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Nr. 246

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Donnerstag, 19. DNober 1922

172. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

druck und Verlag: Vrllhl'sche Univ.-Vvch und Stcfnöruderei H. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze r.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bi, zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtlich 600 Pf., auswärts 800 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Dreite2800Pf. Bei Platz. Vorschrift 20 u/6 Aufschlag Hauptschriftleiter: Äug Goetz. Verantwortlich für Politik. Aug. Goetz für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Deckt, sämtlich in Dietzen

Eine bayerische Denkschrift Über die Teuerungskatastrophe.

München, 19. Oft. (WTD.) Die baye­rische StaatSregierung hat an die Rei^regierung eine Denkschrift gerichtet, die zunächst mit den ganz besonders in Bayern ver­hängnisvoll geltenb gemachten Auswirkungen der Leuerungskatastrophe sich beschäfttgt. Die Denkschrift betont, das) an dem Worte des Reichskanzlers .Erst Brot, dann Repa­rationen!" unter allen Umständen feftgefciltea werden müsse. Ebenso müsse nicht dte Wtrtschaft, sondern der Staat herrschen. Als Maßnahmen zur Berhütung einer weiteren Verschlechterung der Mark und Besserung ihres Wertes bringt die bayerische Regierung in Vorschlag:

1. Sicherung der Lüuhe und Ordnung im 3nfanbe. ,

2. Strengste Sparsamkeit im Reichs Haus halt durch Vereinfachung der Verwaltung und Ein­schränkung des Aufgabenkreises des Reiches auf die unbedingt notweirdige Unterlassung aller nicht unbedingt notwendigen Reueinrichtungen und De- leitigung der Defizitwirtschaft der öffentlichen Cße- triebe. w , , ,

3. Möglichste Verhinderung der Ausfuhr le­benswichtiger Waren, deren Bedarf im Inlande nicht vollständig gedeckt ist.

4. Hebung der inländischen landwirtschaft­lichen und industriellen Erzeugung und ihre Ein­stellung auf die unentbehrliche Veredelung des Achtstundentages unter grundsählicher Aufrecht­erhaltung desselben.

5. Einschränkung des inländischen Bedarfes auf das Unentbehrliche.

6. Verhinderung der Einfuhr von Luxus- waren.

7. Möglichste Heranziehung der Ausfuhr zur Deckung der unentbehrlichen Einfuhr.

8 Verbot der Fakturierung und Zahlung -n Auslandswährung für den gesamten Inlands- oerkehr.

Außerdem schlägt die bayerische Regierung als repressive und prvphylaltische Maßnahmen gegen die Auswüchse der Geldsucht und gegen das rücksichtslose Streben nach eigener Sicherstellung vor:

1. Strenge Ueberwachung der Verbände, Äar- 'elle, Syndikate in Industrie und Handel, insbe­sondere ihrer Preisfestsetzung im Wege hoher Strafen und einer vorsehenden Rotverordnung.

2. Preisüberwachung auch im übrigen Vermehre.

3. Schärfste Bekämpfung des Wuchersmit Zuchthaus, Ausweisung, Arbeitshaus. Vermög enskonfiska- t i o n und Schließung des Betriebes als S t r a f m i 11 e l.

4. Verringerung und Säuberung des Zwi­schenhandels.

Die Denkschrift betont schließlich, daß alle Liese Vorschläge zur Linderung des Uebels aber keine Heilung bringen könne und fährt fbrt: ,,Die Grundursache des Uebels liegt in unseren Repa- rationsveriflichtungen und im Mißverhältnis zwischen inländischem Verbrauch und inländischer Produktion, durch welche die Passivität unserer Zahlungsbilanz bedingt wird. Unter diesen Um­ständen ist der Vorschlag einer künst­lichen Stabilisierung des inländi­schen Preisniveaus wohl einer eingehen­den Prüfung wert; dieser Vorschlag läuft dar­auf hinaus, den gesamten Devisenverkehr zum Zwecke strengster Sparsamkeit und schärfster Ein­schränkung der Einfuhr zu zentralisieren. Alle inländiichen Preise, Gehälter und Löhne sollen ferner auf ihre dermalige Hohe allenfalls unter Beziehung auf die Friedenspreise und Frie­denslöhne behördlich festgesetzt wer­den. Aus eine solche Weise könnte der Einfluß des ausländischen Wertes der Mark auf ihren Inlandswert abgeriegelt werden, ohne daß die Volkswirtschaft im ganzen dadurch zu Schaden käme.

