Ausgabe 
13.5.1922
 
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Nr. 112 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhessen) Samstag, 1s. Mai 1922

Die Iwangsanleihe.

Der Entwurf eines Gesetzes über die Zwangsanleihe ist. nachdem er vom Kabinett genehmigt worden ist. nunmehr dem Reichsrat zugegangen. Dort soll er möglichst bald erle­digt werden, damit er schon in allernächster Zeit dem Reichstag vvrgelegt und noch vor dem 31. Mai verabschiedet werden kann. Was den Betrag anlangt, so ist man durch die seit Annahme des Steuerkompromisses weiter fort­schreitende Geldentwertung dahin gekommen, einen Betrag von 60 Milliarden Pa­pi e r m a r k als den aufzubringenden Mindest betrag anzuseyen. Die drei­jährige Un Verzinslichkeit bleibt be­stehen. geht also, da spätestens im Laufe des Oktobers 1922 zunächst die Selbsteinschätzung bewirkt werden muh. bis zum 1. Rovember 1925; in den folgenden fünf Jahren wird sie mit 2*/i v. H., und sodann mit 4 v. 5). ver­zinst. Zur Zwangsanleihe herangezogen wer­den nurdieBermögenüber denBe- trag von 100 000 Mark hinaus. Für die Rentner, die im wesentlichen ihr Ein­kommen aus dem Vermögen ziehen, wird, wenn das Einkommen den "Betrag von 50 000 Mark nicht übersteigt, die steuerfreie Grenze des Vermögens bis auf eine Million Mark erweitert. 3m übrigen ist das Einkommen der Zwangsanleihe nicht unterworfen. Die Zeich­nungspflicht steht in direktem Zusammenhang mit Der Steuerpflicht zur Vermögensabgabe, d. h.' alle diejenigen, die nach den Paragra­phen 2 und 3 des neuen Vermögenssteuer­gesetzes vom 8. April 1922 steuerpflichtig sind (Ausnahmen in den Paragraphen 4 und 5), haben auch die Zwangsanleihe zu zeichnen. Dabei ist für diejenigen, welche bereits mehr als das in dem genannten Gesetz vvr- geschriebene Zehntel des steuerpflichtigen Vermögens als Reichsnotopfer gezahlt haben, vorgesehen, daß der zuviel ge­zahlte Betrag, falte der Steuerpflichtige es wünscht, auf die.Zwangsanleihe in Anrech­nung gebracht werden kann. Sowohl bei der Vermögenssteuer (§ 14 des Gesetzes) wie Jetjt bet der Zwangsanleihe wird bei der erstmali­gen Veranlagung der Stand vom 31. Dezem­ber 1922 zugrundegelegt, wie überhaupt die Vorschriften deS ersten Gesetzes für die Auf­stellung deS DermögenSstandeS maßgebend sind. Reu ist die Form der vorangehenden Selbsteinschätzuna im Laufe des Ok­tobers. Ergibt die endgültige Veranlagung einen geringern Betrag, so wird die zuviel ge­zahlte Summe mit Zinsen zurückgezahlt. Er­gibt sie einen hohern Betrag, muß der Unter­schied natürlich nachgezahlt werden. Rähere Bestimmungen hierüber, soweit sie noch nicht in dem Gesetz selbst enthalten sind, sowie überhaupt über die genaueren Modalitäten wird der Reichsfinanzminister erlassen, sobald das Gesetz vom Reichstag angenommen ist, mithin seine endgültige Fassung erhalten hat.

Deutscher Reichstag.

208. Sitzung, 1 Uhr nachmittags.

Berlin, 12. Mai 1922.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst An­fragen.

Abg. Dr. Herzfeld (Komm.) fragt nach dem Erlaß eines Amnestiegesehes

Sin Regierungsvertreter ertoibert, daß diese Frage erst erörtert werden könne, wenn im Laufe deS Juni die Nachprüfung der Urteile beendet sein werde.

