toert>e so oft von Diktatgelüsten des ^eichSver- kehrSministers gesprochen. Solche Gelüste lägen ihm durchaus fern. Ader die gebotene rasche Entscheidung über die durch den Sturz der deutschen Währung nottvendig werdenden Tariferhöhungen müsse die Dorberatung durch wirtschaftliche Körperschaften unmöglich machen. Der Minister lege aber größten Wert daraus, das Gutachten des Retchseisenbahnrates zu allen grundsätzlichen Änderungen des Tarifes rechtzeitig anzurusen Er bitte, die Reichsbahn doch mit demselben Mahr zu messen, das man an große privatwirtschaftlich. Unternehmungen anlege. Der Reichsoerkehrv- Minister wisse ganz gut, wie schlimm kurzfristige Tariferhöhungen aus die deutsche Wirtschaft wirken, aber niemand könne etwa der Kohlenwirt- schaft oder der Gisenindustrie zumuten, von solch raschen Erhöhungen ihrer Preise abzusehen.
Der Redner gab alsdann einen kurzen Ueber- bltck über die heutige Lage der Reichsbahn. Der Verkehr betrage heute etwa 115 Prozent deS Verkehrs zu dem entsprechenden Zeitpunkte des VorjcthrcS; mit Sorgen sehe die Reichsbahn dem Herbstverkehr entgegen. Ein Saisontarif sei nur für Kali möglich gewesen, da nur an Kali ein gewisser den augenblicklichen Bedarf übersteigender Vorrat vorhanden gewesen sei. Gin Schmerzenskind sei die Kohlenversorgung Die deutsche Ko'hlenproduttion habe der Reichsbahn entgegen der Zusage des Reichskohlenkom- missars mir zwei Drittel ihres Tagesbedarfes geliefert. Die Bevorratung mit Saar- und englischer Kohle sei mißlungen. Heute schon müjfc diese fremde Kohle zur Befriedigung der Tagesleistungen herangezogen werden. Diese fremde Kohle sei 440ma[ so teuer wie die deutsche Ruhi> kohle vor dem Kriege und doppelt so feuer mle heute die deutsche Kohle. Angesichts ihrer Kohlen- bcstände müsse die Reichsbahn größte Sorge haben, ob sie den Herbstverkehr glatt überstehe.
Was die Finanzlage der Reichsbahn anlange, so habe bekanntlich das erste Vierteljahr das Jahres 1922 einen Ucberschuß ergeben. Die neueste Entwicklung der Mark und die hierdurch verursachte gewaltige Steigerung aller Preise, als deren Folge auch' die der Gehälter und Löhne, habe bte Hoffnung des ReichSverkehrSministers während des laufenden Vierteljahres deS Wirtschaftslebens mit neuen Tariferhöhungen verschonen zu können, zu Nichte gemacht. Um nur einigermaßen die Au-gabensteigerung ausglcicken au können, sei die deutsche Reichsbahn genötigt, den Gütertarif am 1. September um dOPrvz. -u erhöhen. Dieser Zuschlag werde in die organische Umarbeitung der Tarife auf den 1. 10. einbezogen. Die Reichsbahn habe nicht »ine der allgemeinen Geldentwertung vorgreifende Tarifpolttik getrieben. Die Bemühungen, Sie Ausgaben herabzuschen, düZten nach der Seite ihres Erfolges nicht unterschätzt werden. Die Frage der Herbeiführung höherer Persona l l e t st u n g e n sei ganz unabhängig von der Frage, ob Staatsbahn oder Privatbahn. Von der Reichsbahn verlange man mit Rachdruck eine Senkung ihrer Betriebskosten, wählend man sich ohne weiteres damit abfindet, daß die Leistungen im Bergbau nicht gesteigert werden Können und das) die Kohlenpreise svrtwäh-reird erhöht werden müssen. Da vermisse die Reichsbahn mit Schmerzen die Anwendung von gleicherlei Mast. Auf dem Gebiete der Selbstkostenverminderung bedürfe es noch weiterer angestrengtester Arbeit. Diese könne aber nie ba« ausgleichen, was infolge der Geldentwertungen an Ausgaben zuwachse.
