Ausgabe 
14.6.1922
 
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her konfessionellen Erziehung vnn übrigen fordert er Vermehrung der Rerchshilse für die Gemeinden.

215g. Leutheusser (S. Vp.) hält das Ge­setz für notwendig, um die in den verschiedensten Gesetzen zerstreuten Bestimmungen über die Iu- gendwohlfahrtspslege zu sammeln, sieht aber in der Familie die beste Grundlage ber Jugend­erziehung.

Während der Rede dieses 2lbgeordneten kommt es zu einem Zwischenfall. 2lbg. D ä u - mig (11.) sinkt unter lautem Stöhnen zu 'Loden. Die Sitzung wird unterbrochen, während sich 5>rj Moses (11.) um den Kranken bemüht, der von mehreren Abgeordneten und Wienern aus dem Saale getragen wird. Als Präsident Lobe die Sitzung wieder eröffnet, gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß der Anfall, den der schon längere Seit kränkelnde Abgeordnete als Opfer seines übertriebenen Pflichteifers erlitten habe, keine schlimmeren Folgen haben möge.

Die Wciterberatung wird sodann auf Mitt­woch 2 Ahr nachmittags vertagt.

Schluß nach 6 Ahr.

Aus Dem Reiche.

Der preußische Landtag gegen OberschlLfienS Abtrennung.

Berlin, 13. Juni. lWTD.) 3m. preuhi- 1 chen Landtag verlas vor Eintritt in die Tagesordnung Präsident 2cincrt eine ge* meinsame Protest erklärung der Par­tien gegen die gewaltsame 2lbtrennung Ober» schlesiens. Anter lärmenden Zwischenrufen der Kommunisten, die durch lebhafte Rufe des An- willens und Beifallskundgebungen übertönt wur­den, bezeichnete der Präsident die Entscheidung der Dotschafterkonserenz als gegen Ver­nunft und Recht verstoßend. Der Land- tag wisse den scheidenden Oberschlesiern Dank für ihre Treue zum Deutschtum und rufe ihnen zu: In Rot getrennt, aber in Treue vereint.

Unterbrechung der oberschlesischen Uebergabeverhandlungeu.

Berlin, 14. Juni. Wie die Blätter aus Breslau melden, sind die Aebergabederhand- lungen in Oppeln unterbrochen worden, da sich erneut Schwierigkeiten erge­ben haben, die es notwendig machten, daß so­wohl der deutsche wie auch der polnische Be­vollmächtigte sich von ihren Regierungen neue Instruktionen holen müssen.

Die Untersuchung gegen Minister HernreS.

Berlin, 13. Juni. (WTD.) Der Unter» suchungsausschuh des Reichst a g e s stimmte heute in der Angelegenheit des Ministers Hermes über die zum Falle Augustin ge­stellten Fragen ab, ob dem Minister der Vorwurf zu machen sei, daß er nicht zur richtigen Zeit oder in der richtigen Art und Weise gegen Augustin vorging, ferner ob dem Minister der Vorwurf zu machen sei, daß er Augustin zum Abteilungs­leiter ernannte, obwohl er Kenntnis von dessen Verfehlungen hatte. Beide Fragen wurden mit allen gegen eine Stimme bei einer Stimmenthal­tung verneint.

, Der schweizerische Gesandte in Berlin f.

Berlin, 14. Juni. (WTB.) Der schwei­zerische Gesandte in Berlin, Dr. Gustav C a r - l i n, ist gestern abend auf einem Spazier­gange auf dem Königsplatz vor dem Reichs­tagsgebäude plötzlich einem Herz sch läge erlegen. Sofort herbeigeholte ärzlliche Hllfe konnte nur den Tod bestättgen. E a r l r n, der erst vor 12 Tagen seinen Posten in Berlin an­trat, war während des Krieges Gesandter in London und sett 1919 Gesandter im Haag.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 14. Ium 1922.

Wettervoraussage für Donnerstag.

Zeitweise wolkig bis heiter, spater Regen, wechselnde Winde.

