Ausgabe 
18.7.1922
 
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Nr. <66

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Erster Blatt

172. Zahrgang

Dienstag, 18. Znli 1922

GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: Brühl'sche Univ.-Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Schnstlettung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchulstratze 7.

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Das KampskabinettÄorfanty

Die chronische Regierungskrise in Polen T)ot eine Lösung gefunden, durch die sie nicht beseitigt, sondern vielmehr erst recht akut wird. Seitdem der Staatschef Pilsudski, der vor mehr als vier Wochen das Kabinett Poni- Ikowski zu Fall brachte, weil ihm die aus­wärtige Politik des Ministerpräsidenten und des Außenministers Skirmnnt zu ergebnislos und weil es vor allem über den ausgeprägten Mißerfolg aus der Genueser Konferenz ent­lüftet war, hat man es mit einer ganzen Serie von Kandidaturen von Skulski bis zu Prza- nowskr versucht, unter denen übrigens auch Korfanth war, der zunächst keinen Anklang fand. Nachdem man alles durchprobiert hatte, gab Pilsudski das Rennen auf und überließ die Ernennung des Ministerpräsidenten dem Sejm, wobei der zähe Korfanth mit der knap­pen Mehrheit von 219 Stimmen der Rechten gegen 206 der geschlossenen Linksopposition durchs Rennen ging.

Die Wahl Kvrfanths, der es vom deutschen Reichstagsabgevrdneten und fana­tischem Agitator jetzt glücklich bis zum pol­nischen Ministerpräsidenten gebracht hat, be­deutet ^kne offene Kampfansage gegen die ge­samten Oppositionsparteien in Polen, gegen die nationalen Minderheiten (die deutsche Partei hat die Kandidatur für einen Schlag ins Gesicht der Deutschpolen erklärt) und end­lich auch gegen den Staatschef Pilsudski. Die sozialistische Fraktion, aus der der Staatschef hervorgegangen ist, hat bereits erklärt, daß die Aufrechterhaltung des parlamentarischen Zusammenwirkens zum Kampfe gegen die Reaktion unerläßlich" sei, und sowohl Pil- sudski als auch die Oppositionsparteien be­streiten die verfassungsmäßige Zulässigkeit der Ernennung des Ministerpräsidenten durch das Parlament gegen den Willen des Staatschefs, welch' letzterer denn auch bereits die Rieder­legung seines Amtes in Aussicht gestellt hat.

Das Kabinett Korfanth ist jedenfalls ein Kampfkabinett ausgesp'.ochenster Art so­wohl in innen- wie in außenpolitischer Be­ziehung. Wenn man sich erinnert, daß Kvr- saitth den unerhörten Putsch in Oberschlesien inszeniert hat und wenn man bedenkt, daß die Warschauer Regierung ihn damals wenig­stens offiziell desavouierte, so muß man es als einen ungeheuerlichen Verstoß und Vor­stoß bezeichnen, daß dieser Mann jetzt an die Spitze des polnischen Staates berufen wor­den ist. Die Wirkung der Ernennung dürfte sich auch bald fühlbar machen, denn es liegt auf der Hand, daß die zur Zeit schwebenden Verhandlungen über die Ausführung des deutsch-polnischen Vertrages dadurch nicht er­leichtert werben! Aber die beiden Links­parteien in Polen befürchten überhaupt eine Erschwerung der auswärtigen Politik, die sich für Polen ohnehin sehr ungünstig gestaltet hat, wenn eine so ausgesprochene Kampfnatur wie Korfanth den Ton anzugeben hat. Denn dieser skrupellose Agitator ist nicht nur ein ausgesprochener Deutschenfreund, so daß unter seinem Regime sich die Spannung Mischen Polen und Deutschen noch verschärfen dürfte, sondern er tritt auch für eine offensive Politik gegen. Sowjetrußland ein, gegen das er infolge des deutsch-russischen Vertrages von stärkstem Mißtrauen erfüllt ist. Dabei fehlt es dem polnischen Staatswesen an jeglicher Rücken­deckung für eine agressive Politik bis auf das Bündnis nrit Rumänien, denn die Kleine En­tente hat auf die Anschlußbestrebungen Polens die nicht mißzuverstehrnde Antwort gegeben, Polen und die Kleine Entente", d. h., man will Polen nur als Mitläufer gelten lassen. Run erfreut sich Korfanth zwar der Sym­pathien desgroßen Bruders", nämlich Frank­reichs, dem er ja eine Art wirtschaftliches Protektorat über Oberschlesien in die Hände gespielt hat; aber unter /den Parteien der Linken in Polen herrscht eine sehr bedeutsame, politisch vielleicht nicht gering einzuschätzende Mißstimmung über die französische Vormund­schaft, die den Polen keinen entsprechenden Gewinn eingetragen habe.

