Erhöhung der SrwerdSwsemmterstützimg.
Berlin, 21. Dez. Laut „Vorwärts"hat das ReichSarbellSministerium vorgeschlagen, die bestehenden Sätze der Crwerbslosenunter- stützung umungefährlOOMk. proTag zu erhöhen.
Personalvermtndenmgea bei der Deichspost?
Berlin, 21. Dez. Der „Lokalanz." berichtet, daß im Reichspostmintsterium eine Besprechung mit den Personalreferenten sämtlicher Oberpostdirektionen stattgefunden hat, in der die Richtlinien für einen einheitlichen Abbau des Personals In allen Bezirken von der Reichspostverwaltung ausgegeben worden sind.
Der neue Buchdrucker-Tarif.
Berlin, 20. Dez. (Wolff.) Rach fast fünfwöchigen Verhandlungen kamen gestern die Verhandlungen über den neuen D u ch - druckertarif zwischen den beteiligten Organisationen zum Abschluß. Der an Stelle der Eigen-Tarifgemeinschaft ttetende Tarif- verttag hat ab 1. Januar Wirkung. Mit der Organisation der Hilfsarbeiter dauern die Verhandlungen noch an.
Aus Hessen.
Ztnn Rücktritt des hessischen Finanzministers wird aus Darmstadt halbamtlich mitgeteilt:
Auf Grund der Besprechung der Vertrauensmänner der Koalitivnsparteien hatte der Staatspräsident die Verhandlungen mit Finanzminister Henrich aufgenommen. Finanzminister Henrich hält sein Rücktritts- aesuch aufrecht, erÄärle sich aber bereit, die Geschäfte des Finanznrinisters bis zur Regelung seiner Rachfolge fortzuführen, da mit Rücksicht auf die bevorstehenden Feiertage eine Zusammenkunft der Koalitionsparteien e 'schverr ist. Bis dahin wird der Staatspräsident seine Entscheidung über das Rücktrittsgesuch des Finanzministers aussehen.
Aus Stabt und Land.
Gießen, den 21. Dezember 1922.
Den Kampf gegen den Alkohol- und N-kotingenutz der Schüler
führt das Landesamt für das Dildunqswesen schon seit längerer Zeit mit aller Tatkraft. Hetzt hat es die Schulvorstände in einem neuen Erlast gebeten, die Fortbildungsschüler durch immer wieder eingehende Belehrung urd durch eindringliche, warnthrrzige Vorstellungen?ju ci em freiwilligen Verzicht auf Alkohol und R i k o t i n zu bewegen. 3n dem Rundschreiben heißt es u. a.:
3n einer Zeit, in der zahlreiche Volksgenossen iatsächlich in ernstester Sorge um das tägliche Brot leben, in der wir unsere Arbeit in Werte umsetzen müssen, die es uns ermöglichm sollen, unentbehrliche Rahrungsmittel und dringend notwendige Rohstoffe, die uns im Inlande fehlen, aus dem Ausland zu beschaffen, in einer solchen Zeit geht es nicht an, dast Hunderte von Millionen für entbehrliche Gemßnrittel ausgegeben werden, und dast sich sogar die Hugend gedankenlos, oder aus ungerechtsettlgter Rachaffung an dieser Verschwendung in früher nie geahntem Llmsang beteiligt.
Wir empfehlen, immer wieder auf die gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Folgen dieser überhandnehmenden Unfitten mahnend und beehrend hinzuweisen und insbesondere auch gerade .fetzt, wo wir die Hugend zur Mithilfe a-; Werk der Nächstenliebe, das von der hessischen Rothilfe ausgrhl, ausrufen, ihr zu Gemüte zu führen, daß doppelt wertvoll die Gabe ist, die durch Entsagung vermeintlicher Genüsse zustande gekommen ist.