Maßnahmen zur Linderung der Milchnot.

Berlin, 18. Oft Ein Rundschreiben des Reichsministers für Ernährung und Landwirt­schaft an die Landesregierungen befaßt sich mit den zur Linderung der Milchnot zu tref­fenden Maßnahmen. Es ist der Erlaß einer Ver­ordnung beabsichtigt über die Konzessiv- nierung der Butter und des Milchhan­dels. Dagegen soll von der Festsetzung von Höchstpreisen für Butter und Milch durch das Reich bis auf weiteres abgesehen werden, jedoch wird darauf hingewiesen, daß die Festsetzung von Höchstpreisen schon jetzt durch die Landeszentral­behörden oder die von ihnen beauftragten unteren Behörden auf Grund des Höchstpreisgesetzes mög­lich ist. Endlich werden die Landesregierungen er­sucht, Verfügungen gegen die Verwässerung ani> Verfälschung der Vollmilch zu treffen. Die der Reichsgctreü>estelle und den Kommunalverbänden zur Verfügung stehende Kleie soll neben der Be­lieferung der landwirtschaftlichen Betriebe, die Umlagegetreide abliefern, in erster Linie zur Hebung der Milchproduktion und Verteilung an Milchnotstandsgebiete verwendet werden.

Die innere Goldanleihe.

Berlin, 18. Ott. (Wolff.) Der ,D. Z." wird mitgeteilt, daß die Goldschahanwei- jungen, wenn das gegenwärtig noch dem Ka­binett vorliegende Gesetz auch rasch angenommen werden dürfte, wegen der technischen Vorberei­tungen nicht vor Mitte Rovember herauskommen könnten. Die Stückelung sei so gedacht, daß die tleinste Goldschahanweisung einem Werte von 25 Dollar entspricht

Erhöhung der Postgebühren.

Berlin, 18. Oft. Der Reichspostminister hat dem Derkchrsbeirat seines Ministeriums Vor­schläge für die neue Gebührenerhöhung unterbreitet Danach sollen Postfarten im Orts­verkehr 3 Mark, im Fernverkehr 6 Mark kosten. Briefe sollen im Ortsverkehr bis 20 Gramm 4 Mark, bis 100 Gramm 8 Mark, bis 250 Gramm 12 Mark kosten, im Fernverkehr entsprechend 12, 18, 20 Mark. Die Drucksachengebühr wird für 25 Gramm auf 2 Mark, bis 1 Kilogramm auf 20 Mark erhöht.

Die Päckchengebühr ist auf 24 Mark vor­gesehen Die Derstcherungsgebühr für Wertpakete und Wertbriefe soll 6 Mark, für je 1000 Mark Wertangabe mindestens 10 Mark betragen Post­anweisungen sollen kosten: bis 100 Mart 10 Mark, bis 500 Mark 16 Mark, bis 1000 Mark 20 Mark, bis 2000 Mark 24 Mark, bis 5000 Mark 30 Mark, bis 10 000 Mark 40 Mark.

Im Postscheclverfehr werden die Gebühren auf die Hälfte der Postanweisungsgebühren fest­gesetzt. Bei Telegrammen soll künftig ohne Rück­sicht auf die Entfernung eine Grundgebühr von 20 Mark und daneben eine Wortgebühr von 10 Mk. erhoben werden; dafür fällt die Mindest­gebühr fort. Die Fernsprechgebühren sollen das Doppelte der jetzigen Gebühren einschließlich der Teuerungszuschläge betragen. Die Erhöhung für die laufenden Gebühren soll mit Wirkung vom 1. Januar 1923, für die Einzelgebühren mit Wir­kung ab 1. Dezember 1922 in xraft treten.

