Ausgabe 
13.3.1922
 
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rungszustandes wurde das Rathaus von Johannesburg von der dortigen Polizei be­setzt, die die dort aufgesteckte rote Fahne ent­fernt. Andere Polizeibeamte bemächtigten sich der Arbeiterzentrale und beschlagnahmten alle dort befindlichen Papiere und Dokumente. Jn dem Augenblick, in dem der Belagerungszu- zustand verkündet wurde, fanden Kämpfe zwi­schen den Kommandos der Streikenden und der Polizei in Benvni, Springs. Kerakpan und im östlichen Teil des Randgebiets statt.

London, 12. März. Reuter meldet aus Johannesburg vom 11. d. Mts.: Im Laufe des größten Teils des Tages haben erheb­liche Kämpfe stattgefunden. Flugzeuge bewarfen die Abteilungen der Streikenden zweimal mit Bomben. Die Aufständischen, die durch die Bomben getroffen wurden, hatten schwere Berluste. Aus Rache begannen sie in Denvni und Bvksburg Häuser in Brand zu stecken.

Aus dem Reiche.

Kundgebungen in Berlin.

Berlin, 12. März. (WTB.) Das Mit- telstandskartell, das in Berlin etwa 200 000 Mitglieder zählt, veranstaltete heute nachmtttag im Lustgarten eine gewaltige Kundgebung gegen die steuerliche Er­drückung des Mittel st andes. Aus allen Stadtteilen zogen Zehnlausende mit Ta­feln und Plakaten herbei, Redner großer Or­ganisationen und Innungen sprachen von ver­schiedenen Plätzen zu der zahlreichen Menge. Indem die Verwaltung im Reich, im Staat und in den immunen krittsiert wurde, wurde der Schutz des selbständigen Mittelstandes in Handwerk, Handel und Gewerbe gefordert und gegen die neuerliche Belastung durch eine abermalige Erhöhung der Gewerbesteuern Front gemacht.

Zum Schluß der Kundgebung kam es zu einem Zwischenfall. Auf der Museumstreppe erschien ein Trupp junger Leute, der schwarz-weiß-rvte Fahnen mit sich führte. Während ein Teil der Demonstranten die alten Fahnen mit lautem Beifall be­grüßte, gab der andere Teil seinem Mißver­gnügen durch Johlen und Pfeifen lebhaften Ausdruck. Schließlich gelang es den Ordnern, die jungen Leute unter Hinweis darauf, daß es sich hier um keine politische Kundgebung handle, zum Abzug zu bewegen. Unter dem Gesang des LiedesDeutschland, Deutschland über alles" marschierten sie ab.

Berlin, 12. März. (WTB.) Häßliche Szenen spielten sich heute nachmittag im Westen Berlins ab. Eine etwa fünf­hundertköpfige Menge zog mit schwarz-weih-rvten Fahnen vom Wittenbergplatz nach dem Kurfürstendamm. Die Demonstranten johlten, trieben allerlei Anfug und belästigten und schlugen vorüber- geheWe Passanten. Ein Posten der Schutz­polizei war gegen die Menge machtlos, wes- talb dieser Verstärkungen herbeirief. Als etwa 0 Beamte in einem Lastauw anfuhren und Jin Beamter versuchte, den Fahnenttäger fest­zunehmen, riß dieser das Tuch von der Stange lind entfloh. "Die Beamten muhten mehrfach durch Schreckschüsse die Angreifer abwehren. Der flüchtende Fahnenttäger wurde schließlich festgenommen und zur Wache geführt, wo er als ein 20jähriger Friseur festgestellt wurde. Außerdem wurden 10 Personen wegen groben Anfugs und Widerstandes festgenommen.

Die Verdächtigung des Reichsfinanzministers Hermes.