* Den älteren Schülern der höheren Lehranstalten must das Verständnis dafür beizubringen
sein, dast sie hierin der gleichalterigen Hugend des Landes mit gutem D.üspiel durch freiwilligen Verzicht vorange'hen müssen, und dast je)er em» zclne von ihnen seinen Einflust auf noch schwankende und unentschlossene Mitschüler im Sinne der Enthaltsamkeit ausüben sollte.
Jedenfalls aber wird eS angezeigt sein, den Schülern aller Schulgattungen erneut in Erinnerung zu bringen, dast ihnen der Wirtshausbesuch vhne Begleitung der Eltern und das Rauchen in der Oeffentlichkeit un'er Strafe verboten ist, und dast mit Rücksicht aus die Zeitlage und die immer weiter um sich greifende Zigarettenseuche Derstöste gegen dieses Verbot mit aller Strenge geahndet werden müssen.
«
** Der P ostbest ekldienst zur Weih- nachts- und Reujahrszeit. Vom Postamt Gießen wird uns mitg.teilt: Orts-Brief- be stel lu ng findet statt: am Sonntag, 24. Dez., vormittags; Montag, 25. Dez., vormittags; Dienstag, 26. Dez., fällt sie aus; Sonntag. 31. Dez., vormittags; Montag, 1. Jan., vormittags und nachmittags. Orts-Geldbestellung: fällt am Sonntcm, 24 Dez., aus; am Montag, 25. Dez., einmalige Bestellung; fällt am Dienstag, 26. Dez., und am Sonntag, 31. Dez., aus; am Montag, 1. Han., einmalige Bestellung. Orts-Paketbestellung findet statt: am Sonntag, 24. Dez., vormittags; Montag, 25. Dez., vormittags (nach Bedürfnis); sie fällt aus am Dienstag, 26. Dez., und am Sonntag, 31. Dez; am Montag. 1. Han., findet Bestellung statt, wem das Bedürfnis dazu gegeben ist. Land-Bestellung: Sonntag, 24. Dez, eine Bestellung nach der Hardt und dem Dergwe.k; Montag, 25. Dez., eine Bestellung von Bciefsendungm und Paket karten nach allen Landorten; Dienstag, 26. Dez., fällt die Bestellung aus; Sonntag, 31. Dez., eine Bestellung nach dec Hardt und dem Bergwerk; Montag, 1. Han., einmalige Driesbestellung nach allen Landorten.
** Die Strahenbahnfahrprelse werden von morgen ab erhobt Eine Fahrt bis zu neun Teilstrecken kostet danach 20 Mk., die längere Fahrt 30 Mk. Die Preise für Fahrscheinhestchm und Abonnements werden gleichfalls herabgesetzt Roheres ist aus der amtlichen Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil ersichtlich.
" Der Preis für den Zucker (gemahlener Zucker und Kristallzucker), dec auf Grund der Reichs uveisung für den Monat Dezember zur Derteitu ig kommt, ist von dec Hessischen Landesversorgungsstelle auf 225 Mark für das Pfund festgesetzt. Für Würfelzu^er erhöht sich dieser Preis um 20 Mark, für Griest» rafsinade um 10 Mark für das Pfund.
** Preisabschlag für Margarine. 3n der Auswirkung der Senkung des Dollar- wertes sind die Margarine-Fabrik', e ckausspreise mit sofortiger Wirkung heute um 125 Mark je Pfund crmäfiigt worden. Der Fabrikverkauss- preis stellt sich hiernach für die beste Sorte auf 1037 Mark, für die geringste Sorte auf 900 Mk. je Pfund. 3n mehreren Ladengeschäften ist bereits Margarine zum Kleinverkaufspreis von 1000 Mk. je Pfund erhältlich
** Verlängerte Gültigkeit der Weihnachtssonntagskarten. Dem reisenden Publikum wird für die Weihnachtstage eine e> wünschte Verkehrserleichterung beschert werden. Die Sonntagskaiten haben nämlich in dieser Woche verlängerte Gültigkeit, und die Reisenden können sie von Samstag nachmittag um 12 älhr bis Dienstag abend um 12 stlhr benutzen. Die Rückfahrt must noch vor Mitternacht angetreten sein.
