Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Äoeryefsen) Donnerstag, 25. November (922 " — " > ' 1 ..........................
«t. 276 Zweites Statt
Die „Vorgänge an der Oberrealschule in Gießen".
Don Prof. Weißgerber, Studienrat.
Unter oben flehen der Ueberfd>rift hat Herr Prof. 6 chic» n am Samstag — 1 Tag vor den Wahlen! — einen Artikel hier gebracht, der auch nach der Wahl noch einer Erwiderung bedarf, weil darin die Vorgänge falsch dargestellt sind, die Bürgerschaft aber, wie Herr Prof. Schian richtig bemerkt, erfahren muh, wie die Tatsachen wirklich gewesen frnb.
Zunächst: in wvchenlanger, juristisch geführter Untersuchung find die gegen Direktor Schnell erhobenen Beschuldigungen geprüft worden. Es ist falsch dah diese Untersuchung unter dem Zeichen .Maßnahmen zum Schuhe der Republik" gestan- oc,n habe: man hat die neuen Derordnunden nicht angewandt, weil die Verfehlungen vor Dem Erlaß derselben liegen. Andernfalls Ware das Urteil natürlich viel schärfer ausgefallen, und dann hätte Herr Prof Schien vielleicht ein subjektives Recht gehabt, von einer .ernsten Maßregelung' zu sprechen. — Die Versetzung des Direktors war keine Strafversetzung, sondern erfolgte üft Interesse des Dienstes: es war für ihn, wie allgemein bekannt ist, eine gleichwertige Anstalt in Rheinhessen in Aussicht genommen. Erst als die Franzosen ihn ablehnten, erfolgte die Der- ietzung an die Oberrealschule in Offenbach. Wenn der Direktor nun diese Stelle verschmähte und die Pensionierung vvrzog. so war das doch ein Akt seines eigenen freien Willens. Statt von einer Härte kann man viel eher von einer M ilde der Regierung sprechen, die nicht — wie es im alten Staat ui^weiselhaft geschehen wäre — die Alternative stellte: Antritt Der an gebotenen Stelle oder Dienstentlassung! Vielleicht hat auch die vorgesetzte Behörde Die pädagogischen Verdienste des Direktors nicht ganz s o hoch eingeschäht wie Herr Prof Schian. der doch auch in diesem Punkt nur die Ansichten einer getreuen Anhängerschaft wieüergibt. Auf alle Mlle ist die Bemerkung des Artikels, daß „ein in der besten Kraft stehender Beamter aus dem Dienst scheiden muh", in das Gebiet bet Stimmungsmache zu verweisen.
Welche Tatsachen haben nun weiter Veranlassung zur Versetzung beS Direktors an eine andere Anstalt gegeben? Von den im Artikel an» geführten Vorkommnissen sind nur zwei für die Entscheidung der Regierung von wesentlicher Bedeutung gewesen:
1. bet Direktor hat einen Schmähattikel gegen seinen direkten Vorgesetzten unter dem Ausdruck feiner innigen ^Freude daran im Lehrzimmer verlesen und damit die Achtung vor der Staatsautorität schwer geschädigt.
2. Er hat das Simplizissimus-Bild auf dem Gang geduldet, das in der Tat als eine beabsichtigte Verhöhnung des Reiches und der Regierung gewertet, werden mußte. Wenn jemand, der mit dem Herzen zur Republik steht, nicht so harmlos ist, die Auffassung des Herrn Pros. Schian zu teilen, daß der Zeichner „nur die furchtbare Ohnmacht Deutschlands" schildern wollte, so hat er dazu seine guten Gründe. Herr Prof. Schian findet sie in seiner eigenen Parteipresse, welche die deutsche Rot nicht ohne 'Verknüpfung mit einer Schuld der jetzigen Regierungsform und Regierung behandeln tarnt.
Außer diesen beiden sind aber noch einige weitere Verse hlungen als belastend angesehen worden, die aber in dem Artikel m i t feinem Wort berührt werden, so:
3. Der Direktor ist nicht eingeschritten gegen einen Lehrer, der entgegen einer ausdrücklichen Verfügung am Totengedenktag statt einer Verfoh- mmgsrebe eine Revancherebe hielt.
