Einzelbild herunterladen

Nr. W

Erscheint täglich, anher Sonn, und (feiertags, mit berSamstagsbrilage: (BiefecntrSamilienblätter Monatlich« vezuorpreife: Tlk 18.- und Tlk. 2. Trägerlohn,durch die Post Mk. 20.. auch deiNicht» erscheinen einzelner Nurn« mtrn infolge höherer Gewalt.- I ernsprech. Anschlüsse; fiirdieöchrist- kihing 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten; Anzeiger Sieben.

postfcheälonto: 5ranNurt a. M. 11686.

Samstag, 20. Mai 1922

Erstes Blatt

172. Jahrgang

Annahme van Anzeigen für bie Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigen v 34 min Breite örtlich 120 Pf.auswart, 150 Pf.; für '.Reklame« Anzeigen von 70 mra Breite 450Pf. Bei Platz. Vorschrift20 .Aufschlag. Haupischriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Karl Walther; für den Anzeigenteil: Hans Deck, sämtlich in Gietzen.

ietzenerAnzelger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dmd und Verlag: vrühl'sche Univ.-Vuch- und Stetnöruderei H. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und vruderei: Schnlstratze 7.

Wochenruckblick.

Die Genueser Konferenz wird ab­gebrochen und später in einer anderen Gestalt fortgesetzt so sagte Lloyd George einem englischen Zeitungsmann, und ein un­gebrochener Wille leuchtete aus seinen Worten hervor. Die europäische Regelung gliedert sich in zahlreiche und mannigfaltige Abwicklungen, aber im wesentlichen 'hatten wir auch bei den Schluhverhandlungen, dem Handel mit den Svwjetverttetern, dasselbe Bild vor Augen: zwei Vorkämpfer, Eng­land und Frankreich, die schon etliche Run­den hinter sich haben und sich das Trocken- tuch zuwerfen lassen, um nach längerer Pause zum Entscheidungskampf anzutteten. 3n den an sich nicht ungünstigen 2lussichten auf eine Vereinbarung mit Rußland erheben sich die schroffsten und unversöhnlichsten Widerstände aus dem System Pvincarö. Diesem ist es ja nicht um eine Ausgleichung der pvli- ttschen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu tun, sondern um ganz etwas anderes. Das Frankreich des Herrn Poincarö will die Trümmer Europas nach seinem SiegerwMen durcheinanderreißen, um die Zwingburgen seines Dvrherrschertums hineinzustellen. Zwar besitzt eS weder Gut noch Geld, noch Ehr und Herrlichkeit der Welt aber eS hat Kanonen und unübersehbare Massen von Kriegsgerät, und damit will es seine glorreiche Zukunftbefestigen". Auch die pathetische Rede DarthouS in der Schluß­sitzung, von der heute berichtet wird, konnte mit ihrem Tränenschleier diese Qlrt von eigen­williger Friedenspolitik nicht verbergen. Wir wollen uns überhaupt von den Abklängen der Genueser Konferenz nicht in Träume' wiegen lassen. Die wichtigsten Sätze, die während der ganzen Kvnferenz- dauer gesprochen worden sind, waren die, in denen Lloyd George am 27.April inmitten englischer und amettkanischer Presse- vettreter erhobenen Tones sagte:Rur ein Blinder kann sich einbilden, daß durch irgend­eine Kombination zwei große Völker, die zwei Drittel von Europa repräsentteren, niederge­halten werden können." 3n dieser Rede er­hielt der französische Ministerpräsident auf seine Herausforderung von Bar-le-Duc wuch­tige Schläge. Lloyd George geißelte seine selbstsüchtigen Trivialitäten", warnte ihn vor der Vereinigung eines zornigen Deutschlands mit einem hungernden Rußland und deutete auf das Anwetter, das sich am Horizont zu­sammenzöge. Der Franzose hat bis zum Schlüsse auf die englische FriedenSpvlittk weiter lvSgeboxt. Keines der großen Pro- grammzielc konnte in Genua erreicht werden.

