Das Echo in Frankreich.
Paris, 23. 3an. (WTB.) Das „Scho dc Parts" sagt, das Programm der auswärtigen Polillk, das Lloyd George entwickelte, stelle sich der französischen These, daß jede französi che Regierung zu unterstützen sei, klar entgegen. Der Staatsmann der Downingstreet toofic nach der Konferenz von Washington dem internationalen Handel die Wege offnen, indem er alle Hindernisse aus dem Wege räume. Das falle das Ziel der Äonferen$ von Genua sein. Poincarö handelte sehr nützlich, als er bestätigte, daß Frankreich sich zwar dem Werk von Genua nicht widersehe, sich aber an dem Buchstaben des Vertrages von Versailles halte. Das Blatt hofft, daß sich das franzö.ilche Volk nicht einschüchtern lassen werde.
Der „Gaulois" sagt, das; eine aus Vertretern von 40 Stationen bestehende Konferenz von Genua Europa den Frieden auszwingen könne, sei eine nicht gefahrlose Illusion. Sei nicht zu befürchten, das; der Kongreß besonders den Interessen Deutschlands und Sowjetrußlands dienen würde und sich beeilen werde, nicht etwa den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, der augenblicklich eine Utopie sei, sondern die Han-, delsbeziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu fördern, wodurch Deutschland ein ungeheueres politisches und wirtschaftliches Aktionsfeld eröffnet werde?
Der „Figaro" sagt, wenn Lloyd George erklärte, Deutschland könne zahlen, dürfe daraus nicht geschlossen werden, daß sich der französische ' io der englische Standpunkt besonnen hätten, sich <u nähern, Denn gleich darauf sprach Lloyd George von Staranaements, die in kürzester Frist getroffen werden mußten. Er übertreibe auch, wenn er erkläre, Frankreichs verwüstete Gebiete toürben wiederhrrgestellt, wenn eine aus eine neue Methode auf gebaute Konferenz abgehalten werde. Sei denn Europa deshalb tränt, weil sich der Oberste Rat nicht oft genug versammele und nicht Reuerungen genug be chloß? Lloyd George fei ein schönes Beispiel dafür, wie man im Irrtum beharren könne.
Hou hau f, der sich in Genf befindet, sagt, memi der neue Regierungschef in Frankreich die Grundsätze In die Praxis umsetze, die er auf brr Parlamentstrübne verkündete, dann werde er Frankreich rasch vollkommen isoliert haben. Andere Völler seien nicht gewillt, ihre Interessen dem französischen Rationalismus zu opfern.
Papst Benedikt XV. f.
Rom, 22. Han. (WTB.) Morgens 5.40 älhr sprach Kardinal Vico am Sterbebette des Papstes die Sterbegebete. Der Papst lag bereits In Agonie. Alle Anwesenden sprachen die Sterbe- gebete mit Kardinal Giorgio erteilte dem Sterbenden die letzte Absolution. Punkt 6 älhr hauchte der Heilige Vater den letzten Seufzer aus. In den über die letzten Stunden des Papstes geführten Aufzeichnungen findet sich folgenbe Einzelheit vermerkt. Um 11 Uhr nachts fragte der Papst: „Wieviel Uhr ist es?" Der Erzbischof von Bologna erwiderte mit der genauen Zeitangabe. Darauf sagte der Papst folgende Worte: „Geht schlafen, berat von jetzt bis 6 Uhr morgens ist noch
Zeit."
