Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Die neuen Postgebühren.
Gültig ab 15. Dezember.
Paket, nach dem Landbestellbezirk 90 Mark bzw.
Die wesentlichsten GebüHren, die vvm 15. De» zember 1922 an im Post», Postscheck- und Tele- gxaphcnverkehr gelten, sind folgende:
3m Inlaadderkrhr:
Für Postkarten im Ortsverkehr 5 Mark, im Fernverkehr 15 Mark. — Briefe im Ortsverkehr bis 20 Gramm 10 Mark, über 20 bis 100 Gramm 15 Mack, über 100 bis 250 Gramm 25 Mark; für Briefe im Fernverkehr bis 20 Gramm 25 Mark, über 20 bis 100 Gramm 35 Mark, über 100 bis 250 Gramm 45 Mark. (Für nicht oder unn.eichend frei emache Postkarten und Briefe arirb das Dopp-l.e des F-./- b.trags, mindestens aber ein Betrag von 50 Pf. nacherhoben.)
Für Drucksachen bis 25 Gramm 5 Mark, über 25 bis 50 Gramm 10 Mark, über 50 bis 100 Gramm 15 Marl. üb:r 100 bis 250 Gramm 25 Mark, über 250 bis 500 Gramm 35 Mark, über 500 Gramm bis 1 Kilo 45 QUarE, über 1 bis 2 Kilo (nur für einzeln versandte, ungeteilte Druckbande zulässig) 90 Mark.
Für Ansichtskarten, auf deren Border- scitr Grüße oder ähnliche Höflichleitssormeln mit höchstens fünf Morten niedergeschriebrn si xb, 5 Mark. (Ansichtskarten, die vclteraehende schriftliche Mitteilungen en.h.xlei o.'er btt be.xcn sich Mitteilungen auf de. "Rückseite befinden, unterliegen der Poslkartengebühr.)
Für Geschäftspapiere und Misch- sendungen bis 250 Gramm 25 Mark, über 250 bis 500 Gramnr 35 Mark, über 500 Gramm bis 1 Kilo 45 Mark.
Für Warenproben bis 250 Gramm 25 Mark, über 250 bis 500 Gramm 35 Mark. (Richt freigemachte Drucksachen, Geschäftspapiere und Warenproben werven nicht befördert. Für unzureichend freigemachte Sendungen die'er Arten rj d das Doppelte des Fehlbet a.'eS. mindestens aber ein Betrag von 50 Pf. nachrrhoben.)
Für Päckchen bis 1 Kilo 50 Mark
Für Paketebis 5 Kilo 125 Mark Rahzone, 250 Mark Fernzone, bis 6 Kilo 150 Mark bsto. 300 Maxi, bis 7 Kilo 175 Marr bzw 350 Ml., bis 8 Kilo 200 Mark bzw. 400 Mark, bis 9 Kilo 225 Mark btto. 450 Mark, bis 10 Kilo 250 Mark bzw. 500 Mark, bis 11 Kilo 310 Marl bzw. 620 Mark, bis 12 Kilo 370 Mark bzw. 740 Mark, bis 13 Kilo 430 Maik bzw 860 Mark, bis 14 Kilo 490 Mark bzw. 980 Mark, bis 15 Kilo 550 Mark bzw. 1100 Mark, bis 16 Kilo 610 Mark bzw. 1220 Mark, bis 17 Kilo 670 Mark bzw. 1340 Mark, bis 18 Kilo 730 Mark bzw 1460 Mark, bis 19 Kilo 790 Mark bzw. 1580 Mark, bis 20 Kilo 850 Mark bzw. 1700 Ma:. 3?b tungspakete bis 5 Kilo 60 Marl bzlv. 12 Marl.
Für Wertsendungen (Wer'.b i: und Wertpakete) die Gebühr für eine gleichartig eingeschriebene Sendung und die Dersich.' u xgsge- büchr, die beträgt für je 3000 Mari 20 Manü
Für P o ft a n w e i s u i- a e n bis 100 Mark 12 Mark, über 100 bis 200 Mark 20 Mar! V - 200 Mark bis 500 Mark 30 Ma.-', Übet 5 Marl bis 1000 Mart 40 Mark, über 1000 bis 20« : >-!an 50 Mark, über 2000 bis 5000 Mark 60 Mark, über 5000 Mark bis 20 000 Mark 80 Mari. (Meiftbetrag ist von 10 000 Mark auf 20 000 Mark erhöht.)
