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Nr. 115 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vdecheffeitz Montag, 15. Mai 1922

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Deutscher Reichstag.

209. Sitzung, mittag- 12 Uhr Berlin. 13. Mai 1922.

Die -weite Beratung des Derlehrsetats wird bei der Abteilung für Wasserstraßen, Luft- unh Kraftwagenverkehr fortgesetzt.

Der Ausschutz hatte bei den höheren Be­amten der Wasserst ratzenabteilung Abstriche vor- genommen und fordert auherdem in drei Ent- schllebungcn Vorlegung einer Densschrift über ein einheitliä>cs deutsche« Wasserstraßennetz, fer­ner ein Reichs wafserstraßengeseh, datz die bisher den Ländern zustehenden Befugnisse auf das Reich übergehen, sowie Sicherung des Schnelldampfer- nerkehrS von Swinemünde nach Pillau und Danzig.

Abg. Diez (Zentr.f verweist auf die Rot- wend.gtett, den französischen Plan, die Rhein- schisfahrl auf einen nationalisierten Schiffahris- toeg abzulcnken, mit grotzer Aufmerksamkeit zu beachten, um eine Schädigung deutscher Inter­essen zu verhindern. Jedenfalls müsse bei einer Schiffbarmachung des ^Heines von Basel bis Straßburg das Reichsinteresse gewahrt bleiben, ebenso wie auf der anderen Seite bis zum Boden­see. Die Regulierung des Rheinsalles bei Schaff­hausen mühte jedenfalls große Kraftquellen nutz­bar machen.

Abg. Schuhmann (Soz.) tritt für eine Vereinheitlichung des gesamten Verkehrswesens einschließlich der Wasserstraßen durch das Reich ein. Auch der Hafen Duisburg-Ruhrort hätte auf das Reich übergehen müssen. Der Redner verlangt auch ein einheitliches Wasserrecht, sowie ein besseres Zusammenarbeiten des Eisenbahn- und des Wasserstratzenverkehrs bei der Dewöl- tiguqg der Gütertransporte.

Abg. Warmoth (Dntl.) tritt für die ost- preußischen Wasserstraßen ein, ebenso für die Sicherung d.s Schiffsverkehrs nach Den losgeris- fencn Landesteiten im Osten, damit keine Ver- kehrsstoclung ein trete, falls der polnische Korridor wieder einmal gesperrt werde.

Abg. Go t beim (D.) schließt sich diesen Wünschen an und betont, die Rentabilitätsfrage Dürfe in diesem Falle keine Rolle spielen. Auch er tritt für die Schaffung eines einheitlichen deutschen Wasferstratennehes ein und verlangt in diesem Zusammenhang die Wetterführung des Mittellandkanals und den Ausbau der Oder. Außerdem müsse eine weise Tarifpolitit einen gerechten Ausgleich der Interessen von Essrn- bahn und Wasserstraßen schaffen.

Berkehrsminister Gröner trit! den Wünschen auf Schaffung einer einheitlich rn WasserstrahenDerwaltung bei, wenn auch diesem Ziele noch viele Hindernisse im Wege ständ.'.i ®r hoffe aber doch, datz man mit den Ländern bald zu einer Einigung gelangen konnte. Dir gleiche Hoffnung habe er auch wegen der Finan­zierung des Mittellandprojektes, auch die Re­gulierung deS Oberlaufes der Oder sei dringend notwendig. Der Redner bedauert aber, datz die Landwirsschaft der Anlage der dazu erforderlichen Talsperre großen Widerstand entgegensetze. Auch mit dem Abg. Diez (Z.) sei er mit der Rhssn- Regulierung bis Konstanz durchaus einverstanden. Bor wenigen Tagen sei über die Regulierung des Rheines zwischen Bafel und Stratzburg eine Verständigung zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz zustandcgekommen. Infolge die er Berständigung werde es wohl auch bald zu einer Berständigung zwischen der Schweiz und Baden bezüglich der Strecke BaselKonstanz tommm. Die Tarispolitik sei von schwerwiegenden wirt- schaftlichen Gründen diktiert worden und nicht von dem Gedanken, den Wasserstratzm Konkur­renz zu machen.

