Ausgabe 
12.4.1922
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Mittwoch, <2. April 1922

Nr. 87 Zweites Blatt

Aus der Beamtenbewegung.

Von der Skntldyiationalen Dclkspartei wer­den wir uni 2lbbrud sollender Zellen gebeten:

Die Deutschnalionale Bearnteirschaft hat am 15. März ds. ZS. im groben Saale der Berliner jtammctfäk' nach Dori ragen der Deichstagsabge­ordneten Berndt und Deqle^ck sowie des Landtags» abgevrdneten Haseloff folgende Entschließung ein­stimmig angenommen:

1. Angesichts der ungeheueren Schädigung unseres Vaterlandes und der schweren Gefährdung des Deruisbearnleittums durch den ^ebruarftrcil der Eisenbahnbcamt m rich.e! die Deulschnaiionale Bsarntenschuft an alle d.ullchnationalen Dram en und Deamtinnen die eindringliche Ditte, mit allen Kräften dahin zu wirken, dah der mit dem Berufs- beamtcntum unvereinbare Streikparagraph aus ollen Satzungen von Deamtenorganisationen schleunigst beseitigt wird.

2. Die Deutschnationale Beamtenschaft erachtet die laut Mitteilungen der Tagespresse deabsich- tigte Aeuregelung der Beamtengehälter für nicht der sprungweise vorgeschrittenen Teuerung ent­sprechend. Das Haupthindernis einer auskömm­lichen Regelung der Beamtengehälter sieht sie in der Erfüllungspolitik der "Regierung sowie darin, bab seit dem Rovember 1918 eine Unzahl neuer Behörden und Verwaltungen mit groben Beamtenlörpern geschaffen worden ist und dah die neugeschaffenen Stellen vielfach zum Einschub bisher nicht beamteter Strafte unter Richtberück' sichtigung der qnderweü verfügbar gewordenen Beamten und Wartegeldempfänger benutzt worden sind.

3. Die Deutschnationale Beamtenschaft erhebt schärfsten Einspruch gegen die offensichtlich.' Durch­löcherung der durch Artikel 129 der Deichs Ver­fassung vom 11. August 1919 als unverletzlich gewährleisteten wohlerworbenen Rechte der Be­amten durch.

a) Den dem Reichstag vorliegenden Entwurf eines Pensions-Kür;ungsgesetzes (Reichs- tagsdrucksache Dr. 3127), dem der Reichstag seine Zustimmung versagt hat, da er Art. 129 der Reichsversasiung verletzt.

b) Den dem Reichstag vorliegenden Gesetzent­wurf über Verwendung von Wartecieldemp- sängern (Reichstagsdrucksache Rr. 3o49), wel­cher eine grobe Anzahl verdienter Beamten ohne jedes Verschulden zu Beamten 2. Klasse herabseht. indem er entgegen § 23 und 28 des Reichsbeamtengesetzes den Wartegeldemp- sängern und auch den aktiven Beamten in den noch abzutretenden Teilen des Reiches die Verpflichtung auferlegt, bei Verlust des Wartegeldes bzw. des Dienstcinkommens auch Aemter von geringerem Range und Gehalt anzunehmen und die entsprechenden niedrige­ren Amtsbezeichnungen unter Verlust der bis­herigen höheren zu führen.

c) Die Ausführungsanweisung des preußischen Finanzministeriums vom 20. De-ember 1921, welche das Wartegeld der auf Grund des tz 1 der Verordnung vom 26. Februar 1919 mit den vollen pensionsfähigen Stellenbezügen für die ersten fünf Jahre in den einstweiligen Ruhestand versetzten Beamten vor Ablauf des fünfjährigen Zeitraums auf 3/4 kürzt.

