Ausgabe 
23.1.1922
 
Einzelbild herunterladen

m. (9

Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

Montag, 25. Zanuar 1922

Deutscher Reichstag.

156. Sitzung, nachmittags 1 Uhr.

Berlin, 21. Januar 1922.

Der Entwurf über den Kassenbestand dec Leichsbank geht debattelos an den Haushalts- ausschuß.

Zum 4. Aachtragsetat, der 41/» Milliarden fordert, davon eine halbe Milliarde für die Ge° haltLer)öhungen für die Beamten, gibt Mini­sterialdirektor v.Schlieben namens der Re­gierung die Erklärung ab, baß die unveränderte Annahme des Nachtrags erforderlich wäre, um die sofortige Auszahlung der Gehaltserhöhungen vornehmen zu können. Jede Abänderung mache erst langwierige Derhandlungen mit den Ländern erforderlich. Rach der Annahme des Rachtrages sei die Regierung aber zu einer Aussprache über die weiter gehenden Wünsche der Beamten bereit. Aach kurzer Debatte wurde der Rachtrag sodann auch in zweiter Lesung genehmigt unter Ab­lehnung der dazu gestellten Abänderungsanträge, ebenso in dritter Lesung.

Präsident L ö b e teilt mit, da st soeben die Rachricht vom Ableben des Papstes eingegangen ist, und gedenkt seiner Verdienste im Dienste der Aächstenliebe und Linderung der seelischen Rot. Er wollte einen- Frieden im Sinne der Mäßigung, und als der Gewaltfrieden doch abgeschlossen wor­den war, hat er, ohne nach konfessionellen Gegen­sätzen zu fragen, sich im Sinne der Völkerversöh- ming betätigt. Das deutsche Volk nimmt tiefen und schmerzlichen Anteil an dem Tode des ver­dienstvollen Mannes. Das Haus hort den Rach­ruf stehend an.

Der Entwurf über die Erhebung einer Ab­gabe zur Förderung des Wohnungsbaues wird dem 13. Ausschuß überwiesen.

Sodann begründet Abg. Graf K a n i h lDeutschnat.) die Interpellation, welche Schritte die Regierung zur dringend notwendigen Besse­rung der wirtschaftlichen Lage Ostpreußens vor ollem auf dem Wege des Frachtenausgleiches zu tun gedenke. Ostpreußen vom Reiche getrennt, müßte auf besonders festem Fuhe. stehen.

Staatssekretär S t i e l e r betont, daß das Reich keinen Weg unversucht lassen wolle, um dem abgeschnürten Ostpreußen das schwere Schick­sal zu erleichtern. Speziell sei die Regelung des Verkehrs durch den polnischen Korridor Gegen­stand ernster Sorge. Der Staffeltarif sei schon mit Rücksicht auf die Lage Ostpreußens eingeführt worden, und es käme für die polnische Strecke auch nur die deutsche Berechnung in Frage, Ost­preußen stehe somit weit günstiger in dieser Be­ziehung als die anderen deutschen Landesteile. Auch bei den neuen Tarifen werde noch eine weitere Staffelung zu Gunsten Ostpreußens ein­treten. ein besonderer Ausnahmetarif für Ost­preußen sei aber nicht mehr möglich. Für wei­tere Transpvrterleichterungen werde mit der preußischen Regierung ein Abkommen angestrebt Gegenüber Polen habe die Regierung alles mög­liche versucht, um dem abgeschlossenen Abkom­men über den Korridor Geltung zu verschaffen, aber es sei erst jetzt möglich geworden, Polen zur Anerkennung des Abkommens zu bewegen. Die Ctsenbahnverwaltung habe sich jedenfalls nach Kräften bemüht, Transporterleichterungen zu er­wirken. Sie habe vom 1. bis zum 19. Januar dieses Jahres 33 000 Eisenbahnwagen mehr ge­stellt, als im vergangenen Jahre. Irn weiteren Verlause der Aussprache teilt

Staatssekretär Kirstein mit, der mafuri» 'che Kanal solle besser nutzbar gemacht werden durch Anlage von 78 Kraftwerken. Ostpreußen würde zwar auf die Fertigstellung des ganzen Kanals warten müssen, erhalte dafür aber billige Kraft.

