Hr. 272 Zweites Blatt
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Die Vorgänge an der Giehener Oberrealschule.
Don Professor D. M Schien, M. b. L.
Veit Monaten werden die Vorgänge an unserer Oberrvaschule in der Bürgerschaft belprochen. In die Oeffenrlichkeit ist bisher fast nur das ae° drungen, was am 3. und 4. August d. 3- in der Plenarsitzung des ßanbtagd gesagt worden ist. Außerdem hat inan do i ern ten Matzregelungen gehört. Der Direktor der- Anstalt und einer ihrer Lehrer sind gegen ihren Willen verseht worden. Jetzt wird durch die „Darmstädter Zeitung" bekannt, dah Direktor Dc. Schnell auf diese behördliche Maßnahme hin seine Versetzung in den Ruhestand beantragt und erhalten hat. Die Bürgerschaft hat wohl ein Recht, zu erfahren, was eigentlich vocliegt, weswegen eine der höheren Schulen der Stadt ihren bewährten anb verdienten Leiter verliert, weswegen ein 53jäh- riger, in der besten Kraft stehender Beamter aus dem Dienst scheiden muh, weswegen der hessische Staat einem bewährten Schulmann vor der Zeit Ruhegehalt bezahlt, obwohl er in voller Arbclls- freudigkeit weiter sehr nützliche Dienste leisten könnte.
Die Beschuldigungen, die gegen Direktor Schnell erhoben worden sind, sind — fo werden wir belehrt — zahlreich und ernst. Die Untersuchung gegen ihn hat unter dem Zeichen „Maßnahmen zum Schutz der Republik" gestanden. Seine Wirksamkeit scheint also der Republik schwer abträglich gewesen zu sein. Das höhere Interesse des Staates habe seine Maßregelung erfordert.
Wie liegen die Dinge tatsächlich? Die Ober- realschule hatte am Tage der Beisetzung Rathe- naus nicht geflaggt. Da'Z lag, wie einwandfrei festgestellt ist, daran, dah das Drahtseil, an dem die Fahne aufgezogen wird, beim Aufziehen riß und eine Reparatur so rasch unmöglich war: die Weisung wurde gegeben, war aber unausführbar. — Schüler sollen verbotene Abzeichen getragen haben. Der Direktor hatte das behördliche Verbot allen Klassen befann[gegeben und auch sonst alles getan, damit die Abzeichen fernbüeben. Weder er noch die Menge der übrigen Lehrer hat beobachtet, daß Abzeichen getragen wurden. Rur e t n Cdjrer hat eine solche Beobachtung gemacht. Er hat dem Direktor keine Mitteilung bavon gemacht, ihm also keine Gelegenheit zum Sin- schreiten gegeben; aber die Behörde erhielt Anzeige. — 3n der Oberrealschule hat ein Bild gehangen. das aus dem Simplizissirnus stammte 7inb das in furchtbarer Ironie die deutsche Gage, wie der Friede von Versailles sie geschaffen hat. charakterisierte Auf einem Pfahl hängt em alter Wafsenrock; ein Stahlhelm ist darüber gestülpt; auf ihm steht der rote gallische Hahn. An £>er Seite ist eine schwarz-weiß-rvte Grenzschrawke gezeichnet; auf kh-r sitzen Raben und Spatzen. Darunter- liest man die Verse:
Einstmals hielt uns dein Schwert die Völker der Erde vom Leibe,
Heute scheucht dein Gewand Raben und Spatzen nicht mehr.
DieS Bild solle, so sagt man, die deutsche Republik als Dogelscf^uche verlohnen. Die Republik? Wo ist auch nur der geringste Hinweis auf die republikanische Slaatsform? Sieht man denn nicht, daß der Zeichner des Bildes mit einem Herzen voll bittersten Jammers nichts als die furchtbare Ohnmacht Deatschla.ids schildern will, Die doch — Gott sei es geklagt! — «eine welt- kundige Tatsache ist? — Der Direktor hat _incn Zeitungsartikel, der den damaligen Präsidenten des Lanbesbildungsamts angriff, und der unter der Adresse des Lehrerkollegiums ankam, durch Anschlag am Schwarzen Brett im Lehrerzimmer seinen Adressaten zuführen wollen. — Hnb nun die Aufsahangelegenhüt. Sin Schüler gestattet sich in einem deutschen Aufsatz eine beleidigende Wendung gegen die deutsche Regierung nach der Revolution. Richt Direktor Schnell war der Lehrer in diesem Unterricht; als er Kenntnis erhielt, veranlaßte er unverzüglich eine strenge Bestrafung des Schülers. DennvH wird ihm daraus eine Anklage gezimmert; für den „Geist der Anstalt" sei der- Direktor verantwortlich — In einem Klassenzimmer soll längere Zeit eine Karikatur, Ebert und Roske in der Badehose darstellend. gehangen haben. Der Direktor hat nichts davon geäfmt; der betreffende Klassenführer auth nicht; nur ein Lehrer gibt an, sie gesehen zu haben Er hat dem Direktor feine Mittest r.m gemacht, dem Klassenführer auch nicht. Aber die Regierung erhielt Anzeige.
