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Nr. 19

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Erster Blatt

172. Zahrgang

Montag, 25. Januar 1922

Gietzenerrlnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: Vriihl'fche Univ.-Vuch- und 8teindruckerei R. Lange. Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: §chu!strahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 70 Pf., auswärts 90 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mm Breite 300Ps. Bei Platz. Vorschrift 20 Ausschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz, für den übrigen Teil: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Grehen.

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Die Hessische Landwirtschasts- kammer und ihre Schulden.

Don der Landwirtschaftskammer D a r m st a d t geht uns mit der Bitte um Ab- druck folgende Zuschrift zu:

Unter obenstehender Lieberschrift bringt die Rr. 5 des(Siebener Anzeigers" längere Aus­führungen gegen die Landwirtschaftskammer, die in ihrer Art und Form wohl beispiellos dastehen. Daß man gerade den Tag nach dem so gut und wr allgemeinen Befriedigung der hessischen, be­sonders der oberhessischen Landwirte verlaufenen mehrtägigen Kursus in (Sieben benutzt und in ihrer ganzen Art einseitige, demagogische und den Tatsachen widersprechende Ausführungen der Öffentlichkeit übergibt, dürfte wohl nicht unbeabsichtigt sein. So wie diese Bortragskurse der Landwirtschastskammer sich grober Beliebt­heit und immer eines zahlreichen Besuches er­freuen, werden auch die anderen Einrichtungen der Landwirtschaftskammer, die sie als Rach- folgerin der Landwirtschaftlichen Vereine in Ausdehnung ihres Auftragsgebietes im Inter­esse der hessischen Landwirtschaft getroffen hat. von unseren hessischen Landwirten anerkannt, leb­haft benutzt und lobend erwähnt. Daß es dabei auch Landwirte und Stellen neben der Landwirt- fchastskammer gibt, die ihre Einrichtungen nicht mit freundlichen Augen betrachten, ist erklärlich. Es werden in der Aegel solche Personen und Stellen sein, die ihre eigenen Interessen über diejenigen der Allgemeinheit stellen und die sich damit nicht zufrieden geben können, dab eine_ ein­heitliche Organisation der Landwirtschaftsförde­rung in der Landwirtschaftskammer vorhanden ist und dab diese Landwirtschaftskammer alle die Aufgaben übernommen hat, die zu übernehmen chr gebührt und wozu sie verpflichtet ist.

3m einzelnen nehmen wir zu dem Inhalt tote folgt Stellung:

1. Die erfolgreiche Tätigkeit der früheren landwirtschaftlichen Provinzialvereine ist noch nie von den Personen bestritten worden, die führend in der hessischen Landwirtschaft stehen oder tätig dabei Mitwirken. Tatsache ist aber, daß die land­wirtschaftlichen Vereine allein auch in Hessen, ebenso wie sich dies in allen anderen Ländern Deutschlands, sehr frühzeitig in Preuben, ergab, auf die Dauer für die Aufgaben, die im Interesse der Landwirtschaft zu erfüllen waren, nicht aus­reichten.

Preuben ist uns in dieser Beziehung durch Errichtung von Landwirtschaftskammern lange Jahre voraus gewesen. Die Erfolge waren dort unbestritten. Die Errichtung einer auf gesetz­licher Grundlage aufgebauten Derufsvertretung war der Wunsch der hessischen Landwirtschaft, des hessischen Bauernstandes, um so eine Gesamt­vertretung der hessischen Landwirtschaft, die an­erkannt werden muhte, zu erhalten.

2. Jemand, der, aus Fachkreisen stammend, heute noch eine freie Vereinsorganisation für die­jenige S elle hält, die in der Lage ist, die Ge­samtinteressen der Landwirtschaft in allen wich­tigen technischen, wissenschaftlich-technischen und wirtschaftlichen Fragen eines Landes zu ver­treten, der hat für das Wohl und Wehe seines Berufes kein Verständnis.