Dbg. Dr. Bleichert (Z.) führte aus, Me- ntel müsse selbständig bleiben, und dürfe nicht weiter unter französischer Verwaltung stehen. Ver­handlungen mit Polen zur Sicherung des Frei- verkehrs durch den Korridor und zur Ersatz­leistung für widerrechtliche Beschlagnahme von Gütern, Ausbau der Wasserstraßen und Organi­sation der Siedlung sind erforderlich.

Abg. Mittwoch (AlSPll weist darauf hin, daß namentlich auf dem flachen Lande in Ost­preußen die Arbeitslosigkeit erschreckend zunehme, während die Reaktion beständig Boden gewinne.

Abg. Heidemann (Komm.) wird zweimal Aut Ordnung gerufen, weil er im Verlaufe feiner Ausführungen die Junker »Aasgeier" nannte, und von dem deutschen Adler als einem Geier sprach.

In seinem Schlußwort protestiert Abg. Hensel (Deutschnat.) gegen die von dem Vor­redner betriebene Agitation.

Alm 2/4? Alhr vertagt sich das Harts auf Montag mittag 1 Alhr.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 23. Ian. 1922.

Neue Hochzeitsmodctk.

In den letzten Jahren ist dieBunte Hoch­zeit" immer mehr aus dec Mode gekommen. Die starken Farben, die man in die Kleider der Brautjungfern und gar der Braut selbst ein­führen wollte, haben sich doch nicht durchsetzen können, und so erscheint wieder häufiger dieganz weiße Hochzeit", bei der alles, vom Schleier der Braut bis zum Brautstrauß, in fleckenloser Weiße glänzt. Auch wo man nicht zu der stimmungsvollen Farbe der Alnschuld zurückkehrt. bevorzugt man doch sanfte Farben, wie z. D. Zartrosa. Die Kleider der (Brautjungfern sind in derselben Farbe wie das Brautkleid gehalten, nur in einem tieferen und volleren Ton. Bei einer einfachen Hochzeit begnügt man sich mit einer Brautjungfer, die gewöhnlich ein Seidenkleid mit Spitzen und einen breiten Hut trägt. Bei vornehmen Hochzeltsfeiern beträgt die Zahl dec Brautjungfern aber 1612, und die Hälfte sind Kinder. In solchen Fällen wird der Wahl der Kleider besondere Aufmecl- famfeit zugewendet. Zarte Farben sind am be­liebtesten. Die Hüte werden nicht selten durch eine Art russischen Kopfschmuck erseht, der aus Blumen und Schleiern besteht. Anstatt der Sträuße tragen die Brautjungfern manchmal mit Blumen und Bändern geschmückte Stücke in der Art der Hirtenstäbe, die die Damen des Rokoko liebten. Auch die Brautmutter kleidet sich nicht mehr in dunkle Toiletten, sondern sie wählt einen Farbenton, der denselben Farbton wie die Kleider der Brautjungfern, nur in zurückhaltenderer Form, zeigt.

w

** Reue Einkommen st euer marken zu 200 Mark. Die Reichsdruckerei hat in den letzten Tagen, wie wir erfahren, neue Einkommen­steuermarken zu 200 Mark hergestellt, da die bisher höchstwertigen Marken von 100 Mark den der Teuerung entsprechenden hohen Steuerabzügen nicht mehr genügen. Die neuen Cinkommensteuec- marken sind genau wie die Marken zu 100 Mark ausgeführt. Die Zahl 200 steht dunkelbraun und wirb auf weißem, mit WasserzeichenVierpaß" versehenen Papier in einfarbigem Kupferdruck hergestellt. Die Marken werden in Bogen zu 50 Stück ausgegeben.

* Gewerbetreibende, die einen offe­nen Laden haben, oder Gast- oder Schankwirtschaft betreiben,. haben, worauf das Polizeiamt erneut aufmerksam macht, i wen Familiennamen mit mindestens einem ausgeschrie­benen Vornamen an der Auße.rseite oder am Eingänge des Ladens oder der Wirtschaft in deutlich lesbarer Schrift anzub tagen. K usleute, die eine Handelsfirma führen, haben zu­gleich die Firma in der bezeichneten Weise an dem Laden anzubringen. Ist aus der Firma der Familienname des Geschäftsinhabers mit dem ausgeschriebenen Vornamen zu ersehen, so ge­nügt die Anbringung der Firma. Sind mehr als zwei Beteiligte vorhanden, so genügt es, wenn die Ramen von zweien in der oben angegebenen Weise angebracht werden mit einem Zu'atze, aus dem das Vorhandensein weiterer Detei.igter er­sichtlich ist. Bei offenen Handelsgesell- schäften, Kommanditgesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien sind die Ramen der persönlich haf­tenden Gesellschafter in der oben bezeichneten Weise anzubringen.

