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Nr. 93

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Freitag, 2[. April 1922

172. Jahrgang

21nnaQi;u aon Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höbe für Anzeigenv 34mmÄreite örtlich 120'Pf., auswärts 150 Pf.; für Reklame. Anzeigen von 70 mir Brette 150 Pf. Bei Platz- Vorschrift20' ^Aufschlag Hauptschriftleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Marl Walther; für den Anzeigenterl: Hans Beck, sämtlich in Bietzen

SiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch und Steinbruderei H. Lange. Lchristlettung, Geschäflrstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

gur Neugestaltung der allgemeinen Fortbildungsschule.

Wir erhalten folgende Zuschrift:

Am 1. April 1922 ist das neue Volksschul- gesetz in Kraft getreten. Neben einer Reihe sehr wichtiger, in das Wesen der Volksschule tief ein­schneidender Neuerungen setzt es auch der all­gemeinen Fortbildungsschule neue Aufgaben. Das Jahr 1874 hatte in Hessen mit der Schaffung des alten Schulgesetzes zum erstenmal die Ein­richtung von Schulen für das nachschulpflichtige Alter verlangt. Das war für die damalige Zeit eine beachtenswerte Leistung. Inzwischen ist die Entwicklung fortgeschritten, aber nur an wenigen Plätzen hat die allgemeine Fortbildungsschule mit ben weitecgehenden Bedürfnissen des Wirtschafts­lebens Schritt gehalten. Mit dieser Unterlassung war der Anlaß und die Notwendigkeit gegeben zur Gründung von Sonderschulen, die wenigstens den Bedürfnissen bestimmter Berufsgruppen Rech­nung tragen sollten. Diese Sonderschulen haben sich gut entwickelt und sich als recht nützlich er­wiesen.

Der Zustand, daß der weitaus größte Teil Unserer schulentlassenen Jugend einen Fortbil­dungsschulunterricht nur im Rahmen der beschei­denen Bestimmungen von 1874 erhielt, war längst vor dem Kriege als ungenügend erkannt, und die Notwendigkeit einer zeitgemäßen Ausgestaltung wurde wohl allgemein zugegeben. Der bestechendste der erörterten Derbesferungsvorschläge war wohl der, an den achtjährigen Dolksschulbeluch ein neuntes Pflichtjahr anzuschließen. Nur von der unterrichtlichen Seite aus gesehen, wäre das ohne Zweifel die beste Losung und für unsere Jugend ein Segen gewesen Nlan kann es nur bedauern, daß die Volksschule ihre Schüler gerade in dem Alter entlaßt und ins Leben hinausschickt, in dem sie für die Schularbeit am leistungsfähigsten und für selbständiges Arbeiten am besten gefordert sind.

Indessen, auch das 9. Schuljahr hätte noch feinen voll genügenden Ersah für einen Unterricht Der Echcllentlassenen, wie er gefordert werden muß, werden können. Man braucht nur an die erziehliche Seite zu denken, um zuzugeben, daß es ein unbefriedigender Zustand geworden wäre, wenn die jungen Leute schon mit 15 Jahren jeder Beeinflussung durch eine geeignete Schul- crziehung entzogen worden wären.

Doch nun sind alle Uebeticgungen über diese Frage überflüssig: der unglückliche Ausgang des Krieges verbietet uns in unserer Armut jeden Versuch, unsere Jugend ein Jahr später als seit­her an das Erwerbsleben abgugdxn. So bleibt nur eins übrig: Ausbau der bestehenden Fort­bildungsschulen und ihre Anpassung an die D?° dürsnisse des staatlichen und wirtschaftlichen Le­bens Diese Ausgabe hat das neue Schulgesetz mit Entschiedenheit angefaßt; es hat mit seinen Be­stimmungen den Weg freigemacht zu einer Ent­wicklung. die in wenigen Jahren der Schule ein neues Gepräge geben wird. Es wird immer eine anerkennenswerte Leistung bleiben, daß 3 Jahre nach einem so vernichtend verlorenen Kriege die Fortsetzung des Werks unternommen worden ist, das seinerzeit nach einem gewonnenen Kriege begonnen wurde, und das dann in einer guten Zeit 40 Jahre ohne bemerkenswerte Fortentwick­lung stehen geblieben ist.

