn du bas sähest I Doch gut, dah du nicht mehr hier bist, dachte manch Trierer Herz.
Man hatte ihm manches verpacht, bem ©lo
ben wärmsten Sani aus unb verbinde damit für jeden einzelnen Stadtverordneten die Anerken- nung, daft er nach bester Kraft und ticberyugung mit selbstloser Hingabe in gerechter Weise an dem Geschicke der Stadt Gieften mitgewirft hat. Diesen Dank bringe ich insbesondere denjenigen Stadtverordneten zum Ausdruck, die bei der kürzlichen Reu wähl der Stabtoerorbncten-Cßcrfammlung nicht mehr kandidiert haben, deren Tätigkeit als Stadtverordneter somit heute zum Abschluß kommt. Die Stadtverwaltung bedauert, auf die Mitwirkung dieser Stabtucrorbneten fernerhin verzichten zu müssen; sie bedauert namentlich bafr das bienstätteste Mitglied der Stadtterordneten-Der- sammlung, Herr Dr. Ebel, ber seit 1925 ununterbrochen der- Stadtverordneten-Versammlung an- gehört, ihr künftig seine Kraft nicht mehr widmen wirb. Als Sohn unserer Stadt unb bauernd in Gieften wohnhaft, hat Herr Dr. Ebel seine Vertrautheit mit den örtlichen Verhältnissen unb seine reiche Erfahrung volle 17 Jahre lang als Stabtverorbneter in den Dienst der Stadt Gieften gestellt. Die Stadtverwaltung schuldet ihm besonderen Dank dafür, bafr er sie während der Kriegszeit durch Ucbernabme ber Leitung ber städtischen Kriegsfürsorge unterstützt unb diese schwierige Aufgabe mit Wohlwollen unb ®e- rochtigkeit in ausgezeichneter Weise gelöst hat.
Meine Damen unb Herren I Wenn ich diese letzte Sitzung ber Stadtverordneten-Versammlung hiermit schürfte, so geschieht es mit bem Wunsche, bafr den aussch.'idenden Stadtverordneten mit dem Bewusstsein treuester Pflichterfüllung eine freundliche Erinnerung atz. ihre öffentliche Wirksamkeit ali5 Stadtverordnete sich verbinden möge, unb bafr die verbleibenden Stadtverordneten mit gleichem Eifer unb Erfolg, wie bisher, auch in ber kommenben Wahlperiode ihrem Amt sich hingeben mögen.
Stadtv. Prof. Dr. Ebel
dankt für die freundlichen Dankesworte. Denn er hier zum letztenmal spreche, so dürfe er wohl ein paar 7'Vorte von sich selbst sagen. Gr scheide nicht leichten Herzens aus diesem Saale, sondern hier lasse er ein Stück seines Lebens zurück. Seine besten Jahre habe er der Tätigkeit für die Stabt Gießen gewidmet. Sein Rücktritt sei nicht mrs Angst vor der groben Arbeit geschahen, die jetzt ein Stadtverord-reter zu leisten habe, sondern lediglich des halb, weil er eine weitere Tätigkeit als SlaötbcrDebnetet neben seinen umfangreichen Amtspflichten nicht mehr leisten könne. Der Wiberstreit der Pflichten sei es, der chn zum Verzicht auf eine Kandidatur gezwungen habe. Er danke allen Stadtverordneten für die vielen Freundlichkeiten, die er in dieser Zeit seines Wirkens von ihnen erfahren habe. Er habe sich immer bemüht, sachlich zu sein unb irach bestem Können unb Wissen zu arbeiten. Seine Sachlichkeit 'habe auch Anerkennung gesunden durch einen politischen Gegner, und diese Bestättgung sei fein groftter Stolz. Wenn er jetzt scheide, so habe er den Wunsch: die künftige Stadtverordneten- Versammlung möge immer opfer- und arbeits- fteudige Männer finden und verschont bleiben von solchen, deren Triebfeder nur Eitelkeit oder persönlicher Eigennutz sei. Möge eine reine Sachllch feit das Kennzeichen ihrer Beratungen sein und möge Einigkeit herrschen, die wir nn deutschen Vaterland so bringend nötig brauchen. Wenn wir einig sind, bann wirb es mit Deutschland unb damit auch für Gieften wieder in bie Höhe gehen. (Beifall.)