** Zur Förderung des Weiden­au b a u e s wird uns von fachmämiischer Seite geschrieben: In der deutschen Korbwaren- i n d u st r i e herrscht seit vorigem Jahre Hoch­konjunktur, sie scheint wieder auf dem besten Wege zu sein, den früheren hohen Stand auf dem Welt­märkte zurückzuerobern. Das größte Hindernis bei diesem Aufschwung ist die Weidenbeschaffung. Da uns infolge der Abtrennung der wichtigsten Weidengebiete in den Ostprovinzen, in Ober­schlesien, im Elsaß und in dem an Belgien ab­getretenen Gebiete nur noch kleinere Weiden- gebiete in Deutschland zur Verfügung stehen, sind Weiden lediglich zu Phantasiepreisen zu haben. Dasselbe gilt auch von Schilf und Binse. Ferner treten noch die hohen Transportkosten, hohen Löhne und die dem deutsck.e.i Gewerbe so schäd­liche Lurussteuer hinzu. Aber vor allem drückt die geringe Weidenerzeugung im eigenen Lande auf die Preise. Dabei sind heute auch kleinere Anpflanzungen rentabel. Die Versteiger-ung der gemeinheitlichen Weiden in Gr e h in er­gab beispielsweise von eineinhalb Morgesi die Summe von 4000 Mark. In einem Dorf der hiesigen Gegend bepflanzte ein Lehrer eine nasse, sonst zu nichts verwendbare Wiese mit Weiden. Im ersten Jahre löste er bereits 50 Mark; im letzten Jahre schon 500 Mark, so daß die Ge­meinde nun auch ihre Wiesen mit Weiden be­pflanzte. Durch fachmännische Bodenbearbeitung,

richtige Auswahl der Weidenstecklinge und Wei­denarten lassen sich noch höhere Ergebnisse er­zielen Auch hier in Gießen gibt es viele un­fruchtbare Wiesen und Ackerflächen, die sich zum Weidenbau vorzüglich eignen. Allerdings muß vor Beginn der Bodenarbeiten ein Fachmann befragt werden, auch kann nur er bestimmen, welches für die jeweilige Bodenart die geeignetste und gewinnbringende Weidenart ist. Die Stadt­verwaltung müßte mit den ihr zur Verfügung stehenden Flächen anregend vorangehen. Reben ertragbringender, sich äußerst lohnender Ver­wertung manches sonst wenig oder gar nichts einbringenden Bodens würde auch produktive Arbeitsgelegenheit geschaffen und durch Verringe­rung des Bedarfs an Auslandweiden der Wie­deraufbau Deutschlands gefördert.

A Der Artillerie-Verein beging am Samstagabend unter starker Beteiligung fein 26. Stiftungsfest im Hotel Einhorn. Kamerad S ch n e i b m ü 11 e r eröf fnete die Feier mit Begrüf)ungLworten. Besonders rief er den Vertretern der Militärvereine von Gießen, dem Vertreter des Regiments und des Hassia-Bezicks Gießen Worte des Wlllkomms zu. Ramens der Druderveceiire in Gießen beglückwünschte Ka­merad Voller den Artillerie-Verein. Die Fest- ordnung des Abends wickelte sich dank der vor­züglichen Vorbereitung glatt ab und alle Dar­bietungen sanden lebhaften Beifall. Besonders gilt dies für die Rezitationen u id theatralischen Vorfühiungen der Mitglieder des Gießener Stadttheaters, Fräulein T ür t und Herrn Goll. Für gute Musik sorgte die Kapelle des ersten Bataillons vom Infanterie-Regiment Rr. 15. Den Schluß der eigentlichen Feier bildete die Aus­teilung der Kriegsdenkmünze, die der Kysf- häuserliund (Deutscher Kriegerbund) mit Geneh­migung der Reich sregierung hcrausg^g den hat, durch Assessor Stotz, der den heldenhaften Kämpfern des Weltkrieges für ihr tapferes Aus­halten gegenüber einer Well von Feinden dankte. Ein Tanz schloß las Stiftu.gssest.

