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Zreltag, 17. Februar 1922
172. Jahrgang
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: Vrühl'sche Univ.-Vuch- und Steinöruderei H. Lange. Zchnftleitung, Geschästrstelle und Druckerei: Schulfttahe 7.
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langem würde.
Die
Die finanzielle Lage der Reichsbahn.
Spaltung des Normalarbeitstages in zwei "Begriffe, Arbeitszeit und Dienstzeit, ein verfehlter, gesetzgeberischer Gedanke ist. Er ist schon deshalb verfehlt, weil der volkswirtschaftliche Nutzeffekt, im ganzen genommen, ein verhältnismäßig geringer ist, weil dadurch nur eine kleine Anzahl von "Berufsangehörigen um große Teile ihrer freien Zeit gebracht würde; während die große Masse der Arbeitnehmer im vollen Besitz ihrer 16 Stunden eigener Zeit verblieb. Ein viel größerer Nutzen für Die Allgemeinheit würde entstehen, wenn man den Normalarbeitstag für alle Arbeitnehmer vorübergehend auch nur um 10 Minuten 6er»
Nollets Antwortnote bezüglich der deutschen Werke
Berlin. 16. Febr. (Wolff.) Als Antwort auf die Note der deutschen Negiemng vom 12. Februar 1921 über die Frage der Deutschen Werke im Anschluß an den Beschlust der Bot- schafterkonferenz vom 28. Dezember 1921 hat der I Vorsitzende der Interalliierten Mrlrtarkontroll-
Dienstzeit oder Arbeitszeit?
Aus den Kreisen der Reichsgewerkschaft Deutscher Eisenbahnbeam-
Der Kredit für Oesterreich.
Wien, 16. Febr. (WTB.) 3n der Heu, tiqen Sitzung des Nationalvats teilte der Finanzminister die Bedingungen mit, unter denen Oesterreich den englischen Kre- d i t erhalten wird. Der Kreditbetrag umfaßt ui seiner Gesamtheit 2 250 000 Pfund Sterling, d h es sind in diese Kreditaktion jene 250 000 Pfund Sterling eingerechnet, welche Oesterreich bereits im November des Vorjahres erhalten hat. Die Deckung dieser Kredite erfolgt durch Schatzwechsel, die mit 6 Prozent zu verzinsen sind.
London, 16. Febr. (WTB.) Das Reu- tersche Bureau meldet, daß alle Einzelheiten bezüglich der Anleihe von zweiMillionen Pfund Sterling, die von Großbritannien an Oesterreich gewährt wird, regelt sind. Das Geld wird der osterreichlscyen Regierung in einigen Tagen übergeben werden.
Die bevorstehenden Neuwahlen in Ungarn.
Budapest, 16. Febr. (WTB.) Die "2ta*■ tionalversammlung setzte heute die Debatte über die Wahlrefvrmvorlaae fo^. Hm 8 30 Uhr abends erklärte der Präsident die Beratung für unterbrochen. Ministerpräsic^rit Graf Bet h len überreichte ein Handschreiben des Reichsverwesers Horthy, in dem dieser der Nationalversammlung seine Grüße entbietet, den Ablauf ihres zweijährigen Mandates feststellt und ihre Tätigkeit für beendet erFIärt Mit Ausnahme der extremlegitimistischen ParteiFried- rich-s bereiteten, wie das Tlngarische Korr -Bureau meldet, sämtliche Parteien, auch die äußerste Linte, dem Reichsverweser begeisterte Kundg^ungm. Darauf sangen die Abgeordneten und die anwesenden Gäste die Nationalhymne. Der Pratt- dent der Nationalversammlung, ®aal, gab einen Rückblick auf die zweijährige Tätigkeit .der Ri id- nalversammlung, deren gedeihlich^ ^'rken^durch den Bernich!ungsfrieden vielfach beeinträchtigt worden sei. Zum Schluß druckte Gaal auden Dank für die Hilfe des Auslandes zur Minderung des Elends aus.