Unter den von dem Schulgesetz von 1921 geforderten Neuerungen stehen obenan, daß die Fortbildungsschule künftig Iahresunter- r i ch t haben wird. Einer Darlegung darüber, daß dieser Iahresunterricht notwendig ist, kann es kaum noch bedürfen. Er ist nicht allein aus unterrichtlichen, sondern ebensosehr aus erzieh­lichen Gründen nötig. Gewiß, unsere Gießener nachschulpflichtige Jugend hat bereits vieles von dem Häßlichen überwunden, das wir unmittelbar nach dem Kriege auch in unfern kleinstädtischen Verhältnissen an ihr feststellen mußten. Aber es bleibt doch auch heute noch manches zu tun: nicht nur, daß wir den Heranwachsenden jungen Mann tiefer erfüllen wollen mit dem Bewußtsein feiner Pflichten gegen sich selbst, gegen seine Familie und seine nähere Umgebung. auch der Pflichtenkreis soll ihm eindringlicher als seither erschlossen werden, in den er als Glied der Volksgemeinschaft gestellt ist: er soll seine vaterländischen und sozialen Ausgaben tiefer und unmittelbarer erfassen und in sich aufnehmen: staatsbürgerliche Erziehung"! Dazu bedarf es einer verständigen, allmählichen Hineinfübrung in Gebiete, in denen Wissen schon und nützlich sein kann, zu deren 'Forderungen aber erzogen zu werden, gerade heute unerläßlich ist. Von dieser Erziehung hängt doch wohl mit in erster Linie die Gesundung ab, die uns so not tut.

Der Unterricht in der Fortbildungsschule wird künftig zum größten Teil Vormittags­unterricht sein. Darin liegt ein erheblicher Fortschritt. Die jungen Leute werden künftig frisch und aufnahmefähig zum Unterricht kommen und damit unter günstigeren Arbeitsbedingungen stehen als seither. Man wird dabei auf die Be­dürfnisse der einzelnen Berufe Rücksicht nehmen, soweit es angängig ist. Die geringen Unbeguem- lichkeiten, die sich für manche 'Berufe anfangs ergeben mögen, werden gewiß wie auch an andern Plätzen in kurzer Zeit überwunden werden.

Die Fortbildungsschule wird künftig in stär­kerem Maße den Berufsgedanken betonen. Diese Forderung gilt heute nicht nur in den Kreisen der Fortbildungsschulmäimer als selbst­verständlich, sie wird auch von dem neuen Schul­gesetz ausdrücklich aufgestellt. Die Durchführung dieses Gedankens wird in kleinstädtischen Ver­hältnissen nicht in dem Umfang möglich sein wie in der Großstadt, wo die Berufsgliederung den

Schulausbau bis in die letzten Klassen hinein be-1 herrscht und der junge Mann nur mit Kameraden aus seinem engsten Arbeitsgebiet zusammensitzt' «München). 'Aber auch in der Kleinstadt läßt sich manches erreichen. Der Derufsgedante wird auch hier der beherrschende fein. Er wird ge­tragen fein von einem Fachunterricht, erteilt von Männern des praltischrn Berufs und von be­sonderen Fachlehrern, aber er wird auch dem all­gemeinen Unterricht das Gepräge geben, der wohl z. T. auch weiterhin in der Hand von Lehrkräften bleiben wird, die seither schon in der Fortbil­dungsschule gearbeitet haben.

Di fer allgemeine Unterricht soll keineswegs vernachlässigt werden. Es verdient Beachtung, daß das auch die Meinung des organisierten Hand­werks ist, wie aus dem Bericht des Ausschusses des Landesgewerbevereins vom März ohne wei­teres zu erkennen ist. Gegenüber der Unter­schätzung, unter der der allgemeine und staats­bürgerliche Unterricht in vielen Schulen lange gelitten hat, ist es erfreulich, zu sehen, daß man sich wieder darauf besinnt, daß der Heranwach­sende junge Mann in seiner Ausbildung nicht allein auf seine engsten Berufsarbeiten abge­stellt werden darf. Mit ganz besonderer Sorge muß in dieser Beziehung an das Heer der Be­rufslosen gedacht werden. Ihnen muß als Gegen­gewicht gegen die Seelenlosigleit ihrer Tages­arbeit in diesem wichtigen Lebensabschnitt un­bedingt etwas gegeben werden, was ihnen persön­liche Werte gibt und sie z. D. etwas ahnen läßt von dem Ethos der Arbeit.

