Samstag, 16. September (922
Gietzsner Anzeiger (General-Anzeiger für OderWen)
Zweites Blatt
Nr. 2(8
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((Nachdruck verboten.)
14. Fortsetzung.
Len Direktor konnte er nicht begreifm. Der nannte das ganze Vorkommnis einen Skandal und eine Blamage und erließ einen strengen Befehl, der den Mitgliedern untersagte, über dre Sache nach außen hin irgendtvelche Auskunft zu erteilen.
Die Mitglieder aber lachten über das Ver- tuschungsfhstem. Sn der ganzen Stadt sprach man von nichts anderem, und bei der ©laßen liefen Blumen und Blllettchen ein, Delikatessen und Süßigkeiten. Sie hatte nur gewonnen.
Heinz Güldewin selbst aber saß in seiner Wohnung, wie gebrochen an allen Gliedern. Der Sturm war vorüber. Eine große Ruhe — die Ruhe der Verwüstung — beherrschte den ganzen Menschen.
Er hatte geftühstückt wie alle Tage, ein Bad genommen — nur eine seltsame Müdigkeit hatte ihn von Zeit zu Zeit gezwungen minutenlang auszuruhen von den Strapazen des Ankleidens.
Er konnte nicht denken, nicht fühlen. Der gestrige Abend bildete ein wüstes Chaos in feiner Erinnerung, die vergangenen Wochen eine Summe der Qual. Run aber war alles vorder Auch sein Schmerz um Lrlh, die nagende Wut Über ihren Verrat. Da gähnte das. Rrchts. ®er Stoß mit dem Messer, den er gestern geführt, hatte die Kraft seines Zornes verbraucht. Erne andere mußte für sie bluten. War es das erste mal, daß einer für den andern büßte <
Aun wollte er gehen und die Claßen um Ber- 8eir)USannitoürße er wieder Proben mitmachen, wie früher, und feine Pflicht tun, wie ftuper anfangen da, wo er aufgehört hatte. .
Gerade als er seinen Hut abburstete, klopfte es und der Theaterdiener brachte em Schreiben der Direktion. Er bat um eine Empfangsbestätigung und hielt dem Sänger em Blatt und einen gespitzten Bleistift hin.
Güldewin unterschrieb mechanisch, ein dumpfes Ahnen peuer Ueberraschungen preßte ihm das Herz zusammen. t , ...
Der Theaterdiener ging, und Heinz schnitt fein säuberlich den Umschlag auf. Gin großer Bogen, mit nur wenigen Zeilen beschrieben, lag VDr Ergraute seinen Augen nicht. Das war ja nan* unmöglich! Er las noch einmal. Gekun- Ng?! Gan 0 einfach gekündigt! Sn schonendster Oßcife — bis zum Schluß be- Saison beurlaubt unter gortbemg der vollen Tage 9^8^ teilte man ihm mit, daß man eine Erneuerung
ßanbesüerfammlung der hessischen Preisprüfungsstellen.
F r a n k f u r t a. M., 14. September.