Die Einschreibgebühr ist auf 20 Mark, die Borzeigegebühr für Nachnahmen und Po st aufträge auf 12 Mart festgesetzt.
Für die E i l b e st e l l u n g sind b i Borauszahlung zu entrichten nach dem Ortsbestellbezirk 30 Mark für eine Driessen?, ang, 63 Mark für ein
120 Mark.
Für bar eingezahlte Za hl karten bis 100 Mark einschließlich 6 Mark, über 103 bis 200 Mark einschließlich 10 Mark, über 200 bis 500 Mark einlch ießlich 15 Mark, über 502 bis 1000 Mark einsch llßlich 20 Mark, über 1020 bis 2000 Mark einschließlich 25 Mark, über 2003 bis 5000 Work cinsch i,blich 30 Mark, über 5003 bis 20 000 Mark einsch.ieblich 40 Mark, für je weitere 10 000 Mark oder einer Teil dieser Summe 20 OKarf mehr; für bargeldlos beglichene Zahtt arten die- se.br Gebühr, höchstens jedoch 103 Ma'k für eine Zahlkarte: sür Kassenschecks, die bargeldlos be- gli ch.n wcrrton. 1 vvm Taus end des Sch tckbetrags, für Baraus-ahlungen mit Postscheck 5 vom Tausend des Sch:ckbetrags.
Im Telegrap benver kehr sind die wi.' igssin Ge . hre ,ü F rnteleg ammc: Grund* * b..hc 40 Mart, und außerdem ,ür jedes Wort 20 Mar k, für Ortstelegramme: Gruirdgebühr 20 Mark, und auherdem für jedes Wort 10 Mark, für Zustellung bei u genügender Anschrift 30 Mar?, für abgekürzte Te :g am-anfchriftrn jähr- lick' 3023 Mark, sür regelmässige besondere Zu- lic l .117 jähr.ich 3000 Mark, für Borausbezahlu.g der Elldes.ellung (XP) 90 Mark, für Stundung der Telegraphengebühren monatlich 63 Mark, auherdem für jedes Te egrcunrn 8 Mart. Bereut- baiungen über abgelürzte Telegrammanschiriften sowie solche über regelmäßige besondere Zustellung der Telegramme können bis zum 15. Dezember 1922 gekündigt werden.
Die Inlandgebüchren für Bries send ungen, Wertsendungen, Postanweisungen und Pallete gelten auch nach dem Saargebiet (jedoch Pack- chen nicht zugelassen), sowie nach dem Gebiet der Freien Stadt Danzig und dem Wern elgebiet. Die 3nldnbce5üi/ren für Brief- sendungen gelten ferner nach Luxemburg und Oesterreich (Päckchen nach beiden Ländern nicht zugelassen).
Die Anslandgebühren
betragen vom 15. Dezember 1922 ab: Für P o st- karten 50 Mark, jedoch nach Ungarn und Tsck choslowakei 40 Wart. — Für Briefe bis 20 Gramm 80 Mark, jede toeit.tren 23 Gramm 40 Mark (Meistgeeicht 2 Kilo), jrdvch nach Ungarn v Tsch choslowakei bis 20 Gramm 60 Büarr, jeb? weiteren 20 Gramm 40 Mark. — Fü c O >: u cksachen für je 50 Gramm 15 Mark. — Für Geschäftsp apieresür je 50 Gramm 15 Marl, mindestens 80 Mark. — Für Warenproben für je 50 Gramm 15 Marl, mindestens 30 CI?ari. — E i l b e ft el l g eb ü h r für Briefsendungen 160 Mark. — Gins d/, ei ü geb ü h c 20 Mark. — Rückscheingebühr 20 Mark. — Borzeigegebuhr für Aachnahmen auf Briefsendungen (vorn Absender zu entrichten) 15 Mark. — Gewichtsgebühr für Wertkäst - d>< n . je 50 Gramm 30 Mark, mindestens 160 Mari dazu Einschreibgebühr von 20 Mark). — B e r i i che ru ng s g e bü hr für Wecidriefe und Wertlästchan für je 30 000 Mark 50 Mart. — Pvftanweisungsgebühr bis 5000 Mark 50 Maik, über 5000 bis 10 000 Mark 100 Mark, jebc weiteren 10 000 Mark 50 Mark, iedoch nach England, den britischen Kolonien und den britische Postanstalten im Ausland für jede weiteren 10 000 Mark 100 Mark. — Behänd- lungsgebühr für Wertpakete 20 Work. (Dersicherungsgebühr unverändert.) — A a ch - nahmegebühr für Pakete 50 Mark für je 5000 Mark des Rachnahmebetrags.