3. Wer der Auffassung ist, dab heute noch die Geschäfte zur Förderung der hessischen Land­wirtschaft nebenamtlich und in dieser Beziehung, wie der Einsender meint, unentgeltlich erledigt werden können, der hat eben fein Verständnis für die und keine Kenntnis von der Fülle der Aufgaben, welche im Intereffe der Förderung der Landwirtschaft heute mehr denn je zu erledigen sind. Auch früher in den landwirtschaftlichen Prvvinzialvereinen wurde unentgeltliche Tätig- feit nicht mehr geleistet wie heute. So war dem , früheren ©efretär des landwirtschaftlichen Pro- I vinzialvereins in Oberhessen, Oekonomierat Lei- I thiger, dafür, dab er seine Arbeitskraft für die Geschäfte des Provinzialvereins verwenden konnte, ein dritter Landwirtschaftslehrer zur Verfügung gestellt worden. Dieser war mit Herrn Oetonomie- rat Leithiger gemeinsam für den Provinzialverein tätig. Heute werden die Geschäfte von einem akademischen landwirtschaftlichen Beamten in der Geschäftsstelle des Landwirtschaftskammer-Aus­schusses erledigt. Im übrigen fragen wir: Wo sind aus Fachkreisen die Personen, die eine Arbeit unentgeltlich übernehmen würden?

4. Die beiden früher in dem vberhessischen Provinzialverein tätigen Beamten, Oekonomie­rat Leithiger und Sekretär Schwarz, sind mit der Errichtung der Landwirtschaftskammer in diese übergetreten. Aiemand wird ihre Verdienste um die oberhessische und hessische Landwirtschaft be­zweifeln. Wenn der Artikelschreiber aber die Arbeit dieser beiden Männer im Gegensatz zu der­jenigen der Beamten der Landwirtschastskammer bringen will, so machen wir darauf aufmerksam, dab Oekonomierat Leithiger vom Jahre 1907 bis Ende 1918, also 11 Jahre, als leitender Beamter der Landwirtschastskammer tätig war und in dieser Stellung an dem Ausbau und der Aus­gestaltung der Landwirtschaftskammer in erster Linie mittoirfte.

5. Mit Errichtung der Landwirtschaftskammer hat sich in der Durchführung der Maßnahmen gegen früher bei den landwirtschaftlichen Ver­einen fast nichts geändert. Die Aufgaben, welche früher die landwirtschaftlichen Provinzialvereine in den Provinzen ausführten, führen auch heute noch die Provinzausschüsse der Landwirtschafts- fammer durch, mit wenigen Ausnahmen, und zwar derjenigen Mabnahmen, die eme einheitliche Durchführung für das ganze Land erfordern, nämlich das landwirtschaftliche Verfuchswesen und das Vortragswefen. Das letztere wurde früher nicht vom Provinzialverein, sondern den Bezirks-

Vereinen gehandhabt. Die gesamten anderen Auf­gaben, die früher die landwirtschaftlichen Pro­vinzialvereine erledigten, find auch heute noch Aufgabe der Provinzausschüsse dec Landwirt­schaftskammer.

Bureaukratisch konnte die Tätigkeit der Land­wirtschaftskammer nicht sein, wie der Artikel­schreiber behauptet, auch nicht bureaukratischer wie die der Provinzialvereine, denn in der Land- wirtschastslammer find mehr landwirtschaftliche Sachverständige tätig, wie in den landwirtschaft­lichen Provinzialvereinen. Der Landwirtschafts- kammer war es Vorbehalten, tatsächlich den prak­tischen Landwirt in die leitenden Stellen der Or­ganisation zu berufen. An der Spitze der Land- wirtschaftskammer und ihrer Organe in den Pro­vinzen stehen fast dieselben Personen wie bei den landwirtschaftlichen Provinzialvereinen und dem hessischen Landwirtschastscat. Die Beamten, welche früher die Geschäfte bei den landwirtschaftlichen Provinzialvereinen und dem Landwirtschaftsrat führten, sind in die Landwirtschaftskammer über­getreten.

6. Es wurde auch nicht, wie der Artikel- fchreiber behauptet, die Tätigkeit der Bezirks­ausschüsse eingeschränkt dadurch, dab ihnen ver­boten wurde, Vorträge abzuhalten, im Gegen- teil: das gesamte Vortragswesen wurde wohl von der Landwirtschaftskammer einheitlich ge­regelt, aber die Vorschläge, Vorträge zu halten, blieben den untersten Organen in den einzelnen Bezirken der Provinz, den Bezirksausschüfffen, überlassen. Sie machen die Vorschläge für die Vorträge, und sie werden befragt, sobald die Vorträge in ihren Bezirken gehalten werden sollen.

(Sortierung folgt.)