Der Tiesausläufer, d« aefiern über de» Nord­see lag, hat sich abarichnuri wob liegt mit seinem Kern heute über Frankreich. Bei feinem Dvr- uberziehen werden wir mit Regenfällen rechnen müssen.

' Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 8. Juni der Lehrer Otto Becker zu Rüddingshausen zum Lehrer an der Vollsschule zu Dillingen, Kreis Gießen.

** Der erste Familien tag der Familie Güngerich fand am Sonntag auf

Dem -MngolfshauS unter starker Beteiligung der Famllienglieder statt: selbst die äußerste Spitze (Königsberg) war vertreten. Die diesmal beson­ders mit dem Stammbaum sich beschäftigende Tagung soll jedes Jahr wiederkehren.

Ihren 80. Geburtstag feiert morgen Frau verw. Funk, Mestanlag^64.

** Vorschriften für Kartoffel- Handel Der Reichsminlster für Ernährung und Landwirtschaft veröffentlicht imReichsanzeiger" eine Verordnung über den Handel mit Lebens- und Futtermitteln, die den Handel mit Kartoffeln vom 1. August ab nur mit besonderer Erlaubnis gestattet. Für Zuwiderhandlung gegen die Verordnung sind Gefängnisstrafen bis zu einem Jahr und Geldstrafen bis iu 100 000 Mk. vorgesehen. Reben der Strafe kann auf Einziehung der Kartoffeln erkannt werden.

** Eine große Tagung der Gabel s- berger Stenographen findet am 1., 2. und 3. Juli in Gießen statt, mit der auch dgs 25jährige Stiftungsfest der Stenvgraphengesell- schast Gabelsberger Gießen verbunden ist. An dem Wettschreiben werden sich viele Hunderte von Stenographen beteiligen. In dankenswerter Weise haben die Behörden und auch eine große Anzahl hiesiger und auswärtiger Firmen Stif­tungen gemacht, so daß die zahlreichen Gäste wür­dig empfangen und den besten Wettschreibem Ehrenpreise erteilt werden können. Die Vor­arbeiten sind so weit gedicHen, daß die ganze Veranstaltung einen gläirzenden Verlauf nehmen wird. Wie aus dem Anzeigenteil ersichtlich, findet am 1.6. Juni eine Hauptausschußsihung statt, zu der sämlliche Mitglieder der einzelnen Arbeits­ausschüsse eingeladen sind.

Heber dass Baden in der Lahn macht das Gießener Polizeiamt erneut bekannt, daß von dem letzten, unterhalb der Pulvermühle gelegenen Badek^vffe an stromaufwärts bis zim sogenannten Schäferbrunnen das Baden in der offenen Lahn (außerhalb der Bade Häuser) sowie das Entkleiden an beiden Ufern verboten ifl. Bei dem Baden in offener Lahn sowie innerhalb der Badeanstalten haben sich die Badenden, falls sie sich nicht in einer geschlossenen Zelle haben, ohne Ausnahme der Badehosen za bedienen. Die Benutzung von Seife, das Waschen - von Klei­dungsstücken innerhalb der Badeanstalten sowie jede sonstige Verunreinigung der Badezellen und Hallen ist untersagt. Die Badehäuser dürfen von Personen, welche nicht abonniert sind oder das Badehonorar nicht bezahlt haben, nicht be­treten werden. In die Fraumbader dürfen Kna­ben nicht mitgenommen werden.

** Müllerffche Badeanstalt. Wasser- Wärme der Lahn am 14. Juni: 16 Grad R.

* Die Astoria-Lichtspiele. Selters­weg, zeigen zur Zett einen außerordentlichen Film, betitelt nach dem bekannten Romane Jule Demes 20 000 Meilen unter See". Die Aufnahmen sind mittels eines patentierten Verfahrens, durch tele- fkopartige Röhren, an der Südküste Floridas her- gestellt worden. Die Beleuchtung des Meeres­bodens geschieht durch hochgradige elektrische Strahlen, in deren Licht das Schauspiel sich ab­rollt. Reben einer sehr guten Handlung genießt man eine außerordentlich klare und feststehende Vorführung. Zwei komische Filme beschließen das Programm.

