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Samstag, <8. November 1922
172. Zayrgang
Erstes Blatt
GiehenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Wochenrückblick.
Dr. W i r th, der bisherige Reichskanzler, <st gegangen. Eine neue politische Aera beginnt. Er hat sie selbst noch eingeleitet. Wir vollen ihm keinen scheltenden Nachruf wid- uen, denn seine Hände waren zweifellos rein, und er hat dem deutschen Volke in seiner Weise nützen wollen. Aber seine zusammcn- gebrochene ErfüllungSpolitik, die das deutsche Volk finanziell in den Abgrund gebracht, die letzte höchste Not hervorgerufen hat, war gewiß keine zwangsläufig notwendige Methode gewesen. Selbst das Ausland Hot sie zuletzt abgepfiffen, und Herr Dr. Wirth, seiner deutschen Opposition gegenüber so wenig gerecht, ja unduldsam, hat infolge der englischen und ftanzösischen Kritik schweren Herzens endlich begriffen, daß etwas Wirkliches getan werden müsse und daß die passive, abwartende Wirtschaft Deutschlands Geschicke immermehr zum Bessern wenden würde. An dem Sinn seiner Erfüllungspolitik mußte Dr. Wirth eine schwere Enttäuschung erleben. Im Grunde sind auch seine bisherigen Anhänger jetzt davon überzeugt, daß einmal in der inneren Wirtschaft Deutschlands ein anderer Hebel angesetzt werden muß, und zum andern auch das rein politische Programm, von grauen Theorien gereinigt, der überall vorherrschenden und greifbaren Wirklichkeitspolitik anzupassen ist.
Dr. Wirth, ursprünglich ein Gegner der sogenannten großen Koalition, hatte sich in den letzten Tagen bekehrt, hat die Mitwirkung der Deutschen BolkSpartei an den politischen Geschäften für notwendig erklärt. Die Sozialdemokraten, denen er in seiner ganzen Amtstätigkeit freundschaftlich gegenüberstand, haben ihm seine Wandlung, seinen Umfall, in dem Hinweis auf eine seiner markantesten Aeußerungen zum Borwurf gemacht. Gr werde nur in offener parlamentarischer Feldschlacht fallen, so hatte der Kanzler gesagt, und hatte hinzugesügt, wenn ein Kampf aus- getragen werden müsse zwischen dem weiter rechts gerichteten Bürgertum und den „arbeitenden Klassen", so werde er auf der Seite der Arbeiterklasse kämpfen. Nun war zwar zwischen beiden Schichten kein offener Kampf ausgebrochen, aber doch ein zur Entscheidung drängender Ideenkonflikt. Der Kanzler wählte dabei nicht die Linksparole und wurde, als er die Sozialdemokratie anderen Sinnes machen wollte, von dieser preisgegeben, gestürzt. Wir nehmen Herrn Wirth seine Bekehrung wahrlich nicht übel, wollen ihm auch nicht etwa unterstellen, daß er anderen Sinnes geworden sei, nur um in der Macht zu bleiben. Wirths Abgang hat einen Anflug von Tragik. Die Sozialdemokratie hat ja die Neuorientierung bis zu einem gewissen Grade mitgemacht, nur ist sie dabei nicht so offen und geradeaus borgegangentoie der biLhe.ige Reichskanzler. Sie stellt ihre Parleiinteressen oben an, die es nicht zulassen, daß die äußerste Linke, die eben unter der Parteifahne wiedergewonnenen Anabhängigen, vor den unentwegten E ge brödlerkopf gestoßen wird. Man konnte wohl die neue Note an die Re- parativnskommission mit gutheihen, alte Ziele und Meinungen dabei fahren lassen, aber beileibe nicht zugestehen, daß das neue, der Entente überreichte Programm, einen rücksichtsvollen und Erfolg verheißenden Schritt nach Rechts bedeutet. Höchst bezeichnend sind in dieser Beziehung die Auslassungen des „Vorwärts", der seine Partei, zielbewuhl wie immer, vorzeitig festgelegt hatte. Das Blatt zittert die Festlegungen der „Germania", bei allen wichtigeren Berhandlungen sei bisher schon die Deutsche BolkSpartei hinzugezogen worden, und die letzte Note der deutschen Regierung an den ReparationsauSschuß sei der Ausdruck des Willens der noch nicht vorhandenen großen Koalition gewesen, und enthüllt dann in seinen Anmerkungen dazu die wahren Inneren Triebe seiner Partei mit folgenden Worten:
„ünterftdlen wir die Behauptung der «Germania" als richtig, dann wäre ja die st i 11 e «große Koalition" — mit wieviel Gedankenvorbehalten der BolkSpartei, bleibe wiederum un- erörtert -- schon bagäDcfcn. Die bürgerlichen Koa- litionspartc-ien hätten aber statt der «stillen" durchaus die «laute" große Koalition verlangt. Man kann schon sagen: die überlaute. Denn mit soviel Tamtam und Paukenschlag ist wohl noch nie ein politischer «Gedanke" vertreten worden, wie jener der sogenannten großen Koalition. Dis man schließlich zum Angriff überging und der Sozialdemokratie die Pistole auf die Brust setzte."
