Ausgabe 
13.5.1922
 
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Strom von Kapitalien nach Rußlano fließen. Halten die Russen sofort zugegriffen, so roürde die Wiederherstellung ihres Landes sicher unverzüg­lich ihren Anfang nehmen können.

Der erste Teil der russischen Antwort ist polemischer und propagandistischer Aatur. 3d> kann hier nicht auf die Einzelheiten eingehen, die eine Widerlegung erfordert. Ich will nur folgende erwähnen: Man sagt, totr hätten alle Lasten und Opfer den Russen auferlegt und unsererseits nichts tun wollen. Diese Be­schuldigung muh ich zurückweisen. Ich erwähne nur das Beispiel Italiens, das in Ruhland viel 'weniger Interessen besitzt als andere Länder, sich aber trotzdem verpflichtet hat, 400 Millionen Lire beizusteuern, trotz seiner schwierigen Lage. Man hat uns auch vorgeloorfen, wir verteidigten die Interessen der groben Kapitalisten. Wir haben im Gegenteil die Grundsätze des internationalen Rechtes ve t.idigt, so das Prinz p. dah, wnn eine Regierung die Berp.I.chungen ihrer Vorgängerin verleugnet, eine Kontinuität im internationalen Leben unmöglich ist. Wenn die Russen sagen, sie wollten auf die kleinen Besitzer Rücksicht nehmen, so erwidern wir:Was für die Kleinen recht ist, ist für die Drohen billig."

Zusammenfassend sage ich: Dor allem muh das Vertrauen wiederhergestellt werden. Das russische Dokument beschuldigt uns. einen Schritt nach rückwärts getan zu haben. Wenn die Rüssen die Anerkennung der Verpflichtungen ihrer Vor­gängerin ablehnen, nachdem sie zuvor schon versprochen hatten, die Vorkrwgs- schulden anzuerkennen. dann ist das ein viel gröberer Schritt nach rückwärts. Wir können den polemischen Tell des russischen Memorandums nicht annehmen. Aber sein Schluh ist besser als Der Anfang. Er ist in gewissem Grade beseelt vom Geiste der Versöhnlichkeit und des Willens zur Zusammen­arbeit. Das stelle ich mit größter Freude fest. Man schlägt russischerseits die Einsetzung eines Sachverständigenausschusses vor, der die Prüfung der verschiedenen finanziellen Fra­gen, die aufgeworfen worden sind, fortsetzen könnte. Heber diesen Punkt kann ich mich nicht äuhern, weil erst die Mächte gemeinsam die Antwortnote prüfen massen und weil die A '.twort gemeinsam sein muh. In meinem eigenen Damen, int Sternen des Ministerpräsidenten und der ita­lienischen Delegatton erlläre ich: Wir sind der Ansicht, dah es sicher nicht angebracht wäre, die Verhandlungen abzuorechen und die Antwort der Russen ungeprüft zurück^uwellen Wir tonnen es nicht ablehnen, die Besprechungen fortzu­sehen. Ich stelle mit Vergnügen fest, dah der letzte Teil des russischen Dokuments wirllich tröst­lich ist, denn dort spricht die russische Delegatton, toetm auch verstohlen, den Wunsch aus, an der Konsolidierung des Friedens mitzuarbeiten, und das ist auch eine Antwort an die Leute, die den Fehlschlag der Konferenz vorauss agten. Es ist ein Zeichen für den Erfolg dieser Konferenz, wo sich zum erstenmal seit dem Kriege Sieger und Be­siegte am gleichen Verhandlungstisch zusammen- aefunden haben. Diese Annäherung, diese Rück- kehr Ruhlands m das europäische Leben ist ein Erfolg, Uns liegt eine feierliche Erllärung der russischen Delegatton vor: Ich bin sehr zufrieden, zu sehen, dah die Delegatton ihre Teilnahme an der Arbeit des Friedens fortsehen will.