Eine Rede Lloyd Georges.

L o n do n, 21. Jan. (WTB) Von einer sechs­tausendköpfigen Zuhörerschaft stürmisch begrübt, hielt Lloyd George heute auf der national­liberalen Konferenz in der Centralhall in Westminster seine mit Spannung erwartete grobe Rede. Er sagte, die Behauptung, dab Reuwah - len ein Gedanke der Koalitionsliberalen seien, wäre eine reine Erfindung. Die Koalitions­liberalen hätten sich ebenso wie alle anderen Li­beralen für die Reform des Oberhauses verpflich­tet. Ob Aeuwahlen früher oder später kommen und eines Tages mühten sie kommen es könne dem Lande nur eine Politik unterbreitet werden, eii e Politik, die nicht diktiert sei durch Wahl- sorderurgen, sondern durch Beschlüsse des Landes und der Welt. Um das Vertrauen wiederherzustel- len, müsse man sofort Frieden in der gan­zen Welt schaffen. Dies sei die Ausgabe, der sich alle Regierungen gegenüber gestellt sehen. Was sei die Lage der Welt? Grobbritannien habe einen erschöpfenden und verheerenden Krieg ge­führt. Der Handel befinde sich in einer schlimmeren Lage als je. In Grobbritannien seien zwei Mil­lionen Erwerbslose; in den Vereinigten Staaten noch viel mehr. Warum? In der Welt bestehe ein gröberes Bedürfnis nach englischen Waren als je zuvor, jedoch weniger Rachfrage. Richt, dab die Welt den Reichtum nicht erschwingen könne, der sie in den Stand setzen würde, diele Waren zu bezahlen, wenn sie Kredite erhalten werde. Aber Kredite seien unmöglich ohne Ver­trauen und Stabilität. Das Problem, dem Groß- britannien und die ganze Welt gegenüberständen, könne in einem Wort zufammergesa-t werden: Die Wiedeners estu g des inter ationa'en Ver­trauens. (Beifall.- Vertrauen Großbrüa niens in andere Länder, jedoch vor allem das (Bertrauen eines Landes in alle Länder. Internationales Vertrauen sei die Grundlage des internationalen Handels. Grobbritannien fei ein Land, das voll­kommen von dem internationalen Handel ad- hänge. Die elektrischen Ströme des Handels mühten in der erzielten Atmosphäre der Welt notwendigerweise unregelmäßig und schwach lein. Ohne Vertrauen könne Kredit nicht aufgebaut werden, ohne Kredit kein Handel und ohne Han­del kein Unterhalt für unser Volk. Untere Galten werden ungeheuerlich werden, und unser Ban­kerott wird der Welt ins Angesicht starren, wenn keine Aktion ergrif­fen wird, und zwar eine internationale Aktion, nicht eine Aktion eines Landes, sondern aller Länder. (Verfall.) V)ie kann Vertrauen geschaf­fen werden? Ich werde manchmal von meinen Freunden gefragt, weshalb ich einen so groben Teil meiner Zeit interrationalen Angelegenheiten widme und nicht mehr Zeit für innere Fraaen verwende. Ich werde jedoch sagen warum. So­lange nicht der Frieden der Welt wiederher- gestellt wird, sind wir das gröbte Opfer, die größten Leidtragenden. Um Vertrauen wiederher zu st eilen, mub man einen wirklichen Frieden in der W e lt s cha f- f e n. Der Handel hat im Kriege einen groben Stotz erlitten. Er ist jetzt furchtsam und erschreckt. Man mub seine Rerven w eder beleben. Solange Fragen bestehen, die Unruhe erzeugen wird der Handel nicht das notwendige Risiko übernehmen. Der Frieden mutz auf einer festen Grandlage guten Einvernehmens unter allen Völkern begründet fein. Dies ist die erste Bedingung des Wirtschaft sichen Wiederau da res der Welt und dies ist die Ausgabe, der sich die Regierung gegensberges.e ft sieht. : ich! nur un­sere Regierung, sondern alle Recrerungen in der gesamten West iA chatte der Bei all.) Je we­niger die Regie ungen sich in den Handel e kl­inischen, um so befer ist es. Die Jndustrieschutz- bill bezieht sich auf eine rein zeitweilige Lage I von ganz abnormem Charakter. Es gibt ein dringenderes Problem. Wir wollen es auf unser I Banner schreiben: Frieden auf Erden und