' Pf osten schau. In unserem gestrigen Bericht war vondurchgeführtem- Material die Rede, wofür es natürlich .durchgezüchtetem heißen muß.

Bornotizeu.

Tages kalenderfürMittwvch: Astoria-Lichtspiele:20 000 Mellen unter See. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Menschenopfer.

Kreis Lauterbach.

Aus dem Kreise Lauterbach, 11. Juni. Zu Ehren der Gefallenen des Weltkrieges wurden dieser Tage wieder zwei Denkmäler eingeweiht, so in Willofs und Rösberts-Weid- mvvS. Bei der Einweihung wirkten Gesang­vereine, Kriegervereine, Schülerchöre und Musllchöre mit. Die OrtSgeisUichen hielten Ansprachen. Beide Ehrenmale sirrd unter Lei­tung deS Regierungsbaurats Pfeiffer- Lauterbach errichtet worden. Auch die Denk­mäler in Reuters, Maar und andere werden demnächst eingeweiht werden.

Kreis Schotten. t

A Gedern, 12. Juni. In der Rähe des Bahnhofs an der Straße nach Merkenfritz erhebt sich allmählich ern neuer Ortsteil. In den letzten zwei Jahren sind hier acht Rrubauten errichtet worden und wettere Wohnhäuser sollen errichtet werden. Auch der rührige Turnverein

will t>tei seine Turnhalle erbaien. 'Man hofft die Bausumme dadurch aufzubringen, daß inneihalb der deutschen Turnerschaft sogenannte Bausteine" verkauft werden.

Starkenburg und Rheinhessen.

rm. Darmstadt, 13. Juni. Der Ein­bruchsdiebstahl in der kürzlich errichteten Zweigstelle der Bezirkskasse in der Infanterie­käfern e tonnte durch die Kriminalpolizei rasch aufgeklärt werden. Es wurden der 25 Jahre alte, bei der Bezirkskasse tätige Obersekretär Karl Schabacker aus Griesheim, sowie der bei dem Versvrgungsamt als Obersekretär angestellte 45 Jähre alte Otto Weimar fefigenommem Der Anstifter ist jedenfalls cvchabacker, der den Schlüs­sel zu dem Kasienfchsrank hatte. Er wußte Weimar zu dem Verbrechen zu überreden. Weimar, der die Verhältnisie kannte, da das Versorgungsami auch in der .gleichen Kaserne untergebracht_ ist. erhielt am Samstag von Schabacker die Schlüssel zum Kassenschrank, drückte am Sonntag mittag eine Türfüllung eilt, nahm in dem Bureau die Schlüssel zum Kassenzimmer und entnahm dann aus dem Kassenschrank eine Kasette, die er öffnete, bei einer anderen machte er einen vergeblichen Versuch, eine dritte ließ er unberührt und eine vierte nahm er mit. Die Beute, die geteilt werden sollte betrug etwa 50006000 Mark in bar, sowie für 155 000 Mari in Schecks. Wan konnte den größten Seil wieder herbeischaffen. Der Vorfall erregt Lier großes Aufsehen

Hessen-Nassau.

Verbrecherische Anschläge aus Die Eisenbahn.

fpd. Frankfurt a. M., 13. Juni. Zum zweitenmal haben verbrecherische Hände bei der Station Rödelheim einen Spann - draht über die Eisenbahngleise gezogen, fer­ner em Vorsignal heruntergelassen und La­ternen ausgelöscht. Als mutmaßliche Täter kommen vier junge Burschen in Dettacht, die sich an der fraglichen Stelle in verdächtiger) Weise herumtrieben. Auf ihre Ermittlung hat die Eisenbahndirektivn eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt.

Aeber eine Million Mark verloren.

* Bad-Homburg, 12- Juni. Ein Amerikaner, der mit einer Frankfurterin einen Spaziergang im Hardtwald unternommen hatte, verlor bei dieser Gelegenheit seine Brieftasche mit ausländischen Banknoten, hauptsächlich amerllanischen, die einen Ge­samtwert von über 1 Million Mark dar­stellen. Obwohl die ganze Gegend sofort ab­gesucht worden ist, konnte die Tasche nicht wieder beschafft werden. Der Verlierer hat jetzt eine Belohnung von 100 0Q0 Mk. auf die Wiederbeschaffung der Tasche ausgesetzt.

