Aus Stadt und Land.
Gießen, bsn 15. März 1922.
•* Amtliche Personalnachrichten. Verseht wurde: Regierungsrat Kümmel beim ^Finanzamt Darmstadt-Land zum Landesfinanz- amt Darmstadt. — übertragen wu de mit Wirkung vom J. April 1922 ab: dem Regierungsrat Korf mann zu Alsfeld die Stelle des Stellver- Dreiers des Vorstehers des Finanzamts Darmstadt-Stadt: dem Regierungsrat Köhler zu Nidda die Stelle des Stellvertreters des Vorstehers des Finanzamts Offenbach-Stadl: dem iRegierungsrat A i c o l a i zu Fürth i. O. die Stelle des Vorsteher des Finanzamts Langen: dem Re- gierunasrat Dr. Jost zu Langen die Stelle des Vorstehers des Finanzamts Fürth: dem Negie- frungsrat Weisel zu Schotten die Stelle des Vorstehers des Finanzamts Mainz III; dem Regierungsrat Franz zu G testen die Stelle des Vorstehers des Finanzamts Schotten: dem Re- gierunasrat Ploch beim Finanzamt O.fenbach- Stadt die Stelle des Vorstehers des Finanzamts Ridda; dem ^egierungsrat Schmierer beim "Finanzamt Darmstadt-Stadt die Stelle des Vorstehers des Finanzamts Alsfeld. — Zu Steuervollziehern wurden mit Wickung vom 1. April 1922 ab ernannt: die Militäranwärter und Gerichtsvollzieheraspiranten Heinrich A f e r aus Ensheim und Valentin Raab aus Ober-Hilbersheim.
** Die am 1. April 1922 fälli» gen Zinsen der Hessischen Staatsschuld- uch-Forderunaen werden von den hessischen Kassen und den Reichsbankanstalten vom 18. März ab gezahlt, bzw. von der Hauptstaatskasse durch die Post oder auf Reichsbank-Girokonto überwiesen.
♦ * Was kostet heute das Bauen? Sn den Mitteilungen des Deutschen Städtetages werden die Antworten auf eine Rundfrage veröffentlicht. deren Gegenstand der Herstellungspreis eines Kubikmeters unbebauten Raumes war. Wir finden Baukosten von massiven. Fachwerk-. Lehm- und Holzbauten, und zwar besonders für freistehende und Reihenhäuser, für Grost-, Mittel- und Kleinhäuser. Die billigsten massiven Kleinhäuser baute München mit 150—180 Mk. für das Raummeter, dann folgen Augsburg und Hamborn mit 190 Mk.. Bremen mit 200, Mainz 207, Dresden mit 210—230, Hamburg mit 210—260, Kassel mit 220, Bochum und Karlsruhe mit 225, Berlin und Erfurt mit 230, Lübeck mit 235, Breslau mit 240—250, Dortmund, Duisburg und Essen mit 250, in Mannheim zahlte man 250 bis 260 Mk., in Mülheim an der' Ruhr 265 Mk. und den höchsten Preis von 280 Mk. in Saarbrücken. Massive Reihenhäuser stellten sich im allgemeinen um 5—20 Mk. billiger als Einzelhäuser. Die geringsten Kosten verursachten sie in Braunschweig mit 160—170 Mk. für das Raummeter. Einen merkwürdig hohen Preis zahlte Frankfurt a. M. mit 300 Mk. Es folgen Halle 180, Hannover 200, Leipzig 220—230, Gelsenkirchen und Stettin 225, Nürnberg 225—230 und Düsseldorf 250 Mk. Bei Lehmbauten ergaben sich zugunsten dieser Bauweise bedeutende ünterschiede, in Hamburg und Hannover z. B. von 65 Mark. Der Preis für Holzbauten ist nur vereinzelt angegeben. Sn Augsburg überschreitet er den Massivbau um 60 Mk., in anderen Städten blieb er darunter.