Stieler schloß mit dem zuversichtlichen Wunsche für ein gedeihliches Zusammenarbeiten zwischen Reichsbahn und Reichseisenbahnrat.
Die Erhöhung der Gütertarife.
Berlin. 17.Aug. (WTB.) Die Reichs- d ahn ist infolge der katastrophalen Entwicklung der Mark und der sich daraus ergebenden AuSgabestelgerungen genötigt, die zur Zett gültigen Gütertarife zum 1. September um 50 Prozent zu erhöhen. Die Erhöhung wird bei der zum 1. Oktober erfolgenden organischen Umarbeitung des Gutertarifeö, wobei der neue Reichseisenbahnrat mitwirkt, berücksichtigt. Die durchschnittlicheTariserhöhung gegenüber dem Frieden beträgt ab 1. September das Hundertvierzigsache.
Aus dem Reiche.
Der Reichspräsident in Hamburg.
Berlin, 17. Aug. (WTB) DerReichS» prüs ident ist heute nachmittag in Begleitung der ReichSmintster Dr. Köster und Gröner nach Hamburg abgefahren, um an der Eröffnung der Hamburger Ueberseewoche teilzunehmen.
Hamburg, 17. Aug. (WTB.) Der Reichs- Präsident ist heute abend gegen 8 Uhr in Begleitung der Reichsminister und Dr. Kösters hier eingetroffen. Rach Beendigung der Empfangsfeierlichkeit fuhr der Reichspräsident, von einer zahlreichen Volksmenge herzlichst begrüßt, nach dem Rathause, wo der gesamte Senat und die Gäste der Ueberseewoche seiner Ankunft harrten. Im Rathause begrüßte Bürgermeister Sleftet den Reichspräsidenten und die Reichsminister mit einer Ansprache, auf die der Reichspräsident erwiderte. Hierauf wurden dem Reichspräsidenten eine Anzahl Herren und die Mitglieder des Konsulats vorgestellt.
Während des Empfanges im Rathause hatten sich auf dem Rathausmarkt Tausende eingefunden, die den _ Reichspräsidenten sehen wollten. Der Reichspräsident trat auf den Balkon und wurde mit stürmischen Hochrufen begrüßt. Er dankte für die herzliche Begrüßung und führte in einer hir- xen Ansprache aus, daß er In dieser Kundgebung die Bereitwilligkeit erblicke, mitzuarbeiten an dem ! Werke der Wiedererstarkung unseres Vaterlandes, i Der Reichspräsident schloß mit einem Hoch auf 1 die deutsche Republik, die Stadt Hamburg und unser deutsches Vaterland. Die Menge stimmte hieraus das Deutschlandlied mit dem dritten Vers „Einigkeit und Recht und Freiheit" an.
Die Teuerungszulagen.
Berlin. 17. Aua. (WTB.) Der in den Parlamentsferien bestehende Ueberwachungs- auSfchuß des Reichstages ist auf den 21. August berufen worden, um sich mit denDefol ° düngen der Reichsbeamten und den Zuschlägen anläßlich der Teuerung zu beschäftigen. Zu demselben Zweck ist der Reichsrat zum 19.'August berufen.
Die Deamtenverbände der gewerkschaftliche Spitzenorganisalionen haben sich für ble für August auf^ustellenden Forderungen den Blättern zufolge auf ein einheitliches Programm geeinigt, nach welchen Beamte, Angestellte und Arbeiter eine prozentual gleiche Erhöhung erhalten sollen. Die Forderungen bewegen sich zwischen 4000 und 5000 Monatszulage, ©ic wurden in bei- heute mittag im Rcichssinanz- Ministerium eröffneten Verhandlung der Reichsregierung unterbreitet.
Erhöhung der Sozialversicherungen.