Benedikt XV. wurde als Sproß einer der angesehensten italienischen Adels familien, der Marchesa della Chiesa, am 21. Rovember 1854 in Genua geboren und erhielt den Vornamen Giacomo. Gr wandte sich der geisllichen Laufbahn zu und wurde am 21. Dezember 18<8 zum Priester geweiht: 1879 p.omoviette er tm Capranica-Kvlleg zum Doktor beider Rechte und besuchte dann vier Hahre hindurch die adelige Priesi evakademie. Im 3abre 1883 wurde er, dessen besondere diplomatische Befähigung tn- zwischen hervorgetreten war, von Lev XIII. zum Geheimen übei^chl gen Kamrncrh rrn und zum Sekretär bei der Runtiatur in Madrid ernannt. Ruittms in Madrid war damals M gr. Ram- Polla del Tindaro, der nachmalige bedeutende Kardinal-Staatssekretär Leos XIII. In dessen Schule entfaltete della Chiesa seine Talente noch weiter, und als Rampolla als Staatssekretär nach Rom ging, nahm er della Chiesa als seinen persönlichen Kabir.ettschef mit. In dieser Stillung kam er Rampolla persönlich und politisch immer näher, so daß ihn dieser am 15. April 1901 zum Unterstaatssekretär ernennen ließ, als der bisherige Inhaber dieses Amtes, Tripopi, Kardinal geworden war. 3m Zähre 1903 unterlag Rampolla in der Papstwahl gegen den nachmaligen Pius X. und trat als Staatssekretär zurück: della Chiesa hegte die gleiche Absicht. So sehr war er mit Rampolla und dessen Politik verknüpft, die es 5 kenntlich vor allem nicht auf den spater erfolg ei Bruch mit Frankreich an kommen lassen wollte. Indessen drangen sowohl der neue Papst wie dessen neuer Staatssekretär Merry bei Bal in ben tüchtigen Diplomaten, als solcher weiter zu bienen; della Chiesa lieh sich halten, vielleicht in der Hoffnung, die Politik der Kurie im Sinne Rampollas beeinflussen zu können. Er sah sich, wenn er diese Hoffnung gehegt hatte, darin je langer je mehr getäuscht. Der Bruch mit Frankreich kam und della Chiesa erstrebte nunmehr eine Verwendung im diplomatischen Außendienst. Die Runtiatur in
Brüssel wurde nicht duvch ihn neu besetzt. Run hoffte er, nach Madrid zu kommen. Schon sprachen dir vatikanischen Blätter von seiner Ernennung dorthin. Da starb im Oktober 1907 der Erzbischof Svampa von Bologna und unerwartet wurde della Chiesa zu seinem Rachfolger ernannt, was unzweifelhaft eine Sallstellung bedeutete. In Bologna war einst auch der spätere Leo Xlll. von dem Staatssekretär Plus X., dem Kardinal Antonelli, als Erzbischof lange Zeit festgehalten worden. Pius X. selbst nahm in der Sixtina die Konsekration des neuen Erzbischofs vor, dem alsbaldige Erhebung zum Kardinal in Aussicht gestellt wurde. Diese erfolgte jedoch erst sieben Jahre später, nämlich am 25. Mai 1914, also nur wenige Monate vor dem am. 20. August erfolgten Tode Pius X. Arn 3. September 1914 in der fünften Abstimmung, am dritten Tage des Konllaves, mitten i m Lärm des eben aus- gebrochenen Kriegsbrandes, wurde nunmehr della Chiesa zum Papst, dem 260. Rachfolger Petri, erwählt. Männer wie de Lai, Serrato oder Maffi waren in den Hintergruirb getreten. Der neue Papst nahm ben Ramen Benedlk- tus XV. an.
Papst Benediktas hat inzwischen keine Gelegenheit Vorbeigehen lassen, im Sinne von Frieden und Versöhnung unter der entzweiten Welt zu wirken. Peinlich hat er es vermieden, sich und die Autorität seines Amtes für eine der beiden Parteien in Anspruch nehmen zu lassen. Diese Haltung hat ihm von fetten des Vier Verbandes manche Angriffe eingebracht, da die Feinde der Mittelmächte ja bekanntlich nicht begreifen können, daß man auch ihrer „guten Sache" kritisch gegenüber stehen kann. Des neuen Papstes erster Ausruf an ' die Kriegführenden erschien schon am 11. Septembr 1914. Seeine erste Enzyklika folgte am 16. Rovember 1914. Am 12. Dezember 1914 machte er den Vorschlag einer allgemeinen Waffenruhe an Weihnachten. Diese wu b: von Deutschland angenommen, von dessen Feinden abgelehnt. An Reujahr 1915 gab der Papst die erste Anregung zum Austausch dienstunfähiger Kriegsgefangener, ein segensreicher und diesmal auch erfolgreicher Vorschlag. Ein am 5. April 1915 an die Vereinigten Staaten gerichteter Appell, die Friedensvermittlung zu übernehmen, blieb natürlich erfolglos, da dort gerade das Muni- tionsgeschäft so schön in Gang gekommen war. Wiederum am 28. Juli 1915 erfolgte ein päpstliche F iede sau? uf an b e Töl er er erneut au? tauoe Ohren stieß, wie einstweilen alle nötigen Versuche gleicher Art.
