Ausgabe 
20.12.1922
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 299

Erschein» lügllch, außer Sonn- und Feierlags, mit berSamstagsbeilage: GießenerFamilienblätter Monatliche vezuqrpreife: 380 Mark und 20 Mark Trägerlohn,durch diePost 400 Mark,auch bei Nicht­erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt. Jernsprech- Anschlüsse: für dieSchrist- kitung 112; für Derlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten Anzeiger Ziehen.

poftschelttonlo: $tenffort a. m. 11686.

\I2. Jahrgang

Mittwoch, 20. Dezember 1922

GiehenerAnMer

General-Anzeiger für Gberhesien

vnttk und Verlag: vrühl'sche Univerfiläls-Vuch- und Steindruckerei R. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchlllstratze 7.

Annahme von 3n\e gen für die lagesnumnd bis zum Nachmittag vorher obnejebc Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigeno 27mm Breite örtlich 16 Mk, auswärts 20 Mk.; für Reklame« Anzeigen von 70 mm Breite 60 Mk. Bei Platz' Vorschrift 20"/,'Aufschlag. Hauplschristleiler: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen

Die Arbeit in der Weihnachtspause.

Trotz ber Weihnachtspause arbeitet die poli­tische Well eitrig an den Vorbereitungen für die Pariser Konferenz, die am 2. Januar beginnen soll, wenn nicht irgendein Zwischenfall die Ver­tagung dieses Termins erzwingt. 2Iuf die über­triebenen Hoffnungen, die sich an die kommende amerikanische Hilse knüpften, ist bereits der Rück­schlag erfolgt. Aber dem Einsichtigen, der die große Wendung In der internationalen Politik ruhig überblickte, war tn>n vornherein klar, daß jede Ueberftürzung vom liebel wäre und das) wir erst am Anfang einer langen Neuentwicklung stehen. Es ist ganz selbstverständlich, bafj der Präsident der Vereinigten Staaten mit großer Vorsicht zu Werke geht. Har ding beugt fk^ nicht liebevoll über Deutschland wie der biblische Vater über den verlorenen Sohn und schlachtet ihm zuliebe ein Kalb, sondern er gibt allgemeine Anregungen, die yur Losung der europäischen Krise führen sollen. Er hält noch mit Kund­gebungen zurück, aber er schickt einstweilen das Bankhaus H. P. Morgan vor. Morgan ver­handelte mit dem deutschen Botschafter in Wa­shington, W i e d s e l d t, und das Er gebnis dieser Konferenz ist durchaus erfreulich. Morgan stellt auf demselben Standpunkt wie schon während der Dankierkonferenz im Juli dieses Jahres. Er 'will Deutschland helfen und weih die ganze angelsächsische Bankwelt hinter sich. Aker er mus) noch warten, bis die poli­tischen Voraussetzungen eines amerikanischen Schrittes gegeben sind. Man merkt hier deutlich die geheimen Weisungen Hardings und das in­time Zusammenwirken der Finanzwelt mit der amerikanischen Regierung. Harding wartet auf die Ankunft seines Londoner Botschafters Harvey, der Ende Dezember in Washington eintreffen wird. Harding hofft auch noch auf französische Vorschläge. Tardieu, der sich schon als der kommende Mann in Frankreich fühlt, veröffent­licht im PariserEcho Rational" eine kleine Ent­hüllung, wonach die amerikanische Regierung Herrn P o i n c a r 6 schon vor einiger Zeit dringend um einen französischen Plan für die Gesamtregelung des Wi<ä>erherstellungsproblems und derverwandten Fragen" ersucht habe. Aber Frankreichs Ministerpräsident scheint auf diese freundliche Einladung auch von einer grohen Wirtschaftskonferenz in Washington soll die Rede gewesen fein nicht eingehen zu wollen. Er lieh sich vielmehr am vergangenen Montagabend ame­rikanische Journalisten kommen und diktierte den überraschten Herren eine geharnischte Erklärung: Frankreich lasse keinen neuen Plan gelten, der die Räumung des Rheinlandes vorsehe. Fünf­zehn Jahre mindestens (der Versailler Vertrag sagt: höchstens!) dauere die Besetzung, und nie­mand dürfe daran rütteln. Frankreich wahre fich gegen jede Lösung der Reparationsfrage, die noch ausgedehntere französische Zugeständnisse vvrsehe.

