VrvS «nd Verlag: Yrühl'sche UniverfilSis-vuch- tmfr Steinbniderei 1t Lange in Kletzen. 5chr!ftleltvng und Geschäftsstelle: 5chu!fttatze 7.
Bergmanns Bericht und die deutschen Reparationsvorschlage.
Berlin, 16. Dez. Staatssekretär Bergmann erstattete gestern nachmittag in einer Chefbesprechung Bericht über seine Loirdoner Verhandlungen. Vach den Mitteilungen Bergmanns soll, wie das ,Derl. Tgbl." schreibt, die durch die deutschen Vorschläge auf der Londoner Konferenz geschaffene Lage nicht ganz so ungünstig sein, wie man anfangs angenommen hat. Das Kabinett wird sich heute abermals in einer Sitzung mit dem Reparationsprvblem beschäftigen. Das Blatt hält es für ziemlich sich-r, dah die Reichsregierung zu dem von ihr vorgelegten Plan noch Srgänzungsvor- schlüge machen werde. Zu diesem Zweck werde sie mit Vertretern der Finanzwelt und der Industrie Rücksprache nehmen. Insbesondere habe die Deichsrcgierung bekannte Großindustrielle aus dem Rheinlandc nach Berlin gebeten.
Eine sozialdemokratische Korrespondenz will wissen, dah bei dec Reichs regierung die Absicht bestehe, auch einen Plan über eine endgültige Lösung der Repo>-ationSfrage vorzubereiten. Dor allem schüne man bestrebt zu sein, Garantien anzubieten. Die Garantiefrage soll der Korrespondenz zufolge in Anwesenheit des Rnchsfinanzministers Hermes und des Staatssekretärs Bergmann mit maßgebenden deutschen Bankiers besprochen werden. Den Vorsitzenden der Reichstagsfcaktionrn sei ein Fragebogen zugegangen, der sich in der Hauptsache mit £er Aacantiesrage beschäftigt.
Mehrere Blätter gielden, dah der Reichskanzler im Laufe des heutigen Tages die Führer der politischen^Parteien zu einer Aussprache über das Reparationsproblem und die allgemeine politische Lage empfangen werde.
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Wochenrückblick.
DaS windige Weltgewissen, daS die Entente-Mächte während des Kr.egeS so lärmend im Munde führten, bewegt sich, um Geschäfte zu machen, auch in den bangsten Tagen schwerer Entscheidungen, nur scheu auf Hintertreppen. CS meidet die Konferenzsäle. Es weicht auS, wenn eS angesprochen wird, und selbst dem unbekümmerten Tschitscherin ist eS in Lausanne nicht recht gelungen, eine offene Aussprache darüber herbeizuführen. So dürfen wir uns auch nicht darüber wundern, dah der freimütige Brief des Reichskanzlers Dr. Euno an den englischen Premierminister leine volltönende Antwort erhielt. Man weih nicht, ob Herr Bonar Law Mitleid oder Beleidigung empfand, als er die paar Sätze niederschreiben lieh, in denen er von der unbefriedigenden Aufnahme Mitteilung machte, die der deutschen Bemühung zuteil geworden sei. 3n der Gesellschaft der Rationen, zu der Lord Grey, und mit ihm viele Große des tapferen Inselreiches, uns schließlich doch gnädigst zulassen will, gibt eS gewaltige Klassenunterschiede. Sollte uns erst einmal ein „Moratorium" zugebilligt sein, so werden wir wahrscheinlich immer noch bei den Gewaltigen dieser Erde antichambrieren müssen, falls sie einmal die Gnade haben, uns zu empfangen. Die Protestrede, die der deutsche Mchche.tSsozialist WelS, wie wir gestern berichteten, auf der internationalen Friedenskonferenz im Haag gehalten hat, ist nicht gerade ein Streich „aufs Ganze", der ein bißchen praktische Wirkung versprechen könnte. Jetzt warten wir darauf, was uns Staatssekretär Bergmann aus London mitbringen wird, der ja dort die Ehre gehabt hat, zu harren, ob er von der Konferenz empfangen werde. Vielleicht fällt auf dem Weg über die Hinter- treppe etwas von den Schüsseln ab, die in der bevorrechteten Gesellschaft herumgereicht wurden.
