L-Swechmg« «S bem -Sasrgebiet.
Saarbrücken, 20. Sept. (WLD.) Der verantwortliche Redakteur Bernhard Rausch und der politische Redakteur Kurt Lehmann, beide von der „Saarbrückener Volksstimme", sind ohne Angabe von Gründen von der Saarregierung aufgefordert worden, das Saargebiet binnen 24 Stundenzuverlassen.
Aus Stabt und Land.
Diehen, den 20. September 1922.
Elternabend in der Stadtmädchenschule.
Wan berichtet uns: Auf Anregung aiä Elternkreisen hatten Rektor und Lehrerrat der Stadtmädchenschule die Eltern der Schü- ferimten aus Dienstag abend 6 illjr zu einer gemeinsamen Konferenz in den Zeichensaal der Schule eingeladen. Eine stattliche Elternschar war der Einladung gefolgt und füllte den groben Saal bis zum letzten Platze. Zweck der Zusammenkunft war und sollte sein die Besprechung wichtiger schultechnischer Fragen und die Entgegennahme und Erörterung von Wünschen aus der Mitte der Elternschaft, um sie gegebenenfalls mit 'Beginn des Winterhalbjahres berücksichtigen zu können. Die Besprechung, an der sich die Herren Landgerichtsrat T r ü m p er t. Oberstudiendirektvr Dr. Roller, Amtsarzt Dr. Schüppert, Frau Assistent Maier, Lokomotivführer W ü l le r. die Lehrer Klein und H. Hahn u. a. beteiligten, zeigte erfreulicherweise. daß man einmütig auf dem Boden der Einheitsschule steht, und besonders erfreulich war die Feststellung aus berufenem Munde, dah diese — nach der zu Ostern erstmalig erfolgten Äebernahme von Kindern in die höheren Schulen zu urteilen — auch in der Dorbereitung für die höheren Schulen voll und ganz ihre Schuldigkeit tut und die an sie gestalten Erwartungen erfüllt. Die Mängel, die ihr — wie jedem Gebild aus Menschenkind - anhaften, teilt sie mit allen Schulen, oder sie sind eine bedauernswerte Folge des stetigen Raummangels. (Die Stadtmädchenschule hat beispielsweise 25 Säle, darunter einen von der Stadtknabenschule geliehenen, zur Verfügung, und darin müssen 28 Schul- und 8 Fortbildungsschulklassen unterrichtet werden.) Diese verhängnisvolle Raumnot stand dann auch ständig im Mittelpunkt der zwei Stunden dauernden Besprechung, und von ihrer Beseitigung erhofft man einen wesent- lichen^ Fortschritt in der Entwicklung der Schule. Einmütig wurde daher beschlossen, folgende Eingabe an die mahgebenden Behörden zu richten:
„Die im Zeichensaale der Stadtmädchenschulc zahlreich versammelten Eltern von Bolls- und Fortbildungsschülerinnen sehen in dem dauernden Raummangel der Gießener Volksschulen eine ungeheure Erschwerung der Schularbeit nach der erzieherischen und unterrichtlichen Seite hin sowie ein äutzerst nachteiliges Moment für die gesundheitliche Entwicklung der Kinder.
Die Elternschaft ist überzeugt, dah nur durch sofortige Bereitstellung einer genügenden Anzahl einwandfreier Schulräume dem liebel gesteuert und der Schale eine gedeihliche, dem Wohle der Kinder zum Segen gereichende Tätigkeit und Entwicklung ermöglicht werden kann. Sie richtet daher an alle zuständigen Behörden und Dienststellen die dringende Bitte, die Bereitstellung der nötigen Räume ungesäumt in die Wege zu leiten. Sja es sich um das körperliche und geistige Wohl und Gedeihen unserer Jugend handelt, darf die Kostenfrage nicht entscheidend ins Gewicht sallen."
, BaalsfempeL
Roman von Margarete v. Oerhen- F ü n f g e l d.
28. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Heinz bih die Zähne aufeinander. Was muhte er noch vorlegen aus seinem Musterkoffer.