In den Tod gelaufen.

Frankfurt a. M., 13. Juni. Ein zweijähriges Bübchen, das mtt seiner Mutter auf der Bergersttahe in einem Gemüseladen einkaufen gegangen war, lief seiner Mutter aus dem Laden davon und btreft in die von Bornheim heruntergekommene Sttaßenbahn hinein. Es geriet unter den Wagen und wurde so schwer verletzt, daß es bald darauf verstarb.

][ Warburg, 12. Juni. Arn Scunstag begannen hier bei zahlreicher Teilnahme die Ver­handlungen des 3. Bezirkstages des Schuh- macher-Fachverbandes für Olaffau. Bei dem gestrigen Obermeistertag hiett der Syndikus des ^irheffischen Handwerkerbundes, Dr. Hart­mann aus Kassel, einen Vortrag über Lebens­fragen des Handwerks, und bei dem heutigen Dertretertag sprach Prof. Dr. med. Müller über Fußanatomie. Ferner verbreitete sich Schüh- machermeister Weber- Darmstadt über denWert der Fachpresse. Mtt dem Derbandstag war auch eine Fachausstellung verbunden.

][ Kirchhain, 11. Juni. Gestern gingen die Verhandlungen des 2 9. Hessisch Wal­de ckischeu Städtetags zu Ende. Vorher hatte unter dem Vorsitze des Landeshauptmanns v. Gehren eine Hauptversammlung des Ver­kehrsverbandes stattgefunden. In dieser wurden nach Erledigung des geschäftlichen Teils bessere Zugverbindungen von Kassel nach Mar­burg, von Kasiel nach Hersfeld, von Kirchhain nach Gemünden usw. angeregt und auch die Er­weiterung des Verkehrs mit Sonntagsfahrkarten gewünscht. Seitens her Vertreter der Eisenbahn wurde möglichste Berücksichtigung der Wünsche zugesagt. Die sich anschließenden Verhandlungen des Städtetages leitete Oberbürgermeister Dr. Antoni- Fulda, als Vertreter des Rasiauischen

Städtetages wohnte 'Bürgermeister Birken» d a h l - Herborn den Verhandlungen bei. Wie aus dem Geschäftsbericht hervorging, gehören dem Städtetag jetzt 61 Städte an. Im Laufe der Ver­handlungen wurde eine Entfchließung ge­gen b i c neue Städteordnung angenom­men. Es folgten eine Reihe Vorträge über Or­ganisation und Finanzierung des Wohnungs­baues, über Finanz- und öteuerfragen, über ge­schäftliche Entlastung der Gemeinden usw. Bei der Vrrstandswahl wurden die Herren Dr. Anton i, Dr. Stolzenberg und Radke wieder- und Rüdiger-Melsungen, sowie Mehrgardt- Melsungen neugewählt. An die Versammlung schloß sich ein" Ausflug nach dem Städtchen Amöneburg.

Giehener StQdttheotter.

Scampolo.

Komödie in 3 Akten von Dario Ri cMCo Demi Gießen, 14. Juni 1922.