Aber eS ging auf der Londoner Konferenz nicht um ideale Güter, eS wurden nicht die Ansprüche auf Ehre und Würdigkeit gemessen, sondern nur die unterschiedlichen Interessen und Geschäfte der „Sieger^. Wenn eS heute so scheint, als seien wir Deutschen bis zu einem gewissen Grade die Scl)ützlinge Großbritanniens, so erwächst unserer Regierung daraus die Pflicht, sehr aufmerksam und gespannt die Veröffentlichungen und Ergebnisse zu prüfen, die nach der ab geräumten Londoner Tafel auS- geftreut wurden. Bonar Law hat seinen KabinettSrat abgehalten, und seine letzte ün- terhauörede hat für d e am 2. Januar ftattfin- dende Pariser Begegnung der Alliierten die einschneidenste Bedeutung. Er erklärte mit erhobenem Tone, daß England nicht gleichgültig zuschauen könne, wenn Frankreich sich anschicken sollte, seine Pfänderpolitik allein durchzusetzen. 3n den Pariser Kommentaren zu der Londoner Konferenz hatte Herr Poincars bekanntlich verkünden lassen, es drohe kein Bruch der Entente, falls ein isoliertes Vorgehen Frankreichs sich nicht werde vermeiden lassen. Bonar LawS offenen Bekenntnisse verpflichten ihn nun auch zum Durchhalten, um so mehr, da chrn auch die Opposition Beifall spendete. Er glaube nicht daran, so sagte er, daß Deutschland die Inflation absichtlich herbeigeführt habe, und er widerlegte damit die Aeußerung des OberhauSmitgliedeS Birke n h e a d, der zwar auch jegliche „Sicherheitspolitik- Poincares mit treffenden Beweisgründen zurückwieS, aber doch von „vorsätzlicher" Inflation Deutschlands sprach. Reben Birkenhead hat auch LordriLrey, der langjährige Auslandminister, 'iin—O 6er- hauS an Frankreichs Vernunft appelliert und die Feststellung gemacht, dah wichtiger als Schuldene ntreibung für England die Herstellung der normalen Handelsbez ehungen sei. Wenn in der Rede Bonar LawS bestätigt wurde, „dah Deutschland einem völligen Zusammenbruche sehr nahe sei", wenn er hinzufügte, daß tragischerweise der rettende Versuch der Mark- stabllisierung den Zusammenbruch in der Industrie herbeiführen werde, so liegt darin für -Deutschland und seine Regierung der nach- drüälichste Ansporn, diese Diskussion fvrtzu- führen und die wahren Rettungsmittel aufzuzeigen. Donar Law sprach ja selbst im Zusammenhang mit der Streichung der Schulden von der absoluten Rotwendigkeit einer endgültigen Abmachung. Wo ein Wille cst, da ist auch ein Weg. Donar ßatoß Verlegenheiten schreiben sich nur von seinen Llbhangigkeiten her. Was hat er an dem deutschen Vorschlag auszusetzen? Der internationale B a n k i e r a u s s ch u h, dessen Vorarbeit doch auch Lord Grey anerkannte, indem er seine Wiedereinberufung empfahl, hat sich doch im Grunde auf denselben Dahnen bewegt wie die Anregung Dr. Eunos. Auf eine endgültige Regelung läuft auch der deutsche Plan hinaus. Die Vertretung der Deutschen Industrie stellt für chre tatfräf-