Die Deutschnationale Beamtenschaft sieht in diesen wiederholten Eingriffen in die durch Ar­tikel 129 der Reichsverfassung für unverletzlich erklärten wohlerworbenen Rechte der Beamten die einleitenden folgeschweren Schritte zum planmäßi- gen Abbau des Derufsbeamtentums. Sie ersucht daher die deutschnationalen Fraktionen im Reichs­tag und im preubischen Landtag, den vorliegenden Gesetzentwürfen insoweit ihre Zustimmung zu versagen, die Wiederaufhebung der bereits in Straft getretenen Ausführungsbestimmung des preubischen Finanzministeriums herbeizuführen und für eine den Teuerungsverhältnissen ent- sprechende Regelung der Beamtengehälter mit allem Rachdruck einzutreten. G. D.

Aus Hessen.

Die Kohlenproduktion in Hessen.

Die monatliche Statistik der Kohlenprv- duktion im Bolksstaat Hessen weist für den Monat März 1922 folgende Zahlen nach: An Rvhbraunkohlen wurden gefordert 50 421 Ton­nen, verkauft wurden davon 20 407 Tonnen; der größte Teil der Rohkohle wurde weiter verarbeitet oder war zur weiteren Derarbei- tung bestimmt. Aus den verarbeiteten Roh­kohlen wurden neben Schwelereiprodukten er­zeugt: 1570 Tonnen Braunkohlenbriketts. Außerdem wurden in Hessen erzeugt 7135 Tonnen Steinpreßkohlen. Unter Berücksichti­gung der aus den Dvrmonaten übernomme­nen Bestände, sowie des Absatzes und Selbst-

Vie Pforte des Paradieses.

Roman von Zngeborg Bollquartz.

Bered)tigte Ueberfefcung aus d m Dänischen.

33. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Die nächste, an die Frau Inger eine Bitte richtete, war Tante Rora, und es ist nicht zu leugnen, bab dieser Schritt sie grobe Heber- Windung kostete, denn sie hatte die Halbschwester ihres Mannes noch niemals um etwas gebeten. Es war dies nicht, weil sie an Roras Bereit- willigkeit, ihr eine hilfreiche Hand zu reichen, gezweifelt hatte, aber es ist nicht jedermanns Hand gleich fein und edel manche Hand jft merkwürdig butt und kalt anzurühren.

Schon am Tage, nachdem Hauptmann Borris erkrankt war. hatte 3nger ihrer Schwägerin einen Brief geschickt, in dem sie ihr mitteilte, daß das Geld verloren und datz ihr Bruder schwer krank sei, und daß sie selbst so schnell als mög­lich mit ihr reden möchte.

Sine Stunde, nachdem Rora diesen Brief er­halten hatte, stand sie auch schon vor der Flur- tür und klingelte. Mogens tarn heraus und lieb sie ein.

»Ditte, geh ins Wohnzimmer. Tante Rora," sagte er leise. »Ich will Mutter rufen.

»Du siehst so sonderbar aus, Mogens," sagte Tante Rora. »Ist dein Vater wirllich so schwer krank?"

3a," erwiderte Mogens und bib die Zähne zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen, und sobald er die Tür zum Wohnzimmer auf- gemacht hatte, eilte er rasch davon.

Tante Rora sah ihm verblüfft nach Sollte

Verbrauchs verblieben am Monatsschluß ab­satzfähig: 6778 Tonnen Rohkohlen, zusam­men 6778 Tonnen Braunkohlen und Braun­kohlenprodukte im Gesamtwert von 1 635 067 Mark.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 12. April 1922.

** Postkarten und Drucksachenkar- teir. Bei der Herstellung von Pottkarten und Drucksachen in Kattensorm sind bisher die Vor- sch älten der Postordnung, wonach mindestens die rechte Hälfte der Aufschriftseite von allen sich nicht auf die Beförderung be testenden Angaben frei sein muß. häufig unbeachtet geblieben Die Angabe des Absenders gilt nicht als Beförde­rungsangabe im Sinne dieser Postordnungsvvr- schrift und darf daher ebenfafld nicht ganz oder tellweise auf der rechten Hälfte der Äussch iitlei e angebracht sein. Um den vielfach aus Versender- Ireifen geäubeiten Wünsch n entgegenzukommen, hat das Reichspostministermm nau^.egtben. daß vorhandene Bestände an Karten mit über die ganze obere Außenseite gebrudten Absenderan­gaben ausnahmsweise noch bis zum 30. Sep­tember 1922 aufgebraucht werden dürfen, sofern die Deutlichkeit der Anschrift sowie die Anbrin­gung "ber dienstlichen Vermerke im allgemeinen rächt beeinträchtigt ist. Den Versendern und Her­stellern von Postkarten und Drucksachen wird drin­gend empfohlen. bei Reuanschaf.ringen die Vor­schriften der Postordnung genau zu beachten, da vom 1. Oktober 1922 an Karten, die bi Jen Vor­schriften nicht entsprechen, aus betriebsdienstlichen Gründen von der Beförderung ausgeschlossen werden.