Wir suchen heute nach Kräften, die uns wieder nach oben führen. Dor 100 Jahren hat man sich in ähnlicher Lage auf die im Volke ruhenden, zum großen Teil noch ungeweckten Werte besonnen. Das sollteir wir auch heute tun. Die Frage, was wird aus unseren Schulentlasse­nen. sollte man deshalb mit allem Ernst prüfen. Schließlich ist die Möglichkeit unserer moralischen und wirtschaftlichen Gesundung nicht zuletzt eine Erziehungsfrage. Don diesem Gedanken aus soll­ten die Forderungen des neuen Schulgesetzes und die vorstehenden Darlegungen kn erster Linie be­wertet werden. F.

Die Tariferhöhungen der Post.

Berlin, 20. April. (WB.) Im Reichs- postministerium hat heute unter Mitwirkung des Derkehrsbeirats und unter dem Vorsitz des Reichs­postministers die rm Haushaltungsaueschuß an- gekündigte Durchberatung der neuen Post-, Telegraphen- und Fernsprechgebüh­ren begonnen. Die neuen Gebühren für 'Brief- sendungen, Pakete und Postschecks, Telegramm­und Fernsprechgebühren sollen Anfang Juni oder Anfang Juli, die neuen Zeitungsgedührrn erst am 1. Oktober in Kraft treten. Der Reichs­postminister begründete einleitend die n.yae Ge- lührenvorlage mit der sprunghaft eingetretenen Erhöhung der Betriebsunlosten und der not­wendigen Kosten für jeglichen Lebensunterhalt, die Anfang April auch zu einer Erhöhung der Löhne und Gehälter führten. Durch Ersvarnisse allein können diese neuen Ausgaben, die etwa 5 Milliarden betragen, nicht eingebracht werden. Sie muffen, so unpopulär das ist und so schwere wirtschaftliche und kulturelle Schädigungen es be­deutet, auch durch Tariferhöhungen gedeckt werden.

Nach den dem Derkehrsbeirat vorgelegten Entwürfe sehen die neuen Gebührenvorlagen fol­gendes vor: Die Gebühr eines Briefes der unter­sten Stufe bis 20 Gramm das ist der die Regel bildende Brief soll im Ortsverkehr von 1,25 Mark auf 1 Mk. herabgesetzt werden. Auch die Gebühr für Pakete von 10 bis 20 Kg. in der Nahzone wird von 30 auf 25 Mk. ermäßigt, iln» verändert bleiben die Gebühren für Postkarten im Ortsverkehr, Briefe im Ortsverkehr von 20 bis 100 Gramm, Drucksachenkarten, Drucksachen brs 20 Gramm, Ansichtskarten mit fünf Grußworten, Pakete von 10 bis 15 Kg. in der Nahzone und für Zeitungsrakete bis 5 Kg. in der Nahzone. Die Posianwcifungsgebühren und die sogenannten Nebengebühren bleiben bei der Erhöhung gleich­falls außer Betracht. Von einer Verteuerung der Einschreibung, Wertversicherung und Eilbestellung wird abgesehen. Erhöht werden folgende Gebühren: Für eine Postkarte im Fernver­kehr auf 2 Mk., für einen Brief i in Fern­verkehr bis 20 Gramm auf 3, über 20 bis 100 Gramm auf 4 Mk., über 100 bis 250 Gramm auf 5, für dienstliche Aktenbriefe über 250 bis 500 Gramm auf 6 Mk., Drucksachen über 20 bis 50 Gramm auf 0,75 Mk.. über 50 bis 100 Gramm auf 1,50 Mk.. über 100 bis 250 Gramm auf 3Mk.. von 250 bis 500 Gramm auf 4 Mk, von 500 Gr. bis 1 Kg. auf 5 Mk.; für Gcschäftspaviere bis 250 Gramm auf 3 Mk., über 250 bis 500 Gramm auf 4 Mk., über 500 Gramm bis 1 Kg. auf 5 Mk.; für Warenproben bis 250 Gramm auf 3 Mk., über 250 bis 500 Gramm auf 4 Mk., über 500 Gr bis 1 Kg. auf 5 Mk.; für Warenproben bis 250 Gramm auf 3 Mk.; für Mischsendungen bis 250 Gramm auf 3 Mk., über 250 bis 500 Gramm auf 4 Mk., über 500 Gr. bis 1 Kg. auf 5 Mk., für Päckchen bis 1 Kg. auf 6 Mk.