m. 293 Zweiter Blatt
Deutscher Reichstag.
218. Sitzung, nachmittags 3 Uhr. Berlin, 12. Dez.
Das HauS erledigt zuerst kleine Anfragen.
Sine Anfrage des Abg. Leicht (Dahr.Bpt.) wegen Beschlagnahme von 250 Morgen wertvollen Kulturlandes zur Errichwng von Kasernen und einem Exerzierplatz für die französische Besatzung iw Reustadt an der Haardt wird von
Staatssekretär Walter dahin beantwortet, dah 280 000 Quadratmeter für den Dau von Kasernen und 160 000 Quadratmeter für einen Ererzicrplay angeforbert worden sind. Das formelle Recht dazu könne nicht bestritten werden, doch stehe die Forderung im Widersp uch mit den Auslassungen französischer Regierungs- Vertreter, wonach die Besatzung die deutsche F le- densstärke nicht wesentlich überschreiten sollte. Eine Besatzung von 2200 Mann, wobei noch für die Offiziere und Unteroffiziere vollständige Wohnungen bereitgestellt werden müssen, sei aber für eine Stadt von 20 000 Einwohnern, wie Reustadt an der Haardt, ungehörig. Die Bemühungen Bayerns und des Reiches, eine erhebliche Besatzungsverminderung zu erreichen, seien aber ergebnislos geblieben. Die Regierung erklärte sich bereit, eine Kaserne zp bauen und einen Exerzierplatz an anderer Stelle bereitzustellen. Trotz- oem wurde die Beschlagnahme des angefvrderten Geländes ungeordnet. Ob diplomatische Dorstellungen bei der französischen Regierung überhaupt und noch rechtzellig Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Die Kosten für die Kasernen würden sich auf ungefähr eine Milliarde belaufen. Die Beschaffung der Wohnungen würde etwa 600 Millionen Mark erfordern. Ebenso hoch sind die Ausgaben für die Bauten auf den benachbarten Flugplätzen. Derartige ständig wachsende De- satzu '.gskosten werden wesent ich zur Leistungsunfähigkeit Deutschlands für Wiede rgulmachungszwecke beitragen Den Regierungen der Besatzungsmächte wurden diese Der- hältnisse wiederholt dargelegt. Einen Erfolg haben diese Dorstellungen bislang nicht gehabt. 3n der Pfalz allein bestehen 25 Kasernen für rund 2 3 0 0 0 Mann, also mehr als das Doppelte der früheren deutschen Besatzung. Angefordert sind dafür ein grober Truppenübungsplatz, der weit über eine Milliarde kostet, zwei Flugplätze und zwei große Exerzierplätze, für die hochwertiges Ackergelände abgegeben werden mühte, vier Munitionsdepots und zwei Denzindepots, die rund eine Milliarde kosten und der Landwir.schaft nutzlos wertvolles Gelär.de entziehen. Auherdem sind in Reustadt a. ö. H., Ludwigshafen, Ka serslautern, Lachen, Ludwig r- toiitfel und Macimiliansau Kasnmenneubauten für ru rd vier Milliarden erforderlich. Dazu sind 563 Offiziers- und 338 Unteroffizierswohnungen erbaut und eingestellt worden, während zahllose deutsche Familien unter drückendsten WohnungS- verhältnissen leiden. Zur Zett sind 800 Häuser mit 3700 Zimmern und 781 Einzelzimmer beschlagnahmt. Auherdem sind zahlreiche andere Baulichkeiten in Anspruch genommen, darunter 11 Fabriken, 32 Schulräume und anderes mehr. Die Gesamtkosten ohne die Entschädigungen der Eigentümer belaufen sich auf 8034 Millionen Mark. Wie hoch die Ansprüche der Eigentümer sich stellen werden, läht sich bei der frrt- schreitenden Geldentwertung noch nicht an- näherud feststellen.