Berlin, 11. März. (Wolff.) Reichs­finanzminister Hermes richtete heute an den Reichskanzler folgendes Schreiben:

Zu den an Sie gerichteten Schreiben der A. S. P. vom 10. 3. beehre ich mich, Ihnen Rachstehendes zu unterbreiten:Wenn in Ge­genüberstellung der Punkte 1 und 3 zu Punkt 2 (Redaktionsvermerk: Die Punktei und3 des Schreibens der A. S. P. bettafen die Wein­lieferungen, Punkt 2 die Zuckerlieferung an den Winzerverband) in dem genannten Schrei­ben die Verdächtigung eines Amtsmiß­brauches ausgesprochen werden soll, so muh ich die Verdächtigung, wie ich dies bereits in der gestern vor meiner Ernennung zum Reichsfinanzminister gepflogenen Anterredung tat, mit aller Entschiedenheit als je­der Grundlage entbehrend zurückweisen. Ich teilte Ihnen schon vorgestern mit, daß ich wegen einer derartigen, in derFreiheit" ent­haltenen Verleumdung Sttafantrag stellte. Das bevorstehende Gerichtsverfahren wird eine vollständige Aufklärung über alle in Be­tracht kommenden Punkte bringen. Ich habe die erforderlichen Schritte unternommen, um eine beschleunigte Durchführung des Verfah­rens zu erreichen."

Die Maßregelungen von Eisenbahnbeamten.

Berlin, 11. März (Wolff.) Rach einer Mitteilung des Reichsverkehrsmini­steriums wurden von den kündbar angestell­ten B e a m t e n der Reichsbahn etwa 250 we­gen schwerer Verfehlungen beim Streik ge­kündigt. Außerdem schwebt das förmliche Disziplinarverfahren zur Zeit gegen etwa 340 unkündbar angestellte Beamte. Bedauerlicher­weise ist die Zahl der Beamten, die nach dem bisherigen Ergebnis der Antersuchung sich schwerer Verletzungen schuldig machten, so groß, wie die gemachten Angaben. Anderer­seits sind die Zahlen geeignet, das Märchen von dem Rachefeldzug des Reichsverkehrs­ministers gegen die Reichsgewerkschaft end- güttg zu zerstteuen. Die Disziplinarverfahren werden, wie der Reichsverkehrsminister von vornherein anordnete, mit größter Beschleu­nigung durchgeführt.

Die Fmanzgerichte.

Berlin, 11. März. (Priv.-Tel.) Heute oormtttag hat im ReichSfinanzministerium eine

Besprechung des neuen Reichsfinanzministers Hermes mit den Präsidenten der den Lan­desfinanzämtern angegliederten Finanzge­richte über ihre Amtstättgkeit stattgefunden. Hermes erklärte in seiner Ansprache, er be- daure, daß die Steuerverwaltung bisher zwar mit allem Rachdruck die Steuerveranlagung zu betreiben hatte, aber nicht in gleicher Weise für den Rechtsschutz des Einzelnen sorgen konnte. Für keine Verwaltung ist es wichtiger, das Vertrauen des Publikums zu gewinnen, als für die Steuerverwaltung. Dies aber kann nur dadurch geschehen, daß durch die Finanz­gerichte dem Publikum ein schneller Rechts schütz zutell wird.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 13. Marz 1922.

Zum Jahrestag der oberschlesischen Abstimmung.

Wir erhalten folgende Zuschrift:

Wenige Tage noch, und ein Jahr ver­gangen seit jener geschichtlichen Abstimmung über das Schicksal Oberschlesiens, an der sich am 20 März 1921 Tausende von Personen beiderlei Geschlechts und fast aller Altersstufen beteiligten. Wir alle, meine oberschlesischen Freunde der Ortsgruppe Gießen, hatten die Ehre, das unsrige dazu beizutragen, damit das Land unsrer Ge­burt dem lieben deutschen Vaterland, uns selbst und vor allem sich selbst erhalten bleibe. Aber trotz der von jedem guten Deutschen so innig er­sehnten Mehrheit, sind wir alle um das Resultat betrogen worden. Ein Ausschuß des sogenannten Völkerbundes war unseren Feinden mehr als uns selbst gewogen und sprach bekanntlich die besten Teile des oberschlesischen Industriegebiets den Polen zu, obwohl sich !in dem Gebiet rein deutsche Städte und Ortschaften befinden.

