Ausgabe 
17.3.1922
 
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Nr. 65 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Zreitag, g. März 1922

Studenten und Arbeiter.

Das Ortskartell nationaler Ar­beiter- und Berufsverbände Drehen bittet uns um Aufnahme folgender Zuschrift:

In der letzten Zeit häufen sich die Angriffe gegen die deutsche Studentenschaft, insbesondere ist es die sozialdemokratische Presse, die sich da­bei hervortut. Dor uns liegt ein Aufsatz der $rwüne USP -Blatt, Mannheim vom 18. Ia- imar, überschrieben:Stuten! en" von Dr. Julius Moses. Es würde zu weit führen, auf alles ein- zugehen, nur einige besondere Merkmale seien hervorgehoben, die dem ganzen Artikel den Stem­pel aufdrücken.

Der erste Anlah zu seiner Unzufriedenheit ist das Verbot, das der Rektor der Berliner Uni­versität. Herr Geheimrat Rernst, über das Bestehen der kommunistischen Studentengruppe aus auf die Dauer eines Zahres ausgesprochen hat, weil durch sie die akademische Disziplin und die öffentliche Meinung gefährdet erscheinen. Er kommt dann auf die deutschgesinnte Studenten­schaft. die ihm besonders schwer im Magen liegt, er bezeichnet insgesamt das Akademikertum von von heute als den schlimmsten Feind der Arbeiterschaft. Von seinem politischen Standpunkt aus mag Herr Dr. Moses recht haben. Es gibt erfreulicherweise noch eine über- wtegende Zahl deutscher Studenten, die D e u t s cch- i a n d als ihr Vaterland ansehen und mit inniger Liebe an ihm hängen, im Gegensatz zu Crispin uni) vielen seinen Anhängern, die in Deutschland nicht ihr Vaterland sehen. Die Fühlung zwischen Student und Arbeiter besteht heute schon in zahlreichen Werkstudenten. Ich kenne eine grobe Anzahl dieser Studenten, die infolge der nach der Revolution eingetretenen Verhältnisse gezwungen sind, die Mittel zum Studium sich erst zu verdienen. Es sind dies überwiegend Kreise, die vor dem Kriege in ihren Familien diese Art des Studierens nicht gekannt haben, auS denen überwiegend die Besten unseres Volkes hervorgegangen sind. Sie haben also unter den heutigen Verhältnissen auberordentlich schwer zu kämpfen, die hohen Anforderungen, die an die Betreffenden gestellt werden, sind zumeist be­kannt. Wirtschaftlich viel leichter baden es heute diejenigen, deren Familien nach der Revolution am Aevolutionsgewinn teilnehmen konnten, ihnen sieht man keine Rot an. 3m Gegensatz zu Herrn Dr. Moses freuen wir uns, daß der gesunde deutsche Geist zum überwiegenden Teil in der deutschen Studentenschaft erhalten geblieben ist. In einer Versammlung in Heidelberg, in der einige hundert deutscher Studenten anwesend waren, konnte mit Genugtuung festgestellt wer­den, daß allseitig die von der deutschen Arbeiter­schaft zur ehrlichen Zusammenarbeit darge­botene Hand, im Sinne des deutschen Wesens gern und freudig ergriffen wurde. Richt nur da. sondern auch in anderen Städten, z. D. Frank­furt a. M.. Berlin usw. ist dasselbe festzustellen.

DaS deutsche Wesen, die deutsche Eigenart zu erhalten, alles Wesens­fremde zurückzudrängen, der Wie­deraufbau unseres deutschen Vater­landes. das sind die Ziele, die uns mit der deutschen Studentenschaft verbinden.

Der Anfang dieser Zusammenarbeit zwischen Arbeiter und Studentenschaft ist gemacht. Der deutsche Akademiker wird sich voll und ganz in den Dienst dieser Sache stellen müssen, er wird aber auch da, wo er Gelegenheit hat, dem Ar­beiter von seinem Wissen das abgeben, was der Arbeiter infolge seiner wirtschaftlichen Lage sich nicht aneignen konnte.

Deutscher Reichstag.

187. Sitzung, mittags 1 Uhr.

Berlin, 16. März 1922.