Der „Vorwärts" berichtet, daß der Zentralverband der Angestellten mit den übrigen Afaverbänden sich in einer Eingabe an das Reichsarbeitsministerium unter Hinweis auf die fortschreitende Geldentwertung gewandt hat. auf dem Verordnungswege die Erhöhung der Versicherungsgrenze vorzunehmen. 3n der Eingabe wird eine Heraufsetzung der Krankenversicherungspflicht von 72 000 auf 300000 Mark unb der versiche- runyspflichtlgen Grenze in der Angestellten- Versicherung von 100 000 auf 300000 Mark beantragt.
Erhöhung der Ausfuhrabgabe.
Der Ausfuhrabgabenausschuß des vorläufigen Reichswirtschaftsrates hat 'ich laut „Vorwärts" am Donnerstag mit der Frage der Erhöhung der Ausfuhrabgabe be- chäftigt. Die Arbeitgeber waren gegen die Erhöhung, während die Arbeitnehmer der Erhöhung zustimmten. In später Abendstunde wurde mit geringer Mehrheit ein Beschluß ge- aht, der eine Anpassung der Ausfuhrabgabe an die Devtsenlage fordert. DaS Reichswirt- chaftSministerium ist demnach ermächtigt, die bisherigen Abgabetarife heraufzusetzen. Am Schlüsse der Sitzung wurde ein engerer Arbeitsausschuß eingesetzt, der sich mit weiteren wirtschaftlichen Maßnahmen gegen die durch die Valutanot geschaffene Lage zu befassen )at.
Verbot der „Roten Fahne".
Berlin, 18. Aug. Wie die Morgenblatter berichten, ist die „R o t e F a h n e" vom preußischen Minister des Innern auf drei Wochen verboten worden. Das Verbot wird begründet mit der aufreizenden Sprache insbesondere des Moskauer Aufrufes vom 10. August, sowie dadurch, daß die „Rote Fahne" der bayrischen Regierung direkt den Vorwurf des Hochverrats gemacht habe
Argentinien und Bolivien als deutsches Auöwanderungsziel.
Dem Deutschen Auslanb-Institut. Stuttgart, wird von einem guten Argentinien- und Bolivien- Kenner geschrieben:
In Argentinien ist vorläufig kein Platz mehr für Einwanderer. Es ist nicht anzunehmen daß die Regierung in absehbarer Zeit das geplant c gieße Siedlungsprojekt durchführen kann Argentinien ist bad Land der großen Latifundien^ gegen die die Regierung schwerlich Gesetzesbestimmungen durchführen kann. Was Argentinien als Einwandei ungselement braucht, sind billige Arbeitskräfte für die Landwirtschaft, wie sie von Spanien, Italien und Portugal kommen. Für „Intellektuelle" ist in Argentinien wenig Raum. Die wirtschaftliche Lage Argentiniens 'bat sich durch die Unruhen im Süden nicht gebessert Ich habe Rachricht, daß zwischen Santa Cruz, Cerro Palcnque Lago Buenos Aires fast keine Farm mehr steht, das Vieh abgeschlachtet ist und die Estancieros als Geißeln verschleppt sind Der blühenden Schafzucht Patagoniens ist damit ein schlechter Dienst erwiesen.
Hier in Bolivien geht die Krisis luftig weiter, die Lqute merken es nicht, da sie durch die Freigebigkeit der Ratur vor dem Hunger geschlitzt sind und im übrigen keine Anforderungen an das Leben stellen. Wie verlautet, will Argentinien eine Da'hn von Embarcacion nach Sta Cruz bauen, um den boL Osten zu erschließen Hier in Südamerika wird man aber skeptisch gegenüber solchen Rachrichten.
Neue Einwanderungs-Ziffern ans den Vereinigten Staaten.
_ Der Presse ist ein kurzer Vorbericht des General-Kommissars für Einwanderung zugegan- gen, woraus wir u. a. entnehmen, daß wahrend des mit Iunii zu Ende gehenden Jahres die Zahl der weiblichen Einwanderer diejenige der Männer um 11 500 überschreitet, während eS früher stets umgekehrt war.