Wie sich der Kampf zwischen den Par­teien der Linken und der Rechten, zwischen Pllsudski und Korfanth weiter abspielen wird, läßt sich noch nicht klar übersehen. 0m übrigen handelt es sich bei dem Kabinett ohnehin um ein Provisorium, denn im Herbst sollen die Reuwahlen stattfinden, die angesichts der ttefgehenden Erbitterung zwischen rechts und links zu einem ganz besonderen heftigen Wahlkampf führen dürften, zu einer Kraft­probe zwischen Pilsudski und Korfanth. Die Kriegskvsten wird das politisch zerrissene, wirtschaftlich sterile, finanziell zerrüttete pol­nische Staatskunstprodukt tragen, das von Krise zu Krise abwärts schreitet.

' , - - W.UWT» SB»g.O«i r

Selbstmord der Mörder Rathenaus.

Halle, 18. Juli. (WTB.) Die Mörder Rathenaus wurden gestern abend durch Kri­minalpolizei aus Halle auf der Burg Saaleck bei Bad Käsen ermittelt. Die beiden Mörder haben sich vor der Fest­nahme im Burgturm erschossen.

An den Alf cm der Saale, westlich von der all­gemein bekannten Rudelsburg, liegt die Ruine Saaleck. In einem der beiden moch erhaltenen Türme haben nun die beiden unseligen Männer sich, selbst das Airteil gesprochen.

Rastatt, 17. Juli. (Wolff.) Wie btcRa­statter Zeitung" meldet, sind gestern itbend nach Beendigung oes Oetigheimer Volks- schauspielsJoseph und seine Brüder" von der Gendarmerie Rastatt im HotelTeil" zu Oeligheim .zwei junge Leute verhaftet worden, die für Mitwisser des Rathenaumordcs gehalten werden. Die jungen Männer namens Emil M u ß aus L o ck st ä d t und Karl Erdmann aus Hohenofen bei Berlin stehen im Alter von 25 und 28 Jahren. Der kleinere von ihnen ist blond, der größere schwarz. Beide trugen Helle Sportanzüge. Gäste der Gastwirtschaft veran­laßten die Rastatter Gendarmerie telephonisch, die Verhaftung vorzunehmen. Die jungen Leute hatten sich durch verschiedene Fragen verdächtig gemacht. Sie sind im Amtsgefängnis Rastatt untergebracht worden.

Die innerpolMche Lcrge.