die Alliierten strenger behandelt würden, als der für den Krieg verantwortliche Besiegte. so wäre daS die Unduldsamste der Ungerechtigkeiten. (Qcbtafter Beifall.. Frankreich habe keinerlei Absicht, seine Kr.eg?" schulden zu verleugnen. Aber es köime sie toe x; de jure noch de facto bezahlen, bevor es selb Dtrn Deutschland Bezahlung erhalten habe. Die französische Regierung habe England und Amerika zur Bezahlung ihrer Schulden deutsche Obligationen der Serie C in gewisser Höhe angeboten. DaS erste Mal, als er nach London gegangen sei, sei er auf die Balfournote gestoßen. Diesmal habe er Fortschritte erzielt und die Mglichkeit ins Auge gefaßt, eine Sonderregelung zu treffen, ohne auf die Entscheidung der Vereinigten Staaten zu warten. Die Verhandlungen seien eingeleitet und man könne an eine europäische Regelung denken, »ohne daß Frankreich etwas von dem opfern müßte, was Deutschland ihm schulde. Das sei unmöglich
Poincars führt dann aus, wie die Dirvge in frv'f RevarationSkommission liegen. Diese habe sich bekanntlich hinsichtlich der von ^-eut,chau0 zu fordernden Garantien in zwei । Gruppen gespalten. Pvincare hält es für I notwendig, daß die Kommission zusammen mit i dem Garantiekomitee eine Kontrolle der deutschen Finanzen ausübe, damit die Mark sich nicht noch weiter verschlechtern könne, eine Kontrolle, die, um Unregelmäßigkeiten und Verschwendung zu verhindern, mit einem Veto- recht verbunden fein müsse. Wir haben, sagte Pvincare, nunmehr über ein neues Moratoriums- verlangen zu entscheiden. Seit Januar 1921 lebt Deutschland unter dem Regime des Moratoriums 3m Monat März hat die LeparationSkommission entschieden, daß Deutschland Z20 Millionen Golv- mait zu bezahlen hat. Davon seien 450 Millionen bezahlt-worden, der Rest aber durch sechSmonatioc I Schatzwechsel ausgebracht worden. Deutschland habe nur für 900 Millionen Goldmark Sach- I lieienmgcn erstattet, im ganzen also 1400 Mil- | Honen Goldmart bezahlt, anstatt 2 Milliarden | und darüber.
Pvincare geht dann zur Besprechung der Lasten Deutschlands im Jahre 1923 über. 500 Mlllivnen habe Belgien zum Teil bekommen. Dann kämen die Vesatzungskoslen und schließlich der Anteil Frankreichs. Das gesamte deutsche Rationalvermögen könne beschlagnahmt werden. Der englische und der französische Text wichen nach dieser Richtung leicht voneinander ab. Aber nach dem Völkerrecht und dem Zivilrecht sei das Vermögen des Schuldners immer ein Pfand für die Gläubiger. (Der Abg. Blum unterbricht.) Poincarö aber fährt fort: Frankreich hat niemals den Gedanken gehabt und werde ihn niemals haben, militärische Expeditionen mit militärischem Charakter durchzufuhren. Es wolle auch Deutschland keine Strafsanktionen auferlegen. 2lber es wolle in dem Maße bezahlt sein. In dem es möglich sei. und denke nur daran, in gemeinsamem Interesse der Alliierten den deutschen Reichtum zu kvnversieren. Wir möchten in Gemeinschaft mit unseren Alliierten vorgehen und werden freundschaftlich darauf bestehen, daß man uns diesen Beistand nicht verweigert. Wenn wir aber zu unserem lebhaften Bedauern gezwungen sein werden, isoliert vvrzugehen und unsere Maßnahmen zu treffen, dann werden wir es niemals anders als für gemeinsames Konto unternehmen. Wenn Frankreich dazu gezwungen wäre, irgendwo seine Ingenieure und seine Zollbeamten zu installieren, werde es stets auh den englischen Ingenieuren und Zioilbeamten einen Platz reservieren. Es würde spontan die Kontrolle seiner Freunde über die Maßnahmen verlangen, die