In den ersten 10 Monaten, also bis Ende April, wurden in den Vereinigten Staaten 124 563 männliche und 136 048 weibliche Einwanderer zu- gelassen: während derselben Zritperivde kehrten 127 784 männliche Fremde nach ihrer Heimat zurück gegen nur 46 402 weibliche Rückwanderer ^eber 25 Prozent der Einwanderer ließen sich im Staat Reuyork nieder, die große Mehrheit in Groß-Reuhork selbst. Sämtliche Einwanderer. von Wenigen tausend abgesehen, blieben in den östlichen Staaten der Union. Den größten Prozentsatz der Einwanderer lieferen die Juden.
Während der letzten 10 Monate sind 47 248 Eingeborene aus Italien, Sizilien und Sardinien nach ihrer Heimat zurückgekehrt, während nur 29 888 in den Vereinigten Staaten -infamen. Danz ähnlich ist es mit Griechen, deren 6721 zurückkehrten, während nur 3427 ankamen.
Unter dem 3 Proz.-Ouotcn-Elnlvandcrungs- gefch waren In dem Jahr 355 825 Einwanderer zulässig: bis zum 31. Mai waren 230 537 angekommen, so daß bis Ende des Jahres — 30. Juni — nach dem Gesetz noch 125 288 landen dürfen.
Richt weniger als 11 066 Ausländer durften in der zu Bericht stehenden Periode vom 1. Juli bis 30. April 1922 nicht landen und 3624 wurden deportiert: es zeigt dies, wie strikt alle (Sin- toanbetungöbefthnmungen gehandhabt werden.
■ .......... —«MMxaMM— । -----
Aus Stabt unb Land.
Gießen. den 18. 2Ijg. 1922.
Sitzung des Krcisausschusses.
Der KreiSausschuß hielt am Mittwoch im Regierungsgebäude daHler eine Sitzung ab Auf der Tagesordnung standen:
1. Reuregelung der Vergütung des ‘Bürger- Meisters und der Besoldung der Beamten der Gemeinde Röthges.
2. Desgleichen derjenigen der Gemeinde Utphe und T r a i s - H o r l o s f.
Während bezüglich der ersteren Gemeinde noch vor der mündlichen Verhandlung eine Einigung zwischen Gemeinde und ‘Bürgermeister bzw Gemeindebeamten erfolgte, wurden die beiden letzteren Gemeinden kostenpflichtig ver- urteilt, die Vergütungen der Bürgermeister und die Besoldungen der Gemeindcbeamten unter Zugrundelegung der von dem Ministerium des Innern aufgestellten Besoldungsordnungen und der von dem KreiSaiusschuß für angcmes'cn gehaltenen Befchäftigungsdauern zu gewähren. '
Wettervoraussage
für Samstag:
Wolkig, meist trocken, warm, Westwind.
Die Depression hat sich langsam nord-nordvst- warts verlagert. Bel westlichen Quftftröm ingen haben wir noch immer wolkiges Wetter, aber keine erheblichen Riederschläge zu erwarten.
e
*• Unser neuer Roman, betitelt „Baalstempel", beginnt in unserer heutigen Hummer. Die Arbeit entstammt der ausgezeichneten Feder der Schriftstellerin Margarete von O e r h e n - F ü n f g e l d. Unsere Leser werden der Erzählung sicherlich mit lebhaftem Interesse folgen.