Auf Einladung des Vorsitzenden der D>arm- städter Preisprüfungsstelle, Bürgermeister M u e lfer, fand heute vormittag und nachmittag im Haufe Löwenstein des Römergebäudes eine Sitzung statt, an der die hessische Landespreisprüfungsstelle, das Landesemährungsamt, die Preisprüfungsstelle der hessischen Provinzen und Städte, die Stadtverwaltungen, Polizeiamter, die Staatsanwaltschaften unb andere durch Vertreter teilnabmen. Auch an die Preisprüfungsstellen der Städte Frankfurt unb Mannheim waren Einladungen ergangen. Geleitet wurde die Versammlung von Bürgermeister Mueller -Darmstadt, als Vertreter des hessischen Ministeriums war Oberregierungsrat Weber anwesend. Bürgermeister Mueller legte in seinen einleitenden Ausführungen bar, daß die Ursachen unserer mißlichen Zustände auf wirtschaftlichem Gebiete der Versailler Friedensvertrag und die unversöhnlich e Haltung Frankreichs seien, durch die die deutsche Valuta sich immer mehr verschlechtere. Auch die allgemeine Moral sei Immer weiter gesunken. Die Aenderung des Friedensvertrages und die Besserung der Moral läge aber nicht in den Händen der Versammlung, sie könne jedoch an der Besserung der tatsächlichen Verhältnisse trotzdem arbeiten, indem man versuche, unlautere Elemente und unreelle Geschäfte zu beseitigen. Das Gros der Kaufmannschaft und der Landwirtschaft habe das Hei^ auf dem rechten Flecke, aber in jedem Staate seien Elemente vorhanden, die schamlosen Wucher treiben mit der Rot unseres Volkes. Hieraus erwachse den Preisprüfungsstellen eine besondere Aufgabe, indem sie den reellen Handel und den Verbraucher schützen. Man habe im vorigen Jahre das Bestreben gehabt, die Preisprüfungsstellen zu beseitigen, aber es habe sich ergeben, daß sie nach wie vor notwendig seien. (Notwendiger sei es auch, daß die Bevölkerung Ruhe bewahre, denn Tumulte nützen nichts unb schädigten das Volk am meisten. Allerdings müsse die Bevölkerung das Gefühl haben, das alles gerecht zugeht.
Der Vorsitzende der Preisprüfungsstelle von Oberhessen, Prof. Dr. Kle - Herger-Gießen, hielt Vorträge über das Thema „Was ist zu tun, um die Versteifung des Geldmarktes zu mildern?" und führte aus: Die Frage der Milderung der.Versteifung des Geldmarktes hängt von der anderen Frage ab, wie ist es möglich, unsere Finanzen einigermaßen sicherzustellen. Eine gewisse Stabilität unserer Währung ist nur möglich, wenn wir nicht dauernd vom Ausland bedroht werben. Ein Teil des niederen Kursstandes unserer Währung wird durch Spekulation verschuldet, die mit unserer Währung im Auslande vorgenommen wird. Es sollte deshalb von Beauftragten des Reiches eine Kontrolle dieser Vorgänge vorgenommen werden, damit entsprechende Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Frankreich hat überall derartige Stellen. Daneben gefährdet auch die Spekulation im Snnem unsere Geldgestaltung. Es sollte nur die Reichsbank mit ausländischen Werten handeln dürfen. Eine dritte Gefahr für unsere Währung ist der Umstand, daß manche Firmen nur in ausländischer Währung Verkäufe abschließen. Sv sind Fälle bekannt geworden, in denen Kaufleute erklärten, sie verkaufen nur nach ausländischem Gelbe. Die Preisprüfungsstellen müssen dagegen Stellung nehmen, daß Handel und Snbuflrte dem Detailhandel Angebote in ausländischer Wahrung machen, denn das sind Machenschaften, die geeignet sind, den Wert der Mark herabzudrücken und zu einer vollständigen Ent-
Wertung 'der Mark auch im Snlanbe führen. Auf dem Umwege über die Geldbeschaffung s° losten (Provision unb ähnlichen Mitteln) verlangen die Danken einen höheren Diskont als bie Reichsbank, sie fordern außerdem bedeutende Sicherheit und zu diesem Zwecke häufig ausländische Devisen, wodurch die Rachfrage nach Devisen immer mehr steigt und der Wert der Mark weiter sinkt. Es muß verlangt werden, daß kein» zu hohe Sicherheit genommen werden darf, und daß die Provisionskosten nicht zu hoch genommen werden dürfen. Sü weiten Kreisen besteht deshalb eine bedeutende Kreditnot, die in rücksichtsloser Weise von manchem Privatunternehmen ausgenüht wird. Eine solche Kreditnot herrscht namentlich bei der Landwirtschaft. Auf der einen Seite hat die Landwirtschaft ihre Produkte im vorigen Jahre zu verhältnismäßig niederen Preisen verkauft, auf der anderen Seite muß sie ihre Bedarfsgegenstände, Düngemittel usw. zu hohen Preisen einkaufen, so daß sich bei dem Landwirt heute ein Krebithunger eingestellt hat. Eine Abhilfe könnte vielleicht von den landwirtschaftlichen Genossenschaftskassen mit Unterstützung der Regierung geschaffen werden. Die S n d u st r i e hat in der letzten Zeit ungeheure Preiszuschläge vorgenommen, bie oft willkürlich gehalten waren. Dies zeigt, baß die Kartelle keine Rücksicht auf bie tatsächlichen Verhältnisse nehmen unb häufig die Konjunktur ausnützen. Es ist nicht gerechtfertigt, baß Unternehmerverbände ihre Preise diktieren können unb sich lebig» lich dabei nach dem Stande der Devisen richten. Man muß deshalb eine Beaufsichtigung der Kartelle unb bie örtliche Prüfung der Kalkulation fordern. (Lebhafter Beifall.)
