Nr. 296 Zweiter Blatt
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Deutscher Reichstag.
283. Sitzung vom 15. 12. 12 Upr mittags.
Aus der TageSorduung stehen Anfragen.
Abg. v. Schoch (D. Dpt.) weist tn ferner An- frage darauf hm, daß bei Frankfurt a M. em Schreiner von marotlanifchen Soldaten und em Dillendefiher Lohn von Wiesbaden von einem franzöllschen Major Dupic niedergefchoffen worden find. Er fragte. waö die Regierung gegen drefe Schänd laten unternommen und wieviel Gvld- millionen sie nach dem Beispiel der Entente in ben Fallen Pastau und Ingolstadt alS Schaden- erfdfc gefordert habe.
Q3on einem Regierungsvertreter Dird geantwortet, die Marokkaner seien vom französischer! Kriegsgericht zum Tode verurteilt to->r- den Bei der Schadenersatzsordeirmg habe sich die ActchSregterung streng an die Grundsätze deS Völkerrechts gehalten. Der inaktive Major Dupic habe mit der Befatzungsarmee nichts zu tun. Vom deutschen Gericht sei das St ras verfahren gegen ihn bereits emgeleitet worden.
Die Rovellen zum Gesetz über die Gesellschaften m. b. und zur Konkurs- vrdnung werden in allen drei Lesungen angenommen Endgültig angenommen we den sodann Die Gesetzentwürfe über die Genossenschaften z u r B o de n ve r b e s s e r u n g, über Erstattung von RechtsanwaltSgebühren in Armenjachen, über die Beschäftigung Schwerkriegsbeschädigter sowie die 'Novelle zum Kraftsahrzeuggesetz, wonach! die Has tps licht summen bei Autounsällen der Geld- >enttt>eitung an gepatzt werden können.
Bei der Beratung deS RachtragShauShaltS deS Auswärtigen Amts erklärt . Abg Frölich (5t.), datz sich die grvtzen Hoffnungen, die in der Außenpolitik an den Antritt der Regierung Cuno geknüpft worden seien, diSher in keiner Weise erfüllt hätten. Die tipita- llistische Politik der Schwerindustrie nehme nicht 'die geringste Rücksicht auf die sonst so oft gc- Predigten nationalen Interessen. Das beweise deutlich der kürzliche Borst oh der StinnesgruPpe gegen die Reparationspolitik der Regierung.
Abg Dr. D r e i t s ch e i d (©.). Wir sind stets für korrekte Beziehungen zu Sowjetruhland eingetreten. Wir haben auch nicht den Rapallovertrag, sondern den Zeitpunkt seiner Bekanntgabe bemängelt. Die guten Beziehungen zu Sowjet- rutzland nützen blutwenig in den Fragen, die und jetzt auf den Nägeln brennen, besonders in der Repaixitionssrage.
Der Etat wird bewilligt, ebenso die Nach- tragdetatö des Reichstages, des Haushalts für H>te Ausführung deS Friedensvert r ages und deS Retchsfinanzmmisteriums.
Angenommen wurde hierzu ein Antrag Mumm (D.-N.). der für die Veteranen von 1864, 1866 und 1870 eine Erhöhung der MonatSrente bon 50 auf 250 Mk. verlangt.
Da die butcaumäbigen Vorbereitungen für die Fortsetzung der Tagesordnung noch nicht getroffen find, fchlietzt Präsident Loebe um 3 Plhr die Sitzung und beraumt auf 4 ilfyr eine neue Sitzung an.
(Abends! hung.)
3n der Nachmittagssitzung wird Zunächst die ReichShaushaltSordnung tn dritter Lesung angenommen, welche dem Re ich ssi - n a n z m i n i st e r ein gewisses Vetorecht bei allen ReichsauSgaben ein räumt.
ES folgt die zweite Beratung deS ZwangS- anlelhegesehes Danach wird die Begrenzung von 70 Milliarden gestrichen und die Freigrenze verdoppelt, demgemätz also die Ersteingänge von 100 000 auf 200 000 Mk. erhöht. Der Ausschuß hat der Vorlage zugestimmt und be- antiagt eine Gntschlietzung. wonach das Reich Ländern und Gemeiiiden in Rücksicht auf ihre Finanznot Vorschüsse auS der Zwangsanleihe bewilligen soll.