Ich glaube, dah das Werk dieser Konferenz noch nicht beendet ist. Sie muh noch arbeiten für den Frieden, um die Kon­flikte zwischen den Völkern zu beseitigen. Die italienische Politik ist in dieser Richtung feil Kriegsende unverändert geblieben. Es ist eine Politik des Friedens , und der Solidarität ge­wesen. Wir wünschen, diese Politik fortzasetzen und ihren Sieg zu sichern, damit sie die Politik der Zukunft Europas wird. Don Genua muh, bevor die Konferenz ihren Abschluß findet, ein Wort des Friedens und der Garantie ergehens damtt es keinen Angriff zwischen den Völkern mehr gibt. Ich vertraue fest darauf, dah alle hier vertretenen Rationen sich diesem Gedanken an- schließen und an dieser groben Aufgabe Mit­arbeiten werden. Ich rufe die Pressevertreter zur Mithilfe auf. Helfen Sie uns bei diesem großen Werk, verbreiten Sie die Ueberzeugung, dah von Genua der Friede und die Befriedung verkündet werden muh. und Sie werden sich ein Verdienst um die ganze Menschheit ertoorben- haben. (Lebhafter, anhaltender Beifall.)

Auf die Frage eines Journalisten, ob es bereits einen fertigen Entwurf für den Burg­friedenspakt gebe, erwiderte Schanzer: Ein offizieller Entwurf liegt der Konferenz nicht vor. Es ist möglich, dah es offiziös Projekte gibt.

Mehener KonIertverein.

Bruckner: Kroße Messe (Nr. 3).

Giehen, 11. Mai 1922.

Bruckners Große Messe zu einem überzeu­genden Ausdruck gebracht zu haben, ist eine Lei­stung, puf welche der Akademische Gesangverein mit seinem hervorragenden Dirigenten, weiter auch die Stadt Giehen und Provinz Oberhessen stolz fein dürfen. Richt nur darum handelt es sich, die technischen und musikalischen Schwierig­keiten des Werkes zu überwinden, obwohl schon das eine große Aufgabe war. Sondern nur eine von gewaltigem seelischen Sichausgeben beä Lei- ters und vollem Hingebungswillen aller Mit­wick en den getragene Aufführung war im Stande, den Hörer in Bruckners Wett hineinzuzwingen. Die Zurückhaltung, die ein Richtkenner dieser Musik entgegentvagen muß, ist beträchtlich. Es muh wirllich Scheu erwecken, wenn Inhalte, die mit versunkenen Götterschicksalen und mit Rymphenerfchttnungen weniger als nichts gemein haben, in Klängen geboten werden, in welchen ble Gestalt Richard Wagners sich unabweisbar ausdrängt, oder die Märchenwelt Undines uns zu emsangen scheint. Von da bis zu dem Druck- ner-Ellrbnis, dah hier ein gläubiger katholischer Oesterrecher und großer Künstler alle musikalische Ausdrucksschönheit, deren er habhaft werden konnte, zum eigenen Besitz errang, um sie in den Dienst der Glaubensfeier zu stellen, ist kein Seines Stück Weges. Und auf ihm Führer gewesen zu fein, ist eine musikalische Tat.

Richt als ob gar keine Bedenken gegenüber Bruckners Musik verblieben und er ohne allen Abstand den ganz Großen der größten der Künste nachfolgend erschienen wäre. Eine gewisse Ein­tönigkeit in Rhythmik und Degleitungsfiguration wollte nicht ganz aus dem Gesichtsfelde schwinden. Das vielfache Auf- und Abklettern an Ton­leitern ist in der Großen Messe weniger am Platze, als in Bruckners Jugendzeit, da er als Organist sein Spiel auf Tonleitern beschränkte, um feine unzureichende Ernährung zu veranschau­lichen. Mit Formalmusikern wollte Bruckner nie»

Abreiseabfichten der Kleinen Entente".

Paris, 12. Mai. (WTB.) Der Temps" erfährt aus seiner Quelle in Ge­nua: Falls die politische Unterkommission, der durch die vorgestrige .Entscheidung der ein­ladenden Mächte die galizische und die Wilnaer Frage unterbreitet werden soll, über den Rahmen eines rein informatorischen Meinungsaustausches hinausgehe, würden Polen und die drei übrigen Staaten der kleinen Entente die Konferenzver- lassen.