Sn der Aussprache verlangte RegierungSrat Hemme rde-Gießen, baß bie örtlichen Preisprüfungssteilen sich an bie Zentralstelle toenben, barnit etwas gegen bie willkürlichen Preiserhöhungen geschieht. — Deig. Schulte- Worms wies darauf hin, baß bie Mühleninbustrie in Südbeutschlanb ftänbig ihre Preise nach bem Stande des Dollars ändere, und verlangte eine schnellere Aburteilung unb empfinblichere Bestrafung durch die Wuchergerichte. — Dr. Falk- Mainz äußerte, baß bie Handelskammern ersucht werden sollten, mit der Erlaubnis zum Handeln mit Devisen sehr vorsichtig zu sein. — Staatsanwalt Lanz» Mainz: Daß die Tättgkeit der Wuchergerichte stark eingeschränkt ist, ist nicht die Schuld Der Staatsanwaltschaften, sondern die Bestimmung, daß vor das Wuchergericht nur bie Sachen kommen sollen, die rasch abgeurteilt werden können. Deshalb kommen nur die kleinen Sachen vor das Wuchergericht, die großen sind schwieriger Ratur, so daß sie vor der Strafkammer verhandelt werden müssen. Als Staatsanwalt werde ich gern helfen, Spitzbuben zu fangen, wenn sie mir an das Messer geliefert werden. Hierfür könnten gerade ttie Prersprüfungsstellen tätig fein. — Kr umm - G r e ßen: DieMttglieber der Preisprüfungsstelle konnten feststellen, daß bie Danhinfen 15 bis 16 Prozent betragen. Wenn dies so weiter geschieht, kann der Großhandel seine Geschäfte in der brsherigen Weise nicht wetterführen, und es wird Personal entlaßen werden müssen. Leider gibt der Staat bei der Erhöhung der Zölle ein schlechtes Beispiel. Die Angabepflicht der Banken unb Sparkassen über die bei ihnen erfolgten Einlagen muß unbedingt aufgehoben werden, beim deshalb lassen viele Leute chre Gelder zu Hause liegen unb das trägt mit bei zur Geldknappheit. Der Devisenhandel gehört in bie Hände der Reichsbank. Die Angstankäufe des Publikums tragen bei zur Verteuerung der Waren, unb wer zu große Einkäufe macht, begeht em Verbrechen am Volke. Die Schuld an unseren elenben Zustänben trägt ber Schanbvertrag von Versailles. Auf bem Gebiete des Arzneimittel- Handels muß einmal nach bem Rechten gesehen werden. Und auch bei der Spiritusversorgung ist
manches nicht in Ordnung. Der Handel, namentlich der Kleinhandel, steht vor dein Zusammenbruch. Der Wucher maß an der Wurzel gefaßt werden. — Polizeibirektor Dr. Sicgert-Offenbach: Festzustellen, was Wucher ist, ist schwer, denn die Preise werden von den Kartellen festgesetzt und das Gericht spricht die Angeklagten frei, wenn sie subjektiv ohne Schuld sind. Die Preisprüfungsstellen sollten mtt größeren Machtmitteln ausgestattet werden. Der Kleinhandel hat ich verhältnismäßig anständig benommen, nicht dagegen manchmal ber Großhandel unb die Sn» buflrie. — Oberregierungsrat Weber- Darm- tabt: Die Ausführungen bes Professors Dr. Kleberger werben eine ©runblage bas irr abgeben, was an bie Reichsregierung weiter gegeben werden kann. Die Zentralstelle in Darmstadt hat in dieser Frage immer den gleichen Standpunkt eingenommen, aber nicht immer die nötige Zustimmung dafür gefunden. Wir waren Immer für bie Ueberwachung ber Kartelle. Sch glaube, daß hierfür bie Stimmung jetzt besser geworden ist. Sm hessischen Ministerium hat man sich schlüssig gemacht, in bieser Angelegenheit mit den süddeutschen Regierungen zusammenzugehen. Rach kurzen Ausführungen bes Kommerzienrats Langsbors - Friedberg wurde bie Au.spräche geschlossen. — Die Versammlung stellte sich auf Den Boden der Ausführungen des Referenten, die an die zuständige Stelle weitergegeben werden sollen.