4. Der Direktor hat eine Verfügung betv. Verbot der „Deutschen Zugendgemeinschaft" in der Schule nicht bekanmtgegeben, sondern einfach in der Schublade liegen lassen.
5. Er hat in einer Lehrertonferenz, in der er vollständig als Parteimann auftrat, auch einen Lehrer schwer beleidigte, tztn von Kollegen unterzeichnetes Schriftstück entgegengenDuimen, das den Charakter eben dieses Lehrers, Der in der vorausgegangenen Untersuchung als Zeuge vernommen worden war. anzweifeln und den Verkehr mit ihm unmöglich machen sollte.
Ausgeschieden war bei Der Beurteilung des Falles ganz und gar die Fahnen- geschichte (Richtflaggen am Lage der Beisetzung Rathenaus), der berüchtigte Schüler- a u f s a h, das Tragen verbotener Abzeichen
Die Herweghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.
44. Fortsetzung. (Rachbruck verboten.)
Ich hoffe, mit diesen Widerlegungen glücklich gewesen zu sein und stelle Dir frei, jderzeit in unser gastlich geöffnetes Haus zurückzukehren, in dem alle Türen offen stehen, so daß ich gestern eine unbekannte Gesellschaft in Deinem Salon Vorland, die sich dort häuslich niedergelassen hatte, in der Meinung, sie seien in einem Cafs. Ich habe sie hinausbefördert, worüber fie sehr entrüstet waren.
Ich gebe mich der angenehmen Hoffnung hin, daß dieser Brief Dir meine aufrichtige Reue beweist, was sollte ich Dir sonst beweisen, und schließe, denn soeben erscheint die Köchin, deren Rarnen ich vergessen habe, um mir an Stelle der Hausfrau zu kündigen."
Arn selben Abend befand sich Grete wieder zu Hause.
Der letzte Sah des Briefes hatte ihr Blut in Wallung gebracht und sie eilte Heim, um zu erfahren, wer die Dreistigkeit gehabt hatte, in ihre Häuslichkeit einzudringen und eine neue Köchin zu suchen. Ernst faß ihr toieber an bem runden Tisch im Eßzimmer gegenüber, der aus einem benachbarten Delikateßgefchäft reichlich bestellt war, und tot, als sei nichts vvrgefallen.
Dann wünschte er ihr gute Rächt und zog sich in das 'Fremdenzimmer zurück, in dem er sich nun eingerichtet hatte.
Seitdem wußte Grete, daß es zwischen ihnen auS war.
Wenige Tage später lernte sie im Kurhaus einen Marineoffizier kennen, der Lutz ähnlich sah.
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Im Lauf der Jahre hatte sich Herweghs Praxis immer mehr ausgebaut. Er war Mode geworden, alles lief zu ihm, und seine Vorzimmer
durch Schüler und die Karikatur aui den | Reichspräsidenten, alles Dinge, die Herr Prof. Schian in größter Breite vorträgt. Der Aufsatz selbst «hat bei der Untersuchung überhaupt keine Rolle gespielt, sondern mir das Verhalten des Direltors, der leineswegs für eine strenge Bestrafung des Schülers Sorge trug, sondern die Sclftebung des Falles aufs rein pädagogische Gebiet billigte. Die „strenge Bestrafung" mit zwei Stunden Arrest wurde Dann ja auch vom Dildungsamt wesentlich verschärft. Es ist betrübend, daß sich in den gebildeten Kreisen der Stadt wirklich Leute genug gefunden haben, die das Gerede, die Versetzung des Direktoi-s sei hauptsächlich infolge des Sckmleraufsahes erfolgt, gläubig hrngenommen haben. — Auch einige weitere Bemängelungen wurden fallen gelassen, da man sie als Imponderabilien wertete. - M i t b e st i m- mend für die Entscheidung der Behörde war aber das Vorgehen des Direktors gegen einen Zeugen. Der Direktor hatte sich schon aus diesem Grunde ander Anstalt unmöglich gemacht. Rach alledem aber darf man wohl fragen; Wie wäre eine vorgesetzte Behörde im alten Staat mit einem Derartig belasteten Verwaltungsbeamten verfahren? Und zudem: das Edikt von 1920, das einen hessischen Beamten jederzeit zu entlassen ober in den Buhesland zu versehen gestattet, ist formell noch nicht aufgehoben.