Aus eine Anfrage deS Abg. von Schoch (D. Dpt.) erwidert ein RegierungSvertreter, daß sich der Ueberfall eines marokkani­schen Soldaten auf die 52jährige Ehefrau deS Wachtmeisters Cehrt In Fieiendiey in der Weise abgespielt habe, daß die Frau in der Rahe deS Wafserturms der Eisenbahn von einem Marokkaner niedergeschlagen wurde, der sie zu vergewaltigen versuchte. Don deutscher Seite sei sosort bei der Desatzungsbehörde Anzeige er­stattet worden. Der Täter habe jedoch bisher nicht ermittelt werden können.

Aus eine Anfrage des Abg. Gräf (D.-Ratl.) wegen der großen Anzahl von Juden unter den deutschen Vertretern in Genua wird erwidert, daß bei der Auswahl der Herren die Religions- und Rassenzugehörig­keit des einzelnen nicht geprüft worden sei.

DieSakramentshex.

Roman von Marie Kerschen st einer.

19. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Statt zu antworten, verkroch sich daS junge Ding angstvoll in dem Gestrüpp. Und als er nähertrat, sah er eine zerzauste, dunkle Haarkrone, rotglänzend und schwer, wie aus Bronze, und eine kraftvolle Gestalt, an der jeber Muskel zur Flucht bereit stand.

Hetzt erhob sich das Mädchen. Die Furcht schien plötzlich von ihr gewichen. Finstere Ent­schlossenheit im Gesicht, reckte es den schlank- gewachsenen Leib; kampfbereit, wie ein ange­griffenes Tier. Feindselig bohrten sich die blitzen­den Augen In Heiners Gesicht. Der starrte )em Gegenüber an, wie eine Diston. Roch eben hatte ihn der Anblick der Weide gefangen genommen, aber dies Mädchen da, das war nicht die blü­hende, trotzige Heide ins Me-schliche übersrht 'c Roch nie hotte er ein lieblicheres Frauenantlih gesehen. Freilich hatte er sich bisher wenig mit dem weiblichen Geschlecht bc.a'jt. Hatte immer nur die große Nebensächlichkeit der Schöpfung darin gesehen und seine Schulbücher darüber nicht im Stich gelassen. Aber hättet, die andern ebenso sonnenbraune Wangen gehabt und ebenso kirsch­rot den Mund, er hätte es bemerkt!

Der entschlossene Auid mck auf des Mädchens Gesicht wurde unsicher unter fernem Blick. Ein weicher Zug ließ es Girren Augenblick unendlich jung erschei -en. Aber Trotz und Mißtrauen wisch­ten ihn gleich wieder weg. Halte das Mädchen den Sinn von Heiners Frage nicht gleich ver­standen? Oder hatte es so Ian je gebraucht, sich

Aus eine Anfrage der Deutschen Volks- Partei erwidert der Regierungsvertreter Ge­heimrat Meyer: Rach einer Derordnung der Interalliierten Rheinlandkom- misfion dürfen im besetzten Gebiet draht- lose Telegraphen st atlonen ohne schrift­liche Genehrntgung der Oberbefehlshaber der ein­zelnen Besatzungszonen ntcht errichtet wer­den. Die Technische Hochschule in Aachen hat versehentlich die Genehmigung für ihre lediglich wissenschaftlichen Zwecken bienenben derartigen Einrichtungen nicht eingeholt. Auf eine Anzeige hin ist das ganze bei der Hochschule vorhandene Gerät beschlagnahmt worden. Gegen drei Pro­fessoren ist ferner ein militärgerichtliches Der- fahren eingelettet worden, das noch nicht ab- acschlossen ist. Die Hochschule hat sofort bei der belgischen Desatzungsbehörde um Freigabe der Gerate ersucht. Die Angelegenheit wird weiter verfolgt.

Auf eine Anfrage deS Abg. v. Schoch (D. Dpt.), was die Reichsregierung zu tun gedenke, um die ständig zunehmende Beschlagnahme von Wohnungen und von neuer bauten Wohnhäusern im besetzten Gebiet auf ein erträgliches Maß zurückzuführen, erwidert der Regierungsvertreter, daß entsprechende Derhand- lungen mit der Rheinlandkommission schweben.