* * Zum 60. Geburtstag einer hessischen Malerin führt eine Zuschrift folgendes aus: älnscre Mitbürgerin Frl. Emmy Dinge l d e i n, Nord-Anlage 31, tritt am 18. März d.' Z. ins einundfechzigste Lebensjahr ein. Sn vielen Häusern Giestens. Darmstadts und Weh- tars hängen duftige Blumenstücke und reizvolle f tilleben von ihrer Hand. Sn einer stattlichen ahl lernbegieriger Malschülerinnen hat sie den ssinn für Farbe und die Liebe zur Natur zu wecken und zu fördern gewußt. Nach sorgfältigen Studien bei Helene Lobedan und in dem großen Atelier von Karl Güssow in Berlin schlug Emmy Dingeldein im Hause der Mutter, der verstorbenen Dekanswitwe S. Dingeldein 1888 ihre eigene Künstlerwerkstatt auf, die bis kurz vor Ausbruch des Weltkrieges offen stand. Die eigenen Kompositionen sprachen durch zeichnerische Klarheit und geschmackvolle Farben zu ammenstellung stets wohltuend an. Smmer freier und flüssiger hatte sich im Lauf der Jahre Emma Dingeldeins Malergeist entwickelt. Das Dunkel des Hintergrunds im getonten Atelierbild wich der Begeisterung für Licht und jugendliche Helle und das liebevolle Eingehen auf jede Einzelheit des gewählten Gegenstandes zeigte, daß ihr das Geheimnis von Still- leben und Blumenstück aufgegangen war, nämlich die Bekenntnis. Es gibt nichts Totes, Starres. Sn dem Gewebe einer Decke, in den Glanzlichtern, die auf einem Tonkruge spielen, kündet sich Leben an, und aus einem feingeordneten Wald- und Wiesenstrauß, einem Fliederbusch, einer mit Rosen gefüllten Schale grüßt uns die ewig wechselnde. mit der Fülle von Farbenillusionen uns überschüttende Schönheit der Natur. Aus Gesundheitsrücksichten mußte Emmy Dingeldein schon vor dem Kriege ihre erfolgreiche Lehrtätigkeit aufgeben, aber Kunstaufträge nimmt sie noch hie und da an.
* * Aus dem Stadttheaterbureau. Am morgigen Donnerstag und am Freitag je von 10—1 Ahr findet in der Vorhalle des Stadt
theaters die Abstempelung der noch ausstehenden Freitagsabonnementskarten zur Entrichtung der 10 Proz. Vergnügungssteuer statt.
*• Von der Deutschen Volkspartei wird uns geschrieben: Am Montag, dem 13. März sand eine Versammlung der Frauen der D. V. P. auf dem Schützen Haus statt. Frau Reh las hielt einen Vortrag über die „Technische Nothilfe und die Frau". Sm Anschluß an ihre interessanten Ausführungen wurde fol;ende E ckschlleßung angenommen: „Die Technische Rokhilfe ist in der heutigen Zeit ein unbedingtes Erfordernis. Sie hat sich In schwierigsten, wirtschaftlichen Nöten in selbstloser Weise im Snteresse der Allgemeinheit und besonders der Kranken und Schwachen auf das beste bewährt. Shre Bestrebungen sind daher auf das aufrichtigste zu unterstützen und zu fördern. Wir fordern unsere Mitglieder auf, sich, soweit sie in der Lage dazu sind, der Technischen Nothilfe anzuschließen." — Nach einigen geschäftlichen Mittei ungen der 1. Vorsitzenden erfreuten Frau Schudt, Frau Z i e p r e ch t und Frau Mattern die Anwesenden durch musikalische Vorträge. Da die D. V. P. am 1. April eine Dismarckfeler veranstaltet, findet die nächste Versammlung der Frauengruppe erst am 2. Montag Im Mai statt.
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch Stadttheater, 6V2 Ahr: „Mascottchen". — Astoria- Lichtspiele: „Das Haus in der Dragonergasse" und „Verlogene Moral".