Der Versuch den Direktor zum Märtyrer zu stempeln, ist wirklich ein Versuch am untauglichen Objett.
Aus Raummangel muß ich mir die Richtigstellung einiger weiterer Einzelheiten, die entweder falsch ober schief dargestellt sind — auch durch mehrmalige Wiederholung wirb Falsches nicht richtig —, versagen. Rur zwei Punkte seien noch berichtigt. Das Tragen von Abzeichen wurde nicht von bem Lehrer entdeckt, den Herr Prof. Schian im Auge hat, sondern von einem anderen Herrn, der auch bem Direktor Anzeige machte; und weiter ist von der erwähnten Karikatur von dem betr. Lehrer bem Klassenführer Mitteilung gemacht worden, der auch für die Beseitigung sorgte.
Soviel zum Tatsächlichen. Ganz entschieden aber zu verurteilen ist die Methode, die Herr Prof. Schian anwendet, um den verhaßten Lehrer in der Öffentlichkeit bloßzusteilen. Immer ist es ein einzelner- Kollege, der die Beobachtung gemacht hat, und „bann erfolgte die Anzeige in Darinstadt". Mit anderen Worten: Der Mann ha! jahrelang im Geheimen Beobachtungen gemacht und dann oben denunziert! Auch dies entspricht nicht der Wahrheit. Die Untersuchung wurde cmgeleitet 1. auf Grund der Vorkommnisse bet Der Rathenaufeier, die in öffentlicher Versammlung besprochen worden waren: 2. infolge einer Rotiz in einem Darmstädter Blatt über das Simplizissimus-Bild: 3. auf eine Eingabe D:ö hiesigen Gewertschaftskartells. Mu diesen Dingen hat bei so liebevoll Denunzierte nicht das geringste .zu tun gehabt. er Hot nur während Der Untersuchung pflichtgemäß wie andere auch, und zwar als letzter, seine Aussage gemacht. Ich stelle ausdrücklich fest: Dor Begin n Der Untersuchung hat keiner Der auf republitanischem Boden stehenden Lehrer einen Einzelfall bei einer maßgebenden Stelle zur Airzeige gebracht, wenn auch so manches Vorkommnis ihre Gefühle schwer verletzen mußten. QHs bann der Stein urs Rollen tarn — der Direktor hat ihn selbst bei der Rathenaugedenkfeier ins Rollen gebracht —, haben sie natürlich über alles ausgesagt, was äut Chavatterisierung des Geistes der Schulleitung dienen konnte. Hätten sic aus Gründen der viel- berufenen Kollegialität geschwiegen, so hätten sic die Pflicht als republikanische Staatsbürger verletzt, die sie auch innerlich als eine zwingende Gc wissenspslicht embfinben.
Zum Schluß aber eine Frage: Wie konnte es geschehen, daß Herr Pros. Schian in seinem Artikel genau dieselben Dinge vorträgst die als bösartiger Klatsch in Der Stadt verbreitet werden? Wo es um Die Ehre eines Menschen geht, hätte er sich doch um exakte Erkundung der Wahrheit bemühen müssen. Wäre das geschehen, Dann hätte er wohl erfahren, daß am 10. Rovember eine Lehrerkonferenz stattgesunden hat, in Der zw ei Vertreter des Bildungsamtes, Ministerialdirektor Urstadt und Oberschulrat Dorfeld, an der Hand der Akten Ursache, Verlaus und Ergebnis Der Untersuchung darlegten unDinberin ausgiebiger Aussprache die Wahrheit sest- gelegt wurde, besonders auch in bezug aus den angefeinDcten Lehrer
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glichen den Wartesälen wichtiger Eisenbahnknoten- puntte, sie waren überfüllt. Seit man des unsteten Anwalts nur noch selten habhaft werden konnte, suchte man Den Bureauvvrsteher, Herrn Gimpel, wenigstens feftzuhalten, aber in diesem •Bureau schien niemand mcljr Zeit zu haben.