Als Gebührensätze für Pakete sind vor­gesehen: Für Pakete in der Nahzone bis 5 Kg. 7 Mk.. über 510 Kg. 14 Mk., über 1015 Kg. unverändert 20 Mk., Pakete über 1520 Kg. 25 Mk. anstatt 30 Mk., für Pakete in die Fern- »one bis 5 Kg. 14 Nkk., über 510 Kg. 28 Nkk., über 1015 Kg. 40 Wk., über 1520 Kg. 53 Mk.

Das Verhältnis zwischen der Gebühr für einen einfachen Inlandsbrief und für einen ein­fachen Ausländsbrief wird nach wie vor 1 zu 2 betragen. Der einfache Ausländsbrief bis 20 g kostet also künftig 6 Mk. Die gesetzlichen Post­

scheckgebühren sollen folgendermaßen geändert werden: Für jede von der Zahlstelle des Post­scheckamts durch ileberiEetfung auf die Reichs- bank und für jede in den Abrechnungsstellen be­glichene Auszahlung 1/50 des Schrckbetrages; für jede Barauszahlung durch die Zahlstelle des Postlcheckaints sowie für die Ucberfenbung eines Schecks durch das Scheckamt an die Post- anstalt und für die weitere Behandlung des Schecks bei dieser 1 v. T. des Scheckbetrages. Die Gebühren für Auszahlungen werden auf volle 10 Pfg. abgerundet. Die gesetzlichen Telegramm- gebühren sollen bei gewöhnlichen Telegrammen auf alle Entfernungen 1,50 Mst für jedes Wort, mindestens aber 15 Mk. betragen, im Orts­verkehr jedoch 1 Mk. für jedes Wort, mindestens 10 Mk.; bei Prefsetelegrammen wie bisher die Hälfte dieser Gebühren. Die Rvhrpostgebühren im Ortsverkehr werden um je 50 Pfg. ermäßigt und sollen betragen: bei Postkarten 4 Mk., bei Driesen 5 Mk.; im Fernverkehr bei Postkarten 6 Mk. und beiBriefen 7 Mk. Die in den Para­graphen 3, 4 und 8 des Fernsprechgebühren­gesetzes bestimmten Gebührensätze sollen um 160 v. Hundert statt wie bisher 80 erhöht werden.

Die Derhandlungen mit dem Verk'hrsbetrat über die Gestaltung aller Gebührensätze dauern fort. Die dann beschlossenen Gebühren unter­liegen später noch der Zustimmung des Retchs- rate und des Ausschusses des Reichstages

Eine Erklärung Lloyd Georges an die Pressevertreter.

Genua, 20. April. (WTD.) (Spezialbericht des Vertreters des WTD.) Für heute nachrnittag 4 Uhr waren die in Genua antoefenben Presse­vertreter aller Länder nach dem Palazzo San Giorgio, wo vor zehn Tagen die Konferenz eröffnet wurde, eingeladcn worden, um eine Er­klärung Lloyd Georges entgegenzuneh­men. 'Der englische Premierminister htelt zunächst eine kurze Rede unb beantwortete hierauf eine Reihe an ihn gerichteter Fragen. Er sagte u. a.; Die Konferenz ist iwch am Leben und an der Arbeit. Cs gibt zwei Arten von Leuten: Die einen wünschen der Konferenz Erfolg, die anderen das Gegenteil. Den letzteren habe ich nichts Er­mutigendes mitzuteilen. Wir arbeiten uns durch d i e Schwierigkeiten hindurch. Der durch den Abschluß des deutsch-russi­schen Vertrages herbeigesührte Zwischenfall ist, wie ich hoffe erledigt und wird keine ferneren Schwierigkeiten mehr machen. Die Mitteilung von dem Abschluß des Vertrages war eine völlige Ueberraschung für mich Es gibt jetzt für die Deutschen zwei Alternativen: Entweder auf den Vertrag zu verzichten oder an den Sitzungen der ersten Kommission nicht mehr teilzunehmen. Ich glaube zu wissen, baß die Deutschen zu leßterem bereit sind. Ich denke deshalb, daß die Sache bcigelegt ist. Der Vorfall war durchaus nicht ohne Bedeutung. Der Vertrag war hinter dem Rücken der anderen Konferenzteilnehmer geschlos­sen worden. Wenn alle so handeln wollten, müßte die Konferenz zusammenbrechen. Die Note an die deutsche Delegation war meiner Ansicht nach vollauf berechtigt und ich hoffe, daß sie eine aus­gezeichnete Wirkung auf den künftigen Verlauf der Konferenz ausüben wird. Wenn auch die Gefahr einer verhängnisvollen Störung der Konferenz groß gewesen ist, so ist doch keine Rede davon, daß die Russen oder die Deutschen den Vertragsabschluß in der Ab­sicht vollzogen haben, die Konferenz zu Fall zu bringen. Heber diesen Punkt darf kein Mißver­ständnis bestehen. Zu den Verhandlungen mit Rußland sagte Lloyd George: Ich hoffe, daß heute die russische Antwort einlaufen wird, und ich würde sehr erstaunt sein, wenn sie nicht so lautete, daß sie die Fortsetzung der Konferenz rechtfertigte. Morgen wird die politische Kom­mission oufammentreten, um die russische Antwort zu prüfen. Ich hoffe, die Konferenz wird zu einem vollen Erfolg führen und zur Pazifizierung Europas und zur Wiederherstellung des zer­störten Kontinents beitragen. Uebrigens hat der Zwischenfall die Arbeiten der Konferenz nicht auf» gehalten, da man ja so wie so auf die russische Antwort warten mußte.