Seitdem hat sich des deutschen 'Völks und auch der meisten Overscytester der immer noch so wich­tigen Sache wegen eine gewisse Gleichgültigkeit bemächtigt, die einem orientalischen Fatalismus zum Verzweifeln ähnlich sieht. Das sollte nicht sein, ihr lieben deutschen Landsleute, ihr lieben Oberschlesier. Das Interesse an einem so toert- vollen Stück Heimat, das uns ungerechterweise enttissen worden ist, sollte niemals erlahmen und auf unsere Kinder und Kindeskinder vererbt werden.

Am die gute große Sache von neuem im ganzen deutschen Vaterland zu neuem Leben flammender Begeisterung zu erwecken, hat man beschlossen, an dem Iahrestag der Abstimmung, also am nächsten 20. März, bei Gelegenheit der Iahresfeier, zu den Verbänden der Heimattreuen Oberschlesier auch Mitglieder zuzulassen, die nicht in Oberschlesien geboren sind Die Kinder Mittel- und Riederschlesiens sowie im allgemeinen jeder gute deutsche Mensch kann sich von jetzt an zur Mitgliedschaft melden. Wer kann sich einer so verlockenden Gelegenheit, der großen Idee zum entschließlichen Siege zu verhelfen, entziehen?!

Zur Feier des Tages der Abstimmung findet an dem Abend des 20. März im Postkeller eine Versammlung statt, die fich, wie heutige Zusicherungen bereits gewährleisten, zu einer Massendemonstration ersten Ranges gestalten wird Eine überaus rege Teilnahme an der Zu­sammenkunft ist unerläßlich. Mitbürger der schönen deutschen Stadt Gießen, Schlesier und Ober­schlesier, die ihr das Glück habt, hier und im lieben Oberhessen zu wohnen, kommt in möglichst Hellen Scharen zu der Versammlung, um eure Liebe Deutschland und den uns entrissenen Lieben Oberschlesiens zu beweisen!

Dr. F. A Wyneken.

Amtliche Perfonalnachrichlen. Regierungsassessor Jakobh beim Finanzamt Darmstadt-Land wurde zum Regierungsrat er­nannt. Zum Steuerassistenten wurden ernannt' die Militäranwärter Wilhelm Peter beim Fi­nanzamt Offenbach-Stadt. Emil Huno Oskar Ko­ch i n k e beim F.nanzan.1 O fe ba H-Lanö und Karl Kasper beim Finanzamt Dieburg, Steuerbe- ttiebsassistent Karl Hardt beim Finanzamt Se­ligenstadt, die Militäranwärter Ludwig Wilhelm Schmucker beim Finanzamt Friedberg, Eduard Gustav Doenke und Michael Becker beim Finanzamt I Mainz und Ludwig Simon beim Finanzamt III Mainz. Steuerbetriebsdiätar Friedrich P i h beim Finanzamt Offenbach-Stadt wurde zum Steuerbetriebsassistenten ernannt.