Schweizerische Handelsverträge.

Genf, 13. Mai. (WTB.) In Genua be­gannen. wie die hiesige Presse meldet, Der- han besungen zwischen der schweizeri­schen und polnischen Delegation über den Abschluß eines Handelsvertrages aus der Grundlage der Meistbegünsttgung. Desgleichen traten die schweizerischen Dele­gierten in ähnliche Verhandlungen mit Zugo slawien.

Die Pariser Besprechungen des Rcichsfinanzministers.

Berlin. 12. Mai. Den Blättern zufolge wird der offiziöse Meinungsaustausch zwischen dem Reichsfinanzminister Hermes und der ReparationSkvmmission voraussichtlich a m Montag beginnen.

Der Haushalt zur Ausführung des ^riedenövertragcs.

Berlin, 12. Mai, Der umgearbeitete Haus­halt zur Ausführung des Friedenövertrages, in den wegen der Rote der Reparattonskommisfton vom 21. März für die in ausländischen 'Va­luten zu vergütenden Leistungen ein Umrech- i^ungskurs von 70 statt 40 Papiermart eingesetzt wurde und die mit einer Gesamtsumme von 2261/2 Milliarden abschlieht, ist nunmehr dem Reichs­tag zugegangen.

Die bisherigen deutschen Zahlungen.

London, 12. Mai. (WTB.) Sir Robert Horne teilte gestern im Unterhause mit, daß die deutschen Zahlungen in bar und Warenlieferungen an Pas britische Reich und die Alliierten vom Zeitpunkte des Waffenstillstandes bis zum 21. Dezember 1921 einschließlich der Zahlungen für das Besatz- ungLheer, die Rückzahlung von Vor­schüssen und der Kvhlenlieferungen auf 324 392 800 Pfund Sterling zu schätzen sein.

Die Danziger Verfassung in Kraft getreten.

.Genf, 12. Mai. (WTB.) Der Kommis­sar des Völkerbundes für die freie Stadt Danzig, General H a k i n g, erklärte heute die Verfassung der freien Stadt Danzig als in Kraft getreten gemäß den Be­schlüssen des Danziger VvlkStageS vom 4. April 1922 und Artikel 103 des Versailler Vertrages. Wie erinnerlich, konnte die Ver­fassung bisher nicht in Kraft treten, weil auf die Amtsdauer der Senatoren die bezüglich der Verfassungsänderung notwendige Zwei­drittelmehrheit nicht erzielt werden konnte. Haking ging nunmehr von der Erwägung aus, daß es sich nicht um Verfassungsänderung, sondern um die erstmalige Annahme einer neuen Verfassung handelt und hierfür die not­wendige absolute Mehrheit am 4. April er­zielt worden ist. Damit ist die Verfassung Dan­zigs ab heute vollständig und der Völker­bundsrat wird sich damit begnügen, die Erklä­rung des Kommissars zur Kenntnis zu nehmen.

Die Ueberqabcverhandlungen in Oberschlesien.

Oppeln, 13. Mai. (WTB.) Gestern hat hier unter dem Vorsitz des General Le R o n d eine Vollsitzung der deutschen Delegierten mit den polnischen Delegierten stattgefunden. In dieser Sitzung wurde bekanntgegeben, daß die

mals verglichen werden: aber seinem Schaffen wäre etwas von dem unermeßlichen Formen­reichtum Regers sehr zustatten gekommen Aber diese Dinge traten in den Hintergrund, wie es sich gebührt.