Schuft ber öffentlichen Sitzung.
Die Nolhilse Hessen im Landkreise Gießen.
Aus Einladung des. Kreisamts farrden in den beiden letzten Wochen in Gieften. Lich, Hungen und Grünberg stark besuchte Versammlungen ber Bürgermeistereien, Schulvorstände, Pfarrämter, sowie weiterer Dertrauenspersonen aus bem Kreise statt, in denen der Referent des Kreisamts die Grundgedanken der Rothilfsaktion unb bie für den Kreis geplante Organisation/ näher erläuterte. Hieran schlofr sich eine rege Aussprache über die zur Färberung der Hilfsaftion einzuschlagenden Wege.
Wie bereits früher betont, soll sich die Sammlung auf Geld unb auf Raturalien erstrecken. Die in einer Gemeinde gesammelten Mittel sollen in erster Linie zur Linderung ber örtlichen Rot verwandt und erst etwaige Lieberschüsse den Bedürftigen in an beten Dezimen zugeführt werden. Allgemein wurde betont, daft es eine Ehrenpflicht gerade derjenigen Gemeinden sei, die bireft unter der Rot weniger schwer leiden, troh- bem nach Kräften zu dem Hilfswerk beizusteuern,
mens Wenzeslaus. Wenn der nicht versippt gewesen wäre mit dem französischen Königshaus, nicht allzu gastlich ben emigrierten Adel und die verpönte Geistlichkeit Frankreichs im Kurfürstentum aufgenommen, es seinen Reffen, den Brüdern Ludwigs XVI., nicht erlaubt hätte, zu Koblenz einen Hofhalt einzurichten mit allem Trara, wer weift, ob bann das Land nicht verschont geblieben wäre vorn Mist! rauen und der Rache ber Republik Run muhte man leiden, selber ganz unschuldig, aber Clemens Wenzeslaus, der dicke Hasenfuft, der, war geflohen.
Unb doch es hatte sich lange Zett fröhlich gelebt unterm Kurhut; der Krummstab war ein mildes Zepter gewesen. Weift Gott, wenn der Clemens Wenzeslaus heute wiederkäme, man würde sich wiederum einspannen vor seinen Wagen anstatt der Pferde, wie im Hahr 93 des allen Kalenders zu Koblenz geschehen war, nach des Kurfürfften Rückkehr von feiner erftet Flucht. Unb zärtlich würde man rufen: „Kommen Eure kurfürstliche 'Durchlaucht doch wieder in den Schob Ihrer treuen, nach Höchstihnen sich so timigft sehnenden Untertanen zurück, schenken Höchst sie uns den Segen Höchstihrer Rähel" Das Volk hatte Vivat geschrien unb „noch fufzig Hoahr!"
Doch nun war das erst drei Hahr her und alles, alles schon so ganz anders! Man rmiftte nicht, ob man lieben oder hassen sollte, und wo unb wen. Wie war auch den Bürgern mttgespielt worden seitdem! Es war nicht einmal im Hahre 92, als die Kaiserlichen mit den Franzosen sich um Trier herumbalgten unb von ber Pelllnger Höh' aus di: Stabt beschossen würbe, ganz so schlimm gewesen. Freilich harte Zett auch da. DaS Herz hatte sich dem anständigen Menschen, der sein Vaterland liebte, umgedreht, wenn er'S erleben muhte, bafr Soldaten, die wie Plunder-
Samstag, 25. vezemver 1922
um damit ben bebrängten Volksgenossen tn an-- deren Gemeinden wirksam Hilfe bringen zu können Die Sammlung soll ohne jeden Unterschied des politischen, winschastlichen, religiösen oder konfessionellen Slandpunttes erfolgen, alle Volksgenossen, bie in ber Lage sind zu helfen, sollen helfen, unb allen, die tn Rot sind, soll, soweit möglich, geholfen werden.