Eine weitere Anfrage des Abg. v. Schoch (D. Dpt.) betrifft einen Dorfall, der sich am 12. Qftai bei Landau abgespielt hat, wo eine Touri st engesellschaft von sranzösi- sischen Kriminalbeamten angehalte.» u d gelegentlich der Aufforderung, die Pässe vvrzu- zeigen, geschlagen und angeschossen wor­den ist. Die ganze Gesellschaft sei später verhaftet urtd in das Militärgefängnis abgeführt worden.

Die Antwort des Regierungsvertreters geht dahin, daß über den Dorfall amtliche Erhebun­gen eingeleitet wurden, deren Ergebnis noch nicht vorliegt.

Eine weitere Anfrage des Abg. v. Schoch bringt einen Dorfall zur Sprache, d e r f i ch i n Wahn Ende März d. 3. ereignet hat.

Rach der vom Regierungsvertreter Geheim­rat Mayer gegebenen Darstellung waren abends zwei französische Soldaten In der Wirtschaft von Baum erschienen und hatten erst Dler und Zi­garren, später aber Wein verlangt. Dier und Zigarren wurden verabreicht, Wein verweigert, da keiner im Hause sei. Der als Gast anwesende Bauunternehmer Küster, der etwas Französisch konnte, setzte das den aufgeregten Soldaten aus­einander. Es entspann sich noch ein weiterer Wortwechsel, in dessen Verlauf der eine der Soldaten immer aufgeregter wurde, fo daß Küster mit ihm hinausging, um ihm zum Weggehen zuzu­reden. Unmittelbar daraus hörte man Küster rufen: »Ich bin erstochen!" als man hinauskam, liefen die Soldaten davon. Küster hatte einen Stich in der Brust und starb sofort. Küster ist Dater von fünf Kindern und genoß in der Gemeinde den besten Ruf. Die Untat wurde sofort bei der örtlichen Desatzungsbehörde ge­meldet, die eine Untersuchung cinleitete, deren Ergebnis noch nicht bekannt Ift

Aus eine weitere Anfrage der Deutschen Dolkspartel wird von dem Regierungsver­treter Dr. Mayer mltgeteilt, daß am 31. Januar dieses Jahres ein belgischer Gendarm In der Gast­wirtschaft von Fein in DulSburg die Personal­ausweise der Anwesenden revidierte. Auch ein deutscher Dchuhpolizeibeamter mußte sich ausweisen. Als er um Rückgabe des Aus­weises bat, wurde er von den belgischen Gendarmen zu Boden gestoßen. Als der deutsche Beamte das Lokal mit einer anderen Person verließ, folgte ihnen der Belgier, kam aber dann in das Lokal zurück und verlangte mit vor­gehaltener Pistole von dem Wirt einen Kognak. Darauf forderte er von der 13jährigen Tochter des Wirts ebenfalls einen Ausweis. Ihm wurde erwidert, das Mädchen brauche keinen Ausweis, da es noch keine 14 Jahre alt sei. Der Belgier fuchtelte darauf weiter mit der Pistole herum. ®ie Mutter schickte die Tochter in das Ober­geschoß. Der Belgier zwang jedoch die Mutter mit vorgehaltener Pistole, die Tochter wieder her­unter zu holen. Das Mädchen kam herunter und hängte sich angstvoll an die Mutter. Plötzlich krachte ein Schuß. Der Belgier hatte das Mäd­chen in den Leib getroffen. Er zwang dann die Mutter, das Kind zu entkleiden, um Die Wunde festzustellen. Im Krankenhaus wurde die Wunde als lebensgefährlich festgestellt und eine Operation vorgenommen, an deren Folgen das Mädchen starb. Die Untat tzparde sofort der Desahungs- bchörde gemeldet, die den Täler zu einer mehr- jäh ijen Freiheitsstrafe verurteilte. Die Entschä­digungsfrage wird weiter verfolgt.

Die große Beratung des

Etats des ReichKverkehrsmintsteriumL wird nunmehr fortgesetzt.

$j soffen? Erst jetzt hob es zögernd den Arm und wies stumm die Richtung an, die Heiner zu nehmen hatte.