— Z 0 rdans Meisterbilder-An- dachten. Sn der Zohanneskirche wird am nächsten Sonntag abend um Ahr — zum ersten Male in Gießen — eine musikalische Meister- bilder-An dacht stattfinden. Der Leiter und Schöpfer dieser eigenartigen, in gleicher Weise künstlerischen und erbaulichen Darbietungen ist Verlagsbuchhändler Richard Z 0 r d a n aus Stuttgart, der in den Kirchen von Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg i. B. und in mehr als 200 anderen Kirchen Süddeutschlands solche Meisterbilder-Andachten gehalten hat. Cs handelt sich bei Jordans Bilderandachten um eine harmonische Vereinigung der Schwesterkünste Malerei und Musik, indem 50 originalgetreu gemalte religiöse Lichtbilder alter und neuer Meister in kunstvoller, auf eigener Erfindung beruhenberVer» bindung mit kirchlicher Musik in technisch vollendeter Weise vorgeführt werden, wobei Fräulein Sda Stammler (Gesang) und Herr Organist Habicht in freundlicher Weise mitwirken. Herr Jordan ist Auslandsdeutscher und hat vor dem Kriege als Buchhändler, Bibliothekar und Wanderredner in Riga gelebt. Zehn Jahre lang hat er ganz Rußland bereist und im Baltikum, in Finnland, Petersburg unb Moskau, in der Akraine und im Kaukasus hunderte solcher Meisterbilder-Andachten gehalten, worüber er zur Einleitung berichten wird. — Am Samstag nachmittag um V27 Ahr wird eine besondere Bilder- Andacht für die Jugend zu halben Preisen vorausgehen. Der Reinertrag der beiden Feiern ist zur Hälfte für die Kleinkmder-Dewahranstalt bestimmt.
— Waldbühne-Abend. Zum Besten von Kriegerwaisen hat sich die Gießener Waldbühne, unterstützt von einstigen und jetzigen Schülerinnen unb Schülern ber Oberrealschule, in ben Dienst ber Ortsgruppe Gießen ber Kriegshinterbliebenen gestellt unb wird Donnerstag abend im Theatersaale des Katholischen Vereinshauses einen klassischen Lustspiel- und Liederabend bieten. Aufgeführt werden „Die Wette" von Goethe, ein Lustspielchen, über das in der Samstag-Nummer eine Besprechung gebracht wurde; außerdem ber Körnersche „Vetter aus Bremen", dem fröhlichster Beifall noch nie versagt blieb. Zwischen beiben Lustspielen bringt bie musikalische Abteilung ber Waldbühne unter ber Leitung von Stublenrat W. Krauß Lieber mannigfachster Art zum Vortrag. Die Leitung ber Lustspiele liegt in den Händen von Aniversitätsbibliothekar Dr. List, die Rollen sind verteilt an die Damen Trude Heß und Friedel Lerch sowie die Herren Hans Arbeit, Georg Franke, Josef H e i ß I e r, Rolf Leopold und Adolf Noll. — Heber den sozialen Zweck der Veranstaltung wird uns noch mitgeteilt: linieren Kriegswaisen tut in dieser Seit steigender Teuerung eine besondere Hilfe dringend not. Sn den meisten Familien, wo der Ernährer im Krieg gefallen ist, herrscht gegenwärtig oft bittere Entbehrung, da ja die staatliche Fürsorge mit den entsetzlichen Preissteigerungen auf al en Gebieten nicht Schritt halten kann. Vieles bleibt ber freiwillioen, ausgleichenden Hilfe Vorbehalten. Der Veranstaltung der Gießener WaVüh e sei darum auch im Snteresse unserer Kriegswaisen ein recht starker Besuch unb guter Erfolg gewünscht.
Wettervoraussage
für Donnerstag:
Wolkig, meist trocken, Temperatur unberän- bert, Winde aus östlichen Richtungen.
Das Hochdruckgebiet über Schottland verflacht sich immer mehr, so daß wir mit allmählichem Einfluß der Depressionen im Osten und Südwesten rechnen müssen. Bei zunehmender Bewölkung wird mit Fortbestand des kühlen Wetters zu rechnen sein.
Der echte Briefwechsel Bettinas mit Goethe.