Abg. Thomas (K.) kritisiert die von dem Reiche mit Privatgesellschaften abgeschlossenen Verträge zum Bau der Wasserstraben, bei denen das Reich glatt über das Ohr gehauen werde. Deshalb fr He auch das Reich Die Aktien der RheinMainDonau-Gesellschaft aufkaufen und den Betrieb selbst übernehmen.

Staatssekretär K i r st e i n bemerkt, die Ver­waltung werde ohne Rücksicht auf die Rentabilität die Schiffahrtslinien nach Ostpreutzen weiter­führen. Das Reich habe übrigens unter beträcht­lichen Opfern für einen Schiffahrtsbereitschafts­dienst gesorgt, der im Bedarfsfälle innerhalb 24 Stunden den Betrieb aufnehmen könne. Der Redner betont, daß das Reich zur Zeit das Privatkapital noch nicht entbehren könne, weil dadurch das Fehlen langfristiger Kredite aus­geglichen werden könnte.

Der Etat wird darauf bewilligt.

Darauf wird die Abteilung Luft- und Kraftverkehr besprochen.

Abg. Dr. Schreiber (Z.) erllärt, datz der Luftverkehr sich in erfreulichem Aufschwung befinde, es fehle aber noch an genügenden Osl- unb Westlinien. besonders eine Verbindung von Holland nach Berlin.

Ministerialdirektor Weber betont, datz die Beschränkung der Mittel die Erfüllung aller Wünsche nicht zulasse. Was die Anregung des Vorredners angehe, einen Seebäderdienst einzu- richten, so müßten die beteiligten Gemeinden selbst dazu herangezogen werden, sonst wurde sich der Verkehr nicht wirtschaftlich gestalten.

Abgeordneter Delius (D.) wünscht eine staatliche Beihilfe für solche dem öffentlichen Verkehr dienenden Luftsahrunternehmungen. die sich verpflichten, 100 Kilo Güler für das Reich ohne besondere Vergütung mitzunehmen.

Darauf wird auch dieser Etat bewilligt.

Es folgt

der Postetat.

Abg. Taubadel (6.) wirft dem letzten Reichstag des kaiserlichen Deutschland vor, nicht rechtzeitig an eine Erhöhung der Tarife gedacht zu haben, dann wäre die jetzige krankhafte Er­höhung der Gebühren verrnieden worden. An­gesichts der abermals bevorstehenden Tariferhö­hung sei es Pflicht der Post Verwaltung, durch Vereinfachung des Betriebs, durch Ausnutzung technischer Vorteile und kaufmännisches Dispo­nieren beim Einkauf von QHaierialien Ersparnisse zu machen. Wenn Der Personalbestand auch von 262 000 Mann auf 410 000 Mann gestiegen sei, so könne seine Partei nicht einer Verringerung des Personalbestandes in dem Matze zustimmen, wie er von den bürgerlichen Parteien gewünscht werde. Auch an dem Achtstundentag müsse fest- gehalten werden.

Abg. Allego tte (Z.) tritt für Die Wie­derherstellung des Vertrauens zwischen der Be­amtenschaft und der Verwaltung ein. Auch er­halte an dem Achtstundentage fest, sofern voll­wertige Arbeit geleistet werde, lehnt aber seine schematische Anwendung ab. Hausfrauen und Mütter aber seien im Post betriebe geradezu un­möglich da sie durchschnittlich 162 Tage im Jahre fehlten.

Abg. Körner (Dntl.) kritisiert die Gebüh- renpvlitik Der Post Verwaltung, Die überall nur Verärgerung errege. Eine Anpassung an Die Geldentwertung müsse freilich stattfinden, aber sie müsse allmählich erfolgen. Bei der Regelung Der Gebühren solle auch Der Rot der Presse Rechnung getragen werden.

Reichspostminister Giesberts: Die Wah­len der Veamtenausschüsse seien notwendig ge­wesen und es liege auch kein Grund vor. sich Der Wahl zu enthalten. Die von dem Abgeord­neten Körner kritisierten Briefmarken seien von den ersten Künstlern begutachtet und entworfen worden.