Mechanisch verfolgten dessen Augrn die Be­wegung der ausgestreckten Hcrnd. Aber bis er die Schru überwunden und den Mut ausgebracht hatte, dem Heidemädel wieder ms Gesicht zu sehen, da war es in dem Gestrüpp verschwunden. Kein Zeichen verriet, wohin es entwichen war. Heiner rieb sich die Stirn. Er hatte doch nicht ge­träumt ? Reim Er sah noch das nlebergetre­tene Gras an der Stelle, wo das Mädchen ge­standen hatte. Wo konnte es sich so blitzschnell versteckt haben? Seine erste Regung war die, sie z-u suchen, ober irgendeine innere Hetnrnung hielt ihn davon ab. Auch begann das Derlangen, end­lich in die neue Heimat zu kommen, mächtig in ihm zu drängen. Er schlug also die Richtung ein, die das Heidemädel ihm angewiesen hatte.

Das romantische Ereignis hatte die Erin­nerung an die ihm voran gegangene Sunde um einiges in den Hintergrund gerückt. Heiner mochte wollen oder nicht, während er dahinschritt, trat immer wieder das süße Müdchengrsicht zwischen seine Gedanken und es flutete dabei eine wohlige Welle über ihn hin, die er bisher nicht gekannt. Und wenn er an den trotzig geschwungenen Mund dachte, mit den blitzenden Zähnen dahinter, dann packte ihn, erschreckend und §inreißsid zugleich, ein tolles Begehren, diesen Mund zu küssen, zu küssen, zu küssen! H indertrnal gewiß drehte er sich unterwegs nach ihr um. Doch was er sah, war nichts als Heide, lauter Heide!

Allmählich wuchte am HaWizont die G'.ebe- lung eines Gebäudes auf, mehr und mehr hob sich das zugehörige Gemäuer empor, und die

Abg. Dr. Qu es sei (Soz.) erklärt, die So­zialdemokratie werde unter keinen Umständen die Reichseisenbahnen einer Aktiengesellschaft von Privatkapitalisten ausliefern, selbst wenn sie nach ihrem vollen Werl bezahlt würden. Der Reichs­verband der Industrie verlange aber in seiner Denkschrift die Reichseisenbaonen geradezu ge­schenkt. Der Hauvtubelstand bei der Eisenbahn sei der große 'j)crforten- und Materialverbrauch. Technische Derbesserungen müßten den Kohlen- und Oelverbrauch herabseyen. Die kommunistische Redensart von den gepeinigten Lohnsklaven der Eisenbahn würde schon dadurch widerlegt, daß von Ostern bis Psiugsten 100 Milliarden zur Aufbesserung der Beamtengehälter bewllligt wor­den seien. Mehr könne man den Steuerzahlern kaum zumuten. Was den Personalabbau an­beträfe, so dürfe nicht nur die Arbeiterschaft be­schränkt werden, es müsse auch bei den Beamten unter voller Wahrung der erworbenen Deamten- rechte ein jährlicher Abbau erfolgen. Redner schließt mit der Erklärung, daß an dem gesetz­lichen Achtstundentag unbedingt festgehalten wer­den müsse.

Derkehrsminister Öner betont nochmals, daß das finanzielle Ergebnis der Eisenbahn;n in diesem Jahre wesentlich günstig »r fei als im Vorfahre. Borberei ungen für die Abwchr eines Streikes bei der Eisenbahn würden mit aller Energie bekleben. Uebrigcnd fei die Eisenbahn an dem Aküenlapital der Schlafwagengeseilschaf- ten start 'beteiligt. Außerdem beschaffe sie auch reichseigene Schlafwagen. Das Gu achten des Reichsverbandes der Industrie nehme er sehr ernst. Das Deschaffungswe en werde nur auf den Gebieten zentralisiert, wo wir zentralisierten Lir- ferungsorganisationen ge^iüber ständen. Reue Reichsbahnen würden zur Zeit nicht gebaut, viel­mehr nur die von den Ländern begonnenen Bauten vollendet. Der Löwenanteil dieser Bauten falle auf Bayern. Weitere Disziplinarverfahren aus Anlaß des Streikes würden nicht mehr eingeleitzt werden.