Das ist nach dem Umschteung der Londoner Konferenz und nach dem Eingreifen Amerikas ein starkes Stück. PoincarS baut also schon für die Pariser Konferenz vor. Er wehrt sich gegen jede Rachgiebigkeit, die man von ihm erwartet. Er will kein Kompromiß. Er weigert sich, Vor­schläge zur Verständigung zu machen. Er hat sich nicht verändert. In London wich er nur einem Druck. Er bleibt der Mann der Hindernisse, der politischen Quertreibereien und des europäischen Unglücks. 3ft dies der englischen Diplomatie noch nicht klar geworden? Donar Law hat seinen Kriegsminister Lord Derby nach Paris geschickt. Hebet diesen Besuch Hub ein großes Rätselraten an. Die einfache Lösung: Lord Derby sollte sich über die Absichten der französischen Regierung unterrichten. Das Ergebnis dieser Sondierung scheint nicht günstig ausgefallen zu sein. Denn kaum war Lord Derby wieder zu Hause in Lon­don. da wußten die britischen Offiziösen nichts anderes zu sagen, als daß man das Heil nur noch von dem amerikanischen Eingriff erwarte. Man wünscht jetzt in London unmittelbare Ver­handlungen zwischen Paris unb Washington. Poincare werde ja dann schon mer*Pn>toic ernst Die amerikanischen Pläne zu nehmensSien. Eng­land stellt sich also deutlich neben, um nicht zu sagen hinter Amerika. Der Besuch des briti­schen Staatskanzlers Baldwin bei Harding wird diese Haltung bekräftigen.

Vom deutschen Standpunkt aus ist diese englisch-amerikanische Front nur zu begrüben. Die deutsche Diplomatie ist bei allen diesen Vorver­handlungen leider wieder so gut wie ausgeschal­tet Morgan hat dem deutschen Botschafter Wied- feldt den amerikanischen Plan einer neutralen Kommission zur Festsetzung der deutschen Za'h- lungsmöglichLeiten vorgetragen und W'.edfeldt soll erklärt haben, daß Deutschland unter Umständen bereit fei, eiren solchen Schiedsspruch der nicht an den Versailler Vertrag gebundenen Mächte an- zuerkennen. Heber diesen amerikanischen Plan müßte vor dem 2. Januar unbedingt noch etwas Genaueres bekarmgegeben werden I

Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und

Frankreich?

Paris, 19. Dez. (WTD.) DerReuhork Herald" erfährt aus Washington, daß zwischen den Vereinigten Staaten und Frank­reich inoffizielle Verhandlungen in der Reparationsfrage im Gange seien. Die Ver­einigten Staaten hofften, Frankreich; Zustimmung zu der Bildung einer Finanzkommission zu finden, in der die gesamten durch den Versailler Vertrag nicht gebundenen Länder vertreten wären, und

die die deutsche Reparativnsfähigkeit besti-nmen solle. Diese Tatsache bleibe übrig von den Ge­rüchten über eine Anleihe für Deutschland. Deutschland sei ebenfalls sondiert toorben, und Botschafter Wiedfeld habe mitgeteilt, bat) seine Regierung bereit fei, den Spruch einer der­artigen Kommission anzunehmen, wenn die Ver­einigten Staaten glaubten, daß die Kommission Deut ch and Gerechtigkeit widerfahren lasse. Diese vorstehende Form der Zusage sei veranlaßt durch den Umflartb. daß die Vereinigten Staaten streng an dem Umstand fest hielten, Deutschland müsse bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit befahlen. Frankreich seinerseits habe keine Zusage gegeben, sondern inoffizielle Fragen gestellt, welche Sicherheit gegebenenfalls über die derzeit bestehenden hinaus vorhanden sei, daß Deutschland bezahlen würde, wenn die Kommission einen gerechten und erträglichen Reparations­betrag festsehe. Das Blatt stellt fest, daß Einzel­heiten Hber die französisch amerikanischen Ver­handlungen noch nicht mi'»¥ilt werden Lunten, daß aber die Vereinigten Staaten unter keinen Umftänben in der Lage seien, sich dafür zu ver­bürgen, daß Deutschland zahlen werde. ein­zige positive Versicherung der Vereinigten Staa­ten sei wirtschaftlicher Art; mit anderen Worten, die Vereinigten Staaten könnten aus traditionellen Gründen keiner Gewaltanwendung zur Erreichung deutscher Zahlungen zustimmen. Das Blatt be­stätigt, daß Morgan und R o o t h wegen des Eintrittes in die geplante Kommission sondiert worden seien.