„Einen Reifer," sagte Bertens sanft, „vielleicht die Stretta aus dem „Troubadour"?"
Heinz fühlte eine ungeahnte Rervosität seines ganzen inneren Menschen sich bemächtigen.
Vormittags um 11 Ähr die Stretta! Woher die Stimmung nehmen?
Aber wie hatte sein Professor einst gesprochen: Reben der höchsten Gabe der künstlerischen Intuition, die dem wahren Künstler nicht jederzeit zu Gebote stehen kann und darf — gehöre zu dessen wertvollstem Besitz ein Fundus wirklichen Könnens, das ihm unter allen Umständen zur Verfügung ist! Dies kann im Rotfall das andere ersehen. Das andere aber erseht dieses nie."
Unter den funkelnden Brillengläsern seines Richters setzte Heinz ein.
Der Agent betrachtete seine Stieselspitzen, den Fuh sacht hin und her bewegend. Heinz wiederum sah nur den sich stets bewegenden Fuh — und plötzlich verlieb ihn das GÜ>ächtnis — aber die strahlende Schlußnote erllang in reicher Fülle.
Er selbst empfand sie wie ein Hohngelächter, in dem er sich über seine Zuhörer lustig machte.
Der Direktor lieh ein Knurren hören.
Bertens übersetzte es mit: „Wieviel?" und sah Heinz fragend unb zugleich etwas warnend an.
Doch Heinz befand sich in einem Stadium von Äebermut und Verzweiflung in sonderbarem Gemisch.
„Tausend Mark," warf er lässig hin.
„Wa — was — mo — monatlich?" stotterte der Herr im Lehnstuhl und erhob stch halb.
Heinz nickte vornehm.
Da stand der andere sehr rasch auf seinen Fühen.
„Bei mirr nicht! Bei mirr nicht!" rief er heiser, mit beiden Händen heftig abwehre^rd. Änd bevor noch der Agent, der sich heimllch vor Lachen schüttelte, den Mund aufgetan, schoh der Herr Direktor aus Böhmen «jur Tür hinaus.
»Das haben Sie gescheit gemacht," sagte Bertens, sich die Augen wischend. „Wie kann man so unverschämt fein, wenn man so in der Tinte sitzt, mein Lieber? Run — ja, nun bin ich am Ende meiner Weisheit! Gepatzt haben Sie auch noch!"
„Schadet nichts," erwiderte Güldewin grimmig. „Lieber will ich Hinterm Ladentisch Butter abwiegen, als auf den Brettern solcher Musentempel Treppen hinauf und hinab tanzen. Servus, verehrter Herr! Jetzt habe ich Hunger!"
Das hessische Gewerbe und die technische Nothilfe.
Die von der Hauptversammlung des Hessischen L an des g e werbe ve r e i n s am Sonntag in Drehen einstimmig angenommene Enlschliehung über die Technische Rothilfe hat, wie wir in Ergänzung unseres Berichtes vom Montag noch mitteilen möchten, folgenden Wortlaut:
„Die Hauptversammlung des Hessischen Landesgewerbevereins in (Sieben erblickt in der Technischen Rothilfe beim Reichsministerium des Innern die zur Abwehr der durch Stillegung lebenswichtiger Betriebe bewirkten Angriffe auf Leben und Gesundheit unseres Volkes berufene und bestens bewährte Organisation und hält angesichts der fortgesetzten Bedrohung gemeinnötiger Änternehmungen durch unverantwortliche Minderheiten den wirksamen Ausbau der Rothilse für ein unbedingtes Erfordernis wirtschaftlicher und staatlicher Sicherung. Richt minder notwendig aber ist aktivste Mitarbeit aller um Deutschlands wirtschaftliche Zukunft besorgten Staatsbürger am Merke der Technischen Rothilfe, damit in Fällen höchster Rot wirklich durchgreifende Hilfe geleistet werden kann. Eine besondere Verpflichtung obliegt den sachlich geschulten Teilen unseres Volkes, da sie die wertvollsten Kräfte bei der Äeber- nahme eines lebenswichtigen Werkes darstellen. Der Hessische Landesgewerbeverein erwartet daher von seinen Mitgliedern, dah sie in Würdigung ihrer Bedeutung für die Rothilfe diese bei der Wahrung der Gemeinschastsinteressen nach bestem Vermögen durch werktätige Hilfe unterstützen und in ihren Derufskreifen dem sozialen, menschlichen und sittlichen Gedanken dieses wirtschaftlichen Hilsswerks neue Freunde werben."
** Eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses findet am Samstag, 23. Septbr., Dor mittags 8 Vo Ähr, im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes. Landgraf-Philipp-Platz Rr. 3, statt. Auf der Tagesordnung stehen: 1. Klage des Ioh. Heinrich Schmidt II. und Genossen in Lich gegen die Gemeinde Lich, hier: Berufung der Kläger gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises (Sieben vom 1. Juni 1922. 2. Aufnahme der Frau Geh. Regierungsrat August Spangenberg in Giehen in den hessische Staatsverband. 3. Klage der Gemeinde Hirzenhain gegen die Gemeinde Äsenborn wegen Abänderung der Gemarkungsgrenze Hirzenhäin-Äsenborn; hier: Berufung gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 14. Rovembe: 1921.
* * Amtliche P e rs o na l n a ch r ich t e n. Ernannt wurden am 8. September, der Karl Geisel zu Friedberg zum Amtsgchilfei ai der Taubstummenanstalt zu Friedberg, der We. klehrer Rudolf Schultz zu Friedberg zum Werkmeister an der Blindenanstalt zu Friedberg, der Werklehrer Jakob Wurm zu Friedberg zum Werkmeister an der Blindenanstalt zu Friedberg, sämtlich mit Wirkung vorn 1. April 1922 an. — Ernannt wurde am 12. August der Kreisschulrat bei dem Kreisschulamt Mainz Zatob Rohr zum Stadtschulrat bei dem Stadtfchulamt Mainz mit Wirkung vom 20. Juli 1922 ab. — Ernannt wurde am 12. September der provisorische Lehrer an der Fortbildungsschule zu Darmstadt Dr. Philipp Ze i g e r zu Darmstadt mit Wirkung vom 1. April 1922 an zum Fachlehrer an der Fortbildungsschule zu Darmstadt. — Ernannt wurden: am 13. September der provisorische Lehrer an der Fortbildungsschule zu Friedberg Walter Heimann mit Wirkung vom Tag des Diensteintritts ab zum Fachlehrer an der Fortbildungsschule zu Friedberg: der provisorische Lehrer an der Fortbildungsschule zu Friedberg Otto Qaumer mit Wirkung vom 1. April 1922 ab zum Fachlehrer an der Fortbildungsschule zu Friedberg: am 12. September der Ingenieur Oswald Richard Jacob zu Darmstadt mit Wirkung vom Tage K»csBK0KgnBnvQCTam«MUBmB«BaiHBEaBana9nauBQsai
Er ab in der Rähe zu Wittag und schlenderte dann in das unvermeidliche Kaffeehaus.
Kaum hatte er seine Zeitung entfaltet, als ein Zunge auf ihn zutrat: er sei schon zweimal am Fernsprecher verlangt worden.
Heinz folgte ihm mit neu erregten Lebensgeistern. Das Leben im (Safe um die Mittagstunde flaute ziemlich ab, wenigstens waren es nicht die Stammgäste, die nun die Tische besetzten. Der blaue Rauch hing zäh und schläfrig über den Rischen, und auber diskretem Löffelgeklirr und dem Knistern der Zeitungen vernahm man kaum einen Laut.
„Der Herr hat feinen Ramen angegeben. Hier Ist er.“
Heinz las. Donnerwetter, Bertens! Da kam er ja gerade her!
Er llingelte an.
„Hier Güldewin —“
„Ra, dacht' ich mir's doch. Sie haben ja einen Dusel, Mensch — Frau Doktor Bode hat Sie gehört — vorher von meinem Vorzimmer aus — Sie kennen doch Frau Doktor Bode?"