** Ausländische Zündhölzer w rden jetzt zur Einfuhr nur noch zugelassen, wenn ihre Bezeichnung den steuergesehlichen Anforderungen genügt 1917 waren die Zollstellen ermächtigt worden, steuerpflichtige Zündhölzer auch sonst zuzulassen. Der Reichsminister der Finanzen hat jetzt foiefe Ausnahmevorschrift aufgehoben. Die Packungen müs en wieder die vorgeschriebene Be­zeichnung haben. Die Reste mit u rvorschrifts- mäbiger Dezeichmrng Werder noch einig: Zeit im Verkehr anzutreffen sein. Bei dem Aufbrauch derartiger Zündhölzer sollen keine Schwierigkeiten gemacht werden, falls nicht ein begründeter Ver­dacht besteht, dah es sich um nicht vorschriftsmäßig verzollte und versteuerte Ware handelt.

Landkreis Gies;cn.

-Heu chelheim, 11. April. Hier sprach Professor Sch larb von per Li ga zum Schutze der deutschen Kultur über die Schicksalsstunde des deutschen Volkes". Das Hauptmotiv seiner Ausführungen legte der Redner auf die sittlichen Zustände in der Ge­genwart. Klar und scharf zeigte er die Män­gel, aber auch Wege zur Besserung. Der treff­liche Bortrag brachte der Ortsgruppe der Liga wieder neuen Zuwachs.

Kreis S(hotten.

f. Laubach, 11. April. Eine weihe Amsel (Turdus merula aberr. alba). Schon seit längerer Zeit treibt sich in unserer Gegend ein schneeweißer, drosselgroßer Bogel herum. Rähere Beobachtungen dieses rätselhaften Bogels wurden zunächst durch seine Unbestän­digkeit und Scheue vereitelt. Doch brachten sie den Gedanken nahe, dah es sich wohl um einen Albino der Amsel handele. Tatsächlich hat sich der Bogel nun als ein schön ausgebildetes Albinomännchen unserer Schwarzdrossel (Tur­dus merula L.) herausgestellt. Streng ge­nommen handelt es sich um einen sog.Al- blnotb, denn beide Augen sind normal pig­mentiert. Der gelbe Schnabel und der nor­male Gesang liehen sofort ein männliches Exemplar erkennen. Auffallend ist, dah das Tier von allen anderen Artgenossen weg­gebissen wurde. Der Schnepfen strich ist in diesem Jahre weit besser als im Bor­jahre .obwohl er durch die Frosttage der letz­ten Woche sehr in die Länge gezogen wurde. Die Schnepfen streichen noch täglich in mehr oder minder großer Zahl.

Kreis Friedberg.

hr. Staden, 11. April. Schon ein Zahr lang warten die Bewohner unseres Ortes auf eine bessere Po st Verbindung. Vor dem Kriege bestand eine Postautooerbindung mit Friedberg und Ranstadt. Rach beiden Richtun­gen fuhr dieses Auto täglich je dreimal. Mit Ausbruch des Krieges verschwand diese Etn-

Zens wirllich ernstlich krank sein? Ach nein, ge­stern war er ja noch ganz gesund gewesen. Rein, diese Krankheit war natürlich nur ein Vorwand, um sie gegen ihren Bruder mild zu stimmen. Das sollte ihnen aber jetzt nichts nützen. Zetzt wollte sie wenigstens einmal kein Blatt vor den Mund nehmen und ihrer Schwägerin die Meinung sagen, offen und ehrlich, wie es ihre Art warl

Za, aber was wollte sie eigentlich sagen« Daß sie über den Verlust des Geldes rasend sei?