Rach den neuesten aus Washington vorliegen­den Informationen wolle Frankreich von der Unterstützung Deutschlands in unmittelbarer Form Ruhen ziehen. Auch die Verhandlungen über die neue Anleihe von eineinhalb Milliarden Dollar stelle nur den Ausgangspunkt dieser Diskussion bar. Auf alle Fälle wolle Amerika das Geld nur gegen ausgezeichnete Sicherheiten geben. 3n Dankierskreisen schätze man jedoch die alliierte Hypothek auf Grund des Versailler Vertrages auf 50 Milliarden Dollar, so daß die Freigabe des für die amerikanische Anleihe erforderlichen Slcherheitsbetrages seitens der Reparationskom­mission keine unüberwindlichen Schwierigkeiten böte. 3n Washington nehme man an, daß auch Frankreich keine ernstlichen Einwendungen mehr gegen die teilweise Freigabe der auf E^utschland ruhenden Hypothek erheben werde, wenn es die Gewißheit erhalte, daß es unmittelbar Vorteil davon habe. Der Berichterstatter hält es für wahrscheinlich, daß offizielle Mitteilungen über die Verhandlungen erst nach der bevorstehenden Pariser Konferenz erfolgen werden.

Paris, 20. Dez. (WTD) DasEcho de Paris" veröffentlicht folgende Rachricht: Wie wir es schon gesagt haben, hat die Regierung der Vereinigten Staaten in keiner ihrer offi­ziellen Mitteilungen irgendeine direkte 3nter- pellation in der Reparationsfrcvge in Aussicht gestellt, die ihr in einem Teil der Presse zugeschrieben wird. Aber im Laufe der verschie­denen Unterhaltungen und ohne seine Gedanken in sehr klarer Form zu geben, hat Staatssekretär Hughes Gelegenheit gehabt, seine Ansicht über die Prozedur auszusprechen, die am vorteilhaf­testen vorgenommen werden könne, um der augen­blicklichen Schwierigkeiten Herr zu werden. So habe er von einer Wirtschafts - und F i - nanzkonferenz gesprochen, an der nicht nur die ehemals kriegführenden Staaten, sondern auch die neutralen Staaten teilnehmen sollen, die einen unparteiischen Gerichtshof ein­setzen tonnten, dessen Aufgabe es sei. objektiv die Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu prüfen. Das fei der Rahmen, in dem sich nicht eine 3ntervention, sondern eine Ver­mittlung der Vereinigten Staaten abspiele.

London, 19. Dez. (WTD.) Reuter be­richtet zu der Reuhorker Melduno, daß Mor­gan erklärt habe, er wünsche lebhaft bei der Besserung der Lage beh'lflich zu sein, jedoch sei sein Standpunkt derselbe wie zur Zeit der Pariser Dankierkonferenz im Juli, die Mel­dung verstärke den Eindruck, daß Präsident Harding versuchen wolle, auf diploma- tischem Wege eine Herabsetzung der Repara­tionssumme zu erreichen oder die Grenze von Deutschlands Zahlungskraft festzustellen, be­vor die Deratung über eine Anleihe beginne.

Die Lausanner Konferenz.