Milliarden Mark, da erfahrungsgemäß mit der Erhöhung der Bezüge auch eine Steigerung der Materialpreise eintritt, ist mit einer Ausgaben st eigerung vvn insgesamt 6 Milliarden Mark zu rechnen. Die Bewilligung vvn Aeberteuerungszuschlägen für Beamte steht noch bevor. Die Reichsbahn erhöhte zur Ausgleichung dieser Mehrausgaben die Güter» und Sier-Ex- preßguttarife, die bereits zum 1. Februar eine Steigerung erfahren haben und zum 1. Marz wiederum um 20 Prozent. Eine weitere Herausschiebung der Maßnahme ist nicht möglich, da die Ausgaben zum größtenteils bereits seit 1. Januar eingetreten sind. Die Privatbahnen wurden ermächtigt, sich der neuen Tariferhöhung anzuschließen. Die Arbeiten der Reichsbahn, die auf die Balancierung des Haushalts auch durch eine Verringerung der Ausgaben hinauslaufen, find im vollen Gange. 3m Haushalt für 1922 find beispielsweise bereits über 50 000 Köpfe weniger vorgesehen, als zur Zeit vorgesehen sind. Vvn diesen sollen schon bis 1. April 20 000 eingespart werden. Auch Ersparnisse an Material, besonders an Kohle und Schmieröl sind durch besondere Maßnahmen schon für die nächste Zeit sichergestellt. Die neuen Tarife stellen eine starke Belastung des Wirtschaftslebens dar, find aber abgesehen von der Notwendigkeit der Balancierung des Eisenbahnhaushalts, durch die fortgesetzten Preissteigerungen für alle Güter gerechtfertigt. Solange diese Aufwärtsbewegung der Preise anhält, kann sich die Reichsbahn dieser Entwicklung nicht entziehen.
Beschlüsse
des Reichswirtschastsrates.
Berlin, 16. Febr. (WTB.) Vorläufiger Reichswirtschaftsrat. Der Gesetzentwurf über. Mieterschutz und Mieteinigungsämter wird angesichts schwerer im Laufe der Debatte geäußerter Bedenken im Hammelsprung mit 107 gegen 96 Stimmen an den Ausschuß für Siedlungswesen zurückverwiesen.
densvertiages zu verfolgen.
Ministerpräsident P v i n c a r e erklärt in einer Zwischenbemerkung, die deutsche Regierung hätte u. a. beabsichtigt, eine Zwangsanlcihe auszulegen, deren Ergebnis nicht so produktiv sei, wie man gehofft habe, weil der Reichstag sich geweigert habe, gewisse Bedingungen anzunehmen. Es sei vvlllommen unrichtig, zu sagen, wie man jüngst getan habe, daß der deutsche Steuerzahler schwerere Lasten trage als der französische. Tatsächlich müsse man, um dies fcst- lellen zu können, nicht nur die direkten, sondern auch die indirekten, die provinzialen und die kommunalen Steuern zum Vergleich heranziehen tonnen.
Abg. Lou cheur unterstützt die Erklärungen Poincares und weist auf die Schwierigkeiten hin, die durch den Wechselkurs entstanden sind.
Abg. G r o u s s o n beendet seine Rede, indem er sich dagegen wahrt, daß Frankreich, wenn cs seine gerechten Forderungen verfolge und seine Sicherheit gewährleistet wissen wolle, des 3 m - per ialismus und des Militarismus bezichtigt werde. Wenn die Alliierten nicht die 1916 feierlich verkündete Solidarität für den Wiederaufbau wahrten, sei eine Katastrophe u n- vermeidlich.
Die Fortsetzung der Beratung wird sodann auf Freitag vertagt. An erster Stelle soll jedoch die Interpellation des Abg. B o u t e i l l e r über die Zwischenfälle in Oberschlesien erledigt werden.
L o n d o n, 16. Febr. (WTB ) Das Reuterschc Bureau teilt mit, daß die britische Regierung mit gewissen Vorbehalten ihre Zustimmung zu dem Vorschlag der französischen Regierung ausgesprochen habe, daß die Frage der deutschen Reparation Sv erpflichtungen ü das laufende Jahr von der Reparationskommission geprüft werde.
Frankreich und Rußland.
Paris, 17. Febr. (WTB.) Die parlamentarische Gruppe zur Verteidigung der französv scheu Interessen hat in einer gestern angenommenen Entschließung den Wunsch ausgesprochen, daß die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Rußland folgenden _Bedingungen unter- toorfen werde: 1. Ausdrückliche ^Anerkennung der Verpflichtungen aller vorangegangenen Regierungen; 2. vollkommene Wiederherstellung des Desihrechtes aller französischen Guter, 3. "Wieder- aufrichtung des Rechts, der individuellen Freiheit und der rechtlichen Garantien; 4. Sicherstellung der Garantien zur Erfüllung der vorher angeführten Bedingungen.