Neunzig Jahre sind in wenigen Tagen seit dem Todestage Goethes vergangen, und so wenig yvir auch des äußeren Anlasses bedürfen, um uns des größten Deutschen zu erinnern, so ist uns doch seine Persön'ichkrit an solchem Gedächtnistage besonders naße. Grade jetzt wird ein außerordentlich wichtiges Dokument des Goetheschen Wesens, ein Briefwechsel, um den bisher ein rätselvolles Geheimnis gebreitet war, zum ersten Male der Oeffentlichkeil übergeben, der seit einem Viertel- jahrhundert erwartete vollständige Brief- wechsel zwischen Bettina u n 0 Goethe erscheint, aus dem Nachlaß des bekannten Romantik-Forschers Reinhold Steig herausgegeben, im Snfel-Derlag. Da bisher der bekannte Briefroman Bettinas „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" unsere Anschauungen beherrschte und die echten Briefe bisher nur in Bruchstücken zutage getreten waren, wird uns durch diese vollständige Veröffentlichung das eigenartige Verhältnis ber genialen Frau zu dem von ihr angebeteten lOlymPier erst fiargelegt. Diese Bedeutung des echten Briefwechsels erörtert Dr. F itz Be gewann im „Snselschiss" auf Grund der Arbeiten die er selbst bei der Herausgabe des nachgelassenen Manuskriptes geleistet .hat. Mit 22 Zähren besuchte Bettina die Tochter der einst von Goethe
geliebten Maxe Brentano, den Dichter im April 1807 zum ersten Male. Gleich nach dieser Bekanntschaft seht der Briefwechsel ein, zuerst einseitig von Bettina geführt. Aber schon ein halb Hahr später, im November 1807, hat Bettina Gelegenheit, Goethe in einem zehntägigen abwechslungsreichen Beisammensein in Weimar w^ederzusehen. Shre späteren Briese sind voll von Rückerinnerungen an diese Zeit. So gedenkt sie in einem Brief vorn März 1808 der Tage, „da ich noch an Deinem Arm durch die Straßen ging", und späterhin eines Park- spaz'.ergangs: „So weiß ich jebei Drum des arks noch, an dem wir vorüber gegangen, auch die kleine runde Quelle, an der wir standen, die so ewig über sich sprudelt, und die Laube mit der steinernen Vank, wo eine Kugel an der Wand, da haben wir eine Minute gesessen und habe ich gewünscht, nur einen Frühling mik Dir zu sein, hast Du mich aus- gelacht." Nicht minder reizvoll ist in einem andern Brief Bettinas die Erinnerung an die Schauspielerin Clsermann: „Die einmal — es war der 10. November — mit uns an Deinem Tisch gesessen und bereu Gegenwart mich beim Abschieb verhinderte, Dich nach Willkür zu küssen. Aber nein! Du warst selbst schuld und standest da, wie zwischen Wasser und Feuer, unb mochtest feine Probe aushalten." Daß ober Goethe sich nicht immer abweisend gegen Bettina verhielt, beweist eine Drief- stelle vom Jahre 1809, da sie der Zeit gedenkt, I „da Du mich auf meinen Mund geküßt, mich in
Landkreis Gießen.
s. Trohe, 12. März. Einer Einladung folgend, hielt ber Student ber Staatswissenschaft, Römer von Großen-Linden, einen Vortrag über । „Lasalle unb bie Arbeiterfrage". Die sachlichen Ausführungen boten ein tresfenbes Dilb ber Arbeiterbewegung von 1864 bis zur Gegenwart. Sn re Aussprah?, an ber .ich auch Gä evon Gießen, Rödgen und Alten-Buseck beirtiigten, wurde der Wunsch geäußert, noch mehr solcher Vortragsabende zu veranstalten. Als Redner für das nächste Thema „Sozialismus und Christentum" wurde stud. rer. pol. Göbel von Großen-Duseck gewonnen.
* Reinharbshain, 19. März. Am Sonntag hielt in ber Wirtschaft von Karl Roth auf Veranlassung hiesiger Interessenten Rechtsanwalt L i n b von Grünberg einen Vortrag über „Das Feldbereinigungsversahren".
0 Grünberg, 13. März. Auf Veranlassung des hiesigen Volksbilbungsvereins hielt am Sonntag abend in ber Turnhalle vor zahlreicher Zuhörerschaft Herr Lehrer Jung- Olahandja (Süb- toeftafrifa), gebürtig von Merlau bei Mücke, wo er sich zu einem halbjährigen Urlaub nach neunjähriger Tätigkeit in Sübweßafrika auf hält, einen Lichtbilber vortrag über „Das Sch Iwesen in Südwestafrika". Einleitend schilderte er die Entwicklung des deutschen Schulwesens daselbst und verbreitete sich dann über den erfolgreichen Kampf, welches bie noch jetzt bort lebenden Deutschen nach dem llebergang der Kolonie in bie südafrikanische Union mit den Engländern führen mußten, um die deutschen Schulen zu erhalten und damit ihr Deutschtum zu bewahren. An selbst aufgenommenen Lichtbildern von der Seereise, von Land und Leuten der Kolonie, vom Schulwesen, vom „Pad"°Leben, von Jagd- und Kriegserlebnissen gab er packende SHuftrationen seines Vortrags. — Die beiden hiesigen Gesangvereine wirkten zum Gelingen des Abends mit. Der Reinertrag der Veranstaltung soll zur Anschaffung eines Lichtbilderapparates dienen, der dazu bestimmt ist, den deutschen Kindern in Südwestafrika die Schönheiten der deutschen Heimat im Bilde vorzuführen. Am Tage vorher hatte Herr Jung den gleichen Vortrag vor den hiesigen Schulen und denen ber Nachbarorte gehalten. Sn ben nächsten Tagen tritt er bie Ausreise zum zweiten Male an und gedenkt weitere fünf Jahre drüben zu bleiben.