Dafür konnten Bruder und Schwägerin streng genommen doch gar nichts: sie hatten ihr Geld ja auch verloren. Aber so übel daran wie sie, Rora, waren sie doch nicht, denn der Bruder hatte ja immer noch seine Pension. Run, das waren allerdings nur achtzehnhundert Kronen im Zahr, aber immerhin sie selbst hatte ja nur noch vierhundert Kronen zu verzehren, die arme, alleinstehende Frau, die sie war! Datz Zens das auch nicht vorausgesehen hatte! Was hatte man denn für einen Ru^en von einem Bruder, wenn er nicht raten, helfen und stützen konnte? Er mußte doch wissen, datz so eine arme, schwach: und hilflose Person wie sie nichts von Geschäften verstand. Er hätte niemals aus ihren Rat hören dürfen, die Verwaltung des Geldes Herrn Pon° sin aus der Hand zu nehmen und einem Mann za übertragen, den sie nicht weiter kunnie, als datz er kurze Zeit mit ihr a.n selben Mittugsttsch ge­speist hatte.

Aber sie hatte es Inger ja jederzeit gesagt, Zens habe die krankhafte Ve.aalagurg seiner Mutter und hätte längst in einem Irrenhause untergeb acht werden mässen. 2ns Leben und unter Menschen hi rein taugte er nicht, da war er haltlos wie ein leerer Sack. Wäre Zens

richtung und einmal täglich durchfährt em kleiner Postwagen von Reich k.h in kommend au, dem W-ege nach Stamm ;ei n unseren Ort Die Post­sachen, Ne in Reichelsheim eintreffen, gelangen erst am folgenden Tage hierher in öic Hunde der Empfänger. Da ist es begreiflich, datz die alte Autoverbindung sehnlichst herbcigewünfcht wird. Die Verhandlungen sind jedoch bis heute noch nicht zu einem E.geb ns gekommen. Als G und wird hauptsächlich die Wcig rung der Ge­meinden Ober- und Rieder-Mock.ladt genannt, eine Prui schal summe zur 'Be trcitang der Kosten beiu teuern. Hoffen wir, daz dann wenigste is die Vc.bindung nah Frtedberg wieder ber ^ stellt wird. wenn die nach Ranstadt unmöglich gemacht werden sollte.

Slartcnvurst nrD iHhctitbe^cn.

Grob-Umstadt, 11. April. Durch Schundlektüre verdorben Cin 1 <äh ig r Schreiner.ehr.ing teste in Abwesenheit des Ley - meisters in der Wer!statte zweimal Feuer, brach den Schlüssel zur Türe ab und befestigte am Tor einen Zettel mit drohender Aufschrift Er erzählte, es sei ein Fremder dagewesen mit einer Hatte vor dem Gesicht, habe ihm den Revolver auf die Brust gesetzt und ihn fortgejagt Die Untersuchung Kürte das Märchen bald aus, es wurde festgestellt, daß der Lehrling durch Lesen von Schauergeschichten zu der Tat veranlaßt worden ist

' Offenbach, 11 April. (Sin kapi­taler Rausch Der 17jährige Schlosserlehriüig Franz A. mu tte von der wanitätswache durch das Auto aus einer Wirtschaft in der Gustav- AdolftStrahe geholt werden. Gr war so sinnlos betrunken, das) ihn noch nicht einmal eine Kalt­wasserdusche aus seiner Bewußtlosigkeit reihen konnte. Wegen mehrerer Derle ungen im Gesicht wurde er zunächst dem Kranlenhausarzt vor­geführt Der winkte ab und der hoffnungsvolle Zungling hatte einen halben Tag und eine Rächt Zeit, im 1. Polizeirevier feinen Rausch cruszu schlafen.

Gießener Strafkammer.

Gießen, 7. April 1922.