„Rein," rief Heinz ärgerlich enttäuscht.
„ . . . Steht Bayreuth nahe. Wünscht Sie kennenzulernen. Um fünf bei mir, ja?"
Heinz war sprachlos. Der Hörer zitterte in seiner Hand. Es wurde ihm schwer, seine Zusage zu geben, so wenig beherrschte er seine Stimme.
Sollte das Glück ihm wieder hold werden? Das mit Lilh entschwundene rätselhafte Künstlerglück?
„Schon gut!" rief es drüben, „Schlub!"
Heinz taumelte mehr, als er ging. Änd in dem mit braunem Rupfen ausgeschlagenen Gang, auf dieser oben, leeren Zeile, die zum Cafö zu- rückführie, strömte ihm voll die alte Begeisterung zum Herzen — die mit Gewalt vernichtete Freude an der eigenen künstlerischen Schickung —.
Die Spannkrast kehrte wieder: fein Auge leuchtete wie früher, da er sein Monstrum auf den Bauch schlug.
Die Kaffeehausluft widerte ihn plötzlich an. Er mischte sich von neuem unter die lachenden, schwatzenden Menschen der <5trabe, denen der April in den Knochen steckte mit seinen Frühlingsahnungen, seinen Erinnerungen an lustig- melancholisches Wandern durch den (Srunetoatb. an milden, grünenden Äsern entlang.
Bayreuth! Ein Schauer überlief ihn beim bloben Rennen des Ramens. Das war eine geweihte Stätte. Dis zu diesem Thron drang er nicht, all der häßliche Bühnenllatsch, drangen sie nicht, all die kleinen Theatermiseren — ja, nicht einmal die von auben, die wie glänzende Raupen aus ihren reichen ©arten hinüberkrochen auf das fremde, lockende Gebiet der Dühnenwelt. die füben, holden Lilys, deren es so viele gab auf Erden.
des Dienstantritts ab zum Fachlehrer an der Fortbildungsschule zu Ober-Ramstadt. Kreis Darmstadt. — Am 13. September wurde der Hauptstaatskusseoberbuchhalter Otto Meyer z i Darmstadt vom I. Oktober d. I. ab zum Haupt- staatskassier bei der Hauptstaatskasse ernannt. — Durch Verfügung des Hessischen Landesamres für das Bildungswesen wurden die Studienreferendare Dr Else G u t e r m u t h and Dr. Berta Scheld mit Wirkung vom 1. Oktober 1922 ab zu Studienassessoren ernannt.
D i e Reuwahl der Stadtverordneten-, Kreistags - und Provinzialtagsmitglieder betrifft eine Bekanntmachung des Oberbürgermeisters in unserem heutigen Anzeigenteil, die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser empfehlen.
• * Pässe zum Verkehr mit dem besetzten Gebiet. Zu unserer gestrigen Mitteilung ül>- die Ausstellung von Pässen zum Verkehr nur dem besetzten Gebiet wird uns mit- gcteilt, dab das vor geschriebene Formular für die in der Stadt Giehen wohnenden Personen nicht auf der Bürgermeisterei, sondern auf dem Polizeiamt ausgestellt wird.