Aber Lloyd George hat gleichwohl recht: Fortschritte sind erreicht, die wahren Hinder­nisse schonungslos aufgedeckt. Man wird sich im Haag wieder treffen, dem eigentlichen Sitz des FttedenSgedankenS, wo, anders als in Genua,des StteitS schlangenhaarigtes Scheusal" des Palastes schützende Götter nicht zu dreist wird beleidigen dürfen. Ob die Verhandlungen dortunter einer unend­lich hoffnunqSr'eicheren Atmo­sphäre weitergehen"? Lloyd George, der es behauptete, muß es fa wissen. Er hatte schon in der erwähnten großen Rede vom 27. April die Teilnahme AmerckaS an der Lösung der europäischen Probleme gewünscht, aber bei der Zuspitzung der russischen Schwierigkeiten blieb ihm die Anterstüyunq des Washingtoner Kabinetts bisher aus. 3m Gegenteil, es schien, als wolle Herr Harding den ftanzösischen Widerspruchsgeist stärken und die Moskauer Regierung ihrem Schicksal überlassen. Roch ist über die Einzelheiten der neuen Haager Kon­ferenz nicht das letzte Wort gesprochen. Um Amerikas wahren Standpunkt gegenüber den europäischen Dingen zu erkennen, muß man zurückgehen auf die Begründung, mit der von ihm die Teilnahme an der Genueser Konferenz abgelehnt wurde. 3n Washington hielt man sich nur darum zurück, weil man sich von einer Konferenz, die das toich - t i g st e Problem, nämlich die Reparations­frage, ausschlvß. nichts Ersprießliches ver­sprechen konnte. Die zwischen Washington und Paris gewechselten Roten in der Schulden­frage sind leider nicht veröffentlicht worden. Jedermann weiß aber, daß das amerikanische Volk der kostspieligen RüsttmqS- und Sank­tionspolitik Frankreichs mit tiefstem Bedenken gegenübersteht, und vielleicht kommt doch noch einmal die Stunde, wo auch der Präsident Harding eine deutliche und öffentliche Warnung nach Paris richtet!

Die optimistischen Worte Lloyd Georges die heute das Wolfs-Bureau weiterverbreitet erweisen sich keineswegs als leere Phrasen wenn man die Lage der einzelnen Lände angesichts der Haager Versammlung ins Auge saßt. Die Russen haben die Genugtuung, daß ihr Vorschlag einer nachverstänfoigen- beratung angenommen worden ist. Das Eis

ist gebrochen, der Wille zu einer Verständi­gung ist nur Frankreich kämpft dagegen an auf allen Seiten vorhanden. Auch wir Deutschen müssen eine solche allgemeine Ver­ständigung für erstrebenswert halten, denn Rußland braucht in der Tat Kapital und Kredit, um seine Wirtschaft wieder aufzu­bauen, und beides können wir ihm nicht geben. Es ist ein Gewinn, daß in vier Wochen die russische Frage weiterbehandelt und einer Lösung zugeführt werden soll, von der toir erwarten können, sie möge mit dem Vertrag von Rapallo im Ein­klang stehen. Herr Barthou hat erklärt, er werde seiner Regierung empfehlen, nach dem Haag zu gehen; in der Pariser Presse ist festgestellt worden, Frankreich habe freie Hand und könne in dieser Frage tun was es wolle. 3talien geht, was Lloyd Ge­orge ausdrücklich feststellt, mit England, und die sogenannteKleine Entente" ist, tote sich herausgestellt hat, ein sehr unzuverlässiges Gefolge. Herr Poincars wird sich die Ab­lehnung der Teilnahme Frankreichs an der Haager Konferenz nicht leisten können, und er wird die derbe Faust Lloyd Georges wohl noch mehr als einmal schmecken müssen. Sv hat die Genueser Konferenz uns keineswegs völlig enttäuscht. Sie brachte das Rad der Entscheidungen in schnelleren Schwung, und wir sehen denn doch, wie unser grimmer Feind im Westen die freie Bahn für seine Gewaltpolitik nicht findet. Erneut hat Lloyd George vom rÄnurren der Kriegs­hunde" gesprochen, das er habe verstummen lassen. Run, uns dünkt, sie knurren und bellen doch noch weidlich; der Minister Hermes würde darüber aussagen können, wenn er wollte und dürfte. Herr Pierpont Morgan will sich in Paris bemühen, das Gekläff zu dämpfen und die Mission des deutschen Mi­nisters zu erleichtern. Auf den ersten Anhieb wird die Sache aber kaum zu machen sein, und er wird auf ähnliche Schwierigkeiten stoßen wie die Genueser Konferenz in der russischen Frage.