Zn seinem Urteil vom 10. Zanuar 1922 hatte das Schöffengericht Gießen in einer S ^affache we e i H i n t e r z i c h u n g d e r Ü1 m s a h st uet zwar den Angeklagten, einen GewerbetittMenden, zu 1570 ^arl selbst rase verurteilt, aber bei Berechnung der yttiterzog^nen Steuer den Cigen- verbrauch von dem umsahsteuerpflichtigen Betrag abgesetzt. Die auf ^Veranlassung des Finanz­amtes von der Staatsanwaltschast eingelegte Be­rufung hatte den ©rfolg, daß das Urteil des Schöffengerichtes aufgehoben und der Angellagte zu 2500 Mark Geldstrafe verurteilt wurde, wobei die Strafkammer fefi ft eilte, daß der Eigenver­brauch zu älnrecht von dem erstinstanzlichen Urteil abgezogen worden war.

Sy E. aus B. war vom Schöffengericht Butz­bach wegen Rückfalldiebstahls zu sechs Monaten Gefängnis verurteill worden. Dieses Urteil wurde von der Strafkammer bestätigt. Der Angellagte hatte im Herbst vorigen Zahres einen halben Zentner Kartoffeln vom freien. Felde gestohlen. Da der Wert 15 Mark überflieg, muhte die Tat als gewöhnlicher Diebstahl angesehen wer­den. Der Angeklagte ist schon mehrfach wegen Diebstahls vorbestraft. (Es ist unverständlich, weshalb die gesetzgebende Körperschaft die Wert- grenze im Feld- und Forststrafgesetz noch nicht hinaufgeseht hat.)

(Berid)t5faaL

rz. Leipzig, 10. April. Beugung des Rechts durcheinen Richter. Wegen Ver­brechens im Amte hatte sich am 17. Rovember v. Zs. der Oberanrtsrichter Dr. Pasch aus Orten­berg vor dem Landgericht Gießen zu verant­worten. Er wurde jedoch von der Anllage frei­gesprochen. Der Anklage lag bekanntlich folgen­der Tatbestand zugrunde: 3m März 1919 hatte ein Zeug- ermittelt, daß 18 Einwohner in dem Orte Effolderbach sich im Besitze von O^ilitär- wagen befanden. Aus seine Anzeige hin wurde im Zuli 1919 gegen diese 18 Einwohner das Hauptverfahren wegen Hehlerei und Vergehens gegen die Verordnung über die Zurückführung von Mi ilärwafsen und Heeres material eröffnet. Den Vorsitz in dieser Verhandlung führte der jetzige Angellagte Oberamtsrichter Dr. Pusch. Er soll in dieser Sache das Recht gebeugt haben dadurch, datz er es unterlassen hat, die volle Wahr­heit zu erforschen. Er soll dem damaligen Haupt- angctlagten Wolf die Verteidigungsrede sugge­riert und ihm auch vorher gesagt haben, er werde ihn so vernehmen, daß er freigesprochen werden müsse. Dr. Pusch soll es ferner wissentlich unter­lassen haben, an die Zeugen Fragen zu richten, so toie es seine Pflicht gewesen wäre. Er habe nicht die volle Wahrheit herausgebracht, sondern nur das, was er wissen wollte. Das Landgericht hat

nicht dagewesen, dann hätten fle ihr Geld noch, beim dann hätte Ponsin es verwaltet, und dann wäre es Herrn Flrnt-Zensen unmöglich gewesen, es in die Finger zu bekommen.

Plötzlich wurde Rora sehr unruhig.

- Sollte Inger deshalb nach ihr geschickt haben, um i h r Vor würfe zu machen, datz das Geld dem altendSachwalter abgenommen und Herrn Fli.illZensen zu.n Verwa ten übergeben wo den war? Das sähe ihrer Schwägerin ganz ähnlich.

Behüte Gott, sie vmtzte sehr wohl, Inger würde niemals mit einem einzigen bösen oder ver­letzenden Worte kommen, ober die sanfte, stille Art, mit der ihr ihre Schwägerin begegnete, war zehnmal sch'immer, als wenn fle sie richtig aus­gescholten hatte.