Da haben wir die sozialdemokratische Seelenverfassung. Sie möchte nicht „legalisieren" — der Ausdruck entstammt der „Frankfurter Zeitung", die die Situation ähnlich festnagelte wie die „Germania" — was doch in Wahrheit ist und sein soll. Die Partei Scheidemanns will im Wagen der großen Koalition wohl miifahren, aber sich hinter ihren roten Vorhängen reserviert verhalten. Sie duldet allenfalls die „sttlle" Koalition, aber um Gottes
willen nicht die ausgesprochene. Herr S t i n - nes hat ihr mit einigen für seine Person im Reichswirtschaftsrat vorgebrachten Bedenken zur Markstabilisierung billige Vorwände geliefert. Den wahren Sachverhalt aber, den Ausdruck eines tatsächlich Zustande gekommenen Kompromisses, finden wir in der erwähnten. von allen Parteien gebilligten Note an den Reparationsausschuh.
Was steht darin? — Daß bisher doch manches faul und abänderungsbedürstig war im neuzeitlichen Staate Dänemark. Vereinfachter Beamtenapparat, produktivere Gestaltung der Reichsbe- triebe, „wirksame Mittel zur Steigerung der Produktion, zur Hebung der Ausfuhr, der Qualitätsarbeit und zur Einschränkung unnötigen Verbrauchs". Das Arbeitsgesetz soll keineswegs dogmatisch den Achtstunden ag festlegen. Was ober nicht in der Note steht, sondern auf Grund außenpolitischer Erfahrungen eine Forderung des Tages ist, viel wichtiger als das neue wirtschaftliche Produkttonsprogramm, das ist die Weisung, endlich eine Rolle in der internattonalen Polittk überhaupt wieder einzunehmen. Besonders die englische Politik lieh uns in dieser Beziehung tief blicken. „Helfteuch selber" — dieses Wort bedeutet mehr als die Aufforderung, Reparattonsangebote zu machen. Die deutsche Republik muß loSkom- men von der Illusion ihrer Begründer, daß das Wort „Machtpolittk" in der Praxis des Staates zu verpönen sei. Machtpolittk treiben heute alle Völker, Und wir Deutsche haben es am nötigsten, darauf zu sinnen. Nicht, um andere Länder zu unterjochen oder in tfjreu natürlichen Rechten zu beeinträchtigen, sondern um selbst von unerträglicher Unterjochung los- zukvrnrnen. Sogar die russische Sowjet-Republik treibt Machtpolitik, Und uns sollte es nicht gestattet sein, die Faktoren wirksam gruppieren zu helfen, die dazu neigen, der Vorherrschaft Frankreichs Zügel anzulegen? Die neudeutschen, aller „Machrpolitil" aogewandten Träume im pazifistischen Himmelbett sind allmählich auSgeträumt, das nationale Sittlichkeitsgefühl will den Weg der Selbstachtung gehen und sich vor der Offenbarung des göttlichen Weltwillens aufrichten. Die grundlegende Neuorientierung unserer Politik scheint mit dem Kabinettswechsel nun wirklich eintreten zu wollen.
