Ausgabe 
11.11.1922
 
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Nr. 266

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Samstag, f. Novemver 1922

112. Jahrgang

Erstes Blatt

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: SrShl'sche Unlversttittr-Vuch. und Steindruckerei R. Lange in Sietzen. Schrisiieitung und SeschSftrstelle: Schulftratze 7.

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Ein weiteres Sachverstandigen-Gutachten.

Wochenrückblick.

Wer aus den Verhandlungen mit demReparationsausfchuß einen klei­nen Fortschritt zur Besserung der Lage her- ausgehört hatte, dem schwimmen die erfreu­lichen Zukunftsbilder heute schon wieder fort. Die Reichsregierung hat mit der nachträg­lichen Veröffentlichung des Notenwechsels keine hoffnungsfreudige Stimmung erzeugt. Die geringe Wirkung ihres letzten Antwort­schreibens an den Reparattonsausschuh geht namentlich aus den Aeuherungen hervor, die Herr John D r a d b u r y einem Vertteter des Reuter-Bureaus gegenüber getan hat. Der Vertreter Englands hat sich offenbar der lauen, abwartenden Politik des Kabinetts Do­nar Law sehr schnell angepaht, und wenn wir die Pariser Meldungen dagegen halten, die von allgemeinen, nach London gerichteten Vorschlägen zu berichten wußten, so verstehen wir nur zu gut den leise ironischen Rat: eine helfende Fee gibt es für euch nicht, helft euch selber!

Der Dollar ist denn auch langsam wie­der gestiegen, und mühsam geht es auf der dunkeln Treppe des Erfüllungsturmes wei­ter. Wir sehen jetzt auch in bestimmteren Um­rissen deutlicher, was das Kabinett Wirth eigentlich erfüllt. Der neueste Ausspruch Poin- cares,die Markkatastrophe zeige, wie recht Frankreich hatte", als es nämlich eine energische Budget- und Wäh- rungskonttolle verlangte, ist ein rechtes Me­phistowort, von heimlicher Genugtuung durch- klungen über eine Entwicklung, die Herr Poin- care konsequent angestrebt hatte. Wir sind den Weg geführt worden, den die Versailler Ver- ttagsLnstler sich vorgemerkt hatten; die Er­füllung der P f ä n d e r p o l i t i k ist in dec Annäherung. Dafür tauschen wir vielleicht eine geringe Belebung unseres deutschen Kre­dits ein, auf daß wir Dem Leben notdürftig er­halten bleiben und dem tvestlichen Gläubiger später aufs neue zur Verfügung stehen kön­nen . . .

Die Takttk der Reparationskommission, die sie uns in Berlin gezeigt hat, hatte in­folge der unausgeglichenen Svnderzicle Frankreichs und Englands etwas Lauerndes. Sie bezeichnete die deutschen Hinweise und Wünsche als ungenügend. Die deutsche Re­gierung hatte den Herren vor Augen geführt, daß nur eine schleunige Herabsetzung der deut­schen Reparationslast, und längerer Aufschub aller Zahlungen Deutschlands die deutsche Wirtschaft wieder lebensfähig machen könn­ten. Inzwischen aber möchte, da sogleich etwas geschehen müsse, der Reparattonsaus- schuß mit einem äusländischen Bankshndikat zur Stützung der Mark in Verbindung treten. Die deutsche Regierung verspreche Tlnterstüt- zung hierzu und werde die erforderlichen Maßregeln treffen, um das Budget ins Gleich­gewicht zu bringen. Der Reparationsausschuß verbarg hinter der Aeuherung seiner Ent­täuschung nur seine Verlegenheit. Er weih es ja, daß irgendetwas zur Stütze der Mark ge­schehen muh, aber das englisch-französische Kompromih ist doch noch nicht fertig! Lord Curzon beschwört seinen Pariser Kollegen noch, von einer Gewaltpolitik Abstand zu nehmen. Wahrscheinlich wird man sich bald darüber einigen, dah das von Herrn Lau­ch eur in der französischen Kammer empfoh­lene Rheinlandprogramm keine Gewaltpolitik darstelle. Herr Loucheur scheint ja einen Abstrich von den phantastischen Ziffern des Londoner Zahlungsprogramms in Erwägung ziehen zu wollen, wogegen Herr Poincare in allen seinen Bekundungen an dem alten Pro­gramm festhält, es sei denn, dah die Kriegs­schulden Frankreichs entsprechend gekürzt wür­den. And selbst in diesem Falle will er nur auf einige absolut wertlose Schuldscheine Deutschlands verzichten.