Landkreis Gießen.

/ K l e i n - L i n d e n, 20. Ian. Einer zahl­reichen Rach kommen schäft kann sich der 88 Jahre alte Friedrich Jungs, erfreuen; es sind 7 Kinder, 50 Enkel und 52 Airenkel vorhanden. I., der zweitälteste Einwohner des Dorfes, erfreut sich dauernd bester körperlicher und geistiger Frische.

Kreis Büdingen.

)( Ortenberg, 20. Ian. Der hiesige V. H. C. sieht für das Jahr 1922 folgende Wan­derungen vor: 22. Januar: Reichsgrün­dungsfeier auf dem Hoherods'opf und Teilnahme am 40. Stiftungsfest in Gedern, 19. März: Rot- lipp, KonradsLorf, Effolderbach, Stockheim. 2'? Alhr, Führer V. H. C. Sch v. Pflüger, 9. April' Eckarts! orn, Orlihbuche Schwickartshausen, Fauer­bach, Alnter- und Oberlais, Hirzenhain, 9 Alhr, V. H. C.-Br. Knapp, 7. Mai: Stein, Schweden­eiche, Alsenborn, Ortenborg, 5 Alhr vorm., V. H. C.-- Dr. Meyer, 4. und 5. Juni: Bahnfahrt Ilbes­hausen, Lanzenhain. Cichelhain, Engelrod, Hel­pershain, Groß-Felda, hier Aledernachten, am 2. Tag, Romrod, Alsfeld, V. H. C.-Br. Haas, 2. Juli: Hohervdskopftest: V. H. C.-Br. Köhler. 6. Aug., Bieberberg, Riedermockstadt, Stamm­heim. Oppelshausen, Altenstadt, 12'/- Uhr, V. H. C.-Br. Holzapfel, 3. Sept.: Lißberg. Glas­hütten, Eichelsachsen, Schotten, 8 Uhr, V. H. C.- Br. Emrich, 1. Ott.: Bergheim, Bleichenbach, Selters, 1 Uhr, D. H. C.-Schw. Knapp. Am 18. Februar begeht der Verein sein 4 0. Stif­tungsfest. Die Vorbereitungen hierzu sind in vollem Gange und versprechen eine schöne Feier. Schneidermeister Acker von hier er­warb zu seinen bisherigen Zuchterfolgen auf der Geflügelausstellung in Gedern einen neuen; er erzielte für seine ausgestellten Brief­tauben 3 dritte. 4 zweite, einen 1. Preis.

Hessen-Nassau.

][ Marburg, 22. Ian. Aus dem hiesigen Standesamt gelangten im vergangenen Jahre 855 Geburten und zwar 453 Knaben und 402 Mäd­chen zur Anmeldung. Gestorben sind 536 Per­sonen, davon waren 267 männlichen und 269 weib­lichen Geschlechts. In den Stand der Ehe traten 249 Paare. (Die in den Kliniken 505 Geborenen und 273 Gestorbenen sind in obigen Ziffern ent­halten.) Im Alter von noch nicht einem Jahr star­ben 87 Kinder. Im Jahr 1920 betrug die Zahlt der Geburten insgesamt 825, die der Gestorbenen 558 und die der Eheschließungen 247. Die Mar­burger Straßenbahn erhöht vom 1. Februar ab den Fahrpreis von 60 Pf. auf 1 Mk. Kürzlich wurde in Gießen ein junger Mann aus Mar­burg f e st g e n o m m e n, der in einer ganzen Reihe Ortschaften unbefugterweise für eine hiesige Firma Gelder einkassiert und sonstige Schwindeleien ver­übt hatte. Er wurde deshalb zu l1/^ Jahren und außerdem noch wegen Führung eines falschen Ramens zu acht Wochen Gefängnis verurteilt.

Gictzcucr Strafkammer.

Gießen, 1.7. Januar 1922.