Gegen die Einziehung des Palazzo Venezia in Rom durch den Staat Italien erhob die Kurie im September 1916 Widerspruch, der nicht beachtet wurde. Der Palazzo Venezia ist Eigentum von Oeflerreid)-ilngam, dessen Gesandter am Vatikan dort wohnt.
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R vm, 22. Han. (WB.) Das HeiligeKol- legium zählt gegenwärtig 61 Kardinale, davon 31 Italiener u.ib 30 Ausländer, itater den letzteren befinden sich fünf F anzo'en, ein Belgier, drei Deutsche, zwei Oesterreicher, ein Ungar, ein Tscheche-Slowake, zwei Po en, ein Holländer, sechs Spanier, ein Portugiese, fünf Amerikaner, ein Kanadier und ein Brasilianer.
Die Blätter sind der Ansicht, daß für das Pontifikat in Betracht kommen die Kardinäle Ratti, Erzbischof von Mailand, ßaforitau e, Patriarch von Venedig, Maffi, E zb^schos von P sa und die Kurienkardinäle Gasparn, Dislettl und TuÄdi.
Ein Beileidstelegramm des Reickspräsidenten.
Berlin, 22. Ian. (WTB.) Der Reichspräsident richtete anläßlich des Hinscheidens des Papstes an den apostolischen R u n t i u s P a c e l l i in München nachstehendes Telegramm: „Tief erschüttert buckch bad Hinscheiden Seiner Heiligkeit des Papstes spreche ich Eurer Exzellenz namens des Deutschen Reiches meine aufrichtige Teilnahme aus. Das deutsche Doll gedenkt in Dankbarkeit bergrohen Liebestätigkeit k^s Papstes während des Weltkrieges und in der Folgezeit, sowie seiner unermüblichen Besttebungen für ben Wiederaufbau der Welt im Sinne der Völker- Versöhnung und der christlichen Rächstenliebe."
Landtagswahlen in Braunschweig.
Braunschweig, 22. Jan. (WTB.) Bei den im ganzen Freistaat Braunschweig ab» gehaltenen Landtagswahlen wurden in der Stadt Braunschweig, wie die „Braunsckw. LandeSztg." meldet, 41 743 Stimmen für Die bürgerlichen Parteien, und 43 305 Stimmen für die sämtlichen sozialistischen Par- texn abgegeben. Richt gewählt haben in der Stadt Braunschweig etwa 10 Prozent der Wähler. Stimmenzuwachs haben erhaltender Landeswahlverband 6600, die Demokraten 1000, die Mehrheilssozialisten 3900, und die Kommunisten 3000 Stimmen. Hingegen haben die Unabhängigen etwa 2000 Stimmen verloren.
Gießener Stadttheater.
„Schwarzwaldmädel."
Gießern 23. Januar 1922.
Es war ein recht glücklicher Griff, den die Theaterleitang mit dieser Reueinstudierung getan hatte. Glücklich, was die Wahl des Stückes an» betrifft, und auch in der Besetzung der Rollen. „S ch w a r z w a l d m ä d e l" gehört unter den modernen Operetten zu den wenigen Ausnahmen, die wir kürzlich an dieser Stelle nannten. Sowohl das Textbuch August R e i d h a r t s wie vor allem auch die Musll Leon Hessels stehen beträchtlich über dem was man heutzutage für gewöhnlich unter dem Ramen Operette vorgesetzt bekommt. Wir sind sicher, daß das Haus noch für eine ganze Reihe von Abenden so gut beseht sein wird wie gestern, wenn es heißt: .Erklingen zum Tanze die Geigen . . ."