Zu diesem Zwecke ist eine weitgehende Dezentralisation nötig. In allen Gemeinden sollen sich Hilfsausschüsse aus paritätischer Grundlage bilden, bie bie Sammlung und Verteilung der Gaben tn bie Hand nehmen. Um ein engeres Zusammenarbeiten ber einzelnen Ausschüsse und einen Ausgleich ber vorhandenen Mittel schon im kleineren Bezirk zu ermöglichen, würbe angeregt, bafr sich aus den einzelnen Ortsausschüssen je ein DezirkSauSschufr etwa für bie zu einem Amtsgericht gefrörenben Gemeinden bilden möge in bem gemeinsame Fragen besprochen unb Erfahrungen ausgetauscht werden können, und durch besser Ermittlung bereits ein Ausgleich der auskommenden Mittel erfolgen tonn. Die Bürgermeistereien Lich, Hungen, Grünberg unb Wie- feck (letztere für ben Bezirk bes Amtsgerichts Giefren-Land) bzw. bie dortigen Ortsausschüsse erklärten sich bereit, an die Spitze dieser DezLrks' auSschüsse zu treten.
Für den aanzen Krei« soll bann noch em gröberer HilssauSschufr gebildet werden, ber über wichtigere Fragen allgemeiner Datur zu hören ist.
Die Mitteldeutsche Creditbank in Gieften hat sich bereit erklärt, Geldbeträge bie auf das Konto .Roth11fe Hessen Landkreis Dieben" eingezahtt werden, anzunehmen und zu verwatten, ebenso sind die anderen im Kreise vorhandenen Bankinstitute gebeten worden, sich in ben Dienst ber guten Sache zu stellen.
Bei ber Wichtigkeit der Angelegenheit für unser ganzes Voll unb bem Interesse, das ihr von ben verschiedensten Seiten entgegengebracht wurde, ist zu hoffen, haft es den vereinten Anstrengungen aller Kreise unseres Volles gelingen möge, das äcknterstühungswerk so auszugestalten, wie eS gedacht ist, nämlich zu einem Hilfswerk der ganzen Volksgemeinschaft für die bedrängten Kreise ber Voltsgesamtheit.
Wegen etwaiger Gmzelhetten werden die örtlichen Ausschüsse gern weitere Auskunft geben.
Aus dem Amtsverkündignnasblatt.
* Das AmtSverkündtgungSblatt Rr. 126 vom 22. Dezember enthält: Wahlen zum Provinzialtag. — KreiStagswachlen. — Verordnung, betreffend Aufkauf von Butter unb Käse. — Bekanntmachung, betreffend die Versorgung mit Frischmilch.
KirchNche Nachrichten.
Evangellsche Gemeinden.
Gieften. Sonntag, 24. Dez. (4. Advent). Stadt- ktrche. 97,: Plarrass. Decker. 3'/.: Weihnachtsfeier d. Kinderk. d. MarkuSgern.: Pft. Decker. 47,: Weihnachtsfeier d. Kinderk. d. WatthäuSgem., Derb, m Christvesper: Pft. Mahr. IohanneSkirche. 9V,. Pfarrass. Delp. 27«: Weihnachtsfeier d. Kinderk. b. LukaSgem.: Pft. DechtvlSheimer. 37«: Weihnachtsfeier d. Kinderk. d. Ho Hann es gern.: Pft. AuSseld. 5: Christvesper (zugl. MUitärgotteSd.): Pft. AuS- felb. — 1. Weihnachtstag, 25. Dez. StadMrche. 97,: Pft. Mahr. Deichte u. Abendmahl f. Matthäus- u. Markusgem. 5: Pft. Decker. IohanneSkirche. 97.: Pft. Dechtolöheimer. 5: Pft. Ausfeld. — 2. Weih- nachtStag, 26. Dez. StadMrche. 97,: Pft. Decker 5: Pfarrass. Decker. IohanneSkirche. 97,: Pft.Ausfeld. Beichte u. Abendmahl f. Lukas- u. Iohannes- gem. 5: Pfarrass. Delp. — Sonntag, 24. Dez. Kirchberg. 10. Mainzlar. 6. Lollar. 8. — 1. Weihnachtstag, 25. Dez. Kirchberg. 10. 11: Hl. Abendm. f. Staufenberg. 47,. — 2. Weihnachtstag, 26. Dez. Kirchberg. 10. 4: Kindergottesdienst. — Wieseck. 24. Dez. 10, 11: Kinderk. — 25. Dez. 10 u. 57,. 26. Dez. 10, 57,: Weihnachtsfeier d. Kinderk.