Stadtverordneter R or b ma n n - Darmstadt berichtete über das Hinauf zeichnen d er Waren. 'Er forderte, daß beim Verkauf der Ware der Dreis der Wiederbeschaffung berücksichtigt werde und berief sich dabei auf den Standpunkt der Berliner Prei.'Prüfung^stelle. Sn ber Aussprache erklärte Bürgermeister Müller, daß bie Berliner- Prersprüfungsstelle nur zum Teil auf diesem Standpunkt stehe. Diesem Standpunkte widerspreche auch die Rechtssprechung des Reichsgerichts. — Krumm-Gießen erklärte, weder ber Wiederbeschaffungspreis. noch ber Einkaufspreis dürften allein Der Preisbildung zu- grunbe gelegt werden. Man sollte bei den Preise kombinieren. Rack einer Aussprache, an ber sich Becker-Offenbach, Beigeordneter K l i n g-Bad- Rauheim, Beigeordneter Schulte- Worms, Schlappner -Groß-Gerau. Deigevrbn. Kap- p us - Offenbach. Dürre m ifler Sehd - Friedberg urfb Dr. Falk-Mainz beteiligten, erklärte sich die Versammlung für die Anregung des Dei- georbneten Schulte, baß die Preisbildung nach folgenden Grundsätzen zu erfolgen habe: Ge° stehungspreis, vermehrt um die Unkosten, dem angemessenen Verdienst und um einen Sicherhelts- teeffizienten, ber bie Preissteigerung der neuen Waren berücksichtigt.
Sn ber Rachmittagssitzung berichtete Syndikus Z e d n e r - Darmstadt über die Preisauszeichnungen. Es folgte eine längere Aussprache, an der sich Beigeordneter Kling, Dr. Fulb-Mam, Cb rregie.ungSrat Weber, Dr. Donnhard» Darmstadt, H ä u ß e r - Offenbach, Maus-Gießen und S ch la p p ne r - Groß- Gerau beteiligten. Der Versammlungsleiter zog als Ergebnis der Aussprache die Tatsache, daß sich bie Versammlung für eine Preisauszeichnung ber Waren ausgesprochen hatte.
Sxidtverorbneter Werner-Darmstadt berichtete über bie Kalkulation burch das Handwerk. Er sprach sich für eine Kalkulation in der Weise aas, baß berücksichtigt werben sollen die Kosten des Rohmaterials, Die Kosten des Transportes, die sozialen Lasten, bie Steuern und Abgaben, die Miete des Gewerberaumes, dessen Heizung und Wasserverbrauch, dieG.hilfen- löhne und der Meisterverdienst, bie H'izung des Geschäftes, die Verzinsung des Betriebskapitals, bie Versandspesen, bie Kosten des Packmaterials usw. Die einzelnen Summen feien am besten bei mittleren Betrieben und in verschiedenen Ge-
auch zwischen ihnen aus war und daß ihr letztes Wort gesprochen.
Heinz blickte Riebinger noch über das Treppengeländer nach.
„Laß es dir gut gehen!" rief er kurz. Seine Stimme gehorchte ihm nicht ganz.
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Um die Mittagsstunde etwa — von allen Kirchen läutete es in vollen, rauschenden Schlägen — richtete die ©laßen sich. auf ihrem Sofa auf. stützte den rechten Ellbogen auf die Lehne unb bie Wange in bie Hand, bie weiß leuchtete, wie eine erschlossene Magnolienblüte.