Das Reparationsproblem.

Paris, 19. Olt. (WTD) Ministerpräsident P o i n c a i e hat sich gestern nachmittag mit Dar- thou, Mauclere, de Lasteyrie, Reibel, Peretti de la Recca und dem Direktor der Handelsabteilung im Außenministerium Seydoux übet? das Repa­rationsproblem beraten.

Paris. 19. Oft. (WTD.) DasEcho de Paris" schreibt: Eine Beratung der franzö­sischen Sachverständigen hat gestern im Kabinett des Ministerpräsidenten stattgefunden. Zuerst schien es, daß D a r t h o u am Freitag einen vollständigen französischen Gegenvorschlag unterbreiten werde, enthaltend einen umfassen­den Reformplan der Finanzen unb des Wah­rungssystems, das Deutschland, eventuell unter Psandnahme und Androhung von Sanktionen, anzunehmen habe. Die neueste Absicht scheine jedoch zu sein, für den Augenblick die Debatte in ihrer Vollkommenheit nicht vor die Repa­rationskommission zu tragen. Der Gegenvor­schlag, den Darihou unterbreiten werde, wird deshalb ohne Zweifel die Frage der Pfänder und Sanktionen nicht anschneiden. Das wird der internationalen Konferenz Vorbehalten bleiben, vor der die französische Regierung ihren Gesamt­plan zu entwickeln gedenke.

Der Plan deutscher Arbeiten in Frankreich.

Berlin, 18. Oft (WTB.) Der diplomatische Mitarbeiter der Agentur Havas teilt mit: Die deutsche Regierung hat ihre Antwort auf den Plan großer öffentlicher Arbeiten, die durch deutsche Arbeiter mit deutschen Mate­rialien in verschiedenen Gegenden Frankreichs ausgeführt werden sollen, übermittelt. In der Antwort heißt es, die deutsche Regierung sei grundsätzlich bereit, die Arbeiten auszusühren. Hedoch verlange sie die Entsendung einer Kom­mission nach Frankreich, um das Programm im einzelnen zu prüfen.

Hierzu erfahren wir von zuständiger Stelle folgendes: Die französische Regierung teilte Ende September der deutschen Regierung cnntlich mit, daß sie auf Grund des § 19 An age 22 zu Teil 8 des Versailler Vertrages die Ausführung ge­wisser öffentlicher Arbeiten außer­halb der zerstörten Gebiete von Deutschland auf seine Kosten zu ver­langen beabsichtige, und hat um baldige En sendung deu scher Sachverständ'ger nach Paris zum Zwecke der 'Besprechung der Ausführung des Programms gebeten. Deutscherseits wurde er- totbert, daß man bereit sei, Sachverständige zu bestimmen, die mit Vertretern der französischen Regierung im Rahmen des genannten Artikels 19 und der sonstigen jeweiligen Verpflichtungen Deutschlands aus dem Vertrage von Versailles über Ratur und Umfang der Materialien und die Handarbeit zur Ausführung dieser öffentlichen Arbeiten verhandeln sollen, daß es aber vorher notwendig erscheine, die Vorfragen finanzieller Art und über die Verrechnung zuk.ären. Es wurde deshalb vorgeschlagen. daß zunächst über diese Vorfragen verhandelt wird. Hierauf ist eine Ant­wort der französischen Regierung nicht erfolgt

Lubersac in Berlin.

Berlin, 18. Ott. (WTB) Senator de Lu­bersac, der gestern in Berlin eingetroffen ist um sich mit Hugo 6 t i n n e s über gewisse Aus- sührungseinzelheiten des auf der Heimburg ab­geschlossenen Abkommens ins Benehmen zu sehen, hat dem R.ichspräs denten und Rrichskaazler Höf­lichkeitsbesuche abgestattet Beide'haben ihm ihr Interesse an der Verwirklichung des Abkommens ausgedrückt.

Aus Toulon heimgekehrte Kriegsgefangene.