Lausanne. 19. Dez. (WTD.) 3n der Sitzung der Kommission über die Meerengen­frage überreichte die türkische Abord­nung folgendes Projekt:

1. Es wird eine Kommission gebildet, die ihren Sitz in Konstantinopel hat und den "Hamen Meeren gen kommifs io n üh t.

2. Sie steht unter türkischem Vorsitz und setzt sich aus Vertretern Frankrei^s, Englands, 3ta- liens. Japans, Bulgariens. Rumäniens. Zugo- slawiens, Rußlands, der Ufraine und Georgiens zusammen. Der Anschluß der Vereinigten Staa­ten an dieses Abkommen verleiht ihnen das Recht, ebenfalls Vertreter zu entsenden.

3. Die von den Delegierten in der Kom­mission verursachten Kosten werden von den be­treffenden Regierungen getragen.

4. Die Kommission hat die Aufgabe, die Durchführung der Bestimmungen über die Be­schränkung der Kriegsfchifse sicherzustellen.

5. Die Meerengenkommission übt ihre Tätig­keit unter den Auspizien des Völkerbundes aus, dem sie jährlich einen Rechenschaftsbericht über ihre Tätigkeit vorlegt.

Lausanne. 19. Dez. (WTD.) Die heutige Sitzung über die Meerengenfrage wird in Kon- ferenzkreisen auf das lebhafteste fommentiert. Man stellt fest, daß das russische Projekt glatt abgelehnt ist und nicht mehr zur Debatte steht. Außerdem totll man in den Erklärungen Lord Curzons an bte Türken eine Art Ulti­matum sehen, da er weitere Vorschläge ablehnte und kategorisch forderte, daß man keine Zeit mehr verlieren dürfe, und die auf morgen einberufene Meerengenfitzung als letzte bezeichnete. Eine Be­stätigung für die Auffassung, daß die Alliierten ihre Haltung in der Meerengenfrage festgelegt haben, will man darin erblicken, daß die eng­lischen Marine- und Militärsach-:er ständigen mach London zurückgekehrt sind und infolgebelfen die Engländer keine Aenderung des Projektes mehr ins Auge fassen. Die türkischen Kreise bewahren diesen Kommentaren gegenüber große Zurückhal­tung, äußern sich aber dahin, daß sie die Haltung der Alliierien Nicht als ein Ultimatum aufsassen wollen, sondern sich das Recht der Diskussion wah­ren wollen. 3n russischen Kreisen sieht man die Lage sehr pessimistisch an. Man erklärt dort, daß die Verbündeten absichtlich die Russen von den Verhandlungen ausschalteten, um damit die Mög­lichkeit einer Verständigung und eines Kompro- mihvertrags zu beseitigen. Unter diesen ilmftän- den könne Rußland einen Vertrag über die Meer­engen nicht unterzeichnen. Ferner mache man auf das brutale Vorgehen der Alliierten aufmerksam, die ihre Methoden auf den übrigen Konferenzen auch in Lausanne wiederholten, indem sie. statt auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu ver­handeln. weiter auf dem Wege der Ultimaten operierten. 3n russischen Kreisen könne man, so sagt man, nicht glauben, daß derartige Methoden den Frieden im Haben Orient sichern teerten.

Man hält allgemein die für morgen ein­berufene Sitzung für die entscheidende in der Meerengenfrage.

Tschitscherin über den Völkerbund und die Meerengensrage.