•• Unter den Bestimmungen des neuenPosttarifs der mit dem 15. Dezember in Geltung getreten ist, ist wenigstens eine, die in ter jetzigen Zeit nicht gerade hart erscheint. Die Glückwunschlarte mit fünf Worten auf der Vorderseite kostet fünf Mark. Das ist für Weihnachten und Reujahc wichtig und ermöglicht wenigstens die Absendung solcher Gratulationen, die ';ns besonders am Herzen liegen.
** D i e Errichtung einer Zwangsinnung der Wagnermeister des Kreises Gießen ist beim Kreisamt beantragt worden. Die beteiligten selbständigen Handwerker sind
aufgcTorbect, in der Zeit vom 20. Dez. d. H. bis 4. Hanuar 1923 mündlich oder schriftlich dem Kreisamt mitzuteilen, ob sie sich für oder gegen die Errichtung der Zwangsinnung auSsprechen.
*'* Die Festsetzung des Wertes der Sachbezüge. Eine Bekanntmachung des Kreisamtes (Vecsichcrungsamt) im neuesten Amtsverkündigungsblatt teilt in Berichtigung der Bekanntmachung vom 27. v. Mts. mit, daß die dort getroffenen Festsetzungen am 1. Dezember 1922 (nicht 1. Huli 1922) in Kraft getreten sind.
** Reue Einkommen st euermarken. Die Ausgabe neuer Einkommensteuermarken zu 500, 1000 und 2000 Mack ist bereits seit einiger Zeit vorbereitet. Die Ausgabe wird, wie verlautet, in Kürze erfolgen. Des weiteren ist die Ausgabe von Einkommensteuermarken zu 3000, 5000 und 10 000 Mark in Aussicht genommen.
** Diebstahl. 3n dec Rächt zum vorigen Sonntag wurde ein Gartenhäuschm auf dem Rah- rungsberg erbrochen und daraus ein Paar Schuhe und ein Sack, gezeichnet H., entwendet. Zurück- gelassen wurde ein noch gut erhaltener Rvhrstuhl. der zweifellos von einem anderen Diebstahl herstammt. Etwaige Eigentümer wollen sich auf der Kriminalabteilung melden. .
Bornotizerr.
— Tages'kale nder für Donnerstag. Astocia-Lichtspiele, ab heute: »Der rote Schalten" und „Tom Murgec der Bankräuber". — Lichtspielhaus, Bahnhvfstrahe, heute: „Der Traum". — Palast-Lichtspiele, ab heute: »At° lantide".
— 3m Lichtspielhaus findet heute eine Sondervorstellung zugunsten der Giehener Rot- standshilfe statt. Zur Vorführung kommt der Film »Der Traum" der nad> einem Roman von Emile Zola bevfaßt worden ist. Der musikalischen Begleitung isst besondere Aufmerksamkeit gewidmet worden. (Siehe Anzeige.)
Wettervoraussage
Fortdauer der bestehenden Wetterlage, Temperaturen um 0 Grad, Rachtsrost.
De- gestern über dem Kanal gehende Tief- d.uckwirbel wirkt sich über Schleswig-Holstein in Regenschauern und wechselnder. Wrnee.l aus. Für Mittel- und Süddeutschsand bediagt das südlich der Alpen liegende Hoch auflläcendes Wetter.
Landkreis Gießen.
tt. Allendorf a. d. Lda., 19. Dez. Am Samstag und Sonntag hatte der Geflügel- zuchtverein Allendorf und Umgebung im Saale d.s Gasthauses zum Bahnhof dahier eine mit 109 Rummern beschickte Ausstellung von Gan'er, Enten Hühn.m und Tauben veranstaltet, die einen guten Besuch aufzuweisen hatte. Die grohe Anzahl der schönen, sich in schönster Entwicklung befindlichen Tiere legt gutes Zeugnis von den Eifer ab, mit dem sich die Aussteller der Züchtung schönen und guten Ceslügels widmen.