Die Gutachten derausländischen Sachverständigen, auf die der Reichs­kanzler Dr. Wirth im wesentlichen in seiner Antwort auf die Ausstellungen des Repara­tionsausschusses sich stützte, sind wohl geeignet, der Welt die Augen darüber zu öffnen, wie traurig die Dinge stehen und wie ausschliehlich das Verhalten der Entente sie verschuldet. Merkwürdig ist, dah Herr Wirth innerhalb der geplantenStützungsaktton" immerhin noch die Fortsetzung der Sachlieferun­gen für den Wiederaufbau Frankreichs an- bietet, während die Sachverständigen erklär­ten, Deutschland müsse während des Verttages mit dem ausländischen Syndikat von allen Reparattonsleistungen befreit sein. Es herrscht offenbar auch jetzt noch im Reichskanzler das Gefühl vor, dah Deutschland Buhe in Sack und Asche tun müsse. Indessen, auch der den fremden Sachverständigen entlehnte Plan und Vorschlag der deutschen Regierung, der die Beteiligung der Reichsbank mit ihrem Gold­bestand zu sagt und wirklich den dürren Worten des ersten Schreibens noch einige Rezepte

hinzufügt, scheint dem Untersuchungskollegium nicht ausreichend 511 sein. Nach Herrn Brad- burys girierter Aeuherung zeigt das Kabinett Wirth noch nicht Mut genug zu eigener Politik. Der Engländer schloh seine Herzens­ergüsse mit einer mysteriösen Drohung:Wenn die deutsche Regierung weiter ihre Arme kreuzt und auf die Katastrophe toartet, so kann und wird sie wahrscheinlich zerstörende Kräfte auslösen, gegen welche der Rhein nur eine schwache Barriere bildet und gegen die sich auch der Kanal als unwirksam erweisen wird. Der erste Stoh wird aber auf jeden Fall zu Hause ausgehalten werden müssen." Was ist mit diesem Rätselwort gemeint? Es sieht nicht gerade danach aus, als würde nach den Berliner Verhandlungen irgendein Erfolg der Erfüllungspolitik zu erwarten sein. Ameri­kanische Initiative steht ganz und gar nicht in Aussicht, nachdem die Wahlen in den Ver­einigten Staaten die Mehrheit der republi­kanischen Partei des Präsidenten Harding er­heblich vermindert und damit seine Entschluh- kraft abgeschwächt haben.