Kreis Alsfeld.
△ Ehringshausen, 13. März. Mit dem Landsiedlungswesen beschäftigte sich gestern eine Vertrauensmännerversammlung aus Den Orten des Kreises Alsfeld bei Gastwirt Diegel. Bürgermeister Loch- Otterbach erstattete als Vertrauensmann der Landsiedler Oberhessens Bericht über die Verhandlungen in Darmstadt. Mit der Siedlung beginnen eine An^hl Orte Oberhessens schon im nächsten Monat, damit die Siedler sofort mit der Frühjahrsbestellung anfangen können. Sn der Aussprache wurde eine Beschleunigung des Verfahrens dringend gefordert. Auch wurde gewünscht, die Paragraphen 153 und 154 des Siedlungsgesehes umzuändern.
Kreis Büdingen.
hr. Nie der-Mockstadt, 14. März. Sn der Nacht von Sonntag auf Montag war es hier zu einer Schlägerei zwischen Burschen von hier unb Staden gekommen. Ein erst kürzlich aus der Fremde zurückgekehrter Stavener Bursche war mit Kameraden über die Polizeistunde in einer hiesigen Wirtschaft geblieben. Als sie dann auf der Straße von dem Polizeidiener zur Ruhe vermahnt wurden, ging der erwähnte Stadener handgreiflich vor und schlug den Polizeidiener blutig. Da diesem hiesige Burschen zu Hilfe kamen, entstand eine Schlägerei, an der sich die übrigen Stadener Burschen jedoch nicht beteiligten. Bei dem vermutlichen Hauptübeltäter nahm man auf Grund einer Aeußerung Fluchtverdacht an, weshalb er noch in gleicher Nacht um 4 Uhr durch die Niddaer Gendarmerie in der Wohnung seiner Eltern in Staden verhaftet, jedoch am Mittag wieder freigelassen wurde. Eine Klarstellung der Vorgänge in jener Nacht wird die gerichtliche Verhandwng ergeben.
n Aus dem südlichen Vogelsberg, 14. Marz. Sn ben letzten Tagen sind dieSchnep° f e n bei uns eingezogen. Allgemein wirb jedoch in ben letzten Jahren geklagt, baß ber Strich immer schlechter wirb. Früher, vor 2—3 Jahrzehnten noch, strichen sie wie bie Schwalben. Jetzt ist man sehr froh, wenn man überhaupt einen solchen Langschnäbler hört. Schuld hieran ist jebenfalls bas fortgesetzte Duschieren, bas neuerbingS sehr übertrieben wirb
Kreis Schotten.
□ Laubach, 14. März. Seit Anfang btefer Woche streichen bie Schn e pfen in unseren Waldungen. Die erste Schnepfe schoß vom gräflichen Forstpersonal der Forstgehilfe Decker am vergangenen Montag in der Silbach bei Gonterskirchen : er gewinnt damit ben hierfür ausgesetzten Preis (5 Mark). Früher beftanb ber Preis in einem silbernen Schnepfenheller von ber Größe eines 6-Kreuzerstücks (= 20 Pf.). Es wurden auch solche Schnepfenheller aus Kupfer geprägt. Sie
trugen bie Buchstaben „S" unb „L" (Solms-Laubach): geprägt würben sie von den Reichsgrasen Christian August zu Eolms-Laubach (t 1<84) unb Friedrich Ludwig Christian zu Solms-Laubnch (t 1822). Die späteren Grafen zu Solms-Laubach haken keine Schnepfenheller mehr geprägt. Die Rückseite des Hellers zeigt eine Schnepje au) einem Rasenstück. Dagegen Haven bi: Fürsten zu VAuburg bis in bie neueste Zeit hinein Schnepfenheller geprägt. Von ihren Vorfahren prägten vornehmlich solche Schnepfenheller Ernst Kasimir III. von Vsenburg-Büblngen (1781—1852) (Aufschrift: ECO Y) unb Adolf II. von Vsenourg-Wachters- bach (1795—1859) (Aufschrift: A J). Diefe Schnepfenheller wurden nach der Jagd unter bie Treiber geworfen, bie sich dann grimmig um die Kupferst ücke balgten.