Bei der Weiterberatung der Branntwcinmo- nopolvvrlage nimmt Abg. Höllein (Komm.) den Antrag auf Streichung des § 159, bei reffend die Besteuerung der Essigsäure, wieder auf.

Die Abgg. Dusche (D.Vp.) und Dreh (S.) treten für die Ausschußfassung ein. Vor der Ab­stimmung bezweifelt Aba. H ö l l e i n (Komm.) die Beschlußfähigkeit des Hauses, und die Sitzung wird demgemäh auf 2 Uhr vertagt. (Mantelgeseh.)

Schlug 13/4 Uhr.

*

188. Sitzung, 16. März 1922, mittags 2 Uhr.

2luf Antrag des Abg. S ch u l z - Gahmen (Ztr.) wird die Weiterbera'.ung des Branntwein­monopols zunächst zu Ende geführt. Die kommu­nistischen Anträge werden abgelehnt und das Gesetz selbst in der Ausschußfassung angenommen.

Es folgt die

Beratung deS Mantelgesehes.

Reichsfinanzminister Dr. Hermes (von den Kommunisten und Unabhängigen mit lauten Zu­rusen »Sektminister" begrübt) betont: Deutschland

Die Pforte Des Paradieses.

Roman von Ingeborg Dollquartz.

Berechtigte lleberfefcimg aus d m Dänischen.

12. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

»Liebe, rnu'ige Inger, liebe, tapfere Inger!" rief die Kranke und lächelte wehmütig. »Habe ich es mir doch gedacht, dah es ein Gelübde sei, das auf dir lastet."

»Richt das Gelübde an sich, Tante Ellinor. Aber man tann doch einen Menschen nicht im Stich lassen, der sich auf einen verlädt."

»Rein, nein," sagte die Kranke mit mildem Lächeln. »Aber es ist schade um die schönen vergeudeten Kräfte."

»Vergeudete Kräfte so meinst du also auch, daß es schlecht mit Jens stehe, und dah es eine Hoffnu7-grlo,e Sache sei?"

»Ja, ich gebe fu, baß es schlecht mit Jens fleht," sagte Tante Ellinor mit dem Kopfe nickend. »Ader hoffnungslos nein, das ist es nicht. Ich mente für dich, das Ziel zu erreichen, das da dir gesetzt hast, das ist nicht hoff ungslos."

»Rora macht mir immer so angst, sie be­hauptet, Jens werde seiner verstorbenen Matter immer ähnlicher."

»Za, er gleicht seiner Mutter, das ist wahr, und er hat ihre schwermütige Gemütsanlage ge­erbt, aber er ist nicht krant, wie sie es gewesen ist, er ist nur in der Angst aafgewachfen, er könnte es werden, und du wei.tt die Angst kann toten. In West Indien sagt man: Diele sterben am Fieber, aber noch mehr an der Llligst tevar."

»Ach, Tante Ellinor, wie du es doch ver­stehst. mich zu trösten." Frau Inger glitt vor dem