In Eppenhausen wurde eben die neue Bahn gebaut, und die Arbeiterkvlonie, bereit hübsche stattliche Häuschen man ganz nach den Mustern der Stuttgarter Bauausstellung eingerichtet hatte, war eben fertig geworden, jeder Arbeiter sollte seine Wohnstuk«, sein Bad. sein Gärtchen haben, das er bepflanzte, statt abends ins Kino zu Igufen.
Die Eppenhausener zogen in ihre neuen Häuser ein und verlangten Lohnerhöhung.
Die Direktoren, Der ewigen Streiks müde, schlugen vor, Polen ober Italiener kommen zu lassen, aber Herweg h widersetzte sich.
„Sie arbeiten zuviel mit dem Gefühl, Herr Doktor, sagte ihm der erste Meister, „wenn die Fabrik zugrunde geht, können Sie keinem mehr helfen."
Herwegh schlug vor. die Arbeiter mit einem Gewinnanteil zu interessieren, dann sahen sie vielleicht eher ein, wie hoch sie mit ihren Forderungen gehen konnten, aber Da stieß er wieder auf heftigen Widerstand des Aufsichtsrats.
Seine Stellung war durch diese Kämpfe erschüttert. ,($r fühlte es. Die Arbeiter waren enttäuscht, daß er sich nicht durchzusetzen wußte, die Aktionäre mißtrauten ihm. Gr war ein Jurist, die verstanden alles besser, und vom Geschäft hatten sie keinen blauen Dunst.
„Mußt du denn ausgerechnet Den Eppen- hausenern den Kram machen?" sagte sein Schwiegervater: er fand es an der Zeit, daß Emst das Kapitol dort herauszog.
Aber das hätte sich der als Fahnenflucht an- gerechnet. Gerade jetzt mußte man am 'Ruder bleiben. Täglich flogen ihm Briefe ins Haus von empörten und beunruhigten Aktionären, sic wollten sich nicht mehr von Frühjahr za Frühjahr
Dabei wurde auch mitgeteilt, daß Die Versetzung des Direkt ors auf einstimmigen Beschluß Der Schulabteilung erfolgt ist.
Meine Ausführungen gründen sich auf diese amtlichen Feststellungen.
Anmerkung der Redaktion: Die „Tatsache n", die Herr Prof. Weihgerber hier als wesentlich bedeutend für den Beschluß der Schulabteilung anführt, können uns keineswegs zu der Schlußfolgerung bewegen, daß die Entfernung des Direktors Ecknell oon seinem Posten angebracht oder notwendig gewesen wäre. Es bleibt der Eindruck zurück, dah Kleinlichkeit und Gesinnungsriecherei hierin der Tat ein übles Stück Arbeit verrichtet haben. Bezüglich des Simplizissimus-Bildes muh man die Meinung des Herrn Prof. Schian doch wohl gelten lassen, daß eine Verhöhnung der Republik dahei nicht in Frage kam. Von den übrigen „Fällen", die Prof. Weißgerber nennt, kann man sich, solange Einze.h i.en darüber fehlen, kein rechtes Bild machen. Am ernstesten erschiene vielleicht die erwähnte Verlesung eines Schmähartikels „gegen den direkten Vorgesetzten" — aber es wäre möglich, daß hier, wie beim SimplizissimuS--Bild, nur verschiedene Auffassungen vorliegen und der Hergang objektiver geprüft werden mühte. Es ist der Oeffentlichkrit auch nicht mit dem kargen Hinweis gedient, daß „das Vorgehen dc§ Direktors gegen einen Zeugen" mit- bestimmend gewesen sei und „der Direktor sich schon aus diesem Grunde an der Anstalt unmöglich gemacht" habe. Das klingt sehr hart und weckt nützliche Empfindungen. Vielleicht erfahren wir über die „Fälle" doch noch einiges!