** D i e Errichtung einer Scheune s ü r die Veterinärkliniken in Gießen wird im Landtag vom Landesamt für das Bil­dungswesen mit folgender Begründung beantragt; In der Veterinäranstalt zu Gießen sind keinerlei geeignete Räume zum Lagern von größeren Heu- und Strohvorräten vorhanden. Die Bemühungen seitens der Verwaltung, geeignete Lagerräume in nächster oder weiterer Umgebung zu erwerben oder zu mieten, blieben erfolglos. Mit Rücksicht darauf, daß die Futtermittelbeschaffung auf ab­sehbare Zeit sich nicht günstiger gestalten wird und durch den Einkauf der Futtermittel direkt nach der Ernte erheblich gespart wird, ist die Errichtung einer Scheune ein dringendes Be­dürfnis. Zur möglichsten Ersparung an Bau­kosten ist beabsichtigt, eine Baracke aus dem früheren Gefangenenlager von der Stadt Gießen zu erwerben und diese zu einer Scheune umzu­bauen. Rach dem aufgestellten Plan und Vor­anschlag werden die Kosten einschließlich des Be­trags ^s Ankaufs 123 000 Mark betragen, welche in den Staatsvoranschlag 1922 eingestellt worden sind. Da die Scheune bereits bis zur nächsten Ernte in Gebrauch genommen werden soll, muh mit den "Sauarbeiten baldmöglichst begonnen werden.

* Die Eisenbahndirektion Frank­furt a. M. gibt bekannt: Dom 1. April d. J. ab wttd mir noch auf folgenden Bahnhöfen zu den Zügen abgerufen werden: Bad Hom­burg, Bad-Rauheim, Bebra, Betzdorf, Frank­furt a. M. Hb., Fulda, Gießen, Hanau Ost, Haiger, Höchst a. M., ßtmburg. Auf den­jenigen Bahnhöfen, auf denen das Abrufen eingestellt ist, werden in den Watteräumen Schilder mit der AufschriftZum Einsteigen wttd nicht abgerufen", vorgesehen werden.

** Wvchenmarktbericht. Die An­fuhr auf dem Samstag-Wvchenmarkt war reichlich. Die Preise hielten sich mit Ausnahme von Einigen Gegenständen noch auf der alten Höhe. Für Butter betrug der Preis 42 bis

44 Mk. für das Pfund, für Eier 2,503 Mk. für das Stück.

Bornotizen.

Tageskalender für Montag: Astotta-Lichtspiele, ab heute:Das Haus in der Dragonergasse" undVerlogene Moral". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße ab heute:Aus den Akten einer anständigen Frau" undDas un­geschriebene Gesetz".

Gefährdete Iugend. Am Dienstag, 14. März, wird im kath. Vereinshaus Frl. Fnna v. G i e r f e aus Berlin über Jugendwohlfahrt und Familie" sprechen. Der Abend verspricht von besonderem Interesse zu werden, da Frl. von Gierke, die in der Jugendhortbewegung schöpfe­risch gearbeitet hat, einen hervorragenden Hamen in der deutschen Frauenwelt besitzt.

Die Gießener Freiw. Feuer­wehr Hält heute abend chre Monatsver­sammlung ab. (Näheres s. Anzeige.)

Wettervoraussage

für Dienstag:

Wolkig, meist ttocken, kühl, wechselnde Winde.

Das Tiefdruckgebiet Wer der Discaha bringt langsam nordwärts vor und verdrängt das Hoch in nordöstliche Richtung. Wir müssen mit Zu­nahme der Bewölkung rechnen.

Landkreis Gietzen.

= Hungen, 13. März. Endlich nimmt die Frage nach Errichtung einer V e r t e i - lungsstelle des Konsumvereins Gießen am hiesigen Platze greifbare Form an, und der langjährige Wunsch vieler hiesiger und auswättiger Bewohner scheint nunmehr seiner Verwittlichung entgegen zu gehen. In einer von hier und den benachbarten Orten gutbesuchten Versammlung wurde eine Kommission von fünf Mitgliedern gewählt, welche die notwendigen Vorarbeiten überneh­men soll, so daß mit der Eröffnung der Ver- tellungsstelle in einigen Monaten gerechnet werden kann.