** Der Teuerungszuschlag für Fernsprechgebühren wird ab 1. Oktober auf 600 v H. erhöht. Die Teilnehmer können die Fernsprecheinrichtungen bis 25. September zum 30. September kündigen
Allerlei Diebstähle. In der Rächt zu gestern wurden aus einem an der Bahnlinie Giehen—Rödgen gelegenen Aufenthalts raum für Bahnarbeiter nachstehende Bekleidungsstücke entwendet: eine blaue Manchesterhose, ein blauer Arbeiterkittel, ein brauner Rock, eine lederne Weste, eine Winterjoppe, eine neue feldgraue Drillichjacke, eine weihe Arbeiterhose, eine neue schwarze Drillichjacke, ein Leibriemen und vier Stück Seife. — Vorgestern gegen 6i/» Ähr nachmittags wurde in hiesiger Stadt eine vierteilige, aus grünem Segeltuch angefertigte Zeltbahn im Werte von 3000 Mk. entwendet. — In der Rächt zum 5. September wurde ein auf dem Gelände des hiesigen Bahnhofs aufgestellter zweiräderiger Stohkarren mit der Aufschrift Dm. 1 Gießen gestohlen. — Am 19. September wurde aus feinem Garten an der Lahn eine 3 Monate alte, zur Zucht geeignete Häsig, Blaue Wiener, entwendet. Vor Ankauf dieser gestohlenen Gegenstände wird gewarnt. — Zum Verkauf angeboten wurde in einem hiesigen Geschäft eine Emaillebrosche mit Photographie eines Mädchen in Doubleeinfassung, in welcher sich am unteren Teil ein kleiner, blauer Stein befindet. Die Brosche flammt offenbar aus einem Diebstahl her. Eigentumsberechtigte wollen sich mit der hiesigen Kriminalpolizei ins Benehmen sehen, rm. D i e hessische Wanderausstel- lung der Arbeitsgemeinschaft für bildende K un st hat am 15. September ihre Rundreise mit 116 Oelbildern, 165 Aquarellen und Graphiken, sowie verschiedenen Plastiken angetreten. Die Reise beginnt in Offenbach und führt dann nach Gießen, Darmstadt, Mainz und Worms und anderen noch zu bestimmenden Städten. Die Ausstellung in Offenbach wird am 24. September eröffnet
** Der Lichtbildervortrag über Japan, welcher am Dienstag abend in der Stadtkirche ftattfanb, war trotz des schlechten Wetters recht gut besucht. Pfarrer Hunziker aus Zürich, seither Missionar des Allgemeinen Evangelischen Missionsvereins in Japan, sprach einleitend über die besondere Kultur und religiöse Eigenart des japanischen Volkes und wies vor allem darauf 'hin, wie schwer es dem Fremden fei, sich in die Seele dieses Volkes zu versetzen. Deshalb dürfe auch die Mission nicht mit fertigen Formen an den Japaner heran treten, sondern müsse versuchen, mit möglichster Schonung der geschichtlichen Traditionen und nationalen Eigenart christlichem Geist Einfluß zu verschaffen. Die
Er warf den Kopf zurück, als wolle er eine Biene verscheuchen, die ihn umfummte.
Mitten im Gedränge blieb er stehen, so dah die hinter ihm Kommenden an ihn prallten und' — und je nach Charakter und Erziehung — schimpften oder sich entschuldigten.
Hetzt sah er es ganz klar: Die Kunst duldete keinen Götzen neben sich! Sie duldete das Weib im Leben des Künstlers nur als Dienerin ihrer selbst, als Rivalin.
Der Heinz Güldewin, der um fünf das Der- tenssche Bureau betrat, war ein anderer als der Heinz Güldewin von elf Ähr vormittags. Es war schwer, zu bestimmen, worin diese Veränderung tag. doch Bertens bemerkte sie sofort.
Ohne viel Worte zu machen, führte er Heinz in seinen kleinen Privatraum, wo eine ältere Dame mit sehr feinen, klugen Zügen, in schlichte, schwarze Seide gekleidet, ihn erwartete.
Diese alte Dame hatte den leichten Schritt eines jungen Mädchens.
Heinz wunderte sich über die diskrete Jugendlichkeit dieser, allem Auffallenden abholden Erscheinung.
Bertens stellte vor. Frau Doktor Bode verwickelte Heinz sogleich in ein Gespräch, das alle möglichen Gebiete berührte, nur . . . das Theater nicht.
Alles an ihr atmete die zarte, vollendete Künstlerschaft eines jener Menschen, die sich niemals künstlerisch betätigt haben und deren ganzes Wesen doch durchdrungen ist von echtem Künstlertum.
Ganz am Schluß ihrer Unterredung beugte sich Frau Doktor Bode leicht vor: „Würden Sie mir wohl etwas Vorsingen?"
Er schreckte nervös zusammen.