Das — und vielleicht noch eine oder die andere ähnliche — sind die Qlnflagen, um derentwillen Direktor Schnell seinen Posten räumen Muß. Weil eine Vorrichtung zum Flaggen versagt, weil ein vorwitziger Schüler eine Karikatur a_tf- bängt und der einzige Lehrer, der sie bemerkst feinem Direktor keine Gelegenheit gibst die Ent-
Die Herweghs.
Sine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.
41. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Sie haßte Ernst, der ihr so ruhig bei Tisch gegenübersah. als ob er niemals vor ihr gekniet und ihre Hände geküßt hätte Weil der Arzt einmal ihrem Vater abgeraten hatte, wegen seines Herzleidens im heftigen Wind spazieren zu gehen, durchwanderte sie im Sturm die entlaubten Wälder und stieg auf die Höhen hinauf, „dem Regen, dem Wind, dem Schnee entgegen", wie Ernst fang. 3a, er konnte fingen und Choräle spielen, während sie litt. Sie wollte krank werden, sterben.
Ihr Herzklopfen nahm zu. Sie ließ sich untersuchen. „Haben Sie vielleicht in letzter Zeit etwas Aufregendes erlebt^' fragte der Arzt.
Grete senkte den Kopf. „3a, etwas Furchtbares, aber ich kann nicht sagen, was."
„Das verlangt auch niemand von Ihnen, gnädige Frau, aber es beruhigt Sie vielleicht, daß Ihr Herzllopfen nur von seelischen Erregu.i- gen gekommen ist und daß es sich legen wird, wenn die Erinnerung an das Erlebte schwindet."
Wenn sie die Kurhausstro'« herunterkam, glaubte sie an allen Männer.t, die ihr entgegenkamen, eine Ähnlichkeit mit Lutz zu finden, und jedesmal, wenn sie eine hohe schlanke Männergestalt erblickte, zuckte sie zusammen. Ihm jetzt zu begegnen, erschien ihr als das Furchtbarste. An den Sonntagen stellte sie sich krank, um seine Mutter nicht zu sehen, dieses Haus, In dem er gewohnt.
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
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fetnung zu veranlassen; weil irgendwann einmal Schüler (wer weiß, weshalb? vielleicht nur, um einen Lehrer zu ärgern; — so etwas kommt ja vor) verbotene Abzeichen anstecken und der Lehrer, in dessen Stunde es geschiehst dem Direktor leine Gelegenheit gibt, die Entfernung zu veranlassen; weil ein Schüler bei einem an deren Lehrer in einem Aufsatz einige sehr ungehörige Wendungen braucht (e i n Schuler von 7501), darum muß ein Mann tote Direktor Schnell von seinem Amt entfernt werden. Schnell ist politisch nie hervorgetreten; er hat seine Anstalt im Geist ruhiger Sachlichkeit geleitet und jede Politik von ihr fern» gehalten. Er ist einer der besten hessischen Schulmänner. Auf dem Gebiet des höheren Schulwesens, zumal des Mathematikunterrichts, ist er führend; er ist als Leiter pädagogischer Seminare in der Heranbildung des Rachwuchses von anerkannter Bedeutung. Das alles kommt nicht in Frage. Eine Flaggvorrichtung hat versagt; ein Schüler —einer von siebenhunderlsünfzig — hat bei einem an deren Lehrer ungehörige Worte In den Aufsatz geschrieben; einer seiner Lehrer hat dem Direktor nicht die Möglichkeit gegeben, gegen verbotenerweise getragene Abzeichen einzuschrellen; und so weiter. Zum Schuh ber Republik muß der Direktor von der Anstall weichen.
