Ausgabe 
11.10.1922
 
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Mittwoch, N. Gttober 1922

172. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Drutf hhö Verlag, vrühl'sche Univ.-Vuch- und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und vruckerei: Zchulstratze 7.

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Hr. 259

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Der Marksturz und die Reparationskommisfion.

Pari-7 11. Oft. (WTB.) DerWatin" toreibt hn Anschluß an die erste Sitzung unter dem gestern einstimmig zum Vorsitzenden gewähl­ten französischen Delegierten Bart Hou, für heute sei eine Arbeitesihung anberaumt, in der man sich mit der Lage in Deu tschland beschäftigen werde. Das Blatt weist auf die Zäh­lungen für das Jahr 1923 und in Verbindung damit aui den letzten Mark stürz hin. Als Ende August die Entscheidung getroffen worden sei, Deutschland für die letzten Zahlungstermine ®r- leichterungen au gewähren, habe Bradbury her­vorgehoben, dleses Entgegenkommen sei unerläh- lich, denn es würde den Sturz der Mark auf­halten. Er sei von dem, was er gesagt habe, so überzeugt gewesen, daß er eine weitergehende Kontrolle der deutschen Finanzen abgelehnt habe. Bradbury felbst merke heute, daß er sich getäuscht habe, als er glaubte, durch ein verschleiertes Moratorium könne man die katastrophale Ent­wertung der Marl aushalten. Aber diesen Glau­bmr an die Wirkung des Moratoriums habe er nicht auf gegeben. Das Gerücht laufe um, daß Bradbury das spate (belgische?) Vorrecht durch einen neuen Zahlungsaufschub für die Geldzahlun­gen bis Ende 1923 eintauschen wolle.

DerTemps" weist darauf hin daß das außerordentliche Anwachsen der deutschen schwe­benden Schuld innerhalb der Aeparations- k o m m i f s i o n zum Gegenstand einer Aus­sprache gemacht worden sei. Vach der Ent­scheidung der Reparationskommission vom 31. 5. sei Deutschland für die Zeit des Jahres 1922 cm Teilmoratorium unter gewissen Bedingungen bewilligt worden Eine dieser Bedingungen sei, bat) die schwebende Schuld Deutschlands nicht den Betrag von 281 Milliarden Papiermark. d. h. den Stand vom 31. März 1922, überschreiten dürfe. 3m Falle diese Summe überschritten würde, müsse der Mehrbetrag durch Steuern oder innere An­leihen gedeckt seien. Es stelle sich deshalb die Frage, ob Deutschland seine Bedingungen erfüllt habe, wovon die Aufrechterhaltung des Mora­toriums abhänge.

Auch dieLiberte" bespricht die gleiche Frage und weist auf den neuerlichen fata- strophalen Marksturz hin. Die Vepara- tionskommission habe keine Zeit zu verlieren, um lieb mit dieser Frage zu beschäftigen Die Folgro seien zu prüfen, deren erste die sein würde, daß die Sachlieserungen bald dem gleichen Hindernis begegneten wie die Goldzahlungen. Die Ent­wertung der Mark werde alle ähnlichen Ab­kommen wie das des Senators de Lubersac unwirksam machen. Barlhvu komme in einem Augenblick in die Veparationskommilsion. in dem viele Chimären beseitigt werden mühten und in dem man den Realitäten ins Auge sehen müsse; die Realität sei, dah die Reparationsfrage eine politische Frage sei, bevor sie eine wirtschaftliche werde. Wenn man sie lösen wolle, müsse man Pfänder fordern oder die Kontrolle Deutschlands, was vor allen Dingen eine Regierungsangelegenheit sei.

Amerika nnb die internationale schul denregelung.