Lausanne, 19. Dez. (WTB.) Heber die Erklärungen, die Tschitscherin in der heutigen Debatte über die Meerengenfrage abgab, erfährt man: Gr wies zunächst daraus hin, daß das alliierte Projekt dem türkischen Volke die Souveränität aus der Hand nehme und in den Meerengen eine antirussische Festung aufrichte, und daß sich die Meerengenkvmmissivn größtenteils aus Mächten zusamme.rsetze. die bis­her ihre Beziehungen zu Rußland noch nicht teie» beib-'rgeftellt hätten und noch kürzlich eine anti- russisck^ Koalition bildeten. Besonders lebhaft müsse Rußland die Garantie der Sicherheit der Meerengen durch den Völkerbund ablehnen. Hierzu eillärte Tschitscherin wörtlich: ^Rußland, die ilhaine und Georgien haben den Völkerbund nicht anerkannt und werden ihn nicht anerkennen, da feine Verfassung völlig unannehmbar ist. Ruß­land, die llfraine, Georgien, die Vereinigten! Staaten von Amerika, Deutschland und andere Staaten gehören dem Völkerbund nicht an. Er ist in Wahrheit nur ein Bund gewisser Mächte. Es ist daher vottständiz unannehmbar, wenn man ihm irgendwelche Aufgaben für die Meerengen ändert raut." Diese Klausel, so erklärte Tschitsche­rin weiter, würde nur eine Täuschung bedeuten und selbst, wenn der Völkerbund handeln wolle, habe man Beispiele seiner Art zu handeln, genug vor Augen Der Völkerbund habe Litauen nicht geschützt: er blieb angesichts des Hand­streiches des Generals Zeliaowski in Wilna ohn- mäch ig; seine Oh nrnach t sei sprichwört­lich geworden. Gegen eine internationale Kommission mit anderen Befugnissen und anderen Organisationen habe Rußland nichts cinyuaxnfei, sondern in seinem Gegmvrojekt ftgar solch? Kom­missionen mit rein techn scheu Aufgaben vvrge- schlagen. 3n einer solchen Kommission müsse abe: Deuts chland vertreten sein, dessen Han- belSintercffen in dm Meerengen sehr bedeutend seien. Das alliierte Projekt sei dagegen eine Ver­gewaltigung der Sicherheit Rußlands, der Unabhängigkeit der Türkei und 3nt?reffen des wahren Friedens. Die Haltu g der Alliierten sei von de? 3dee beherrscht, name-.t.i^) jede wirk­same Kontrolle der KriegsM.fe unmöglich zu machen. Sie lernte sogar die türkisch? Garnison auf Gallipoli ab. und sie entwaffneten sogar d'.e Dardanellen vollständig. Die geringen Konzes­sionen, die die Alliierten auf dem asiatischen Ufer des Marmarameeres zugestanden hätten, spielten bemgegenüber keine Rolle. Der Zugang 'au Konstantinopel sei ebenso offen, wie der zum Schwarzen Meere. Die Erklärungen Lord Cur­zons hätten gleichfalls nur das Ziel verfolgt, die Verteidigung der Meerengen zu verhindern und Rußland dem Angriff großer Flotten auszusehen. Curzon habe Rußland als isoliert hingestellt, aber es habe einen mächtigen Verbündeten, und das sei der Steuerzahler aller Län­der, der begriffen habe, daß die Erweiterung des Se.kriegsgebietes, die Erhöhung der Rüstun­gen und die Drohungen gegen Rußland alle Völ­ker größ en Entbehrungen aussetze Der Steuer­zahler aber schaffe letzten Endes die großen Mei­nungsströmungen, die heute bereits Abrüstung und Sparsamkeit fordern, und morgen den Triumph der von Rußland und seinen (Berbün- beten vertretenen Grundsätze sichern würden.

Ägyptische Forderungen.

Lausanne, 20. Dez. (WTD.) Di? hier weilende ägyptische Abordnung feite der Konferenz einen ausführliche i Bericht über die ägyptisch? Frage zu. in dem sie kh en Antrag auf Zulassung zur Konferenz wiederholt and folgende Forderungen aufftellt: 1. Am.-rle mung der völli­gen Unabhängigkeit des Rilgebietes (Aegypten und Sudan), 2. Abzug der britischen

Truppen, 3. wirkliche Reutralität des Suez­kanals und Ueberroachung dieser Reutralltät durch Aegypten.

Zur Ermordung des Präsidenten der polnischen Republik.

Warschau, 20. Dez. (WTD.) Die Leiche des ermordeten Präsidenten der Republik R a r u- towicz ist gestern vom Schloß Belvedere nach dem Königsschloß überführt worden und wurde feierlich ausgebahrt. 3m ganzen Lande haben TrauerkundgÄungen stattgesunden.

Hinrichtungen in Irland.

Dublin, 19. Dez. (WTD.) Amtlich wird bekanntgegeben, daß heute sieben Män­ner hingerichtet worden sind, weil sie fich im Besitze von Waffen befanden.