Der Satz des englischen Vertteters Brad- burh:Wenn die deutsche Regierung keinen Muthatundkeine Mittel undWege findet, um sich selbst zu helfen, so können wir ihr auch nicht helfen", zeugt von wenig Respekt und könnte im deutschen Volke in einem Sinne verstanden werden, der die Mittel der Rettung in einer völlig anderen Richtung erblickt, als Dr. Wirth sie bisher gewandelt ist. Beim Abschluß des deutsch- russischen Verttages von Rapollv hatte Lloyd George in Genua den Schrecken einer deutsch- russischen Erhebung an die Kvnferenzwand ge­malt. Wir wissen es nicht, welche Erhitzung der Volksseele Herr Bradbury mit seinen Zweideutigkeiten als gefährlicher einschätzt, die der deutschen oder die der französischen. Der neue bayerische Ministerpräsident v. Knilling hat der Polittk deS Reichskanz­lers ebenfalls den Vorwurf der Unzulänglich­keit gemacht und denkläglichen Zusammen­bruch der Erfüllungspolirik um jeden Preis" sestgestellt. Wenn der Nachfolger Deö_ Grafen Lerchenfeld heute schon Besorgnisse über die in Bayern sich geltend machenden nationalen Erhebungen hegt, wie viel höher werden die Gefahren steigen, falls die Verelendung des Volkes anhält und sich verschlimmert! Herr v. Knilling zählte dem Reichskanzler Dr. Wirth ziemlich unverhüllt eine böse Liste von Fehlern auf, und zweifellos gibt es heute in Bayern e*ne ganz andere Stimmung als in Sachsen, wo die Sozialisten gegenüber der Lauheit des fo genannten Bürgertums sich wie­der einen Wahlsieg erfochten. Man spricht von einer Umbildung der Reichsreaierung, und in der Tat. es ist die höchste Zeit dazu! Der bayerische Ministerpräsident hat Recht: wir brauchen eine zielbewußte, von nationaler Würde getragene Reichspolitik, die wirksamer wäre, als irgendein Schutzgesetz. Nicht nut in der Revision der Budget-Tabellen die allerdings nötig ist liegt das Heil. Es ist höchst bezeichnend, dah wir keinen Minister des Auswärtigen haben, weil Herr Dr. Wirth ohne einen solchen auskommen zu können glaubt. Die Berliner Beratungen, die sich jetzt an die Abreise des Reparationsausschusses anknüpfen, dürfen sich nicht etwa darum drehen, daß einige Lücken der bisherigen Er­füllungsmethode geschlossen werden. Durch keinen Aufguß kann der angeblich mangelnde Mut der Reichsspitze gehoben oder verbessert werden. Wir brauchen eine grundsätzliche Neu­orientierung der auswärtigen Politik, denn damit sind wir erst auf dem Wege, den uns vor einigen Tagen Lord Curzon andeutete, indem er Deutschland die Möglichkeit zu geben anriet, seine Selbstachtung wiederzu­gewinnen.

.......

Die neue Antwort

des Reparationsausschusses.

Berlin, 10. Nov. (WTB.) Die Ant­wort der Reparationskommission auf das Schreiben des Reichskanzlers vom 8. November lautet: Die Reparationskommis- sion hat die gestern von Ihnen mitgeteilte Note der deutschen Regierung nebst den ihr beiliegenden Urkunden zur Kenntnis genom­men. Wie die Kommission, die zum Zwecke einer Tlntersuchunng hergekommen war, schon vor ihrer Abreise bestimmt hat, wird sie sofort nach ihrer Rückkehr nach Paris die ihr von Ihnen unterbreiteten Vorschläge oder andere, womit Sie sie etwa noch zu befassen für an­gezeigt halten, über die Gesamtheit der Fra­gen, die sie mit üjrer Regierung erörterte, einer Prüfung unterziehen. Genehmigen Sie, Herr Reichskanzler, Die erneute Versicherung I unserer ausgezeichnetsten Hochachtung. Gez.: Louis Darthou, John Bradbury, Leon Dela­croix, Salvago Raggi.

Berlin, 10. Nov. (WTB.) Der Reichs­regierung ist nunmehr auch das letzte der von den internationalen Sachverständigen abgegebene Gutachten zugegangen. Es ist unterzeichnet von Dissering, Dubois und Kamenka und lautet:

1. Frage: Ist unter den gegenwärtigen älm- ständen eine Stabilisierung der Mark möglich? Wir antworten: Eine dauernde Stabilisierung der Mark läßt sich so lange nicht erreichen: 1. als der Papiergeld-Inflation, deren gegenwärtige Hauytursache das Defizit des deut­schen Reichshaushalts und der Staatsbetriebe ist, nicht Einhalt geboten wird; 2. als die Zahlungs­bilanz infolge des Einfuhrüberschusses, der Kapi­talflucht ins Ausland, der Abneigung gegen die Mark im Inland und der Sachlieserungen und Barzahlungen für die Reparationen passiv bleibt.