Wie Rora dieses beherrschte We'en, diele ewige Milde, Freu d ichke-tt und Rachsicht haßtet

Wenn diese Güte wirllich echt wäre, dann ja, dann wäre Inger ja besser, als alle andern Menschen aber das war unmöglich, so war ja nicht einmal sie, Rora, selbst!

Wenn sie nur wüßte, was sie ihrer Schwä­gerin sagen sollte: aber das war das Aerger- liche mit Inger, sie sagte immer etwas anders, als Rora erwartet hatte.

Lind i-ch gehöre nun einmal nicht zu den Menschen, die schnell henken," murmelte sie halb­laut, aber in einem Tone, der anbeutete, datz das, was s i e dachte, dafür auch etwas Be­sonderes sei

Zu weiteren äl eher legun gen sand Rora leine Zeit, denn nun ging die Tür auf urd Inger kam herein, blaß, übern ich ig u 2> verw int.

6rftou :t starrte Rora ihre Schvägerin an; diesen Ausdruck hatte sie noch niemals In Ingers

in dem Verhalten des Angeklagten ein strafbares Sun nicht erolirft und Hai ihn deshalb sreige- sprochen. Gegen die es Urteil tatic tie Staats- anwaltschaft Revision eingelegt. Das Reichs­gericht hob darauf das älrtcil a u s und vv'.wieS die Sache zur nochmaligen Verhandlung an die Vorinstanz zurück und zwar an das Landgericht Darmstadt, wo die Sache nun nochmals zur Verhandlung kommen wird.

uriA Sattle.

x Wieseck, 11. April. Richard Zor- dans Meisterbilderandachten haken ihre Wände.ung in die Provinz hinein begonnen, sanden vor acht 'Tagen in Großen-Linden eine wohlgesü.lt? Kirche und vollb frie igte Ge­meinde und warfen obendrein noch für wohl­tätige Zwecke 400 Mark ab. Auch hier in der Vorortgemeinde verstand Zordan in der Schüler­feier die Jugend zu begeistern und im Lied und Zusammenauf a~en von Schrif twvrten und Versen zur Eelbstb titigung anz I Iren. Ihr gab Fräu­lein Ida Stammler- Gießen in Vlax Reger- Wiegenlied einen Vorschmack von ixr Freude, die am Sonntag abend dazu noch Mendelssohns Zerusalem" und MozartsAve verum" weckten. Der Wunsch mit dieser Andacht der örtlichen Feier des Bußtags einen würdigen Schluß zu geben, ging brl.auf in Erfüllung Zeder von den geschickt verteilten Orbncm und Helferinnen bis zum Organisten war auf seinem Posten und mit dem langsamen 21u,tauchen und Verschwinden der Bilder tarnen und verklangen die Töne, lieber die Auswahl der Bilder soll man nicht streiten: man yiuß schon sehr im Bann der Schlagworte über Religion und Kirche sein, um sich diesem Dienst der Kunst am Heiligsten zu entziehen. - Von der Einnahme stiftete Richard Zordan 300 Mark .für den Kleinkindeischulfonds.

Lauterbach, 11. Ap il. Auf ihr 25- jähriges Bestehen blickt, die hiesige Real­schule zurück. In dem obgc'.aufenen 25 Schul­jahr wurde die Anstalt von 157 Schülern, 97 Knaben und 60 Mädchen, besucht. 134 Schüler wohnten in hiesiger Stadt. Der Besuch aus den Or.en des Vogelsbergs und des S. ttinerlandeS würde besser sein, wenn die Bahnverbindung gün­stiger wäre. Reollehrer Ka de l, der 25 Zahce an der Anstalt wirlle, trat in den Ruhestand.

Berlin, 11. April. Rach einer Meldung der Voss. Ztg." aus München beschäftigte sich der bayerische Ministerrat gestern mit der Lebens­mittelteuerung. Die bayerische Regierung werde auf der Aufrechterhaltung des Getreideumlage­verfahrens bestehen, sofern es nicht möglich fein sollte, ein Getreidemonopol zu schaffen.

5ocf)fd)ulnarfvnd)len.