Mvntagnachmittag 2 Ilhr: Weiterberatung und Interpellation der ÜlSP. wegen des Ver­haltens Der Schupo bei der Berliner Rathaus- Demonstration. Schlutz 5i/o älhr.

Die deutsche Gewerbeschau in München.

München, 13.Mai. (WTB.) Die Deut­sche Gewerbeschau wurde heute mittag in Den Ausstellungshallen auf De Theresienrhöhe in Anwesenheit einer groben Zahl von Ehrengästen eröffnet. Man fah Den bayerischen Ministerpräsi- Denten Le rchenf elD inmitten Der übrigen Staatswürdenträger. den württembergischen Staatspräsidenten Hieber, Die Gesandten Der deutschen Länder und Die Vertreter der österreichi­schen Regierung. Als Vertreter Der Reichsregie­rung war Der Reichsminister Des Innern Dr. Köster erschienen. Den Festakt eröffnete das Orchester des bayerischen Staatstheaters mit Dem Vorspiel zu den Meistersingern. Zunächst begrüßte sodann der erste Präsident Der Gewerbeschau, Professor Scharvogel Die Gäste, worauf Der bayerische MinisterpräsiDent in einer Rede auf Die Bedeutung Der Gewerbeschau als deutsches ülnternehmen hinwies und ausführte, dah Die Ge­werbeschau vor allem auch Das Streben nach einer guten Leistung betone. Staat und Wirtschaft ar­beiteten auch hier zusammen und der Geleitwunsch Der bayerischen Regierung sei, dah diese Zusam­menarbeit zum reichen Gelingen und zum all­gemeinen Wohle ausschlage. Hierauf übermittelte Minister Dr. Koster die Grütze und Wünsche Der Reichsregierung, welche hoffe, dah aus dieser Gewerbeschau für München, für Bayern unt> für Das Reich erblühen möge, was Die weitsichtigen Veranstalter mit ihr beabsichtigten. Der Minister

wies Dann Darauf hin, Dah er in den Maitagen <

1912 als Privatdozent der Technischen Hochschule in der gleichen Fest halle die letzte bayerische ®e- werbcschau eröffnete, und fuhr dann fort: Die Deutsche Gewerbeschau ist ein Abbild machtvoll aussteigender bayerischer und deutscher Entwick­lung. Sie ist das Zeichen der steigenden Leistung Münchens und Bayerns für das gesamte Reich. Aus dem verlorenen Kriege und aus den Fesseln des Vertrages, der nur durch einen Rechtsbruch möglich war. aus den Jahren tief fier wirtschaft­licher, politischer und seelischer Depression steigt langsam auswärts, unzerstörbar und spottend aller Ketten, die deutsche Arbeit, das deutsche Können. Sie wollen zeigen das gewerbliche Können, aber gewissermaßen nur das beseelte, das künstlerisch beseelte gewerbliche Können, und Sie sind mit Recht der Ansicht, dah in diesem qualitativen Können der Schatz ruht, der die deutsche Wirt­schaft auch dann noch anziehungslräftig erhalten wird, wenn Die Valuta rischen und die anderen Gründe unserer heute so gesteigerten Exportfähig­keit weggefallen sind.

Wir haben bis zum Kriege auf allen Ge­bieten viel zu materiell, ich mochte sagen, viel zu quantitativ gedacht. Wenn wir aus diesen Jahren des Elends eines gelernt haben, wenn alle Parteien und Schichten unseres Volkes eines lernen müssen, bann ist es die Besinnung, die hier aus allen Hallen spricht, die Besinnung auf Las Echte und älrsprüngliche unserer nationalen Begabung und die Erkenntnis, dah Warenstaaten und technische Wunder allein noch feine Volls- tultur ausmachen und dah der Wiederaufbau Deutschlands vor allem die Frage einer neuen, echten, von innen und unten wirklich gewachsenen staatlichen und nationalen Gesinnung ift Deutsch­land wird nicht gesunden ohne Die Gesundung seiner Stämme, ohne Heimatbewußtsein. Das Stammesbewutzssein, das täglich hineingestellt wird in die großen Aufgaben des staatlichen Reuaufbaus von ganz Deutschland, das nicht organisch und harmonisch sich auswachst zu dem schöpferischen deutschen Reichsbewuhtsein, muß un­fruchtbar bleiben.