Lloyd George schloß: Ich hoffe, die Konferenz wird zu einem Palt führen, wie ihn die Canner Beschlüsse vorsehen, einem Pakt, in dem sich die Nationen verpflichten würden, f i ch jeder agressiven Handlung zu ent­halten. Sollte es dazu nicht kommen, so würde ich die Konferenz für einen Fehlschlag halten. Auf die Frage, wer die Feinde der Konferenz seien, erwiderte Lloyd George: Die Leute, die den Haß in Permanenz erklären und sich über Konflikte zwischen den Nationen freuen. Der Völkerbund wird die Aufgabe haben, das Werk der Konferenz fortzuseyen, aber erst, wenn ihm nicht bloß, wie gegenwärtig, die Hälfte von Eu­ropa sondern wenn ihm alle Nationen Europas angehören. Solange Deutschland und Ruß­land außerhalb stehen, ist kein wahrer Welt­friede möglich.

Lloyd George betonte schließlich mit allem Nachdruck, daß er an den günstigen Ausgang der Konferenz glaube. Er sei überzeugt, daß die Kon­ferenz zur Herstellung der europäischen Harmonie beitragen werde. Das sei der große Zweck und das Endziel der Konferenz und er glaube daran. Der voraussichtliche Inhalt der

deutschen Antwortnote.

Berlin, 21. April. Wie die Blätter aas Genua melden, wird die deutsche Antwortnote heute morgen den Allierten überreicht werden. In der Note wird den Blättern zufolge Ver­

wahrung eingelegt gegen den Vorwurf der Heimlichkeit und Illoyalität bei dem Abschluß des deutsch-russischen 'Bcrtragid. Die Note betont, daß Deutschland auf die Teil- na 6 m e an den Verhandlungen des po­litischen Unterausschusses über die Re­gelung der russischen Frage so weil verzich­tet, als die durch den deutsch-russischen Ver­trag bereits geregelt en Punkte erörtert werden. Bei jenen Fragen, die über den Bereich des Abkommens hinausgehen, insbesondere Ixi den Fragen des Wiederaufbaues und der tünf- tigen wirtschaftlichen Gestattung Rußlands, wird Deutschland nach wie vor Mitarbeiten. Von einer Revision oder gar Annul­lierung des deutsch-russischen Ver­trages könne keine Rede fein. Die Blätter fügen hinzu, daß diese Regelung mit der Gegen­seite eingehend besprochen worden ist. Die Eini­gung könne also als durchaus gesichert gelten.

Berlin. 20. April. Nach einer Meldung derVoss. Ztg." aus Genua ist die Ucbcr- reichung der Antwortnote der deutschen Delegation neuerdings verschoben worden. Vor­aussichtlich wird sie erst morgen überreicht werden. Der italienische Außenminister Schanzer ersuchte heute vormittag die deutsche Delegation, ihre Antwortnote nicht abzusenden, ehe er Ge­legenheit hatte, noch einmal mit Rathenau Rücksprache zu nehmen. Rathenau begab sich daraus zu Schanzer in die Villa Raggio.