Berlin, 17. Juli. (Privattel.) Heute vor­mittag sind die einzelnen Fraktionen des Reichstages zu Beratungen über die politische Lage zusammengetreten. Hierüber berichtet der Lokalanz." u. a.: Sowohl die beiden sozialisti­schen Fraktionen wie die Fraktionen der bürger­lichen Mittelparteien tagten jede für sich, und es scheint, daß augenblicklich mit einer kritischen Zuspitzung der Lage gerechnet werden muß. We­nigstens wird aus dem Reichstag berichtet, daß die Rach richt der geplanten Bildung einer bür­gerlichen Arbeitsgemeinschaft in den Reihen der Mehrheitssozialisten starke Erregung hecvorrief, und daß hier von ungedul­digeren Elementen als Antwort nunmehr der Austritt aus der Regierungskoali­tion gefordert werde. Früh nachmittags wird aus dem Reichstage berichtet, daß in dxn Sitzun­gen der beiden sozialistischen Fraktionen die Frage einer völligen Verschmelzung über den Rah­men der bloßen Arbeitsgemeinschaft hinaus er­örtert wurde. Die Mehrheitssozialdemokraten sprachen sich grundsätzlich für eine Verschmelzung aus, überließen aber die Entscheidung über Zeit­punkt und Art ihrer Durchführung weiterer Be­schlußfassung durch die Alnabhängigcn. g)ie d e m o- kra tische Fraktion beschloß nach dem »B. T." nahezu einmütig den G e d a n ken einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Zentrum und der Deutschen Vollspartei aufzu­nehmen, natürlich nicht als irgendeine Fusion, sondern lediglich als interfraktionelle Arbeits­gemeinschaft zur zweckmäßigen Erledigung parla­mentarischer Fragen. Rach demselben Blatte beschloß die sozialdemokratische Fraktion gegen drei Stimmen, eine Erweiterung der Regierung nach rechts abzu lehnen.

<§i» Beschluß der Unabhängigen.

Berlitz, 17. Juli. (WB.) Die Deichstags- sraktion der unabhängigen Sozialdemo- krat ie hat mit 38 gegen 17 Stimmen beschlossen, für das Gesetz zum Schatze der Rep i- bl ir zu stimmen. Damit ist auch die für ein verfassungsänderndes Gesetz erforderliche Zwei­drittelmehrheit gesichert. Es wird erwartet, daß der Reichstag am Dienstag alle noch nicht ab­geschlossenen Arbeiten erledigen und rn die Sommerferien gehen wird.

Berlin, 18. Juli. Wie die Blätter mitteilen, haben sich die beiden sozialistischen Reichstags- fraltionen gestern damit einverstanden erklärt, die Regierungserweiterung durch den Eintritt von Alnabhängigen in die Reichsregie­rung bis zum Wiederzusammentritt des Reichs­tags zu vertagen. Die Gewerkschaften haben den Beschlüssen der Fraktionen zugestimmt. Die Sozialdemokraten, die Alnabhängigen und die Gewerkschaften werden am Mittwoch einen Aus­ruf an die Arbeiterschaft richten, in dem sie ihren Dertagungsbeschluß begründen werden, der laut Vossischer Zeitung" zurückzuführen sei auf wich­tige Erwägungen außenpolitischer und wirtschaft­licher Ratuc und schwerwiegender Bedenken, die, wie es heißt, nicht nur vom Reichskanzler, sondern auch vom Reichspräsidenten gegen eine Reichs­tagsauflösung im gegenwärtigen Augenblick gel­tend gemacht worden waren.

Die Frage der Bildung einer gemeinsamen, aus Sozialdemokraten und Alnabhängigen be­stehenden Reichstagsfraktion wird von den beiden sozialistischen Parteitagen während der Sommer­ferien des Reichstags entschieden werden. Auch die Frage der Bildung einer bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft ist noch nicht weiter gediehen. Auch hier liegt die letzte Entscheidung bei den Parteiinstanzen.

Ein Nachspiel zu den stürmischen Sitzungen deS Reichstags.