Der Minister schloß: Lassen Sie uns so recht zusammenstehen und der Vergangenheit Wunder aus der Zeit schöpfen und für Die Zukunft schaffen. Ich wünsche der Deutschen Gewerbeschau Glück und Erfolg zum Segen Dieser gastlichen Stadt, zum Besten des bayerischen Volkes, zum Wohle unseres deutschen Vaterlandes.

Darauf überbrachte der erste Bürgermeister der Stadt München Schmid Den Gästen von nah und fern Den herzlichen Willkomm des Münchener Stadtrates. Rach einem Chor aus den Meister­singern, Der vom Lehrergesangverein prächtig wiedergegeben wurde, erfolgte der Rundgang Durch Die Ausstellung.

München, 13. Mai. lWTB.) An den Rundgang durch Die Gewerbeschau schloß sich ein Frühstück. Dabei ergriff Bürgermeister sner das Wort. Der zum Schluß seiner Rede den Wunsch ausdrückte, Daß die Gewerbeschau Das erfüllen möge, was sie bezwecke: ein Band deutscher Kulturgemeinschaft um alle deutschen Stämme fest und unzerreihlich zu schlingen. Rach ihm sprach Der österreichische Handelsminister Dr. Grünberger, der betonte, daß Der Rus Dec Deutschen Gewerbeschau auch m Oesterreich den lebhaftesten Widerhall gefunden habe. Auf­richtigsten Dank sage er für die weitgehende älnterstützung und FörDerung, Die die öster­reichische Mitarbeit allenthalben gefunden habe. Hierauf Danfte der preußische Handelsminister Siering im Ramen der preußischen Staats­regierung für die Einladung und übermittelte Deren Grütze. Es gab, so führte der Minister aus, wenige Tage und Stunden in unserer so harten Zeit, wo alle (Stämme des Reiches so vereint sind wie heute. Es sei eine Tat der Deut­schen Gewerbeschau, dah sie diese Stämme zu schasfenssreudiger Arbeit zusammengeführt habe. Der Redner sprach seine Anerkennung für das aus, was die Deutsche Gewerbeschau, wenn sie auch noch nicht in allen Teilen fertig sei, ge­schaffen habe. Sie sei ein neuer Beweis deutscher Arbeit und deutscher Tüchtigkeit. Es sei hohe Zeit, daß das, was uns innerhalb Der Volks- flämme noch trenne, endlich beiseite gelegt werde Man möge uns alles nehmen, was wir haben, den deutschen Geist und Den deutschen Willen könne man uns nicht nehmen. Zum Schluß wünschte der Minister Der Deutschen Gewerbe­schau von ganzem Herzen Erfolg. Don Lobe, Gröner, Dem badischen Ministerpräsidenten und dem österreichischen Bundeskanzler waren Tele­gramme eingelaufen, in denen sie ihre Abwesen­heit entschuldigten.

Eine Sitzung der Vereinigung südwestdeutscher

Handelskammern.

Am Samstag, den d Mai, fand in Mann» heim unter Dem Vorsin von Handelskammer- Präsident R. L e n e l - Mannh-cim eine Suyung Der Vereinigten südwestDeul scheu Handelskarw mern statt, an welcher Die Handelskammern Frant- furt a. M., Wiesbaden. Idar: Gießen, Fried­berg, Darmstadt. Mainz, WormS: Mannheim, Karlsruhe, Hcid.ldcrg, Pwrzd im. Lahr. Dillrn- gen, Schopfheim, KcnUanz-. H.i.bronn, Stuttgart, Rottweil, Ludwigshafen a. Rh, ferner als Gäste die Handelskammern München und AugSb icg teilnahmen. Vor Eintritt fn die Tagesordnung gedachte der Vorsitzende des Dal.ingcfd)teDcncn, um das südwestdeutsche Wirrscdafls,?den hochvei'dten- ten Vizepräsidenten der Handelskammer .Karls­ruhe, Herrn Leopold Kölsch, Mttg ied des Reichswirtschaftsrats u d stellacrtrct nder Vor­sitzender des 'Bundes dadi cher Ardeitgeber-Der- bände.