Berlin, 16. Februar. (WTB.) Ausgaben der Reichsbahn haben sich in letzter Zeit bedeutend erhöht. An die Arbeiter werden erhöhte Stundenlöhne und besondere AeberteuerungSzuschlage gezahlt. Die Teuerungszuschläge an die Beamten wurden seit dem 1. Januar um 2000 Mk. erhöht. Die Besatzungszulage erfuhr eine Erhöhung um 50 Prozent. Die Belastung der Reichsbahn durch diese Beträge beläuft sich auf rund drei
Sodann stimmt das Plenum dem Bericht des inanzpolitischen Ausschusses zu dem Antrag M i h l e f f zu, in dem eine Aenderung der Organisation der Steuerbehörde verlangt wird und eine Reihe von Vorschlägen zur Verbesserung und Beschleunigung der Steuerveranlagung gemacht werden. Cs handelt sich dabei um eine möglichst einfache Gestaltung aller neuen Steuergesetze, Schaffung gemeinverständlicher Formulare und Entlastung der Finanzämter durch Hilfskräfte. Auch soll den Gemeinden die Einschätzung aller Einkommen bis 50 000 Mark und die Veranlagung der llmsatz- und der Grund- und Erwerbssteuer zunächst übertragen werden.
Schließlich wurde eine Entschließung des wirtschaftspolitischen Ausschusses angenommen, in der die Reichsregierung ersucht wird, Maßnahmen zu treffen, durch welche die Lohn-, Gehalts- und Rentenempfänger sowie die erwerbsunfähigen Kleinrentner in den Stand gesetzt werden, die Folgen der Brotpreiserhöhung zu ertragen.
Das Haus vertagte sich dann auf unbestimmte Zeit.
Aus dem Gesagten ergibt sich, datz die l d-m-niM°rn G-nerÄ Aollet^ eine A°ie an 1 - - • — das Auswärtige Amt gerichtet:
Die deutsche Regierung wird darin aufge- fordert, der Kommission bis zum 15. Mai das zukünftige Fabrikationsprogramm für die Werke in Erfurt, Spandau-Haselhorst und Hanau und einen llebersichtsplan, aus dem die Nutzbarmachung der für jedes der zukünftigen Fabrikationszweige in Betracht kommenden Werkstätten und Maschinen ersichtlich ist, zu überreichen. In der Note wird weiter bestimmt, daß die <$abri- kationszweige, die endgültig verboten sind, provisorisch weiterbetrieben werden können, aber nur unter den Verhältnisten, unter denen sie sich jetzt abwickeln. Die vorstehenden Anweisungen beziehen sich nicht auf die Nusführung der Entscheidungen, die vvn der Kommission schon vorher getroffen wurden, und die sich auf die Fabrikationszweige beziehen, welch: nicht durch die Entschließung der Botschafterkonferenz vom 28. Dezember 1921 revidiert wurden.
befugnisse, die ihr der Friedensvertrag zuertcill habe, vom Ministerpräsidenten P o i n c a r c unterbrochen, welcher erklärt, die RcparationskoiN' mission hätte Ursache gehabt, unzufrieden zu fein, weil sie sich fortgesetzt an die Regierung hätte wenden müssen. Von nun an aber werde fie ihre Machtbefugnisse wieder haben. Er habe die Befriedigung, nach dieser Richtung mit den Alliierten sich rh-tollftem Einverständnis zu befinden.
Abg. G r o u s s o n erklärt, Deutschland könne zahlen Er beglückwünsche die Regierung zu dem Entschluß, die integrale Ausführung des Frie-
Für jedes der in Betracht kommenden Werke stellt die Note Richtlinien auf. In den Werken Erfurt und Spandau-Haselhvrjt darf die Herstellung von Schußwaffen, Jagd- und Sport- munition nicht weitergeführt werden. Im "Werk Wolfgang-Hanau wird die Herstellung von Nitrozelluloseverboten. Die Werke dürfen jedoch die Fabrikation provisorisch weiterführen. Endgültig wird genehmigt die Herstellung von Kollodium für Filmzweae, zur Fertigung von künstlichem Leder, die Herstellung von Schmirgelpapier. die Reparatur Vvn Eisenbahnwagen und Lokomotiven, sowie alle der Friedensfabrikation dienende Nebenarbeiten. Alle Fabrikationszweige müssen innerhalb einer Zone von 12 Hektar vereinigt werden. Ferner muß die Herstellung von Nitrozellulose auf 50 Tons monatlich herabgesetzt werden. Alle Gebäude und Anlagen, welche außerhalb der Zwölfhektarzone liegen, sind unverzüglich zu entfernen mit Ausnahme der für die Beleuchtung und Heizung der Bureaus und Wohnräume erforderlichen Leitungen. Alle ins einzelne gehenden Anordnungen über die Durchführung der vor^ erwähnten Maßnahmen werden seitens der Distriktskommissionen der Interalliierten Miliiär- kommission gegeben. Im Hüttenwerk Spandau ge^ stattet die Interalliierte Kontrollkommission die vvn der deutschen Regierung beantragte Errichtung eines Ergänzungswalzwerkes. In bezug auf die Entscheidungen der Kommission über die Z e r- ftörung von Maschinen in Erfurt und Spandau ist keine Aenderung eingetreten. Die Kontrolle der Distriktskommission über Verkäufe oder Neubeschaffung von Maschinen bleibt aufrecht erhalten. Die von der deutschen Regierung beantragte Fri st Verlängerung für die Zerstörung der Maschinen der Werke Spandau- Haselhorst wird zugestanden und der Termin auf den 1. März verschoben.