Dem Müller und Landwirt Konrad K. von Wölfersheim war zur Last gelegt, im April v. I. gemeinsam mit seinem Knecht im Rodheimer Ge- meindewald einen fremden K i e f e r n st a m m ge­stohlen xu haben. Das Schöffengericht hatte ihn mangels ausreichenden Beweises freigespro­chen, doch wurde er auf Berufung der Staats­anwaltschaft wegen Diebstahls verurteilt. Die Strafkammer hielt eine Gefängnis st rase von 1 W o ch e für verwirkt und wandelte sie auf Grund des Gesetzes vom 21.12. 1921 in 7 00 M. Geldstrafe um.

Gerber Wilhelm Z. von Münster batte seinem Schlafkollegen dessen Sparkassenbuch ent­wendet, dreimal hintereinander Beträge von insgesamt 450 Mk. erhoben, wobei er mit dem Ramen des Bestohlenen quittierte, und sodann das Sparbuch verbrannte. Er erhielt wegen Be­trugs, Diebstahls und Alrlunben- 1 schung eine Gesamtstrafe von 6 Wochen Gefängnis; seine Jugend wurde strafmildernd berücksichtigt.

Drei Arbeiter aus Bönstadt waren durch dos Schöffengericht von der Beschuldigung des nächt­lichen Kartoffeldiebstahls mangels Be­weises freigesprochen worden; die Strafkammer bestätigte dieses Airteil heute, da der einzige Be­last ungszeuge die Diebe in der Dunkelheit nicht mit Sicherheit erkannt hatte.

Ein alter Bekannter stand in der Person des vielfach vorbestraften Maurers Josef D. von Ober-Mörlen vor Gericht. Er war angeklagt, in der Rächt zum 13.6.1919 einen Einbruch in die Restauration zum Golf Harrs in Bad-Rau- heim verübt und silberne Gabeln, Löffel, Tafel­wäsche u. bergt in erheblichem 'Wert gestohlen zu haben. Ein Teil der Sachen wurde einige Tage später in Elberfeld beschlagnahmt wo sich D. aufhielt. Trotz schwere» Verdachts, daß er selbst der Täter war, konnte ihm nur soviel nachge­wiesen werden, daß er die gestohlenen Sachen dahin hatte schaffen helfen, wo sie später beschlag­nahmt wurden. Demgemäß wurde er wegen Be­günstigung und Hehlerei zu 1 Jahr Ge­fängnis verurteilt

Molkereibesitzer August D. in Freienseen war vom Schöffengericht wegen Rahrungsmittel» f ä l s ch u n g zu 1 Woche Gefängnis und 1500 M. Geldstrafe verurteilt worden, weil er vollkommen zersetzte und verdorbene Butter frischer Butter hatte zusehen lassen. Auf seine Berufung hin wurde die Strafe in 3 0 0 0 MarkGeldstrafe abgeändert.

Dis in die späten Abendstunden zog sich die Verhandlung gegen den Oberbahnschaffner Iohs. D. von Gießen hin. Er hatte im Januar v. I. einem von Dillenburg nach Gießen fahrenden Reisenden eine Fahrkarte 4. Klasse für den Betrag von 4 Mark geschrieben und später in Gießen die Stammkarte auf 50 Pf. ausgefüllt mit der An­gabe, der Reisende sei erst in Ehringshausen ein- gestiegen, die Differenz von 3,50 Mk. hatte er für sich behalten. Trotz seiner wiederholten Ge- stöndnisle vor den Dahnpolizeibecunten uni) dem Alntersuchungsrichler war das Schöffengericht zu einer Freisprechung gelangt, weil es annahm. D. habe infolge seiner Beschränktheit den Sinn der von ihm abgegebenen Erklärungen gar nicht verstanden und die Stammlacte i r r t ü m li ch falsch ausgefüllt. Die Straslammer hob jedoch heute nach umfangreicher Beweisaufnahme das Airteil auf und erkannte wegen Betrugs auf eine Geldstrafe von 150 Mark; sie hielt auf Grund der Geständnisse die Schuld des An­geklagten für festgestellt.

Gießen, den 20. Ian. 1922.