□ Freienfeen, 14. März. Wie gemeldet, wurde beschlossen, das E h r e n d e n k m a l für unsere gefallenen Heldensöhne auf der Ost fette der bei unserem Marktflecken gelegenen Anhöhe .,Heilluch" zu emichten. („Heilluch" bedeutet: Heiliger Wald, wohl früheres Kirchengut ober geweihte Stätte.) Diese Anhöhe soll in diesem Frühjahr mit Ginbenbäumen angepflanjt'TDeeben. — Sn letzterer Zeit ziehen wieder mancherlei fahrende Leute durch unsere Gegend. So hatten wir verschiedentlich bie Ehre, Bärenführer aus ber Türkei als unsere Gäste zu begrüßen. Sn dieser Woche besuchte uns eine Zigeunertruppe. Die braunen Gestalten, mit Kinbern reich gesegnet, lagerten mit ihren Wagen vor dem Flecken: sie bettelten in der zudringlichsten Meise. Ausfällig war, daß die Truppe nur aus jungen, kräftigen Leuten bestand.
e. Ulrichstein, 14. März. Der seitherige Klubwirt Roth verläßt mit dem 1. April den Hoherobskopf, um seinen eigenen Betrieb in Herbstein zu übernehmen. Mit ihm scheidet auch sein Schwiegervater, der allbekannte Clubwirt Stein, für immer aus dem Clubwirtshaus, eine Ehrenurkunde wird ihm von dem V. H. C. für seine langjährige, verdienstvolle Tätigkeit zuteil werden. — Der Vorstand des D. H. C. hat beschlossen, dem Gastwirt Wilhelm Bender vom Haus Hubertus bei Schotten den Wirtschaftsbetrieb auf dem Hoherobskopf zu übertragen. Hoffentlich wird das Clubhaus jetzt wieder die altgemütliche Herberge für Wanderer und Vogelsbergsfreunde.
e. Alfa, 14. März. Von der hiesigen Molkereigenossenschaft, e. G. m. u. H., die zur Zeit 413 Mitglieder zählt, wurde im Geschäftsjahr 1921 bei guter Bezahlung der Milch an die Genossen ein Reingewinn von Mk. 2463.25 erzielt. Die Aktiven betragen Mk. 206 002.28, der Reservefonds Mark 15 672, die Betriebsrücklage Mk. 11231.02, Steuerrücklage Mk. 20 000, die Sonderrücklage Mk. 32 538.46. Insgesamt wurden im Jahre 1921 630 098 LiterMilch zur Verarbeitung angeliefert.
A Aus dem Vogelsberg. 14. März, ßetreibeauftäufer für bie nächste Ge- treibeernte treiben in unterer Gegend ihr Wesen Sie wollen jetzt schon bie Erträge ber diesjähri- gen Ernte kaufen und bieten ben Bauern Anzahlungen an. Wie man vermutet, sinb bie Aufkäufer auslänbische Agenten und deren deutsche Zwischenmärmer. Die Gendarmerie fahndet nach diesen gewissenlosen Elementen.
Kreis Friedberg.