Ädg Bernstein (Soz.) wiederholt den Ai'Sschuhantrag, datz Wertpapiere mit 3/4 des Kurses vom 8. Dezember 1922 bewertet werden sollen.
Abg. Fischer-Köln (Dem.) befürchtet, datz die Zwangsanleihe die geplante innere Gold- anleihe stören könne und bekämpft den fvzial- demokratischen Antrag. Gr beantragt, datz die schon im Juli und August in die Zwangsanleihe ein gezahlten Beträge doppelt angerechiet werden sollen.
Staatssekretär Zapf bezeichnet diesen Antrag aus finanziellen und sachlichen Gründen alS undurchführbar.
Die Herweghs.
Obre rechtsrheinische Geschichte
von L i e S b e t Dill.
63. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
< .Dieser TheatermarguiS." Kottenhan spuckte 'LuS.'.was ist er denn eigentlich? tzi»ehtsto rische jFigur? Keineswegs. Ein Spanier^-Erst recht 'nicht, denn ich kenne die Spaniers Dieser Posa ist dem spanischen Charakter völlig fremd, es ist ein deutscher Enthusiast. Schiller wäre besser nach Spanien gegangen, ehe er den .Carlos" sch i^h Diesen sentimentalen Ritter würde kein Philipp der Zweite angehört, geschweige denn zu seinem Vertrauten gemacht haben, denn die spanisch: Etikette — mein Herr, wissen Sie, wgS die bedeutet? Halseiserr, sage ich Der 'Verkehr mit Hosen ist nicht so einfach wie Sie sich das vorzusiellen scheinen."
Kottenhan hatte die Daumen in die Westen- äimcl gesteckt und kniff das rechte Auge zu. .Es gehören dazu gewisse Talente, welche dem Ehrgeizigen nötig sind, zum Beispiel die Kunst, denen zu schmeicheln, die man verachtet. Die Geduld. t>le Herablassung eineS Dummkopses zu ertragen. Die Leich igieit und llebertoinbung, das Gegenteil von dem zu reden, was man denkt, und eine philosophische Gleichgültigkeit für die stations prolongues in den Antichambres."
Damit verabschiedete er sich und war im nächsten Augenblick unter den Bäumen verschwunden.
ilnb Lutz konnte nun endlich mit Ernst reden.
Aber kaum hatte er von dem öijiff angefangen, als Ernst sich erhob. .Wir wollen lieber geben, eS spricht sich besser im WaiDern," schlug er vor, und sie gingen nach dem Weiher hinunter.
„Du glaubst gar nicht, wie wohl ich mich hier fühle," sagte Ernst und schob feinen Amt in den des Bruders, während sie am Daldesrand bin» schritten.
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, sh. Dezember (922
Nach weiterer Debatte wird die Vorlage unter Ablehnung aller Abänderungsanträge in der AuSschuhfassung angenommen. Die sofortige Vornahme der dritten Lesung schottert an dem Widerspruch der Sozialdemokraten. Die Ausschutzent- schließung wird angenommen
Der Nacht ragselat zum Wiederaufbauministerium wird bewilligt.
Beim Etat des Reichsernährungs- ministerS fordert Abg. Philipp (D.-N.) schleunige Beseitigung der Getreideumlage.
Abg. Schmidt- Köpenick (S.) ersucht den Minister, die Verordnung über den Markenbrotbezug der Geldentwertung besser anzupassen.
Abg. Dr Heim kDayr. Dpt ): Wucher- und Schiedertum ta-.m nur durch Produktionssteigerung bekämpft werden. Keine Regierung werde die Brotversorgung dem freien Spiel der Kräfte überlassen können. Der Bund der Landwirte treibt auf dem Lande eine Agitation, wie man sie sich nicht schimmer vorstellen kann. Wenn daS nicht anders wird, werden wir mit Ihnen (nach rechts) die Schwerter kreuzen.