Paris, 10. Oft. (WTB.) Vach einer Ha- vasmeldung aus V e u tz o r k erklärte der Wa­shingtoner Korrespondent der .,V e w V o r f Worl d", die amer'nanischc Regierung sei über­zeugt. dah der Zeitpunkt zu einem ernsten Ver­such gekommen sei die Weltfinanzen wieder auf eine gesunde Grundlage zu stellen. Die Re­gierung sei im Begriffe, gewisse b c - stimmte Schritte im Hinblick a u s die Regelung der Kriegsschulden zu tun, bevor sie mit den europäischen Rationen zu­sammen an der Wir tschai tskonserenz teilnehme. Die Regierung fasse auch ins Auge, der Einla­dung zur Teilnahme an der Londoner all­gemeinen Finanz- und Indust rie- konferenz nachzukommen, die ihr wahrschetn-- lich zugehen werde Der amerikanische Vertreter werde sich an den Beratungen und Abstimmungen beteiligen, allerdings immer unter dem Vor­behalt, dah alles, was er tue, der Genehmigung des amerikanischen Kongresses bedürle Zur Zeit beabsichtige ntan erstens, sich zu vergewissern, zu welchem Zeitpunkte der englische Schahkanzler Sir Robert Home ein treffen werde und was Grobbritannien im Hinblick auf die Schuldenrege­lung zu tun bereit sei und zweitens, falls die Eng­lischen Vorschläge mit denen der amerikanischen Fundamentierungskommission auserlegten Be­schränkungen unvereinbar seien, den Kongreh um Abänderung c4der dieser Beschränkungen zu er­suchen, damit die Kommission einen gewissen Spielraum für die Verhandlungen habe.

Eine deutsche Wiederaufbaustruppe.

Wie dieVoss. Zig." meldet, fand gestern in der Hamburger Börse eine Besprechung Ham­burger und norddeutscher Industrieller statt wegen Errichtung einer neuen deutsch- französischen Wiederaufbaugruppe für Hamburg und Vorddeutschland. Mit französischen Mandataren ist bereits in Paris verhandelt worden, und zwar soll die Gründung einer Interessengemeinschaft beabsich­tigt sein. Es soll gleichzeitig die Aufnahme von 600 Millionen Franken in Betracht kommen. Die Gründung der Interessengemeinschaft soll eine weitere demnächst stattsindende Versammlung vor­bereiten.

Eine Neve Lloyd Georges für die Entente.

London. 10. Oft. (WTB.) Heute nach­mittag legte eine belgische Deputation an dem

Erinnerungsdenkmal für die gefallenen Krieger in Whitehall einen Kranz nieder. Lloyd George, der mit mehreren anderen Ministern au gegen war, hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, in der er u. a. sagte, England sei für die Sache des Rechts und der Freiheit in den Krieg eingetreten, und so grob auch die Opfer und Leiden gewesen seien, so habe man sie doch nicht einen Augenblick bereut England sei glücklich, dah es mit Belgien und Frankreich sowie den anderen Alliierten Seite an Selle gestanden habe. Es wäre tragisch, wenn man sich, nachdem man im Kriege zusammenmarschiert sei, in dem Augen­blick trennen würde, wo es sich darum handle, Seite an Seite am Wiederaufbau der Welt zu arbeiten.

Das Abkommen von Mudania unterzeichnet.

Konstantinopel, 11. Oft (WTB.) Ha- vaS. Das Abkommen von Mudania ist unterzeichnet wordeir.

London. 10. Oft. (WTB.) Reuter meldet aus Athen, die griechische Regierung habe ihren Vertreter auf der Konferenz von Mudania, General M a z a r a k i s , angewiesen, das Protokoll nur zu unterzeichnen, wenn die Türken es zetchnen.

Paris, 10. Oft. (WTB.) Vach einer Ha- vasmeldung aus London verlautet aus Muda­nia vom 9. Oktober: General Harrington hat Ismet Pasch?, die mit den Generalen Charpy und Mvmbclll geschlossene Konvention mitgeteitt. Diese sehen die Wiederabtrennung Thraziens un­ter gewissen Bedingungen vor. namentlich unter der Voraussetzung, dah drirch eine gemischte Kom­mission eine neutrale Zone festgesetzt wird, da­mit die Sicherheit der Truppen gewahrt und die Freiheit der Meerengen gewährleistet ist. In einer Rede, die General Harrington gehalten hat, stellte er fest, dah die Türken im Begriffe seien, ihre nationalen Ziele ohne neues Blutver- giehen zu verwirllichen. Ismet Pascha hat in seiner Antwort erklärt, er habe die Konven­tion in dem gleichen versöhnlichen und loyalen Geiste geprüft, den die Alliierten an den Tag legten. Er müsse jedoch wegen gewisser neuhinzu- gekommener sowie wegen gewisser fortgefallener Punkte die Bedingungen der Regierung von Angora unterbreiten. Ismei Pwchr habe versprochen, ihm seine Antwort am 10. Ok­tober um 5 Uhr nachmittags mitzuteilen.