Für die Ausführung, die alles dieses ver­mochte. ist der Dank nächst dem Dirigenten an den Chor and an das Orchester mit Herrn Gör- lach als Orgelspieler za rießten. Wenn zuweilen ein kleiner Wunsch nach Tonausfüklung (das Pas­sus des Chors, der Ausklang im Orchester) blieb, so bedeutete das wenig gegenüber der vorzüg­lichen Wurzelfestigkeit des Chors und dem an­gesichts großer technischer Schwierigkeiten doppelt bemerkenswerten Ausdrucksreichtum der Orchester- leistung. Don den Solisten schien uns der Bassist, Ioh. Willi aus Freiburg l Br., feiner Sache am vollkommensten gewachsen, während die beiden Frauenstimmen (Thilde Walther und Poldi H e y l aus Darmstadt) zu Anfang, und zwar jene mehr in der Höhe, diese in der Tiefe, die eigen­artige und wenig dankbare Aufgabe, in wenigen eingeftreuten Tönen über Chor und Orchester- moffen aufzuleuchten, nicht ganz erfüllten. Mit ihnen half der Tenorist Franz Müller aus Darmstadt durch vornehmen Vortrag den Gesamt- charakter der Ausführung zu wahren.

lieber allem Großartigen der Messe ragte als Mittelpunkt das mächtige musikalische Glaubens- bekenntnis. Hier haben Trautmann und die Seinen ihr Ätztes hergegeben, sie haben nach der Seele des Werkes gegriffen und haben es erreicht, ein unwiederlegliches Zeugnis für Bruckner abzu­legen. In dem Auferstehungs^e'enntnis waltet tatsächlich eine Größe, die hinter der Beet­hovens nicht mehr zurückbleibt. Die metaphysische Gewalt dieser Szene erreicht den Schluß des ersten Satzes von Beethovens Reunter, ja auch die atem­beraubende, schreckungsvolle Gegenüberstellung von Seligkeit und Friedlosigkeit zu Ende der Missa solemnis. Rur daß die Grundstimmung bei Bruck­ner ein grenzenloser Jubel bildet. Bruckner feiert das Auferstehungswnnder: das eine große Glau­benswunder, dessen Bejahung alle anderen Glau- I benssvagen an Maßgeblichkeit zurücksinken lassen

Unterkvmmissionen in allen wesentlichen Punkten des ersten Teiles der Bedingungen für die Uebergabe jueiner Sinigung gelang- t e n. Daraus überreichte Le Rond den beiden Bevollmächtigten den zweiten Teil der Bedin­gungen, welcher die Post- und Eisenbahn» Verwaltung usw. regelt Die nächste Voll­sitzung soll am 18. Mai stattfinden.

Aus dem Äesetzlen Gebiet.

Ein neues Lied vom Rhein."

== Mainz, 10. Mat Del der Festllchkett der Zugendgruppe der Deutschen Dolkspartei in Worms wurdeein neues Lied vvm Rhein" durch Fräulein Heil aus Darmstadt vorgetragen. Das Militärpolizeigericht verurteilte den Vorsitzenden der Zugendgruppe, R. Brehm, zu 6 Tagen Gefängnis, Frt H. in Abwesenheit zu 10 Tagen Gefängnis, den Vor­sitzenden der Mainzer Zugendgruppe ebenfalls zu 6 Tagen. Das Gedicht gehört angeblich zu den im besetzten Gebiet verbotenen Liedern. 'Berufung ist angemeldet. Das Gedicht ist von einem Ausländsdeutschen versaßt und erschien seinerzeit in derTäglichen Rundschau". Davon, daß es im besetzten Gebiet verboten fei, ist dort nichts be­kannt. Vielleicht ist die Interalliierte Kommission einmal so freundlich, ein Verzeichnis derjenigen Gedichte aufzustellen, durch deren Vortrag die Sicherheit der Besatzungsttuppen" gefährdet werden Knute.

SifenbahnernRheinlandsundWest- f a l e n s gegenwärtig eine erregte Stim­mung bemerkbar, die den dortigen Eisenbahner­verband veranlaßte, eine Anzahl Vorstandsmit­glieder dorthin zu entsenden, um zu verhüten, daß von örtlichen Organisationen Seilfi reif g beschlos- fen und durchgeführt werden. Wie die Blätter aus Essen melden, ist auf den Zechen des Dortmunder Bezirkes die Belegschaft vollzählig wieder zum Dienst erschienen. Aus vier Zechen streiken noch Telle der Beleg­schaften.