Nachdem Abg. Hepp (D. Vpt.) den Landbund gegen die Angriffe des Abg. Heim in Schah genommen hatte, erklärt Reichsernährungs- minister Luther: Der Ernst der Lage ift zi grob, alS datz wir der angeschnittenen Frage mit Gleichmut gegenüberstehen können. Nur Lei Anwendung aller Kräfte können wir die Ernährung im Winter sichern. ®ie Milchversorgung der Städte löst schwere Bedenken auS. Auch für das dritte Sechstel der Umlage mutz ein Preis festgesetzt werden, der der Geldentwertung Rechnung trägt. DaS wird zu einer erheblichen Brotpreissteigerung führen. Wir wissen noch nicht, ob die Landwirtschaft mit dem neuen Preis ^uflieben fein wird, richten aber die dringende Mahnung an die Landwirte, sich als Angehörige einer Lebensgemeinschaft mit der städtischen Bevölkerung zu fühlen. (Beifall.)
Der Etat deS EmährungsrninisterÄ wirb angenommen, ebenso einige Entschließungen dazu. SamStag vormittag britte Lesung.
Schlutz n«h 9 ilbr.
Die Vorgänge an der Oberrealschule.
Herr Professor Weihgerber schreibt uns:
Infolge äußerer llmftänbe konnte ich bisher zu dem zweiten Artikel des Herrn Prof. Schlan noch nicht Stellung nehmen. Eine solche ist jedoch im Interesse der Aufklärung der Oeffentlichkeit nötig, da eS sich um den Versuch handelt, meine auf amtliche Feststellungen gestützte Darlegung der Angelegenheit zu erschüttern. Durch Beschränkung auf baä Wesentliche werde ich den umfangreichen Stofs in gedrängtester Kürze zu meistern suchen.
Zunächst aber muh ich den Kern der Sache, der die Oeffentlichkeit allein interessieren kann, auS der Hülle des Rhetorischen und Persönlichen, mit dem ihn Herr Sch. umkleidet hat, wieder heraus schälen.
Der Zweck des ersten Artikels des Herrn Dch. des agitatorischen Beiwerks entkleidet, war der Nachweis
1. daß die Versetzung des Direktors auf Grund haltloser Beschuldigungen erfolgt und daher ungerechtfertigt sei,
2. bah gewisse Personen, besonders „ein" Lehrer, die einzelnen Fälle hinterrücks der Regierung angezeigt und geholfen hätten, die „Maßregelung" herbeizuführen.
In meinem Gegenartikel hatte ich gezeigt, baß bas Urteil wohlbegrünbet und das Verfahren eintoanbfrei war. Am Schlüsse seines Artikels sagt nun Herr Dch.: „Meine ganze Darstellung war richt! g;" Also war meine falsch. Meine? Nein, die der Regierung. Somit haben die Vertreter der obersten Schulbehörde am 3. August im Landtag und am 10. November in der Lehrerkonferenz die 11 n - Wahrheit gesagt. Ich muß es den betr. Herren überlassen, hierzu Stellung zu nehmen. Die Behauptung schließt aber auch eine Verdächtigung Der Zeugen ein, die auf ihren Diensteid aus- gefagt haben.
Wie beweist nun Herr Sch seine ungeheuerliche Behauptung? Nur im Mittelstück seines Artikels geht er auf die Hauptsache, die oben unter 1 angeführte These, ein und bespricht die von mir im ersten Artikel unter 8—5 angeführten Fälle, nämlich
„Ich habe viele gute Freunde hier, die Aerzle sind so nett mit mir, und ich darf musizieren, soviel ich will . . . den anderen ist es verboten . . . aber ich habe erklärt, datz ich verrückt würde, wenn ich nicht täglich spielen könnte." Gr blieb vor dem kleinen schiljumrahmten Weiher fielen. Hier muhte Wagner dir Idee zum „Rheingold" gekommen sein. „Rhctngvld, Rheingold, wie teil u einst strahlest . . . Nacht liegt in der Tiese, einst war sie hell," fang er laut.