Schmuggel an der badisch-schweizerischen Grenze. Freiburg (Dreisgau), 19. Dez. (WTD) Der Schmuggel an der badisch-schweizerischen Grenze ist gegenwärtig wieder außerordentlich umfangreich. ES erhellt aus der Tatsache, daß allein die Staatsanwaltschaft Konstanz in der Zeit vom 15. Rovember bis 15. Dezember über elf Millionen Mark Geldstrafen auf Warenfchmuggel verhängt hat und für eine Mil ücn Mark Waren beschlagnahmte. Dabei bandelt es sich bei diesen Strafen im allgemeinen nur um sogen, kleinen Grenzverkehr und nicht um großen Warenschmuggel. Die Staats­anwaltschaften in Walds Hut und Lörrach melden gleichfalls große Zahlen über Geldstrafen.

Aus dem Reiche.

Der Verkehr mit Ausländern.

Berlin, 19. Dez. (WTB.) Das Wolff- Bureau erfährt von zuständiger Seite: 3n letzter Zeit häufen sich die Be­schwerden der hiesigen Vertreter frem­der Staaten über unfreundliche oder gar feindliche Haltung einzelner Personen aus der deutschen Bevölkerung gegenüber den bei uns wellenden Ausländern. Dies gibt Ver­anlassung, auf die Folgen hinzuweisen, die Ausschreitungen gegen hiesige Ausländer für Deutschland zeitigen können. Jeder sollte sich im Verkehr mit Fremden vergegenwärtigen, daß sein Verhalten die ohnehin notleidende Allgemeinheit und unsere Landsleute im Aus­land in ernste Schwierigkeiten bringen kann.

Die Forderungen ter StaatSarbeiter abgelehnt.

Berlin, 20. Dez. Den Spitzen­organisationen ber Staatsarbei­ter, die gestern im Reichsfinanzministerium wegen eines abermaligen Teuerungszuschlags für die zweite Dezemberhälfte vor­stellig wurden, wurde erklärt, daß die Nach­zahlung auf die erst kürzlich erhöhten Bezüge wegen der allgemeinen Finanzlage des Rei­ches und aus außenpolitischen Gründen un­möglich fei. ßaut demLokal-Anzeiger- haben die Gewerkschaften daraufhin gestern abend eine Besprechung abgehalten, in der beschlossen wurde, in den nächsten Tagen einen neuen, gemeinsamen Schritt zu unternehmen. Einer Korresponbenzmeldung zufolge sollen die Ge­werkschaften die Absicht haben, der Regie­rung zu erklären, daß sie für etwa aus- brechende TeilstreikS der Staatsarbeiter keine Verantwortung übernehmen könnten.

Krankenkassen und Aerzte.

D e r 11 n, 20. Dez. Laut demVorwärts" haben die Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und Aerzten im ReichSarbeitS- ministerium zu einer vorläufigenCini- gung geführt hinsichtlich der Honorarfrage. Lieber die Frage der freien Arztwahl konnte eine Einigung nicht erzielt werden. Anfang Februar soll unter Mitwirkung des Reichs- arbeitsminifteriums über den für Februar fälligen Teuerungszuschlag verhandelt werden.

Sin Gastwiriestreik in Hamburg.

Hamburg. 19. Dez. (WTB ) Am Donners­tag bleiben die Restaurants und die Küchen- betriebe der Hamburger Hotels anläßlich einer Protestkundgebung gegen das von der Reichsregierung geplante Schank st ätten- g e s e h von 12 Uhr mittags ab geschloßen. Die Hotels selbst sind jedoch zur Aufnahme von Fremden geöffnet.

DaS Reichsgericht über die Preisberechnungen.

Leipzig, 19. Dez. (WTB.) DaS Reichsgericht hat heute entschieden, daß bet der Preisberechnung von Wa­re n der Wiederbeschaffungspreis nicht gefor­dert werden darf, dagegen die volle Geldent­wertung beim Einstandspreise berücksichtigt werden kann. Unter Anerkennung dieses Standpunktes hob das Reichsgericht zwei Ur­teile des Landgerichts Gera auf, wodurch zwei Kaufleute wegen Preistreiberei zu 3000 Mk. und 1000 Mk. Geldstrafe verurteilt worden waren.