Die Aufführung war in jeder Beziehung musteigültig. Von vornherein bestand zwischen der Bühne und dem Zuschauerraum der zum Gelingen eines solchen Abends unbedingt nötige Kontakt.
Die Mitwirkenden standen jeder und jede so am rechten Platze, daß es schwer ist zu sagen, wem man die Palme zuerkennen soll. Käte Otte, das Tarbele--„Zu süß ist die Kleine, nicht wahr,
Mama?" fragte hinter mir tin Backfisch die gestrenge Mama. Mama nickte: ich drehte mich um und nickte mit. Es war Wirklich eine Prachtleistung. Rudolf Goll zeigte sich als Domkapellmeister von
feiner besten Seite, der f ein-komischen: Dank ihm, daß er den richtigen Ton fand. Ilse Wissen- d o r f) eine rassige Malwine, gleich gelungen in in Spiel und Gesang. Kurt Richter und Richard H e l l b o r n ebenfalls durchaus auf der Höhe: der Schmus heim Wolf Leuthelsers der richtige schnoddrige Berliner: Karl Volcks „Blaues Oechsle"cine gut gezeichnete Type. Eine scharmante Hexe Luise R a m m e l.
Das Orchester unter Karl Knübel musizierte wacker; Rudolf Golls Spielleitung verdient einen Stern.
Bei den Zuhörern herrschte regelrechte Pre- mierenftimmung. Beim Verlassen des Hauses hörte man nur eine Stimme des Lobes und — „Schwarz- waldmädel"-Melodien. „Die Weibsleut, die sind eine Brut", brummt da der dicke Herr, der vor mir sah und so herzlich lachte und kräftig in die Hände schlug. „Muß denn die Lieb' stets Tragödie sein?" summt ein reizendes Dlondköpfchen. dessen Gesicht ein neidischer Schleier verhüllt, ihrem Begleiter zu, der ihr schlagfertig antwortet: „Lockende Augen holder Sirenen ..". Ha, ja. die „Mädle aus dem Schwarzen Wald"--„totschick", sagt
Schmusheim! —r.
— Der Herma nn-Löns-Tag gestern war eine ausgesucht feine Veranstaltung. Der Bund zur Pflege von Musik und Literatur hatte den Freund des Dichters
Braunschweig, 23. Jan. (WTB.) Rach den aus dem ganzen Lande vorliegenden nichtamtlichen Ergebnissen haben bei den Landtagswahlen die sozialistischen Parteien über 7000 Stimmen mehr erhalten als alle bürgerlichen Parteien.
Aus dem Reiche.
Aus dem Preußischen Landtag.
Berlin, 21. Jan. (WTB.) Der Preußische Landtag hat in namentlicher Abstimmung mit 191 gegen 38 Stimmen bei drei Stimmenthaltungen einen Anttag der vier Regierungsparteien angenommen, durch den das Diätengesetz in §3 erster Absatz folgende Fassung erhalten sott: Für jeden Tag, an dem ein Mitglied des Landtages der Vollsitzung ferngeblieben oder gemäß der Geschäftsordnung ausgeschlossen ist, wird von der Entschädigung 50 Mark abgezogen. Der Ausschuhantrag, die Genehmigung zur Strafverfolgung des kommunistischen Abg. Ziegler zu ertellen, wurde einstimmig abgelehnt. Die Linke brach in schallendes Gelächter aus, während die Bürgerlichen erregt diskutterten, da ihnen bei der Abstimmung offenbar ein Mißverständnis unterlaufen ist.
Eine bayerische Gesandtschaft in Stuttgart.