Rach Erledigung der übrigen Anfragen wird der verlangte Rachtrayskredll zum Reichshaushalt in allen brei Lesungen angenommen.
Es folgt die zweite Lesung des Entwurfes einer Geschäftsordnung für den Reichstag. Der Entwurf wird nach längeren Ausführungen des kommunistischen Abg. Bartz, die sich gegen den sogenannten Hausknechtpara- ?ravhen richteten, angenommen und wird am . Januar 1923 in Kraft treten. Gegen die Dorlage stimmten nur die Kommunisten.
Es folgt sodann die zweite Lesung des 7. Rachtragsetats beim Rerchswehrministerium, Abteilung Marine. Der Etat wird angenommen, nachdem Abg Stücklen (Soz.) gegen eine zweite 2ll>miralsstelle gesprochen hatte.
Beim Rachtragsetat des Ministeriums des Innern lentt Abg. Frau Behm (Dn.) die Aufmerksamkeit auf di? Zustände im besetzten Gebiet und schildert besonders die Zunahme der Geschlechtskrankheiten unb der unehelichen Kinder. Die Franzosen verlangen die zwangsweise Er-
Die Herweghs.
Eine rechtsrheinische Geschichte von Liesbet Dill.
60. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
Herbert machte ihr auf. „ServuS, Grete," er hatte gedacht, cs wäre der Briefträger, die anderen sahen im Badezimmer um den Kasfeetisch.
Frau von Herwegh stickte an ihrem Gobelin, der rote Schnabel des Pelikans war endllch fertig geworden. Lianes lange Handschuhe hingen gewaschen auf einer Schnur auf gereiht in der Ecke, und auf dem Bügelbrett lagen wundervolle neue Gewänder ausgebreitet.
„Der letzte Dersuch," bemerkte der Lümmel. Liane war im Begriff, nach Amerika zu reifen mit der Tessy.
Liane begrüßte Grete mtt spöttischem Lächeln, das diese kaum gewahrte vor Herzklopfen, denn der schöne Lutz ftand ihr plötzlich gegenüber, er war aus der Sofaecke aufgetaucht. Sr kühte ihr die Hand. „Sieh da, Grete . . .“
Grete wurde von allen Seiten freundlich begrübt, als ob nichts geschehen fei, und bald sah sie am Kaffeetifch unter der hellbrennenden Lampe, die einen grünen Stecknadelschirm trug.
Zwischen ihr und Lutz stand etwas wie eine leichte Verlegenheit, doch Grete war ein Stein vom Herzen genommen. Hier fühlte fie sich daheim Der tyrannifchr Dater liest fie nicht allein ins Kurhaus gehen, noch in den Tattersall, sie durfte nicht einmal nach Frankfurt fahren ins Opernhaus, und das Abonnement hatte er aufgehoben, „weil es jetzt keinen Zweck mehr hatte".
„Sie arme Grete." Die gute Frau von Herwegh, die langsam, aber kunstgerecht ihre Woll- fäben zog, nickte vor sich hin. „Wenn einmal Gras über alles gewachsen ist, dann nimmst du dir eine elegante Wohnung und dann kannst du auch mit mir ins Theater gehen, wir haben ja nichts miteinander gehabt."
rnchtung öffentlicher Häuser. Sei denn die Regierung ganz machtlos dagegen?
Abg. Ko en en (Komm.) wendet sich gegen die Ausgaben für die Polizei Speziell die Reichskriminalpolizei fei nichts weiteres als eine Spitzelei g^en die Kommu/.isten.
Abg. Mumm (Dn.) tritt für ausreichende Erhöhung der Gehälter der Geistlichen ein.
Abg. Bruhn (Dn.) tritt für den deutsch- völkischen Schuh- und Truhbund ein, dessen Tendenz sich noch durchsetzen werde.