Herr Wirth und Herr Rathenau, der in der Genueser Schlußsitzung recht wirksam foar- gelegt hat, daß die Konferenz ungewollt und ungenannt, ganz von selbst, auch die Richt­linien einer vernünftigen Wiederherstellungs- Politik gefunden habe, wie sie dem Versailler Qkrtrag entgegengesetzt sind, kommen nun wieder nach Deutschland zurück, wo man hof­fentlich etwas Besseres finden wird als sich über bloße Schlagworte zu unterhalten. Es ist eine neue Zeit angebrochen. Lloyd George sagte gestern:Glauben Sie mir, der Friede errichtet wieder eine sanfte Gewalt über die Menschenherzen". 3n Dem harmlos klingenden Satz steckt eine brennende Kritik des Versailler Vertrages. Deutsche müssen nunmehr aus­sprechen, was Lloyd George oder irgend ein Engländer nimmermehr kann. Wir wünschen die Wiedergutmachung des Anrechts, das Deutschland und dem deutschen Volke angetan worden ist, denn das liegt in jener Linie derfünften Gewalt über die Menschen­herzen". Hat Barthou gestern nicht wieder die alte Beschimpfung gegen uns erhoben, als er sagte, Frankreich habe die Dienste nicht vergessen, die die russische Ration während forcier Jahrefür foie Zivilisation und den Fortschritt" geleistet habe? Also wohl gegen die deutschen Barbaren und Verbrecher? Auch die deutsche Regierung darf und muß fortan die deutsche Ehre wachsamer und empfindlicher hüten als sie eS bisher ge­tan hat. 3m deutschen Volke selbst sind ja in der letzten Zeit so 'manche Hüllen gefallen, die Wahrheit und Gerechttgkeit versteckt hat­ten. Gibt es irgend einen deutschen Menschen, von dem man heute so klar überzeugt ist, daß er cm Riesenverbrechen am deutschen Volle begangen hat, als Kurt Eisner? Auch seine Gesinnunasgenossen und Helfershelfer bei seinen Fälschungen sind wie durch Richter­spruch in Schmach und Schande verurteilt. Ge­wiß sind vor und während deö Krieges, so­wie nachher, Fehler auf allen Seiten ge­macht worden. Das Buch Erinnerungen des vormaligen deutschen Kron­prinzen, aus den Aufzeichnungen, Doku- menten, Tagebüchern und Gesprächen bear­beitet und herausgegeben von Karl Rös­ter (3. G. Cottas Verlag, Stuttgart) ver­dient daraufhin ernstlich gewürdigt zu toer- ?en. Wer der vollen Wahrheit die Ehre geben will, der darf an diesen Blättern nicht vvr- übergehen. Wir blicken durch das Buch in eine Tragödie, in bet der Kronprinz sicher- ich keine verhängnisvolle oder abstoßende Rolle gespielt hat. Ob er selbst ein hervvr- wrragender oder nur ein mittelmäßig be- -abter Mann ist, bleibe ganz dahingestellt [ebenfalls liefert er die Rachweise, daß er im Kriege eine äußerst gewissenhafte Mäßi­gung geübt und auf ein möglichst frühzeitiges Kriegsende hingewirkt Hal. Demgemäß übt