„Aber um Gottes willen nicht den Begleiter von heute früh!"
Sie sah ihn freundlich an. „Oh, ich weih . . . nein, nein, wenn Sie erlauben, werde ich das selbst besorgen —."
Heber die elektrische Birne von mattem Glas sank tief ein dünner, roter Schleier. Das blau- gebeizte Holz des echten Schreibtisches fügte sich m die warme Tpnung mit weichen Schatten von der Farbe der Schwalbenflügel. Auf dem dicken Perserteppich verschwamm das Muster zu einem mächtigen Blumenbeet.
Bercens war still hinausgegangen.
Da setzte sich die alte, feine Frau an den Flügel — es war nicht das Probeklavier des Morgens — und blickte einen Augenblick versonnen auf die Tasten. Das lotosfarbene Weih des Elfenbeins schimmerte in seiner unberührten Glätte keusch und kühl.
Güldewrn nahm dies alles wie von einem Traum umfangen in sich auf; ihm war, als schwämme er in einem dunklen Wasser ohne Zick.
Die ersten Töne schlugen an fein Ohr wie
anschließenden Lichtbilder waren wundervoll in ihrer Ausführung und gaben etnpn vorzüglichen Eindruck von den außerordeutlichen Schönheiten dieses fernen Landes und dem uns Europäern so fremden Leben seiner Bewohner. Beim Ausgang wurden Schriften des Allgemeinen Evangelischen Missionsvereins verkauft und eine Sammlung für denselben veranstaltet, die ein recht gutes Ergebnis hatte.
Wettervoraussage
für Freitag:
Wolkig, trocken, Südwestwind.
Unter dem Einsluh hohen Drucks haben wir morgen noch mit gutem Wetter zu rechnen. Doch scheint vorn Ozean nach Schiffsmeldungen ein neues Tief heranzuziehen.
Borttokizcu.
— Tageskalender fürDonnerstag ®. b. QI.: 8 Ähr im „Hopfeld" Rkonatsversamm- lung. Vortrag des Bezirksgeschäftsführens Heger. — Astoria-Lichtspiele, ab h^ute: „ Das.Aeheimnis des Klosters". — Lichtspielhaus, Bahnhofftrahe, ab heute: „Die Priirzessin von Kahirah".
— Wassersportverein Hellas 1 9 2 0. Rächsten Samstag, abends 8 Ähr, im Restaurant Philosophenwald Stiftungsfest.
Landkreis Gießen.
ri. Arnsburg, 21. Sept. Hier hielten vom Sonntag bis Dienstag die deutschen evangelischen Missionare ihre Tagung ab. Aus pllen Gegenden Deutschlands waren etwa 100 Missionare erschienen, um sich in gründlichen Besprechungen wissenschaftlichen und praktischen Inhalts Anregung zu holen. Arn Sonntag vormittag fanden in allen Kirchen der Äm- gegend von Missionaren gehaltene Missions- go ttesdienste statt, am Rachmittag in der Klosterruine ein gut besuchtes Missionsfest.
ri. L i ch, 21. Sept. In unserer Stadt findet am 8. Oktober das Bezirkswettschreiben des Verbandes Gabelsberger Steno g r a p h e n statt. — Dem Gemeinderat wurde eine neue Friedhvfsordnung vorgelegt.
Kreis Friedberg.
fpd. Wölfersheim, 20. Sept. Oluf ein« hiesigen Baustelle stürzte ein kleiner Knabe mit einem Rollwagen in eine Grube und wurde dabei von dem Wagen zu Tode gedrückt.
Hessen-Nassau.