Der Etat wird genehmigt, ebenso die Aus- schuhentschliehungen, darunter ehre solche gegen die Bordelle im besetzten Gebiet.
Mittwoch nachmittag 3 chlhr: Gewerbeordnung, Zwangsanleihe unb anderes. Schluß 61/2.
»Du kannst sogar meinen Platz haben.“ sagte Liane, »denn ich -gedenke dieser Welt — so oder so — bald den Rucken $u kehren."
Don Ernst sprach niemand ein Wort.
Als Grete sich endlich entschloß, heimzugehen, begleitete fie Lutz. Sie gingen eine Weile in der nebligen Dämmerung stumm nebeneinander her
»Bist du noch böfe, Grete?" fragte eatlich Lutz.
Der Ton feiner weichen, dunllen, angenehmen Stimme brach ihr bas Herz. Sie begann zu weinen. Hetzt erst kam ihr das volle Bewusttsein, was fie verloren hatte, ihr Unglück ward ihr in ganzer Gröste klar.
„Ach, Lutz, wie hab' ich dich geliebt!"
Er zog ihren Arm unter den feinen unb ergriff ihre Hand Tränen stimmten ihn immer weich. Er konnte so wundervoll trösten.
Eine dunlle Allee nahm fie auf, in der in sehr langen Abstä.xden ein paar trübe Laternen brannten. Zuweilen fuhr ein Lastwagen an ihnen vorbei, in brr Richtung brr Stabt zu, und verlor sich in der Ferne. Rheinau lag hinter ihnen mit feinen Lichtern und weisten Dünsten.
Sie sprachen von vergangenen Tagen und ihrer Liebe.
Don feiner verzweifelten Lage, dem Drängen Goldenbergs, der chn zu einer Verlobung mit seiner Oberstentochter gezwungen hatte, „Unb dann kam der Skandal mit Ernst. Verzeih —“
.0 bitte,“ sagte Grete Sie konnte ja nichts dafür.
»Lind du warst mir ja verloren," fuhr Lutz fort. »Sein Dater hätte es ja nie zugegeben, der hat von einem Herwegh genug.“
„3a. er ist schrecklich geizig,“ sagte die Tochter »Später soll ich mal eine Million bekommen, ohne das von der guten Grvstmama, aber die lebt noch sicher zwanzig Fahre, sie will hundert alt toerben, sie will ins Blatt kommen, sagt fie.“
„Unb so lang konnte ich doch nicht warten,“ fuhr Lutz fort. »Ich würbe mich ja gebulbet
Aus Slaot And Land.
Giesten, den 13. Dezembe: 1922.
** Die Gültigkeitsdauer des oberheffifchen Notgeldes. Das Not- geld der Provinz Oberheffen, dessen Hm» lausSzeit über den 30. November hinaus verlängert wurde, hat, einer Bekanntmachung im neuesten AmtsverkündigungSblatt zufolge, s 0 lange Gültigkeit, bis die Beendigung der Gültigkeitsdauer von der Provinzialdirektion Oberhessen ausdrücklich bekanntgegeben wird.
** Eine hochherzige Spende.Ein auswärtiges Mitglied des Dereins ehemr'i- ger 116er hat für die Kinder der im Welr-
hab.n," er preßte leicht den vollen wr.chen Arm neben sich, „aber Goldrnberg ist nicht so."
Der dunkle Schloßpark #abm fie auf. Sie wanderten engverfchlungen auf den breiten Parkwegen unb verloren sich hx der sanften Dämmerung. Sie sprachen von künftigen Tagen und wic man diese Trennung ertrüge.
»Du wirst mich nie vergessen, nicht wahr, Lutz?"
„Rein," sagte er, „es totrb mir ivenigstens sehr schwer werden "
Er zog sie auf eine Bank, die verschwiegen, von Gebüsch umgeben, in der Dunkelheit stand unter einer grostm efeuumrankten Eiche. 3n den Wipfeln rauschte ter Wind, der vom Rhein her- übeifam. Zwischen box dunklen Wolken kam der bleichr Moxxd hervor unb ergoß sein silbernes Licht über den verlassenen Park.
Hier nahmen sie Abschied.