Dr. Cuno, der neue Reichskanzler, ist uns noch ziemlich unbekannt in seinen Zielen. Aber er hat sich zu dem der Reparationskom- Mission überreichten Programm bekannt und wird vermuttich die Vorhänge der sozialdemokratischen Parteipolittk nicht mutwillig und rücksichtslos auseinanderreißen. Er will ein „Kabinett der Arbeit" bilden und sich auf den Streit um die große Koalition nicht einlassen. Rein sachlich wird die neue Führung jedoch den Weg der größeren Bolksgemein- schast wandeln müssen. Wenn die Farbentöpfe der Parteien dabei in den Hintergrund gestellt werden und der Kampf um Worte verstummt, so wird ein Fortschritt erreicht. Möge die nationale BvlkSerziehung ihre Kräfte und ihre Nahrung weniger aus den vertrockneten Feldern der Parteien als vielmehr aus dem trieb- kräftigen Boden der weltpoliüschen Wandlungen ziehen! Wenn der neue Kanzler und seine Mitarbeiter in diesem Sinne eine neue Sprache führen, so beginnt vielleicht der Wiederaufstieg aus unserem Elend. Die Zeichen der Zeit sind nicht sämtlich niederdrückend. Auch das konservativ regierte England hat kein Interesse daran, das deutsche Reich zu zerschlagen. Die Programmrede des italienischen Ministerpräsidenten Mussolini atmet die anregende Luft einer europäischen Erneuerung. „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag."
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Die Tätigkeit Vrockdorff-Rantzaus.
Moskau, 17. Nov. (Wolff.) Der deutsche Generalkonsul in Petersburg, v. Kehler, ist in Moskau zur Berichterstattung bei dem deutschen Botschafter v. Brockdorff- Rantzau eingettosf en. Der deutsche Generalkonsul in Charkow wird in den nächsten Tagen in Moskau zur Fühlungnahme mit der deutschen Botschaft erwartet. Botschafter v. Brockdorff-Rantzau beabsichtigt demnächst die wichtigsten Zentten Rußlands und die angeschlossenen föderierten Republiken persönlich aufzusuchen.
Gestern gab Tschitscherin ein Diner zu Ehren des deutschen Botschafters. Es nahmen sämtliche Mitglieder der deutschen Botschaft in Moskau daran teil. Unter den Geladenen befand sich das ganze Kollegium des Auhenkommissar.ats, ferner waren Lunatscharski, Frumkin, Bogdanow und Radek anwesend.
Der Versuch der Kabinettsbildung.
Berlin, 18. Nov. Geheimrat Cuno wurde gestern nach seiner Rückkehr von Hamburg zunächst vorn Reichspräsidenten Ebert empfangen. Unmittelbar darauf hat er die Berhandlungen über die Neubildung des Kabinetts wieder ausgenommen, und zwar zunächst mit den Führern der Zentrumspartei. Daß er das Zentrum zuerst zu sich gebeten hat, erklärt sich, wie die «Voss. Ztg." schreibt, daraus, daß hier die wichtigsten Wider st ände zu überwinden seien. Ueberhaupt lauten die heutigen Berichte der Blätter über die Kabinettsbildung nicht mehr so optimistisch wie gestern, da die alten Gegensätze zwischen den einzelnen Fraktionen , immer noch vorhanden seien: Ablehnung der großen Koalition durch die Sozialdemokratie, Ablehnung einer in» offiziellen Unterstützung eines nicht aus der großen Koalition gebildeten Kabinetts durch die Deutsche BolkSpartei und Verharren des Zentrums auf der von der Arbeitsgemeinschaft auf- gestellten Forderung nach der groben Koalition. Gehelmrat Cuno, der nach Aeußerungen zu einem Vertreter des «Lokalanz " sehr optimistisch zu sein scheine, will laut «Tageblatt" diesen Schwierigkeiten dadurch begegnen, daß er sich bei der Bildung bed Kabinetts streng an den von der Weimarer Verfassung gewiesenen Weg halten werde, daß er nämlich im Einvernehmen mit dem Reichspräsidenten die ihm geeignet erscheinenden Männer auswählt und dem Reichstag präsentiert, ohne vorher die Fraktionen um ihre Zustimmung z u ersuchen. Der «Vorwärts" betont heute, daß von selten der Sozialdemokratie nichts geschehen werde, was eine Belastung der KabinertSbildung durch unausführbare BedinMrn- gen bedeute. Die Sozialdemokratie habe Verständnis dafür, daß Deutschland heute innere Wirren, die aus einer ratlosen Krise entspringen, nicht vertrage. Die «Deutsche Allgem. Ztg." weist
gleichfalls auf die große Gefahr einer Verzöge rung der Krise hin und schreibt, unsere Parlamentarier sollten einmal die 'Scheuklappen der Partei ablegen. Cs handle sich in dieser ernsten Stunde nicht darum, die Wünsche der Parteienzu bestte- digen, sondern darum, schnell einen Mann, der drinnen und draußen Vertrauen genießt, ans Ruder zu bringen, andernfalls werde bald der Hunger und die Entente das Ruder des Schiffes ergreifen. Den Parteien, die durch ihre taktischen Quertreibereien uns dazu verholfen hätten, wäre der Fluch des Volkes gewiß.