Zur Beratung stand ras Reichsrahmen­gesetz betr die Industrie» und Han­delskammern. Heber die Errichtung p a- ritätischer W r r t s ch a f t s ta m m e r n be­richtete Präsident Lenel. Syndikus Dr. Blau­st e i n Mannheim erstattete über weitere wichtige Fragen des Rcichsrahmengesetzes, wie z. B. Die Frage Der Abgrenzung der ZustänDigkeit der Handels- und Handlecrkskanunern, sowie der landwirtschaftlichen Vcr^nioungen und Die Stel­lung des Deutschen Indistrie inD Ha.'.d ls'.ageS Bericht. An Der Aussprache beteiligten sich Kom­merzienrat G s e l l - Karlsruhe, Kommerzienrat H e i d l a u f f» Lahr. Präsident Schr 0 ers - Schopfheim, Dr. Schupp- Heidelberg Syndi'uS Meesmann - Mainz, Dr Otto- Wiesb iben, Dr. Ba ldau f -Hei'.b onn Dr. D u r g e r - Stutt­gart, Dr. Krieuen - Karlsruhe, Dr. Keck- Frankfurt a. M und Dr. Braun- Konstanz.

Wegen der B e i t r ä g c wird die Vereinigung beim Deutschen Industrie- und Handelstag vor­stellig werden und geeignete Vorschläge für eine Umgestaltung des älmlageverfährens machen.

Heber Die Abgrenzung der Kam­mern einigte sich die Vereinigung dahin. Daß an Stelle Des im Gesetzentwurf als entscheidende Instanz in prinzipiellen Fragen vorgesehenen Reichsverwaltungsgerichts gegebenenfalls Das Reichswirlschast-lgericht treten so l.

Syndikus D". Kr ien en - Karlsrahe berichtet über Die Wünsche des südwestdeutschen HandelS- kammer-HotelauöschusseS wegen Der Vertre­tung des Hotelgewerbes in Den Han­delskammern, Die Den Kammern empfehlend überwiesen werden sollen. Rach einem Bericht non Dr. Blau stei n-Mcmnheim über die wirt­schaftliche Rotläge Südwestdeutfch- l a n D s und Die Verkehrsnot und von Dr. Sock- Mannheim über Die in Darmstadt gepflo­genen Verhandlungen wegen der Einführung Der Wasser Umschlagstarife wurde fol­gende, von Syndikus Meesmann-Mainz ent­worfene Entschließung einstimmig angenommen:

Die Vereinigung südwestdeutscher Handels­kammern nimmt mit großem Befremden davor Kenntnis, datz in Kreisen der Eisenbahnverwal- tung Die Absicht bestehen soll, Die erst kürzlich eingeführten und seinerzeit vom Rcichsverkehis- minifterium in Würdigung Der ungünstigen Ver­kehrslage SüD- und SüDwestdeutschlands zuge- sicherten Staffeltarif ftarf abzuschwächen oder gar aufzuheben Die Handelskammern erheben gegen eine solche Absicht entschiedensten Widersprach, da xs zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbs­und Existenzfähigkeit der gesamten süddeutschen und südwestdeutschen Wirtschaft notwendig ist. daß Die Staffeltarife in vollem Umfang beibe- halten werden. Sie fordern ferner im allgemeinen volkswirtschaftlichen und Derkehrsinteresse. daß Die in Aussicht gestellten Wasserumschlagst arise für Die Binnenhafen balDigft eingeführt werden.

Im.Anschluß hieran wurde von dem Zu­sammentritt eines interfraktio­nellen Ausschusses für Rheinschiss- f ahrtsf ragen im Reich.tag Kennt i gegeben. Zugleich wurden Dt: ^neuerlichen Zentrali- sierungsbestrebungen besprochen. lieber Die ungenügende Vertretung Der peri- pherenGebieteim R 0 ichswirts chas t s- rat berichtete Herr Wilhelm Vögele-Mann­heim, zur Frage Der fingierten Bar grün- düngen bei Aktiengesellschaften Dr. Kehrn-Ludwigshasem

Heber Devisenhandelsgenehmi­gungen sprach Vizepräsident Hof mann- Dang- Frankfurt a. M. Die Frage ist im wesend lichen überholt. Da Der größte Teil Der Descheini- gungen bereits ausgestellt ist. Von einer Beschluß-

Die Sakramentshex.