es ergreifen wird. Es wird stets bereit sein, ihnen zu beweisen, daß es weder von einem militärischen Geiste, der nicht bei ihm besteht, geführt wird, noch durch irgendwelche territorialen S r o b e r u n g S a b s i ch t e n. Heber diese Frage sowie über andere hatten sich die Verhandlungen in London sehr ruhig und herzlich vollzogen. Donar Law ha'e geftenT im Pinter Hause den britischen Standpunkt zur Kenntnis gebracht. Er habe in London den Standpunkt der französischen Regierung entwickelt. Donar Law habe ihn ersucht, die Unterredung am 2. Januar fortzusetzen. Er sei diesem Verlangen um so williger nachgekommen, als ja keine Maßnahmen jetzt während der Periode des regelmäßig bewilligten Moratoriums e fo'gen könnten. Er sei davon überzeugt, daß die Entente Cvrdiale zwischen England und Frankreich keine Einbuße erleiden werde, und er denke, wie Donar Law, daß es vorzuziehen fei, zu einer gemeinsamen Lösung zu gelangen. Er werde mit allem, was er an Erfahrungen und Charakterstärke besitze, dazu beitragen. Poinears unterstreicht das gemeinsame Interesse, das ein gemeinsames Vorgehen zwischen ihm und Donar Law zu Musso- > lini und Theunis gezeitigt habe, als sie die unannehmbaren Vorschläge Deutschlands zurückwiesen, das versucht täte, oie skandalösen Profite de r deutschen Großindustrie zu konsolidieren. Es sei etwas Wesentliches daß Deutschland zugestanden habe, dah seine Staatsangehörigen große Kapitalien ins Ausland überführt hätten.
Pvincare entschuldigt sich schließlich, daß et nicht mehr sagen könne. Es wäre jedoch seinerseits i | unzulässig, ben Verlauf der ^Unterredungen kund^
tige Mitwirkung die gleiche Bedingung wie die englische SchuldennlgungSpolitik. Weniger Tragik und etwas festerer Wille wären dem englischen KabinettSchef dringend anzuratcn. Wir müssen über die Fangschlingen PoincareS hinauskommen, der seine Pläne in den letzten Tagen etwas gemildert, oder vielmehr etwas vernebelt hat, aber nach wie vor bestrebt ist, die endgültige und rettende Lösung des Wiederherstellungsproblems zu sabotieren und aufzuhalten.
Während die Hoffnungen auf ein Eingreifen amerikanischer Vertreter bei den Londoner Beratungen leider nicht erfüllt wurden, kommen doch jetzt aus Washington Meldungen, die vermuten lassen, daß das offizielle Amerika seine Meinung und Machtmittel bei der bevorstehenden Lösung nicht ganz zurückzuhalten gedenkt. Die drei amerikanischen Botschafter haben in London Erfahrungen und Beobachtungen gesammelt, und mit der e n g - lischen SchuldentilgungSkvmmis- s i o n, die dieser Tage zu Verhandlungen in die Reue Welt hinübergefahren ift, hat Bonar Law wohl auch einige Briefe und Vorschläge befördert, die die Reparationsfrage betreffen, ilngcrufen und ohne Aussicht auf bestimmte Vorteile und Rotwendigkeiten würde Amerika in die europäischen Händel sich nicht einmischen. Aber England, das die Vorbehalte der Bal- four-Rote hat fallen lassen, i,t wohl in der Lage, der amerikanischen Politik einen neuen Antrieb zu geben. Herrn Pvincaro und seinem noch radikaleren Gegenspieler Tardieu würde das Kraftmeiertum wohl etwas vergehen,wenn das Weihe Haus am 2. Januar mit einem gut fundierten