Cuno.
Heber die Persönlichkeit Cunos find folgende Einzelheiten nachzutvagen:
Geheimrat Wilhelm Cuno ist am 2. Iuli 1876 in Suhl geboren. Er ist Katholik,^ steht jedoch dem Zentrum fern. Er gehörte längere Zeit der Hamburger Ortsgruppe der Deutschen BolkSpartei an, schied aber anläßlich des Kapp- Putsches aus der Partei aus. Seit 1907 stand Cuno im Reichsdienste, zuerst im Reichs- schatzarnt, wo er während des Krieges besonders mit der Bearbeitung kriegswirtschaftlicher Fragen betraut wurde, um dann Letter der Reichsgetreide st eile zu werden, von welchem Posten er 1916 zum Organisator des Kriegsernährungsamtes berufen wurde
Am 1. November 1917 wurde er zum Generaldirektor der Hamburg-Amerila-Linie gewählt. Bei den Waffen still st andsverhandlung en in Trier und Brüssel wttkte Geheimrat Cuno als deutscher Sachverständiger mtt und wurde ebenso als Sachverständiger zu den Versailler Friedensverhandlungen zugezo.^en. In der breiteren Oeffentlichkeit ist der Name Cunos besonders durch seine Wirtschaftsverhandlungen mit Amerika bekannt geworden.
PoinearL
Äber die Repcrrationssrage.
Paris, 17. Nov. In der Kammer hielt heute Ministerpräsident P o i n c a r e die angekündigte Rede über die äußere Politik der Regierung in der er u. a. auf die Reparalions- frage zu sprechen kam und sagte, der Bankierausschuß habe die Frage einer irtternationalen Anleihe für Deutschland günstig beurteilt, aber mit einer Herabsetzung der deutschen Schuld, d. h. zum Schaden der Reparationen. Es sei die Pflicht Frankreichs gewesen, sich dem zu widersetzen. In Bezug auf den Sturz der Mark erklärte Poi-n- care, daß dieser auf deutsche Manöver zurückzuführen sei und daß die Lage rasch verbessert werden könne. Deutschland habe immer noch nicht auf seinen Deherrschungsplan von vor dem Kriege vernichtet und alles getan, um die Weltmärkte wieder zu erobern. Es habe den deutschen Staat systematisch ruiniert und seine Bürger bereichert. Pvincare erklärte, daß Frankreich kein Vertrauen zu Deutschland haben könne, das niemals ben aufrichtigen Wunsch gehabt, seine Reparationsschuld zu begleichen. Zweifellos könne Deutschland augenblicklich weder in Papiermark noch mit bem_ Goldvorrat der Reichsbank bezahlen, aber es könne ein vernünftiges Programm von Sachleistungen ausführen und sich Geld leihen, wie es Frankreich 1871 getan habe. Aber man werde nichts von Deutschland erzwingen, wenn man sich aufs Bitten beschränke. Die Stunde sei gekommen, in der sich die Alliierten angesichts ter deutschen Verfehlungen einig sein müßten über die anzuwendenden Mittel. Solange nicht die von der Reparationskommission verlangte Kontrolle existiere, wisse man nicht, woran man sich zu halten habe. Deutschland könne einen äußeren Kredit erzielen, toenn es sc ine Finanzen reformiere Es könne auch mit Materialien und durch W ie de raus ba u ar 2e? ten im eigentlichen Sinne befahlen. Poincars ist der lleber- zeugung. daß keine Maßnahmen zum Ziele führen, wenn Deutschland nicht durch strenge Mittel seinen Kredit hebe und seine Finanzen saniere. Die deutsche Währung könne nur saniert werden durch die Deoalorisation und danif-dnrch die Stabilisierung. Frankreich könne jedoch nur eine Losung anne hinan, die seine Stellung als beherrschenden Gläubiger sichere. Es könne weder auf seine D f ä n de r verzichten, und wenn ein Moratorium bewilligt werde, so könne das nur zu den Londoner Bedingungen geschehen, d. h. durch effektive Pfänder. Frankreich würde es vorziehen, seine Schuld in Ruhe einziehen zu können, aber es könne aus keine der friedlichen Waffen verzichten, die der Vertrag ihm an die Hand gebe. Es werde nicht dulden, daß man ihm diese Waffen aus der Hand schlage. Die Pfänder, die unsere Sicherheit garantieren, sind auch die besten Pfänder für unser Guthaben. Wenn es nötig ist, werden wir ihren Betrieb selbst in die Hano nehmen und dadurch den Friedensvertrag ausführen. Frankreich hat mehr als irgend jemand für die gemeinsame Sache gelitten und hai es verdient, daß man ihm eine Priorität schuldet. Diese sei ihm aber verweigert worden. A habe nur einen Anteil erzielt und laufe in der Reparationskommission ständig Gefahr, in die Minderheit zu geraten. Die Alliierten könnten kein Moratorium bewilligen o(yne Pfänder zu nehmen, ohne gewisse Garantien und ohne ernstliche Kontrolle der deuttchen Finanzen. Poincars schließt, heute wie gestern sei die Sache Frankreichs die der Gerechtigkett. Wenn Frankreich durch das
Versagen Deutschlands ruiniert würde, wäre das eine Herausforderung des guten Rechts. Es gehe zur Brüsseler Konferenz in der Erwartung, daß Frankreich Gerechtigkeit zuteil werde.