(Berlin, 18. Oft Gestern mittag trafen auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof zwanzig aus Toulon heimkehrende deutsche Kriegsgefangene ein. Sie wurden von einer großen Menschenmenge stürmisch begrüßt

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tng icht

Auswärtigen Amt erklärt wurde, die von mit aus eigenem Antriebe angetretene Rückreise sei bedauerlich, da dadurch aufregende Gerüchte ent­stehen könnten.

in pari without permission prohibited.

Kurz vor Erscheinen der Buchausgabe am 30. Oktober wird das Werk in jeder Buchhandlung zu haben sein bringen wir mit Erlaubnis des Verlages K. F. Koehler in Leipzig den Anfang des KapitelsDer Kriegsau bruch", in dem der Kaiser noch­mals überzeugend Deutschlands Schuld­losigkeit der planmäßigen Vorbereitung des Krieges durch unsere Feinde gegenüberstellt.

)Ich werde in diesem Jahre zu Haus bteV ben, weil wir Krieg bekommen"

und von den Behörden feierlich empfangen. Der Marsch zur Rotebühl-Kaserne, der unter Voran­tritt der Militärkapelle vor sich ging, glich einem Triumphzugs. Die Heimkehrer wurden am Abend im Stadtgarten festlich bewirtet. Oberleutnant Fonk (Berlin) hielt die Begrüßungsrede. Mi­nisterialdirektor Schm ufert entbot den WM- kommengruß der Württembergischrn Regierung. In bunter Folge wechselten die Darbietungen der Stuttgarter Künstler njit anderen_ Reden Es wurden größere Geldsummen, die für dte Heim­kehrer gesammelt waren, unter sie verteilt.

Frankreich und Ruhland.

London. 18. Oft (Wolfs.) Der gestrige Artikel desTemps" über Rußland wird in der englischen Presse viel brachtet. Der Pariser Berichterstatter derDaily Mail' schreibt, überall in Paris werde angekündigt, daß Verhandlungen bezüglich der Eröffnung von Beziehungen zwi­schen Frankreich und Rußland bevorständen. Der Zeitpunkt sei nicht weit entfernt, wo offizielle An­näherungsversuche der Sowjetregierung em be­reitwilliges Ohr im französischen Ministerium fin­den würden. Seit der Genueser Konferenz habe eine entscheidende Aenderung in der Hauptrich- tunfl der französischen Außenpolitik stattgefunden. Der Pariser Berichterstatter der .Westminster Gazette" schreibt, in der Aufregung der Wahl- fampagne dürfe Großbritannien nicht die wich-

Aus dem KapitelKriegsausbruch" der Erinnerungen Kaiser Wilhelms II Ereignisse und Gestatten".

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Die Sachverstündigen-Konserenz in der Orientftage.

Paris, 18. Oft. (WTD.) DasJournal des Sebatä bestätigt, daß die französische Regierung London gegenüber den Wunsch geäußert habe, daß die Sachverständigen -Vor- f o n f e r e n z für die Regelung des Friedens an Orient nicht in London, sondern in Paris abgehalten werde. Das Dlatt glaubt

In Potsdam eingetroffen, fand ich den Kanz­ler und das Auswärtige Amt im Konflikt mit dem Ches des Generalstabes, weil General von Moltke die Ansicht vertrat, der Krieg werde unbedingt ausbrechen, während die beiden ersteren fest auf ihrer Auffassung bestanden, es werde nicht dazu kommen, der Krieg würde sich ver­meiden lassen, wenn ich nur nicht mobil machen liehe. Der Streit dauerte die ganze Zeit über an Erst als General v. Moltke meldete. daß die Russen bereits ihre Grenz-Kordvn-Häuser an- gesteckt, die Grenzbahngleise aufgerissen und rote Mobilmachungszettel angeschlagen hätten, gr auch den Diplomaten in der Wilhelmstvaßs e n ßi . auf. Ihre Widerstandskraft und sie selbst brachen zusammen Sie hatten an den Krieg nicht glauben