Sie trug ein loses Kleid aus weichem, weißen Stofs, ähnlich solchem, aus dem man die kleinen wolligen WeihnachtSlämmchen macht für Kinder.
Shr rabenschwarzes Haar schmiegte sich zärtlich in ihren Racken,- eine Schildpattnadel hielt es zusammen, deren warmer Goldton merkwürdig zu dem Bernsteinteint dieses Frauengesichtes Paßte.
Um sie herum auf Stühlen unb Tischen standen bie Blumen ihrer heutigen Ernte.
Maiglöckchen, in Körbe von Baumrinde ge* pflanzt, so frisch, daß sie noch steif wie Wachs waren, Fliederbüschel mit bereits sanft herab- hängenden Dolden, anzusehen wie ein Sinnbild der Kränklichkeit.
Töpfe mit glutroten Tulpen ohne Duft, die brennende Farbflecke in den ungewissen Dämmer des Zimmers tuschten.
Ein Rosenbukett mit verzweifelt lächelnden Blätterwangen über dem Draht, der den Hals der Rose heimlich durchbohrte.
Ein Veilchensträußchen, eng gepreßt in die erstickende Umarmung von bitteren, schwärzlichen Efeublättern. Dies letztere stannnte von einem Herrn Hans Soundso, „Königlichem Obertertianer“.
Heber den hatte die ©laßen Tränen gelacht.
Es war warm in ihrem Zimmer, warm und still. Das spinnenfeine Adiantum ih den Sträußen schrumpfte zusammen, bis jedes Blättchen einer kleinen toten Fliege gleich, die sich an einem Dein schaukelte.
Die ©laßen hatte Zeit, dies alles zu beobachten. So ein bißchen Kranksein hatte seinen tieferen Reiz, das hätte sie nie gedacht.
Die Flurtür draußen war nur angelehnt, damit fic nicht aufzustehen brauchte, wenn jemand läutete. Sh re Wirtsfrau war nach dem frühen QKlttageffen ausgegangen.
Seht vernahm sie deutlich Schritte, zuerst aus der Treppe, dann in dem engen Flur, ber vollgestopft war mtt Kleidern und Mänteln aller Art, gefront durch den Kapotthut der Frau Meyer: weiße Veilchen mit lila Tüll.
(Sortierung folgt.)
seines Vertrages für nächste Saison nicht beab- sichtige. Direktor war kein Unmensch! Gr bot ihm noch seine Gage als Almosen an . . . damit er nicht verhungerte ...
Güldewin atmete in kurzen, röchelnden Stoßen. Er ballte das Blatt zusammen und schleuderte f ©o bequem sollte er es denn doch nicht haben, der Herr Direktor! Er wollte kein Almosen, er wollte fein Recht! Seht gleich würde er auf« Bureau gehen und Krach machen —
Er verfiel in den Theaterjargon, schimpfte auf
Mnbbann stürzte er plötzlich auf einem Stuhl zusammen und schlug die Hände vor« Gesicht.
Seine Laufbahn war hin! Er war überhaupt fertig! Kein Schmierenbirktor würde, ihn mehr nehmen! _ e ,__«
„Hm Shre leidenden Rerven zu kurieren, schrieb der Alte. .
Ein Zittern überlief feinen Körper. Da. neben ber Kaffeetasse, lag ja icoch das Morgenblatt der zuerst erscheinenden Zeitung.
Richtig, da stand es ja auch!
Liebestragödie auf offener Szene — Attentat eines Tenoristen auf . . lr,
Gr hatte genug. Er lachte laut und höhnisch aUf‘ Liebestragödie! Das war ja krasser Hohn! Gr und die ©laßen — die ©laßen und er!
Die Zeitungen mußten das berichtigen, sonst ... _
Aber was sollte er den Herren sagen? Wie das alles erftären?
Kein Zweifel, er war wirklich fertig hier. Bestenfalls würde man lächelnd annehmen baß — baß er sich ein bißchen zu ausgiebig geflärn hatte vor der Vorstellung.