Abg. Geißler (D. D.) betont, daß leider die gesamte Linke einschließlich der Mehrheits- svzialisten, also eine Regierungspartei, die Auf­fassung vertrete, daß den Beamten das Streikrecht zustehe. Auch werde in jenen Kreisen die Gewerk­schaft als Selbstzweck betrachtet, deren Interessen sogar den Staatsinteressen Vorgehen sollten. Mit solchen Anschauungen könnten toir nie ein pflicht- getreues Msenbachnpersonal erhalten. Als Vor­sitzender des Afa°Bundes gesteht Abg. Aus- häufet (USP.) den ihm unterstellten Beamten kein Strelkrecht zu. Als die Angestellten des der Afa" angeschlossenen Werkmeisterverbandes fl reiften, habe er sie auf die Straße werfen lassen. Welch ein Unterschied zwilchen Theorie und Praxis! Auch die Regierung ist nicht ohne Schuld am Streike. Warum hat sie ihr Versprechen, die Lokomotivführer den Assistenten gleichest eilen, nicht gehalten? Die Satzungen der Gewerkschaften, welche alle gewerkschaftlichen Kampsmittel vor­sähen, also auch das Streikrecht, hätten dem Mi­nister vorgelegen Die Regierung erkennt ja auch die wirtschastssriedlichen Verbände, welche auf das Strelkrecht verzichten, gar nicht als Gewerk­schaften an. Zudem hat der Minister ausgerechnet Herrn Menne als Vorsitzenden der Reichrgecoerk- schaft zum Dienst für diese Gewerkschaft beurlaubt, obwohl Herr Menne 1919 Führer des Eisenbahn- putsches in Erfurt war Der Minister hat sich so bn gewissen Sinne mitschuldig amEifenbahnerstrcik gemacht. Die Sozialdemokratie als Regierungs­partei ist noch höheren Grades mitfck-uldig, denn ihre Führer bejahen das Cßeamtenfl reif recht. Wir ersuchen deshalb die Regierung, bei Durchfüh­rung der Richtlinien doch die größte Milde gegen die am Streik Beteiligten walten zu lassen.

Während der Abg. Dreunig (USP.) noch verschiedenen höheren Beamten vorgeworfen hat, daß sie zu enge Fühlung mit der Schwerindustrie genommen hätten, forderte Abg. Seibert (D.D.), daß in Zukunft wieder nur handwerksmäßig aus­gebildete Lokomotivführer eingestellt werden.

Rach weiteren Ausführungen des Abg. Baarh (Komm.) schließt die Debatte. Das Ge­halt des Ministers wird bewilligt. Angenommen werden ferner eine Entschließung der Unabhängi­gen auf Vermehrung der Fürsorge für erhöhte Betriebssicherheit im Interesse des fahrenden Publikums, sowie eine Entschließung des Zen­trums, Lieferungsverträge möglichst auf der Grundlage der sogenannten gleitenden Preise ab- zuschließen und schließlich auch die Ausschuhent­schließung über Einführung des Vorortverkehrs in den Industriegebieten. Eine Anregung des Abg. Koch (Dem.), Kinderfahrkarten bis zum 14. Lebensjahre auszugeben und bis zum 6. Le­bensjahre freie Fahrt zu gewähren, wird dem Hauptausschuh überwiesen. In der sich anschlie­ßenden Spezialbevatung bringen die einzelnen Redner lotale Wünsche über Dahnbauten vor. Die Einträge des DlldungSausschufses, die Fahrpreis-

Anhöhe, auf der es fußte. Der Beschreibung nach mußte dies des früheren Pfarrrrs Behau­sung, die künftige Wohnung des Lehrers fern. Er riß den Hut vom Kopf und schwenkte ihn der neuen Heimat entgegen. Andere Gedanken dräng­ten sich ihm jetzt auf. Rüsttg schritt er aus, fröhlich Lied am Lied in die Luft schmetternd. Er trat in das neue Geben ein, mit der ersten, ungebrochenen Hoffnung, k.aft feinet zwanzig Oafrre