Die diesen Beschluß wollten und herbeiführen halfen, ebenso wie die, die ihn durchsetzten (er wird ja mühsam durchgesetzt worden fein!), glaubten die Republik zu schützen. In Wirklichkeit haben sie ihr schweren Schaden getan. Denn auf diese Weise macht keine Aegierungsform moralische Eroberungen. Auf diese Weife züchtet sie einen Geist, der sich mit echter Kollegialität verträgt wie Feuer und Wasser, und verbittert die geraden und offenen Leute, entfremdet sich die Charaktere.
Mit Sorge sehen wir, die wir das Beste des hessischen Staates wollen, was hier geschehen ist. Daß unsere Oberrealschule ihren trefflichen Direktor verliert, ist schlimm. Schlimmer ist die Art, wie man ihn ihr genommen hat.
Die „Erkrankung" des Franken.
Zu den an „Auszehrung" leidenden europäischen Wahrungen, wie Rubel, polnische Mark, österreichische Krone und Reichsmark, gesellt sich ein neuer Leidensgenvsse, der P a - riser Franken. Wenn noch vor vier Wochen etwa, als sich zum ersten Mal eine scharf betonte Abwärtsbewegung des Frankenkurses zeigte, die Pariser Blätter diese Erscheinung als nur vorübergehend darstellen wollten, so haben sich seitdem doch so eindringliche Symptome fortschreitender und schwerer Erkrankung des Franken bemerkbar gemacht, dah von einer zufälligen Erscheinung keine Rede mehr sein kann. Die nachstehende Tabelle über die Entwicklung fremder Devisenkurse an der Pariser Börse wird daS belegen. Es wurden Franken gezahll für:
Md. Sterl.
Doll.
Schw. Fr.
Hott ©ul
im Frieden 22,22
5,18
100,03
203,80
9. 10.
57 77
13.22
245.50
51100
11. 10.
58 68
13 24
257 25
515.00
23.10.
60 21
13 45
245/. 5
528 53
25. 10.
62.59
14,07
257,00
550,00
7. 11.
69 50
15 59
268,50
611,00
8.11.
71,81
16 06
289,50
637,00
Zahlen beweisen! Was diese Zahlen beweisen, daS ist die Tatsache eines ständigen, unaufhaltsamen AbgleitenS des Frankenwertes. Während man an der Pariser Börse noch am 9. Oktober für ein englisches Pfund 57,77 Franken bezahlte, bei einer Borkriegsparität von 22,22 Franken, muhte man zum Erwerbe deS Sterlingpfundes am 8. Rovember, also vier Wochen später, 71,81 Franken, d. h. rund 14 Franken mehr bezahlen. Woher dieser Zer- setzungsprozeh? Ursprünglich hat man versucht, ihn auf englische Spekulation, auf die Rotwendigkeit ausländischer Getreidekäufe zur Ergänzung der unzureichenden Inlandsernte zurückzuführen. Der Grund liegt tiefer. DaS , Vertrauen zum französischen Franken geht im wachsenden Mähe verloren, weil die Politik der französischen Regierung in der Reparationsfrage mehr und mehr daS Vertrauen des Auslandes in eine gesunde finanzielle und wirtschaftliche Zukunft Frankreichs schwinden läßt. Der HntergangDeutsch- lands ist der Riedergang Frank- r e i ch S. Die Finanzlage Frankreichs ist heute schon verzweifelt, hauptsächlich durch das Ver
schulden der Pariser Regierung. Der Staatssäckel hat ein enormes Loch, weil man ohne Maß und Ziel drauf losgewirtschaftet hat, von der Selbsttäuschung befallen, Deutschland werde schließlich alles bezahlen. Run Deutschland zahlungsunfähig ist, stürzt auch das Kartenhaus der französischen imperialistischen Politik zusammen.
Allen Prophezeiungen, allen Warnungen zum Trotz hat man in Frankreich seit vier Jahren die selbstmörderische Politik der Reparationen verfolgt. Was alle Kassandrarufe nicht vermochten, die französischen Staatsmänner von der Unvernunft ihrer Blut- und Eisenpolitik zu überzeugen, ba£ dürfte nunmehr dem sinkenden Franken gelingen, denn es ist klar, dah über kurz oder lang der Sturz der französischen Währung nach innen und außen tiefgehende politische, wirtschaflliche und moralische Folgen zeitigen muh. „Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muh gebären!"
Vielleicht sieht man drüben nun ein, dah Deutschland und Frankreich Schicksalsgefährten sind.
Deutscher Reichstag.