Kreis Friedberg.

fpd. Bad-Rau he km, 12. März. Zwi­schen der Hotelbesitzervereinigung und den Rauheimer Aerzten wurde eine Inter­essengemeinschaft gegründet, die den Zweck verfolgt, die lebenswichtigen Interessen der beiden Verbände und auch des Kurottes in jeder Weise zu vettreten.

fpd. Vilbel, 12. März. Am die Mit­glied scha ft im neuen Schulvorstand ist es zwischen den bürgerlichen und der sozial­demokratischen Gemeindevertteterfraktion zu Konflikten gekommen. Die Bürgerlichen for­dern neben ihren bishettgen Vertretern noch zwei Mitglieder in den Schulvorstand und er­klären, daß sie, wenn diese Forderung keine Erfüllung findet, jede Mitarbeit verweigern.

Kreis Wetzlar.

ra. W e tz l a r, 11 März. Einem alten Brauch folgend, soll auch in diesem IW re wieder in unserer Altreichsstadt der Geburtstag des größten Kanzlers, Fürst Bismarck, festlich begangen wer­den. Am 30. März, abends 6 Ahr, findet im Schützengarten eine Bismarck-Gedenkfeier statt, zu der Professor Dr. S ch i a n = Gießen als Festredner berufen ist.

ra. Riederweh, 11.März. Die durch den Geschäftsführer der Deutschen Volkspartei Herrn Beier- Wetzlar einberufene Volksversammlung erfreute sich eines zahlreichen Besuches. Es schloß sich eine rege Aussprache an.

Hessen-Nassau.

mc. Fran kfurt a. M, 12. März. Das Stadtgesundheitsamt weist daraus hin, daß augen­blicklich zahlreiche Schulkinder von einer neuen an st eckenden Hautkrankheit befallen werden, deren Erreger ein mikroskopisch kleiner Pilz ist. Die erkrankten Kinder verlieren das Haar in großen Mengen und werden bei nicht rechtzeitiger Behandlung kahlköpfig. Die Krank­heit wurde bisher noch nirgends beobachtet, zu­mal auch ihre Symptone mit anderen Hautkrank­heiten vollkommen unähnlich sind.

fpd. Frankfurt a. M., 12. März. Die Grippeepidemie in denMonaten Dezember und Januar hat an die Lei­stungsfähigkeit der Ortskrankenkasse gewaltige Anforderungen gestellt. Von 185 000 Mitglie­dern waren an einem Tage nicht weniger als 15 707 krank gemeldet. Die Kasse zahlte im Jahre 1921 nicht weniger als 32V- Millionen Mark Krankengelder aus, in den Monaten Januar und Februar allein 20V2 Millionen Mark. Sie muhte infolge dieser hohen An­forderungen auf ihre Reserven zurückgreifen und einen Teil der verzinslich angelegten Ka­pitalien flüssig machen. Ganz besonders hohe Anforderungen stellte die Familienversiche­rung, für die der Wvchenbeittag auf 5 Mark erhöht werden muhte. In den letzten Tagen haben die Aerzte neue Forderungen an die Kasse gestellt, Die jedoch von derselben abge­lehnt worden sind. Aeber die Forderungen soll ein Schiedsgericht entscheiden.

fpd. Crvnberg, 12. März. Der Wohn­sitz des Pttnzen Fttedrich Karl von Hessen, Schloß Fttedttchshvf, wurde in der Rächt zum Samstag von einer Einbrecherbande heimgesucht, die, soweit bisher ermittelt wer­den konnte, Silbergegenstände von bedeuten­dem Werte stahlen. Auf Ersuchen der Wies­badener Staatsanwaltschaft nahm die Frank­futter Kriminalpolizei die Ermittlung der Ein­brecher auf. Als mutmaßlicher Täter ver­haftete sie noch am SamStag nachmittag den hier wohnhaften 22jähttgen Schlosser Friedttch Krieger. Krieger wurde dem Frankfutter Pvlizeigefängnis zugefühtt.

Schlichtungsausschutz der Provinz Oberhessen.

Sitzung vom 9. März 1922.