„Ilnb was man für Studien hier machen kann, die interessantesten Eremplare ftnb im Nachbargarten Es sind Phänomene darunter, zum Beispiel ein Student, der eine mathemalische Preisaufgabe gelöst hat. Ich gehe oft mit ihm spazieren. Sonntags spiele ich auch Harmonium beim Gottesdienst und abends musizieren wir oft beim ersten Arzt, seine Gattin hat eine herrliche Altstimme, überhaupt so viel vernünftige Menschen wie hier habe ich tn meinem Leben noch nicht gcfintben. Alle kommen zu mir mit ihren Wünschen und Beschwerden," fuhr er fort mit einem glücklichen Lächeln, „ober denkst du. daß wir hinter diesen Mauern etwa den alten Menschen ablegten und mit diesem grauen Kittel einen neuen Menschen anzögen? Nein, mein Lieber, so einfach ist das nicht, man mutz ihnen immer zu reden, glätten, glätten? er machte eine Handbewegung, als bügle er einen Stofs. „Die sind mitztrauisch, besonders gegen die Wärter, und können die Aerzte nicht leiben. Wenn du dich dafür mtereffierft, sie gehen eben dort drüben spazieren "
„Nein, danke," sagte Luy. Er hatte genug von Kottenhan Auch war es Zell zum Zuge. Die Brüder verabschiedeten sich an der Park- mauer. „Kann ich dir denn nicht behllflich fein, hast du keinen Wunsch Ernst?" fragte Lutz, „du weiht ja, ich bin jetzt in der Lage."
Etnsts Lächeln verschwand. Er fchloh die Augen, wie man Fensterläden schließt, um das Licht nicht hereinzulassen.
a) die Sonderverfügung über die Ingen dgemein- schaft. Er sagt: „Ausdrückliche Mitteilung an die Schüler war nicht angeordnet, sie konnte sehr wohl als nicht notwendig beurteilt werden." Ich erwidere: Die Hauptsache wirb hier verschwiegen: es war allen Schulen mitgeteilt worden, daß eine solche Iugend- vereinigung nicht geduldet werden könne (Erklärung des Ministerialdirektors llrftabt im Landtag); der Direktor aber ha t sie geduldet, er hat bis einige Wochen voo der Untersuchung ihre Bekanntmachungen am Schwarzen Brett der Schule zugelassen.
b) Die Rebe bei der vorjährigen Totengebenk- feier. „Das war keine Revancherede," sagt Herr Sch ; „daS hat sogar der sozialdemo- nalische Abgeordnete Kaul im Landtag zugegeben; bah barin auf ben Tag der Freiheit hingewiesen wurde, war wahrhaftig kein Anlaß zum Einschreiten." Erwiderung: Es ist natürlich Herrn Kaul nicht eingefallen, so etwas zu sagen. Dieser hat vielmehr im Landtag auSgefühit: „Der Lehrer war allerdings so vorsichtig, nicht zu sagen, ein solcher Tag müsse der Revanche gewidmet sein, nein, er hat nur vom „Tag der Freiheit, zu dem ihr Schüler euch rüsten müht", gesprochen. Stellt man aber in Zusammenhang damit, bah er zuvor davon gesprochen hat, man könne nicht von Versöhnung sprechen, bann, m.D.u.H., können Sie daraus ersehen, wie eine derartige Rede auf die Schülerschaft wirken mußte." (Sitzungsbericht S. 546.) Das lautet doch wohl etwas anders! Wie kann man aber irgend jemand ernstlich weismachen wollen, bad Einschreiten sei wegen des Hinweises auf „ben Tag ber Freiheit" erfolgt? Die Hauptsache war doch, daß ber Lehrer entgegen einer ausbrücklichen Verfügung ben Gebanken ber Versöhnung in bestimmtester Weise ablehnte! Ilnb beshald hätte der Direktor einschreiten müssen. — Es liegt also hier eine ganz groteske Irreführung der Oeffentlichkeit vor.