Darauf ergreift der Abg. Blum das Wort. Gr sagt, die Rede Poincarös sei für die Kammer eine Enttäuschung gewesen. Die ganze_ Frage sei, zu wissen, toaim Deutschland bezahlen könne. Poincars sei zu der Ansicht gekommen, daß man im kommenden Jahre von Deutschland nichts Wesentliches werde verlangen können. (Poincars macht eine Kopfbewegung, durch die er andeuten will, daß er diese Behauptung bestrettet.) Der Abg. Blum fährt fort: Das einzig Nötige sei die 6 a- nierungderWährungen. Er hätte es gern gesehen, wenn Poincars der Kammer den Plan mitgeteilt hätte, den er aus der D r ü s s e l e r Konferenz vorzulegen gedenkt. Auf den Kriegsgeist müsse man verzichten. In der jetzigen Zeit fei es nötig, andere Maßnahmen zu ergreife:.
Nach dem Abg. Blum ergreift der Royalist Daudet das Wort. Er beschäftigt stch hauptsächlich mtt der Frage Calllaux-Malvh. Im Laufe seiner Rede kommt es zu stürmischen Auseinandersetzungen. so daß sich der Präsident genötigt sieht, die Sitzung zu unterbrechen. Im weiteren Verlaus der Sitzung greift Daudet in der heftigsten Weise Briand und andere Politiker, die während des Krieges der Regierung angehört haben, an, so daß es zu unbeschreiblichen Lärmszenen kommt. Die Mitglieder des Hauses werden ungeduldig und verlangen Abbruch der Verhandlungen, toorauf Ministerpräsident Poincars im Hinblick auf die Friedenskonferenz in Lausanne die Vertagung aus einen Monat verlangt. Der Ministerpräsident erklärt, es handle sich hier für ihn um die Vertrauensfrage. Die Kammer nimmt mit 462 gegen 71 Stimmen die Vertagung an.
Die Beratungen des
Reparationsausschusses.
Paris, 17. Nov. Wie Havas mitteilt, hat die Reparcttionskommisfion heute vormittag in offizieller Sitzung laufende Angelegenheiten erledigt. Heute nachmittag werden in einer zweiten offiziellen Sitzung die Holz- und Kohlenlieferungen behandelt. Havas zufolge soll sich die Kommission in erster Linie mit den Versäumnissen beschäftigen, die hinsichtlich der Lieferung im Laufe des Jahres 1922 festgestellt worden sind. Dann müsse sie mit der Aufstellung des Lieferungsprogramms für das Jahr 1923 beginnen. Zum größten Tell hänge dieses Programm übrigens von der allgemeinen Regelung der Reparaticknsfrage ab, was die Bedeutung der in dieser Angelegenheit heute oder in einer späteren offiziellen Sitzung etwa zu fassende Beschlüsse beträchllich herabmindert.
Die Flucht des Sultans.
Konstantinopel. 17. Nov. Der Sultan hat sich mit seinem Sohn an Bord eines englischen Dampfers geflüchtet, der sofort nach Malta abgegangen ist. Der Sultan erklärte, er danke nicht ab, sondern gehe nur fort wegen einer ihn unmittelbar bedrohenden Gefahr.