Kreis Friedberg.
Pohl-Göns, 20. Dez. 3n unserem Ort grassiert, namentlich unter Den Kindern, in ernster WRse die Grippe. Da fast alle Kinder der oberen Klasse erkrankt sind, muhte der Unterricht ausgesetzt werden.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. D a r m st a d t, 20. Dez. Die angefochtene Stadtverordneten- usw. Wahl war heute nachmittag Gegenstand der Beratung lu:ch den Kreisau shust. Von festen der Deutsch- nationalen Partei war bekanntlich d.e Wahl wegen des von der Sozialdemokratisch e n Partei (durch die m den Wahllokalen stattgehabte K o n t r o 11 e) au grübten Wahlterrrors angefochten worden. Als Vertreter der Dou schnationalen Partei war Aba. Kindt erschienen, der u. a. ausführte, dah durch diese Kontrolle die durch das Gesetz garantier.e freie Wahl eingeschränkt gewesen sei. Der KreisauZschuh fällte sein Urteil dahin, dah die Wahlkontrolle innerhalb der Wahllokale ungesetzlich und daher formell unzulässig sei, da aber nicht erwiesen sei, dah durch die Kontrolle das Wahlergebnis beeinflußt wurde, muhte der Einspruch kostenfällig abgewiesen werden. Voraussichtlich wird diese Ent
scheidung über die Stadtverordnetenwahl auch auf die Behandlung des Einspruchs gegen die Kreistags- und Provinzialtagswahlen von Einsluh sein.
rm. Darmstadt, 21. Dez. Der 22jährige Kaufmann Fritz Wiegand, der seine Braut die 20jährige 3ringard K i e h l i n g in der Rächt zu gestern ermordete, hat durch Ertränken im Groben Woog Selbstmord verübt.
Hessen-Nassau.
fpd. Frankfurt a. M., 20. Dez. Heute vormittag wurde während eines Umzugs von einem Hotel nach einer neu’tbauten Villa aus verschiedenen Körben und Kisten Wäsche, Kleider und ein Oelgemälde im Gesamtwert von acht Millionen Mark gestohlen. Das Gc- mälde ist ein Werk von W. 21. Beer und stellt Kosaken vor einer Dorfschänke dar. — Aus den Adlerwerken■ wurden in der Rächt zum Sonntag Autozünder und Lichtmaschinen im Wert von mehreren Millionen Mark gestohlen.
Kirche und Schule.
X Wieseck, 20. Dez. Bei unseren Wahlen zum Landeskirchentag fielen 35 Stimmen auf Landge^chtsdirettvr Reuenhagen- Die- hen (Stellvertreter Allbürgermeister Leun- Giohen-Linden) und 5 Stimmen auf Riedizinalrat Dr. Walzer- Giehen (Stellvertreter Professor Dr. Weimar); in der zwecken Wahlhandlung verteilten sich die Stimmen ebenso auf Dekan Guhmann- Kirchberg (Pfarrer Köhler- Villingen) uirb Pfarrer Lenz- Lich (Pfarrer Au s f e ld° Giehen); bei der Landesliste erhielt der Wahlvorschlag der .Freien landeskirchlichen Vereinigung" 36 Stimmen, Dec der „ Friedberger Konse.-enz" 1, der der .Positiven (Bereinigung“ 3 Stimmen.
* Leihg estern, 20. Dez. Bei den k r r ch- lichenWahlen wurden als weltliche Abgeord- nete zum Dekanatstag die seitherrgen Kirchen- vorsleher Hoh. Dem III. und Hoh. Georg Faber durch Zuruf wiedergewählt. 2Luf den weltlichen Abgeordneten des Dekanats für den Landeskirchentag Rledizinalrat Dr. W a l g e r und dessen Stellvertreter Prof. Weimar fielen sämtliche abgegebenen Stimmen, ebenso auf Die in der Landesliste Vorgeschlagenen Fenckel-Bern- deck. Es beteiligten sich neunzehntel Der Mitglieder an der Wahl.