Hebe: den Inhalt de »russische nMemo- randums, das den Alliierten heute übergehen werden soll, erfährt das Tageblatt folgende Einzelheiten: Das Memorandum zähll alle <5 ha­ben auf, die Rußland durch den von den Al-iier- ten unterstützten (Bürgermcq und durch die Blockade erjtt. Insbesondere wird auf den Verlust Bef sar abiens und auf die Verwüstungen im Gebiet von Archangelsk hingewiesen. Das Menwrandum meldet den Anspruch aufVergulunq dieser Schäden an. Rußland gibt jedoch anderer­seits die Verpflichtung zu, seine Vorkriegs - schulden au bezahlen, verlangt aber zu diesem Zweck ein Moratorium der Kredite.

Berlin, 20. April. (Wolff.) Wie von zu­ständiger Stelle mitgeteilt wird, ist die geflis­sentlich Verbreitete Meldung von Uneinig- fetten in der deutschen Delegation falsch. Die Delegation ist bollf.?nuneii einig Die Verhandlungen über die Einrenkung der Si­tuation gehen weiter. Die Zurückziehung des deutsch-russischen Vertrages kommt nicht In Frage. Hierin sind wir mit den Russen einig.

Ein deutsches Dementi.

Berlin, 20. April. (WTB.) ..Daily Tele­graph" verbreitete gestern eine Meldung über eine deutsch-russische Militärkonven­tion. Diese Nachricht zeigt wiederum, mit welch groben Mitteln der Stimmungsmache auf der Gegenseite gearbeitet wird. Die Behauptung über eine deutsch^russische Militärkonvention wurde von deutscher amtlicher Seite bereits als vollkommen aus der Luft gegriffen bezeichnet.

Ein amerikanischer East bei der deutschen Delegation.

Berlin, 20. April. (Wolfs.) Nach der Z." ist die deutsche Delegation in Genua heute vormittag zur Festsetzung des Antwort- te? tes zusammenaetreten, die bis zum Nach­mittag dauern werde. Die Einhändigung an die Alliierten und an die Presse werde erst gegen Abend erfolgen. Der amerikanische Beobachter auf der Genueser Konferenz, Botschafter Child aus Rom, wird heute abend beiRathenau und der deutschen Delegation in Nervi zu Gast sein

Eine Kundgebung der Neparationskommissron.

P a r i s, 20. April. (Havas.) Die Repara­tionskommission veröffentlicht folgende Note: Die Reparationskommission hat ihre Auf­merksamkeit dem in Rapallo am 16. April von Dr. Rathenau als Vertreter der deutschen Regie^ rung und von Volkskommissar Tschitscherin als Vertreter der Sowjetrepublik unterzeichneten Ver­trage zugewandt. Im Lause einer heute abge­haltenen Sitzung hat die Kommission beschlossen, 1. von der Kriegslastenkommission eine offizielle Kopie des Vcrttages von Rapallo zu fordern, 2. ihre juristische Abteilung zu beauftragen, sofort und ohne das Eintreffen der erwähnten osft- -iellen Kopie abzuwarten, die Frage zu prüfen, ob und in welchem Umfange der Vertrag von Rapallo die Bestimmungen des Vertrages von Versailles berührt, für den allein die Repara- tionskommission zuständig ist, und insbesondere, ob und in welchem Umfange der Vertrag von Rapallo den Rechten und Privilegien der Repa­rationskommission Abbruch tun kann.

Aus italienischen Blättern.

Genua, 20. April. (Dolfs.) Der Genueser Korrespondent des(Sortiere della Sera", Ema­nuel. weist auf die schweren Folgen hin, die der Fehltritt der Deutschen" für die'e gehabt habe. Wahrscheinlich würde Deutschland nichts anderes übrig bleiben, als die folgen seines Irrtums an-.uerkennen. Weiter veröffentlich der »Corrierc della Sera" einen Artikel von Keynes, der gleichzeitig imManchester Guardian" erscheint, worin er den k^utsch-rufsifchen Vertrag als gut in sich fcCfTt, aber fehlerhaft in der Prozedur be­zeichnet und darauf hinweist, daß die Umstande, die an und für sich klare Frage leider kompli­ziert hätten. , , r , .

Der MailänderSecoko" hofft aus etni günstige Lösung der Streitfrage. In einem Lon­doner Telegramm weist er darauf hin, daß Eng­land mit Ausnahme der Kreise der Rorthcliffe-