Wenn sich jemand der Mühe unterziehen würde, eine Umfrage bei den Besuchern der ge­strigen Aufführung denen das Stück noch nicht bekannt axir, anzustellen, ob das Gehörte ihren Erwartungen entsprochen habe, so möchten wir ihm mit einiger Sicherheit ein überwiegend nega tivcs Resultat Voraussagen In der Tat war der Eindruck, den Dario RiceodemiS Komödie her­vorrief, eine Enttäuschung, aber eine Enttäu­schung im besten Sinne. Titel und Gattungsbe- zeichmmg des Stückes im Verein mit der Um besanntheit des Verfassers hatten bei dem jm- befangenen Zuschauer wohl im voraus einen Re­sonanzboden geschaffen, der auf wesentlich leich­tere Klänge eingestellt 'war als auf den tiefernsten Grundton, der in dem ganzen Werke mitschwingt. Reu ist ja das Motiv mcht, daß ein Mädchen aus einfachsten Verhältnis,en zu höheren sozialen Schichten emporfleigt. aber Riceodemi hat seine Heldin, das zerlumpte Gasienmädel Scampolo, mit so gewinnenden Zügen ausgestattet, dah allein schon diese Gestalt das Stück doch über den Durchschnitt der gleichartigen Dühnenwerke em* porhebt. iinb wie geschickt weiß der Autor feine Heldin in immer Alleres Licht zu stellen durch die Gegenüberstellung mit den übrigen Personen, die auf Grund ihrer Bildung und gesellschaftlichen Stellung auf das Gassenmadel, das feine Rattu> lichkeit nicht verlernen kann, überlegen herab - blicken zu können glauben. Durch die schonungslose Aufdeckung der moralischen Fäulnis in dieser Gesellschaft wird das Werk zu einer scharf gpr schlifsenen Satire, die man leider nur allzusehr für unsere) Zett als treffend bezeichnen muß. Lieber diese stttliche Verderbtheit tröimphteri aber die Idee des Guten und 'Reinen. Ein hvhet Idealismus ist in den Worten ausgesprochen, die Tito Fanti im 2. Akt an Scampolo mit etwa folgendem Sinne richtet: Für jeden Mannmir fügen hinzu: jeden innerlich gesunden kommt einmal die Zett, wo er sich danach sehnt, in der Liebe eines reinen Weibes, dem er Beschütze- und zugleich, wenn nötig, Erzieher in geistiger Hinsicht sein tann, für alle Enttäuschungen unk Irrtümer seines bisherigen Lebens entschädigt zu werden. Mtt der Aussicht auf dieses Glück für die beiden Hauptpersonen schließt das Stück, dessen letzte Worte allerdings doch zu sehr aus den Rahmen der Komödie herausfallen. Doch, abge­sehen von solchen geringfügigen formalen Man geln, ist mit Genugtuung feit^ufteHen, dah hie eine gesunde man muß dieses 'Attribut heut ja besonders erwähnen Idee klar und folge richtig mit unverkennbarer dramatischer Bega­bung durchgeführt worden ist. Der edle Grund» gebaute des Stückes sichert dem italienischen Dich­ter verständnisvolle Aufnahme bei deutschen Zu­schauern.

Die Aufführung selbst hatte unter Adolf Telekys bewährter Spielleitung einen starken Erfolg. Als Träger der beiden Hauptrollen führ­ten sich Karl ßambertin (Tito Fanti) und Marianne Saling (Scampolo) bei dem Gie­ßener Publikum sehr glücklich ein. Karl ßamber- t i n traf sicher den Ton des leichtfertigen jungen Ingenieurs, dessen schlummernde gute Eigenschaf­ten durch die Biebe zu dem unverdorbenen Mäd­chen geweckt werden. Diese seelische Entwicklung wirkte in feiner Darstellung durchaus überzeugend Marianne Saling wurde ihrer schweren Auf­gabe, als Scampolo ein ungebildetes und unver­bildetes Mädchen, das noch halb Kind und schon halb Weib ist, in seiner gesunden Aatürlichkett zu verkörpern, voll und ganz gerecht. Odette Or -- czy, deren Dekmntschaft wir bereits imTenor der Herzogin" gemacht haben, brachte die Ober­flächlichkeit der herz- und gemütlosen Franca zum richtigen Ausdruck. In der sehr kleinen Rolle des unbekannten Herrn war MapMann feine Mög­lichkeit geboten, auf fein Talent Rückschlüsse ziehen zu lassen. Die bekannten Kräfte unseres Gießener Ensembles boten ausnahmslos ihr Bestes. Oskar

Mein Vetter Mus.

Roman von Richard Skowronnek.

10. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

.Den ßototrvier haben die beiden Hackser warm gemacht. Er geht ganz aus sich heraus md prrduziert wirklich ein paar ganz hübsche Sachen, ohne damit jedoch bei Franzens eif einer Ruhe etwas cmszurichten. Der steht wie eingema tert, sein rechter Arm ist das einzige, was sich an ihm bewegt, und in jedem Gange sitzt drüben ein größerer oder kleinerer Spritzer, während ihm noch nicht die Spitze eines Härchens getroffen ist

.Jetzt, sehe ich, kommt die Entscheidung.

Franzens Linke, die hinten Jen Riemen des Paakschurzes hält, ballt sich fester zusammen, seine Gestalt reckt sich noch etwas heraus, und ich sage zu dem neben mir stehenden Ersten bei Roriker: Herr Kartellbruder, paffen Sie auf, jetzt wird abgeläutet!'

Franz schlägt eine Hochquari an, von der ex scheinbar ganz ungedeckt zurückgeht, der ßatointet sieht das offene Loch und läßt sich verleiten, einen tiefen Hieb nachzuschlagen. Das gab ihn in Franzens Hand . .

©dyon auf halbem Wege pariert er den Durchzogenen mit der Klinge und dann, wie :tn Blitz, eine steile Terz daraus, daß die Haare stiebten. Sie saß so lang, als dafür Platz gab; es war Rest I

Der ßatotnier sank unter dem fürchterlicher. Hieb, der ganz unbar tert bincingetonuneii war, fast zusammen. Sein Sekundant griff ihn intet den Arm and erhärte Abfuhr, ohne die Unter­suchung durch den Pattarzt erst aty warten.

Ein Sturm bei Begeisterung ging d ird) dtt Korona, die dem Zweikampfe in atemlose,: Span« njurtfl gefolgt war. Alles drängte sich um Franz,

er mußte hundert Hände schütteln, ein ganz alter Herr umarmte und küßte ihn sogar und erklärte diese Mensur für den größten Genuß seines Lebens.

Weißt du, die sind da unten im Reich über­haupt etwas überschwenglicher als bei uns. Sie küssen sich gleich, wie die Frauenzimmer, und schwören beim sechsten Schoppen Freundschaften fürs ganze Leben. Mir ein bißchen zu rasch und leicht beweglich, aber in ihrer Art prächtige Kerle.

Drüber, auf der anderen Sette flickten unter* dessen zwei Doktoren an dem armen ßatoinier herum, der ganz blaß, aber doch mit Haltung, auf feinem Marterstuhle saß. Der mir Be­stimmte stand neben ihm, und wie ich ihn so mastere und nach seinem Aussehen auf sein Kön­nen taxiere, da schießt mtr mit einemmal -mb ganz unversehens der Gedanke durch den Kopf: das ist Helenens Bräutigam!

Wie ich dazu tarn, weis' ich auf den heu tigen Tag noch nicht, aber als mir der Gedank: erit einmal angeflogen war, fing ich an zu grübeln, und schließlich war für mich überhaupt fein Zwei' sel mehr vorhanden. Weshalb hätte sonst wohl Helene sich so eingehend nach unserer Suite und der Partie erkundigt, die ich fechten sollte?

Die plötzliche Erkenntnis benahm mich so, daß mir ganz schwach wurde. Ich mußte einen Schnaps trinken .mb mireinen gehörigen Ruck gehen, damit es nicht etwa so aussah, als hätte ich am Ende Angst vor meiner Mensur. Trotz oller Anstrengung wollte aber die dumpfe Be­klemmung nicht weichen. Ich stand da, wie geistes­abwesend, und merkte es kaum, daß jetzt der schöne Heinrich gegen den zweiten ßatoinier auf den Plan geführt w-rrde.

5)ie Geschichte dauerte kerne halbe Minute, schon im zweiten Gange, den der ßawinier ganz heimtückisch mit einer Tiefquart eröffnete, war sie zu Ende. Schöne schlug feint ehrliche

Hochquart mit. und zwar so kräftig, daß fein Gegner noch einer zweiten rein Verlangen trug.

Es war affo aus und ich kam an die Reihe.