Vorschlag in Paris austauchen würde. Es war überraschend, dah Herr E l s - menceau auf amerikanischem Boden nunmehr die Aeberzeugung ausgesprochen haben soll, daß Frankreich die Poincarssche Methode der militaristischen ZwangSpolitik aufgeben müsse! Man hat ihn demnach bekehrt in einem Lande, das e r hatte bekehren wollen! Fährt er mit einem neuen politischen Wind, der dem Weißen Hause entströmt, in die Heimat zurück? Als die siegreichen Griechen darüber stritten, ob sie in Tro ja bleiben solltenoder nicht, schiffte der reisige Restor mit der einen Hälfte deS Heeres sich ein, denn „es ahnete ihm, daß ein Himmlischer Böses verhängte". Der Restor Frankreichs will vielleicht nun das Tigerfell mit der würdigeren Toga vertauschen, um in seinem Pylos das schöne homerische Bild des opfernden Greises darzustellen, auf weißem Steine sitzend, der friedlichen Heimkehr und Heimat gedenkend, nicht mehr der Kriegstreiberei. Ach, so weit geht die Amkehr Elemenceaus noch nicht, daß er den Seinen Rückzug aus den besetzten Rhe nlanden anraten wurde, stlnd doch liegt vielleicht auch dies im Plane der Götter, wenn sie eine neue Aera wirklicher Beendigung des Krieges begründen wollen.
poincares Rebe in bei
Paris. 15. Dez. (WTD.) Zu Beginn der heutigen Kammersihung kündigte der Kammerpräsident an, dah der kvmmunistuche Abgeordnete (Srneft Losont eine Interpellation über die Haltung der französischen Delegierten aus der Konferenz von Lausanne angebracht habe. Die Kammer beschlicht, den Zeitpunkt der Beratung dieser Interpellation noch nicht festzusehen.
Hierauf ergriff
Ministerpräsident Psincare das Wort. In diesem Augenblick schreit der rvtza- I listische 2ll>geordirete Daudet: Ich verlange das I Wort! Der Ministerpräsident sagt: Ich schrilde Lern Parlament Rechenschaft über die Ereignisse, I die sich feit einem Monat abgespielt haben. Keines dieser Ereignisse rechtfertigt irgendwelche Erregung der öffentlichen Meinung. Die allgemeine Lage hat sich seit einem Monat sicher nicht ver- 1 schlechtert, im Gegenteil verbessert. Dafür kann ich greifbare Beweise bringen. Die Regierung hat I nichts getan, was nicht vollkommen in lieber ein- F st immung mit den Erklärungen steht, die dem Par- lament über die Ereignisse im Orient gemacht wurden.
D!e Konferenz von Lausanne geht unter denselben Verhältnissen weiter, wie ich rn der Kammer aus-einandergeseht habe. Pomcare beruft sich auf seine frühere Erklärung, daß vollkommenes Einvernehmen mit den Alliierten be- steh« Nachdem ec von Lausanne zurückgekehrt sei. sei er von diesem Einvernehmen noch mehr durchdrungen gewesen. Es habe sowohl in der Mrer- I engen- als auch in der Gren-frage bestanden. Es aenüge ihm, dah die Verständigung zwischen England, Italien und Frankreich zustandegekom- men sei. Wir werden, so fuhr Pvincare fort, in vollem Einvernehmen mit unseren Alliierten Han- I deln und dem Abkommen von Angora die Stz-eue bewahren. Frankreich wird seine moralische Stellung im Orient weder zerstören, noch verkleinern lassen. Er habe sich deshalb nach London begeben, um dort über das Problem der Reparatimien und der interalliierten Schulden vor der Dollkonferenz von Brüssel zu verhandeln.