2. Frage: Wenn nein: Welche Voraus­setzungen müssen geschaffen werden, um die Sta­bilisierung zu ermöglichen? Tlnsere Ant­wort ist bereits in der Antwort auf die erste Frage enthalten, jedoch erscheint uns eine nähere Angabe zweckmäßig. Die verheerenden Wi kungen der Papiergeld-Inflation haben in Deutschland wie anderswo eingesetzt, als man im Laufe des Krieges die Ausgaben nicht mehr durch die regelmäßigen Einnahmen aus den Steuern beitrift, sondern durch verkehrte Anleihen, namentlich durch die Vermehrung der schwebenden Schuld. Sie ist später durch die Notwendigkeit der Be­schaffung von Nahrungsmitteln und schließlich durch das Defizit der ordentlichen und außer­ordentlichen Ausgaben des Reichshaushaltes an­gewachsen. Nun aber führt jede Inflation aus sich heraus zu neuer Inflation, denn bei jeder Verminderung der Kaufkraft der Papiermark ^be­darf es zur Ausführung der gleichen Geschäfte eine# erhöhten Betrages. Wenn die Maßregeln zur Stabilisierung der Mark dauernde Wir­kung haben sollen, fc> müssen die Inflations^ Ursachen, die bei der Regierung liegen, ver­schwinden, das heißt, der Reichshaushalt muh tatsächlich ausgeglichen sein. Die tatsächlichen Aus- gaben müssen sich in den Grenzen der möglichst zu beschränkenden Voranschläge halten. Wenn Die Einnahmen zur Deckung der Ausgaben nicht hinreichen, müssen neue Einnahmequellen er- schlossen werden. Schließlich darf der außer­ordentliche Reichshaushall nicht mit Ausgaben für Kapitalinvestierungen belastet werden, die sich vermeiden oder auf bessere Zeiten ver­schieben lassen, noch auch darf der außerordent­liche Reichshaushaltsplan Voranschläge für die Reparationszahlungen enthüllen, die die etwaigen Tleberschüsse aus den Einnahmen des ordentlichen Reichshaushalts übersteigen. Zur Er­reichung dieses Zieles ist erforderlich: Strengste Sparsamkeit im Reichshaushalt, Verringe­rung des Personals der Staatsämter und De- tttebsverwaltungen sowie allmähliher Abbau der unmittelbaren oder mittelbaren Ernährnngs- zuschüsse.

Leider kennen wir keine genauen .Unterlagen für die gegenwärtige Zahlungsbilanz Deutsch­lands und nicht einmal zuverlässige Ziffern für die Handelsbilanz. Es laßt sich nur soviel sagen, dah diese Bilanzen anscheinend ein beträchtliches Defizit aufweisen. Woher kommt dieses Defizit?

a) vom Nachlassen der Ausfuhr, wo­für innere wie äußere Ursachen angegeben wer­den. Unter den inneren Ursachen wird eine Ver­ringerung der- Produktionsttast infolge der jetzi­gen Arbeitsbedingungen angeführt. Es steht uns nicht zu, uns in innere Fragen der deutschen Gesetzgebung einzumischen. Nach unserer Mei­nung muh aber Die Regierung wie die Bevölke­rung alles auibieten, um diese Produktionskraft wieder zu erlangen. Die wichtigste äußere Ur­sache soll in Hindernissen liegen, die der Ein­fuhr deutscher Waren vom Auslande bereitet werden. Das ist ein sehr heikler Gegenstand. Im Ausland Hagt man dauernd und nicht grundlos über die heftige Konkurrenz, die die deutsche Industrie den Industrien der verschiedenen Län­der jn den letzten Jahren gemacht habe. Diese habe zum Ruin mehrerer Industriezweige geführt. Will Deutschland, dah die Einschränkungen ihm gegenüber aufhören, so muß seine Konkurrenz normal sein. d. h. sie darf nicht auf der Billig­keit seiner Waren infolge des immer tieferen Sinkens seiner DalulaHruhen. Jedenfalls aber läßt sich soviel sagen, daß sich ein Ausgleich der , Zahlungsbilanz ohne die Möglichfeit einer Ent­wicklung der Ausfuhr nicht erreichen läßt;