Die aesährlrche Lage Englands.

Berlin. 10. Oft. (Wolff.) Der Bericht­erstatter des ..Reu York Herold" in Konstan­tinopel schreibt: Wenn nach all den Wochen fortgesetzter diplomatischer Kavitulativnen der Alliierten die Türken die Engländer noch zum Kriege zwingen sollten, so würde das beweisen, dah die Ratschläge der Russen und der V a t i o n a l i st e n in Angora die Oberhand erholten hätten. Wie der Berichterstatter erfährt, wurde in den leist en Tagen von Moskau aus und durch die Rationalisten oller unter britischer Herrschaft stehenden Länder des Ostens a u f Kemal ein ungeheurer Druck ausgeübt, um ihn zum Kriege zu treiben. Aegyptische und indische Revollnionäre in Moskau und Angora hätten Kemal 'Versicherungen gegeben, dah in Aegypten und Indien Ausstände ausbrechen wür­den, wenn die Türken zum Kriege schritten. Der afghanische Vertreter in Angora gab das Versprechen, dah die afghanische Armee die in­dische Grenze überschreiten würde. Auch die Araber in Mesopotamien und Syrien hätten alle Anstrengungen gemacht, um eine friedliche Regelung zu verhindern. Die orientalischen Extre­misten, die den Sieg Kemals in einen allgemeinen Aufstand des Ostens gegen die Herrschaft des Westens umzuwandeln hofften, stellten den Frie­den als einen Verrat der Türken an ihrer Sache dar. Indessen seien die gemäßigteren Elemente unter ihnen zufrieden, dah der Rückgang des europäischen Prestiges schon soweit fortgeschritten sei, dah sie binnen kurzem ihre Ziele verwirk­lichen könnten. In Konstantinopel, wo der Rück­gang des Ansehens der Westmächte sich den Blicken der Orientalen in brutaler Form ent­hüllte, dämmere jetzt eine neue Zeit für den Osten.

London 10. Oft. (WTB.) Hmte üormittag fand eine Kabinettssihung statt, auf der ausschliehlich die politische ßage im Inl'onde erörtert wurde. Wählend der Kabinettssitzung wurde in der Downrngstreet eine Zusammenkunft zwischen Sir George Pounger. dem Hauptein- peitscher der Hnioniften. Leslie Wilson und Sir Malcolm Fraser, dem Haupteinpeitscher der Li­beralen. Mac Curdy und anderen Persönlichkeiten abgehalten. Um 3 Uhr nachmittags trat in der Wohnung Chamberlains in der Downingstreet der Kob'nettsausschuh zusammen, darunter Curzon, Balfour, Crowsord und Lee.

Star" zufolge erklärte einer der nächsten Freunde Donar Laws, Donar Cato werde keinen Finger rühren, um Chamberlain als Führer der Unionisten zu verdrängen. Er sei eines der­artigen Manövers unfähig. Der Premierminister werde Donar Lato nur im Falle eines ernsten Prinzipicnstrelles entgegentreten. Ein derartiger sei augenblicklich nicht vorhanden. DerStar" sagt noch. Sir George Vounger tue sein Bestes, um die vereinte Front gegen die Arbeiterpartei aufrechtzuerhalten, bis die Dahlen vorbei seien, toorauf dann das Parlament für die Kombination von Gruppen entscheiden könne.

Lloyd George über Rußland.