München, 22. Zan. (WTB.) Die Regierung legte dem Landtag den Entwurf einer Verordnung über die Errichtung einer bayerischen Gesandtschaft in Stuttgart vor. Die Errichtung der Gesandtschaft sott am 1. Februar 1922 erfolgen. Sie wird dem Staatsministerium des Aeußeren unterstehen. Cs erscheint geboten, die frühere Gesandtschaft in Stuttgart wiederherzustellen, um ihre Wirksamkeit auf Baden ynb Hessen auszudehnen.
Aus Stabt und Land.
Gießen, ben 23. 3an. 1922.
Wettervoraussage
für Dienstag:
Vorwiegenb heiter, trocken, Frost, östliche bis süböstllche Winde.
Das westliche Ties zieht in sübllcher Richtung, so daß das im Rordosten liegende ausgeprägte Hoch stärkeren Einfluß auf unsere Wetterlage gewinnt. Del kalten östlichen Landwinden wird heiteres Frostwetter vorherrschen.
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♦* Prof essvr Dr. Hermann Grah- mann t. Wieder hat die Lanbes-Hnlversttät einen schmerzlichen Verlust zu beklagen. Am Samstagabend ist Professor Dr. Hermann Grahmann einem Leiden erlegen, das seine Freunde schon seit einiger Zeit mit lebhafter Besorgnis erfüllt hatte. Grahmann war geboren am 8. Mai 1857 in Stettin, als Sibn des dortigen Gtzmnasia prose sors Hermann G^aßmann, der, ein Wunder an Dielleitigkeck, in zwei Wigen- schaften, in der Mathematik und in der Sprachwissenschaft, Unvergängliches geleistet hat. Vom Vater hatte er nicht bloß den Vornamen, sondern auch die Reigung und die Anlage zur Mathematik geerbt Rachdem er das Marienstiftsgymnasium in Stettin, an dem fein Vater wirkte, durchgemacht hatte, studierte er 1875—1880 in Leipzig und Halle Mathematik und wurde 1882 ordentlicher Lehrer und 1889 Oberlehrer an der Latina, dem Gymnasium der Franckeschen Stiftung in Halle. Er war ein ausgezeichneter Lehrer, der es verstand, seinen Jungen die so vielfach als ttocken verschriene Mathematik schmackhaft zu machen, fand aber nebenbei doch noch Zeit und Kraft, sich wissenschaftlich mit der Mathematik zu beschäftigen: denn sein Ideal war immer, sich ihr ganz widmen xu können. Auf Grund einiger seiner Arbeiten wurde er 1893 von der philosophischen Fakultät Halle zum Doktor promoviert. Endlich im Sommerhalbjahre 1899 führte er einen Entschluß aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hatte: Er gab seine sichere Stellung als Lehrer auf und bettat die so unsichere akademische Laufbahn, indem er sich in Halle für Mathematik habilitierte. Rachdem er dort 1903 zum außerordentlichen Professor ernannt worden war wurde er am 1. Juni 1904 in das seit 1902 bestehende etatsmäßige Extra- vrdinariat für Mathematik an die Landes-ilni- versität Gießen berufen und erhielt zugleich einen Lehrauftrag für angewandte Mathematik. Er hat hier über siebzehn Jahre mit steigendem Erfolge gewirkt, während dieser Zeit fast alle Gießener Studierenden der Mathematik zu Schülern gehabt und eine große Zahl für baß Fach der angewandten Mathematik gewonnen. Auch eine Reihe wertvoller Dissertationen sind unter seiner Leitung entstanden. Im Sommer 1921 wurde er zum persönlichen Ordinarius befördert. Erwähnt sei noch, daß er 1906 mit Margarethe geb. Holste
aus Stettin, eine überaus glückliche Ehe. schloß, die leider kinderlos geblieben ist. — Eine große Freude war es für Großmann, daß die mathematischen und physikalischen Werke seines Vaters gesammelt herausgegeben wurden, und daß er selbst an der Herausgabe Mitwirken konnte. Ebenso hatte er die Genugtuung, daß viele der solange unbeachtet gebliebenen Begriffe und Methoden des Vaters in wenig veränderter Gestalt das unentbehrliche Rüstzeug der mathematischen Physik geworden sind. Er selbst unternahm es, die projektive Geometrie der Ebene auf Grund der Punktrechnung seines Vaters in einem großangelegten Werke barzustellen. Zwei Teile hat er 1909 unb 1913 veröffentlicht, den Druck des dritten, seit Zähren vollendeten, haben leider die Zeitverhältnisse bis jetzt verhindert. — Eine frische, herzgewinnende Persönlichkett von immer heiterer Gemütsart, hat Grahmann in allen Kreisen, in denen er verkehrte, nur Freunde, nie einen Gegner gefunden. Von feinen Schülern, die ihm ohne 2lusnahme-.Liebe unb Verehrung entgegenbrachten, von feinen hiesigen Kollegen, deren viele eng mii ihm befreunbet gewesen sind, von seinen zahlreichen auswärtigen Freunden wird sein allzufrüher Tod schmerzlich betlagt, bei ihnen allen wird fein Andenken nich verlöschen.