Die steigende Teuerung.

F r a n f f u r t a .M., 12. Mai. (WTB.) Rach den von Dr. Elsas-Frankfutt a. M. ermittelten und bearbeiteten Indexziffern über hie Kosten der Lebenshaltung einer vierköpfigen Fa­milie am 1. Mai ist die Indexziffer für Frank­furt a. M. von 619 am 1. März d. Z. auf 830 am. 1. Rtei g e ft i e g e n. Dor einem Zahre stand sie' auf 280. Der Geldwert ist mithin innerhalb der letzten 12 Monate fast auf ein Drittel gesunken. Die Kaufkraft der Mark in bezug auf die Lebens­haltung beträgt jetzt noch 3,19 Pfennig. Dr. Elsas hat den interessanten Versuch unternommen, durch Ausprobieren zu einer Formel zru gelangen, Lebenshaltungskosten für zwei Monate annähernd die den ungefähren Geldwert in bezug auf die vorauszubesttmmen vermag. Aus Grund dieser Formel müßte die mutmaßliche Kaufkraft des Geldes in bezug auf die Lebenshaltung für den 1. Zull d. Z. 2,49 Pfennig sein.

Aus dem Reiche.

Reichsralsbeschlüsse.

Berlin, 12. Mai. (Wolff.) Der Reichs­rat nahm den Gesetzentwurf an, der die bis­herige Verordnung über die schiedsgericht­liche Erhöhung von Preisen bei der Liefe­rung von elektrischer Arbeit, Gas- und Leitungs- Wasser dahin abändert, daß eine Berufungs­instanz eingejüjrt wird. Es soll ein besonderer Senat beim Reichs wirtschaftsgericht errichtet werden.

Mit der Prägung von weiteren 200 Mill. Mark in 50-Pfennig-Stücken aus Alu­minium erklärte sich der Reichsrat einverstanden, ebenso mit dem erneuten Beschluß feiner Aus­schüsse, nach dem eine Verteilung von 600 Mill, Mark Entschädigung der Gemeinden für den durch den Wegfall der Besteuerung des Mindesteinkommens erlittenen Ausfall nach Maß­gabe der Dwölkerungszahl vorgenommen werden soll. Angenommen wurde ferner der Gesetzentwurf über die Erhöhung der Verwaltungskostenbeiträge bei Tilgungsdarlehen.

Beratungen des Deutschen Städtetages.

Aachen, 12. Mai. (WTB.) Die Mitglieder des Vorstandes des Deutschen Städte­tages traten, soweit sie in Aachen eingetroffen waren, am Rachmittage im Sitzungssaale des Rathauses zu geschäftlichenBeratungen zufammem In der Frage der Besoldungsausschüsse von Reich und Staat an die Gemeinden sandte: der Vorstand des Deutschen Städtetages an den. Reichsfinanzminister folgendes Tele­gramm:Der Vorstand des Deutschen Städte­tages spricht die bestimmte Erwartung aus, daß zur Milderung der kommunalen Finanznot der Gemeinden der in Würzburg gefaßte Beschluß voll durchgeführt wird, wonach die beschlossenen Defoldungszufchüsse unter allen Umftänben auch für die neuen Desoldungserhöhungen gewährt werden sollen.

Die Fortführung der Kriegsbeschuldigten­prozesse.

Leipzig, 12. Mai. (Wolff.) Das Reichs­gericht hat für die Fortführung der Kriegs- beschuldigtenprozesse den nächsten Ter­min zum 2 8. Z u n i anberaumt Das erste Ver­fahren richtet sich gegen den Arzt Dr. Michel- sohn aus Berlin, der auf Grund der französi­schen Auslieferungsliste der Gefangenen­mißhandlung verdächtig erscheint Michel­sohn soll als leitender Arzt des Lazaretts in Effrh und anderer Lazarette französische Gefangene mißhandett haben. Außer mehreren deutschen Zeugen wurden zu dem Termin vierzehn fran­zösische Zeugen geladen. Die Verhandlungen werden einige Tage dauern.