Berlin. 11. April. Die Privatdozentin für Mathematik an der Götttnger Universität. Dr. Phil. Emmy R o e t h e r wurde die Dienst­bezeichnung außerordentlicher Pro­fessor verliehen. Fräulein Roether ist die Toch­ter des Erlanger Universitätsprofessors M. Roether.

Ans dem AmtsvcrkttndiqunqsblatL.

* Das Amtsverkündigungsblatt Rr. 50 vom 11. April enthält: Zagufchuy. Aus­führung der Polizeiverordnung über das Ver­tilgen der Blutlaus. Feuerlöschwesen: hier: Besichtigung der Feuerlöscheinrichtungen und Ab­haltung von Hebungen. Gemeinde-Inven- tarien. Ausstellung von DupliiatsarbeitS- büchern. Erhebung von Zuschlägen zum Uv kundenstempel. Diehmärkte. Dienstnach- richten.

Turnen, Sport und Spiel.

B. f. B. Gießen gegen Fuß ball» verein Sprendlingen 0:0. Dem stark auf­strebenden V. f. B. Gießen gelang es am Ver­gangenen Sonntag, dem Fußballverein Sprend­lingen (Süddeutsche Oberliga) ein .Unentschieden" zu liefern, ein schöner Erfolg dieser eifrigen und durchweg fairen Mannschaft. Die beiden Gegner lieferten sich ein Spiel, wie Gießen im letzten Zahre wenige gesehen hat, nur zwei Strafstöße während des Spielverlaufs einer von Sprend­lingen und einer von Gießen verwirkt, zeugen davon, wie überaus vornehm der Kamps durch- gesührt wurde. Die Gäste enttäuschten nach der angenehmen Seite. Der Mittclpunll der Mann­schaft ist der Mittelläufer, hinter dem zwei gute Verteidiger und ein ausgezeichneter Torwächter stehen. Der Angriff ist fQ.iell und zeigt durch­dachtes Spiel. Wenn Sprendlingen keinen Er­folg erringen konnte, dann lag das an dem wiicklich guten Spiel der D. f. D.-Läuferreihe und Ver-

Gesicht wahrgettommen. Sie. die stets zu »wohl­erzogen" gewesen war. sich jemals zu beklagen, die niemals irgend jemand hatte sehen lassen, was sie litt, sie sah jetzt aus, als sei ihr eine Maske vom Gesicht gefallen. In ihren Augen lag es wie ein inniges Flehen um Güte und Freundlichkeit und cfn Ausdruck, als sehne sre sich nach Verständnis.

Rora wußte selbst nicht, wie ihr wurde, sie fühlte sich von Ingers Anblick so merkwürdtg gerührt, datz sie ganz unwillkürlich die Arme ousstreckte und zum erstenmal in ihrem Leben die Frau ihres Bruders an ihr Herz zog.

11 nb Inger legte den Kopf auf Tante Roras ©dritter und weinte. Wie rounberbar, datz die harte, kalte Tante Rora einen so mütterlich in die Arme schließen konnte:

..Inger," flüsterte Rona, so sanft sie konnte. ,Liebe Inger, was ist geschehen? Ist Zens sehr krank? Er wird doch nicht todkrank fein, datz du nach mir geschickt hast?"

.Er ist sehr krank," sa#e Inger, die immer noch weinend in Roras Armen lag.Tiber ich hoffe doch, daß er die Krankheit überstehen wird."

.Das wollen wir hoffen." flüsterte Rora wieder, während sie sich mit der einen Hand, die sie frei hatte, die Tränen abwischte.Darf ich ihn sehen?"

.Za," nickte Inger, indem sie ihre Schwägerin zu einem Smhl führte und sie veranlaßte, sich zu setzen. .Aber ich mutz dir vorher etwas sagen. Du darfst ih.n nicht merken lassen, dutz dir der Dettust des Ge des unangen- hn 11 Ich sage dir, ich kenne Zens. uib wenr er wieder besser ist. wird er sich selbst genug mit Vorwürfen quälen." (Fortsetzung folgt.)