Die Londoner Besprechen en harten — er zögere nicht, das auLzüsprechsn - in der gesündesten und freundschaftlichsten Atmosphäre stattgefunden. Auf keiner Seite habe es Hintergedanken gegeben. Wo eine Mernungs- verschiedenheil aufgetreten sei, hätten die De- teiligten nach einer Möglichkeit gesucht, sich zu verständigen aus einer weit über Einzelheiten erhabenen Gesinnung heraus. Er wolle nicht die Gegenwart mit der Vergangenheit vergleichen, aber der gegen Frankreich so ungerechterweise vorgeb rache unb verbreitete Vorwurf des Im° peiialiSmus werde in britischen Regierungskrei- | f?n niemals Widerhall finden. Poincars unter- j streich noch einmal den freundschaftlichen Charakter der Londoner Desprechungen. Diese seien nur bis zum 2. Januar hinausgeschoben worden, d. h. sie würden vor dem Zahlungs- te'.min vom 15. Januar wieder beginnen, an dem ba» Moratorium ein Ende nehmen werde. Die Kammer erwarte von den Ministerpräsidenten gewiß nicht, daß er sie von den ausgetauschten Reden in Kenntnis setze. Er habe einfach die Ideen entwickelt, die er auch der Kammer vorgetragen habe, und er habe seine Haltung in keinem Punkte zu ändern brauchen.
Voincare saßt bann die deu tschenVor- schläge zur Stabilisierung b e r QR a r ! unb zur Festsetzung der deutsche Reparattons- schuld im Hinblick auf ein Moratorium für sämtliche Barzahlungen und Sachirferungen zusammen. Cs habe sich darum gehandelt, den Zahlungsplan von 1921 herabzusetzen und ein Moratorium für vier oder fünf Jahre zu erlangen, unb zwar ohne eine der von den 2uliierten entwickelten Reformen anzunehmen, namentlich was den Einzug der Steuern, die Stabilisierung der Mark u'w. anbetreffe. Die These der Herabsetzung der deutschen Schuld fei. wie man wisse, auch die These zahlreicher Finanzleute. Aber Frankreich das hauptsächlich irrtcrefiiert fei, werde Ende dieses Jahres für Deutschland 102 Militär- den verausgabt haben. Frankreich könne also nicht auf seine Forderungen verzichten.
Pvincare bespricht alsdann die Hohe der Kriegsschulden der versch edenen Rationen untereinander. Sie erreichten den Gesamtbetrag von 52 Milliarden Goldmark. Pomcare zieht einen Vergleich zwischen diesen Schulden und der deutschen Schuld und sagt, die intsralli-lestcn Schuldet-, seien für die gemeinsame Verteidigung der Seite an Seite kämpfenden Völker abgeschlossen lvvrden und es handle sich au^>chlie,lich um Kriegskosten unb Kosten für den geneinsamen Sieg Die Alliierten Hütten hoffen dürfen, daß die Kriegskosten, die sie un:e.-rinander teilten, eines Tages zu Lasten D-utschlands gestellt würden. Sehen wir, so fuhr Pvincare fort, im Friedensvertrag nach! 3m Artikel 231 erklären fichDeutsch- [anb und seine Verbünde en verantwortlich für alle Verluste und Schäden, die der Krieg verursacht hat 3m Artikel 232 erkennen die Alliierten an daß die Hilfsquellen Dcutschands ihm nicht gestatten, alle Verluste unb alle Schäden zu reparieren, aber |ü eröärten, daß Deutschlaird unb seine Verbünde en die an Personen und Sachwerten verursachten Schäden reparieren müßten. Die Mliierten Hütten also den Gedanken, für alle Verluste Entschädigungen zu beantrage t, nicht auf gegeben, aber sie Hütten der Wiedergut- , machung der Schäden eine Priorität über der
Kriegsschuld Anerkannt. Die Alliierten könnten also unter sich die Bezahlung der Kriegsschulden nicht ver- • langen, bevor Deutschland nicht die
Erster Blatt 172. Jahrgang Samstag, 16. Dezember 1922
SietzenerAnMger
General-Anzeiger für Gberhessen