Die Darmstädter Gewalttätigkeiten vor Gericht.
rm. Darmstadt 22. Rov. Die Demonstrationen nach dem Rathenaumord am 27. Juni in Darmstadt haben zur Anttage und teilweisen Verhaftung von etwa 65 Personen geführt, die jetzt in verschiedenen Gruppen, teilweise vor der Strafkammer am 22., 25., 27. und 29. Ro- t>ember, teils vor Dem Schwurgencht am 5. und 15. Dezember zur Aburteilung lomme-i. Den Anfang macht die erste Gruppe von 17 Angeklagten, die heute Mittwoch, vor der Strafkammer unter Vorsitz des LanDgeiichtsdirettors Stein, sich wegen Landfrtobensdruches, Zusammenrottung, 5chrpei.Verletzung, Sachbeschadiguag und Beleidigung zu verantworten haben.
Die Angeklagten sind. Der 20 Jahre alte Schlosser Karl Eberhardt, ledig, unbestraft, aus Weiterstadt, Schmied Christian Schmidt, 19 Zähre alt, vorbestraft, aus Eberfiadt, Der 25 Jahre alte, unbestrafte Schuhmacher Georg Hei- s e l aus Ober-Ramstadt, Der 26jährige, vorbestrafte Mechaniker Heinrich Schaaf aus DarmstaDt, die i; Zähre alte Arbeiterin Frieda Sämann, unbestraft, aus Darmstadt. Der 17 Jahre alle, unbestrafte Dachdecker Karl Kroll aus Darmstadt, Der im April 14 Jahre alt gewesene Formerlehrling Ludwig Schneider aus Cberstadt, Der unbestrafte Hilfsarbeiter Georg Stoller, 17 Jahre alt, aus Gr.-Zimmern, Der 16 Jahre alte Schrei- ncrlehrling Georg BinstaDt aus Darmstadt, Theodor Bauer, 18 Jahre alt, Fabrikarbeiter aus Riederbeerbach, Wllh. Fuchs. Dachdecker, iS Jahre alt, vorbestraft, aus Darmstadt, Richard M u n d 14 Jahre alt. Mechanikerlehrling, ass Frankftu t a. M., Wilhelm Schwarz, 19 Jahre alt, Hilfsarbeiter aus Darmstadt, Christian Schwarz Witwe geb. Hermann, 18 Jahre alt. Dannßadl, Hob. Degenhardt, Arbeiter, IS Jahre alt. aus Eberstadt, vorbestraft. Franz K o ck Schlosferlehrling, 16 3af)ve alt, aus dem Elsaß und Franz Schmitt 17 Jahre alt, Schlosse'. aus Annweiler, wohnhaft in Darmstad, Die drei zuletztgcnannten sind beschuldigt, Möbel und Hausgerät des Zustizrates Dr. Osann, des Privatiers v. Helmolt Der Druckerei , des „Sägl. Anzeigers" und Der Firma Thiele und B ö t i n g e r beschädigt zu haben. Sie sind gemeinsam anaeklagt, nach Dem Demonstrations- zuge am 27. Juni, in toclcbem SchilDer mit ber vertrösten lassen, da steckte man ja besser sein Geld in den Strumpf.
Run brauchte man wieder Geld zu Den Arbeiterhäuschen. und Herwegh sollte es schassen. So war er schließlich darauf getommen, das Geld der ewig verreisten Witwen ohne Adressen, das aus seinem (Bureau lagerte, In Eppenhausener Aktien — es wurden jetzt junge herausgegeben — anzulegen. Die mußten ja steigen, sobald die Papiere einmal an der Börse eingeführt waren. Es wurde Den Damen mitgeteilt, und es traf nie eine Antwort darüber ein, sie hatten scheint's nichts dagegen.
Aber das wußte vr j--tzt, obwohl er nicht mehr rechnete und nicht mehr über seine Zukunft nachdachte, wenn die Ziegelei Bankrott machte, dann san? er nicht alleine, sondern viele, viele andere mit ihm. Lind deshalb arbeitete er, um sie hochzuhalten mit allen Kräften.