269. Sitzung, 2 Hhr nachmittags.
Berlin, 17. Rov.
Auf der Tagesordnung steht die zweite Beratung des Antrags Hergt (Dntl.) auf Ermäßigung der Inseraten st euer.
Der Ausschuß hat einstimmig beschlossen, die Steuer für die erste Million der vierteljährlichen Inserateneinnahme aus l/2 Prozent zu ermäßigen, für die zweite Million auf 1 Prozent, für die dritte Million auf ll/2 Prozent und für die höheren Einnahmen auf 2 Proz.
Abg. Könen (Komm.) beantragt die Aushebung der gesamten. Hmsahsteuer, da diese nur den Verbraucher belaste, wahrend die Besitzenden mit ihrer Einkommensteuer noch um Jahre im Rückstand wären and schließlich mit dem entwerteten Gelbe .bezahlten. Redner beantragt besonders die Befreiung der Konsumgenossenschaften von der Umfat)[teuer
Abg. Bruhn (Dnll.) tritt für den Antrag des Ausschusses ein.
Abg. Kahmann (Soz.) gibt zu, daß die Hmsatzsteuer in roher Weise wirke und beseitigt werden sollte. In nächster Zeit würden die Sozialdemokraten die Befreiung der Konsumgenossenschaften beantragen. Jetzt aber hätten sie keinen Anlaß, dem kommunistischen Antrag zuzustimmen.
Der Antrag Könen wird sodann abgelebt und der Ausschuhantrag in zweiter und dritter Lesung angenommen. Gegen den Antrag stimmen nur einige Kommunisten. Die neue Vorschrift soll mit Wirkung ab 1. Januar 1923 in Kraft treten.
Die Rovelle zum Gewerbe - und Kauf- mannsgerichtsgefetz, durch welche die Zu- ständigkeits grenze der Geldentwertung entsprechend erhöht werden sott, wird nach kurzer Aussprache in allen drei Lesungen mit der Maßgabe angenommen, dah die Gehaltsgrenze für die Zuständigkeit auf 810 000 Mk. erhöht wird.
Alsdaim wird Die Aussprache über die neue Geschäftsordnung des Reichstags fortgesetzt.
Abg. Ledebour (1L €k) protestiert gegen die schematische Verkürzung der Redezell und beantragt Zurückverweisung des Entwurfs an den Ausschuß.
Rach unwesentlicher Debatte schließt die allgemeine Aussprache. Der Antrag Ledebour wird gegen die Stimmen der Antragsteller und der Kommunisten abgelehnt.
Abgelehnt wird ferner ein Antrag der Deutschnationalen, der auch von der Mehrheit der Dolkspartei unterstützt wurde, wonach der Reichstagspräsident mit seiner Wahl aus seiner Fraktion auszuscheiden hat.
Das Haus nimmt eine Reihe von Anträgen ohne weitere Debatte an. darunter einen Antrag der Volkspartei auf Ciischung eines Ausschusses für DerkehrsangelegenHellen.
Rach längerer unwesentlicher Debatte wird die Wellerberatung auf morgen mittag 12 Hhr vertagt. Außerdem kleinere Vorlagen.
Schluß 6 Hhr.
Die Teuerung im Ausland.
3m Gegensatz zu der in Deutschland immer schneller fortschreitenden Verteuerung der Lebenshaltung ist im Ausland, abgesehen von Oesterreich und Polen, auch weiterhin eine gewisse Stetigkeit der Kleinhandelspreise und
Sie konnte weder essen noch schlafen, und lange nachdem Ernst sein Licht gelöscht hatte, las sie beim Schein der blau beschirmten Lampe und versuchte ihre Gedanken abzulenken. Sie hatte jetzt einen Freund in einer Leihbibliothek, der ihr die interessanten Bücher schon eiygecoickett zurechttegte, mit denen sie ihren Seelenzustand zu beruhigen versuchte.
Sie brauchte Liane nicht mehr dazu. Sie durchblätterte die psychologischen Studien In den Rächten mit heißen Augen und hämmerndem Herzen.
Aber eS waren doch nur gedruckte Zeilen, und in allen Helden fand sie Lutz wieder. 3a, selbst das indische Lehrbuch der Erotik schien von ihm zu sprechen. Von den von den Frauen bevorzugten Mäimern, „welche Kenner des Lehrbuches der Liebe sind, Leute, die sich gern in öffentlichen Gärten und im Theater zeigen, sich kostbar kleiden und leben . . .“
Sie warf das Buch in die Ecke. Es gab so viele Lutz? Ach für sie gab es nur einen!