London. 10. Oft. (Wolff.) Lloyd Ge- orge erklärte in seiner bereits ertoäfxnten Unter­redung mit Gewerkschaftsführern über die Be­teiligung an der Kontrolle über die

Meerengen auf eine Anfrage Tillets: Wir waren stets dafür, dah die Rumänen mit yeran- gezogen werden, weil sie interessiert sind. Was ie Russen betrifft, so ist dies Sache einer Kon­ferenz, die später zwischen den Parteien statt - finden soll. Die Angelegenheit wird wahrscheinlich dem Völkerbund übergeben werden. Wahrscheinlich wird der Völkerbund erwägen müssen, wie sich die Ueberwachung zusammen setzen soll.

Tillet fragte Weller: Würden Sie bereit sein, die Russen zu begünstigen? Darauf erwiderte zunächst Chamberlain: Ich glaube, es ist schwierig für eine Regierung, die Verhandlungen mll einer groben Anzahl von Mächten führen muh, eine derartige Frage zu beantworten: Ich glaube, man kann von uns nicht verlangen, dah wir uns f e st l e g e n oder gegenwärtig zu sehr ins Einzelne gehen. Die Versicherung, die wir in vollkommener Aufrichtigkeit geben, ist, dah wir eine wirksame internationale Kontrolle haben wollen, die nicht günstiger für uns ist als für andere Mächte. Lloyd George fügte hinzu: Ich brauche kaum darauf 'hinzuweifen, dah, verglichen mit all den anderen Mächten in der Welt, unsere Haltung gegenüber Ruh land ar ne wohlwollende ist.

Das englisch-russische Abkommen.

London, 10. Oft. (WTB.) Urquhart, der von Pressevertretern über die W e i g e r u n g d e ' ©oroictregicrung, das zwischen ihm und Krassin geschlossene Abkommen zu unter­zeichnen, befragt wurde, erklärte, es handle sich nicht um einen endgültigen Bruch. Denn das Ablommen nicht ratifiziert worden sei, lo liege biji lediglich an Erwägungen auhenpoli- tisch^r Art. Anscheinend fei die Weigerung der Soa-jeti.-egierung darauf zurückzusühren. das! sie die Al--sicht habe, die englische Regierung zu ihrer offiziellen Anerkennung zu veranlassen oder auch um durchzu sehen, dah russische Vertreter zu dec bevorstehenden Konferenz über die Meerengen zugelassen würden. Wenn diese Punkte, die nichts mit dem Abkommen zu tun hätten, geregelt seien, so würde kein Hindernis ntehr für Die Ratifizie­rung des Abkommens bestehen.

Italienisch-griechische Einigung in Dodekanes.

Athen, 11. Okt. (WTB.) Das italie­nische Kommunique über die Ankündigung einer italienisch-griechischen Eini- gungirnDodekaneS wird von der Presse sehr ungünstig besprochen. Die Blätter aller Richtungen betonen, dah Italien irn Dodeka­nes eine Macht darstelle, die der Bevölkerung das Recht der Selbstbestimmung nehmen wolle.

Die Wahlen in Griechenland.

Athen, 11. Okt. <WTD.) Vach einem Beschluß des MinistcrrateS werden die Wah - I e n erst nach der Regelung der nationalen Fragen staftfinden.

Vcniselos.

London, 10. Oft (WTB.) D,e grie­chische Gesandtschaft in London teilt mit, Beniselo 6 habe sich, nachdem die griechi­sche Regierung seinen Standpunkt zu dem ihren gemacht hätte, bereit erklärt, Griechen­land in den westlichen Hauptstädten zu vcr- tteten.

Die Arbeitslosigkeit in der Schwerz.

Bem, 11. Okt. (WTB.) Der Vattonal- rat bewilligte einen Kredit von 50 Mil­lionen Franken zur Llnterstützung der Arbeitslosen.

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Der Prozeß Rsthenau.