Selbst in feine Musik schlichen sich diese Gedanken ein. Während er schottische Rhapsodien spielte, suchte er bornierten Witwen den Unterschied zwischen einer Aktie und einer Obligation begreiflich zu machen, bei Den Dachschen Allemande» sprach er zu Den Eppenhausenern, um ihre Dickschädel mit Der Ueberzeugung zu durchdringen. Laß ihre Forderungen die Preise der Ziegel sinnlos in die Höhe schraubten, und mitten in einem Rondo von Dvorak, zu Dem ihn Herr Stolzenberg auf dem Cello begleitete, konnte er aufspringen und ans Telephon eiten. „Entschuldigen Sie, lieber Stolzenberg, einen Augenblick, ich muh .Herrn Gimpel erinnern, daß er mit Goldenberg zur Versteigerung fährt."
Sein guter Freund Stolzenberg senkte Dann Den Vogen wie einen Degen und wartete geduldig. Der arme Kerl, dachte er, und sah sich in seinem kostbar eingerichteten Musikzimmer um, was hat er nun von seinem Leben!
Es war kürzlich vorgeiommen, daß eine Witwe sich am Zinstag pünktlich einfand, aber niemand da war, um ihr dieses Geld auszu
Ausschrift „Aus zum Gichberg-KommanDanten", „RicDer mit Osann und Dingeldey", „Rieder mit Der Reaktion, die Henker-Kommission", rote Galgen, ein rot angestrichenes 'Beil und andere ausreizende Sinnbilder getragen wurden, zunächst in die Wohnräume des Privatiers v. Helmolt und Dann in die Räume des Qlbg. Dr. Osann mit Gewalt eingebrungen zu sein und dort ebenso, wie in den Druckereien des „Tägl. Anzeigers" und Der „Hess. Landeszeitung" alles nach Möglichkeit zerstört und viele Gegenstände geplündert zu haben. In Der Stadt wurden viele Hoslieferanten- schilder unter Anwendung von Gewalt beseitigt. Abg. Dingeldey wurde unter Todesdrohungen zwei Stunden lang durch die Straßen oer Stadt geschleppt und in letzter Minute durch die Polizei aus der Gefahr, durch die wilde Meute aufgehängt zu werden, am Marktplav gerettet. Bei dem Falle Osann sind b sonders . ie Angeklagten Eberhardt Schmidt, Heisel und Scr-aaf beteiligt, die die Tur mit Gewalt gesprengt und das ganze Möbel demoliert haben Die Frieda Sämann hat sich trotz ihres jugendlichen Alters ganz hervorragend durch aufreizen.de Reden beteUigt; sie Dar in Der vordersten Reihe, zerschlug das Porzellan, zerschnitt die 'Betten und Polster möbel', so das', der Inhalt in der- Wohnung und auf der Straße umher flog. Auch in den Zeitungen hat fip sich hervorragend beteUigt. Dauernd hat sie noch gdheht, als die Polizei ernschritt. und hat zum Widerstand aufgefordert. Die übrigen Angeklagten haben sich in ähnlicher Weile bei Der Demolierung hervorgetan, die Witwe Schwarz hat eine zusammengeschlagene silberne Schale als der Wc./nuug Osanns an sich gebracht und sirr etwa 3000 Mk. verkauft. Degenhardt hat sich auch bet bei- Verwüstung in den Wohnungen Helmolts und Dingeldeys beteiligt.
Zu der ersten Verhandlung sind außer Der Familie Osann noch etwa 20 Zeugen geloben.
Als achtzehnter Der Angeklagten wird außerdem gegen den 23 Jahre alten Schlosser Philipp au bah aus Darmstadt verhandelt, der sich ebenfalls bei den Vorgängen bei der Demonstration und Den Plünderungen zu Gewalttättg- foiten, Sachbeschädigungen usw. hat hinreihen lassen. Er hat insbesondere in Der Fabrik (Bchn- bedarf), in Der er beschäftigt war, ein großes Beil unfertigen lassen unD rot angestrichen, das er im Demonstrativnszuge trug und mit dem er Türen und Fensterscheiben einschlug und Per- scnen verletzte.
Die Verhandlungen hatten zahlreiche Reugierige herbeigeführt, Die aber meist nicht ihre Rechnung fanden, da nur etwa 60 Karten für die vorhandenen Sitzplätze abgegeben wurden. Das Zustizgebäude ist befonbers in den 3imenräumen scharf bewacht, doch lag bisher zum Einschreiten De Sicherheitsorgane keinerlei Der anlas. ung vor.