er eine freimütige, aber im Tone wohltuend berührende Krittk an hohen und höchsten Per­sonen, also auch seinem Vater. Wenn der geistige 3nhalt des Buches auch nicht ganz sein Eigentum sein sollte, so ist es doch jeden­falls erfreulich, daß der Kronprinz so llarer und vornehmer Kritik, überhaupt einer so soliden und sympathischen Geistesrichtung, zu­gänglich war. ES fehlt uns der Raum, auf Cinzclzüge hinzutoeifen. Rur einer Fälschung und ' höchst leichtfertigen Auslegung der Frankfurter Zeitung" möchten wir entgegentreten. Das Blatt schreibt in der Be­sprechung des Buches:

Der Kronprinz ist seit 1915 andauernd für Verständigungsfi ieden eingetreten und rühmt sich dessen. Haben nicht die Kreise der Rechten in der Kriegszeit jeden, der das getan hat, für einen Defaitisten, Vaterlandsverräter, für einen Schur­ken und Lumpen erklärt? Run hat sich der frühere Kronprinz selber tn die Reihe der Defaitisten aufgenommen."

ES ist erstaunlich, daß dieFrankfurter Zeitung" die Begriffe so unsinnig fourchein- anderwirft. Sie hat das ja freilich auch schon im Kriege getan und dadurch manches Mn» heil angerichtet. ES kommt doch wohl daraus an, wie man einen VerständiqungSfrieden einzuleiten hatte. Die deutsche Presse konnte das Wenigste dazu tun. Man muhte dieses Bestreben vielmehr Menschen und Aemtern überlassen, die mit -der nötigen Vorsicht an

Das Ende der Ge

Die letzte Sitzung.

Genua, 19. Mai. (Wolff.) Die Schluß- fihung hat sich mit folgender Tagesordnung zu beschäftigen:

1. Zustimmung dem SttzungSprotokoll der zweiten Vollsitzung^

2. Vorlage dm Beschlüsse der Dritten Kom­mission (Wirtschaft);

3. Vorlage der Beschlüsse der ersten Kom­mission (Rußland);

4. Vorlage des Berichtes der Kommisswn zur Prüfung der Vollmachten;

5. Vorlage einer Antwort für eine Ent­schließung betreffend die Sairitätskonfeoenz in Warschau;

6. Vorlage eines Entwurfes für eine Re­solution in be^ug oif die verschiedenen Fra­gen einer Aktion des Roten Kreuzes m Frie­denszeiten;

1. Schlußrede.

Der erste Punkt der Tagesordnung, woz r Facta das Wort ergreift, wird nach kurzer Geschäftsordnungsdebatte ar genommen.

Zu Punkt 2 ergreift der Berichterstatter der Wirtschaftskvmmi'sion Colrat das Wort und führt aus, daß die augenblicklichen Probleme der Weltwirtschaft von einer derartigen Größe und Bedeut ing feien, daß sie die Kommission selbst zu großen Resolutionen geführt hätten. Die Kommiffion habe geglaubt, auf die außer- orfoent i he Bedeutung der landwirtschaft­lichen Produktion Hinweisen zu muffen. Die Steigerung der industriellen Produktion bo';e eine Verminderung der landwnäschustllchrn Pro­duktion bcwirlt. Landwirtschaftliche U terprodut- tion sei gleichbedeutend mit Hungersnot. Es käme daraut an, die landwirtschaftliche Bevöl­kerung zu belehren. Gleichsals eine hohe Bedeu­tung käme der Frage der Rohstoffe zu. Der Kriegszustand habe die Wirtschaft der Rohstoffe in Anordnung gebracht. Die spekulative Penodr habe große industrielle Störungen, auch solch» des Handels, hrrvorgerufen. Die Schutzmaynah- men der einzelnen S rauten Hütten aber einen aggressiven Charakter angenommen. Es fei dazu gekommen, daß Rohstoffe zur Verarbeitung zr Bedingungen geliefert würden, die jede Konkur­renz stillegen. Die Kommiffion glaube h.ergegen ein System wirksamer Garantien gesunden zu haben. Die gemcinfchaf tlt che ( u ammenarbeit aller Völker sei das Wünschenswerteste Europa müsse in Zukunft für den Geist der Konferenz von Genua arbeiten.