Niemals war es Lutz so zum Bewußtsein gekommen, was es hieß, eine Dernunftheirctt ein- zugehen. „Aber sieh mal, Grete, die meisten meiner Kameraden müssen es, unb die Fürsten auch. Den Königen werben die Frauen von anderen ausgesucht. Schon aus dem Grmxd möchte ich kein regierendes Haxxpt fein — denn ich kann mir meine Frau wenigstens selbst cnrssuchrn, and es ist reiner Zufall, wenn solche Ehen bann glücklich werden ober nur erträglich . . . denn das Geben ist lang, und man hat auch Pflichten “
Don Pflicht sprach Lutz auf einmal fvviell
Das Wort hatte er früher aehastt. „Die „mariages d’indination" enden auch nicht immer glücklich, Grete, im Gegenteil."
„Rur bei uns wäre das anders gewesen,“ fiel sie ein, „beim mich kennst du, aber Elsbeth Erler kennst du noch nicht. 3n der Ehr verändert man sich, davon kann ich ein Lied fingen “
Sie weinte in feinen Armen. Sie tat ihm leid. „Grete," sagte er, „für dich scheint auch die Sonne wieder einmal. Du bist ja noch so jung.“
Mittwoch, (5. Dezember (922
kriege Gefallenen sowie zur Unterstützung bedürftiger Kameraden die narnhafie Summe von 125 000 Mark gespendet, womit den Bedachten eine WeihnachtSfreude bereitet werden soll.
* Eine Warnung für Arbeitsuchende. Bon unie.r chteter Seite wird uns mitgeteilt: 3n unserer Stadt und Umgegend erhält sich hartnäckig das Gerücht, dah Arbeiter in groster Zahl für einen Bahnbau in Mexiko oder Argentinien benötigt würden und dah an einer bestimmten Stelle in Frankfurt a. M. h erüber nähere Auskunft erteilt würde. Schwn versch.edentlich haben Arbeiter daraufhin Reisen nach Frankfurt a. M. oder Berlin unternommen, h ersür erhebliche Kosten auf* aewendet und dann erfahren müssen, dah an den Erzählungen kein wahres Wort ist. Es wird dringend gewarnt, diesen Gerüchten Glauben zu schenken.
** Die Sonntagsarbeit 1 n den Friseurgeschäften des Kreises Gießen a m 2 4. und 31. d S. M t S. Entsprechend einem Gesuch der Friseur- und Per- rückenrnacher-ZwangS'.nnung hat das KreiS- amt die für den Kreis Gießen für Sonntag, den 24. erteilte Genehmigung zur Ausübung des Gewerbes von her Zeit von 9—12 iUhr vormittags auf die Zeit von 11 Ahr vormittags bis 6 Ht)r nachmittags verlegt. Für Sonntag, den 31., bleibt es bei der gestatteten Zeit von 9 bis 12 Uhr vormittags.
** Evangelischer Bumd. Zu einem Erlebnis, bas zu ernstem Rachbenken zwingt gestaltete sich die Äunbgebung. zu der ber Evangelische Bund auf vorigen Sonntag abend in bi: Zoharrueslirch: geladen hatte. Stark war der Eindruck, bm ber Hauptinhalt des Ab.nxbs, bie Red>e bcs Marburger Professors Dr. R i e b e r - galt machte, unb von nachhaltiger Wirkung auf die Herzen unb bie Geban.eixwelt der Hörer wcuben sicherlich bie Worte fein, bie dort aus glaub.nsstartern Herzen über glauberxsbebenxxtnis- srohe Lipr-en tarnen @in:-n würdigen Auftakt zu di.-fern Höhepunkt ber Deraxrstaltung boten bas Orgel-Dorfpiel des Organisten Habicht bie glänzenden Gesänge der Frau Kinbt-Wieber (Schtlbex-ts »Allmacht" unb bie Arie aus »Messias" „Er wcidet feine Herbe") unb des ftub. theol. Steter (Arie aus „Elias" „Herr Gott Abrahams"). Ue auf ber Orgel feinsinnig begleitet tour» b.n, nur kurz unter brodln von b.m Worten herzlicher Begrüßung, bi? der Vorstand des Evang. Bundes den recht zahlreich Erschienenen entbot. Hierauf sprach Prof. D. Dr. Riebergall in .rußerorbentlich fesselnder, geistig tiefschürsen- ber unb exmst mahnenber Weise