Roman von Marie Kerschensteiner.

20. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Geärgert beschwerte sich nun Der junge Lehrer bei dem Dorfältesten und führte Dabei in jugenD- Ucher Heftigkeit Die Würde seines Amtes ms Feld Aber was konnte Heiner Dagegen cintoen- Dcn, als ihm bedeutet wurde, der Schulmeister habe nur innerhalb Der Schule Rechte za be­anspruchen? Es blieb nichts übrig, er mußte selbst Hand anlegen. Eigenhändig rüdtc er also Der Verwilderung in Den Stuben nut Besen and Bürste -uleibe. Wie entbehrte er. Der in häus­lichen Fragen unbewanderte, jetzt Der Hilfe Der Mutter! Er dachte kurz Daran, sie sogleich za sich zu rufen. Aber ebenso schnell verwarf er diesen Plan. Wie Durfte er sie aus Der, wenn aach spärlich gesicherten Lebensstellung Herausnahmen, so lange Die neue, die er ihr bot, noch auf Den schwer ickendsten Füßen stand < Vorläufig hieß es sich behelfen! Anfangs fühlte er sich herabgewür- digt, aber bald fand er Vergnügen daran, so ganz auf seine eigene Erfindung angewiesen 51 fein. Er war anspruchslos und tleinen Abente lerlich- teiten zugetan. Binnen kurzem war alles in einer geordneten Verfassung. In rücksichtsvoller Pietät gegen Den früheren Bewohner hatte er Den Stuben ihr Gepräge gelassen. Rur für das Fenster Der Wohnstube hatte er aus alten Bret­tern einen Tritt gezimmert, auf Den er des Pfarrers Lehnstuhl stellte, damit Die Mutter, wenn sie zu ihm käme, cm Fensterplätzchen fände, fo wie sie es zu Haus« leit Jahren gewohnt war. sjnD Heiner mußte sich in vorwegnehmrnder Freude immer wieder in diesen Stuhl sehen md sich vorstellm, wie freundlich es Die Mutter haben

würde von da aus über Die Heide zu sehen Von diesem Ausguck als spann et die fried­lichsten Träume Der Zukunft.

Das Essen nahm er im Krug und wenn er bei dieser Gelegenheit mit den Bauern zusammen- traf, ließ er es sich nicht anmerken, datz er etwas gegen sie auf Dem Herzen hatte. 3m Grunde war es auch gar nicht mehr Der Fall. Es war ihm recht so, wie alles war, ja, er würde es in jener Zeit unlieb empfunden haben, wenn sich an der Eigenart seiner Lebensweise etwas geändert hätte.

Die gleichmütige Selbsthilfe des Lehrers ver­fehlte ihren Eindruck aut die Dörfler nicht. Sie hatten sich an seiner Hilflosigkeit weiden wollen und nun schien er durchaus nichts zu entbehren. Zu welcher Tageszett man auch an Der Pfarr­burg vorbeikam, immer hörte man Das fröhliche Pfeifen des Schulmeisters und sah ihn hrram- t cutteren, unermüdlich, als grng's um Taglohn. Das brach ihren Widersinn. Sie sahen, Dem war's um das Kampeln nicht zu tm! Was Die Weiber betraf, so fanden sie Gefallen an Dem frischen jungen Monn, kurzem, eine versöhnlichere Stimmung griff Platz. Sie bekundete sich zu­nächst Darin, Daß eines Der Weiber ung »rufen auf Die Pfarrburg tarn, sich dem Lehrer z im Dienst anzubieten. Es war eben zur rechten Zett, denn das Dettaufschütteln und Wassertragen fing allmählich an ihn zu langweilen.

Don jetzt an widmete er sich seinem Beruf mit Dem 5 iversichtlichsten Eifer, trichterte Die Qln= fange aller Weisheit in die Köpfe, Daß es fleckte. Die Erinnerung an das Hrideinädel stand bet alledem in seinem Bewußtsein wie ein freund­licher Hintergrund, Den man nicht sonderlich be­achtet, Der aber zu Der Erfreulichkeit des ®e- I samtbildes das [einige beiträgt.