Hierauf ergriff der italienisch» Handelsmini­ster Rosfi das Wort und führte aus, daß die Vorschläge der italienischen Delegation darauf hingezielt hätten, jetzt wirtschaftlich getrennte Staaten zu einer wirtschaftlichen Soli­darität zu vereinigen, um eine vernünftige Konkurrenz auf dem internationalen Markte her­auszustellen. *» *

Minister Dr. Rathenau

führte aus; Der Abschluß der provisorischen Ar­beiten der Konferenz gestattet uns einen Ueber- blick über die welthistorischen 2 e i ft u n - gen der Konferenz, die erst in kommenden Jahren mehr und mehr hervortreten werden und für die Europa der Henue'er Konferenz Dank schuldet. Es wäre unberechtigter Optimismus, zu hoffen, daß durch den 2ldschtuh dieser Arbeiten die Welt­krise sofort eine merkliche Linderung erfährt. Eine solche Besserung der allgemeinen Weltlage wird erst dann eintreten, wenn eine Reihe von Prin­zipien erfüllt ist. die in den Beratungen der Kommissionen mit immer wachsender Deutlich­keit hervortraten, wenn sie vielleicht auch nicht ihren vollen Ausdruck in den niedergelegten Leit­sätzen fanden. Indem ich mich an die der Kon­ferenz gezogenen Grenzen auf das strikteste hallen werde, will ich versuchen, die

fote schwierige Aufgabe herangingen. 3n foie- fern Sinne übt auch der vormalige Kronprinz die aller schärfste Kritik an denjenigen Handlungen, die, wie z. B. die Erzbergersche Friefoensentschliehung, dem Reich und der kämpsenfoen Front in den Rücken fielen. Er schreibt wörtlich:

,Rur mit einem von hartem SiegeS willen und Siegesglauben erfüllten Volke hinter sich konnte die Regierung Schritte zur Herbeiführung cinc8 Sonderfriedens, einer Verständigung mit dem einen oder dem anderen Gegner wagen. Zwecklos und geradezu verderblich und schädigend für un­sere Lage war jeder Versuch wenn wir dabei den Eindruck machten, als ob wir etwa ein dringende- Friedensbedürfnis hätten und den Krieg nicht lange aushalten könnten. Zweck- und sinnlos waren daher unsere offen in die Welt hinaus- geschrieenen Friedensangebote die überdies noch keinerlei klares Bild von dem gaben, was wir eigentlich wollten. Sie hatten nur den Erfolg, daß sie der Hoffnung der feindlichen Völker auf unseren baldigen Zusammenbruch psychologische Stützen gaben und daß sie damit den Sieges­glauben und den Willen der Gegner, bis zum Knock out blow" durchzuhalten, stärkten un- zum Schaden, uns zum Verhängnis."

Gar manche verderbliche Zeitungspolitik, die stürmisch nach dem Verständigungüfriefocn oder nachFrieden und Brot" schrie, kann heute vor gewissenhafter Selbstprüfung nicht bestehen. Darum wäre eS gut, wenn das Kron- Prinzenbuch recht eindringlich gelesen würde!