Die Antia gebäntc find mit den meist jugendlichen Angeklagten dicht besetzt. Die Angeklagten werden von den Rechtsanwälte.! Garnier und S t ä d e l vertreten. Die 'Vernehmung der Angeklagten, die sich im Lause des Vormittags in verhältnismäßiger Kürze vollzieht, ergibt wenig Interessantes. Die meisten geben ihre Beteiligung an der Demonstratton unumwunden tu, wollen aber angeblich durch andere verführt oder durch die Menge in die Häuser mitgedrängt worden sehr. Charakteristisch iß die kaum 17 Jahre alte Frieda Sämann, die ziemlich ungeniert ihre Beteiligung und Aufreizung, die Beschädigung der Betten, Dillter usw. zugibt, aber für die Ursache zu ihren Taten keine Antwort weih. Einzelne der Angeklagten suchen ihre früheren Geständnisse abzuschwächen Lächeln erregt das Auftreten des kommunistischen Stadtverorb- neten Schreiners BinstaDt. Der zur Entschuldigung seines mitangeklagten 16 Jahre allen Sohnes anführt, daß das Geständnis seines Sohnes über seine Beteiligung ihm von den Kriminalbeamten abgepreßt worden sei, da ihm der Vorsitzende erwidert, Daß Der Angeklo gte V. ja heute selbst Die ihm vorgehaltene Veschuldigung zugegeben habe. Bewegung herrscht im Saale, als ter geschädigte Abg. R.-A. Dr. O s an n, als Zeuge vernommen, eine Drastische Schilderung des Vorganges und Der in feinem Hause Durch die ungezügelte Masse vorgenommenen Verheerungen gibt,- die nach Angaben Don Augenzeugen mit Worten gar nicht zu schttdern sind. Dir Beweisaufnahme ist gegen 7 illjr beendet, worauf Die Plädoyers begannen. Rach 8 Ahr wurde Die Ve'. handlrnig auf Donnerstag vertagt.
händigen, Herwegh plädierte gerade auswärts und Herr Gimpel war verreist, sie wurde gebeten wiederzukommen Als sie wiederkam, fehlte Das betreffende Aktenstück, in Dem fie Eintragungen gemacht haben wollte, unD man begann in fieberhafter 5)afi alle Schränke zu durchstöbern, ohne es zu finden. Am nä^ften Morgen fand eine Scheuerfrau beim Aufräumen hinter dem Klavier den All der Witwe Schnabel in den Schumann- schon Myrtenliederkreis eingeklemmt.
Bald darauf verschwand toieber ein Hypothekenakt. Diesmal suchte man gleich die Roten- stöße durch, aber ohne Erfolg. Herwegh setzte fünf Mark Belohnung aus, das ganze Bureau wurde ausgeräumt und, siehe da, der Akt fand sich unter Den Kleinbauberech aungen Der Eppen- hausener Ziegelei. Als bald daraus wieder ein Attenstück verschwand, hieß es: einen Taler, wer den All Meyer- gegen Gollenberg wiederfindet, und eine allgemeine Razzia begann. Es war eine Art Gesellschaftsspiel geworden m dem Bureau, an dem sich besonders die jüngeren Schreiber mit Eifer beteiligten.
Wäre Herwegh ein Menschenkenner gewesen, so hätte er gemerkt, dah man ihm auf.bem Gericht nicht mehr mit derselben Achtung begegnete wie früher. Die Kollegen waren sich darüber einig, mit Herwegh bereitete sich etwas vor.
Ehrlich grüßte ihn kaum noch, die anderen vermieden sichtlich ein Zusammensein am dritten Ort mit ihm. Eine besonders kühle Atmosphäre wehte ihm aus den Richterkreisen entgegen, die Staatsanwaltschaft begann Herwegh „zu schneiden".
Aber dieser schien viel zu beschäftigt, um das zu empfinden. Alles, was mit seiner Zukunft zusammenhing, war für ihn wie mit einem liebel
Durch die sich türmende Arbeit, Plädoyers, Aufsichtsratsitzungen und Sorgen um fremde An-