Frankfurt a. M, 20. Sept. (WTB.) Die Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau hat den Reichsfinanzminister dringend ersucht, der Stadt Frankfurt a. M. sofort die Genehmigung zur Ausgabe von mehreren 10 0 Millionen Mark Rotgeld mit Laufzeit von einigen Monaten ®u gewähren.
spd. Frankfurt a. M., 20. Sept. Ein Antrag der deutschvolksparteilichen Fraktion in der Stadtverordnete nersammlung, der Magistrat möge mit allen Mitteln die Genehmigung zur Schlachtung von Auslands- Vieh beim Landwirtschastsminister durchsetzen, sand einstimmige Annahme. Man hofft auf diese Weise eine Verbilligung der Preise für das In- landvieh herbeiführen zu können. — Die Stadtverordnetenversammlung stimmte einer weiteren Erhöhung der Fahrpreise auf der Straßenbahn um rund 50 Prozent und genehmigte den Fortfall der vielbenutzten Monatskarten. Ob auf biefe Weise die Zahl der Fahrgäste steigt, wird von allen Seiten bezweifelt. Seit der letzten Fahrpreiserhöhung vor etwa 14 Tagen ist die Zahl der Fahrgäste auf der Straßenbahn erheblich zurückgegangen Die Sttahenbahn hat durch die neuen Lohn- und Gehaltssteiger un- gen einen Fehlbetrag für 1922 von rund 117 Millionen Mark berechnet. — Die Frankfurter Bibelgesellfchaft ließ aus Anlaß des 400jährigen Jubiläums der Äebersetzung des
feine, ferne Glocken. Ja, fast zirpend fein — als würde ein Goldring gegen Glas geschlagen in windleichten Schwingungen.
Es waren die Anfangstakte der Grals- erzählung.
Schon mehr als ein Dutzend Male hcxtte er die gehört, auf die Brüstung der Schauspielerloge gestützt — er hatte sie gehört, bewundert und — den Sänger fritifiert.
Heute begriff er das nicht. Rur ein«s ging ihm auf, und das war neu, noch nie dagewesen, einzig:
„Im fernen Land
Ännahbar Euren Schritten . . .“
, Wie er da stand, ohne Pofe, die Hände auf dem Deckel des Flügels lose gefaltet, fang er die ganze Gralserzählung. Richt so, wie er sie einst voll Entzücken uni) kecker Schaffenslust studiert hatte. Richt so. Er fang sie wie ein Blinder, der beginnt, das Licht zu begreifen — wie ein Fragender, dem Antwort wird — ganz schlicht, ganz einfach, zuletzt mit gewaltig anwachsender lieber- zeugungstreue — ein Glaubensbekenntnis — nicht Theater.
Das „Theater" hatte er ganz vergessen.
Als er geendet hatte, blieb es lange still.
Frau Doktor Bode sah, als schliefe sie — dann reichte sie ihm ihre schmalen Hände — erst die eine, dann auch die andere.
„Mein Kind," sagte sie leise, „das haben Sie nicht schlecht gemacht."
Er errötete. Änd es fiel ihm ein, diese beiden Hände zu küssen, die er noch hielt. Mit der Änbeholfenheit und Ehrlichkeit des „reinen Toren".
Run sahen sie einander gegenüber auf bequemen Sesseln, die sie in den Schatten gerückt hatten.
Heinz Güldewin war zumute, als fei seine Mutter noch einmal auf die Erde zurückgekehrt. Änd er erzählte der fremden Frau alles.
Sie hörte ihn an, tief zurückgelehnt, dii mädchenhafte Gestalt von der Weichen, schwarzen Seide der Ollten umflossen.
„Lily und Lene!" sagte sie gedankenvoll, als er geendet. „Die eine war die Verkörperung Ihrer Heimat, mein Freund — und Heimat ist immer hausbacken! Heimat haftet mit ihrer Erdscholle an unseren Sohlen — sie ist kräftig und derb wie schwarzes Brot — und das Hausbackene, sehen Sie, das ist es, was wir tief an ihr lieben, ohne es zu wissen — was nichts sonst auf der Welt uns so traut, so innig, eben so — heimisch macht — über das wir schelten und können es doch nicht entbehren — Sie haben in Lene Ihre Heimat verkannt! Lily ttber . . .“
Die alte Dame lächelte fast schön. „Ja, diese Lily! Ich sehe in ihr Lohengrinschen Geist, der vor allem Wirklichen, Allzu deutlichen zurückschreckt —“ ' Fortsetzung folgt)