Die Korrespondenz der deutschnationalen Par­tei veröffentlicht einen Briefwechsel zwischen dem Vorsitzenden der deutschnationalen Reichs­tagsfraktion Herat und dem General- staatsanwalt beim Landgericht! in Berlin, der sich auf die Vorgänge in der Reichs­tagssitzung am Tage der Ermordung Rathenaus

bezieht. Der Vorsitzende der dcutschnationalen Fraktion beantragte Einleitung eines E r m i t t e - lungsvcrfahrens gegen die unabhängigen und kommunistischen Abgeordneten, die Helfferich mit dem RufeDer Mörder muh raus" aus dem Saale drängen wollten, wegen Vergehens gegen § 105 des Strafgesetzbuches (gewaltsame Entfer­nung von Mitgliedern aus einer gesetzgebenden Versammlung des Reiches) und benennt als Täter die Abgg. Höllein, Rcmmele, Dr. Moses, Körnen, Fröhlich und Zubeil. Da der Generalstaatsanwalt wegen der Immunität der Abg:o:dneen d.e Einleitung des Ermittelungsversahrens ablehnte, richtete Dr. Hergt an die Staatsanwaltschaft das ausdrückliche Erluchen, b e im R e i ch s t a g e die Genehmigung zur Strafverfolgung der ge­nannten Abgeordneten e i n z u h o l e n.

Gin Ntttersnchnttgöattsschust geqen die Reichswehr.

Die demotratische Fraktion des Reichstags lmt laut ..Vossischer Zeitung" et if Anregung des Reichswehrministers Geh l er mit Alnterstühung der beiden Regierungsparteien die Einsetzung eines Al n t c r s u ch r n g s a- a s s ch a > i e s g maß Artikel 34 der Reichsverfassung ?.ar Prüfung d e r V o r w ü r f e, die gegen die Reichswehr er­hoben worden sind und derart, wie sie der Reichswehlminister erledigt hat, beantragt.

WM über dieungeheuerliche Komödie der Reparationen".

Berlin, 17. Juli. (Wolff.) Der frühere italienische Ministerpräsident R i 1 ti schreibt im B. T." über das tödliche Mißverständ­nis der Reparationen und bemerkt u. a.: In all ihren öffentlichen Kundgebungen während des Krieges sprach die Entente niemals von Kriegsschcll)e.n; nur für Belgien wurde die Pflicht des Wiederaufbaues anerkannt. Alle Patte und Klauseln, die die Grundlage der heutigen Verträge bilden, sind eine reine und völlige Verneinung der Prinzipien, die die Entente feststellte und die Wilson proklamierte. Das Prinzip: Reparation der Schäden wurde durch em bloßes Mißver­ständnis in die Waffenstillstandsabmachungen vom 2. 2ll)vember 1917 aufgenommen. Obschon alle.Pertreter der verbündeten und assoziierten Länder hervorhvben, daß ein solcher Pakt nichts mit ben Wafsenstillstandsbedingungen zu tun habe, beharrte Elemenceau darauf, daß Frankreich diese Genugtuung erhalte, vor allem moralische Genugtuung. Gleich darauf wagten sich die un­sinnigsten Tendenzen hervor, und entgegen allen vorhergehenden Verpflichtungen verlangte man von Deutschland und den besiegten Völkern Dinge, die diese nach ihren Siegen niemals forderten. Deutschland wurde gezwungen, seine Kolonien, Schisse und Handelsorganisation im Auslande herauszugeben. Außerdem verpflichtete man cs noch, eine ungeheure Repa rett ionssumme zu be­zahlen. Viele Forderungen lassen sich lediglich aus der Absicht erklären, die Lebensquel­len der deutschen Einheit zu verschütten, nachdem man Deutschland erst rein deutsche Ge­biete entriß und es'durch, den törichten Dan­ziger Korridor glatt in zwei Teile verschnitt. Ein Minister konnte am 5. Dezember 1919 int französischen Parlament eine Entschädigung von 375 Milliarden ankündigen, zählbar mit Zinsen in 34 Annuitäten, jede zu 25 Milliarden, wovon 13 750 Millionen allein auf Frankreich kämen. Roch im Rovember 1920 beschränkte ein anderer französischer Minister die Forderungen Frank­reichs allein auf 218 Milliarden, wovon 74 für Pensionen und 144 für Schäden verwendet wer­den sollten, und dabei schätzten die französischen Statistiker vor dem Kriege den gesamten Geld- und Grundbesitz ihres Landes nicht höher als auf 250 Mlliarden. Das durch den Krieg verwüstete Gebiet war doch nur ein kleiner Teil.