** In der Oberrealschule sand am Samstagvormittag die Einweihung der Gebücht n i s a n l a g e für die im Wellkrieg gefallenen Lehrer und Schüler der Anstalt statt. Mit Rücksicht auf die beschränkten Raumverhäll- nisse hatte die Schulleitung neben ben Angehörigen der Gefallenen nur eine kleine Zahl von Gästen eingelaben. Die schlichte Feier tourbc durch Händels Largo, gespielt von ben Studienräten Kraus (Harmonium) unb Hillen- branbt (Cello) unb Stad. Mitterma ier (Violine) eingeleitet. Zwei Deklamationen („ Für uns" unb „Keiner stirbt, der für das Leben fällt") durch Schüler der Anstalt leiteten über zur Gedächtnisrede des Oberstadiendirellors Dr. Schnell, der nach Befrachtungen über ben Weltkrieg ber 20 Jünglinge, die aus der Schule freiwillig den Fahnen gefolgt waren und ihr Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hatten, gedachte, unb die Gedächtnisanlage dem Schatz ber Hauseigentümerin, der Stabt, übergab. Rachdem Bürgermeister Krenzien im Ramen ber Stabt die Anlage übernommen hatte, schloß ein Schülerchir „Traure um die Trauernden, nicht um die Entschlafenen" die eindrucksvolle Feier. Die Anlage kann im Laufe dieser Woche nachmittags nach Meldung bei dem Hausverwalter besichtigt werden.
" Schnapsdiebstahl. In der Rächt vvm verflossenen Samstag zum Sonntag wurden hier 7 Flaschen Rum, 15 Flaschen Kognak, 2 Flaschen Kakao, 4 Flaschen Hamburger und 1 Flasche Vanille, im Werte von 1500 Mk. gestohlen. Vor Ankauf wird gewarnt. Der Bestohlene setzte für die Ermittelung des Täters eine Belohnung von 2000 Mk. aus.
•* Gründung eines republikanischen LehrerbundeS. Man schreibt uns: Am Samstagabend wurde im Hotel Grvßherzog eine Ortsgruppe des republikanischen Lehrerbundes an Bolls-, Mittel- und Hochschulen gegründet. Die Gründung fand unter reger Beteiligung aus allen Kreisen der Lehrerschaft Gießen statt. Es traten der neugebildeten Ortsgruppe sofort 36 Damen und Herren bei, die den Lehrkörpern der ilnU versität, sämtlichen höheren und Volksschulen angehören. Ein demnächst erscheinender Aufruf wird über Ziel und Aufgaben des Bundes aufklären und zu weiteren Deittitten auffordern.
Bornotizen.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, ab heute bis einschließlich Donnerstag: „Das große Radiumgeheimnis", 6. Tell, „Die Bezwinger menschlicher und tterischer Destten" und „Freie Bahn dem Tüchtigen".