4 Bad-Nauheim, 12. März. Der hiesige Stenographenverein „Gabelsberger" feierte gestern und heute sein 25jähriges Bestehen in schlichter, aber würdiger Weise. Am Samstag abend fand im Hotel „Burk" eine Feier statt, wozu außer den Mitgliedern auch auswärtige Gäste und Vertreter der Behörden erschienen waren. Sn seiner Begrüßungsansprache gab der Vorsitzende, Finanzsekretär Schnell, einen Auszug aus der von Lehrer O ß w a l d bearbeiteten, ausführlichen Vereinsgeschichte. Als Vertreter des Hessisch-Nassauischen (Main- Rheingau-) Verbandes Gabelsbergerscher Stenographen war der Verbandsvorsitzende Lehrer Schopp (Mainz) anwesend, Vereinen Fest-Vortrag über „Wesen und Wert der Stenographie" hielt. Seitens der Stadt Bad- Nauheim beglückwünschte Beigeordneter Kling, seitens der anwesenden Behörden Oberamtsrichter Dr. Fuhr den Iubelverein. Die Feier wurde von instrumentalen und gesanglichen Darbietungen stimmungsvoll umrahmt. Heute früh fand auf dem Friedhof« eine Gedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder statt. Am Grabe des einstigen Gründers, Schriftsteller Wilh. Wagner, wurde ein Kranz niedergelegt. Am heutigen IubiläumS-Wettschreiben beteiligten sich 40 jüngere Mitglieder. Die mit einem Familienabend verbundene PreiSvertei- l u n g beschloß die harmonisch verlaufene Jubelfeier. — Der Stenographenverein, der
Deinen Arm genommen.“ Alle diese Driefstellen waren bisher unbekannt.
Bettina duzt ben Dichter in bem nun reger werdenden Briefwechsel: aber Goethe bedient sich in dem ersten uns von ihm erhaltenen Briefe an sie vom 9. Januar 1808 noch des förmlichen „Sie". Aebcrhaupt hat er stets bie Haltung bes väterlichen Freundes bem seltsamen „Kinbe" gegenüber fest gehalten, währenb sie ihn leidenschaftlich geliebt hat. Die echten Briefe stehen in ihren Liebesbezeugungen hinter bem Briefroman nicht zurück: eher im Gegenteil. „O Du" schreibt sie einmal, „wärst Du gleich da, müßt ich Dich beißen vor kindischer Fröhlichkeit." Shren Jugendfreund und späteren Gatten Arnim erwähnt sie im Gegensatz zu bem Briefroman, in dem er nicht vorkommt, häufig in ihren echten Briefen, aber er tritt hier stark hinter Goethe zurück, und sie hat immer aus tiefster Seele nur den Dichter geliebt, an den sie noch 14 Jähre nach ihrer Vermählung schreibt: „Äüffen, Beten, Versinken, alles hast Du mich gelehrt, und nur in Dir hab ichs begriffen.“ Goethe hätte schwerlich den Briefwechsel mit Bettina fünf Jahre aufrechterhalten, wenn sie ihm nur immer von ihrer Liebe vvrgeschwärmt hätte. Sie gab ihm aber auch mancherlei Anregungen und willkommene Mitteilungen, so über das Ergehen seiner Mutter, über allerlei Sehenswürdigkeiten am Nhein, über Musik. Auch aus den echten Briefen geht hervor, tote nachdrücklich sie Goethe auf das
Genie Beethovens hinwies und seine persönliche Bekanntschaft mit dem Komponisten vorbereitete. Das Widersetzen in Teplitz im August 1810 stellt wohl den Höhepunkt ihres persönlichen Verhältnisses dar: ber briefliche liegt noch etwas später,' als Bettina bem Dichter jene ausführlichen Berichte für „Dichtung unb Wahrheit" gab. Auch von diesen Schreiben war ein Brief mit bem Bericht über bie Traumdeutungsgabe in ber Familie Textor unb über bie heimliche Leidenschaft der Mutter Goethes für den unglücklichen Kaiser Karl VII. sowie über ihr späteres Verhältnis zu Goethes Vater noch nicht bekannt. Dann kommt es bei bem Besuch des Amimschen Ehepaares im Zähre 1811 au jenem häßlichen Streit zwischen Christiane und Bettina, den Goethe dem „Kinde" nie verziehen hat. Vergeblich sucht Bettina nach bem Tode Christianens die briefliche Wiederannäherung, sendet ihm Haare ber Frau Rat. ein letztes Anbenken ihrer mütterlichen Freundin, teilt ihm ihren Entwurf zu dem Frankfurter Goethe-Denkmal mit. Bei ihrem Aufenthalt in Weimar 1826 ist sie dann dem Dichter auch wieder näher getreten, ohne freilich seine bitterböse Meinung zu ändern mit ber er in einem Brief an Karl August nicht zurückhielt. Einige leichtfertige Aeußerungen Dettinens über Goethes Schwiegertochter kränkten ihn noch in den allerletzten Zähren: sie aber ist ihrer schwärmerischen Verehrung für Goethe stets treu geblieben