den Menschen ein OB o b l gefall en! (Bei­fall.) Wenn man ein allgemeines Einverneh- , men unter den 'Rationen Herstellen will, so er­fordert dies grobe Geduld, denn.es besteht viel Mißtrauen und viel Argwohn. Es gibtLeute, die denken, sie hätten es b u x d) einen Federstrich tun können, wenn f i e vor zwei oder drei Jahren in Versailles gewesen wären. Die Leute, die so denken, haben sicher nicht die ausländische Presse ge­lesen, weder damals, noch heute, sonst würden sie von ihrem Wahn geheilt worden fein. Cs ist jedoch ein Fortschritt gemacht worden. Die Washingtoner Konferenz ist ein bedeutsamer Be­weis dafür, ein Beispiel, dem man folgen mub- Vier Fünftel der Schwierigkeiten find auf Arg­wohn in der Welt zurückzuführen. Die meisten Streitigkeiten entstehen durch Argwohn, der nur beseitigt werden kann durch einen vernünftigen Meinungsaustausch Das ist in Washington er­reicht worden und viel mehr ist noch zu erhoffen, wenn jeder dazu beiträgt, ein gutes Einver­nehmen zwischen den Vereinigten Staaten und Grobbritannien herzustellen. Der Frieden der Welt hängt in grobem Mabe von dieser Grund­lage ab.

Bei den europäischen Ländern hat man es mit alten eingewurzelten Verwicklungen zu tun. Es besteht alter Hab, alte Rivalität, alte Fehde, alter Argwohn und altes Mibtrauen. Wenn man sich mit irgend einem europäischen Pro­blem zu befassen beginnt, dann erkennt man, das) dies nie versagende Geduld, Beharrlichkeit und Stetigkeit erfordert und dab man sich durch zeit­weilige Rückschläge nicht abschrecken lassen darf. Die Männer, die daran dachten, dab sie Europa in zwei oder drei Jahren von seiner Rot be­freien können, find entweder über die wirklichen Verhältnisse nicht unterrichtet oder führen ihr Publikum irre.

Die Ereignisse in Frankreich beweisen, wie vorsichtig man bei so viel herrschendem Argwohn auftreten mub. Es gibt nur einen Weg, um das Ziel zu erreichen. Dieser Weg ist, dab man darauf besteht, die Rationen zu dem Prüfstein der Vernunft und nicht der Gewalt zu bringen. Dies ist zu erreichen durch beharrliche Zusammen­künfte, Erörterungen und Konferenzen. Wenn im Juli 1914 eine Konferenz stattgefunden hätte, bann würde es im August keine Katastrophe gegeben haben. Ohne Meinungsaustausch ent­stehen Mibverständnisse und diese können sich zu Verwicklungen ausreifen. Konferenzen beseitigen die Mibverständnisse und den Argwohn. Jede Konferenz ist eine Sprosse in der Leiter, die zum Frieden auf Erden führt. (Lauter Beifall.) Es gibt Leute, die erklären: Genug mit den Konferenzen! Wir wollen Depeschen und Briese austauschen! Wie ist dies angängig? Jede Partei legt ihren eigenen Standpunkt bar; anstatt dab die Parteien zusammengebracht werden, ver­steifen sie sich nur zu oft auf ihre Lieberzeugungen. Mit einem Briefe ist die Sache nicht gemacht, Mit einer Depesche kann man nicht argumen- tieren und mit einer diplomatischen Mitteilung kann man nicht diskutieren. Man mub sich von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Ich habe den festen Glauben an die schließliche Vernunft der Menschen. Ich bin Optimist. Am meisten treten für die Rückkehr zur alten Diplomatie diejenigen ein, die von ihr verwüstet wurden. Wenn man seinerzeit eine Konferenz nach den neuen Methoden gehabt hätte, dann würden fetzt keine französischen Provinzen auf Wiederherstel­lung warten. Die Männer, die die Konferenzen Haffen, find die Männer der starren Ansichten, die Männer, die nicht gern den Wirklichkeiten gegenübertreten, und es gibt Leute, die niemals einer Wirklichkeit ins Gesicht gesehen haben. Cs ist gut, wenn man sie zwingt, dies hin und wieder zu tun. Alle die, die den Frieden erstreben, müssen den Mut haben, auf den einzigen Weg zu gehen, der zum Frieden führt, und an offene Erörterungen glauben.