Eine neue Verhetzung in der französischen Kammer.
Paris, 16. Febr. (WTB.) In der heutigen Karnrnersitzung wurde die Aussprache über das Finanzgesetz des recouräblen Budgets, also für die Ausgaben, die Deutschland nach dem Friedensvertrag vvn Versa i l l e s „zu Last fallen, begonnen. Der Berichterstatter Abgeordneter A u m o n d eröffnete die allgemeine Aussprache, indem er von den Anstrengungen spricht, die Frankreich bis jetzt unternommen habe, um die Ausgaben zu befriedigen, die nach dem Friedensvertrag zu Lasten Deutschlands gehen. Am 1. Januar 1922 habe Frankreich für das Konto Deutschlands die Summe von 80 Milliarden vorgesehen, und zwar 45 Milliarden für Reparationen, d. h. für Sachschäden, 25 Milliarden für die an Personen zu zahlenden Entschädigungssummen und 10 Milliarden als Zinsen für abgeschlossene Anleihen. Für das Finanzjahr 1922 komme noch die Summe von 10 577 Millionen Fr. hinzu. Wer muh die Ausgaben decken? Der Friedensvertrag habe eine gerechte Entschädigung vorgesehen. Er habe aber in BoulogNe, San Remo, Paris und London Abänderungen erfahren, die die Forderungen Frankreichs vermindert hätten. Frankreich werde nur 80 Milliarden Goldmark anstelle Der zu fordernden 130 Milliarden erhalten. Der R^)ner spricht alsdann von der Mobllisierung der deutschen Schuld durch die Emission der OmlgotionM. Das habe sich nicht erfüllt Deutschllmd habe nicht nur noch nichts bezahlt, der deutsche Söeuer- zahlet sei auch weniger belastet franjo-
sische. und die deutsche Regierung habe die Kapitalflucht geduldet Die deutsche Regierung habe das methodische Defizit des Dudge^ orgamfiert und durch die Inflation den finai^iellenBankerott Deutschlands vorbereitet Wie könne man also unter diesen Umständen behaupten, daß Deutschland Beweise feines guten Willens gegeben habe? Der Berichterstatter spricht alsdann von den Dor- fdMägen, die die deutsche Regierung kürzlich gemacht habe, um ihre Finanzen ju anieren. Er lobt den Bericht de Lasteyries und betont zum - Schluß jede Konzession, die man DOitschland ; mache,' jeder Vorteil, tenman tfon bewillige, ■ jede Verlängerung der Zahlungsfristen, die man ihm gewähre, hätten die unmittelbare und un- vermeidliche Folge, dem französischen Staats- schätz neue Lasten aufzuerlegen, die er nur schwer tragen könne. Gewähre man D^ttscUand Erleichterungen, so überlaste man Aan^eich..Der > Berichterstatter verlangt schließlich eine mter . nationale finanzielle Solidarität.