Ritti verfolgt an Hand amtlichen Materials die verschiedenen Phasen der Repara­tionsfest seh ungen mit ihren weniger alber­nen, aber immer noch tollen Forderungen, und fährt fort: Dies ist die Geschichte der unge­heuerlichen Komödie der Repara­tionen, welche Europa erwürgt, in zwei Lager spaltet und Deutschlands Auferstehung verhindert. Das Okkupationsheer kostete allein im ver­gangenen Jahre 1600 Millionen Goldmrrl, also mehr, als Deutschland geben kann. Deutschland, das alles verloren hat, soll eine unmögliche Ent­schädigung bezahlen. Derweilen sind Frankreich und Italien nicht imstande, an England das Ka­pital ihrer Schulden zurückzuzahlen und an die Vereinigten Staaten nicht einmal die Zinsen. Alles, was Deutschland gezwungen ist an Repara­tionen zu zahlen, ruft neue industrielle Krisen hervor. Wenn die ungerechten Friedensschlüsse noch nicht ebenso viele Menschen töteten, vernich­teten sie doch gewiß ebenso viel Wohlstand wie der Krieg. Jeder Tag bedeutet eine neue Enttäu­schung, trotzdem bringt jeder Tag neue Irrtümer. Es sind in Europa heute mehr Menschen unter IDasfev. als vor dem Kriege. Wenn die Ver­einigten Staaten sich von der wahren Gefahr überzeugen sollten, welche Europa und die ganze Well bedroht, nämlich daß diese Gefahr ganz allein von dem dummen System der Reparationen ausgeht, so würde das einen großen Schritt vor­wärts bedeuten.

Die Neigungen des Garantieausschusses.

Paris, 16. Juli. (Wolff.) DerReuhork Herald" glaubt zu wissen, daß der Garantie- a u s s ch u ß sich in seinem Bericht über seine Berliner 'Mission, der diese Woche der Repara­tionskommission vorgelegt wird, auf den Stand­punkt stellen werde, daß Deutschland tatsächlich

das verlangte Moratorium brauche, daß es aber in der Lage sei, größere Sachlieferungen zu machen, als bis jetzt verlangt wurden. Demselben Blatte zufolge geben sogar 'bic französischen Sach verständigen die vorübergehende Rotwendigkeit zu, die Barzahlungen durch ^Sachlieferungen zu ersehen. Sie beflünben aber darauf, daß das Garantiekomitee, um das Verfahren wirksam zu gestalten, weitergeHende Aleberwachungsvollmach ten gegenüber allen Einzelheiten der deutschen Finanz- und Handelstransaktionen besitzen müsse. Dies alles "erklärt nach dem Blatte die eifrigen Vorbereitungen französischsrseits.

Wenn auch, fährt das Blatt fort, das Ga> rautielomitee so gut wie einstimmig Deutschland zum Teil selbst für seine finanziellen Schwierig­keiten verantwortlich mache, nehme man nicht an, daß die Reparationskommission diese Verantwort lichkeit als vorsätzlich betrachten werde, obwohl Poincare in seinen Alnterrebungen mit dem Vor­sitzenden der Reparationstommission, Dubois, da rauf gedrungen Habe, daß dieser in der Konu Mission den französischen Standpunll durchsetze Das Ersuchen des Garantiekomitees, ihm weite r- gehende Vollmachten als die eines ein­fachen Organs zur Tücherrevision zu übertragen, nachdem ein Versagen Deutschlands tor liege, werde indessen von den Franzosen willkommen geheißen werden als eine Möglichkeit. Sank­tionen finanzieller Art zu ergreifen. Das Blatt glaubt, daß das deutsche Moratoriums-' gesuch Frankreich besonders in seinen Erwar­tungen, Deckung für seine Desahungskvsten zu finden, berührt, und daß deshalb die Repa- rationskommission ersucht werde, eine Möglich­keit ausfindig zu machen, mittels deren Deutsch land auch während des Moratoriums wenigstens die nicht aus die Reparation«, b«üglichen lau­fenden Rechnungen beyoHlen könne. Zu diesem Zweck werde sich Dubois auf die Vor schrisi des Versailler Friedensvertrages stützen, die eine P r r i t ä t der Ansprüche der Alli ierten vorsehe.