belaste seine Wirtschaft stärker als irgend ein anderes Land. Das werde auch vicl'ach im Aus­lande anerkannt leider jedoch nicht in Frank­reich. wo in Der Kammer behauptet wurde, Deutschland wäre weniger belastet als Frank­reich. Um in diesen Tagen endlich zu einem ruhigen Urteil zu kommen, müsse man sich von der Kriegspsychose freimachen. Durch die Steuer- gesetze dürfe die Gesundung unseres Wirtschafts­leben nicht gefährdet werden, und dieses Ziel sei erreicht worben. (Lachen auf der äußersten Lin­ken.» Die neuen großen Besihsteuern würden erst 1923 veranlagt werden. Bei den anderen Steuern handle es sich nur um Erhöhungen, die keinen neuen Apparat erforderten. Das Kompromiß habe Klarheit geschaffen über die Desitzsteucrn. Die Zwangsanleihe werde m allernächster Zeit durch ein besonderes Gesetz sichergestellt werden. Die Luxussteuer werde binnen kurzem einer Um­gestaltung unterzogen irerben. Bei den ( öden und Verbrauchssteuern habe man sich im we'entlichen auf Erhöhungen beschränkt. Das Kohlensteuer­gesetz müsse bis Ende dieses Monats erledigt werden. Die Behauptung, das) Deutschland selbst auf die Entwertung seines Geldes himarbeite, sei Unsinnig. Eine Besserung des Markkurses. könne nur von außen erfolgen durch eine vernünftige Begrenzung unserer Leistungen aus dem Frie­densvertrage. Was durch die Steuergesege zur Gesundung unserer Finanzen geschehen konnte, liege dem Reichstage zur Beschlußfassung vor. Die oberschlesischM Kohlenproduktion sei uns zum größten Teile, die Zinn- und Kupferprodnttion gänzlich verloren gegangen. Diese Opfer habe das deutsche Volk getragen und doch feien die fälligen Zahlungen pünltlich geleistet worden. Von Stunde zu Stunde warteten wir auf eine erträg­liche Gestaltung unserer Zahlungsverpflichtungen. Hoffentlich komme sie bald. Der Minister schließt mit einem Appell, die Steuervvrlage möglichst bald anzunehmen, damit die neuen Quellen bald zu fliehen beginnen. Scheitern die Bemühungen, wieder ein gutes Verhältnis zwischen den Völkern zu schaffen, so ist das nicht die Schuld des deut­schen Volkes. (Lärmende Zurufe auf der äußer­sten Linken; ostentativer wiederholter Beifall im Zentrum.

Abg. Bernstein (Soz.): Die Zustimmung zu den Steuergesehen ist uns nicht leicht geworden. (Lachen links.) Aber jeder, der die Verantwortung trägt, muh auch den Rotwendigkeiten Rechnung tragen. Die Lasten des deutschen Volkes müssen getragen werden, wenn wir nicht durch den Zu­sammenbruch weit größere Lasten auf uns laden wollen. Bei den Sachwerten zuzugreifen, gebot Gerechtigkeit und Zweckmäßigkeit. Die Teuerung hängt nur vom Stande der Valuta ab. An eine völltge Beseitigung der Zwangswirtschaft kann jetzt nicht gedacht werden. Die Verbrauchssteuern sind uns Aurch das Londoner Ultimatum aus­drücklich vorgeschrieben worden. Ohne ein Kom­promiß waren die Steuern aber nicht zu erlangen. Werde die Auflösung des Reichstages notwendig, so werden die Sozialdemokraten auf dem Posten sein. Sie lehnen es aber ab, auf die Auslosung hinzuarbeiten. Die Zwangsanleihe sei zur Ver­ringerung des Rotenumlaufes notwendig, lieber ihre Form werde aber noch zu verhandeln fein.

Abg. Dr. Helsserich (Dntl.): Durch die Rede Bernsteins wird bestätigt, daß die zahl­reichen Väter dieses Kindes mit trauriger Miene um die Wiege herumstehen. Wir lehnen das ganze Gesetz ab, nehmen aber für uns in Anspruch, im Ausschuß gründliche und positive Arbeit geleistet zu haben. Wir machen keine Politik der Verärge­rung oder der Regation. Draußen im Lande ver­steht man uns; da liegt unsere Zukunft. Riema.nd von uns verkennt den bitteren Zwang, alle Steuer- quellen bis zur Grenze des Möglichen in An­spruch zu nehmen. Aber selbst durch das Kom­promiß kann die .Politik der Erfüllung nicht befriedigt werden. Eine Gesundung kann nur kom­men mit der Wiederherstellung der Staatsautori­tät. Ordnung und Sparsamkeit müssen die beider Leitmotive sein, sonst ist eine Gesundung nicht denkbar. Die Reparationssumme muß dec Lei­stungsfähigkeit Deutschlands angepaßt werden.Der Reichskanzler ist nicht der Mann, der d'e Politik ber Erfüllung zu einyn guten Ende führen kann DieSrfüll ngspolitik Wirth-lat emu i kümmer­lich zusammengebrochen. Deutschland ist das meist- befteuerlfte Land der Welt und dir Reichsregie­rung tut nichts dazu, dies draußen bekanntzu- nrachen. Unsere Steuern gehen um das Vielfache über die englischen und französischen Steuern hinaus. Ein Reichskanzler Dr. Wirth ist nur denkbar bei einer Koalition, bei der die Sozial­demokratie die erste Geige spielt. Die Deutsche Volkspartei schützt durch ihre Beteiligung an der Regierung die Sozialdemokratie vor der Erkennt­nis ihrer Ohnmacht. In fünfzig Jahren hat die Sozialdemokratie den Mund voll genommen; jetzt versagt sie und ist bankerott, bankrotter als je wohl, bankerotter als leider Deutschland ist. Richt