c) Das Verhalten des Direktors gegen einen Kollegen. Herr Sch. sagt, i ch hätte die Bemerkung deS Direktors als eine 'Beleidigung ,ausgeleg t“. Ich habe gar nichts aufgelegt, sondern nur den Standpunkt der Regierung wiedergegeben, der sich auf juristisches Urteil stützt. Das „wen n" in ber von Herrn Sch. angeführten Aeuherung des Direktors hatte z u n ä ch st nicht lonbitionilen Sinn (lat. si), sondern bedeutete: wrs daS betrifft, bah (lat. quod); erst nachher würbe er ins Hypothetische gewendet. Die Hauptsache aber ist: der Direktor ging unmittelbar nach der Untersuchung gegen einen Kollegen vor, der in dieser vernommen worden war, so dah es nötig wurde, ihm durch besondere Verfügung jede Einmischung tn das schwebende Verfahren zu untersagen. Die Entgegennahme des von Kollegen unterzeichneten Schriftstücks (deS foqenanntcn Mißtrauensvotums) wurde unter demselben Gesichtspunkt gewertet.
DaS sind die Beweise des Herrn Sch, durch die er die feste Position ber Regierung zu erschüttern sucht. Am gravierendsten Fall (Nr. 1 meines ersten Artikels), ber Untergrabung ber Staatsautorität durch die Behandlung des Schmäharlikels gegen ben Präsibenten des Vil- dungSamls geht Herr Sch. mit Stillschweigen vorbei. Aber er schließt seine wunderliche DeweiS- führung mit dem Urteil ab: Alles Winzigkeiten, Mißdeutungen, mühselig zusammengesuchte, künstlich gewendete Anschuldigungen!!
Er scheint aber doch gefühlt zu haben, dah auf dem direkten Weg ber Bekämpfung des Tatsachenmaterials nicht viel zu erreichen ist, deshalb versucht er auch noch auf indirektem Weg zum Ziel zu kommen. Aus dem Umstand, daß eine Reihe von Fällen, die bei der Untersuchung und im Landtag eine Rolle spielten, nachher aber bei der Entscheidung ausgeschieden wurden, folgert er triumphierend: Also sehen wir, wie haltlos das Material war! Gemach. Herr Professor, Sie kommen auch auf diesem Wege nidj' allzu weit. Zunächst: Es wurde verfahren tote bet jeder gerichtlichen Entscheidung, bet der ein Teil der Anschuldigungen nach dem freien Ermessen der Richter aus irgendwelchen Gründen unberücksichtigt bleiben tarnt. Diese Punkte von vornherein als haltlos zu bezeichnen, ist durch nichts erlaubt. Ich hatte ja bereits gesagt, datz man manche Dinge als Imponderabilien wertete, d. h. man berücksichtigte die Möglichkeit
„Ich danke dir, Lutz," sagte er und lieh dessen Hand los. „Ich habe alles, was ich brauche." Lutz ging, fein Kops war wie benommen.
Und aus der Heimreise dachte er: Din ich nun verrückt ober Emst?
Frau von Herwegh, die ihren Sohn auf dem Bahnhof erwartete, unruhig, was er bringen würde, war von Lutz' Bericht sehr enttäuscht.
„Aber hast du ihm denn nichts gesagt von deiner Verlobung und von Australien?"
„Ich habe ihm alles gesagt," antwortete Lutz, „aber er hat gar nicht zugehört. Es hat eigentlich immer nur ein Herr Kottenhan gesprochen."
SS war nach den vielen Angeboten, die auf die Annonce im „Rheinische Kurier" eingelaufen waren, erst so leichi erschienen. em gebrauchtes Piano zu bekommen Nun lief die Generalin mit ihrer Nichte schon seit drei Tagen in der Stadt herum, ohne das zu finben, was sie finden wollten.
ES sollte nämlich braun fein, weil es zu den Nutzbaummöbeln ber Generalin paffen sollte, dann sollte es tadellos erhalten fern und außerdem auch billig. Aber die Pianos, die sie in Familienpensionen, Gasthäusern und Eafes sahen, waren nur abgespielt und meist waren sie auch schwarz.