Das Wort ergreift hierauf Abg. G r o u s- r so n als Vorsitzender des Ausschusses siir die be- freiten Gebiete. Er wird in seinen Ausführungen, . Li denen er besonders auf die Tätigknt der Re- ; paratwnskommissivn hinweist und auf die Macht-
tert wird uns geschrieben:
Der Grundgedanke des Achtstundentages 1 war nicht etwa der, daß der Mensch acht Stunden am Tage arbeiten müsse, sondern vor allem der, daß er 16 Stunden am Tage zu eigener Verwendung für Schlaf und Erholung übrig behalten müsse. Neuerdings beginnt man unter dem Druck der nationalen Not einer Verlängerung der Arbeitszeit das Wort zu reden. Es sind Arbeitszeitgesetzentwürfe in Vorbereitung, welche neben den Begriff Arbeitszeit den zweiten Begriff Dienstzeit sehen. Parlamentarier sowohl wie eine Reihe vvn Zeitungen haben wiederholt in jüngster Zeit die Ansicht verteidigt, der Achtstundentag könne nur so verstanden werden, daß unter diesen Begriff die Zeit der reinen Arbeitsleistung zu rechnen sei. Dadurch gelangte man zur Herausschälung von Dienstbereitschaftszeiten, wie sie bei gewissen Be- rufskategvrien unvermeidlich sind und bisher „schematisch" in den Achtstundentag mit einge- gerechnet wurden. Man verlangt nun von den betroffenen Berufsklassen z. B. Bahnwärtern, Lokomotivführern, Zugpersonalen und ähnlichen Arbeitnehmern, daß sie mit der Anrechnung der wirklichen Arbeitsstunden und der Nichtanrcchnung der Bereitschaftsstunden einverstanden sein sollen. Diese Deduktion klingt im ersten Augenblick sehr bestechend. Jeder Nichtfachmann wird sich sagen, daß die Stunden, während welcher ein Bahnwärter beispielsweise zwischen zwei Zügen in seiner Bude die Zeitung lesen kann, tatsächlich keine Arbeit leistet; verseht man sich dagegen in die finge dieses Bahnwärters, und stellt man sich vor, daß einem solchen Beamten auf wenig befahrenen Strecken im Laufe des ganzen Tages nach diesem Rezept allenfalls 2—3 Stunden Arbeitszeit angerechnet werden könnten, so sieht man, daß hier ein ungesundes und gefährliches Spiel mit den Begriffen Dienstzeit und Arbeitszeit getrieben wird. Der Achtstundentag soll, wie gesagt, in erster Linie dem Arbeitnehmer nicht eine maximale Dienstpflicht, sondern vielmehr eine Mindestfreizeit garantieren. Die Verteidiger des neuen Arbeitszeitbegriffes berufen sich auf die Notwendigkeit vermehrter Arbeit in Deutschland. Der ehemalige preußische Ministerpräsident Ste- gerwald führte unlängst aus, wir Deutschen müßten uns daran gewöhnen, mehr als bisher zu arbeiten und vor allen Dingen mehr wie jeder Engländer und Franzose. Diesem Sähe soll nicht widersprochen werden, falls damit eine generelle Verlängerung des Nor- malarbeitstages für alle deutschen Arbeitnehmer gemeint ist. Trotzdem der Achtstundentag für ein unter Normalverhältnissen lebendes Volk die idealste Lösung der Arbeitszeitfrage ist, könnte man allenfalls in Zeiten der Not zugestehen, daß eine halbe Stunde pro Arbeitstag zur Erreichung gewisser Staats- notwendigkeiten zugesetzt werden könne. Ange recht dagegen wäre es, nur einige wenige Berufe zur Hergabe eines beträchtlichen Teiles ihrer persönlichen Erhvlungszeit zwingen zu wollen. 3n einem süddeutschen Staate werden beispielsweise die Bahnwärter während pes Dienstbereitschaftsteiles ihres Acht», stundendienstes mit Besenbinden für die Eisenbahnverwaltung beschäftigt. Dies ist ein gesundes Prinzip, gegen welches niemand etwas einwenden form. Es muh unbedingt Sache des Arbeitgebers, sei es nun der Staat oder eine Privatfirma, sein, diejenigen Kräfte, deren Bereitschaft unerläßlich ist, entweder wahrend der Bereitschaftsstunden angemessen zu beschäftigen oder, wenn dies nicht geht, ihm die Bereitschaft, die ja ein Opfer der persönlichen Zeit darstellt, ebenso als volle 2k= beitszeit zu bezahlen. In der Rede eines Abgeordneten wurde unlängst die Behauptung aufgestellt, daß in extremen Fällen manche Lokomotivführer von den vorschriftsmäßigen 208 Stunden monatlich nur 70—80 Stunden ihr Amt wirklich ausüben und die Übrige Zeit nur in Bereitschaft find, also nichts zu tun haben. Abgesehen davon, daß solche extremen Fälle niemals Vorkommen, vergißt der Verbreiter dieser Nachricht, daß der Dienst deS Lokomotivführers nicht nur während der Fahrt eines Zuges ausgeübt wird, sondern jedesmal l1/- Stunden vor dem Fahrtbeginn anfängt und nachher mindestens noch eine Stunde für Restaurieren der Lokomotive gebraucht wird. Der Begriff Dienstbereitschaft würde auch alle Aerzte, welche in Sanitätswachen Nachtdienst tun und in manchen Nächten überhaupt keine „Arbeit" erhalten, schwer treffen; ebenso zahlreiche Leute, die als Wächter in Geschäftsräumen, als Hotelportiers oder i 'm Apotheken als Nachtpwvisoren Bereitschaftsdienst tun. 1