: Pohl-Gons, 20. Dez. Am Montag fanden dahier Die kirchlichen Wahlen statt. Für den Dekanats tag wurde Wilhelm Göbel l.» zum Stellvertreter Rechner Anton K o l l m a n n gewählt. — Bei der Wahl zum Landeskirchentag erhielten die Vorschläge W a I g e r 13, Reuenhagen 12; Dekan Guhmann 21; Pfarrer Lenz 4 Stimmen. — Bei der Lairdesliste erhielt der zweite Wahlvorschlag 3; Der fünfte Wahl- Vorschlag 15 und der erste Wahlvorschlag 7 Stimmen.
)( Orten berg, 20. Dez. Als Abgeordnete zum Dekanatstag wählten die kirchlichen Körperschaften Friedrich Denz als Abgeordneten u:6 Heinrich Streuber und Heinrich Frisch als Stellvertreter.
)( Libberg, 20. Dez. Unsere neuen Kir-» chenglocken sind am vorigen Sonntag hier ein- getroffen und in feierlicher Weise eingeholt worden. Kommenden Sonntag werden sie eingeweiht, so dah sie noch am heiligen Abend erflIngen; können. Die Glocken wurden aus einer amerikanischen Stiftung angeschafff, sie tragen die Zuschriften: »Wir läuten die Hoffnung, den Frieden, den Glauben, tnag keine Macht uns den Frieden rauben" und „Rach Krieg und Leid, in harter Zeit ruf ich erneut zur Seligkeit." 3nfolge der Höhe der Stiftung konnte unsere Kirche auch mit Der schon so lange entbehrten Heizung und die Eingangstüre mit einem Windfang versehen werden. Ferner ist Die Einrichtung des elektrischen Lichtes vorgesehen, das ebenfalls schon am heiligen Abend brennen soll.
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Berlin 6800, Frankfurt a. M. 6900.
Die Herweghs.
Eine rechts rheinische Geschichte von LieSVet Dill.
67. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Dah es Ihnen früher hier gefiel, habe ich verstanden. Denn es gibt kein zweites Rheinaü; aber nach den Vorkommnissen darf es 3hnen jetzt nicht mehr hier gefallen. Verstehen Sie denn das nicht?"
Er antwortete nicht. Sein Blick bekam etwas Starres, Kaltes. So hatte er krnmals auf der Anklagebank gesessen, Herbert hatte es ihr vvr- gemacht.
„Fräulein Schmidt," sagte er nach einer Weile, „wir leben in zwei Welten. 3n Der 3hren ist kein Platz mehr für mich Mein blankes Anwaltsschild hat mir der Wärter droben in der Taunusstrahe vor dem Eingang abgenommen und in meine Wohnung ist Kollege Ehrlich gezogen."
„Run, Sie hätten ja doch nicht mehr hineinziehen können," warf sie ein.
„Und meine Familie hat mich aufgegeben. Was ich ihr übrigens nicht verarge, Denn ich hatte mich ja selbst aufgegeben. Damals, als ich vor den Mauern Rhernoabens stand, vor drei Wochen ungefähr, dachte ich zuerst an meinen besten Freund —“
Run kommt er sicher wieder mit dem Kotten- Han, dachte sie. Aber Ernst griff in feine Tasche und legte eine deine Drowningpistole auf den Tisch.
Die alte Dame wich entsetzt zurück. „Rehmen Sie das weg, Ernst, denn es kann losgehen."
„Es geht nicht von selbst los, Fräulein Schmidt, und in 3hrer Gegenwart mich zu erschießen, davon hall mich noch so ein Rest von Ritterlichkeit ab.“ Er steckte die Pistole gelassen wieder in die Tasche. „Ha, die Welt sieht nämlich merkwürdig verändert aus für einen, der aus Rheinbaben kommt, da lief mir Goldenberg in die Arme--“
„Der Halsabschneider?"