über „die gegenwärtige Lage des Protestantismus". In zu Herzen gehe irden, uberz rugeixben Worten zeigte er, in welch großer Rotlage der deutsche Protestantismus sich heute befindet, wie er, der mit dem gestürzten deutschen Kaiserthron eine feiner stärksten Stützen verlor, heute fchwerer denn je zuvor gegen den Strom zu kämpfen hat. Deo Katholizisnxus, ber allerdings auch eine feiner stärksten Stützen, nämlich Oesterreich, verloren habe, fei viel bester über die folgenschwere Um- wälzungszeit hinweggekommen. Das fei dem Umstand zuzuschreiben, daß sich der Katholizismus von jeher stark auf die Führung einer Maste eingestellt habe, während der Protestantismus zwar Exxxzelperscmlichkeiten in großer Zahl heran- bildete, aber dabei nicht die innige Fühlung mit ber Masse erwarb. Stärker als zuvor müsse ber Protestantismus zukünftig in bie Massen getragen werden, namentlich gelte es auch, bie Zugend zu fesseln Reben den Geistlichen habe hier auch bas Elternhaus eine große Mission zu erfüllen, es müsse ausgeprägt protestantisch senken und handeln und in rechtem Glaubenseifer aus bie Kinder ein wirken, ünfere Volksgemeinschaft brauche gerade in dieser schwersten Zeit bas Wirken des aufrechten deutschen Protestantismus In hohem Maße, und so fei bie Arbeit für ihn zugleich auch Dienst an unserem armen Dolke Die jetzige Winterzeit deS Protestaxttismus, so schwer fie auch fei, werde wieder fernem Frühling unb seinem Sommer Platz machen, wenn alle deutschen Protestanten im Geiste Luthers an sich, an ihren Kindern und in ihrem Kreise arbeiteten, dem Protestantismus den heute vielfach abseits stehenben Rachtouchs wieder zu- führten unb alle fest zusammenstänben in treuer G laubensgemein schuf t Rach dieser packenden
Alle diese abenteuerlichen Pläne von Flucht zu Schiff ins Ausland i.x ein neues ungewisses Leben, mit denen sie sich einst getragen, hatten einen bedenklichen Rachgefchmack, fett sie sich der Ausführung so nahe sahen. Und sie beschloffen. als echte Rheinlandsttnder, auf dieser Dank am Rhein, sich in ihr Schicksal zu finben und gute Freunde zu bleiben.
Zuweilen fiel aus den Eichen ein Regentropfen herab und rann wie eine Träne über ihre S)ärxbe.
Grete horte mit geschlossenen Augen zu. Hxxb war es auch nur eine Stunde verstohlenen Glückes, eine solche Stunde wog alles auf!
»Leuchtende Tage —--Sie glänzen wie
ewige Sterne, als Trost für künftige SUage, glühn sie aus goldener Ferne . . ." Es war das letzte Lied, das sie Ernst singen gehört hinter verschlösse- ner THre . . .
»Richt weinen, well sie vorüber, Wchrln, weil sie gewesen —“ Run kann ich davon träumen, dachte sie
•
Man muhte sich wieder einmal um Ernst kümmern, fand Frau von Herwegh. Diese kurzen Berichte des Anstaltsarztes gaben, keinen rechten Einblick in fein jetziges Leben.
Die Mainzer Straß? hatte erleichtert aufgeatmet, dah sich Crnst dem Gefprächsstoffe auf einige Zell entzogen hatte, und die Generalin konnte ihren Bekannten mitteilen, indem sie mit dem Finger dorthin deutete, wo sich anatomisch nachgewiesen das menschliche Hirn befindet: »ES war also doch wie ich es immer schon sagte.“
Er hatte im Gefängnis Balladen gesungen und Ballette komponiert, und Stotter Rickert hatte es ja selbst vor Gcrich offen ausgesprochen. Aber es nahte der Tag, da sich Ernst das 2lu- staltsto'' auftun würde ünb was bann?
Diese Fragen beschäftigten feine Mutter deS Nachts
(Fortsetzung folgt)