Ich wurde bandagiert, unb immerfort war mir so, als müsse jeden Augenblick etwas da­zwischen tommen, als könne diese Mensur nicht statffinden.

Man führte mich an den Kreidestrich, drüben auf anderthalb Armslängen stand mein Gegner, ich bekam einen Spieß in die Hartt» gelegt, der ganze Einleitungssermon tönt mir in den Ohren, und tch kann mich noch immer nicht von dem Gedanken losreißen, daß das alles nur Schein ist. daß die Mensur gar nicht statffinden wird.

Da konnnt scharf und laut das Kommando, die Sekundanten duckten sich zurück, and tch sehe drüben einen Spieß hochfliegen. Ich gehe in die Aussage, gerade noch rechtzeitig, um die schaff herausgesetzte Hochquart nicht auf den Kopf zi kriegen, schlage nach, so: kommst nicht heute, tcmmfl morgen, und mir ist, als wenn mir ein Zentncrgewicht am Arm hängt.

Der erste Gang ist zu Ende, tote durch ein Wunder bin ich heil geblieben. Franz tritt von hinten an mich heran und raunt mir ins Ohr: ,ilm Himmels willen, Menschenskind, was ist das^ Rimm dich doch zusammen I'

..Der zweite Gang beginnt, ich spanne meine ganze Willenskraft an, aber es hilft nichts, der Arm ist mtr wie Blei, ich bringe ihn taunt hoch aus dem Achselgetenk. Ich sehe die Quart konv men, steil von oben, bin .tnfähig, sie zu parieren, und taffe sie mir ruhig über den Kopf schlagen. Ein Wunder rwch. daß ich nicht zuckte.

Ich fühle das warme Blut aus den Haaren übers Gesicht laufen, der Paukdoktor wischt an mir hemm, aber mir ist. als ginge das alles nicht mich an. sondern irgend einen Fremden.

Da sehe ich. wie's bet dem ßatoinier in den Augen aufleucbtet. Er verzieht höhnisch den M.ind

und raunt seinem Sekundanten, der ihm die Hals­binde hochzieht, irgenbetne Bemerkung zu. Wie ein Feuerstrom läuft es mtr jetzt durch die Adern, 'eine brennende Wut kocht mir in der Brust em­por: ich sehe nichts als diesen höhnisch lächelnden Mund, und eine jähe Begierde faßt mich, ihl da zu treffen, wo vielleicht noch Helenens letzte Küffe brennen ...

Kaum kann ich das Kommando zu dem neuer Gang erwarten. Als es endlich fällt, schlage ich drein, wie ein Rasender. Ich glaube, ich hab< nie vorher in meinem ßeben mit solchem wilder Ungeftüm gefochten.

Die Sekundanten springen dazwischen, drü­ben sitzen drei, vier Bluffge. fast jeder Hieb, den ich schlug, hat gebiffen. Ich achte gar nicht auf die andern, sondern sehe nur den einen, der ihm quer über die Wange und ßippe bis in den rechten Mundwinkel geht, und aus dem jetzt die roten Dlutpetlen langsam hervorquellen.

Durch die Korona geht ein Rapschen der Verwunderung: man hotte mich nach den ersten beiden Gängen wohl für abgetan erachtet. Ich muß an mich halten, um vor ingrimmiger Freude nicht laut aufzulachen, und fürchte nur, daß es zu Ende ist und sie ihn mir abführen. Der Pautdoktor drüben macht auch ein bedenkliches Gesicht, aber mein ßawinier preßt die Zähjne aufeinonder unb schüttelt mit dem Kopfe. Er will nicht abtreten, sondern deickt nach feiner ersten Quart doch noch etwas herausdzubeißm.

Also sie lassen ihn stehen, es geht Wetter, und ich wieder über ihn her, wie ein Sturmwind- Zwei, bret Hiebe von jeder Sette, und da, jetzt, seine ganze Backe ist frei. Mein Spieß herum, wie ein Blitz, hurra, es hat gesoffen l Der Hieb war so heftig, daß ich in meinem Amr ordentlich einen Ruck verspürte, als er auffah.

c Fortsetzung fotgtJ