Sie begann zu rauchen. Die Männer rauchten immer, wenn sie schwere gebauten loswerden wollten. Ernst paffte den ganzen Tag Zigaretten, warum sollte sie nicht rauchen? Es stand ihr außerdem. Eie probierte vor dem Spiegel, wie es aussah mit dem zierlichen Zigarettenhalter, die Ringe glitzerten dann so hübsch Sie bat den galanten Provisor in der Apotheke nebenan, ihr Gift zu verschaffen. Er besorgte ihr sonst alles, was sie verlangte, aber jetzt zog er sich plötzlich in seine Schale zurück. „Wozu braucht eine so hübsche junge Frau denn Gift?" meinte er mißtrauisch und sah sie forschend mit seinen schwarzen (Brombeeraugen an,
„Für die Ratten," sagte Grete.
„Sind in dem Gold.nbergfchen Hause Ratten? Das muh ich doch mal dem alten Herrn mittcilen, der immer so überlegen tut, als sei fein Haus unübertrefflich gebaut,“ und er rückte nichts heraus.
Wahrend solcher Giftmordgedanken klingelte das Telephon und Mama fragte, ob Grete denn die „Aida" vergessen hätte, sie hatten sie heute im Abonnement. Ach, jetzt mußte man sich wieder umkleiden, und diese alten Priester mit ihren langen Flachs härten und den Posaunen axiren ihr heute geradezu widerwärtig. Wenn es wenigstens „Feidora" geoefen wäre, wo es sich um Verrat, Duell und Mord handelte. . .
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Der Arzt, den Grete im Winter häufig aussuchte, hatte ihr geraten, es mit Luftveränderung zu versuchen So überredete sie Ernst, im Sommer eine Rordlandreise zu machen.
Er hätte Italien vvrgezogen, aber Grete liebte das Unbekannte. „Italien kenne ich ja." Die kühlen nordischen ßänber zogen sie an. Sie reiften über Kopenhagen, wo sie die erste Station machten, nach Christtania, Bergen und DroMheim, von dort traten sie die Rordland- fahrt an. Es war Ende Juli und das letzte licht- schimmernde Luxusschiff, das eben vom Rordkap zurückkam, begegnete ihnen an den Lofoten.
Rur einige schweigsame hagere Engländer mit langen Angelruten befanden sich auf dem Postschnellschiff, ein in Lodenmäntel gehülltes älteres Professorenehepaar und ein junger Maler aus Düsseldorf. Emst unterhielt sich mit dem Professor, einem überzeugten Demokraten, über Politik und mit dem dicken Kapitän über die
Samstag, j8. November (922
damit auch der Lebenshaltungskosten zu verzeichnen. Tellweise halt die Abwärtsbewegung weiter an. 3n England ist dies im August nach den in der „Labour Gazette" veröffentlichten Berechnungen hauptsächlich auf die Preissenkung von Kartoffeln, die 36V.H. betrug, zurückzuführen. Auch Fleisch, Mehl und Brot sind etwas billiger geworden, Eier und Fische dagegen haben im Preise wieder etwas angezogen. Auch bei den Bekleidungsgegenständen macht sich eine geringe Abschwächung-bemerlbar. In Frankreich (Paris) ging die Indexziffer für die Ernährungsausgaben im August um 2,7 v. Sy zurück und erreichte damit den bisher günstigsten Stand. Gegenüber dem im Rovember 1920 erreichten Höhepunkt haben sich hie Lebenshaltungskosten in Paris um 32,2 v. H. verringert. In der S ch w e i z bietet der August in der Bewegung der Preise das gleiche Bild wie in den beiden Vormonaten. Bedeutendere Preisverschiebungen bei Butter, Schweinefleisch und Kartoffeln lassen vermuten, daß der Preisabbau sein Ende ge funden hat und die Preise wieder anziehen werden. In Italien, Schweden und Finnland sind die Lebenshaltungskosten im August wieder, wenn auch nicht erheblich, gestiegen.