Die Webereien in Alsfeld, Lauter­bach und Schlitz, die dem Arbeitgeberverband für die Kreise Alsfeld und Lauterbach angehören, sollen vom 1. März 1922 an Stundenlohnzuschläge zahlen von 2 M. an die Arbeiter und Arbeiter­innen über 23 Iahre bis herunter zu 65 Pf. an die 1416jährigen unter Einrechnung der Zu­lagen, die einige "-betriebe schon freiwillig ge­

währt haben. In den Woll- und Leinenwebereien kämen hiernach die Arbeiter im Zeitlohn auf 10,45 Mk. Stundenlvhn, die Arbeiterinnen auf 7,55 Mk., in den Jutewebereien auf 10 Mk. und 7,25 Mk. Der Grundlohn für die Akkordberech­nung wurde auf 3 Mk. belassen. Die bisherigen Löhne waren ab 1.2.1922 vereinbart.

Dem Deuts chen Transpvrtarbei- terverband und dem Arbeitgeberver­band für Handel und Gewerbe sowie den Vereinigten Fuhrwerksbesihern in Gießen wurde eine Erhöhung der Löhne der Arbeiter und Arbeiterinnen über 20 Jahre um 15 v. H., unter 20 Jahren um 10 v. H. mit Wir­kung vom 3. März 1922 vorgeschlagen. Die Kraft­fahrer bekämen z. B. hiernach 517,50 Mk. Wochen­lohn, die Fuhrleute über 21 Jahre 471,50 Mk. und die Lagerarbeiter über 23 Jahre 448,50 Mk Die bisherigen Löhne galten feit dem 3.2.1922 gemäß Vereinbarung vom 30. Januar 1922. Den Parteien wurde im übrigen aufgegeben, über den Abschluß eines neuen Tarifvertrages zur Rege­lung der sonstigen Arbeitsbedingungeitt-zunächst innerhalb vier Wochen miteinander zu verhandeln.

Den ungelernten Arbeitern und Arbeiter­innen der MolkereiOberhessische Milchzentrale e. G. m. b. H." in "Hieber- Wöllstaot, für die der Transportarbeiterverband den Schlichtungsausschuß angerufen hatte, wurde eine Erhöhung ihres Barlohns um 20 v. H. von der laufenden Lohnwoche an zugesprochen. Aeber etwaige Ablösung der Sachbezüge (Milch) und die sonstigen zwecks Abschlusses eines Tarifver­trages gestellten Forderungen sollen die Parteien zunächst innerhalb drei Wochen miteinander ver­handeln.

In einer weiteren Sache verständigten sich die Parteien.--

Vermischtes.

Don der Eisenbahn überfahren.

Berlin, 13. März. Wie derBerl. Lo­kalanzeiger" aus Bochum meldet, fuhr der Personenzug, der kurz nach 8 Ahr früh von Bochum abgeht, unmittelbar hinter der Station Bochum-Präsident in eine Gruppe Arbeiter, die das Herannahen des Zuges infolge des dichten Nebels nicht bemerkt hatten. Der Rottenführer und vier Arbeiter wurden getötet und mehrere Arbeiter verletzt.

Gießener Konzertverein.

Liederabend: Johanna Hesse und Alexis af Enehjelm. Am Klavier: Gustav Deck.

Gießen, 12. März 1922.