Rach dem Eintreffen der Rachricht von der Ermordung meines Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, gab ich die Kieler Woche auf und reifte nach Hause, weil ich beabsichtigte, mich zu der Beisetzung nach Wien zu begeben. Don dort wurde ich aber gebeten, von diesem Vorhaben abzustehen. Rachträglich hörte ich, daß hierfür u. a. auch die Rücksicht auf meine persönliche Sicherheit mitgesprochen habe, die ich natürlich zurückgewiesen haben würde. In tiefer Sorge über die Wendung, die die Dinge nehmen konn­ten. beschloß ich nun. meine geplante Rordland- reife auszugeben und zu Haus zu bleiben. Der Reichskanzler und das A iswärtige Amt waren der entgegengesetzten Auffassung und wünschten gerade, ich solle die Reise au-führen, weil das auf ganz Europa eine beruhigende Wirkung aus­üben werde. Ich habe mich lange dagegen ge­sträubt, angesichts der unsicheren Zukunft mein Land zu verlassen. Aber der Reichskanzler von Dethrnann erklärte nür kurz und bündig, wenn ich den nun einmal schon bekannten Reifeplan jetzt noch aufgeben würde, so werde das dazu führen, die Lage ernster erscheinen zu lassen, als sie bisher fei, und möglicherweise zum Ausbruch des Krieges beitragen, für den ich dann ver« antwortlich gemacht werden könne. Alle Welt warte mir auf die erlösende Rachricht, daß ich trotz der Lage ruhig auf Reisen gegangen sei. Ich konferierte mit dem Chef des Generalstabes darüber; als auch dieser eine ruhige Auffassung der Lage zeigte und selbst um Sommerurlaub nach Karlsbad bat, entschloß ich mich schweren Herzens abzufahren.

Der vielbesprochene sogenannte Potsdamer Krvnrat vom 5. Juli hat in Wirklichkeit niemals stattgefunden. Er ist eine Erfindung Döswilliger. Ich habe selbstverständlich vor meiner Abreise, wie das immer zu geschehen pflegte, einzelne Minister empfangen, um mir über den Stand ihrer Ressort-Angelegenheiten Dericht erstatten zu lassen. Auch ein Ministerrat hat nicht getagt, und von Kriegsvorbereitungen ist bei keiner ein­zigen Besprechung die Rede gewesen.

Meine Flotte lag, wie auf der Crhvlungs- Sommerreise üblich, in den norwegischen Fjorden. Ich wurde wahrend des Aufenthaltes in Dal- holm vom Auswärtigen Amt nur spärlich mit Rachrichten versehen und war hauptsächlich auf die norwegische Presse angewiesen, ans der ich zu erkennen glaubte, daß die Sage ernster wurde. Ich telegraphierte wiederholt an Kanzler und Auswärtiges Amt, daß ich es für ratsam hielte, nach Hause zurückzukehren, wurde aber jedesmal gebeten, meine Reise nicht abzubrechen. Als ich erfuhr, daß die englische Flotte nach der Revue von Spithead nicht auseinandergegangen, sondern konzentriert geblieben war, telegraphierte ich noch­mals nach Derlin. daß ich meine Rückkehr als nötig ansehe. Meine Auffassung wurde dort nicht geteilt. Als mir Mnn aber aus der norwegischen Presse nicht etwa von Berlin aus zunächst das österreichische Ultimatum an Serbien und gleich darauf die serbische Rote an Oesterreich be­kannt wurde, trat ich ohne weiteres die Heim­reise an und befahl der Flotte, nach Wilhelms­haven zu gehen. Bei der Abfahrt erfuhr ich aus norwegischer Quelle, daß ein Teil der englischen Flotte heimlich nach Rorwegen auigelaufen sein sollte, um mich (noch im Frieden!) abzufangen.

Es ist bezeichnend, daß dem englischen Bot­schafter Sir Edward Goschen am 26. Zuli im

tige internationale Entwicklung aus dem Auge verlieren, die stattfinde. Wenn die britischea^Di- plornaten nicht aufwachten, fo würde sich Eng­land bald in Isolierung befinden, die um so unangenehmer märe, als sie aus feinem eigenen Willen entstanden sei.