Erregte Stimmung unter den Eisenbqhnern Rheinland-Westfalens.

Berlin, 13. Mai. (Priv.-Tel.) Einer Kor» respondenzmeldung zufolge macht sich unter den

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 13. Mai 1922.

Die Bevölkerungsbewegung insbesondere die Sterblichkeit in der Stadt Gießen im Jahre 1922.

Vom Kreisgesundheitsamt (Dr. Schüppert) wird geschrieben:

Im Zahr 1921 wurden in der Stadt Gießen von einheimischen Müttern 7 0 4 lebende Kinder (614 ehelich, 90 unehelich) geboren, und zwar 356 Knaben und 348 Mädchen. (1920, waren es 698, 1919 549 und 1918 349 Lebend- geborene.) Auf eine durchschnittliche Einwohner­zahl von 33300 berechnet, kommen 21 Ge­burten auf je 1000 Einwohner (1920: 21°/00, 1919: 16,5°/oo. 1913: lO.S'Voo). Einschließlich der zumeist in der Frauenklinik geborenen Kinder ortsfremder Mütter kamen in Gießen im ganzen 1218 lebende Kinder zur Welt.

Totgeboren wurden im ganzen 48 eheliche und 12 uneheliche Kinder: davon entfallen auf Gie­ßener Mütter 16 eheliche und 6 uneheliche, zu­sammen 22 Totgeburten (27 im Zahre 1920).

Rach den Mitteilungen des Standesamts fanden im Berichtsjahr 360 Eheschließun­gen statt (gegen 491 in 1920, 388 in 1919 und 210 in 1918).

Die Zahl der Gestorbenen betrug im Zahr 1921 einschließlich 387 Ortsfremden, welche in den hiesigen Kliniken und anderen Kranken­anstalten starben, 774, die sich in folgender Weise auf die einzelnen Altersklassen vertcllen:

Jahre Einheimifche Ortsftemde

01

83

55

15

16

26

515

12

16

1530

46

85

Zus.

138

42

28

131

Jahre

30-60

60-70

über 70

zusammen

Einheimische

74

64

92

387

Ortäfreinbe

148

32

25

387

Zus.

222

96

117

774

Don den 387 einheimischen Verstor­benen nur diese sind nachstehend berücksichtigt warm 187 männlichen und 200 weiblichen Ge­schlechts. Auf oben genannte Einwohnerzahl be­rechnet, beträgt die Sterblichkeitsziffer 11,6 pro Tausend (1920: 11,7°/00, 1919: 13,2%o, 1918: 13,70/00-

Geordnet nach den K r a n k h e i t en, die zum Tod geführt haben, fallen 38 Sterbefälle unter den 83 Kindern des ersten Lebensjahres auf angeborene Lebensschwäche, Frühgeburt, Mißbil­dungen u. dgl. (29 in 1920). 44mal ist Alters­schwäche als Todesursache angegeben. Don den 92 Verstorbenen der letzten Altersklasse hatten 27 das 80. und zwei das 90. Lebenjsahr (98 Zahre 6 Monate und 92 Zahre 11 Monate) überschritten.

An Diphtherie starben 2 Kinder im vor­schulpflichtigen Alter: im ganzen waren uns im

mag, seinerseits aber Voraussetzung bleibt für die volle sieghafte Kraft des christlichen Glaubens., Gegenüber der Sprach» von Bruckners Musik bleibt fein Zweifel, kein Deuten, fein Ausweichen: hier spricht einer, der das Wunder glaubt, das geschichtlich erfolgte Herüber greifen der jenfeifigen über Raum und Zeit und Verursachung erhabenen Welt in die diesseitige Gebundenheit wahrhaft glaubt und die ungeheuerliche Bedeutung dieser Tatsache für alles menschliche Glücksempfinden voll erschaut. Wundervoll ist es, wie die Drucknerschen Ewigkeitsquinten hernach bei der refurrectio mor» tuorum abermals ertönen und die Frage aller Religion und alles Menschendaseins, die Frage: Werde i ch leben ? bejahen, vor Wonne erzitternd.