Aus ihren Irrfahrten waren sie einmal tn ein auffallend stilles Haus gekommen, in dem es fit eng nach Tannengrün Duftete und dessen Besitzer sich gerade in ber letzten Nacht erschossen hatte. In einer Villa aus der Bellevue hatte sie ein sonderbarer alter Kauz in einer Art Mönchskutte mit langem, Weitzern Bart, der nach Aether roch durch seine mit byzantinischem Geschmack eingerichtete Villa geführt, in deren Unterst ock allein fünf Pianos standen Die Generalin rechnete ein Cembalo, eine Orgel und ein Harmonium ohne weiteres zu den Klavieren, und sie waren froh, unversehrt aus diesem unheimlichen Hause herausgekommen zu sein. Ilnb einmal hatte sie tn einem verwahrlosten Garten eine Bulldogge
verschiedener Auslegung und kam dem Angeschul« bigten in bezug aus die bona fides weitgehend entgegen. AuS welchem Beweggrund? Wie ich vermute, auS Schonung unb weil man auch nur ben A n f che i n einer politisch gefärbten Entscheidung vermeiden wollte. Daher hat man auch — und ich möchte daS auch besonders in der Oeffentlichkeit hervorheben — für die Entscheidung offensichtlich nur diejenigen Fälle heran- gejogen, in denen der Beschuldigte der Stellung und den Ausgaben als Schulleiter nicht gerecht wurde, im wesentlichen allo daS Urteil auf formal-technische Verfehlungen gegründet Auch sogar das Aufhangen des Siin- plizissimusbilbeS ist in erster Linie aus pädagogischen Gründen beanstandet worden. Hätte die Regierung die sämtlichen Fälle unter dem Gesichtspunkt „Schutz ber Republik" gewertet, bann wäre sie genötigt gewesen, ein weil schirseivs Urteil herbeizusühren Denn so harmlos, wie Herr Sch. es darzustellen beliebt, finb ja alle die Vorfälle nicht. Auch die viel erörterte Fahnengeschichte nicht; denn an einem Tag. wo Ne Wogen der Erregung hoch gingen, hätte daS Gebot der Beflaggung unbedingt befolgt werden müssen, und wenn ber Direktor gewollt batte, hätte er die Fahne auch herauSbringen können, und wenn er sie an eine Bohnenstange gehängt hätte Und bazu all die anberen Dinge, die, zusammen gesehen, fiar erwiesen, dah ber Schulleiter, wie er persönlich unfähig war zur Einfühlung in die neue StaatSorbaung. m all ben Jahren auch nichts getan hat, um Liefen neuen Staat dem Verständnis und den He^en der Ougenb nahe zu bringen, datz er im Gegenteil dem entgegenwirkte. Alle entschiedenen Republikaner patten daher auch gewünscht, daß die Regierung die Gesamthaltung des Direktors nicht bloß unter dem formal-pädagogischen, sondern auch unter den schul- und ftaatspolitischen! Gesichtspunkt gestellt hätte. Wenn man auch Herrn Sch daS Verständnis für eine solche Einstellung nicht zumuten kann, so hätte er doch allen Anlaß, der Regierung für die schonungSvolle Behandlung seines Schützlings dankbar zu sein, statt dah er sie angreift. —
Im Gefühl der Unzulänglichkeit seiner Beweismittel verbucht Herr Dch., die Glaubwürdigkeit meiner Berichterstattung durch Aufdeckung von W t d e r s p r ü che n seinem Leserkreis, dem er nicht allzuviel Urtoilsfädigkeir zuzutrauen scheint, zu verdächtigen. Die Alten stücke, sagt er, trugen den Te.merf: „Matz, nahmen zum Schutz der Republik', also sei meint Angabe, daß die Untersuchung nicht unter diesem Zeichen gestanden habe, falsch. Das ist natürlich nichts als Wortklauberei. Die Unter- s u chu n g frat unter dem Gesichtspunkt „Schuh der Republik" gestanden, aber bei der Gn t s che i- bung finb die neuen Maßnahmen oder Verordnungen nicht angewandt worden, bas ist das Ausschlaggebende, und daS habe ich gesagt, Ilnb weiter: Durch den Sah: „der Direktor hat ihn (den Stern) selbst inS Rollen gebracht" hätte ich nrich selbst widerlegt. Herr Sch. hat als» die ironische Färbung deS SatzeS nicht herauS- gefüfjlt? Ich muß daher den Sinn erläutern. Hätte der Direktor am Tage der Rakhenau feier etwas mähr Geschick und psychologische Einstellung bewiesen, barm wären seine Handlungen (an diesem Tage) nicht in die Oefsenllichkeit gebracht worden und der Stein (die Untersuchung) wäre nicht ins Rollen gekommen.