Wegen Abtreibung und fahrläs­siger Tötung seiner Frau hatte sich ein Bahnschlosser aus G.o )en-2inden zu verantoor­ten. Da von der Erörterung der Vorgänge eine Gefährdung der öffentlichen Slltlichlctt nicht zu erwarten war, wurde die Oeffentlich 'eit nicht aus­geschlossen. Cs ist in der Tat nur erwünscht, wenn die ungeheuren Gefahren ter Abtreibung w.i en Kreisen bekannt werden. Die Frau bc5 Ange­klagten war in anderen Almständen, scheute aber die Geburt und die durch den Zuwachs zu er­wartende Beschränkung der ohnedies engen Woh- nungsverhältnisse. Sie drang in den Mann, ihr die Schwangerschaft zu beseitigen. Er ließ sich überreden und machte ihr eine Einspritzung; hier­zu bediente er sich eines Sublimatwürftls, den er in Wasser auflöste. Das Sublimat hatte er nach seiner Behauptung von einem Sanitäter erhal­ten; es sei ein gutes Abtreibungsmittel. An­genommen habe er es, well seine Kameraden es auch getan hätten. Die Einspritzung hatte die gewünschte Folge: die Frucht wurde im Leib zerstört. 2lber das Gift wurde rasch vom Blut aufgesaugt, führte zu schweren Vergift ungs- erscheinungen und zuletzt zu einer unheilbaren

Die Blüchermchten.

Roman von HannS vonZobeltih.

10. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Er lächelte.Warum sollte ich nicht, Baro­nesse? Sie dürfen unS doch nicht für allzu ein­seitig und leicht halten."

O nein! Rein!" wehrte sie fast erschrocken ab.Rur, mein' ich, sind die Temperamente der Dolksstämme verschieden wie die der einzelnen Menschen."

Gewiß. Alnd ich geb' gerne zu, daß wir Oesterreicher mehr leichtes Blut Haden, als Sre im Rorden. Ader Sie dürfen nicht über sehn, daß wir eigentlich lein geschlossener Volksstamm hni/. Halt nicht im ganzen, halt nicht in der Familie. Mein Vater zum Beispiel stammt aus Böhmen: wenn auch sein Alrgrotzvater schon deutsch dachte und fühlte, ganz verleugnet sich ererbtes Mut nie. Meine Großmutter war eine Prinzessin Lo° catelli aus Toskana, und meine liebe Mutter ist, was Sie vielleicht überraschen dürfte, eine Han­noveranerin, die freilich in London erzogen und groß wurde. Wir Böhmen sind meist katholisch, aber meine Familie ist evangelisch . . sozu­sagen eine Erbschaft aus den Zellen von Huß." Er unterbrach sich auf einen Augenblick, um Dann mit gewisser Betonung fortzufahren:Ich hoste. Baronesse, Sie lernen meine liebe Mama noch kennen."

Luise hat nicht gleich die Fortsetzung der Konversation gesundSie fühlte, daß ihr das Blut verräterisch ins Gesicht scho,7. Grad weil er die letzten Worte mit einem stärkeren Akzent

betont hatte. Ihr Herz pochte. So neigte ,ie nur den Kopf.

Dor ihnen schrttten der Herr Staatsminister und die Frau von Dachroeden und plauderten lebhafter Oder wenigstens sie plauderte, fragte, fragte Exzellenz antwortete gemessener, grüßte rechts, grüßte linlä. Hier den Schockschwerenöter Gentz, den Protokollführer des Kongreßes, von dem" die Spatzen auf allen Dächern Wiens ge­flüstert haben, daß er Geld von allen Sehen nehme, je mehr-, desto besser. Dorten galt der Gruß Rahe! Darnhagen aus Berlin, und bann dem , schwefäfarbenLn" hinkenden Talleyrand, dem Vertreter Frankreichs, der so geschickt zugunsten des geschlagenen Landes und seines neuen alten Äönigß zu plaidieren wußte, daß er bald den ganzen Kongreß am Bündel gehabt hat.Ein Schurke ein Schuft," hat der Herr von Hum­boldt seiner Dame zugeraunt. »Aber man kommt nicht ohne den Wann aus, mag man seine In­trigen noch so verachten. Ja wenn man Vater Blücher wäre. Der würde mit dem Schwert drei ri­sch lagen und jagte uns alle, alle verfluchten Di­plomatiker, zum Wiener Tempel hinaus! Wir aber müssen mit den Wölfen heulen"

Alnb weshalb?" fragte die zier iche Frau

Sag's nicht weiter, liebe Schwägerin: um zu. retten, was zu retten ist für Preußen!"