Zunächst begab er sich in den Krug, um sich zu erquicken. Es war nicht mehr der Walds­ackerer. der ihn führte. Der hatte das Heide­dorf verlassen, nachdem sein Weib dem kleinen Roman rasch nachgestorben war, inb nachdem er selbst eine Zeitlang ebenso reumütig als erfolg­los nach dem Verbleib des Pflegekindes geforscht hatte, das seit jener Kirchweihnacht auf rätsel­volle Weise verschwanden war. Den Krug hatte der Alois getauft, von den Batzen, die die Schlups- line für ihren Einzigen zasammengekratzt hatte. Sie selbst ruhte unter den Hügeln am Wald­rand, wie so mancher andre, der seinerzeit sich um fein bißchen Geben auf der Heide abgerackert hätte. Mit ihr und der Kolath waren auch die abergläubischen Umtriebe im Dorf schlafen ge­gangen, wenn auch der Aberwitz nach wie vor das Erbgut der Heidedörfler geblieben war.

Nachdem der Alois in Erfahrung gebracht hatte, daß der fremde Gast der neuerwählte Schulmeister war, schlug feine ursprüngliche Dienst­fertigkeit in ihr Gegenteil um. Er war ein ge­schworener Gegner dieser Neuerung, besonders seit er wußte, daß die Pfarrburg, auf die er fein Auge geworfen hatte, des neuen Sch ilmristers Wohnung werde» sollte. Im übrigen war das

ermaßtgung für den Besuch des Religionsunter­richts verlangen, werden an den Hauptausschuh zurückverwiesen.

Die Deiterbcvatung wird um 71/» ilfcr auf morgen mittag 12 Uhr vertagt, außerdem Postetat.

Aus Stabt unb Canb.

Gießen, den 13. Mal 1922.

Amtliche Persv na Inachrich- tcn. Ernannt wurde am 6. Mat der Schul- amtöanlvärter Georg Greim and Fränkisch- Crumbach zum Lehrer an der Volksschule zu Erzbach, Kreis Erbach. Erledigt ist die Forst wartet Alsfeld in der Ober­försterei Eudorf vom 1. Juli d. Z. ab. Be­werbungen sind bis Ende d. Mts. bei der Ministerialableilung für Forst- und Kamercll- verwaltung emzureichen.

* Ernannt wurde zum Obersteuersekretär Steuerpraklitant Knauf beim Finanzamt- desheim a. Rh. mit Wirkung vorn 1. April 1922 ab.

* Reichsbahnnetzkarten beabsichtigt das Reichsverkehrsministerium in absehbarer Zeit auszugeben. Sie sollen für die Dauer von 30, 45 und 60 Tagen gelten und für die !., 2. unh 3. Wagenklasse ausgegeben werden. Die Ausgabe­bedingungen stehen im einzelnen noch nicht festz auch nicht die Preisberechnung. Indessen wird, wie das Reichsverkehrsmiuisterium dem Verband reisender Kaufleute Deutschlands auf seine An­frage mitteilt, mit der Ausgabe dieser Netzkarten eine Verbilligung eintreten, insofern, als die Karten für alle Schnell- und O-Züge ohne Zah­lung des Schnellzugszuschlages gelten sollen.

* 3n demF lmDasSpie 1 mit dem Weibe", der bis einschließlich Sonntag im Lichtspielhaus gezeigt wird, hat die bekannte Schauspielerin Lotte Neumann eine dank­bare Rolle gefunden in der Gestalt der jungen Hanna, eines Mädchens aus einfachen Ver­hältnissen, das dem unbeherrschten Leichtsinn eines gewissenlosen Mannes zum Opfer fällt. Wohltuend mildern herrliche Naturaufnah­men im winterlichen Gebirge die Schrecken der Ereignisse und machen allein schon den Film sehenswert.

Kreis Lauterbach.

Lauterbach, 11. Mai. In Dlrlarnen wurde ein Gräberfeld aus der Zeit von 2 0 0 0 vor Christus entdeckt. Zahlreiche Funde an Waffen, Iagdgeräten und Schmuck- fachen machen die Ausgrabung besonders wert­voll.