Aber am meisten am Herzen liegt Herrn Sch doch wie er selbst sagt, der Nachweis, „wie eS gemacht worden ist", also der oben alS 2 bezeichnete Punkt, ber aber doch eigentlich gar nicht zur Sache gehört. Da eS sich hier um Persönliche Verunglimpfungen handelt, muß ich auch hierauf noch eingeben. Im ersten Artikel des Herrn Sch. stand än zwei Stellen: „Nur ein Gehret hat die und die Beobachtung gemacht, aber die Behörde erhielt Anzeige". Teidemal das „ein" auch im Artikel gesperrt! Ich frage: Mußte und sollte nicht jeder Leser dies so ausfassen, daß dieser eine Lehrer auch die Anzeige erstattet hat und daß das derselbe Herr ist. der in der Stadt als „Denunziant" derschrien mürbe? Derselbe, der schon im Landtag von Herrn Sch ganz deutlich als solchrr gekennzeichnet wurde? Ilnb derselbe, der in der deutschnationalen „Hess. Landeszei- tung" in Darmstadt kürzlich mit Namen genannt wurde? Wie kann es Herr Sch. vor der Oeffcnt» lichlcit verantworten, wenn er im zweiten Artikel diese Sätze schreibt: „In meinem Aufsatz steht fein Wort davon, daß jener Kollege selbst denunziert habe. Ich habe nur gesagt: Die Ne zierung erhielt Anzeige, durch wen, habe ich nicht gesagt." (Welche
angefallen. Schließlich waren sie in der Goldgasse gelandet, wo in Nummer dreizehn ein tadellos erhaltener Kaps als preiswert gerühmt war.
Man hatte die Anzeige anonym aufgegeben, denn die Mainzer Straße brauchte nicht zu erfahren. daß Generals ein gebrauch es Piano suchten. Zu den Musikstudien der Nichte, die eigens deshalb auS Thom getommen war, wollte die Generalin nicht ihren guten Bechstein her geben. Wie konnte ein Mensch nur in ein Haus ziehen das diese älnglücksnummer trug? Es war ja geradezu eine Herausforderung an das Schicksal.
Errdlich hatten sie daS Haus gefunden, eS trat ein dreistöckiges Eckhaus, dessen Eingang rechts und links mit allerlei Plakaten bepflastert war. auf denen sich ein Zahntechniker, ein Hühneraugenoperateur und ein Kunstmaler anzeigten, und in dessen Parterre sich rechts ein Friseurgeschäft und UnM eine Maskenverleihanstalt befanden.
Der lange Flur mündete auf eine Tür, hinter der man Schreibmaschinengeklapper hörte, und war so flirfter, dah man die Klinke kaum fand. Die Generalin (topfte mutig an und öffnete Zwe» Schreiber klapperten auf ihren Maschinen Av» Ofen sah eine Dame in tiefer Trauer, eine Handtasche auf dem Schoß. „Sind wir hier recht, wir kommen wegen eines Klaviers?" fragte die Generalin.
„Jawohl" erwiderte der Schreiber und wicS mit dem Lineal nach einer Türe „Gehen Sie nur durch tn dem letzten Zimmer steht eS “ Irgendwo wurde Klavier gefptelt. so gingen sie diesen Klängen nach. In dem nächsten Zimmer verhandeldc ein älterer hagerer Herr mtt langem HalS. bet der Generalin merkwürdig bekannt vorkam, mtt einem verweinten blonden Mädchen und eine» hochgradig erregten Mutter.
Beide redeten aus daS verschüchterte Mäd chen ein.
.Der Herr Doktor wird tn ber Ausstellung fein,“ bemerkte der magere Herr. (Forts, folgt.)