b) von der abnormen Entwicklung der Einfuhr unter den gegenwärtigen Ver­hältnissen. Die Mark ist in solchem Maße ge­sunken. daß das Vertrauen der Deutschen zu der eigenen Währung mehr als erschüttert ist und daher ein Nachlassen des Spartriebes und eine Neigung zum Ausgeben zu verzeichnen ist. Könnte durch den Beginn der Stabilisierung das Ver­trauen wieder hergestellt werden, so würde dieser Anreiz zur Einfuhr verschwinden. Andererseits wird die Einfuhr durch die Verpflichtung Deutsch­lands begünstigt, gewisse ausländische Waren ins Land zu lassen, sowie durch das soge­nannte Loch im Westen. Es ist klar, daß die deutsche Regierung, wenn sie in dieser Hinsicht machtlos bleibt, große Mühe haben wird, die Einfuhr ernstlich zu überwachen und sie wirksam zu beschränken. Außerdem findet gegenwärtig eine erhöhte Einfuhr statt, nämlich von Ge­treide. Sie muh dieses Jahr infolge der schlech­ten deutschen Ernte b.sonders stark fein. Schließ­lich ist die K 0 h l e n e i n f u h r vor allem eine Folge der Verpflichtung zu Kohlenlieferungen an die Alliierten. Solange keine anderen Verein­

barungen getroffen sind, wird diese ülrsache der Passivität fortbestehen.

c) Don der Flucht des deutschen äq* pita ls ins Ausland und der Abneigung gegen Die Mark im Inland. Wir besitzen keinerlei Daten, die uns die Schätzung ihres Tlm- fanges gestatten. Wir sind aber der Meinung, dah einerseits, sobald die Stabilisierung der Mark eingeleitet wird, einer der Gründe für die Kapi­talflucht wegfiele, daß Aussicht auf ein allmäh liches Zurückströmen bestünde, und dah anderer - seits die deutsche Steuergesetzgebung berücksichtigen muß, dah sie bei der Besteuerung des Vev mögens und Einkommens über gewisse Grenzen hinaus die Kapitalflucht herausfordert und ihr auch durch die drakonischsten Maßregeln nicht völlig vorbeugen kann.

d) Schließlich war Deutschland in den ver­gangenen Jahren und bis in die letzte Zeit zu Barzahlungen und Sachleistungen auf das Reparationskonto gezwungen, die seine Zahlungsbilanz erheblich beeinflußter. Wir halten jeden Versuch zur Stabilisierung b-i Mark gegenwärtig für zwecklos, wenn Liese Zah­lungen nicht bis zu dem Augenblick a u f h ö r e n, wo Aussicht besteht, daß das Gleichgewicht ge­sichert ist. Zusammenfassend bemerken wir: ?a eine der Bedingungen der endgültigen Stabilisie rung der Mark die ist, dah die Zahlungsbilanz für Deutschland nicht mehr passiv ist, müssen die' eben genannten nachteiligen Faktoren beseitigt werden. Die deutsche Regierung erklärt uns, wenn, sie für einen hinreichend langen Zeitrawu vor der Leistung der Reparationszahlungen entlüftet würde, sei sie überzeugt, daß ziemlich ras.ü ttu- merkliche Besserung der Lage eintreten wücd Wir können ihre Erklärung nur zur Kenntnis nehmen.