Daß Bruckners Musik, zumal wenn sie nicht mit solchem opfernden Ernst wie in der Gießener Stadtkirche bargeboten wird, nicht leicht aufzu­nehmen ist, läßt sich begreifen. Aber nicht zu fassen ist, wie gegenüber der aus felsenfestem Glauben geborenen tiefen Herzensfröhlichkeit sei­ner Musik das Wort vomkeherfleischduftenden Tedeum" gesprochen werden konnte. Das war eine häßliche Roheit der Reunmalllugen, die am Ende der Dinge doch dem neunmaligen Credo vitam Venturi faeculi Bruckners werden die Ehre geben müssen. * R. H.

Otto Ubbelohde

ist gestern auf dem Dvrffriedhofe in Goßfelden, seinem langjährigen Wohnsitze, von der Dorf­gemeinde und seiner geistigen Gemeinde, von vielen seiner Freunde und Verehrer zur letzten Ruhe gebettet worden.

Die schlichte, vornehme, verständnisvolle Auf­bahrung an seiner Schaffensstätte, in seinem Atelier, in Verbindung mit der tief ergriffenen Trauergemeinde waren kennzeichnend für Ubbe- lohde. Ein verwandter junger Pfarrer war noch in letzter Stunde aus der Ferne herbeigeellt, um dem so sehr geliebten Onkel bezeichnende, treff­liche Worte nachzurufen, die von innigem Ver­ständnis für dessen Persönlichkeit und Schaffen zeugten. Er schilderte die Wahrheitsliebe des

Verstorbenen, feine Innerlichkeit, Lauterkeit und echte Frömmigkeit. Auch fein ganzes Schaffen, sowie fein ganzes Haus, das in vollem Umfang feinen Bedürfnissen und feinem künstlerischen Empfinden Ausdruck verleihe, seien ein getreues Spiegelbild seines innersten Wesens und legten in allem Zeugnis ab von seinem Deutschtum, das ganz besonders in der engeren Heimat Wurzeln geschlagen habe. So führte er uns den Hessen­künstler in des Wortes hehrster Bedeutung vor.

Der Rektor der Marburger Philippsuniver- fität, deren Ehrenbürger Ubbelohde war, tonnte1 den Beschluß der Universität mit teilen, daß ein Sitzungsraum in dem neuen Universitätsgebäude £ mit vielen Zeichnungen des Künstlers geschmückt e fortan dessen Ramen tragen soll zur bauernden Erinnerung der engen Verbindung des Künstlers mit der Hochschule.

Der Oberbürgermeister betonte, daß Ubbe­lohde einen Ehrenplatz im Herzen aller Mar­burger einnähme, wenngleich er nicht nominell Ehrenbürger sei.

Schlichte Gesänge der Dorfjugend und eines Männerchors beendeten die äußerst eindrucksvolle häusliche Feier und der lange Zug, voran die studentische Zug end in Farben und Fahnen, be­wegte sich durch die schone, dem Verstorbenen so Vertraute, Frühlingslandschaft, über die Lahn zum hochgelegenen Friedhöfe.

Am Grabe widmete der Dekan der philw sophischen Fakultät der Gießener Ludwigsuni- versität dem Ehrendoktor innige Worte der Ver­ehrung und Anerkennung und unser Kunsthistori­ker entwarf ein treffliches Bild von Ubbelohde als Künstler und Mensch.

Ein Vertteter der Lehrerschaft Marburgs dankte namens der deutschen Lehrer dem Ge­schiedenen für das bleibende Denkmal, das ei sich selbst in den Herzen der Zugend Deutschlands durch seine prächtigen Zeichnungen für Zugend- und Märchenbücher gesetzt habe Das ist wohl auch die wertvollste Hinterlassenschaft des Künst­lers für das ganze deutsche Doll. L.