Und plötzlich wurde Heinz feuerrot. Er schämte sich. Roch einmal vor dieses Publikum hintreten, erschien ihm schlimmer, als um Pranger stehen.
Eine traurige Berühmtheit, die er sich da geschaffen hatte! Halbwüchsige Bengels würden ihm zujubeln, wenn — sie ihn nicht ausvfiffen. AU ber Straße toürbe einer ihn bem andern zeigen: „Das ist ber . . ."
Ein eisiger, lähmender Schrecken durchzuckte ihn, als er fick vorstellte, wie der Geheimrat von Wengern diese Zeitungsnotiz fefen würde. Er sah das vornehme Gesicht verächtlich lächeln — und Lily? ...
Lily^ die geheimnisvolle Triebfeder zu all biefem Unbegreiflichen.
Die Rabenschatten ihres schwarzen Hutes senkten sich auf seine Stirn. Shr smaragdenes Ange schimmerte vor ihm, rätselhaft fromm und unirdisch.
Sßn rührte eS nicht mehr.---
BaalsfempeL
Roman von Margarete v. Oerhen F ü n f g e l d.
Man klopfte heftig an feine Tür und stürmte herein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Riebinger war's, in furchtbarer Aufregung.
„Sfr« wahr? Sst's wahr?"
„Was benn,“ fragte Güldewin gleichmütig, Schublaben aufziehend, aufräjmenb.
„Daß ber Alte bir gekündigt hat! Kann er ja gar nicht, kann er ja . . ."
„Sag' lieber, er konnte nicht anders. Sch nehm'« Ihm gar nicht übel! Schon wegen der Disziplin! Rein, nein — er hat das einzig Richtige getan — das einzig Mögliche!"
Heinz kramte weiter.
Riebinger verfolgte ihn mit Blicken. Er wurde nicht mehr fiug au« diesem Menschen.
„Zunge! Lieber Zunge!" brach er los. „Wie konnte das nur geschehen? Du bist krank — jeder Arzt wird es dir bestätigen! Der Alte nimmt die Entlassung zurück — nun sei nicht so bockbeinig! So sträfttch dickköpfig!"
„Sch will nicht," sagte Heinz starr, „unb wenn ich verhungern muß! Denn das Almosen des Herrn Direktors, das nehm' ich natüvlich nicht an. Sch bin es gewöhnt, nur verbiente« Geld auszugeben."
„Mensch," rief Riebinger zornig, „besinne dich! Was du tust, ist ja —"
„Geniere dich nicht!" sprach Heinz liebenswürdig. „Einem weggejagten bissigen Hund darf man immerhin noch einen Tritt versetzen."
„llllach' ich ein Ende hier, so soll es radikal sein. Den einen nährt das Theater, lieber Freund den andern frißt es auf. Mir hat es das Mark aus den Knochen gesogen — es soll nun auch noch mein Blut haben, jeden Tropfen! Aber nicht hier. Es lebe ber Daalstempel! Sch opfere ihm weiter!"
„Qla, bann ist es ja gut," sagte (Riebinger gedrückt. „Kann ich bir noch was helfen?"
„Rein, danke! Du hast mir ja schon Jo viel geholfen. Hast mich von Grund aus kuriert. Zeht bin ich eine so robuste Kreatur, wie die andern alle auch — Geschäftsathlet — mich bläst so leicht kein Mailüfterl mehr um —
„Ra, dann auf Wiedersehen!"
Riebinger war beleidigt. „Sch meinte es gut mit bir. Engel sind wir ja keine. Und hab' ich mich auch in den Mitteln vergriffen — ich wollte dir nur weitere Demütigungen ersparen."
Heinz lief ihm nach und drehte ihn an den Schullern zu sich herum.
„(nimm mir nichts übel heute, RiebingerI Das böse Blut muß heraus. Komm' morgen wieder — bann bin ich eine ganz sanfte, korrekte Privatperson ohne Kanten und Ecken, umgänglich und freundlich und auch dankbar. Willst da?
„Gern," sagte Riebinger steif.