In Genua soll jetzt eine Konferenz statt- finden, in vieler Hinsicht die gröbte internationale Konferenz, die je abgehalten wurde. Die Rationen Europas ohne Llnterschied sind zur Teilnahme eingclaben worden. (Beifall.) Sie sind eingeladen worden, weil wir diesen dauernden Kriegen und Kriegsgerüchten ein Ende machen wollen, die für das internationale Wirtschaftsleben genau so nachteilig sind wie der Krieg selbst. An einem Tage hört man, dab Rußland rüstet, um Polen anzugreifen, dab Polen einen Aufstand in der Likraine organisiert, dab Rubland Rumänien an­greifen will oder Finnland einen Teil Rublands angreifen.wird. Man hort, dab einer ber Staaten, der einen Teil Oesterreichs bildete, seinen Rachbar bedroht und dab fein Rachbar ihn bedroht. Das ist keine ©fabiljtät. Auf dieser Grundlage kann kein Wirtschaftsleben aufgebaut werben.

In Mitteleuropa rumort und raffelt es. Wir werden diese Länder zusammenbringen von An­gesicht zu Angesicht, und wir werden sehen, ob die Möglichkeit besteht, sie zu einem vernünftigen Einvernehmen zu bringen. Manche Ceute rufen: Was fünsundvierzig Rationen und tausend Sach- te-ftänbige? Welche Extravaganz, tausend Sach­verständige finanzielle, diplomatische, wirtschaft­liche! Lloyd George erklärt ironisch:Sie sind immer noch billiger als die militari- IchenSachvec ständige n." (Gautcr und an­haltender Beifall.) Wir haben soeben ein? Aus- einanderset'-ung zwilchen denjenigen Rationen zu Ende geführt, die viereinhalb furchtbare Jahre bauerte. An dieser Konferenz nahmen Dreißig Millionen Menschen teil. An der S:e le, wo die Debatte stattland blie en zehn Mil o'en junger Männer tot liegen. Zehn weitere Mst.ionen wur­den verstümn'est Die Ausgaben betrugen fünfzehn Milliarden Pfund Sterling. Lloyd George fuhr fort: Die Völker sollten wieder eine andere Kon­

ferenz versuchen! (Lebhafter Beifall.) Schaut auf das arme Europa! Blutend, verwüstet, öde und in Rot! Gebt uns eine neue Chance, um zusammen zu sprechen, an die Vernunft zu appellieren und um zu sehen, ob der alte G e i st der Brüderschaft, der der ganzen mensch­lichen Rasse zu Grunde liegt, nicht zu einem Zusarnrnenfassen der Hände und zu einem freund­schaftlichen Zusammenwirken führen wird statt zu Konflikten, die Verhängnis und den Ruin über alle bringen. Wenn Staatsmänner aller Rationen auf die Konferenz gehen, entschlossen, das Beste zu tun, entschlossen, die Schwierigkeiten zu be­teiligen und ohne solche zu schaffen, entschlossen, den Argwohn zu beseitigen und nicht zu erhalten, entschlossen, zu helfen und nicht zu behindern und die Augen nicht geschlossen zu hatten, dann wird das Ergebnis dieser Konferenz ein guter Friedenspakt sein.

Lloyd George sagte, er wolle von dieser Stelle, soweit seine schwache Stimme reiche, an alle Männer, die sich in Machtstellung befänden, und an alle Lenker ber Menschheit Den Ru f richten, nach G'.nua zu gehen im GeistebeS Friebens, bann werde Der Frie­den daraus folgen. (Beifall.) Ohne Frieden keine Zuversicht! Daher sei absichtlich auf der Kon­ferenz an die erste Stelle die Frage der Schaffung des Friedens in Europa gesetzt. Wenn man das nicht tue, fei es zweifellos, die Sachverständigen zu ersuchen, finanzielle und Handelskreditpläne zu erörtern. Ein Geschäftsmann gehe bei schlechtem Wetter nicht ins Freie. Er habe genug davon gehabt und fei bis auf die Haut durchnäßt, und könne nirgends seine Kleider trocknen. Zuerst müßten die Wolken teggefegt werden, zuerst müsse der Geschäftsmann eine klare Atmosphäre erhal­ten. Dann werde er Vertrauen haben und ein Missionar des Friedens werden. Ohne Frieden müsse jeder Plan fehlschlagen.