Amtliche Perfonalnachrichten. Ernannt wurden am 25. Juli der AegierungS- baumetffer Rudolf Krause zu Darmstadt mit Wirkung vom 1. April 1922 an zum Regierungsbaurat bei dem Kulturbauamt Darmstadt und um tb August der Geheime LandeAokonomierat Wilhelm Muller zu Darmstadt mit Wirkung P'om 1922 an zum Ministerialrat bei
dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft - .Ernannt wurden am 12. August mit Wirkung tn>m 1. April 1922 an: der Derwaltungsoberfekro- tar bei der Zentralstelle für die ©etoerbe Adolf
-u Darmstadt zum Rechnungsrat bei der Buchhaltung des Ministeriums für Arbeit unb Wirtschaft: Hieronymus Elses s er zu Darmstadt zum Rochnungsrat Im Baudienst bei dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft: der Ober- Baufefretär Ludwig Kronauer zu Darmstadt zum Ministerial-Oberrevisvr bei der Buchhaltung deS Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft der Finanzpraktikant Johannes Müller zu Darmstadt zum überplanmäßigen Ministerial- Oberrevisor bei der Registratur des Ministeiäums für Arbeit und Wirtschaft: die Dermessungs- Praktikanten Georg Benz und Heinrich Eid- mann zu Darmstadt zu überplanmäßigen Mi- nist-erial-Oberrevisoren bet der Buchhaltung des Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft: der ehemalige Kabinettskanzlist Friedrich Steiger zu Darmstadt zum Kanzleisekretär bei dem Mini- tertum für Arbeit und Wirtschaft: der Haus.vart Wilhelm Schmidt zu Darmstadt zum Mini- sterlalamtSgMlfen bei dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft. — Ernannt wurden am 15. August mit Wirkung vom 1. April 1922 an: ber Oberbaurat Ludwig Klump zu Darmstadt zum Ministerialrat bei dem Ministerium für Ar- beit und Wirtschaft: der Regierungsrat Otto Linkenheld zu Sarmftabt zum Vortragenden Rat bet dem Ministerium für Arbeit und Wirt- schäft mit der Amtsbezclch.ung „Oberregierungs- rat' ; der Regieoungsrat Ferdinand Pennrich zu Darmstadt zum Vortragenden Rat bei dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft mit der Amtsbezeichnung „CBcrrcgkrungSrat“; der Re- gi. ungsrat Dr. £ubtiij Bernheim zu Sann- ftaot zum ständigen Hilfsarbeiter bei dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft unter Be- lassuna der Amtsbezeichnung als „Regierungs- rat“; der Landtagsabgeordnete Wilhelm Knoll Mi Darmstadt zum ständigen Hilfsarbeiter bei dem Ministerium für Arbeit und Wirtschaft mit der Amtsbezeichnung „Regierungsrat".
△ Universitäts-Reubauten. Auf dem Universitätsgelände ist wieder eine rege Bautätigkeit im Gange Sv wird auf dem Gelände der alten Veterinäranstalt ein Tierseuchen- institut gebaut; die Mauern sind schon bis zum ersten Stockwerk errichtet. Hinter der neuen Veterinäranstalt wird zur Zeit em Wirt- s cha s tsgebäude mit Scheuem errichtet. Die Frauenklinik hat einen bedeutenden Reubau erhalten, der gegenwärtig im inneren Ausbau begriffen ist.
D i e Trockenanlage der Elektrizitätswerke soll zur Verarbeitung der dks- jährigen Obsternte versuchsweise wieder in Be- trieb genommen werden. Räheres Ist aus einer Bekanntmachung des heutigen Anzeigenteils zu ersehen.
< Fahrplan-Rotizen. Die Schnellzüge D 27/28, die sog. Bäderzüge Bad Münster am Stein über Wiesbaden—Homburg v. d. H.- Dad-Rauheim nach Berlin und zurück, die laut Fahrplan nur bis 31. August verkehren sollten werden bis 7. Oktober gefahren. In der Richtung nach Berlin fährt der v-Zug in Gießen 1.03 mittags und von Berlin nach Wiesbaden in Gießen um 5.38 nachm. ab. Der Pz- Z94 Gießen ab 5.44 nachm. nach Frankfurt verkehrt bis 7. Oktober in diesem Plan, nachher bereits 5.32 nachm.
Baalsfempel
Roman von Margarete v. Oertzen- F ü n s g e l d.