Es gehörte zu den Obliegenheiten des neuen Lehrers, Sonntags mit der Gemeinde eine Ge­sang- und Betstunde zu hallen, wenn nicht Der Pfarrer Der Rachbargemeinde gelegentlich zum Gottesdienst tarn. Heiner sah Der ersten dieser Erbauungsstunden mit Spannung entgegen. Durfte er doch hoffen, daß der allgemeine Besuch Der Kirche auch das Heidemädel herbeiführen würde, nach der er in der Zwischenzeit vergeblich heim­liche Ausschau gehalten hatte. Aber als er in Dem Kirchlein die Reihen musterte, sand sich keine rotbraune Haarkrone unter Den strohblon­den Schöpfen. Das Heidemädel war von anderem Schrot und Korn gewesen! Tlnd doch mußte es ein Glied Der Heidegemeinde fein, Da es auf Meilen hin feine andre Ansiedelung gab als das Heidedoif. An Der Größe seiner Enttäuschung merkte er erst, wie start die Begegnung in Der Heide unbewußt m ihm nachgewirkt hatte. Ob sie sich vor ihm versteckte? fuhr es ihm durch Den Kopf. UnD als er an der Seite des Krugwirts das Kirchlein verließ, erkundigte er sich, ob Die Mädchen des Heidedorfes nicht alle in Die 'Bet­stunde zu kommen pflegten? Der Alvis warf einen schnellen Blick auf De« Lehrers Gesicht, das hoch erglühte. War das so einer ? Da wollte er aber auf Der Lauer fein! Laut fagte er, die Dirnen feien alle zugegen gewesen, keine ein­zige habe gefehlt! Heiner glaubte es besser zu wissen, doch er schwieg.

2ln diesem Abend gesellte er sich zum ersten Male den Bauern im Krag zu. Es trieb ihn Die Reugierde, zu erfahren, wie das Heidemädel hieß, ob es eine Magd war oder emes Bauern Tochter.

.Wohnen innerhalb Der Heide auch Leute?" erkundigte er sich "bet "Dem Tischlerandres, der neben ihm faß. Der hielt ihn für nicht bei

Sinnen. Draußen in der Heide, wo tm Winter Der Frost wütete, wo es im Sommer Rattern gab und Raubgctier aller Art? Sie lachten ihn aus.

Heiner wehrte sich. Er hatte doch Menschen dort gesehen! Ein junges Ding, mutterseelen­allein! Fast noch ein Kind! Das ließ man doch nicht allein in Der Wildnis herum Laufen! Wo waren Die Leute, Denen es angehörte?

.Der Schulmeister hat geträumt!" warf ihm einer über Die Achsel hin.

Rein, getäuscht hatte er sich nicht. Er hatte mit Dem Mädchen gesprochen, es hatte ihm Den Weg ins Dorf gezeigt. Ein bildhübsches Kind sei es gewesen.

.So abartig schön sind Die Weiber vom Dorf grab nit!" spottete einer, und Die andern stimmten ein.

.Wenn einer holt spinnt1

Das ließ sich Heiner nicht gesallen.3d) hätte sie selbst um ihren Ramen gefragt, wenn sie nicht plötzlich verschwunden wäre," tagte a hartnäckig.

Da horchten sie auf.Dem fragt lieber mt nach, Schulmeister!" warnte Andres.In der Heide, Do geht's als am. Gar manches Mal bin ich Da Draußen beim hrllichten Tag schon ge­schreckt worben, Daß mir'3 ganz anders wurde und Daß ich Davon bin, ohne mich umzugucken zu trau'n!"

Alle stimmten sie ein, jeder hotte etwas zu erzählen.Aber wir haben das Wesen ntt gefeßm ihrs hat sich's nit gezeigt, nur geschreckt hat's uns, fürchtig!"

Aber bei einem Schulmeisterle Hal sich's hall was getraut!" raunte Der Krugwirt feinem Rachbarn zu, laut genrg, Daß es Heiner Horen müßte. (Fortsetzung folgt)