Bezugnehmend auf die Erklärung Sic Robert Cecils, daß die Konferenz von Genua dem Völ­kerbund überlassen werden müsse, sagte Lloyd George, er glaube an den Völkerbund. Wenn man jedoch dem Völkerbund eine Aufgabe stelle, für die er aus besonderen ©rünberi nicht geeignet sei. schädige man damit nur den Völkerbund. Der Völkerbund sei noch im Entstehen begriffen, und jeder Mißerfolg, den er sehr gut vertragen tonne, wenn er fest begründet wäre, würde in dielem Stadium vernichtend auf ihn wirken. Zwei Ra­tionen würden sicher nicht kommen, wenn die Konferenz von Genua, auf der man bestrebt sei, alle Rationen zusammen zu bekommen, unter den Auspizien des Völkerbundes einberufen wor­den wäre, nämlich Amerika und Rußland, die mic dem Völkerbund nichts zu tun haben wollen. Wenn man Frieden schaffen und die wirtschaft­liche Wiederherstellung der Wett erzielen wolle, sei es notwendig daß man diele beiden Rationen nach (Senua bekomme. Die Washin itoner Kon­ferenz errichtete den Frieden im Westen und die Konferenz von Genua werde hoffentlich den Frieden im Osten schaffen. Das ist unser Friedensprogramm. Es wird keinen Frieden geben, wenn nicht ein wirkliches Einvernehmen vorhanden ist und wenn nicht diesem Einver­nehmen beträchtliche Verminderungen der diohen- den Rüstungen folgen, die immer noch auf der Welt lasten. Wenn ein Einvernehmen auf der großen Konferenz von Genua erzielt wird, so werden sicher die Rationen selbst eine Herab­setzung Der Rüstungen verlangen. England hat das Beispiel gegeben. Es seht sein Heer auf den Vorkriegsstand herab und verringert seine Flotte und seine Luftmacht. (Hier folgt di? bereits gemeldete Aeuherung Lloyd Georges über die Reparationen.)

Lloyd George befaßt sich hierauf mit Der Frage Der Herabsetzung Der Ausgaben im Inlande, mit der Frage des Friedens innerhalb der Klassen der Bevölkerung und tritt nachdrücklich für die Aufrechterhaltung der na­tionalen Einheit im Gegensätze zurPanei- volitik ein. Cs würde verhängnisvoll in dieser Stunde sein, zu dem alten Parteikampf zuruck- -ulehren bevor die Aufgabe der nationalen Ein­heit vollendet sei. Zum Schlüsse seiner Rede er­klärte Lloyd George, es sei die Ausgabe des britischen Reiches, zur Schaffung des Friedens auf dem Kontinent beizutragen.

Lieber die Frage der deutschen Repa­rationen sprechend sagte Lloyd George, er gehöre nicht zu denjenigen, die der Ansicht seien, daß Deutschland die Zahlung dieser Summen er­lassen werden müßte. Deutschland habe den Scha­den mutwillig an gerichtet. Frankreich quäle sich unter sehr schweren Lasten, um diese Schäden wieder herzustellen, desgleichen Belgien und Italien sowie die anderen Länder. Deutsch­land soll bezahlen und Deutlchland kann bezahlen! (Beifall.) Deutschland leide, wie jedes andere Land unter dem großen Zusammen­bruch des internationalen Handels. An zweiter Stelle nach Großbritannien hänge Deutschland mehr vom internationalen Handel als jedes andere Land. Deutschland leide, aber das sei mir zeitweilig. Mit dieser Frage konnten st«y Die Sachverständigen befassen. Tatsächlich, seien die Sachverständigen auch, bevor Die Konferenz von Cannes auseinandergegangen sei zu einer Vereinbarung gelangt, die seiner A sicht nach befriedigend und für Deutschland annehmbar ge­wesen sei Lloyd George sagte weiter: Wir haben uns vorläufig darüber geeinigt, und ich halte, daß etwas derartiges auch später geschehen wird, wenn keine Torheit dazwischen kommt. Es ist jedoch eine Frage, die erwogen und auf eine feste Grundlage gestellt werden muß. damit England genau weiß, woran es ist. Verzug ist gefährlich, und je eher die Frage geregelt wird, um so besser ist es.