Leipzig, 10 Oft. (Wolff.) Im Rathe- nau-Prozeh sagte der Kraftwagenfübrer Alber: B u h n a aus Freiberg, der bei dem Vater Küchenmeisters angestellt war, er sollte im Auf­trage Johann Küchenmeisters ohne Hinzuziehung von dessen eigenem Chauffeur ihn und einen jungen Freund fahren. Vorsitzender: War das Techow? Zeuge: Vein! Ich hörte Techow zu Küchenmeister sagen: Da wird die vordere Rüm­mer verhängt und die Hintere auch oder sie wird abgeschraubt Als Techow mich bemerkte sagte er zu mir: Vicht wahr, so macht man das. wenn man ein Auto stiehlt! Ich erwiderte: Weih nicht, ich habe noch keins gestohlen! Später in Dresden hörte ich. baft Brandt davon sprach, dah Aum nächsten Waffenlager gefahren werden sollte. An­geklagter Techrw: Auf die erste Äußerung kann ich mich nicht besinnen. Wenn ich sie getan habe, sollte sie sich auf das besetzte Gebiet beziehen. Eine andere Aeußerung kann ich schwerlich ge­macht haben. Vorsitzender: Zeuge, sind Sie ganz sicher, dah von einer Waffenhandlung gesprochen wurde? Zeuge: Jawohl!

Im Fortgang des Prozesses sagte als 3cage ein Mitglied des .Bundes der Aufrechten", der Gymnasiast Etubenrauch fcv be chuldigt wird, einen eigenen Mordplan ausgearbeitet zu haben, aus, er habe mit Günther nur theoretisch über die Erschießung Rathenaus gesprochen, die nur als äußerstes Mittel in Bettacht kommen sollte. Er habe in diesem Zusammenhang gesagt, der Täter mühte den Minister Auge in Auge erschießen und dann sich selbst. Günther habe von der Wohnung des Kommerzienrats Mamroth als Tatort gesprochen Der Zeuge sagt weiter aus, er habe Günther schrifllich um Hilfe der Organisation C zur Ausführung seines eigenen Mordplanes gebeten, doch habe er sich auf diese Weise nur einen Revolver verschaffen wollen. Bei einer ilnterrebung sei fern Plan von den I Mitgliedern der Organisation C, Kern und Fischer,

deren Vamen er damals nicht gekannt habe, ver- worsen worden. Die Vereidigung Stulumrauchs wegen Verdachts der Teilnahme wurde ausgesetzt

3m weiteren Verlaus deS Rathenauprozesses sagt die Zeugin Dürkel aus, Diestel habe au_> Angst, ermordet zu werden, nach Deknirntwerden der Tat nicht anzeigen wollen, dah er den mut mählichen Mördern Unterhinft gewährt hab- '

Es folgen die Vernehmungen über di Mit­wisserschaft am Mordplan und an dem Dm bleib der Koffer der Täter. Angeklagter 31 f c- mann gibt zu, dah er einen Koffer beiseite bringen wollte, da er die Täterschaft Kerns geahnt habe, nachdem er die Zeiwngsineldungen über die Mordtat gelesen. Im Fall Tillessen wird der Zeuge Drüdigam aus Frankfurt a. M vernommen. Er sagt aus, dah er keiner poli­tischen Partei angehöre. Vorher sei er Mitglied der S. P. D. gewesen. Aus die Frage des Vor­sitzenden:Was wollten Sie denn bei Tilles­sen?" antwortete der Zeuge: Ich wollte ihn kennen lernen. Gr fragte mich, ob ich zuverlässig sei, als ich dies bejahte, sagte er, bann wolle er offen sein. Es handele sich um die Organi­sation C. Er erklärte, man könne die Verhält­nisse nur bessern, wenn die Arbeiterschaft provo­ziert würde. Dann ging er zum Schreibtisch, holte das Bild seines Bruders und sagte: Das i t mein Brüderchen. Er hat das erste Schwein ge­killt. Darauf machte er mir das Angebot, als Spitzel tätig zu sein Dieses Angebot nahm iJ> an Warum, wird sich später zeigen. Um 11 Uhr war die Unterredung beertbet. Um 2 Uhr fuhr ich nach München. Ich erhielt 2000 Mk., wovon ich einen Teil meiner Frau gab. In München suchte ich den Kapitänleutnant Hoffmann auf. der sagte: Wenn Tillessen Sie schickt, wissen Sie ja, warum es sich handelt. Ihre Sätigteü würde Larin bestehen, die Arbeiterschaft zu provozieren. Vor auf diesem Wege ist ein Umsturz herbei zuführen. Die Arbeiterschaft würbe gereut werden, wenn Scheidemann, Rathenau, Verlach (anbcrc (Kamen sind mir nicht im Gedächtnis) ermorde? würben. Ich sollte vor allem Tillessen persönlich zur Verfügung stehen. Vorsitzender: Gaben Sie sich den Anschein, mit der Ermordung Rathe­naus einverstanden zu fein? Ich hörte nur zu, erklärte darauf der Zeuge. Solche Dinge hatte ich nicht erwartet. Ich bekam dann zwei- oder dreitausend Mark und fuhr nach Frankfurt a. M. zurück. Dort ging ich zur Redaktion der D " lksst > mme" und rra gte, to a zu tun fei Wir begaben uns daraus zum Polizeipräsidenten Erler, der erflärte, nichts tun zu können. Ich sollte versuchen, mehr zu er­fahren. Damit begann meine Spihelrolle. Ich übernahm sie weil mir der Polizeipräsident und die Redakteure moralische Deckung versprachen Ich ging darauf zu Tillessen, der mich mit einem nm unbekannten Begleiter nach Verl,.' schickte. Dieser brachte mich dort in einem Lokal mit einem dritten Mann zusammen, der "mir vertraute. Daraus muhte ich entnehmen, dah er wühle, ich sei in Tillessens Diensten Da ich angab, mit den Kasseler Verhältnissen vertraut zu sein, fuhr der Unbekannte mit mir nach Kassel. Ich gewann den rein persönlichen Ellv druck, dah irgend etwas passieren könne und müsse.