§as zweite Paar hat nicht politisiert unb diplomatisiert. Aber es trat gemach auch in den leichten Plauderten gefallen. Gras Martinez er­zählte von den großen Festen, die die nächste Zeit bringen sollte. Obenan stand ein Riesenball bei dem russischen Gesandten. Conte Cyrill Rasa- mvwski hatte sich nämlich, ziemlich weit drauße.i, in der Vorstadt Landstraße, einen neuen Palast

erbauen lassen, eigentlich, so berichtete der Graf, einen Dau Don drei Schlössern mit eigener Ka­pelle, eigenem Theater, üppigen Bädern, großem Marstall. Alles höchst prui'.kvvll, tagt man, und selbstverständlich höchst überladen. Was kann man anders verlangen von einem russischen Magnaten, dessen Vater noch in der Altraine die Schafe gehütet hat? Ich "bitt, Baronesse! Aeußerer Firnis unb darunter elende Protzerei. Hat schon recht, der große Kongreßspötter, unser Fürst £igne: Kratz einen Russen und du finbeit einen Tataren. Doch gleichviel: das ganze Wien wirb sich bei der Einweihung des neuen Palastes Ren­dezvous geben . . . ganz gewiß werden auch Sie nicht fehlen . . und darüber bin ich im voraus beglückt."

Es war gut, daß sich grab jetzt der Herr Staatsmllrister umwanbte, gut für Luise, die zum zweiten Male bedenklich rote Bäckchen hatte.Zeit ist's, heimzugehen!" rief der Herr von Hum­boldt, hatte die Alhr herausgozogen und wirs auf den Zeiger. »Zudem werden die Tarnen Hunger haben . . . Auf Wiedersehen, lieber Graf . .

Tos fleißige Zöflern mit den geschickten Hän­den hat viel zu tun gehabt in den nächsten Tagen Sticheln unb plätten, neue Volants auf letzen und die Garnituren ändern, denn was Madame Du- renne in Berlin für neueste Mode gehalten, er­wies sich doch vielfach als veraltet, wenn man Ms Reueste und Allerneueste, was in Wien er­schien dagegen hielt. Unb bie schlanke, ranke Stau' hatte einen scharfen Blick dafür, reine Falkenaugen. Für sich selber, aber ent recht, wenn Luise in Frage fianb. Die wiederum war geteilten Herzens. Sah wohl gar schon und ele­

gant aus, zumal wenn sie an ihn dachte unb wie sie ihm gefallen möchte. Ader sie war auch eine Träumerin geworden, die viel allein saß und vor sich hin sinnierte. Was war ihr im Grunde eine Falbel mehr oder ein Volant ober ein buntes Danb?! Damit konnte sie ihn doch nicht fesseln oder festhalten. Tas vermochte nur sie selber. Alnd da kamen die Zweifel und die Aengste. Laß sie hübsch war, sehr hübsch unb mehr sogar, das wußte sie freilich. Aber im Grunbe war sie ein einfaches Ding, ein schlichtes Mädchen, frellich aus guter, alter Familie, doch so fbottarm wie eine Kirchenmaus, hatte grab' gelernt, was einem adligen Fräulein in Berlin geziemte, unb nicht viel mehr. Manchmal, wenn f.e allein sah, be­trachtete sie ihre Fingerspitzen. Die wiesen un­zählige kleine Sttche auf, Fast so viele, wie draußen das Zöschen zeigen konnte. Alnb |ic dachte bann, daß lle für Gelb hatte arbeiten müssen. Dann quoll es wohl bitter in ihr auf: was konnte sie einem Grafen Martinez bebeu. ton, dem eleganten Kavalier, nach dem sich alle Frauen und Mäbchen auf ber Straße um schauten, wenn er mit seinen herrlichen Rotfüchsen zum Prater hinausfuhr? Dabei bäumte sich ihr Stolz, für eine vorübergehende Liaison dünkte sie sich doch zu schade. Alnd sie nahm sich vor, bei bei nächsten Begegnung ihm mit boppekter unb drei­facher Reserve zu Begegnen."

Am Dienstag war große Ober, und bet Herr Staatsminister hatte Billette geschickt. Man gab die Semiramis, und nachher sollte Demos - leite Rigottini tanzen.

(Fortsetzung folgt)