Frau Hesse und Hnr Enehjelm haben sich bereits bei den Darmstädter Operngastspielen in die Herzen des Gießener Publikums hinein­gesungen, und ihre Beliebtheit gab sich in herz­lichstem Beifall kund, der beiden Sängern Einzel­zugaben und ihrem Zusammenwirken eine Wieder­holung des Schlußduetts abrang. Ganz lieh sich der Bühnenberuf der Künstler nicht verhehlen. Ihm wird eine gewisse Anrast des Vottrags zu­zurechnen fein, die sich auch technisch in einiger Schwäche des Hinüberbindens und in ungleich­mäßiger Ausfüllung sowie in Anterwertung be­deutungsvoller, vor allem aber abschließenderTöne auswirkt. In jedem Falle waren die von wärmster Anteilnahme, vornehmer Auffassung und gedie­gener Musikalität erfüllten Vorträge ein hoher künstlerischer Genuß. Das Programm umfaßte ausschließlich Lieder von Fran; Schubert. An­gesichts der mit erlesenem Geschmack aufgereihten Kette von köstlichsten aller Perlen der Liedschöpfung war es nicht leicht, auch nur ein Lied durch ein anderes ersetzt zu wünschen: und tzar einen anderen Komponisten wird schwerlich ein Hörer vermißt haben.

Von den Soprannummern mochte die zuerst geboteneAllmacht" zu sehr nach tieferer Lage oder überhaupt nach der Männerstimme ver­langen, um voll anzusprechen. Dagegen kamen besondersLiebesbotschaft" undIm Grünen" zu entzückender Wirkung, und das einzigartige Auf den Wassern zu fingen dürfte kaum voll­endeter ausgeführt zu denken sein. Verzeichnet schien unsDie junge Rönne": die Gegensätze gewannen keine rechte Gestalt, vor allem auch infolge zu schleppenden Zeitmaßes bei den drama­tischen Partien: im Vorjahre ist dies Lied einer |än sich mehr lyrisch ausgestatteten Sängerin besser geglückt. Der Tenorist hatte sich in der Auswahl vorzugsweise der todestraurigen Ent­sagung Schuberts genähert, die einen tieferen Grundzug von dessen Schassen bildet als die bei oberflächlicher Bekanntschaft entgegentretende Fröhlichkeit. Der Sanger weih sie nachzuempfinden und erschütternd wiederzugeben. Die unheimliche Krähe", der vernichtendeDoppelgänger" und der eigentlichste Schubert: dasWirtshaus" waren hervorragende Leistungen. DerErlkönig" wurde mit vorzüglicher Gestaltungskraft gegeben, schien nur etwas gar zu schnell dahinzugleiten. 3mStändchen" waren die Abschlüsse zu stark ausgettagen. Ein stimmungsvolles Ausklingen waren die schlichten und doch überaus reizvollen Duette.

Am Klavier sah ein seiner großen Ausgabe voll hingegebener tüchtiger Begleitungskünstler. Er spielte mit sicherer Anschmiegsamkeit und sehr anzuerkennender Deutlichkeit dies nicht ohne Ausnahmen, insbesondere inGretchen am Spinnrad" und trat herzhaft hervor, wo die prachtvollen Kompositionen es fordern. R. H.

Hessischer Evangelischer Landeskirchentag.

rm Darmstadt, 12. März. Die Beratun­gen begannen am Samstag unter dem Vorsitz des Präsidenten Dr. v. Diehl um 3/4g Ahr, nach­dem Pfarrer Kleeberger das einleitende Ge­bet gesprochen hatte.

Zunächst wird als § 48 a der neuen Verfas­sung eine Bestimmung fesigelegt, welche die Ein- berufung der Kirchengemeindevertretungen, ihre Vorbereitung und Leitung, sowie die Einberufung etwaiger Kirchengemeindeversammlungen betrifft. Abg. K a h l i ck begründet diese Aenderung mit dem Hinweis auf die Wichtigkeit dieser Fragen. Abg. W a i h gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß es im Derfassungsausschuh nicht gelungen ist. die obligatorische Einführung der Gemeindever­sammlungen durchzubringen, während man in Sctchsen trotz der dortigen viel schwierigeren Lage sich nicht gescheut hat, in der Verfassung diese Einrichtung festzulegen. Schon die ältesten Kir­chengemeinden hatten derartigcGemeindeversamm- lungen. Die Gemeindeversammlung muh und wird kommen. Abg. Wahl- Schlitz beantragt, die Ge­meindeversammlungen durch ein besonderes Statut