Aber in Dem Augenblick wußten beide, baß e«
meinben ermittelt. Sn ber Aussprache wies Oberregierungsrat Weber daraus hin, daß bie Verordnung über die Preistreiberei unvollkommen fei, ba die Gesetzgebung feine Möglichkeit bietet, einzufchceiten, wo eine Kalkulation des Handwerks vorliegt. Gr schlug vor, eine Kommission zu wählen, die mit der (Regierung noch einmal über die Frage verhandelt. Die Kommis! ion wurde gebildet aus den Beigeordneten Kling- Bad- Rauheim. Zedner-Darmstadt, Maus-Gießen. Schulte- Worms.
Stadtverordneter Rordmann referierte über die Versorgung mit Lebensmitteln. Er verlangte, daß die Städte auf bem Gebiete der Lebensmtttelbefchaf ung für Minder, e nittelte und auf bem Gebiete ber Einrichtung von Speisehallen alles tun, was ihnen möglich ist. Rach einer # kurzen Aussprache, in ber Schulte- Worms, Werner» Darmstadt und Dr. F u l d - Mainz das Wort ergriffen, wurden bie Ausführungen des Referenten gutgeheißen.
Sitzung der Slrrdtverordneten.
Gießen, 15. September 1922.
Während das Stadtparlament feine wohlverdiente vierwöchige Ferienpause genoß, hat ein lebhafter Kampf um ein sehr gewichtiges städtisches Snteresse die Bürgerschaft unserer Stadt aufhorchen lassen. Es ging um den Schiffen» berg, ben schönsten und beliebtesten AuSftugsort unserer Stabt. Die städtischen Körperschaften hatten zur Zeit der öffentlichen Fehde der Herren Rektor Müller und Prof. Dr. Ära em er im „Gießener Anzeiger" nicht die Möglichkeit des Eingreifen«, einerseits wohl, weil sie aus sachlichen Gründen noch Bedenken hegten, zum andern aber, weil sie nicht von ber autoritativsten Stelle, bem Sitzungssaal aus sprechen konnten. Mit Spannung sah man baßer ber ersten Sitzung des Parlaments nach ben Ferien, der heutigen Beratung entgegen. Und die Erwartung hatte nicht getäuscht, denn als weitaus wichtigster Punkt stanb ber Streit um den Schiffenberg auf der Tagesordnung. Stadtverwaltung unb Stadt- verordnetenversammlung haben nun gesprochen. Die Wucht ihrer wohlabgewogenen Worte, bie Feststellungen über bas Verhalten ber (Regierung unb die lückenlose Linie ihrer Front werden sicherlich allenthalben den stärksten Eindruck machen. Reben ben sachlichen Bemerkungen ber Kundgebung ist vor allem zu beachten, baß bie Basis dieser Stellung sehr breit und tief ist: die in ber Kundgebung genannten Vereine und die Einstimmigkeit der Parteien von links bi« rechts in diesem Kampfe geben der Kundgebung zweifellos eine starke Stoßkraft. Man kann sich be« Ein- brucks nicht erwehren, daß der Kamps um die Erhaltung des Schiffenberges in seiner heutigen Gestatt nun erst richtig begonnen hat. Aus die wettere Entwicklung der Angelegenheit darf man nun noch mehr als bisher gespannt sein. Rament- lich wird man der Antwort der (Regierung auf bie Feststellungen ber Gießener Dürgerschafts- Vertretung mit großem Snteresse entgegensehen dürfen.
Reben der alles überragenden Schiffenberg» Angelegenheit war e« wieder eine ganze Reihe sozialer Vorlagen, bie der heutigen Beratung ein besonderes Gepräge gaben. Mit sehr erfreulicher Großzügigkeit wurde erneut alles im Rahmen des Möglichen zum Besten ber Aermsten unter uns getan unb kein Zweifel barüber gelassen, baß man auch weiterhin ben Erforbemissen der Verhältnisse gerne Rechnung tragen will. Sm Snteresse unserer bedürftigen Mitbürger yi diese Großzügigkeit von Verwaltung und Stadtparlament durchaus gutzuheißen. Schöner wäre es allerdings, wenn diese soziale Hilfsarbeit nicht noch mehr gesteigert werden müßte, wenn endlich eine entschiedene Wendung