(Rachdruck verboten.)
Vor dem Stadttheater standen zwei, drei Herren, die Hände in den Hosentasclxm, gähnend, aus dunkelumränderten Augen die Straße hinabspähend. Den Herren sah man eS an, daß sie hier zu Hause nxircn, und den Augen, daß sie heute schon Rampenlicht und staubige ‘Bretter äesehen hatten. Pause . . . Man tat sich ein wenig um In der frischen Luft . . .
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße spazierten drei Vacksisä-e, fesche, junge Dinger mit Schultaschen aus welchem Leder und enaen Röcken. °
„Gr Ist nicht dabei," sagte die eine, worauf die andere laut erwiderte: „Tennis, sagst du? Verdirbt die Hände — schon ganz überlebt I"
„Schon wieder die Mädels," sagte der lange „Ich sollte mal die Mutter sein!"
„Meine Herren, wem, ich bitten darf!"
„Menschenskind, heute dauert die Probe mal wieder bis drei! Ich mache Krach!"
„Du, verdirb eS nicht mit dem Alten — der hat so ’ne infame Art sich zu rächen."
rDu." flüsterte der erste Backfisch an den Straßenecke stehenbleibend, „war das nicht Gül- dewln?"
„Ra, ich traf ihn neulich bei Möller- im .Laden. ®r taufte sich gerade weiße Handschuhe für Rigolctto". Weißt du, die er so himmlisch elegant in der ersten Szene überstreift: .Endsich zum Schlüsse führ' ich das Abenteuer!' Ich sag' dir — die Zähne! Und keine Plombe drin 1"
„Sind sie beim echt?"
»Du kannst daran zweifeln?" rief die andere empört.
„Gott, ein Tenor!" Die Dritte zuckte die Achseln. „Für einen Tenor schwärmen doch nur
noch ganz unreife Würmer! Da lob' ich mir Rottmann!"
Ein Hohngelächter antwortete ihr.
«DaS Ekel! Den grünbleichen Kerl! Der immer die unsympatbifchen Rollen hat! Und außerdem ist er nur Schauspieler!"
Eben gerade. Ich hasse Schlagsahne. Kaviar ist mir lieber. Und Schnecken und Froschschenkel"
„Lauter Greuel!"
„Meinetwegen!" lächelte die Erste und heftete einen seltsamen Blick in die Ferne. „Das versteht ihr eben nicht! Für so waö muß man die Zunge haben. Und Rottmann — der hat so etwas — daS halb abstoßend wirkt — und doch svieder so anziehend!"
„Höre mal. daS ist verrückt!"
„Laß das nur deinen Onkel hören, Judith!"
Die Schmale, Blasse hielt die Hand vor den Mund: „Es kribbelt mich ordentlich, toerm er mit feinem häßlichen Gesteht irgendeine Riedertiäch- tlgkeit sagt von der Sorte, wie die modernen Dichter sie so sehr lieben. Ok. Wedekind!"
„Was!? Da hinein darfst du?!"
„Ich lese alles — ich seh' alles."
„Möchtest du ihn kennen lernen?" brachte die Erste wieder das Gespräch auf das Persönliche.
In Judiths Augen blitzte es.
„Rein! Riel"
„Dann ist's lauter Blödsinn," begann die Kleine, Blonde wieder. „Was hast du denn dann davon?"
„Man kann das nicht so erklären."
./Wartest du zuweilen hier auf ibn?“ Judith errötete.
»Ich bin doch kein Idiot!"
„Ra, vorwärts, wir erregen ja Aufsehen, hinter unS marschiert schon daS ganze Theater! Und auch Rottmann — wirst du ihn dir nicht mal wenigßenS ansehen? Der im braunen Ulster — der ist'S!"
„3dj> will nicht." Judith gab ihren Büchern einen Ruck, hob den Kopf und stakte eigensinnig
mit langen Schritten darauflos, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Sie war lang, dunkel, ungeschickt. Leicht nickte sie den andern zu und bog um die Ecke.