äusser Konferenz.

vier großen unausgesprochenen Wahrheiten darzulegen, die mir aus den Beratungen hervor- zugehen scheinen und die, wie ich glaube, un­bedingte Voraussetzungen für eine Gesundung der Weltwirtschaft bilden. Die erste dieser Wahr­heiten lautet:

Die gesamte Verschuldung der Länder ist zu groß tm Verhältnis zu ihrer Produktionskraft. Alle hauptsächlichen Wirtschastsländer find in den Verschuldungskreis hineingezogen, der die meisten gleichzeitig zu Gläubigern und Schuldnern macht. Kein Staat kann auf die gesicherte Stabilisiei-ung seiner Zahlungsbilanz und damit auf seine Wech­selkurse vertrauen, mit Ausnahme jene« einen großen Reichs, das niemandem schuldet und Gläu­biger aller ist, nämlich Amerika, ohne dessen Beteiligung der Wiederaufbau Europas unmög­lich wird. Vor allem aber können den überschul­deten Ländern neue Mittel, deren sie bedürfen, nicht zugeführt werden, denn die Ueberschuldung liegt vor aller Augen zutage.

Die -welle der ausgesprochenen Genueser Wahrheiten scheint mir zu liegen in dem Sah, daß kein Gläubiger seine Schuldner am Dezahlen

der Schulden hindern sollte.

Wenn ein einzelnes Individuum einem anderen Geld schuldet, so kann verlangt werden, daß zur Auszahlung die vereinbarte Münze verwendet wird. Es ist Sache des Schuldners, solche Münzen sich zu verschaffen, wie sie am Markte in jeglichem Umfange stets erhältlich sind. Ein Land jedoch kann einem anderen auf die Dauer feine Schulden nur jn Gold bezahlen und wenn- es Gold nicht, produziert oder nicht in größerem Umfange besitzt' in Gittern Zahlung in © ü t er n a'-er ist dann nur möglich, wenn der Gläubiger sie gestattet. Ver­bietet er sie. so tritt Zahlungsunfähigkeit ein, und erschwert er sie durch Zölle oder durch andere hin­dernde Maßnahmen, so wird der Betrag der Schuld willkürlich vermehrt.

Die dritte foer Wahrheiten ist vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck gekommen und aus­gesprochen in dem Sah, daß

die Weltwirtschaft erst dann wieder hergestellt werden kann, wenn ein imponderabiler Wert wieder gewonnen ist, nämlich das wechselseitige Vertrauen.

Dieses Vertrauen kann aber nur wiederkehren, wenn die Welt in wahrem Frieden lebt. Der heutige Zustand der Welt ist nicht der Friede, sondern ein Zustand, der dem Kriege ähnlich ist. Jedenfalls ist es kein vollkommener Friede. Trotz den großen Menschenverlusten des Krieges sind aber die menschlichen Prvduk ianskräste fast voll­kommen erhalten, denn ste haben sich in starkem Umfange ergänzt. Wenn somit die Geldmaschi­nerie nicht arbeitet, obgleich sowohl ihre Substanz cvie ihre Triebkräfte fast vollständig erhalten sind, wenn auf der einen Seite Millionen von Händen feiern und auf der anderen Seite Millionen von Menschen hungern, wenn auf der einen Seite unzählige Gütermengen unverkäuflich sich auf­stapeln und auf der anderen Selle an den gleichen Gütern der schwerste Mangel besteht, so liegt das daran, daß die wechselseitige Verschuldung als ein psychologisches Moment wirkt. Als wei­tere psychologische Momente sind der mangelnde Friedenszustand und das mangelnde Wellver­trauen bestimmend.

Wenn man sich nun fragt, ob es denn wirk­lich kein Mittel gibt, die erschlafften. Kräfte des Weltaustausches neu zu beleben und die Maschi­nerie der Weltproduktion von neuem in Be­wegung zu setzen, so ergibt_ sich die vierte den unausgesprochenen Thesen, nämlich die, daß nicht durch irgendeinen oder zwei Käufer, sondern durch Zusammenwirken aller in ökonomischer» und Weltproblemen eine neue Bewegung zu- geführt werden kamt.