Kreis Büdingen.

tjrr. Altenstadt 10. Mai. Am vergangenen Montag hielt der hiesige Zweigverein des V. H. C. seine diesjährige Hauptversamm­lung ab. Der Vorsitzende OberamtSrlchter H o s- meyer erstattete den Bericht über das ver­gangene Jahr, der Rechner Iustusekretär P s a f s legte den Rechenschaftsbericht ab. Die Anträge für die diesjährige Hauptversammlung des Ge- famtvereins in Fulda wurden hierauf lm ein­zelnen durchgesprochen. Die Stellung unseres Zweigvereins wurde zu den einzelnen Punkten genau festgelegt. Zu Vertretern deS Zweigver­eins wurden gewählt Lehrer Fleischhauer zu Halnchen uno Oberjust izInspektor Steller zu Altenstadt. Del der Dorslandswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt. Besonders, wurden dabei die Verdienste hervorgehoben, die Oberamtsrichter Hosmeyer als langjähriger Vorsitzender sich um den hiesigen D. H. C. er­worben hat.

hr. Ober-Mockstadt, 10. Mai. Die letzte Brennholzversteigerung im hiestzrn Markwald gab in den erzielten Preis »n ein ge­treues Bild unserer gegmtoärllgen Ee'dmtwer» tung. Denn wer gekommen war in der Annahme, bei der letzten Dersl ttgerung nochbilligeres Holz taufen zu tonnen wie im Frühjahre, war sehr enttäuscht über die Preise. So wurdr für zwer Rm. Buchenscheitholz 2630 Mk., für zwei Rm. Duchenknüppel 1600 Mk. geboten. Viele, die zu taufen gelommen waren, gingen infolg» dieser Preise leer nach Hause.

Kreis Friedberg.

ss. Friedberg, 12. Mai. In der gestri­gen Stadtverordnetensitzung wurde der Plan für die Notstandsmaßnahmen für di e Kleinrentner nach den Vorschlägen der zuständigen Ausschüsse genehmigt. Die Stadt be- abfichtigt, für diejenigen, die weniger als 600 Mk. jährliche Rente haben, und deshalb nach dem Gesetz keine Unterstützung beziehen, eine Alters­hilfe in die Wege zu leiten. Dem Schüyenverein wird auf fein Ersuchen hin genehmigt, daß er für das im Sommer stattfindende Schützen­

ganze Dors der Aenderung abhold, um die nie­mand gefragt hatte, und sie waren sich einmal selten einig in dem Vorsatz, es dem neuen Schul­meister einigen Schweiß kosten zu loffeni

Glücklicherweise war dem Lehrer von Amt- Wegen die Wo'mu^g cmgewi.sen, denn Die Dörf­ler würden ihm schwerllch zu einem Unlertom- men verholfen haben. Auch in dem Küster, der die Schlüssel zur Psarrburg in Verwahr mg hatte, fand Heiner einen übelwollenden Greis, halb- taub und zu Führerdiensten schlecht aufgelegt. Heiner mußte sich bequemen, seinen Einz ig in die Pfarrburg allein zu halten. DaS Torfchloß, in dem feil Jahren tem Schlüssel sich gedreht hatte, gab ächzend nach und er betrat das aus- gestorbene Haus mit Unbehagen. Man hat'.» sich's um den neuen Sch ilmelfler keine Mühe kosten lassen. In den Stuben roch es dumpf und muffig. Mäuse raschelten über die Dielen und über das Spinn Webengewirr überall huscht: flüchtendes Spinnengetier. Alles log und stand da, wo es vor neun Zähren seinen Platz hatte, als Christine gestorben war. Beisplellos ozr- lottert war das Haus, kein Streich war gefchehm, um es einigermaßen wohnlich zu machen.

Heineb fand sich gleid) beim Eintritt in das neue Leben den gröbsten Anforderungen des All­tags gegenübergestellt. Die Erinnerung an den erlebnisreichen Wandertag trat ohne weiteres zurück. Am meisten ging ihm beim Instandsetzen der Wohnung die Hilfe einer Frauensperson ab. Da sich freiwillig keine erbot, ging er tm Dorf von Haus zu Haus. 2lber es zeigte sich, daß jedes der Weiber eine Ausrede hatte, und auS der Art, wie sie sie vortrugen, erkannte Heiner den passiven Widerstand. (Fortsetzung folgt)