3n Oesterreich haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse im September erneut verschlechtert. Der Wert der österreichischen Krone ist im Vergleich zum August um die Häufte zurückgegangen. Demzufolge sind eine ganze Reihe von wichtigen Lebensmitteln aus, mehr als das Doppelte der Augustpreise gestiegen. Rach den Preisfestsetzungen der Paritätischen Kommission stieg der Preis für ein Kilogramm Mehl von 5000 Kronen auf 8550 Kronen, für 1 Kilogramm Reis von 4750 ruf 8450 Kronen, für 1 Kilogramm Rindfleisch von 11 500 auf 26 000 Kronen. Der Preis für 1 Laib Brot von 1200 Gramm erhöhte sich von 3140 auf 6460 Kronen. Ein Herrenanzug zum Friedenspreis von 45 Kronen, der im August 450 000 Kronen kostete, stieg auf 990 000 Kronen im September. Für ein Paar Herrenschuhe (14 Kronen im Juli 1914) wurden im August 140 000, im September 270 000 Kronen gezahlt.
Aus den Berechnungen der Paritätischen Kommission ergibt sich für den September eine Verteuerung der Lebenshaltung gegenüber dem Vormonat um 91 v. H. Die weitaus größte Steigerung haben die Aufwendungen für Heizung und Beleuchtung mit 135 v. H. erfahren.
In P o l e n (Warschau) hat sich der Fortschritt der Teuerung etwas verlangsamt. 3m Durchschnitt des August ist der Ernährungsaufwand einer vierköpfigen Arbeiterfamilie um 15 v. H. gegenüber dem Vormonat gestiegen. Die Gesamtausgaben für die Lebenshaltung stellten sich im August auf das 908fache der Friedenszeit.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 18. Rovember 1922.
Die Hessische Handwerkskammer tagte am Mittwoch inDarmstadt lln Rathaus- faale unter dem Vorsitz des Geh. Gewerberates Falk- Mainz. Dieser machte Mitteilung von der Bildung eines LandeSaus schuss es zur Durchführung der hessischen Rothilfe und forderte zu deren Unterstützung auf. Syndikus Schüttler erstattete dann den einge^enben Tätigkeitsbericht des Vorstandes, aus dem die sehr umfangreiche Arbeit der Kammer hervvrging. Die Iahresrechnung mit 439 350 Mk. in Einnahme und 438 570 Mk. in Ausgabe wurde genehmigt, ebenso wurde ein Rächt ragsvoranschlag gutgeheißen. Heber die Preisbildung Im Handwerk erstattete Sekretär Lindemann Bericht Es wurde eine Entschließung angenommen, welche sich auch gegen die Wucheranschuldigungen gegen das Handwerk wendet. Heber das Lehrlingswesen teilte der Syndikus mit, daß der vorjährige Beschluß der Kammer aus Erhöhung der Lehrzeit um y2 3ahr nicht die Zustimmung der Aufsichtsbehörden erhalten habe. Es stehen neue Verhandlungen bevor, liegen die verfehlte Lohnpolitik der hohen Löhne an ungelernte Arbeiter
Loslösung Rorwegens von Schweden. Die Pro- feffotenfrau war von männlichem Geist erfüllt und sozialistisch angehauchtt, weshalb Grete sich von ihr femhielt. Es regnete viel, und man fror. Ernst hatte ein Klavier entdeckt und spielle Grieg oder phantasierte an Regenabenden, während die anderen beim heißen Glühpunsch saßen. Der Maler blieb Grete überlassen. Er erzählte ihr, daß er meist Akte male, seine „badende Rymphe" war in Christtania im Rluseum ausgesteltt.
Durch ihn lernte sie auch andere Maler fermen, in einem Grandhotel in der norwegischen Hochlandwüste. Als sie den schweigsamen Ael- teften, der ewig mit seiner Shagpfeife am Kaiyin saß und sich nie aus seinem grauen Sweater herauswickelte, fragte, was er eigentlich male, antwortete er barsch: „Ich male nur Schnee."
Emsts Rerden tat die Reise Wohl. Er lieh die ernsten, stummen Felsengebirge an den blauen stillen Fjorden und der endlosen zerrissenen Küste, die schweigende, erhabene Schönhell des Rordens auf sich einwirken und verbrachte die Hellen Rächte oben In seinem Liegestuhl, zu den Sternen auf- schauend, die wandelnde Beleuchtung am Racht- himmel beobachtend. Als sie nach sechs Wochen wieder zurückkamen, formte Grete nicht genug von den redenden weißen Füchsen, die sie in Bergen gesehen hatte, erzählen, sie hatte sich einen herrlichen Polarfuchs gekauft, tote ihn die schlanken Kopenhagerinnen über die Schulter trugen.
(Fortsetzung folgt)