einmal für die Erfassung der Sachwerte hat sie brauchbare Ideen formulieren können. Aber man hat auf ihre Mitwirkung nicht verzichten wollen; dafür mußte man ihr etwas bieten. Wir aber wollen nicht den Preis der Zwangsanleihe dafür bezahlen, daß die Sozialdemokratie die Güte haben will, uns weiter zu regieren. Auch die Zwangsanleihe wird ohne Zweck und Ruhen in den Rachen des Molochs der Reparationen hin- cingetoorfen. Mit dieser Erfüllungspolitik muß endlich Schluß gemacht werden.

Hierauf vertagt sich das HauS. Weiter­beratung: Freitag mittag 1 Uhr.

Stellung der Frau zurTechnischen viothilfe".

Rach der am 15. d. M. an dieser Stelle ver­öffentlichten Entschließung der Frauengruppe Gießen der Deutschen Volkspartei er­scheint es angebracht, mitzuteilen, daß der Reichsfrauenausschuß der Deutschen demokratischen Partei bereits im Som­mer 1921, in Eisenach, folgende Entschließung zu­gunsten der Technischen Rothilfe faßte:

Die zur Frauenarbeitswoche des Reichs- Frauenausschusses der Deutschen demokratischen Partei versammelten Vertreterinnen stellen ließ auf den Boden der Technischen Rothilfe und billigen das Ziel derselben, daß jedes Sonder- interesse und jeder Wirtschaftskampf unbedingt vor den Lebensnotwendigkeiten der Volksgemein­schaft haltzumachen hat.

Als deutsche demokratische Staatsbürgerinnen wollen wir helfen, unser Volk zu wahrer Mensch­lichkeit und Rücksichtnahme auf die Rechte der Allgemeinheit zu erziehen und in diesem Sinne die Technische Rothilse zu unterstützen." E. R.

Aus dcm AmLsvcrküudigungsblatl.

** Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 33 vom 16. März emßaXt: Die deutschen Kon­sulate in Amerika. Ausstellung des Hauptoor- anschlages über die Staatseinnahmen und -Aus­gaben 1922. Schulzahnpflege. Versammlung der verpflichteten Fleischbeschauer des Kreises Gießen. Die Bekämpfung der Schafräude. Dienstnachrichten. F^ldtereinigung Treis an der Lumda. Aenderung der Ortsfahung über die Benutzung der Gemeindeviehwage zu Allen- dorf an der Lahn.

Schöffengericht.

Gießen, 14. März.

Ein Bäcker von hier erhielt wegen Un­terschlagung von etwa 600 Maschinengarnen, einer Leder Handtasche und Kurz waren im Werte von mehreren hundert Mark eine Gefängnis­strafe von 8 Monaten. Von der Anklage des Diebstahls von Stieseln und eines Traurings mußte er mangels ausreichender Beweise frei- gesprochen werden.

Wegen Rückfallsbetrugs erhielt eine vielfach vorbestrafte Person aus Appenrod eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten. Sie hatte einer hiesigen Familie vorgeschwindelt, sie bekomme aus Rußland 60 000 Mark und habe eine amerikanische Erbschaft in Höhe von 125 000 Dollar gemacht, die bereits bet einer hiesigen Bank eingegangen seien. Auch hatte sie einen hiesigen Agenten mit dem Ankauf eines Hauses für sich und eines weiteren Hauses für die ge­nannte Familie beauftragt Durch diese Schwin­deleien veranlaßte sie die letztere, die an die Richtigkeit ihrer Angaben glaubte, ihr ein Dar­lehen von 100 Mark zur Einlösung ihrer Koffer und mehrere Tage Kost und Wohnung zu ge­währen.