Katholische Gemeinden.
Gieften. .Samstag nachm. 5 u. 8 Beicht. — Sonntag vorm. 6", Beicht, 7 Messe, 8 Komm., 9 Hochamt m. Pr., 11 Messe m. Pr, nachm. 57, Andacht, 5 u. 8 Deicht. — Montag, Weihnachtsf. 5 Deicht, 5 Ehrifl- mette, 6 Messe, 7 Messe, 8 Komm., 9 Hochamt m. Pr 11 Messe m. Pr., nachm. 5 u. 8 Beicht, 57, Vesper m. Segen. — Dienstag, St. Stephanus. 67, Deicht, 7 Messe, 8 Komm., 9 Hochamt m. Pr., 11 Messe m. Pr. — Grünberg. Sonntag 97, u. Dienstag 97,. — Sonntag, 24. Dez. Lich. '',8 u. 7,3. Hungen. 7,10 Uhr. Montag, 25. Dez. Lich. 5, 10 u. 7,3. Hungen 7 Uhr. früh. — Dienstag, 26. Dez. Laubach. 7. Hungen. 7,10 Lich. 7,3 Uhr.
mähe aussahen: die einen in Hüten, die anderen in Kosteten, diese in Pelzmützen, jene in Dauern- kappen, mancher im Lernen kittet und diele im Wollenkamisvl, wenige nur in regelrechter Uniform, die meisten ohne Strümpfe In durchlöcherten Schuhen, bafr die Sieger wurden. Sieger über die Truppen der Oesterreicher, Preu ft en und Stonbedfalber, die, wenig zuvor nur, schmuck wie zum Ball ausgezogen waren in bie Champagne zum Spaziergang nach Parts.
Wehe, welche Tage in Triers Mauern! Ot Rächten, in denen man nicht schlafen konnte, sah man wiederum diese schmucken Truppen aus rucken und bann, wiederkehrend, die Stadt durchflüchten wie irre Träume. Don Tausend waren Hunderte tot. -Unb abermals Hunderte tn wenigen Wochen, durch strömenden Regen ohn' Unterlaß, durch Hunger unb Kot zu wankenden Schatten geworden, die aufs Pflaster hinsanken, nicht mehr aufsteh«' wollten. Im „Äraftnen“ schiffte man die Flüchtenden ein; was an Schiffen und Kähnen zu haben war, wurde requiriert. Die Mosel hinab, das war die Losung. Wer noch laufen konnte, lief auf eigene Faust — nur fort, fort! Aber viele Krümmungen macht die Mosel, tn unendlichen Windungen umschlängelt der Flufr felssteile Berge von allen Seiten; wer weift, wie viele, um ab zukürzen, die Fluftstrafre verkiefren und sich auf unkenntlichen Höhenpfaden verstrickten ins Dickicht noch ungelichteter Wälder unb, todmüde babin» stolpernd, verloren gingen In entlegenen Köhlerhütten. Geforscht wurde nach keinem Der lorengegangenen, ein einziges Menschenleben war heute so gut wie gar nichts. Blut war tn der Mosel, unb Seuche und Hunger an beiden Ufern unb wenig Barmherzig kett.
(Fortsetzung folgt.)