Die Sachlieferungeti.

Paris, 17. Juli. (WTB.) Wie der TempS" mitteilt, hat der französische Bot- schafter in Berlin, Charles Laurent, die deutsche Regierung von der Entscheidung der französischen Regierung in Kenntnis gesetzt, die Abkommen von Wiesbaden und Berlin über die Sachlieferunaen in Kraft zu setzen, und zwar mit Wirkung vom 20. Qult.

Aus dem Reiche.

Reue Waffenfunde.

Berlin, 18. Juli. Wie derVorwärts" mitteilt, sind gestern in der nunmehr seit einem Jahre nicht mehr mit Militär be­legten Gardes du Korps-Kaserne in Potsdam von Vertrauensmännern der öd - zialdemvkraten außer zahlreichen Gewehren und Maschinengewehren rund 200 scharfe Handgranaten, Jnfanteriemunitton, 1000 Tor­nister, 1000 Seitengewehre, 2000 Kvchge schirre und ungefähr 600 mit Hakenkreuzen versehene Stahlhelme auf gefunden worden. Die Polizei beschlagnahmte das ihr über­gebene Material uni) überwies es der Reichs- treuhandgefellschaft.

Weitere politische Attentate.

Berlin, 17. Juli. (WTB.) Der deutsch­nationale Reichstagsabgevrdnete R i e s e b e r g (Quedlinburg) wurde am Samstag Abend am Arckeschen Markt überfall ^n und geschlagen. Der Abgeordnete, der heute nach" mittag wieder im Reichstage erschien, erlitt dort infolge des Aleberfalls einen Schwächeanfall.

Stettin, 17. Juli. (WTB.) Als der Ehest redakteur betPommerschen Tagespost". Heerdegen, am Samstag abend, nach Schluß der redaktionellen Tätigkeit, in seine Wohnung heimkehrie, wurde er auf der zum ersten Stock­werke fiihrenden Treppe von einem ihm entgegen­kommenden Mann plötzlich derart vor die Brust gestoßen, daß er die Treppe hinab st ürzte und mit einem Rippenbruch und einem Fußknöchel bruch hilflos liegen blieb. Der Täter ist in bet Dunkelheit unerkannt entkommen.

Gin Streik in Lübeck.

Berlin. 17. Juli. In Lübeck streiken wegen Lohndrfserenzen die Arbeiter der Aleber- landzentrale, die 40 Mark Stunden» lohn fordern. Die Direktion erklärt, demLoch 2lnz." zufolge, daß alle Arbeiter, die Montag die Arbeit nicht tr-ieber aufnehmen, entlassen sind. Der Betrieb der elektrischen Bahn wurde eingestellt. Die Lübecker Maschinengesellschaft schloß den Betrieb. auf der Schiffswerft Flender- weik würben 800 Arbeiter entlassen. Die völlige Stillegung des Werkes steht bevor. Einige hin­dert Ortschaften in Mecklenburg, Oaienbirg und Holstein, die Strom aus Lübeck beziehen, sink ohne Licht und Kraft. Da auch die Lübecker In­dustrien schließen müssen, werden Ta.isende Ar­beiter brotlos.

DieMagdeburgische Zeitung", die durch den Oberpräsidenten Hörstng a.if vier» zehn Tage verboten war, wird, nachdem der Protest des Verlags erfolgreich war, am Diens­tag morgen wieder erschemm.