— Aus dem Stadttheaterbureau. Am kommenden Samstag, 28. Januar, findet nachmittags eine Schülervorstellung von Lessings „Natyan der Weise" statt. — ES ist der Direkttvn gelungen, das Petz-Kainer-Ballett, das zur Zeit überall das allergrößte Aufsehen erregt, für ein einmaliges Gastspiel am 2. Februar zu gewinnen. Nachdem sich hier schon fast alle bekannten zeitgenössischen Tänzerinnen gezeigt haben, wird es von besonderem Interesse sein, einmal ein Ensemble kennen zu lernen, das in seinen Darbietungen etwas ganz Eigenarttges bringt.
— Die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde veranstaltet morgen tm großen Hörsaale der Universität einen Vortragsabend mit Lichtbildern. Professor Älutc spricht auf Grund eigener Beobachtungen und
Dr. Castelle aus Breslau zum zweiten Male gerufen, unb diesmal kam Löns allein zur Geltung. In ganz knapper Einleitung sprach Dr. Castelle von L ö n s' Stabentenjahren, in denen ber Dichter schon in seiner ganzen Eigenart aus ben Frühwerken herausleuchtete unb ben ersten Anstoß zum „Werwolf" empfing, ber bann ein langes Leben hindurch ftiH reifte. Auch hatte Löns schon in biefen jungen Jahren jenen Volksliebston in sich gespürt, ber seine Lieber „Der kleine Rosengarten" fragt. Ein Ton, ber jedem klugen Leser es unmöglich erscheinen läßt, daß sie auf eine Swaantje Swantanius gebichtrt worden sein sollen. Dr. Castelle wies zu unserer Freude dieses ganz unnötige anmaßliche Schriftstück von ben Wegen seines Dichterfreunbes zurück. Ueber bie Dorträge läßt sich natürlich nicht viel sagen. Der innigen Vertrautheit Castelles mit Der Seele unb dem Werk Löns verdankten alle Zuhörer einen reinen abgestimmten Tag. Durch alle Häuser ber Schwermut, ber Tragik, ber Liebe unb der Heiterkeit hindurch führte Castelle, unb auf feinem Gesicht blitzte die ganze flare Ironie unb das liebevolle Verstehen, das auch aus Löns Augen unb Munbe geredet haben muß, wenn er im Freundeskreis seine Werke vorlas. Dr. Castelle hat das Glück, nach Handschrift, also nach artmit'eibarfter Vorlage, zu sprechen. Besonders wirkte das bei dem „Grasgarten" aus dem Nachlaß unb beim Schtaß- kapitel des „Werwolf", das der Vorstudie, der allerersten Fassung, entnommen war. Dr. Ca
stelles Sprechweise ist auherordentllch beweglich unb legt einen starken Dann auf bie willigen Hörer, so bah alle Bilder unb Geschehnisse wie aus ber eigenen Seele guellenb erlebt werben.
Dr. Sch.
— Zwei Meisterwerke ber gotischen Plastik sinb im Kreise Melle unter altem Gerümpel auf dem Doben eines Bauernhofes aufgefunben worben. Wie Ludwig Bäte in ber Zeitschrift „Riebersachsen" mitteilt, hanbelt es sich um zwei Figuren, die ursprünglich mit dem Rücken aneinanber hafteten unb später auseinanbergesägt wurden. Die Zusammenfügung zweier Figuren ist ja in ber gotischen Plastik öfters vorgekommen, z. B. bei ber Würzburger Doppelmabonna Tilman Riemenschneiders. Die beiden neuaufgefunbenen Figuren stellen die Mutter Gottes mit dem Kinde unb bie heilige Anna dar: es find vorzügliche Werke ber Spätgotik, bie vielleicht von dem fog. Meister von Osnabrück herrühren. Sie wären wohl mit dem alten Gerümpel, unter bem sie sich befanden, vernichtet worden, wenn nicht die Frau des Besitzers daran gedacht hätte, daß der Bildhauer Conrad Siepelmeyer in Melle ein Freund solcher „Scharteken" sei unb sie ihm zum Kauf angeboten hätte. Die beiden Arbeiten stammen wahrscheinlich aus ber lpnge abgebrochenen Kirche ber Ge° meinbe, in ber sie gefunben würben, und find köstliche Schöpfungen der deutschen, speziell ber
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