„Er bot mir diese Wohnung an. Sie stand gerade frei, und ich zog ein. Und die Packer hatten noch nicht mal die Model abgeladen, als der alte Dantelmann anfam, Der von einem Dries-
boten gehört hatte, ich sei wieder zurück. Er bot sich mir zur Hille an, und nun haben wir uns assoziiert. Er für Die Ordnung, ich fürs Geschäft, und noch ehe das Schild angemacht war, kamen die Klienten. Für das übrige sorgt Kottenhan, mit dem ich abends musiziere."
„3ch denke, der ist verrückt?" sagte Fräulein Schmidt.
„Ein großartiger Orgelspieler, wir übzn jetzt alte Musik auf ganz merkwürdig klingenden 3n- flrumenten. Haven Sie mal das groste Konzert von Eoreilli gehört, oder das in 0°Moll von Divaldi? Er spielt das Cembalo entzückend."
„Seine Familie soll ihn aber ganz auf gegeben haben," beharrte sie.
„Man soll keinen Menschlen aufgeben,“ sagte Ernst, „noch über andere zu Gericht sitzen. Wir sind alle schuldig." Er ergriff die kleine Hand in dem braunen Handschuh „Sie besuchen Whistkränzchen, ich Herrn Kottenhan Wenn Sie etwa hergekommen sein sollten, meine Seele zu retten, geben Sie sich keine Mühe. 3ch fühle mich so wohl, wie in meinem ganzen Leben noch nicht! Erinnern Sie sich viell.icht noch an mene Hochzeit, qm Abend, ehe wir fortfuhren und Liane deklamierte?"
„Hawohl, mit zwei Kerzen rechts und links auf einem schwarzverhangenen Pull. Die Ballade von Dem Verbrecher."
Ernst schien in Welle Fernen zu schauen, ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Mit Schritten wie befreit. Das muh man durchgemacht haben, Fräulein Schmidt! Diese völlige Loslösung von allem, was uns elnengte. 3ch hab' oft daran denken müssen," fuhr er fort.
„Wie sagt der Apostel? Bande der Trübsal warten pteiner, aber ich achte der keines. Ich halte mein Leben auch nicht selbst teuer, auf dah ich vollende meinen Laus mit Freuden."
»Seit Warrn lesen Sie Die Bibel, Herr Ernst?"
„3a, Fräulein Schmidt, Der eine liest Leihbibliotheksromane, Der andere Die Heilige Schrift. Das beweist aber nichts, Denn es gibt brave Leute, die die Bibel nicht kennen, und man kann die Heilige Sch.ift auswendig kennen und doch ein ganz miserabler Kerl sein."
„Sehr richtig. Da gehen Sie wohl auch lieber in Die Kirche?"
„Rein," sagte Emst, „Dort sind mir zuviel Backsteine. 3ch muh dann an Eppenhausen denken, und das bekommt mir nicht gut.“ Er reckte die Arme. „Ich bin ja so reich Fräulein Schmidt, so froh und so glücklich. Begreifen Sie das Denn immer noch nicht? Ich brauche niemand mehr Moral zu predigen, keinen Schmuck mehr auf- zubewahren und keinen Witwen mehr Geld nach Italien zu schicken, hab' meine Gläubiger bezahlt und hab' keine Kopfschmerzen mehr!
Ich bin frei!
Cs kommt nicht Darauf an, dast uns andere freisprechm, sondern dah man das s-lber kann, und das hab' ich getan. Ich mache aber auch niemand einen Vorwurf, denn an seinem' Schicksal ist jeder selbst schuld. Ich habe nicht immer mit meinem Hauswirt Flöte gespielt, sondern bin auch mal auf Redouten gegangen, und gewlh nicht, um Grete Kollln kennenzulernen. Aber ich lernte sie Dort kennen, sie war hübsch und gefiel mir, und als sie Dann noch gestand, sie spiele Klavier —"
„Ha, sie hat immer die ^Unwahrheit gesagt." „Aber nein, sie nahm eS nur nicht so genau, und nur ich war so töricht, alles zu glauben."