Dritte Frage: Welche Maßnahme n müs sen zur Stabilisierung getroffen toerben, so­bald die Voraussetzungen vorliegen? Sobald fr obengenannten Voraussetzungen erfüllt oder aus dem Wege zur Verwirklichung sind, schlagen toh folgende Maßregeln vor: 1. Wertmesser. M>: Rücksicht darauf, dah die Papiermart unter den gegenwärtigen Verhältnissen ihre Eigenschaft als Wertmesser vollständig verloren hat, muh in näch­ster Zukunft zur Schaffung eures neuen beständigen Wertmessers geschritten werden. Angesicht fr'r eingetretenen Verarmung der gesamten Vollswirr schäft wird es jedoch angezeigt fein, die bisherige Rechnungseinheit zu berlaffen und eine kleinere Einheit zu wählen, die zur Erleichterung^ der Umrechnung einen runden Teilbetrag des Pfund Sterling ober Dollars ausmachen soll, beifp ? - weise 1 4o Pfund bzw. 1/2 Sh. oder ' bl Dollar. Diese Einheit soll die neue G 0 ldm artg? rnnt we> den 2. Die Geldbank. Behufs Durchs der Stabilisierung der Mark wäre es zweckmäßig, eine selbständigeOrgaaisation mit :uri- frischer Persönlichkeit zu schaffen, beispielsweise 1 - Form einer Aktiengesellschaft, die mit Geldbank bezeichnet werden könnte, da sie zur Ein­führung des neue nGeldes ins Leben gerufen wird. Das Grundkapital wäre auf 100 Millionen Gold mark sestzusetzen, die von der Reichsbari in Gold einbezahll werden mässen. Für den Gegenwert er­hält die Reichsbank Aktien der neuen Geldbank, wodurch die Aktiven der Reichsbank keine eVrrin- gerung erfahren. Da aber diese Gründung längere Zeit beanspruchen wird, glauben wir, dah zunächst ein Komitee, zusammengesetzt aus Vertretern des Finanzminister'ums, ausländischen ®. ldgebern und der Rcichsbank, zusammengerufen werden soll, um die ersten Operationen zur Stabilisierung zu veranlassen. Wenn in den folgenden Abschnitten von einer Geldbank die Rede ist, so ist darunter vorläufig das oben genannte Komitee zu verstehen. 3. Internationaler Bankkredit. Die Stabilisierung der Mark kann nur unter Mithilfe eines erheblichen Kredits von ausländischer Seite, beispielsweise im Betrage von 500 Millionen Goldmark in bisheriger Währung, durchgeführt werden Dieser Kredit wäre am besten in Form eines Akzeptwechsels bei den ausländischen Banken zu gewähren. Er muh zur Verfügung ccr Geldbank stehen, die nach Bedarf mittels Trassie­rung von Wechseln, die ihr ben Ankauf von De­visen gestatten, Vorschuh beanspruchen kann. Für die Kreditgewährung kommen größere Banken in den Vereinigten Staaten und den europäischen Staaten mit normaler Währung i nBetracht. Die­ser Gruppe konnte:! sich auch die Danken aus an­deren Ländern cmschliehen, die um Mitwirkung angegangen werden, und Die sich bereit erklären, an der Aktion teilzunehmen. Unter den Auspi­zien der Reparationskommission ist sobald wie möglich die Einberufung eines inter­nationalen Bankkomitees herbeizuführen, dem die Gründung eines Bankkonsortiums obliegen würde um in Fühlungnahme mit der Reparationskom­mission und der deutschen Regierung die Frage des Kredites in Verbindung mit den zu leistenden ©arantieen zu prüfen.

Das Gutachten nennt sodann in einzelnen Vorbedingungen zur Stabilisierung: Be­seitigung des Defizits in Eisenbahn- und Postver­waltung, Herabsetzung dec Beamtenzahl. Ver­mehrung der Produktion, Verlängerung der Ar­beitszeit. Herabsetzung der Arbeitslöhne unter Anpassung an den bestehenden Wert des Geldes. Auf die Dauer, so heißt es weiter, wird eine Derartige Stabilisierung nur beibehalten werden können, wenn die Wiedergutmachungsfrage eine endgültige Lösung gefunden hat, die einen be­stimmten Zahlungsplan vorsieht.

5. Provisorische Stabilisier u n g. W-nn die Hoffnung begründet ist, daß die oben­genannten Voraussetzungen in nicht allzu ferner 1 Zeit erfüllt werden können, so kann der Versuch