Ein ebenfalls vielfach vorbestrafter Kauf­mann aus Löhnberg war aus dem Zucht­haus in Ziegenhain, wo er eine längere Strafe verbüßte, ausgebrochen. Während feines Aufent­haltes in hiesiger Stadt schwindelte er einer Wirtsfrau einen Hund ab und verkaufte ihn sofort weiter. Wegen Rückfallsbetrugs er­hielt er unter Einbeziehung einer durch das Schöffengericht Butzbach gegen ihn ausgesproche­nen Zuchthausstrafe von 1 Jahr 6 Monaten eine Gesamt zuchthaus st rase von 2 Jahren und eine Geldstrafe von 500 Mk. Außerdem wur­den ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Zähre aberkannt.

Wegen Beleidigung wurde ein Einwohner von Garbenteich zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt. In einer anderen Privat- llngesache gegen einen Weißbinder von ©ar» b e n t e i d> wurde ein Vergleich abgeschlossen. Die Kosten übernahm ein anterer Einwohner von Garbenteich, der in der Sache als Zeuge ver­nommen worden war.

Ein hiesiger Oberlehrer hatte den Re­dakteur der hier erscheinendenOb er hessi­schen Volkszeitung" wegen eines in die­sem Blatt unter der UeberfchriftAntise -

Bett auf die Knie und drück'.« ihre Lippen auf die dünne, wachsbleiche Hand der Kranken. Immer gehe ich getröstet von dir, immer hast du mich etwas gelehrt, immer mir Frieden ge­geben. Und ist es nicht wunderbar, Tante ClU- nor, jetzt fühle ich mich so stark, daß ich auch wieder glaube, es werde mir gelingen, Jens zu helfen."

Das wird es dir auch, du Liebe," flüsterte Tante Ellinor.Wenn tu nur immer d e Augst von dir selbst fernzuhalten vermagst. Dee Angst verzehrt alle Kräfte. Mir ist tee Angst immer wie eine böse Macht erschienen, und daß sie eine starke Macht ist, das fühlen wir an dem h.ls- losen Zustand, in den sie uns verseht. Wenn man selbst bange ist, kann man auch einem wrtern nicht helfen. Siehst du, mein Kind, darum mußt da die Angst aus dir selber vertagen; du schöpfst neue Kräfte aus dem Frieden, der dich umgibt, wenn dein Gemüt nicht mehr von Angst gepeinigt ist."

Frau Ellinor schloß müde die 2Lugen; das Reden hatte sie angeitrcngt, uab Inger stand so­fort auf.

Wie rücksichtslos von mir, Tante Ellinor, daß ich dich soviel habe sprechen la senl" rief sie reuevoll.Sei mir nur ni.jt böse!" Und wieder führte sie die Hand der Kranken an ihre Lippen.

Bose! das bin ich dir nie, liebes Kind. Ich möch.e dir so gerne helfen, aber es bleibt mir gewiß keine Zeit mehr Lxiju.

Ach, Tante Ellinor, geh nicht von mir! flehte Inger.

O Kind, meinst du nicht, ich habe das Aus- ruhen verdient? Und sie kommt mir auchiten Tag einen Schritt näher."

Inger hatte sich erhoben, um der Kranken gute Rächt zu sagen; jetzt blieb sie mit deren Hand in der ihren stehen. Sie meinte, Tante Ellinor rede irre, und fragte verwundert:Wer kommt dir jeden Tag näher, Tante Ellinor?"

Die Pforte des Paradieses, meine Liebe." Und Tante Ellinor schau:e ihre Rich e fetzt mit ganz hellen Augen an.Gute Rächt, Kind, und Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe."

Fünftes Kapitel.

Frau Inger schloß leise tee Flurtür auf und war eben auf dem Weg zu ihres ManneS Zimmer. Sie fühlte sich jetzt stark und mutig, voll Trost und Hoffnung, und sehnte sich danach, mit ihm zu reden. Da wurde die Wohnzimmer- tür geöffnet, und Ellen steckte den Kopf heraus.