Der Verteidiger Lütgebruns gibt die Er­klärung ab, dah der Angeklagte Tillessen be­sonderen Wert darauf legt, dem Zeugen Brü- bigam alsbald gegenübergestellt zu werden Das, was Brüdigam bis jetzt bekundet habe, wider­spreche von A bis Z der Wahrheit

Zeuge Drüdigam: QKeine Angaben sind voll­kommen wahrheitsgemäh und enthalten nicht ein­mal alles das, was Tillessen gesagt hat Ich nehme sie jederzeit auf meinen Eid.

Ilm 2'/2 Ülhr wirb bic Siyung auf Mittwoch vertagt.

D?e neuen 23efoIbungsDor!agen.

Berlin. 10. Oft (WTB.) In einer Ka - binettSsihung wurde die vom Reichsfinanz­ministerium ausgearbeitete Besoldungs- Vorlage beraten und angenommen. In der Vorlage sind die bisherigen Teuerungszu­lagen in Grundgehälter und OrtsAuschläge ein­gebaut. Die Ortszuschläge wurden mit Rua- sicht auf das inzwischen in Kraft getretene Reichs- Mietengesetz und als Ersatz für die bisherigen widerruflichen Wirtfchaftsbeihllfen entsprech-md erhöht. Dem wiederholten Wunsch? des Reichstags nach vermehrter Berücksichtigung ter sozialen Desoldungsbestandteile gemäß sind die Kinderzuschläge stärker erhöht worden als die Grundgehälter. Außerdem ist für die ver­heirateten Deamten die Gewährung eines um 3 Prozent höheren Teuerungszuschlags vom Grundgehalt und Ortszuschlag in Aussicht ge­nommen worden. Die Kinderzuschläge bleiben nach wie vor für alle Beamten gruppen gleichmäßig hoch. Für die Pensionäre sind die ent­sprechenden Folgerungen gezogen worden. Das gesetzliche Witwengeld soll von </10 auf des Ruhegehaltes des Mannes erhöht werden. Da­zu sollen die Witwen zukünftig nur den allge­meinen Teuerungszufchlag zu ihrem Witwengeld erhalten. Die Vorlage geht noch heute dem Reichs­rat zu und soll dem Reichstag bei feinem Zu- farnmentreten am 17. Oktober bereite vorliegen.

Der Jahrestag der Annexion Tiidtirols

Innsbruck, 10. Oft. (WTB.) Anläßlich des Jahrestages der Annexion Südtirols veran­staltete der ..Andreas-Hofer-Dund" unter allge­meiner Beteiligung der Bevölkerung eine Pro­testkundgebung. Die Häuser waren schwarz beflaggt und Die Geschäfte vo