Daily Recvs" berichtet aus Riga, Moskauer Telegramme meldeten, daß infolge des günstigen Eindrucks, den der französische Abgesandte Her - r io t über die wirtschaftlichen und sozialen Der» hältnisfe in Rußland gewonnen habe, erwartet werde, daß ein frar^ösisch-russisches Handelsab­kommen demnächst erörtert werden würde.

Moskau, 18. Oft. (Wolff.) Die fran­zösische Holzindustrie richtete an denP e - tersburaer Holztrust eine Anfrage über die Mögsich'.eiten russischen Holzexportes und die Wiederaufnahme des normalen Geschäftsverkehrs.

wollen.

Hieraus geht deutlich hervor, wie wenig wir im Zull 1914 auf den Krieg gefaßt waren, gc- schwrige denn, daß wir ihn vorbereitet hätten. Als im Frühjahr 1914 Zar Nikolaus II. von seinem Hofmarschall über sein Frühjahrs- und Sommer-Programm befragt wurde, antwortete er: Je resterai chez moi cctte annöe, parce que nous aurons la guerre.*) (Diese Tatsache soll dem Reichskanzler v. Dethrnann gemeldet worden sein, ich habe damals nichts davon gehört und sie erst im Rovember 1918 erfahren.) Das ist derselbe Zar, der mir zu zwei verschiedenen Malen, in Djörkö und in Daltisch-Porl. ganz unaufgefor­dert und für mich überraschend fein feierliches Ehrenwort (word of honour of a sovercign) durch Handschlag und Umarmung bekräftigt, ge­geben hat: er werde aus Dankbarkeit für die treue und freundnachbarliche Haltung des Deut­schen Kaisers im russisch-japanischen Kriege, den England allein Rußland eingebrockt habe, nie­mals gegen ihn das Schwert ziehen, wenn etwa ein Krieg in Europa ausbrechen sollte, am aller­wenigsten als DundeSgenosfe von England. Dieses Land hasse er, denn es habe ihm und Rußland zu schweres Unrecht angetan, indem es ihm Hapan auf den Hals gehetzt habe.

Zu derselben Zeit, als der Zar sein Sommer- kriegsprogramm aussprach beschäftigte ich mich in Korfu mit Ausgrabungen von Altertümern, dann reifte ich nach Wiesbaden und schließlich nach Rorwegen. Ein Herrscher, der Krieg will und ihn vorbereitet, um seine Rachbarn zu Über­fällen, wozu es langer heimlicher Mobilmachunas- Vorbereitungen und Konzentrationen bedarf, der befindet sich nicht monatelang außer Landes und läßt nicht seinen Generalftabsches auf Sommer- urlaub nach Karlsbad gehen. Die Feinde haben unterdessen planmäßig Vorbereitungen zumUeber- fall getroffen.

Die ganze diplomatische Maschine bei uns hat versagt. Man sah den heraufziehenden Krieg nicht, weil das Auswärtige Amt mit seinem Standpunkt dessurtout pas d histoires! von dem Gedanken des Friedens ä tout prix dergestalt hypnotisiert war. daß es den Krieg als mögliches Mittel der Entente-Staatskunst aus seinen De- redmungen gänzlich ausgeschallet hatte und des­halb die Kriegsanzeigen in ihrer Dedeutung nicht richtig einschähte. Auch hierin liegt übrigens ein Beweis für die Friedfertigkeit Deutschlands. Jener Standpunkt des Auswärtigen Amtes brachte es in einen gewissen Gegensatz zum Ge­neralstab und Admiralstab. die pflichtmäßig warn­ten und zur Abwehr vorberrtten wollten. Dieser Gegensatz hat mxh lange nachgewirkt. Die Armee konnte dem Auswärtigen Amt nicht vergessen, daß sie durch seine Schuld überrascht worden war. Und die Diplomaten waren pikiert, daß.es ttoh ihrer Kunst zum Kxiege gekommen war.