Richtig, ich hörte doch die Flurrur gehen. Ach, Mutter', komm doch Herei i, Base Malwine ist da, und wir findfo vergnügt."

Aber Ellen bist du denn noch nicht zu Bett?"

Ich konnte doch nicht zu Bett gehen, wenn Malwine da ist! Es ist auch erst Halo elf Uhr. Vater i i au:gegangen, fuhr sie fort, als ihre Blutter in der 'ucichcung nach dem Zimmer des Hauptmanns blick:e.

Vater ist auigegangen!" Frau Inrers leise Stimme klang recht enttäuscht.Das ist sehr uaa-genehm. Hätte denn nicht eines von euch veriuchea können"

Es nützt doch nichts, wenn ich etwas zu Dater läge," unte brach.e Ellen.Morens war draußen und rebe.e mit ihm. Aber komm doch herein, Mutter; nur so lange, bis Vater zurück- kvmmt."

Im Wohnzimmer saß Base Malwine in

mitische Hetze am Gießener Bahnhof- erschiencncn Artikels, durch den er sich bcleibigi fühlte, verklagt. Das Gericht sah in dem Artikel, in dem der Rame des Privatklägers genannt wor­den war, keine Beleidigung desselben und sprach daher den Angeklagten frei.

Vermischtes.

* Sic hoheSeeals Geburtsort. Dir Zahl der Kinder, il: auf brit.fchan Schiffen a.i; hoher See geboren trui.en, hat na ier neuesten Statistik im Hahre 1921 g:gen die Rekordzisser von 1920 etwas abgenemm.n. Während 1919 151 neue Erdenbürger auf ei em der Ozeane das Licht der Welt e blick ei, stieg diese Zahl 1920 aus 276 an und betrug 1921 2<3.In Den letzten Zähren," bemerkt dazu ein Schiffsarzt, ..gediehen die Kinder, die auf hoher Se g b.rcn wurden, recht gut, besonders auf den Dampfern im Süllen Ozean, wo bedeu:ente Sammlungen zu ih en Gun­sten veranstaltet v u den. Jetzt aber Haven die Spenden für die Säuglinge nachgelassen, und selbst die Passagie.e der ersten Klasse wollen nicht viel mehr g ben." Ein Kind, baß auf hoher See geboren wird, wird Untertan des Landes unter dessen Flagge das S^-iff fährt. Die Geburt wird in das Lo.buch des Kapttäns eingetragen und nach Rückkehr in die Heimat möglichst rasch dem Standesamt mitgeteilt.

©in Kreuzzug gegen das Schmin- ke n.Eine Frau hat nicht das Recht, die Welt irrezuführen; Frauen, die sich schminken, die Haare färben und die Augen vergrößern, sind Betrüger und müssen als solche beftraft we. den." Mit sol­chen Worten ruft die Führerin der amerikani­schen Heilsarmee, Evangeliue Booth, zu einem Kreuzzug" gegen das Schminken auf.Viel? Scheidungen und namenloses U'gl ick lind schon durch solche T uschu g n h rv rg r fen worden. Rur der Kampf gegen di se F.Isch.nk infle tarnt die Sittlichkeit und das Eheleben verbessern."

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubril stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Gießen, 16. März.

Zu demEingesandt" in der Dienstagnummer Ihres Blattes erlauben uns noch mi^u'.eilen:

Das Zahlen von Kinderzuschlägen ist erst nach oder während des Krieges eingeführt worden. Fest steht m. E., daß bitte Kinderzuschläge angebracht sind und auch zu nicht geringem Maße den Zweck haben sollen, den Gehalt der Beamten im allgemeinen niedrig zu halten unter Hinweis darauf, daß den Familienvätern mit Kindern für diese durch die Zahlung der Kinderzuschläge ge­holfen wird. Eine Bezahlung der Leistung un£ Arbeit wie in privaten Betrieben und in der In­dustrie ist damit In Wegfall gekommen; sind mir doch Fälle bekannt, daß Beamte an Kinder­zuschlägen mehr erhalten, als ihr Gehalt aus­macht. Von Beamten, die sich im Dienst ablösen, also gleichen Dienst (Arbeit) verrichten, könnten ähnliche Fälle angeführt werden. Annehmen müßte man, daß der Gebige zu seinem Unterhalt wenig Geld nötig hätte. Aber sehen wir uns heute einmal die Verhältnisse dieser näher an welch eine Enttäuschung? Was kostet heute Wohnung (mö­bliertes Zimmer) und Kost in einer Stadt? Zu einer erschöpfenden Darstellung und Schilderung der durch diese Besoldung sregelung oder auch besser gesagt: Desvldungsumregelung geschaffe­nen Zustände reicht hier der Platz nicht aus. Warum wird dem Verlangen der Mehrzahl aller Beamten nicht nachgekommen und von selten der Regierung, des Reiches, Staates, Gemeinde, Reichstag, nicht dieses Gefetz geändert? Es würden zweifellos Fälle wie die ImEingesandt" ange­führten vermieden. Würden nicht die Kinder unserer Beamten, die z. B. früher als Haus­mädchen in Stellung gingen und sich so für ihren späteren Berus als Mu ter und Hausfrau vor­bereiten konnten, von Staats wegen zur Faulheit erzogen? Kann man dann verübeln, wenn ein Vater sein Kind, wie in vorliegendem Falle, an­statt in eine Fabrik zu senden, zu Hause läßt, wenn Fs doch bezahlt wird. Also der Haupt­fehler liegt Im System.

Was sagen die Herren Reichstags - und Landtagsabgeordneten dazu? welche Stellung nehmen sie ein und was gedenken sie da­gegen zu tun?

Zum Schlüsse möchte Ich nur noch einen mit heute im Anschluß an dasEingesandt" vom Dienstag bekanntgewvrdenen Fall anführen. 2Iuf einem benachbarten Bahnhof soll ein Weichen­steller bedienstet sein, der noch 2530 Morgen Land fein eigen nennt Dessen Sohn, 18 Jahre alt, bearbeitet dieses Land. Der Vater spart also mindestens eine Kraft, die er sonst haben und auch bezahlen müßte. Der So' n b-w. V i e bezieht für sich ebenfalls Kinderzufchläge. Mit Recht? S.

einem der niedren Lehnstühle. Sie war von mittlerer Größe, sehr mager, und hatte ein Ge­sicht, so runzlig wie ein vergettener Winterapfel. Tie etwas flackernden hallb au ea Augen zeigten einen gutmutigen Ausdruck, und man sah sofort, daß diese Gingen ihr Stolz wa en, an der Mühe, die sie sich gab, sie hervorruheben. Ta die Ra- tur sie nur mit der schwächsten Ahnung von Augenbrauen ausgestattet hatte, half sie diesem Mangel damit ab, daß sie sitz selbst über jeteö Auge einen feinen, leichten Bogen zeichnete, and es siel ihr niemals ein, baß irgend jemand diese kleine Fälschung entdecken könnte, ebensowenig, als ihr der Widerspruch darin aa fiel, daß ihre Vörderhaare dünn u ü> angegraut waren, während ihr Racken eine Fülle glänzend schwarzer, ge­steckter Locken aufwies. Tie Augenbrauen rieb sie sich übrigens stets vorher au3, ehe sie einen Besuch bei der Familie Borris machte. S e war nur wenige Jahre jünger als Frau Borris, sprach aber immer vonwir Jungen in der Familie".

Eigentlich war sie nur mit Tante Rora ver­wandt, aber hier im H uw wurde sie auch als zur Familie geh?r g b t ach e , da sow hl Haup - mann Borris als auch Frau I ger ihr ehrliches, gutmütiges Wesen wohl leiten mochten und außerdem große Teilnahme für ihr trauriges Ge­schick hatten.

Malwine Munk chatte als sehr junges Mäd­chen einen Stcu nnnann gc'-.eiraret ii n Lauf ter Jahre war er in ihren ($ < jßUi-gcn zum Ka­pitän vorgerückt); aber nach nur zweijährigem Ehestand erhielt sie eines Tages die Rachricht, das Schiff, auf dem er Heue g-nommen hatte, habe Schiffbruch erlitten, und ihr Mann fei unter den Vermißten, (Fortsetzung folgt)