„Werrn Sie denn bei anderen alles entschuldigen, Herr Ernst, und sich selbst alles aufbürben, dann waren Sie wohl auch an Dem Diebstahl damals schuld. Sie wissen doch, die zweitausend Mark?"
HnD siehe, er schloß wieder Die Augen.
Das muhte so eine Angewohnheit sein, wenn ihm etwas peinlich war.
„Indirekt war ich auch daran schuld," sagte er. „Ich hätte das Geld an mich nehmen müssen, denn ich hatte die Verantwortung dafür. Aber lassen wir Die alten Geschichten. Die Polizei, Deren Sache es war, hat versagt. Der Bürger ruft immer gleich nach Der Polizei, und saht sie zu, dann tat)eit er, und tut sie es nicht, so tadelt er erst recht. Man sollte nicht soviel anderen zu- schieben, sondern erst mit sich im reinen sein, älnd wer Ist das von uns? — Ich bin nicht auf das Schiff gegangen, das nach Australien fuhr," fuhr er fort, „und in Der Anstalt wollten sie mich nicht mehr länger behalten, ich bin also wieder
gebrochen, dann hatf ich Wiederkehr versprochen, ich komme, Mutter, alles ist erfüllt. Wabner fang das so wunderbar, wissen Sie noch? Ich hab' hier meinen Laden wieder aufgemacht, das Geschäft blüht, auch ohne Schild, und jetzt kann ich mich endlich Der Musik widmen. Es war ein Trauerspiel, Fräulein Schmidt, denn die Hauptsache ist doch, dah man „Späh" hat, jeder auf seine Art, nicht wahr? .Ich hab' nicht viel „Späh", gehabt bis jetzt. Aber das soll anders werden. Stolzenberg gibt bald etwas von mir heraus: „Tanz Der Erinnyen". LieDer werden folgen. Ich bin sogar dem Händel-Verein beigetreten."
„Dem hiesigen Gesangverein!"
„Wir fingen die „Walpurgisnacht". Chor der Druiden und Heiden, Ballade von Goethe, der Kampf um Den Glauben."
„Aber bedenken Sie doch ums Himmels willen, Herr Ernst," fagte das verstörte Fräulein, das jetzt wieder zu srch kam. „Wenn Sie Dort einer Ihrer Bekannten sähe, im Chor auf dem Podium» und der Tenor steht ganz vorn!"
Aber Ernst hörte nicht mehr, er eilte an das offene Klavier und begann das stürmische Vorspiel: „älnwetter, Regen und Sturm." Das allegro assai setzte so wuchtig ein, dah die Rosetten Der Klavierlampen klirrten und die Prismen des Kronleuchters aneinander-schlugen. „Es lacht Der Mai," erhob er seinen warmen, schwingenden Tenor. Er warf Den Kopf zurück und fang Die teere Wand an.
„Der Wald ist frei, doch eilen wir nach oben, Begehn den alten heil'gen Brauch Allvater dort zu loben.
Die Flamme lodre durch Den Rauch hinauf, hinauf."
„Ist das nicht herrlich Fräulein Schmidt?- Er spielte und fang:
„Ach die harten UebertotnDer — —
11 nD wir alle
Rahen uns gewissem Falle."
Er ging zu dem Baritonfolo des allen Priesters über. „Wer Opfer heut zu bringen scheut, verdient erst seine Bande," fang er mit leuchtenden! Augen. „Der Wald ist frei, das Holl herbei, und schichtet es zum Brande!" Die Läufe rollten und rauschten. „Dann aber Iaht mit frischem Mut uns unsere Pflicht erfüllen." (Schluh folgt)
gekommen. Wenn auch nicht als Hans Helling: Wenn mein Kranz verblüht, wenn mein Herz
Ss» m