Die sahen sich an. „Würde ihr auch nicht viel nützen! Sie ist gerade so mordshähllch wie er."
Gin feiner Regen klatschte Ihnen InS Gesicht, sie gingen weiter.
Dicht hinter ihnen, eng In seinen Mantel gewickelt, die hagere Gestalt von Rottmann. Sein scharsgeschnittenes Gesicht von bleicher, aber klarer Farbe, mit der gewaltigen, gebogenen Rase und den fuickelnden Augen, die von einem ungeheuren Schlapphut bald verdeckt waren, konnte alles andere eher als mordshäßlich genannt werden ES war nicht die gewöhnliche Minen- Physiognomie, die gern daran gemahnt, daß diese Leute viel vor dem Spiegel stehen müssen — Gleichgültigkeit oder Menschenverachtung sprach daraus. Die Hände in den Manteltaschen, die Schultern hochgezogen, kämpfte er gegen' den widrigen Regenwlnc» an.
„Bähe!" knurrte er verächtlich, als er an den beiden MadelS vorüberging, die in gespielter Unbefangenheit miteinander sprachen, daß er es hören muhte. Alles verstimmte ihn beute. Grau in Grau. Die Berge verhangen. Im Restaurant machte es sich schon die Valetta bequem an feinem Platz, und er sah die Reste ihres ersten Ganges auf den kalten, aufeinander gestapelten Schüsseln. DaS verdarb ihm den Appetit. Er legte ab, lieh sich weder und studierte schweigeird die Speisenkarte.
Die Dame ließ ihn gewähren. Sie forderte sämtliche Tageszeitungen, blätterte nervös darin und stürzte sich in die Lektüre der Kritiken - bin und wieder verriet ein hervorgestobenes, halb zwischen den Zähnen zermalmtes Wort ihren Gemütszustand.
„Unverschämt — verrückt — versteht nichts — Trottel!" . . .
Rottmann seufzte und zog ein Vuch aus der Tasche.
«Was haben Sie denn da?" fragte die Sängerin unwirsch, ihre Zeitung hinwerfend.
„La Rochefourauld!"
«Wen? Haben Hie 'ne Rolle drin?"
„Rein," erwiderte Rottmann. ohne eine Miene zu verziehen, „es ist ein Gebetbuch"
„Machen Sie keine Witze! Vin nicht aufgelegt 1 ■Bergen schmeißt die ganze Szene im Venusberg, und wer wird dafür verrissen? Ausgerechnet die Valetta! Ratürllchk Well sie den Herrschaften noch nicht ihren Kratzfuß gemacht hat! Habe ich nicht nötig! Tu' ich auch nicht"
„Regen Sie sich nicht auf.“
Die Sängerin erboste sich.
„Booten hat gepatzt. Schon als er loSlegte — ,0 Königin, o Götter' — da ahnte ich, waS kommen würde."
Rottniann verzog fchmeiAlich das Gesicht, erhob sich und fahndete nach feinem Hut.
Die Valetta bebte am ganzen Körper.
»Ich geh' hin! Rachher geh' ich gleich hin! Mir nachzufagen, ich sei für bic Venus zu robifl - - - ich lasse cs mir nicht gefallen!"
Sie amtmete, als fei ihr Kleid ihr zu eng, und doch trug sie eine lose Vlufe, die viel zu dünn und locker war für ihre üppigen Formen.
„Was war denn Ihr werter Herr Papa Valetta?' fragte Rottmann, seinen Mantel zuknöpfend.
v -AitterSutsbefiher." antwortete sie prompt, doch über ihre großen Augen huschte ein falscher Glanz.
Dann gratuliere Ich! Dann nehmen Sic mal sechs Wochen Erholungsurlaub! Habe die Ehre!
Sie erhob sich ebenfalls.
Gott. Sie! Sie nimmt ja überhaupt niemand ernst! Sie können reden. waS Sie man^oi“
(Fortsetzung folgt)


